Rojava Report

rev.aufbau

Rojava

Report

Einführung und Erläuterungen zum

revolutionären Krieg in Rojava

Interviews mit kämpfenden

InternationalistInnen

Interviews mit revolutionären

Organisationen


Inhalt

4

Einleitung

32 Karker: Antifaschistsicher

Kämpfer aus Deutschland

10

41 Nanuk: Berichte

von der Front

Bericht zur

aktuellen Lage

Einführung

InternationalistInnen

4 Einleitung

6 Militärische Geschichte Rojavas

8 Begriffsregister

10 Zur Situation in der Türkei

19 Karten

22 Kenan

29 Internationalist I

32 Karker

35 Internationalist II

41 Nanuk

43 Internationalist III

48 Mahid Eahir

Herausgeber: Revolutionärer Aufbau Schweiz

Weitere Infos: www.aufbau.org

Kontakt: info@aufbau.org

51 Moah & Rohat

54 Lions of Rojava

59 Internationalistin


68

Interview mit

einer Kommandantin

der MLKP

125-129

Berichte aus dem

Alltag

94

Barbara von der

TKP/ML

Revolutionäre

Organisationen

68 Kommandantin MLKP

76 TKP/ML-TIKKO

82 BÖG

86 SYPG

91 Ellas (MLKP)

94 Barbara (TKP/ML)

99 Freiheitsbataillon

101 Kommandant Sengal (MLKP)

105 Die Rolle der Gefallenen

108 Frauenteam (MLKP)

112 Kämpferin MLKP

114 Kämpferin BÖG

118 Kommandantin TIKKO

Kämpfender

Alltag

125 Militanter I (PKK)

126 Mehrmet (TKP/ML)

127 Militanter II (MLKP)

128 Militanter III (MLKP)

129 Militanter IV (SYKP)

130 Bataillone des International Freedom

Battalion


Einleitung

„Biji berxwedane Kobanê! Es lebe der Widerstand in

Kobanê!“ - Dieser Ruf steht nicht nur für die wichtige

Verteidigung Kobanês vor den Schlächtern des IS

im Frühjahr 2014, er steht auch für das Umschlagen

eines regionalen Kampfes in ein globales Projekt. Der

Übergang von der Verteidigung in den Angriff, der

Aufbau einer neuen Gesellschaft auf den Ruinen des

syrischen Krieges und in direkter Konfrontation mit den

barbarischen Auswüchsen des Imperialismus – überall

auf der Welt ist das Projekt Rojava seither zu einem

wichtigen Bezugspunkt linker Politik geworden.

Revolutionärer Internationalismus besteht immer aus

zwei Teilen. Der eine ist die praktische Unterstützung der

kämpfenden GenossInnen und findet seinen Ausdruck

in Demos, Geldsammlungen sowie an der Front und

im Aufbau des Internationalen Freiheitsbattallions. Der

andere Teil besteht darin, Erfahrungen, die an anderen

Orten gemacht werden für den hiesigen Prozess nutzbar

zu machen. Keine Frage, unsere Kampfbedingungen

in Westeuropa unterscheiden sich grundsätzlich von

jenen in Nordsyrien. Dennoch sind wir überzeugt, als

europäische RevolutionärInnen viel von Rojava lernen

zu können.

Auf ihre spezifische historische Situation findet die

kurdische Bewegung ihre spezifischen Antworten.

Aus unserer Realität hier können wir diese Antworten

weder einfach kopieren noch aus dem Nichts bewerten.

Hingegen können und müssen wir versuchen zu lernen,

wie methodisch zu diesen Antworten gefunden werden

kann. Während mehreren Aufenthalten in Rojava und

benachbarten Gebieten konnten wir einen Blick auf den

methodischen Umgang des Projektes mit Widersprüchen

und Ungleichzeitigkeiten, auf das Verhältnis von

Verteidigung und Angriff, genauso wie auf jenes von

Taktik und Strategie, erhaschen.

Internationalen Freiheitsbataillon nahestehen. Unter

anderem hat sich kurz vor dem Abschluss dieses

Buches ein anarchistisches Bataillon gegründet, dessen

Gründungserklärung wir gerne abdrucken wollen. Auf

dass diese unterschiedlichen Blicke unsere eigenen

Augen und Waffen schärfen.

Wer in diesen Fenstern die Stimme der kurdischen

Kampforganisationen vermisst, insbesondere diejenige

der YPG, hat freilich recht. Wie in fast allen Interviews

betont wird, möchten auch wir hier nochmals

bekräftigen können, sind sie es, von deren militärischer

und politischer Führung wir letztlich lernen müssen.

Sie führen und leiten den Kampf in Rojava an und

sie sind verantwortlich für den Wiederaufbau. Einzig

den Erfahrungen des kurdischen Befreiungskampfes

und den hierbei Gefallenen ist es zu verdanken, dass

in Rojava überhaupt Siege errungen werden konnten.

Wenn im vorliegenden Buch ihre Stimme vermisst

wird, dann hängt dies einzig damit zusammen, dass wir

hier eine andere Erfahrung wiedergeben möchten: Die

Erfahrung des gelebten Internationalismus und dessen

Möglichkeiten im Kampf um die Befreiung weltweit.

Die HerausgeberInnen

Gewidmet allen Gefallenen der Kriege und bewaffneten

Kämpfe um eine Zukunft frei von Ausbeutung und

Unterdrückung.

Es ist dieser Blick, den wir mittels dieses Buches mit

anderen InternationalistInnen teilen wollen. Teilen,

indem wir ein Fenster öffnen, das ermöglicht durch die

Augen der Beteiligten auf den Prozess in Rojava zu

blicken.

Eine solche Perspektive versuchen wir erstens über die

Stimme der InternationalistInnen herzustellen, die sich

temporär der Revolution in Rojava angeschlossen haben.

Zweitens präsentieren wir eine Auswahl von Interviews

mit VertrerterInnen verschiedener revolutionärer

Organisationen. Drittens existieren alltägliche

Erfahrungen, die wir kurz wiedergeben möchten. Auf

den letzten beiden Seiten werfen wir zudem einen

kurzen Einblick auf verschiedene Bataillone, die dem

4


Militärische Geschichte Rojavas

März 2011

Volksaufstände in allen größeren syrischen Städten.

Auch KurdInnen demonstrieren en masse gegen das

Regime.

2011 - 2012

Eine Handvoll kurdischer und arabischer

Jugendlicher gründen die YXG, „Volks-

Selbstverteidigungs-Einheiten“. Wenig später

benennen sie sich um in YPG.

19. Juli 2012

Die YPG umstellen Regierungsgebäude und

Militärbaracken in Kobanê. Nach Verhandlungen

ziehen die Regime-Truppen kampflos ab.

Sommer und Herbst 2012

Weitere Städte folgen dem Beispiel Kobanês,

darunter Amûdê, Derbesiye, Serêkaniyê,

Tirbespiyê, Girkê Legê, Dêrik und Efrîn. In Aleppo

übernehmen YPG und YPJ die Kontrolle über die

Stadtteile Şêx Meqsûd und Eşrefiye. Vor 2011 im

Untergrund agierende Gruppen wie PYD und die

Kurdische Frauenbewegung beginnen mit dem

Aufbau provisorischer Volksräte zur Verwaltung der

nun autonomen Gebiete.

November 2012

Jabhat an-Nusra fallen in Serêkaniyê ein.

Frühjahr 2013

Rojava ist Ziel verschiedener islamistischer Gruppen

geworden, deren Angriffe die YPG nur mühsam

abwehren können. Die Kommune von Aleppo

wird Ziel von schweren Bombardierungen sowohl

vonseiten des Regimes als auch oppositioneller

Gruppen, woraufhin ein Großteil der dort lebenden

Bevölkerung nach Efrîn evakuiert wird.

Juli 2013

Nach schweren Kämpfen erobern YPG und YPJ

Serêkaniyê entgegen aller Erwartungen zurück.

Es ist der erste wichtige militärische Erfolg gegen

einen kräftemäßig weit überlegenen Gegner.

Oktober 2013

YPG und YPJ erobern Til Koçer von Daesh zurück.

Januar 2014

Die drei Kantone Efrîn, Kobanê und Cizîre

erklären nacheinander ihre Autonomie gemäß einer

gemeinsamen Verfassung.

Frühjahr 2014

Die Türkei beginnt mit dem Bau einer Mauer

entlang der Grenze nach Syrien/Rojava.

Juli 2014

Daesh beginnt eine Offensive gegen Kobanê, wird

aber zurückgeschlagen.

August 2014

Am 2. August überfällt Daesh Şengal. Tausende

EzidInnen werden ermordet, vergewaltigt und

versklavt. Hunderttausende flüchten in die Berge,

viele sterben auf dem Weg an den Entbehrungen.

Mit Unterstützung der HPG-Guerrilla erkämpfen

YPG und YPJ einen Korridor von Cizîre bis zum

Bergrücken und evakuieren die Geflüchteten nach

Rojava.

September 2014

Am 14. September greift Daesh Kobanê erneut an.

Innerhalb von drei Wochen überrennen sie hunderte

Dörfer und stehen schließlich vor der Stadt selbst.

7. Oktober 2014

Nach tagelangen Kämpfen um den Miştenûr-Hügel

nehmen Daesh-Truppen die Anhöhe ein und fallen

in die Stadt Kobanê ein.

Herbst 2014

Im Häuserkampf erobert Daesh nach und nach über

die Hälfte des Stadtgebiets. Als Kobanê trotzdem

nicht fällt, beginnt die Koalition unter Führung

der USA mit Luftschlägen zur Unterstützung der

VerteidigerInnen.

27. Januar 2015

YPG und YPJ haben die Stadt Kobanê wieder

vollständig eingenommen. Sie ist weitestgehend

zerstört. Die Rückeroberung der Dörfer beginnt.

Februar 2015

YPG und YPJ beginnen eine Offensive gegen Tel

Hemîs, Daeshs Brückenkopf in Cizîre. Sie erobern

Tel Hemîs und Tel Birak.

6


Daesh beginnt einen Gegenangriff im Westen

Cezîres. Sie erobern mehrere assyrische Dörfer

und rücken vor bis an den Xabûr und die Stadt

Til Temir. Nach mehreren Wochen werden sie

zurückgeschlagen.

Mai - Juli 2015

YPG und YPJ beginnen die Operation Şehîd Rûbar

Qamişlo. Sie nehmen die Kizwan-Berge und Teile

Hesekes ein, erobern Mabrûka und schließlich Girê

Spî. Damit sind Kobanê und Cizîre miteinander

verbunden und die gesamte türkisch-syrische

Grenze zwischen Euphrat und Tigris befindet sich

unter Kontrolle der YPG.

24. Juli 2015

Der türkische Präsident Erdoğan beginnt mit einer

neuen Operation gegen linke und pro-kurdische

Kräfte in der Türkei. Ein Dutzend kurdischer Städte

gehen zur offenen Rebellion gegen die Besatzung

über und rufen die Autonomie aus. Über das

nächste Jahr hinweg wird das türkische Regime

vergeblich versuchen, die Städte zurück zu erobern,

und sie schließlich mit Beschuss von Artillerie und

Luftwaffe weitgehend zerstören.

Oktober 2015

Das QSD-Militärbündnis wird gegründet.

November 2015

QSD nehmen Hol ein.

Die Stadt Şengal wird von YPG, HPG und YBŞ

eingenommen.

Dezember 2015

Eroberung des Tişrîn-Staudamms. QSD überqueren

den Euphrat westwärts.

Şehîd Fermandar Feysel Ebû Leyla die Belagerung

von Minbic.

August 2016

Nach wochenlangen Gefechten im Stadtgebiet

ist Minbic am 12. August vollständig von Daesh

befreit. Der Cerablus-Militärrat und der Bab-

Militärrat werden ins Leben gerufen.

Heseke wird von Regime-Truppen angegriffen, die

den Rückzug von QSD und Asayîş aus der Stadt

fordern. Erstmals bombardiert die Luftwaffe des

Regimes die Stadt. Die Kämpfe enden nach einer

Woche mit einem Rückzug aller Regime-Truppen

aus dem Stadtgebiet.

Der türkische Geheimdienst tötet den

Kommandanten des Cerablus-Militärrats. Zwei

Tage später, am 24. August, marschieren türkische

Truppen und mehrere islamistische Milizen in

Syrien ein und übernehmen Cerablus von Daesh.

Bald darauf greifen sie die QSD-Verbände im

Norden Minbics an.

Herbst 2016

QSD rücken von Efrîn und Minbic her auf Bab

vor. Truppen unter türkischer Führung nehmen das

Gebiet entlang der Grenze zwischen Cerablus und

Ezaz ein und beginnen ihrerseits den Angriff auf

Bab.

November 2016

QSD beginnen mit der Operation Xezeba Firatê

zum Sturm Reqas.

Dezember 2016

Das Regime besiegt die islamistischen Rebellen in

Aleppo und stellt ein Ultimatum an YPG, sich bis

Jahresende aus der Stadt zurückzuziehen.

Februar 2016

QSD nehmen Şedade ein.

April 2016

In Qamişlo brechen erneut Kämpfe zwischen

Regime-treuen und Rojava-treuen Milizen aus.

Erstmals bombardiert das Regime die Stadt mit

Artillerie. YPG nehmen das Aliya-Gefängnis ein.

Nach vier Tagen wird ein Waffenstillstand erklärt.

Mai-Juni 2016. Nach einem Scheinangriff der

QSD auf Reqa beginnt der Minbic-Militärrat, eine

Abteilung der QSD, im Rahmen der Operation

7


Begriffsregister

Asayîş

Miliz für innere Sicherheit in Rojava. Nicht zu

verwechseln mit den Asayîş in Südkurdistan, die

der dortigen Regierung unterstehen.

Asayîşa Jin

Frauenarm der Asayîş in Rojava

Baath (Baath-Regime, Baath-Partei, hizba Baas)

(ar.) „Wiedererweckung“. Arabisch-nationalistische

Ideologie, begründet in den 60ern. Der Irak wurde

bis 2003, Syrien bis zum Aufstand von 2011 von der

Baath-Partei regiert.

Bakûr (Küzey, Nordkurdistan)

Von der Türkei besetzte kurdische Gebiete.

Başûr (Südkurdistan)

Überwiegend kurdische Gebiete innerhalb des

irakischen Staatsgebiets, größtenteils Teil der

„Autonomen Region Kurdistan“ und kontrolliert

von PDK und YNK.

BÖG

Birleşik Özgürlük Güçleri (tr.), Vereinigte

Freiheitskräfte. Allianz linker türkischer Gruppen

in den YPG, Teil des IFB.

Daesh (IS, ISIS, ISIL, Daeş, IŞİD

ad-dawlah al-Islāmiyah fī ‚l-ʿerāq wa-sh-shām (ar.),

Islamischer Staat im Irak und der Levante. Das

arabische Akronym „Daesh“ wird derogativ von

GegnerInnen der Gruppe verwendet.

ENK-S (KNC)

Encûmena Niştîmanî ya Kurd li Sûriye (krm.),

Kurdischer Nationalrat in Syrien. Nationalistische

kurdische Partei, Ableger der PDK in Rojava.

HBDH

Halkların Birleşik Devrim Hareketi (tr.), Vereinte

Revolutionsbewegung der Völker. Bewaffnete

Allianz sozialistischer Gruppen in der Türkei und

Nordkurdistan, gegründet 2016.

HPG

Hêzên Parastina Gel (krm.),

Volksverteidigungskräfte. Bergguerilla in Nordund

Südkurdistan, bewaffneter Arm des KCK.

IFB

Internationales Freiheits-Bataillon. Militärische

Einheit von InternationalistInnen in den YPG, unter

dem Kommando der MLKP.

Jabhat an-Nusra (JN, An-Nusra-Front)

jabhat an-nusrah li-ahli ash-shām (ar.), Siegesfront

des Volkes der Levante. Islamistische bewaffnete

Gruppe in Syrien. Spaltete sich 2016 von al-Qaida

ab und benannte sich um in „Jabhat Fateh al-Sham“,

Front der Eroberung der Levante.

KCK

Koma Civakên Kurdistan (krm.), Gruppe der

Gemeinschaften Kurdistans. Dachverband

des demokratischen Konföderalismus. Größte

Teilorganisation ist die PKK.

Kongreya Star

(krm.), Star-Kongress. Autonome

Frauenorganisation Rojavas. Ehemals Yekîtiya Star.

Mala Gel

(krm.), Volkshaus. Gemeindehäuser für soziale

und politische Aktivitäten, wurden im Rahmen der

Rätebewegung in ganz Rojava aufgebaut.

MLKP

Marksist Leninist Komünist Parti (tr.), politische

Organisation, aktiv in der Türkei und Nordkurdistan,

seit 2012 auch in Rojava.

MLSPB

Marksist Leninist Silahlı Propaganda Birliği (tr.),

„Marxistisch-Leninistische bewaffnete Propaganda-

Einheit“. Türkische Gruppierung in der Tradition

von Dev-Genç und Mahir Çayan. Kämpft in Rojava

als Teil der YPG. Teil der BÖG und des IFB.

MSD (SDC)

medjlisa sūriyā al-dīmuqrāṭīya (ar.), Rat des

Demokratischen Syriens. Gegründet 2015 als

Allianz verschiedener syrischer Parteien und

Gruppen zur Lösung des Syrienkonfliktes durch ein

konföderales, dezentrales System.

PDK (KDP)

Partiya Demokrat a Kurdistanê (krm.). Partei des

Barzanî-Clans, stärkste Partei in Südkurdistan.

8


Politisch nationalistisch, neoliberal.

Pêşmerga (Peshmerga)

Armee Südkurdistans. Sammelbezeichnung für die

bewaffneten Arme von PDK und YNK.

PKK

Partiya Karkerên Kurdistan (krm.),

ArbeiterInnenpartei Kurdistan. Organisation des

KCK in Nordkurdistan, stärkste Partei des KCK.

PYD

Partiya Yekîtiya Demokrat (krm.), „Partei der

demokratischen Union“. Kurdische politische

Partei in Rojava, ihr Programm ist der Aufbau des

demokratischen Konföderalismus. Stärkste Partei

des TEV-DEM.

QSD (HSD, SDF)

quwwāt sūriyā al-dīmuqrāṭīya (ar.), Kräfte des

Demokratischen Syriens. Von den YPG geführte

Allianz arabischer und kurdischer Kampfverbände.

Militärischer Arm des MSD, Streitkräfte der

Föderation von Rojava und Nordsyrien.

Rojava (Westkurdistan)

Krm. „Westen“. Überwiegend kurdisch besiedelte

Gebiete innerhalb des syrischen Staatsgebiets.

Rojhilat (Ostkurdistan)

Von Iran besetzte kurdische Gebiete.

RPG (Bîsfîng)

Sowjetischer Raketenwerfer, vergleiche dt.

„Panzerfaust“.

SYPG

Saziya Yekîtî û Piştgiriya Gelan (krm.) „Einrichtung

der Einigkeit und Solidarität der Völker“. Zivile

Institution in Rojava.

Tabûr (Bataillon)

(ar.) - Standardabteilung der YPG mit im Schnitt 40

KämpferInnen. Die Begriffe Tabûr und Bataillon

werden in diesem Buch synonym verwendet.

Team (Tîm)

In den YPG eine Einheit von 4 oder 5 Leuten.

TEV-DEM

Tevgera Civaka Demokratîk (krm.), Bewegung der

demokratischen Gesellschaft. Politische Koalition

der Räterevolution in Rojava.

TİKKO

Türkiye İşci ve Köylü Kurtuluş Ordusu (tr.),

Befreiungsarmee der Arbeiter und Bauern der

Türkei. Bewaffneter Arm von TKP/ML. Teil des

IFB

TKP/ML

Türkiye Komünist Partisi/Marksist-Leninist (tr.).

Gegründet 1972.

YBŞ

Yekîneyên Berxwedana Şengal (krm.), Şengal-

Widerstandseinheiten.

YJA-Star

Yekîneyên Jinên Azad ên Star (krm.), Einheiten der

freien Frauen Star. Autonome Frauenorganisation

der HPG.

YJÊ (YPJ-Ş)

Yekinêyen Jinên Êzîdxan (krm.), Einheiten

der esidchanischen Frauen. Autonome

Frauenorganisation der YBŞ.

YNK (PUK)

Yekîtiya Nîştimanî ya Kurdistanê (krm.),

„Patriotische Union Kurdistans“. Partei des

Talabanî-Clans, teilt sich die Kontrolle über

Südkurdistan mit PDK. Politisch Mitte-links

YPG

Yekîneyên Parastina Gel (krm.),

„Volksverteidigungseinheiten“. Streitkräfte der

selbstverwalteten Gebiete Rojavas.

YPJ

Yekîneyên Parastina Jin (krm.),

„Frauenverteidigungseinheiten“. Autonome

Organisierung aller Frauen in den YPG.

YPS

Yekîneyên Parastina Sivîl (krm.), zivile

Verteidigungseinheiten. Milizen des bewaffneten

Widerstands gegen die türkische Besatzung in den

Städten Nordkurdistans.

YPS-Jin

Autonome Frauenorganisation der YPS.

9


Zur Situation in der Türkei

Transkription eines Vortrags im April 2016, der

sich der aktuellen Situation in der Türkei und

Bakur annimmt. Dabei werden einerseits der

Demokratische Kongress der Völker (Halklarin

Demokratik Kongresi – HDK) und die Demokratische

Partei der Völker (Halklarin Demokratik

Partisi – HDP) vorgestellt. Andererseits

geht es um ein neues Bündnis, ausgerufen

am 12. März 2016, von nicht legalen militanten

Parteien und Organisationen namens Revolutionäre

Einheitsbewegung der Völker (Halklarin

Birlesik Devrim Hareketi – HBDH).

In diesem Vortrag geht es um die aktuelle Situation

in der Türkei und Bakur. Einerseits geht es um den

Demokratischen Kongress der Völker (Halklarin

Demokratik Kongresi – HDK) und die Demokratische

Partei der Völker (Halklarin Demokratik Partisi –

HDP). Andererseits um ein neues Bündnis, ausgerufen

am 12. März 2016, von nicht legalen militanten

Parteien und Organisationen namens Revolutionäre

Einheitsbewegung der Völker (Halklarin Birleşik

Devrim Hareketi – HBDH).

Mein Name ist Ibrahim Ciçek, ich bin Journalist. Ich

habe in einer Chemiefabrik angefangen zu arbeiten,

wurde dann aber aufgrund eines Berichtes von einem

Geheimdienst-Mitarbeiter entlassen. Seitdem bin ich

politisch aktiv. Ich kann mein Leben in wenigen Sätzen

zusammenfassen. Ich war 1977 im Juni im Gefängnis,

ich war 1987 im Gefängnis, ich war 1996 im Gefängnis

und ich war 2006 nochmals im Gefängnis. Als ich im

Mai 2011 aus dem Gefängnis entlassen wurde, war ich

Kandidat als Abgeordneter in Istanbul. Ein Jahr später

wurde ich erneut inhaftiert und man hat ein Verfahren

wegen Neugründung einer Organisation eröffnet.

Anschliessend musste ich das Land verlassen.

Der Genosse, der zuvor gesprochen hat, gab einen

Überblick über die Türkei und Kurdistan. Er hat von der

Situation der Menschen im Widerstand erzählt. Wir werden

uns aus folgenden Gründen auch mit dem Widerstand

befassen: Wir alle kennen die Pariser Kommune, das

Proletariat, dass in Paris 1871 aufgestanden ist und 72

Tage lang eine Kommune in Paris geschaffen hat. In Sur

(Altstadt von Diyarbakır), Lice, Nusaybin, Idir, Cizre

und anderen Orten kämpfen die Menschen seit vielen

Jahren. Sie leisten Widerstand gegen eine Kraft, die

die zweitgrösste Armee der Nato darstellt und die über

eine Polizeimacht von 300‘000 PolizistInnen verfügt.

Sie leisten immer noch Widerstand. Sur ist nicht nur

irgendein Stadtteil von Diyarbakır, Sur ist das Zentrum,

die Altstadt von Diyarbakır, es ist der älteste Stadtteil in

Diyarbakır und hat eine lange Tradition. Die Menschen

in Sur kämpfen gegen die zweitgrösste Armee der Nato,

ohne Wasser, ohne Elektrizität, ohne Nahrungsmittel.

Sie leisten Widerstand und obwohl die Bedingungen

nicht unterschiedlicher sein könnten, leisten sie gegen

die türkisch-faschistische Diktatur Widerstand.

Ich bin hierhergekommen, um aus türkischer

und kurdischer Sicht den Rahmen des neuen

Zusammenschlusses der vereinten revolutionären Kräfte

aus der Sichtweise der MLKP und auch mit historischen

Beispielen zu erklären, warum dieser Zusammenschluss

entstanden ist. In der Geschichte der Türkei gibt es ein

wichtiges Datum, der 30. März 1972. An diesem Tag

hatten zehn Kader der THKP/C und Kader der THKO eine

gemeinsame Aktion gemacht. Das waren die Vorgänger-

Organisationen der heutigen DHKP-C. Mit dieser Aktion

wollte man die Anführer, Gefangene, revolutionäre

Gefangene aus den Gefängnissen befreien, indem man

englische Militäringenieure entführte. Das Wichtige

an der Geschichte ist Folgendes: Eine Organisation,

nämlich diejenige von Mahir Cayan, welche die

10


Vorgänger-Organisation der heutigen DHKP-C war,

wollte die Anführer einer anderen Organisation, Deniz

Gezmiş und seine Freunde, befreien und hat für diese

Aktion ihre ganzen Kräfte eingesetzt. Die Genossen

der Organisation, die für die andere Organisation alles

eingesetzt hat, wurden am 30. März 1972 alle ermordet.

Auch Deniz Gezmiş und seine beiden Genossen, Yusuf

Aslan und Hüseyn Inan, wurden am 6.Mai gehängt.

Diese Aktion war ein Höhepunkt der revolutionären

Solidarität. Anschliessend, zwischen 1975 und 1980, gab

es viele Aufsplitterungen bei den Organisationen, Zum

Schluss hatte man nur noch kleine Gruppen. Das war eine

lange Zeit, wo man die Fähigkeit sich zusammenzusetzen

und sich für ein gemeinsames Vorgehen einig zu werden

verloren hatte. Das war einer der Schwachpunkte der

revolutionären Bewegung, der beseitigt werden musste.

Als die MLKP sich 1994 aus vier Organisationen

zusammenschloss, hat sie aus ihrer damals

dreissigjährigen Geschichte Lehren gezogen. Sie hat

die Geschichte analysiert und danach diskutiert und

gestritten, wie man die Probleme lösen und wie man

die Situation ändern könnte. Die MLKP hat gesagt,

dass sie diese negative Tradition des Sich-Immer-Mehr-

Spaltens aufheben wolle und eine neue Renaissance

der Vereinigung, der Zusammenschlüsse, aufbauen

will. Das ging so weit, dass sie eine revolutionäre

Einheitspolitik aufgebaut hat. Man kann die Strategie so

beschreiben, dass die Einheit zwischen der Revolution

in der Türkei und in Kurdistan, mit der Einheit der

revolutionären Bewegung in Nordkurdistan beginnt. Das

Hauptaugenmerk ist jetzt darauf gerichtet, dass man in

der Türkei eine neue, weitere Einheit aufzubauen. Als

Beobachter kann ich sagen: Die MLKP versucht seit 22

Jahren, die zwei Fronten der Revolution so zu vereinen,

dass von jeder Seite, also von Istanbul als auch von

Diyarbakır aus, eine gemeinsame Vernetzung aufgebaut

wird, um die Regierung in Ankara in die Zange zu

nehmen.

Um an der vorherigen Rede anzuknüpfen, das was im

Juni 2015 mit den Parlamentswahlen in der Türkei

entstanden ist, war das Ergebnis dieser Strategie, die man

seit Jahren versucht hat aufzubauen. Um einige Beispiele

aus der fünfzehnjährigen Geschichte der MLKP zu

geben: In den ersten 7 Jahren wurde zum Beispiel eine

gemeinsame Front in den Gefängnissen aufgebaut. Es

gab eine gemeinsame Gefängnis-Koordination, die aus

8 Organisationen bestand und die bis zum Jahre 2001

funktionierte. Man hat in diesen Jahren versucht eine

gemeinsame Front aller revolutionären Organisationen

aufzubauen. Durch die Art und Weise wie verschiedene

Organisationen funktionierten, gelang das nicht.

Man hat versucht in den 2000er Jahren eine Front

von ArbeiterInnen zu bilden, Freiheits-, Arbeits- und

Friedens-Aktionseinheiten, aber dies hat sich nach ein

paar Jahren auch wieder aufgelöst.

Die Ziele wurden weiterverfolgt. Man hat sich durch

die negativen Ergebnisse nicht zurückdrängen lassen,

sondern im Juni 2011 gab es eine weitere Entwicklung

dieser Zusammenschlüsse. Zuvor gab es einen

parlamentaristischen Block für Arbeit und Frieden und

verschiedene weitere Blöcke. Das war Juni 2011 während

der Wahlen. Aber nach den Wahlen gab es Diskussionen

darüber, dass man aus verschiedenen Kräften eine grosse

Dachpartei aufbauen sollte. Diese wäre dann Teil einer

grösseren Organisation. Es gab einen Vorschlag von der

ESP (Ezilenlerin Sosyalist Partisi – Sozialistische Partei

der Unterdrückten; legale Partei die der MLKP nahesteht),

dass man eine Dachorganisation aufbaut, die nicht nur

aus Parteien besteht, sondern dass auch Einzelpersonen,

Frauengruppen, alle möglichen Gruppierungen, alle

möglichen Interessengemeinschaften sich darin finden

können. Ein Kongress der Völker wurde vorgeschlagen.

Ich selber war an diesem Aufbauprozess beteiligt

und im August, September, Oktober 2011 wurde

der demokratische Kongress der Völker aufgebaut.

Ich möchte ein paar Besonderheiten betonen. Eine

Besonderheit war, dass auch einzelne Personen

in diesem Prozess teilnehmen durften, nicht nur

Parteien. Teilnehmende Parteien dürfen insgesamt nur

60% ausmachen. Parteiorganisationen, Stiftungen,

Gewerkschaften hatten gleiche Rechte, es wurde

niemand bevorzugt. Es wurde auch beschlossen, dass

die Gleichhberechtigung von Frau und Mann zentral

war. Der Anteil beider Geschlechter wurde auf je 50%

festgelegt. Das war auch etwas Neues für die Region.

Die meisten Frauenorganisationen, Gruppen von

unterdrückten religiösen Minderheiten, verschiedene

ökologische Minderheiten, verschiedene mögliche

Organisationsformen haben sich dort wiedergefunden.

Folgendes wurde erreicht: Man hat Organisationen,

Parteien, Kräfte, die sich seit dreissig, vierzig Jahren

politisch bekämpft haben, dazu gebracht, dass sie

kontinuierlich zusammen arbeiten. Dass die kurdische

Bewegung da drin war, hatte einen sehr positiven

Ansatz. Sie hat moralisch das Ganze nochmals gestärkt.

In Europa gibt es keine Aleviten. In der Türkei leben sie

als eine religiöse unterdrückte Minderheit. Die Aleviten

nehmen als demokratische alevitische Bewegung

auch an diesem Prozess teil. Sowohl gesellschaftliche

Gruppierungen, aber auch politische Gruppierungen

haben diesen Kongress mitaufgebaut.

Und die HDP wurde vom Kongress der Völker im

Jahre 2013 gegründet und 2014 ist der Kongress dazu

übergegangen, die HDP aufzubauen, die Partei ist also

ein Ausdruck des Kongresses. Die Idee war, dass man

alle Beschlüsse basisdemokratisch von unten nach oben

beschliesst. Das war eigentlich auch der Vorläufer der

Juni Aufstände [gemeint sind die Gezipark-Proteste

2013, Anmr. d. Red.], bei dem auch Foren gegründet

worden waren.

11


Jetzt möchte ich auch auf den Zusammenschluss

der Revolutionären Einheitsbewegung der Völker

eingehen und darauf, aus welchen Gründen sie

sich zusammengeschlossen hat. Also von dieser

Revolutionären Einheitsbewegung der Völker

unterstützen ganz wenige den grossen Kongress

der Völker. Ein wichtiger Teil dieses revolutionären

Bündnisses sieht den Kongress der Völker als ein

reformistisches und auch als ein unnötiges Instrument.

Nur die MLKP und die PKK sehen den Kongress der

Völker als notwendig. Sie sehen beide Seiten nicht als

Konkurrenzprodukt an, sondern sie denken, dass sie sich

gegenseitig ergänzen.

Der Grund der organisatorischen Zusammenarbeit

dieses Bündnisses der revolutionären Kräfte entstand

durch den Kobanê-Widerstand und durch den Rojava-

Widerstand. Denn die Organisationen der HBDH

sind Organisationen, die dort zusammen kamen, die

dort zusammen gekämpft haben, sich zusammen

ausgetauscht und auch dieses Bündnis dort gegründet

haben. Nach den Parlamentswahlen im Juni 2015, also

nach dem ersten Wahlgang, hat ja die AKP-Herrschaft

eine Palastrevolution erlebt und die Situation hat sich um

ein Vielfaches verschärft. Die Lage hat sich so verschärft,

dass kleine Angriffe zu grossen Angriffen wurden. Selbst

die Föderation der sozialistischen Jugendverbände der

Türkei (Sosyalist Genclik Dernekleri Federasyonu

- SGDF), die am 20.Juli 2015 nach Rojava gehen

wollte, um sich an der Wiederaufbauarbeit in Kobanê

zu beteiligen, angegriffen wurde. In einem grossen

Massaker wurden 32 Jugendliche von ihnen ermordet.

Man wollte von Seiten der fortschrittlichen Kräfte

versuchen, zwischen dem Westen der Türkei, zwischen

Istanbul und Rojava, eine Brücke aufzubauen und diese

Brücke sollte verhindert werden. Erdogan und die AKP

versuchten also diesen Zusammenschluss zwischen

Istanbul und Rojava, diese Brücke, zu verhindern.

Die Lage hat sich aus folgendem Grund erhärtet. Die

KurdInnen wollen ihre Identität haben, ihre Rechte

haben. Der Staat hat bis zu einem bestimmten Punkt

so getan als wäre er dazu bereit, diese Zugeständnisse

zu machen. Aber nach den Wahlen hat der Staat

gesagt, jetzt wollen wir das nicht mehr, jetzt setzen

wir auf Krieg. Das Ergebnis des Ganzen war, der Staat

akzeptierte die KurdInnen nicht, ihre Sprache nicht, ihre

Identität nicht, ihre demokratischen Rechte nicht, ihre

Autonomiebestrebungen nicht. Was können wir machen,

wenn der Staat sich nicht mehr mit ihnen an einenmTisch

setzt? Das einzige, was wir machen können, ist uns

unsere Rechte selbst zu holen. Das war ihre einzige

Möglichkeit.

Das Ergebnis war, dass nach den Autonomieerklärungen in

Bakur, im Westen des Landes alle demokratischen Rechte

beseitigt oder sehr stark eingeschränkt worden sind. Die

12

Lage hat sich so drastisch verschärft, dass demokratische

Proteste auf der Strasse so erschwert worden sind, dass

der Raum der HDP und der HDK im Westen der Türkei

sehr stark eingeschränkt worden ist. Dadurch, dass die

Möglichkeiten für demokratische gemeinsame Kämpfe

eingeschränkt worden sind, musste man nach anderen

Mitteln suchen, um seinen Forderungen Nachdruck zu

verleihen und das war auf dieser Ebene natürlich auch die

Einheit der Revolutionären Kräfte (HBDH). Man konnte

nicht mehr nur mit legalen demokratischen öffentlichen

offiziellen Mitteln für seine Rechte eintreten. Denn durch

die extreme Gewaltbereitschaft, durch den extremen

Staatsterror, musste man die Rechte der ArbeiterInnen

und der breiten Bevölkerung durch revolutionäre

Aktionseinheiten und durch den revolutionären Weg

verteidigen. Das Erfordernis auf revolutionärer Ebene


gemeinsam auf der Strasse zu agieren und aber auch die

Möglichkeit, die man dadurch hatte, dass man durch die

Revolution in Rojava schon zusammen arbeitete, hat

die Notwendigkeit erhöht, dass man eine revolutionäre

Aktionseinheit bildet.

Und, wie man das ausgerufen hat, war auch sinnbildlich.

Es wurde am 12. März 2016 aufgerufen. Einerseits wurde

eine Presseerklärung in den Bergen von Kandil, mit

Fotos und so gemacht. Andererseits wurden im Stadtteil

Gazi in Istanbul, zum Jahrestag des Gazi-Aufstandes

1995, militante Strassenaktionen durch Milizen der

revolutionären gemeinsamen Kräfte durchgeführt.

Der Staat wendete mit Hilfe der Gerichte und der

verschiedenen Staatsapparate äusserste Gewalt an gegen

JournalistInnen, gegen die Frauenbewegung, gegen die

Jugendbewegung, Gewerkschaften, AkademikerInnen

und so weiter, gegen alle Formen von Kritik und

Bewegungen, die auch nur ein bisschen oppositionell

sind. Dagegen musste diese revolutionäre Aktionseinheit

einschreiten. Es ging um die Selbstverteidigung dieser

unterdrückten Minderheiten, also dieser unterdrückten

Massen. Diese müssen auf den Staatsterror antworten,

denn die unterdrückten Massen, die können nicht mehr

auf normalem Wege ihren Forderungen Ausdruck

verleihen, deswegen muss das durch revolutionäre

Aktionseinheiten gewährleistet sein und deswegen

wurde das so stark in den Vordergrund gedrängt.

Man erwartet, dass die Gruppen der HBDH sich

illegal organisieren. Auf Deutsch übersetzt würde man

sagen, sich im Untergrund organisieren. Wenn man

13


evolutionäre Aktionen durchführt, erwartet man auch,

dass die revolutionäre Guerillabewegung im Westen

des Landes durch die Stadtguerilla, durch revolutionäre

Kräfte, durch Milizkräfte sich in den Städten fortsetzen

wird. Wenn die revolutionäre Aktionseinheit erfolgreich

sein sollte, dann kann es sein, dass die Polizei nicht mehr

in die Stadtteile von Istanbul reingehen kann, oder dass

sich Guerillabewegungen in den ländlichen Gebieten der

Türkei und auch in der Nordtürkei bilden können. Es

scheint sich so zu organisieren, dass sich an der Spitze

der HBDH ein gemeinsamer Rat gebildet hat und dass

drunter sich Komitees gebildet haben, die zu bestimmten

Punkten arbeiten.

Diese Aktionseinheit besteht aus neun Organisationen.

Diese Organisationen haben keinen Massencharakter

oder eine starke Basis in den Städten. So eine Basis

existiert in den Städten nicht. Alle diese Organisationen

haben eine Strategie für einen bewaffneten Kampf oder für

eine Organisation im Untergrund. Die militärische Kraft

ist sehr unterschiedlich. Die PKK hat natürlich andere

Möglichkeiten als andere Organisationen. Die politischen

Kräfte sind unterschiedlich, die Herangehensweise zu

militärischen Fragen ist unterschiedlich. Dass es neun

Organisationen sind heisst nicht, dass sie alle gleich stark

sind oder gleiche Möglichkeiten haben. Ich kann das so

formulieren oder bewerten, dass wenn die Revolutionäre

Einheitsbewegung der Völker (HBDH) in Istanbul nur 10

– 15% Erfolg hat, dann wird das die ganze Türkei und das

ganze Gebiet sehr stark beeinflussen. Diese Bewegungen

haben ja eigentlich eine Basis in der Bevölkerung, bei

den Jugendlichen in den Stadtteilen, breite Schichten in

den Stadtteilen sind ja schon vorhanden, aber die Frage

ist, ob man in der Lage ist, solch eine breite Masse zu

organisieren, zu integrieren, auszubilden, auch in den

beiden Teilen des Landes, das ist eine organisatorische

Frage, die diese Bewegungen auch noch beantworten

müssen.

Die Frage ist nicht, was diese Bewegung in Kurdistan

macht, sondern was diese Bewegung in der Türkei macht.

Denn in Kurdistan besteht eine Guerilla, es besteht eine

Stadtguerilla, es ist alles organisiert, es besteht eine

revolutionäre Entwicklung. Die Frage ist, was diese

Bewegung in der Türkei schaffen wird und je nachdem,

ob sie in der Türkei Erfolg haben wird oder nicht, wird

sich das auf die gesamte Region auswirken. Wir als

RevolutionärInnen aus der Türkei, aus Mesopotamien

und Anatolien, sind in einer Situation, die wir noch

nicht erlebt haben und wir versuchen in dieser Situation

unseren Weg zu finden. Ich möchte meine Worte so

beenden: Die revolutionäre Entwicklung wird nicht so

sein wie in Lateinamerika oder wie in Kuba, sie wird auch

nicht so sein wie in China oder Sowjetrussland, sie wird

einen anderen Weg nehmen und wir müssen natürlich für

unsere revolutionäre Entwicklung unseren eigenen Weg

finden. Wenn wir es geschafft haben, wenn wir einen

Weg finden, wenn die Revolution stattfindet, dann wird

sich das wie ein Virus verbreiten und dieser Virus, dieses

Licht, diese Waffe, wird sich natürlich in andere Länder

verbreiten und zu einer grösseren Kraft werden und das

hoffen wir. Ich möchte zum Schluss Ivana Hoffmann

ehren, die auch als eine revolutionäre Kämpferin aus

Deutschland in Rojava gekämpft hat und diese Einheit

der revolutionären Bewegung mit geschaffen hat. Ab

jetzt können wir eure Fragen beantworten.

Was hat sich in den Quartieren von Istanbul in den

letzten Monaten entwickelt?

Die Slums in Istanbul, man nennt sie Varosch, sind die

Orte, wo die ganzen Konflikte, die ganzen Widersprüche

sich vereinen. Dort widerspiegelt sich die Ausbeutung,

dort widerspiegelt sich die Unterdrückung des kurdischen

Volkes, die Unterdrückung der religiösen Minderheiten

in extremster Form wieder. Das Besondere an diesen

Stadtteilen ist, dass dort revolutionäre Geschichte

geschrieben wurde. Seit 50 Jahren gab es dort Aufstände,

deshalb besteht dort eine bestimmte historische Erfahrung.

Als im Jahre 2013 die Gezi Aufstände waren, sind aus

dem Stadtteil Gazi mehr als 10‘000 Leute marschierend

zum Gezi Aufstand gegangen weil die Strassen, die Wege

blockiert waren. In einer kritischen Situation können

die Menschen aus diesen Stadtteilen auf die Strasse

gehen, um Autobahnen und wichtige Verkehrswege zu

blockieren. Natürlich sind auch die Hauptkräft, welche

die revolutionäre Aktionseinheit gebildet haben, auch

in diesen Stadtteilen. Diese Bewegungen versuchen

eine Strategie zu entwickeln. Eine Kampfstrategie zu

entwickeln, um die Jugendlichen, die aus den Slums,

aus den Stadtteilen kommen, aber auch studierende

Jugendliche für den Kampf zu gewinnen.

Zwei Dinge finden sich zusammen: die Kräfte, die man

aktivieren will, befinden sich in den Stadtteilen. Und

die Kräfte, die aktivierend wirken, befinden sich in den

selben Stadtteilen. Wenn man eine starke Milizenkraft

dort bilden könnte, wäre es so gut wie unmöglich, dass

der Staat diese Stadtteile kontrollieren könnte. Für den

Staat würde sich das als sehr, sehr schwierig erweisen,

besonders in Istanbul, weil Istanbul eine sehr, sehr grosse

Stadt ist. Es ist für den Staat schwierig so eine grosse

Stadt zu kontrollieren. Istanbul ist nicht vergleichbar

mit Ankara, Bursa, Izmir oder mit anderen Städten

in der Türkei. Man muss noch hinzufügen, dass die

Jugendlichen in den Stadtteilen mittlerweile auch eine

bestimmte Erfahrung mit den Aufständen gemacht hat.

Gibt es neben den bekannteren Formen des

bewaffneten Kampfes in den Stadtteilen und

Quartieren auch andere Formen der politischen

Arbeit? Hat es da eine Entwicklung gegeben, was

macht man?

Es gibt neue Aktionsformen. Die PKK wendet diese am

meisten an, zum Beispiel Angriffe auf Polizeistationen.

14


Man nennt das Attentate, gezielte Angriffe, auch gegen

Personen oder gegen Polizeikräfte. Aber die Angriffe

richten sich vor allem gegen staatliche Organe, gegen

Polizeikräfte. Populärer ist es nach Demos oder während

Kundgebungen, Demos, öffentlichen Veranstaltungen,

Barrikaden aufzubauen und eine Auseinandersetzung

mit der Polizei zu haben. Die Methode in den Stadtteilen

ist folgend: In jedem grossen Stadtteil gibt es eine

Hauptstrasse. Der Staat versucht diese Hauptstrasse zu

halten und mitten in dem Stadtteil baut er eine grosse

Polizeistation auf. Die Methode der revolutionären

Kräfte, das hat sich in den letzten Jahren so etabliert,

ist zuerst werden die Nebenstadtteile neben der grossen

Hauptstrasse gehalten und danach versucht man auf der

Hauptstrasse die Staatskräfte so zu trennen, dass man ein

bestimmtes Areal hat, wo man sich bewegen kann.

Das gestaltet sich so. Es sind Milizengruppen, Leute,

die tagsüber normal zur Arbeit gehen, ihre normalen

Dinge verrichten und abends als Milizen arbeiten. Und

es sind sowohl Frauen als auch Männer, bestehend aus

kleinen Gruppen, aus fünf Personen, sieben Personen,

acht Personen, also kleinere Gruppen, die diese

Arbeit verrichten. Wenn die revolutionären Kräfte die

Möglichkeiten hätten und es schaffen könnten, den Staat

zurückzudrängen und für sich selber dauerhaft ein Areal

zu schaffen, dann könnten sich die Milizenkräfte um ein

Vielfaches verstärken.

Wenn sie es schaffen können, dass sich die Milizen

dauerhaft in dieser Form organisieren können, dann

könnten sie die Situation in Istanbul beeinflussen

und Istanbul bedeutet, dass man die gesamte Türkei

beeinflusst. Mit Istanbul kann man die gesamte Türkei

beeinflussen. Der Staat versucht mit seiner äussersten

Aggressivität gegen normale Demonstrationen,

Kundgebungen, gegen AkademikerInnen, gegen

einfache Flugblätter, zu verhindern, dass sich so eine

Entwicklung ergeben könnte. Das ist weil es hier einen

grossen Ansatz für so eine Entwicklung gibt.

Also man kann das so umschreiben: In Kurdistan gibt

es eine revolutionäre Situation und in der Türkei kann

eine revolutionäre Situation entstehen. Es kann aus ganz

einfachen Situationen heraus ein Aufstand entstehen.

Die Bevölkerung möchte nicht mehr so regiert werden,

wie sie regiert wurde, und der Staat kann nicht mehr

so regieren, wie er regiert und deswegen ist so eine

Möglichkeit gegeben.

Wenn wir schon bei der revolutionären Vorsituation

sind, was mich interessieren würde ist kurz über den

Zeitpunkt zu reden, wo sich dieses revolutionäre

Bündnis formiert hat. Ihr habt es jetzt in einem

ersten Moment sehr stark so geschildert, dass das

auch eine Reaktion auf die kriegerische Politik des

Staates ist, aber ihr habt auch noch ein bisschen

angedeutet, dass es tatsächlich auch darum geht,

einen Schritt vorwärts zu machen. Darin spielt sicher

auch die Erfahrung in Rojava eine riesige Rolle. Vor

allem im Allgemeinen, dass es sicher eine Stärke

der türkisch-kurdischen Linke ist, dass man nicht

nur aufzeigt wogegen man ist, sondern auch wofür

man ist und eben versucht verschiedene Formen der

Gegenmacht aufzubauen, eine eigene Organisierung

und so weiter. Diese offene Deklaration ist schon auch

ein offensiver Schritt und nicht nur ein militärisch

notwendiger Schritt, um sich vor dem Angriff der

Erdogan Regierung zu schützen oder so?

Es geht nicht nur darum, die ArbeiterInnen, die

Werktätigen die Menschen auf der Strasse zu verteidigen,

dieser Schritt der Aktionseinheit der revolutionären Kräfte

wurde auch gemacht, um die faschistische Diktatur in

der Türkei zu stürzen. Es wurde auch ein Programm mit

der Erklärung veröffentlicht. Dieses Programm enthält

antikapitalistische Bestandteile, es enthält demokratische

Bestandteile, es enthält antiimperialistische Bestandteile,

es hat sehr viele verschiedene Bestandteile in diesem

Programm. Es ist kein sozialistisches Programm, aber

dieses Programm zielt darauf, die faschistische Diktatur

zu zerschlagen und auf dem Weg in die Freiheit zu gehen.

Das sieht folgendermassen aus. In Nordkurdistan haben

wir es geschafft, eine starke revolutionäre Einheit zu

schaffen und diese starke revolutionäre Einheit ist auch

sehr standhaft. Aber wenn wir es schaffen, im Westen

auch eine revolutionäre starke Aktionseinheit zu schaffen

und aufzubauen, dann ist der Weg offen für eine weitere

revolutionäre Entwicklung. Taktisch ist das natürlich ein

Verteidigungsschritt aber strategisch gesehen ist es ein

Angriffsschritt denn er zielt darauf, die Situation, die

Verhältnisse in der Türkei, in Kurdistan grundlegend

zu verändern. In Kurdistan herrscht ja der Status Quo,

also weder die Kräfte in Kandil noch die in kurdischen

Gebieten schaffen es, komplett den türkischen Staat in

Nordkurdistan zu besiegen, noch schafft es Ankara und

die türkischen Streitkräfte, die kurdische Bewegung zu

zerschlagen. Aber es ist ein Status Quo vorhanden. Wenn

wir es schaffen, eine revolutionäre zweite Front im

Westen der Türkei aufzubauen, dann würde sich dieser

Status Quo aufheben. Also wir versuchen die Situation,

diesen Stillstand seit 20, 30 Jahren zu durchbrechen

und diesen Weg für eine revolutionäre Entwicklung zu

öffnen.

Durch diese genannte Offensive könnte die

kurdische Diaspora im Westen der Türkei ins

Fadenkreuz der Konterrevolution geraten. Es

könnte ja sein, dass die kurdische Diaspora und

Andere, z.b. sprachliche oder religiöse Minderheiten

vielleicht nicht so organisiert sind um diese Angriffe

abzuwehren. Wie ist der Umgang mit dieser Situation?

Das ist eine organisatorische Frage, die Kräfte sind

vorhanden aber diese Kräfte müssen ja einen Weg

15


finden. In Kurdistan ist es so, dass diese Kräfte diesen

Weg und ein Mittel gefunden haben. Aber im Westen ist

es so, dass sich die Kräfte noch entwickeln müssen, sie

müssen noch voranschreiten um das zu gewährleisten.

Es ist so, während die Übergriffe in Kurdistan extrem

hart sind, ist es manchmal auch so, dass die Übergriffe

gegen KurdInnen im Westen der Türkei nicht so hart

sind. Man versucht, die KurdInnen in der Türkei auf die

Seite der Regierung zu kriegen und deswegen macht

man auch unterschiedliche Politik dazu. Der türkische

Staat hat auch eine bestimmte Tradition, die Kräfte,

die gegen ihn sind, zu zerschlagen oder zu zerteilen.

Revolutionäre kurdische, türkische, alle möglichen

Kräfte werden zerstreut und zersprengt. Man versucht

einen Keil zwischen sie zu treiben, um die Kräfte für

sich zu gewinnen und diese Bewegungen zu schwächen.

Diese Tradition hat der türkische Staat, das darf man nicht

übersehen. Die Politik einer gemeinsamen Aktionsfront

ist eine Politik, die gegen diese Politik des Staates der

Teilung und Zersplitterung gerichtet ist.

Also es gibt traditionalistische, konservative KurdInnen,

die die Stimme der AKP geben. Das Ziel ist diese

Stimmen der KurdInnen für uns zu gewinnen. Es gibt

zum Beispiel AlevitInnen, die staatstreu sind und der CHP

ihre Stimmen geben. Es geht darum, dass man versucht,

diese AlevitInnen für unseren Weg zu gewinnen. Der

Kampf wird auch in diesem Bereich noch fortgesetzt.

Um nochmals auf die Frage zurückzukommen, wir

können das schaffen, aber die Frage, wie man sich dazu

organisiert und welche Methoden man dazu findet, ist

noch nicht komplett geklärt.

Die moderne türkische Republik war nie besonders

demokratisch und ist ganz einfach ausgedrückt,

irgendwo was zwischen pseudodemokratisch,

bonapartistisch und faschistisch. Ich meine aber,

was wir in den letzten Jahren in der Türkei gesehen

haben, da zeigt sich dann doch nicht der reine oder

offene Faschismus. In den letzten Jahren nach Gezi

gab sehr grosse Massen- und Volksdynamiken. Ein

Beispiel: Anfang 2015 bis in den Sommer hinein,

gab es einen riesigen MetallarbeiterInnen und

AutomobilarbeiterInnen Streik, Hunderttausende

von ArbeiterInnen waren involviert gegen die

bestimmende Gewerkschaftsführung. Alles spontan,

nicht organisiert und sicherlich nicht organisiert von

der revolutionären Linken. Nach Gezi gab es auch

eine massive Welle an Frauenwiderstand. 2016 gab es

den Cerattepe-Widerstand, das war ein ökologischer

Volkswiderstand, an der Schwarzmeerküste. Die

organisierte Linke, auch revolutionäre Linke fehlte

oder sie schaffte es nicht diese Sorgen mitzutragen.

Ich meine der HDK, dieser Kongress hätte das

machen sollen, hat es aber nicht gemacht und ich

glaube nicht, dass da das Hauptproblem der türkische

Faschismus war, sondern ein Desinteresse der meisten

organisierten linken Kräfte. Das Problem, auf das

ich hinweisen möchte, ist, wenn man als organisierte

Linke, auch aus revolutionärer Perspektive in diesen

Massenaufständen, die weiterhin stattfinden, nicht

dabei ist, dann habe ich Zweifel daran, ob dann

andere Taktiken und Strategien zu der Revolution

führen.

Also die Frage, ob die revolutionäre organisierte

Bewegung in dieser Bewegungen drin war, ist

folgendermassen zu beantworten: Sie war in dem Gezi

Aufstand sehr stark vorhanden. Allein von der ESP

hatten 180 Leute ein Verfahren am Hals, davon laufen

noch heute 86 Verfahren, also ernsthafte Verfahren,

die längere Strafen ergeben könnten. Auch andere

Organisationen haben Verfahren am Hals, allein wegen

dem Gezi Aufstand.

Die linken Bewegungen kann man in zwei Kategorien

aufteilen, die eine isoliert sich von diesen sozialen

Bewegungen und erlebt eigentlich schrittweise ihren

eigenen Tod und ist weg von den Massen. Die zweite

Gruppe kann man die Gruppe nennen, die versucht die

Massen zu begreifen, sich in den Massen zu integrieren,

neue Möglichkeiten sucht. Diese Massen sind eigentlich

die Kräfte, die eine Entwicklung erleben. Ich möchte

keine Diskussion über die Faschismusdefinition

anfangen, über Bonapartismus oder Cäsarismus oder

sonst was anderes, das ist nicht mein Hauptanliegen, aber

wenn du in Kurdistan oder in den Gebieten die Leute

fragst, was ist Faschismus, die würden sagen, wenn das

nicht Faschismus ist, was ist dann Faschismus.

Es ging auch um die Frage, dass es wichtig ist im

Westen der Türkei, in Istanbul, in Ankara und so

weiter eine weitere Front zu eröffnen. Uns interessiert

natürlich auch die Frage, was wir hier (in der

Schweiz) tun können, um die Situation in der Türkei

zu unterstützen, um die kämpfenden Strukturen in

der Türkei zu unterstützen. Seien es diejenigen, die

sich im Rahmen von HBDH organisiert haben oder

seien es andere. Die Bedeutung der internationalen

Solidarität sah man stark bei Kobanê, sah man stark

bei Rojava, wo es immer wieder Aktionen gab, wo es

gelang dieses Thema in die Öffentlichkeit zu tragen

einerseits, und andererseits auch einen konkreten

Inhalt zu vermitteln, dass es da um ein revolutionäres

Projekt geht, mit dem man sich solidarisieren muss.

Darum machen wir auch diese Veranstaltung,

nicht nur, damit man zuhört und sagt „Ah, das ist

spannend“, sondern dass wir uns auch die Frage

stellen müssen hier, was bedeutet es, wenn in der

Türkei sich eine derartige Situation entwickelt. Wir

machen es uns mal einfach fragen euch: Was erwartet

ihr von uns hier?

Wir verlangen nicht viel von euch. Wenn ihr eine

Revolution in Europa macht, dann haben wir schon

16


alles geregelt. Wenn es keine Unterstützung von den

europäischen ImperialistInnen geben würde, dann würde

die Beseitigung des türkischen Faschismus viel leichter

voran gehen. Wenn die Nato, die USA und auch die

europäischen ImperialistInnen das nicht unterstützen

würden, dann würden wir es wirklich erledigen können.

Das war jetzt ein bisschen Spass dabei, aber es ist auch

wichtig, gegen den europäischen Imperialismus und die

Bourgeoisie den Kampf zu stärken. Die europäische

Bourgeoisie verbündet sich ja, verbrüdert sich ja mit

der türkischen Bourgeoisie. Genau so sagen wir zu den

Werktätigen zu den ArbeiterInnen in Europa, verbrüdert

euch mit euren Geschwistern in den anderen Ländern

und führt den gemeinsamen Kampf gegen diese Kräfte

genau so wie sie gegen euch kämpfen.

Ich weiss, das ist sehr verallgemeint, was ich sage. Das

was ihr tun müsst, ist auch das Licht, das durch die

Rojava Revolution erschaffen worden ist, nach Europa

zu tragen und den Kampf auch in Europa fortzusetzen.

Vielleicht müssen wir noch mehr diskutieren und noch

mehr unsere Erfahrungen austauschen. Aber im Hinblick

auf die Solidarität glaube ich an eure Fähigkeiten, an eure

Motivation, eure Ziele. Wir müssen unsere Erfahrungen

weiter austauschen. Danke, dass ihr uns an diesem kalten

Tag die Möglichkeit gegeben habt zu reden und wir

wünschen euch allen Erfolg und wir danken auch den

Leuten, die bereit waren so lange zuzuhören.

Zur Aussprache

Zur Vereinheitlichung der Orts- und Eigennamen

haben wir weitestgehend die kurdisch-lateinischen

Schreibweisen benutzt. Die Buchstaben, die im

Deutschen nicht vorkommen, oder abweichend

ausgesprochen werden, sind folgende:

C, c

dsch wie in „Dschungel“

Ç, ç

tsch wie in „Tschechien“

E, e

Kurzes, stimmloses a oder e; wie das ä in „älter“

Ê, ê

Langes e wie in „Emu“

I, i

Kurzes, stimmloses i wie in „Insel“

Î, î

Langes i wie in „Igel“

J, j

Weiches sch, wie das j in „Jaqueline“

Q, q

Aus der tiefen Kehle gesprochenes k, vgl.

arab. ق R, r

Gerolltes r

Ş, ş

sch wie in „Schnee“

U, u

Kurzes, stimmloses u wie in „Unterwelt“

Û, û

Langes u wie in „Urlaub“

V, v

w wie in „Wolke“

W, w

Wie das w in dem Ausruf „Wow“

X, x

ch wie in Bach

Y, y

j wie in Joghurt

Z, z

Weiches s wie in „Sonne“

17


Karten Syrien und Frontverlauf

Der Frontverlauf ändert sich in Syrien fast täglich. Entsprechend schwierig sind politische Karten zu finden,

welche die Realität abbilden. Zur besseren Orientierung drucken wir deshalb eine allgemeine Karte von

Syrien und zwei politische Vergleichskarten ab, die den Frontverlauf in Nordsyrien zwischen Dezember

2015 und März 2016 beziehungsweise zwischen Dezember 2014 und Februar 2017 zeigen. Eine Sammlung

von mehr oder weniger hilfreichen Karten zum Kriegsverlauf gibt es auf: http://www.lib.utexas.edu/maps/

syria.html.

18


19


INTERNATIONALISTINNEN

Rojava ist nicht nur

Bezugspunkt für die

revolutionäre Linke

geworden, sondern ist

auch ein Ort des gelebten

Internationalismus. Etliche

Freiwillige sammeln

hier militärische und

politische Erfahrungen

und unterstützen die

Befreiungskräfte.

Die Beweggründe,

Erfahrungen und erste

Reflexionen verschiedener

KämpferInnen wollen

wir im Folgenden näher

beleuchten.

20


Kenan

«Ich glaube es war wichtig, dass sowohl

Genossin Ivana, ich, als auch andere Leute

damals als Erste gesagt haben, wir werden jetzt

den Schritt machen und einfach mal vor Ort

hingehen. Nicht nur irgendwie als Delegierte,

sondern tatsächlich um am Kampf dran

teilzunehmen. Um Erfahrungen zu sammeln,

die man überhaupt transportieren kann. »

Kannst du dich kurz vorstellen, wer du bist und

was deine politische Geschichte ist?

Ich bin Kenan. 2007 habe ich angefangen politisch

aktiv zu werden. Damals war ich in Deutschland in

der Bildungsstreik-Bewegung aktiv. Das war eine Zeit,

als in vielen Städten Jugendliche angefangen haben,

sich zu politisieren. Das heisst konkret sich mit Politik

auseinanderzusetzen und dabei auch angefangen haben,

ihre ersten Erfahrungen in Organisierungsprozessen zu

sammeln. Ich war ebenfalls einer dieser Menschen.

Vorher hatte ich überhaupt keinen Bezug dazu, weder

über Verwandte noch über Bekannte. Ich habe auch

angefangen mich antifaschistisch zu organisieren und

ich bin nach einiger Zeit in Kontakt zu Leuten der MLKP

gekommen, die hier in Deutschland gearbeitet haben und

noch immer arbeiten. Ich habe aufgrund der Schwäche der

revolutionären Bewegung in Deutschland, von grösseren

Strukturzusammenhängen und so weiter, in der MLKP

eine politische Heimat gefunden. Wohl aufgrund dessen,

dass ich damals nach etwas gesucht habe; Das heisst ich

habe eine Organisation gesucht, die eine Geschichte hat,

die schon Erfahrung hat, die mir auch in gewisser Weise

einen Weg zeigen kann und Erfahrungen mitgeben kann.

Das waren Dinge, die ich bei deutschen Organisationen

in meiner Umgebung nicht gefunden habe.

Deswegen ist ein Grossteil meiner politischen Laufbahn,

meiner politischen Sozialisierung über diese Organisation

und die Revolution in der Türkei und Kurdistan gelaufen.

Weswegen ich auch nach einiger Zeit die Entwicklungen

und die Kämpfe dort für mich genau so gespürt habe,

wie die revolutionäre Bewegung und die politischen

Kämpfe in Deutschland.

Dabei gab es bezüglich den verschiedenen Kämpfen

aber nie eine Abstufung für mich. Also es ging nicht

darum, dass dies hier meine politische Heimat wäre

und ich für die da drüben nur ein Solidaritätsempfinden

empfand. Ein solches Empfinden ist vielmehr aus dem

internationalistischen Verständnis heraus gewachsen:

Einfach aufgrund dessen, dass man Leute kennengelernt

hat, die im Todesfasten in der Türkei waren oder die in

der Türkei gefoltert worden sind. Das waren auch Leute,

die vieleicht in Deutschland aufgewachsen sind, deren

Eltern schon in der Türkei gekämpft haben und sich

dann auch entschlossen haben, rüber und in die illegale

Arbeit zu gehen oder sich der Guerilla anzuschliessen.

Deswegen war der revolutionäre Kampf in der Türkei

und Kurdistan für mich auf derselben Ebene, wie die

politischen Kämpfe hier in Deutschland. Als sich die

Ereignisse in Syrien überschlagen haben und als das

Projekt Rojava ins Leben gerufen worden ist, war da

auch vom ersten Tag an ein sehr starkes Interesse in mir.

Recht schnell hatte ich auch schon die ersten Gefühle

gehabt, dass dies etwas ist, wo ich gerne direkt dran

teilnehmen möchte. Da kamen in mir die Gedanken und

Fragen: Ist das etwas was ich direkt sehen möchte, was

also kann ich davon lernen, was geschieht da, in welche

Richtung geht das?

Denn irgendwie ist da ein Ansatz, bei dem man sagen

kann, in Rojava findet eine Revolution statt, die irgendwie

in den Sozialismus gehen könnte. Dann habe ich 2013

schon das erste Mal den Wunsch geäussert dorthin zu

gehen. Das war aber eine Zeit, als GenossInnen mit mir

diskutiert haben, die gesagt haben, dass das vielleicht

jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist, dass man

da später nochmal darüber diskutieren kann. Als dann

auch meine Freundin und Genossin Ivana gegangen ist,

war dann aber noch mal ein zweiter Punkt, bei dem ich

gesagt habe, ich will auch gehen.

Der allerletzte Moment, als ich dann auch gesagt habe,

22


jetzt hält mich erst Mal gar nichts mehr hier (ob mit

Hilfe, ob mit dem Segen oder nicht, werde ich dort

hingehen um zu kämpfen) war dann, als im September

und Oktober 2014 Kobanê belagert worden ist und wir

eigentlich im Minutentakt vor dem Rechner hingen und

versucht haben die neusten Informationen, den Stand

der Kämpfe zu erfahren. Es war eine Zeit, in der es

innerlich in mir gebrannt hat, wo ich nicht mehr ruhig

sitzen konnte hier, wo mir das Auf-Demonstrationen-

Gehen nicht mehr gereicht hat. Dann habe ich gesagt,

in spätestens zwei Wochen bin ich drüben. Irgend einen

Weg werde ich schon finden und ja, es hat dann auch

geklappt.

Im Oktober und November 2014 bin ich dann nach

Rojava gereist und habe mich dort dem MLKP-Bataillon

angeschlossen, das gerade neu aufgebaut worden war.

Schon ein, zwei Jahre vorher haben einzelne MLKP

KämpferInnen in den Reihen der YPG gekämpft und

zu dem Zeitpunkt wurde eine eigene Einheit aufgebaut,

ein eigenes Bataillon gegründet und auch die ersten

Vorbereitungen und Diskussionen zur Gründung des

internationalen Bataillons wurden damals gemacht.

Darin wurde ich dann auch direkt eingebunden.

Damals habe ich auch lange Zeit mit der Genossin Ivana

zusammen gekämpft und gelebt. Dann haben wir im

Juni das internationale Freiheitsbataillon gegründet,

was erst mal ein Zusammenschluss von bereits dort

kämpfenden revolutionären Organisationen aus der

Türkei war, woran aber eben auch einzelne Leute aus

anderen Ländern teilnahmen; zum Beispiel ich oder

andere Leute aus Deutschland. Zudem waren da ein

Genosse aus Griechenland, GenossInnen aus Spanien

usw., die alle dort die ersten Schritte des internationalen

Freiheitsbataillon mitgegangen sind. Das hat sich

mittlerweile auch recht stark ausgebreitet; das heisst

das Bataillon ist gewachsen, auch an internationaler

Beteiligung.

Ich bin jetzt seit einem halben Jahr wieder zurück in

Deutschland. Ich musste Rojava verlassen, weil ich

verletzt wurde, wäre aber aus eigenem Antrieb vielleicht

noch ungefähr ein halbes Jahr länger geblieben.

Es war von Anfang an mein Ziel mindestens ein Jahr

zu bleiben, um wirklich auch etwas sagen zu können

über die Erfahrung, die man dort macht. Das bedingt

über einen längeren Zeitraum die Möglichkeit zu

haben, verschiedene Seiten des Ganzen zu sehen, und

damit einen umfassenderen Einblick in die Sache zu

bekommen.

23


Kannst du genauer beschreiben, was für einen

Einblick du meinst?

Da wäre natürlich auch die Möglichkeit gewesen drei

Monate oder ein halbes Jahr dort zu bleiben. Aber wir

haben sehr schnell rausgefunden, dass es, wenn man

nur so einen kurzen Zeitraum bleibt, sehr vom Glück

abhängig ist, wie viel man dort miterleben kann. Es

gibt verständlicherweise auch Zeiträume, wo man lange

Zeit nicht im heissen Krieg ist und wo quasi eine Patt-

Situation vorherrscht. Es sind beispielsweise Situationen,

wenn aufgrund der Jahreszeit keine grossen Operationen

möglich sind oder wenn Kräfte gerade gesammelt und

Pläne gemacht werden für die nächsten Angriffe und

Operationen. Deswegen wollte ich ein Jahr bleiben und

das hat dann auch ziemlich geholfen.

Das bedingt aber auch, dass ich Zeiten mitgemacht habe,

wo die grosse Herausforderung darin lag, irgendwie die

Zeit totzukriegen. Das sind Zeiträume, in denen man

monatelang darauf gewartet hat, dass die Operationen

losgehen. Dann gab es aber auch Momente, als Schlag auf

Schlag die heisse Phase kam, wo wir innerhalb kürzester

Zeit in den Kampf um die Südgrenze Rojavas eingezogen

wurden. Dort kämpften wir um die Gebirgskette

Kizwanan (arab.Abdul Aziz). Ich habe auch im Kampf

um die Stadt Heseke mitgemacht. Dort existierte lange

Zeit eine dreifache Teilung der Stadt; das heisst es gab

ein Teil, der von den Assad Truppen besetzt war, ein Teil

Daesh und ein Teil, der schon von der YPG kontrolliert

wurde. Ein anderer Kampf war die Zusammenführung

der Kantone Cizîre und Kobanê, wo wir in den Kämpfen

um Girê Spî (ar. Tel Abyad) teilnehmen konnten. Das

waren dann auch die prägenden Erfahrungspunkte, die

ich dort erlebt habe.

Was würdest du sagen, hast du aus dieser

Erfahrung heraus gelernt?

Das habe ich schon so oft irgendwie versucht zu erzählen

und ich habe mir auch selber Gedanken darüber gemacht.

Aber immer wieder, wenn ich darüber gefragt werde,

finde ich es schwer, eine gute Antwort darauf zu finden.

Eine Sache, die ich aus dem ganzen Prozess Rojava

gelernt habe, ist, dass die revolutionäre Realität

oftmals nicht so abläuft, wie wir uns das vorstellen,

oder wie wir uns das aus theoretischen Analysen

heraus denken. Es ist doch so, dass das Leben

tagtäglich immer wieder konkrete Fragen stellt,

auf die man als Revolutionär und als revolutionäre

Bewegung Antworten finden muss. Oftmals kann

man dabei nicht mit fertigen Konzepten daran

arbeiten. Doch wenn man diese fertigen Konzepte

noch nicht hat, muss das nicht zwangsläufig bedeuten,

dass man sich zurückzieht um mögliche Konzepte zu

erschliessen. Es geht nicht darum ja keine Fehler zu

machen und dadurch letztendlich gar nichts machen

zu können, sondern darum, dass man immer wieder

ins kalte Wasser gehen und Dinge auch ausprobieren

muss.

Ich finde, dass die kurdischen GenossInnen bewiesen

haben, dass dies enorm wichtig ist um zu überleben

und um überhaupt eine revolutionäre Perspektive

im Chaos des weltweiten politischen Geschehens

aufbauen zu können. Die gleiche Erfahrung habe ich

mit den kommunistischen GenossInnen gemacht, die

aus der Türkei nach Rojava gegangen sind. Bevor

sie sagen konnten, was Rojava für ein Projekt ist, das

heisst ob das nun eine Revolution ist, wie man sie aus

dem marxistischen Lehrbuch kennt usw., wollten sie

die Sitation vor Ort erleben. Natürlich gibt es dabei

wichtige Fragen: Kann man das, was hier geschieht,

tatsächlich unterstützen? Wollen wir das unterstützen?

Inwiefern wollen wir das unterstützen? Machen wir eine

Solidaritätserklärung dazu oder schicken wir dutzende

GenossInnen hin, mit dem Bewusstsein, dass diese dort

auch sterben können und damit in der politischen Praxis

im eigenen Land dementsprechend fehlen werden? Doch

die GenossInnen sind den Schritt gegangen zu sagen, ok,

wir wissen noch nicht wohin das geht und dieser Prozess

ist in alle Richtungen offen, trotzdem werden wir uns,

mit allen möglichen Konsequenzen, daran beteiligen.

Das ist etwas, was auch mir die Motivation gegeben

hat zu sagen, ja ich werde das jetzt auch machen, ohne

schon vorher eine klare Antwort auf mögliche Fragen

zu haben. Aber natürlich stellen sich mir auch diese: Ist

es für mich als Revolutionär beispielsweise wichtiger

in Deutschland oder in Europa zu arbeiten, wo die

revolutionäre Bewegung in der Defensive ist und da

alle meine Kraft aufzuwenden? Wäre es nicht wichtiger,

gerade dort zu sein und zu kämpfen? Solche Fragen

konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht abschliessend klären,

aber bevor ich daraus eine Lähmung oder so erfahren

habe, habe ich gesagt, ok ich mache das jetzt und ich

kann im Nachhinein bewerten ob das richtig war oder

nicht. Ich werde nichts verlieren! Und gerade das ist

auch eine Erfahrung, die ich mitgenommen habe und

die ich versuchen werde in meiner revolutionären Arbeit

und in meinen politischen Perspektiven einzubauen.

Die Frage, die du am Schluss angegangen bist, ist

ja gar nicht so einfach zu beantworten. Denn der

Transport von den Erfahrungen in den Prozess hier

in Europa, wo die revolutionäre Seite tatsächlich

in der Defensive ist, obwohl oder gerade weil auch

wahrscheinlich die Verschärfung, die Polarisierung

sehr stark und sehr schnell zunimmt und die Rechte

eine andere Antwort bereit hat als wir von der linken

Seite, ist ja nicht ganz einfach. Wie kann dieser

Transport, diese Erfahrung, diese Fragestellung

denn für hier verwendet werden?

Ich glaube dafür war es wichtig, dass sowohl Genossin

24


Ivana, ich, als auch andere Leute damals als erste gesagt

haben, wir werden jetzt den Schritt machen und einfach

mal vor Ort hingehen. Das heisst nach Rojava zu gehen

und dies nicht nur irgendwie als Delegierte, sondern

tatsächlich um am Kampf daran teilzunehmen. Um

Erfahrungen zu sammeln, die man transportieren kann.

Und man sieht ja heute, dass wir damit auf jeden Fall ein

grosses Ziel erreicht haben, nämlich Leute zu bewegen,

selber aktiv zu werden: Beispielsweise indem Leute

aktiver in der Solidaritätsarbeit wurden oder eben auch

den Schritt gewagt haben zu sagen, auch wir wollen das

machen.

Viele Leute, die vielleicht im Kopf schon ähnliche

Gedanken hatten, aber die das zu dem Zeitpunkt nicht

konkretisieren konnten, haben durch unsere Praxis

den Entschluss fassen können, eine solche Erfahrung

ebenfalls zu machen. Unsere Aktivitäten haben

gezeigt, dass in Rojava Strukturen bestehen und es die

Möglichkeiten gibt, dorthin zu gehen. Jetzt ist es natürlich

wichtig, damit das Ganze nicht irgendwie verpufft

oder zumindest nicht ins Leere läuft, die Erfahrungen

auch zu verallgemeinern, zu konkretisieren und daraus

Schlussfolgerungen zu ziehen.

Dafür wird es auch noch ein bisschen Zeit brauchen.

Denn das sind alles auch persönliche Erfahrungen, die

man macht, die man auch erst einmal mit sich selbst

ausarbeiten muss. Es gibt da auch viele Sachen, für

die man erst für sich eine Antwort finden muss. Aber

dann kommt eben auch der Schritt, wo man sagt, ich

habe nicht nur eine private Erfahrung gemacht, sondern

habe aufgrund dessen, was ich erlebt habe, auch eine

Verantwortung gegenüber anderen Menschen und

gegenüber der Bewegung. Diese Verantwortung besteht

darin, die Erfahrungen mitzuteilen und Einschätzungen

abzugeben, um diese zur Diskussion zu stellen. Nur

weil ich oder andere jetzt da waren, heisst das nicht,

dass wir bessere Analysen zu der Revolution dort oder

zum bewaffneten Kampf haben. Aber wir haben andere

Sachen sehen können, mit anderen Leuten sprechen

können, dadurch haben wir eine andere Perspektive

gewonnen. Eventuell konnten wir andere Ideen

entwickeln und die kann man diskutieren und dann wird

die Bewegung zeigen müssen, ob und was sie daraus

mitnimmt und zu welchen Punkten sie sagt, ja das sind

Sachen, die für uns wichtig sind oder das sind Sachen,

mit denen wir arbeiten können. Das heisst natürlich

auch, dass man bei einigen Punkten sagen wird, dass das

Fragen sind, die in Rojava gelten aber für Europa anders

gestellt werden müssen. Dafür ist es wichtig, dass die

Diskussion und der Austausch stattfindet und dass dies

auch eine Kontinuität erhält.

Was mich in der Auseinandersetzung mit der

YPJ, oder überhaupt mit der kurdischen Bewegung,

beindruckt hat, ist, dass sie eine Methode entwickelt

haben, wie sie zur Analyse kommen und wie sie

entscheiden, was für ihren Kampf wichtig ist oder

nicht. Ich denke, dass es viele Sachen gibt, die man

lernen kann und man sagen kann, das lässt sich

verallgemeinern und auch übertragen. Für mich

bedeutet dies insbesondere die Übertragung einer

Methode, wie man zu Einschätzungen und daraus

25


auch zu richtigen strategischen Zielsetzungen kommt.

Die Herangehensweise wie die kurdische Bewegung

mit Situationen umgeht, um herauszufinden was zu tun

sei, hat mich sehr beeindruckt. Sie stellen die Frage

danach, was die richtige Antwort in dieser Etappe ist,

in der sie sich jetzt befinden. Solche methodischen

Herangehensweisen habe ich für mich mitgenommen.

Man sieht den Erfolg ihrer Methode ja auch in ihrer

Praxis, denn sie sind tatsächlich in der Lage, im Moment

auf jeden Fall, die strategischen Aufgaben, die sich ihnen

stellen, beantworten zu können.

Wahrscheinlich müssen wir uns in dieser Richtung

auch überlegen, welche Elemente sind für uns wichtig.

Ich hatte das Glück auch in einen Schulungskurs über

Strategie und Taktik reinhören zu dürfen und das war

sehr beeindruckend. Das heisst interessant war vor

allem, mit welcher Methode sie an Fragestellungen ran

gehen und weniger die konkrete Umsetzung, weil das

ist viel zu verschieden von unserer Geschichte, unserer

Kultur und unserer Bedingungen. Aber die Methodik

vom Erkenntnisprozessen und dann die Umsetzung

in Theorie und Praxis, diese ganze Reflexion, diese

Dialektik, die sie sich erarbeiteten und auch noch immer

am entwickeln sind, ist schon sehr beeindruckend.

Ich glaube, dass das etwas ist, was wir sehr gut von

den Strukturen der PKK lernen können. Vielleicht liegt

ihre Stärke darin, dass sie aufgrund ihrer konkreten

Situation einfach dazu getrieben worden sind, viel zu

experimentieren und mit offenem Kopf an die Sachen zu

gehen. Was heissen kann, auch alte Konzepte über Bord

zu schmeissen und sich neuen Konzepten zu öffnen. Ein

weiterer Grund ist nicht zuletzt auch, dass die PKK mit

einem Volk zu tun haben, das über mehrere Länder verteilt

ist, in denen überall eine andere politische Situation

vorherrscht. Das heisst beispielsweise andere Arten der

Repression existieren. Das bedeutet, dass sie irgendwann

gemerkt haben, wir können nicht ein Konzept verfolgen,

das überall gleich gilt, sondern wir haben entweder in

den verschiedenen Ländern unterschiedliche Fragen

vorgefunden oder wir haben gelernt, dass auf dieselben

Fragen unter unterschiedlichen Bedingungen andere

Antworten gefunden werden müssen.

26


Dadurch, dass die PKK eine Partei und zugleich eine

Bewegung ist, die es seit Jahrzehnten gibt, haben sie auch

einen reichen Schatz an Erfahrungen und das ist etwas,

worauf wir als RevolutionärInnen aus Europa schauen

müssen und woraus wir lernen können. Denn es ist eine

der grössten Schwächen von revolutionären Bewegungen

in imperialistischen Zentren, dass sie noch immer stark

durch Betonköpfigkeit oder durch Dogmatismus geprägt

ist. Und nun habe ich die Erfahrungen gemacht, mit denen

ich mit dem Vorschlaghammer auf diese Betonköpfe ein

bisschen draufhauen kann.

Wenn man mit den gleichen Organisationen hier in

imperialistischen Zentren diskutiert, oder in Rojava,

dann hat man manchmal das Gefühl, es handelt sich

nicht um dieselben Gruppen. Da realisiert man dann,

dass Organisationen und Menschen sich im Kampf

entwickeln und im Kampf diese Beweglichkeit, von

der du gesprochen hast, notwendig ist. Darunter

fällt auch die Frage nach der Einheit. Das kann

zum Beispiel heissen, die Einheit ins Zentrum zu

stellen und nicht das Trennende. Das ist auch in den

anderen Interviews immer wieder betont worden.

Zum Beispiel hat der Verantwortliche der TKP/ML-

TIKKO zum Schluss gesagt: „Sag den GenossInnen

in Europa die Wahrheit: Die revolutionäre Wahrheit

liegt im Kampf und der Kampf der ist hier.“

Ja, das ist auch etwas, was gerade für die Organisationen

aus der Türkei wichtig ist. Wenn man zum Beispiel auf die

Gründung des internationalen Freiheitsbataillons schaut:

Da haben sie einen Schritt in Richtung Aufreissen der

Grenzen zwischen den Organisationen gemacht, die sich

sonst im politischen Alltag mit Argusaugen anschauen

und immer abwägen, was der andere macht und will.

Durch den gemeinsamen Kampf ist eine neuere Qualität

entstanden. Die Gründung des Bataillons ist eben nicht

nur wertvoll, weil da Kampfeinheiten zusammen gezogen

worden sind und nicht nur, weil man nach klassischer

Algebra einfach fünf plus fünf zusammenzählt und dann

die Einheit plötzlich aus zehn Leute besteht. Sondern

weil ein dialektischer Sprung gemacht wurde und

mehrere Leute und Gruppen zusammengekommen sind.

Die neue Kraft basiert auf einer neuen Qualität und ich

glaube so ein Denken kann man auch gut nach Europa

transportieren.

Wenn ich zum Beispiel einen Genossen anschaue, der

mittlerweile wieder in Deutschland ist: Früher hätte

er niemals die theoretischen Publikationen irgend

einer anderen Partei ausser seiner eigenen in die Hand

genommen und mittlerweile macht er keinen Unterschied

mehr, aus welcher politischen Tradition man jetzt kommt,

oder in welcher Partei man organisiert ist, sondern er

bewertet die Leute danach, ob sie im Kampf sind und

erklärt die Leute dadurch zu seinen GenossInnen und

nicht mehr dadurch, dass sie im selben Verein oder in

derselben Partei aktiv sind. Das sind Sachen, die einen

auf jeden Fall verändern.

Und die gehören meiner Meinung auch zur

Verallgemeinerung, das kann man auf jeden Fall

transportieren. Ich fand auch interessant, was du zum

Freiheitsbataillon gesagt hast. Kannst du vielleicht

noch was zur Gründung sagen?

Ja die Gründung war insofern interessant, als dass die

ersten Schritte noch ziemlich von einer alten Denkweise

begleitet waren. Das heisst, dass die Diskussionen zu

Beginn der Gründung noch stark von einem Denken

begleitet war, wo es stets nur um «meine Gruppe, meine

Gruppe» ging. Danach hat sich dies verändert und alte

Denkweisen sind mehr und mehr aufgebrochen worden.

Am Anfang mussten natürlich grundsätzliche Dinge

geklärt werden; zum Beispiel, dass es eine militärische

Einheit ist. Die Hierarchie musste geklärt werden, das

heisst wer ist Kommandant, wer ist Unterkommandant

und so weiter. Am Anfang erlebte ich hierbei noch eine

Denkeweise, in der sich die Leute gefragt haben, was es

bedeutet, wenn jetzt jemand Kommandant aus der einen

Partei ist und man selbst aber von der anderen kommt.

Daraus ergaben sich Fragen, wie etwa ist der Kommandant

in der Hierarchie nun mein Ansprechpartner, oder habe

ich mich nach der Hierachie meiner Partei zu richten?

Es war zu Beginn auch ein wenig ein Aushandeln.

Beispielsweise indem die einen sagen, eure Partei

darf den Kommandanten des Bataillons stellen, dafür

darf unsere Partei den Pressesprecher stellen. Es gab

zu Beginn also ein falsches Gerechtigkeitsgefühl,

wo man vielmehr geschaut hat, dass es für alle gleich

sein muss und nicht danach gefragt hat, wer bringt die

besten Voraussetzungen für etwas mit. Das wurde aber

immer besser verstanden. Leider bin ich aber schon

anderthalb Monate nach der Gründung verletzt worden

und musste Rojava verlassen. Deswegen kann ich

nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, wie es

weitergegangen ist. Aber schon nach den ersten Wochen

habe ich eine positive Veränderung wahrgenommen und

hoffe, dass es auch in diese Richtung weiter gegangen

ist.

Das heisst es gab schon von Anfang an Kritik

/ Selbstkritik und diese Reflektionen war ein Teil

davon?

Ja, auf jeden Fall! Das sind Sachen, die auch bei den

ersten Kritik / Selbstkritiken immer wieder ein Thema

waren.


28


Internationalist I

«Ich wollte nicht nur in Büchern lesen oder

in Filmen sehen, was eine Revolution ist. Ich

wollte es mit den eigenen Augen sehen.»

Kannst du von dir erzählen, wer du bist, woher du

kommst?

Ich habe 2011 angefangen politische Arbeit zu machen.

Als Folge von Stress mit Nazis habe ich mich dann

im antifaschistischen Bereich organisiert und bin

durch diese Arbeit mit antifaschistischen Gruppen

in Kontakt gekommen, auch mit den GenossInnen

der MLKP. Durch die MLKP habe ich relativ schnell

Kontakt zum kurdischen Befreiungskampf bekommen.

Ich habe angefangen, mich mehr mit diesem Thema

zu beschäftigen, also alles was den kurdischen

Freiheitskampf angeht und so weiter.

Was heisst und so weiter? Das heisst, du hast dich

inhaltlich damit beschäftigt?

Ja, ich habe mich von Deutschland aus mit dem Kampf

beschäftigt, dabei führte ich auch viele Gespräche mit

GenossInnen, die in Rojava gekämpft haben oder immer

noch kämpfen. Manchmal, wenn man dann in die Türkei

gereist ist, kam man dann direkt in Kontakt mit den

GenossInnen und lernte diese noch besser kennen.

Wann war das, in welchem Jahr?

Das war kurz nach den Protesten rund um den Gezi-Park.

Dort habe ich ein besseres Gefühl dafür bekommen, was

in der Türkei und in Kurdistan los ist. Und dann kam die

Revolution in Rojava. Dann fing es auch in Europa mit

den Solidaritätskundgebungen an.

Ich habe mich intensiv mit dieser Revolution beschäftigt.

Schliesslich habe ich, nachdem Ivana gegangen war,

den Entschluss gefasst, ich möchte jetzt mehr tun, ich

möchte nicht mehr hier sitzen, ich möchte aktiv vor Ort

sein und mich in den Reihen der YPG oder der MLKP

anschliessen und bewaffnet in Rojava kämpfen, um

praktische Solidarität auszuüben.

Das war das, was ich machen wollte und warum ich nach

Rojava gegangen bin. Ich wollte nicht nur in Büchern

lesen oder in Filmen sehen, was eine Revolution ist. Ich

wollte es mit den eigenen Augen sehen. Zudem wollte ich

auch lernen, was ein Krieg ist, was da mit den Menschen

passiert, was wahr und was falsch ist und so weiter.

Da habe ich mich entschlossen für ein Jahr nach Rojava

zu gehen. Ich blieb fast anderthalb Jahre. Die lange Zeit

entstand, weil ich auch eine grosse Erfahrung machen

wollte. Das heisst nicht nur drei Monate bleiben und dann

sofort wieder gehen, sondern wirklich die Menschen,

den Krieg, das Kämpfen und Rojava kennen lernen. All

das nimmt Zeit in Anspruch. Darum hab ich gesagt, ich

möchte mindestens ein Jahr bleiben und das, was ich

dort gesehen habe und erlebt habe, dann später wieder

nach Deutschland zurücktragen.

Was sind denn deine Erfahrungen?

In Rojava habe ich erlebt, wie die Realität aussieht,

also das, was man sich vorher vielleicht in seinen

romantischen Gedanken ganz anders vorstellt und man

dann brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgerissen

wird. Plötzlich sieht man was der Krieg ausrichtet, selbst

wenn es ein revolutionärer fortschrittlicher Krieg ist,

den wir führen. Auch dieser hat seine Auswirkungen auf

die Bevölkerung und auf das Land. Man ist deswegen

immer in dieser Zwickmühle, zwischen einem „ok es

ist schön“ und einem „es ist schrecklich“. Da steht man

immer dazwischen.

Wirklich schade fand ich, dass ich nicht die Chance

hatte, öfters mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten.

Dieses Versäumnis liegt darin, dass ich die ganze Zeit

als Soldat dort war und wir nicht die Zeit hatten, wirklich

mit der Zivilbevölkerung zu diskutieren. Ausser wir

nahmen irgendwelche Dörfer ein und so, dann kamen wir

manchmal in Kontakt. In solchen Situationen sieht man

dann, was es wirklich heisst, wenn vor einer Woche noch

Daesh hier war und nun plötzlich wir als revolutionäre

Kraft anwesend sind. In solchen Situationen hatten wir

dann schon Kontakt mit der Bevölkerung.

Aber innerhalb von Rojava zum Beispiel, wo schon ein,

zwei Jahre kein Krieg mehr war und wo die Revolution

schon langsam angefangen hat zu arbeiten, dort hatten

wir nicht die Möglichkeit, die Revolution besser kennen

zu lernen. Die Frage, wie sich die Revolution entwickelt

und wie das Leben weitergeht, das hat mir dann

wirklich ein bisschen gefehlt, auch weil ich darin gerne

Erfahrungen gemacht hätte.

29


Kannst du etwas zu deiner Zeit an der Front sagen?

Habt ihr da auch die Möglichkeit gehabt, über das

was ihr erlebt habt zu reflektieren, zu diskutieren?

Gab es da eine Möglichkeit, der Verarbeitung?

Als ausländische KämpferInnen hatten wir am Anfang

ein Sprachproblemen. Deswegen gab es wenig

Möglichkeiten und ich glaube auch nicht, dass dies

generell gemacht wird. Davon habe ich zumindest nichts

mitbekommen.

Da ist ein bisschen ein Defizit, darüber haben wir auch

gesprochen. Denn man muss auch damit einen kollektiven

Umgang finden. Man muss darüber reden, was man

sieht, was man erlebt und was man macht. Es ist wirklich

wichtig, damit umzugehen, sonst geht es auch einmal

nach hinten los. So was ist schon auch vorgekommen.

Es ist nicht die Regel, sondern es sind Einzelfälle.

Dennoch gab es Situationen, wo Leute Flashbacks und

so was hatten und dann auch durchgedreht sind. Das

passiert aber nicht oft. Das sind halt auch die normalen

Auswirkungen vom Krieg und das braucht dann wirklich

einen richtigen Umgang damit.

Nach jedem Fronteinsatz gibt es immer diese

Kritikrunden und da hat man ein bisschen die Chancen

über Probleme zu sprechen. Doch oft geht es mehr

um alltägliche Sachen, die man zu kritisieren hat.

Beispielsweise im Sinne davon, dass ich dort mehr

Teller spülen hätte können und so weiter. Es geht nicht

um den psychologischen Bereich, es geht mehr um die

alltägliche Praxis, praktische Begriffe, was man gesehen

hat, was man gemacht hat und so weiter.

Aber trotzdem: Auf Grund dessen, dass man nach

Rojava mit dem Bewusstsein hingeht, dass das eine

fortschrittliche Sache ist, und dadurch, dass es eine

bewusste Entscheidung ist, dass ich nicht für Geld nach

Rojava gehe, sondern dass ich für die Werte von Freiheit,

von Gerechtigkeit kämpfe, komme ich auch leichter mit

möglichen Problemen zurecht. Es ist nicht so, wie wenn

ein amerikanischer Soldat nach Vietnam geht und dort

irgendwelche Massaker begeht. Er hat wahrscheinlich

schwerer an seinen Erlebnissen zu arbeiten, als wenn

ich mit GenossInnen zusammen Seite an Seite für die

Freiheit kämpfe.

Als Kehrseite nanntest du den Schrecken des

Krieges. Doch du hast erwähnt, dass es auch eine

schöne Seite gab?

Dass man beispielsweise mit GenossInnen zusammen

dort ist und dass man sich an der Revolution beteiligt ist

eine wirklich tolle Erfahrung. Oder dass man Teil dieses

Fortschritts ist, dass das Blut, das man vergiesst, nicht

umsonst ist. Ich mach hier wirklich was, wir kämpfen

zusammen für eine Veränderung. Ganz klar, wenn ich

einen töte, dann hab ich einen Feind weniger und das ist

dann auch schön. Schön ist auch diese Lagerromantik

oder wie man das nennen soll. Du sitzt da und hast deine

GenossInnen um dich rum, kochst, isst zusammen, das

sind durchaus schöne Aspekte. Oder du kommst in

das Dorf rein, dann freuen sich alle, dass du sie befreit

hast. Auch das sind Sachen, die in positiver Erinnerung

30


leiben.

Du bist erst seit kurzem zurück?

Ja, seit einer Woche ungefähr, ein bisschen länger.

Du brauchst wahrscheinlich auch noch ein bisschen

Zeit, um wieder hier anzukommen?

Absolut. Aktuell ist es noch schwer, da alles noch so

euphorisch ist. Man kommt halt zurück, sieht alle Freunde

und GenossInnen wieder. Aber wenn sich das alles setzt,

dann hat man vielleicht die Zeit darüber nachzudenken,

was ich aus dem Jahr, das ich erlebt habe, herausnehmen

und weitergeben kann.

Das Reflektieren ist noch ein grosser Sprung, du

kommst von dort hier nach Europa zurück und dann

muss man zuerst wieder klar kommen in dieser anderen

Welt. Erst wenn das dann alles sitzt, hat man vielleicht

einen klareren Blick darauf, was man dort gemacht und

gesehen hat.

Du hast Ivana erwähnt. Kannst du noch mehr über

sie sagen? Hast du sie auch direkt vor Ort gesehen,

warst du mit ihr zusammen?

Ja, wir waren einige Monate zusammen in derselben

Einheit der MLKP. Man kann über sie sagen, dass sie zu

einem Symbol für den Internationalismus geworden ist

und das ist wichtig.

Hast du bereits den Eindruck, dass das, was dich

angetrieben hat hinzugehen, sich bestätigt hat?

Ich glaub schon. Man hat dort auch immer gemerkt,

dass die GenossInnen wirklich froh darüber sind, dass

man da ist. Man hat auch gesehen, dass durch unsere

Entscheidung dort hinzugehen, durch Ivana, durch die

anderen GenossInnen die nach Rojava gegangen sind,

ein Stein ins Rollen gebracht wurde. Dieser hat dafür

gesorgt, dass immer mehr Leute gingen, dass mehr über

Rojava gesprochen und mehr gemacht wurde. Dadurch

kann ich wirklich sagen: Ich muss nichts bereuen, es war

auf jeden Fall gut, dass ich das gemacht habe und ich

würde es auch wieder tun, wenn ich jetzt noch mal die

Wahl hätte so etwas zu machen.

Weitere Infos zu Rojava?

Du bist auf der Suche nach weiteren Infos zu

Rojava oder du möchtest dich mehr mit dem

Thema Kurdistan befassen? Die folgenden

Bücher und Webseiten bieteten hierfür einen

guten Einstieg und stets aktuelle News zum

Thema:

Bücher:

Sabio, Oso: Rojava: Die Alternative zu

Imperialismus, Nationalismus und Islamismus im

Nahen Osten.

Schmidinger, Thomas: Krieg und Revolution in

Syrisch-Kurdistan: Analysen und Stimmen aus

Rojava.

Flach, Anja et al.: Revolution in Rojava:

Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen

Krieg und Embargo.

Brauns, Nick und Kiechle, Brigitte: PKK:

Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes:

Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam.

Webseiten:

Tatort Kurdistan: http://tatortkurdistan.blogsport.

de/

Informationsstelle Kurdistan: https://isku.

blackblogs.org/

Firatnews English: http://anfenglish.com/

Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit:

http://civaka-azad.org/

Solidaritätskampagne verschiedener

internationalistischer Gruppen: https://

secoursrouge.org/Solidaritatskampagne-mit-dem-

Internationalen-Freiheitsbataillion-in-Rojava


Karker

«Im Freiheits-Bataillon gibt es vor allem

SozialistInnen, MarxistInnen, Titel LeninistInnen,

KommunistInnen, so was halt. Teilweise auch

AnarchistInnen.»

Kannst du dich kurz vorstellen und berichten

woher du kommst?

Mein kurdischer Name ist Karker, ich komme aus

Deutschland, stamme ursprünglich aber aus Osteuropa.

Ich bin nach Deutschland eingewandert, als ich 6 Jahre

alt war. Nach meiner Abitur habe ich einen freiwilligen

Wehrdienst gemacht und bin danach hierher nach Rojava

gegangen und habe mich der YPG angeschlossen.

Nach einem zweiwöchigen Training, bei dem wir mit

den Waffen, die hier vorhanden sind, vertraut gemacht

wurden, ging ich zunächst zu einer Einheit an den

Eufrates, die auch mit vielen ausländischen Freiwilligen

gefüllt war. Dort blieb ich einen Monat, bis ich mich

entschied zum internationalen Tabûr zu kommen. Im

internationalen Tabûr bin ich seit Ende September, also,

ein paar Monate schon.

Was hat dich bewogen nach Rojava zu kommen?

Nach dem Abitur hast du gedacht Uni oder Rojava?

Ich habe mir gedacht Rojava. Aber falls nicht,

habe ich mich auch für eine Uni beworben. Das

Bestätigungsschreiben habe ich dann per Email hierher

nach Rojava bekommen. Aber ich hab mir gedacht, nein,

ich bleibe hier. Es hat mich bewogen nach Rojava zu

kommen, weil Rojava erstens wenig Unterstützung von

aussen erhält. Eigentlich herrscht eine Totalblockade.

Materiell ist kaum Unterstützung vorhanden. Die

Menschen sind auf sich selbst gestellt und es gibt ständig

diese Bedrohung durch Daesh, aber auch durch Al-Nusra

und andere islamistische Gruppen.

Das ist natürlich der Hauptgrund, weshalb ich nach

Rojava kam. Aber man ist ja auch Teil von einem Versuch

eine andere, zumindest eine bessere Gesellschaft hier im

Mittleren Osten aufzubauen, in der Werte gelten können,

die in Deutschland teilweise schon selbstverständlich

32


sind, beispielsweise jegliches Miteinander, Demokratie,

Menschenrechte, also Rechtsstaatlichkeit. Das ist hier

im Mittleren Osten überhaupt nicht selbstverständlich.

Es wird versucht, so etwas zu erreichen. Deshalb bin ich

hier.

Warum hast du gewechselt von YPG zum Freiheits-

Bataillon? Was war deine Motivation?

Bei der YPG gibt es erstens viele Sprachschwierigkeiten.

Ausserdem war die Stimmung in meiner Einheit eher

negativ. Viele andere ausländische Freiwillige sind auch

oft frustriert, haben eine negative Meinung von den

Kurden und sie kommen teilweise auch psychisch und

körperlich nicht so sehr mit der Situation klar. Deshalb

wollte ich aus meiner Einheit weg.

Das internationale Bataillon bot sich halt an, weil hier

mehr auf die Sprachprobleme geachtet wird. Es gibt

mehr Leute, die Englisch sprechen. Die Ausbildung die

jemand hier bekommt, vor allem wenn er aus einem

Land wie Deutschland kommt, habe ich als ernsthafter

erlebt, als bei der YPG. Wir hatten eine kleinere Gruppe,

es wurde alles ernsthafter gemacht und auch kompetent.

Deshalb bin ich hier.

Würdest du sagen, das Freiheits-Bataillon

unterscheidet sich auch politisch von den andern

Bataillonen?

Die YPG ist die kurdische Befreiungsbewegung. Da sind

leider auch viele ungebildete Leute und unpolitische

Leute dabei. Zumindest sind sie politisch nicht so hoch

gebildet, denn es ist eine Volksarmee. Im Freiheits-

Bataillon gibt’s vor allem SozialistInnen, MarxistInnen,

LeninistInnen, KommunistInnen, so was halt. Teilweise

auch Anarchisten.

Bei westlichen Freiwilligen, die über die YPG Einheiten

verteilt sind, ist alles vertreten. Von liberal und neutral

eingestellt zu dieser Befreiungsbewegung. Leute, die

halt herkommen, um gegen den Islamischen Staat zu

kämpfen, weil die das für eine gute Sache halten. Das ist

ihre Hauptmotivation. Manche sind politisch eher links.

Nicht so sehr wie hier im IFB und manche haben auch

überhaupt keine politischen Ansichten oder merkwürdige

politische Ansichten. Teilweise islamophob.

Das war die Erfahrung, die du gemacht hast?

Nicht in meiner Einheit, aber ich habe schon ein paar

Leute getroffen und von Leuten gehört, die ein bisschen

islamophob sind und die hierher kommen, weil sie sagen,

sonst greift uns Daesh zuhause an.

Kannst du das Leben im Freiheits-Bataillon

beschreiben?

Derzeit sieht das Leben an der Front so aus: man hält

Wache, man ist da draussen ziemlich abgeschieden,

man wartet auf Operationen. Nachts muss man oft zu

komischen Zeiten aufstehen.

Manchmal geht man raus zu anderen Punkten wo man

versucht zu beobachten und Lücken zu schliessen, die

sich dadurch ergeben, dass man nachts nichts sieht.

Das ist so der Tagesbetrieb auch in vielen YPG Einheiten.

Man ist an der Front, man bewacht. Manchmal schiesst

Daesh mit Waffen wie Raketenbatterien, Mörsern rüber,

teilweise aber selten wird’s dann gefährlich. Bei den

Operationen letztens, in Hol, wars schon anders. Man ist

oft unterwegs, aber es kam bei den letzten Operationen

nicht zu Gefechten, die sehr nahe geführt wurden. Es

gab viele Luftschläge und die YPG hat schwere Waffen

hingebracht. Ausserdem hat sich Daesh zurückgezogen,

ziemlich geordnet. Deshalb sind wir in die Dörfer

gegangen und haben die Versorgungswege gesichert. Als

wir in Hol ankamen war das Ganze auch schon vorbei.

Wie sieht es aus, es wird ja darüber spekuliert,

dass eine nächste Offensive organisiert wird. Werdet

ihr da mit einbezogen? Wisst ihr davon etwas? Wie

bereitet ihr euch darauf vor?

Uns wurde gesagt, falls eine Offensive gegen Rakka

stattfindet, dass der Punkt den wir vorher gesichert

haben, also die letzten paar Monate, bevor es nach Hol

ging, dass erwartet wird, dass es dort sehr aktiv sein wird.

Daher erwarten wir schon, mit einbezogen zu werden.

Bald erfahre ich mehr in den kommenden Tagen.

Setzt du dich damit auseinander wenn du an die

Front gehst, was es bedeuten kann?

Bevor ich hierher kam habe ich mich auseinander gesetzt

und hatte Gespräche mit Leuten, die so was schon erlebt

hatten. Aber jetzt bevor ich das erste Mal an die Front

gegangen bin mit dem internationalen Bataillon und

bevor ich jetzt an die Front gehe, brauche ich mich nicht

zusätzlich damit auseinander zu setzen. Das habe ich

schon getan.

Wie sieht das bei anderen aus? Redet ihr darüber?

Wir reden mehr über alltägliche Sachen. Wir reden nicht

über Sachen wie «ah ich habe Angst, morgen könnte ich

vielleicht sterben». Das ist auch nicht gut für die Moral,

das braucht man nicht zu tun.

Die Moral ist ja ein Aspekt und das Bewusstsein

ein anderer Aspekt. Für das Bewusstsein, wird da im

Bataillon etwas getan?

Es gibt politische Schulung, die wird von der MLKP

und von BÖG organisiert. Diese beiden Gruppen

33


sprechen aber eben auf türkisch, die Mehrheit ist dort

türkisch. Auf englisch ist halt nichts passiert. Aber

man erfährt ein bisschen was durch Gespräche mit den

englischsprachigen Genossen, die dort auch türkisch

sprechen.

Was würdest du den Genossen und Genossinnen

in Europa sagen, was bedeutet es, sich für Rojava

einzusetzen, was bedeutet die Solidarität?

Die Solidarität bedeutet hier ganz einfach praktische und

materielle Hilfe. Rojava ist total blockiert. Ich war in

Rojava, ich war in Şengal und ich habe sofort gesehen,

dass es Unterschiede bei der Versorgung gab. In Şengal

gibt es besseres Essen. Alles was wir hier haben, wird

entweder hier hergestellt oder geschmuggelt. Offiziell

ist Rojava ja blockiert. Deshalb bedeutet materielle Hilfe

halt einen materiellen Vorteil für uns, der die YPG nach

vorne bringt.

Politisch gesehen braucht es mehr Informationen

der gesamten Bevölkerung über die ganze kurdische

Befreiungsbewegung nicht nur Rojava. Um das hier

zu verstehen muss man auch verstehen was die Kurden

versuchen zu erreichen. Der durchschnittliche Deutsche

glaubt die PKK sei eine Terrororganisation, die kämpfen

gegen die Türkei. Die YPG, die kämpfen gegen ISIS und

im Irak gibt’s halt die Barzani-Regierung. Aber wofür die

kurdische Bewegung kämpft und was die versuchen zu

erreichen, dafür ist kein Bewusstsein da und ich denke,

wenn es da wäre, dann würden auch grössere Teile der

Bevölkerung das hier unterstützen.

Könnte das bedeuten, dass man auch mehr

vermittelt, was hier passiert und warum und

wofür es passiert, damit ein breiteres Bewusstsein

darüber entsteht und dann eventuell auch grössere

Unterstützung?

Ich erwarte nicht, dass Europa oder die USA deshalb von

einem Tag auf den anderen ihre Position ändern. Aber

ich denke, dass es ein Schritt sein könnte Rojava hier

weiter zu unterstützen auch moralisch, politisch und

militärisch.

Zusatz 2016

Wir haben uns vor etwa einem Jahr im Tabûr

gesehen. Zwischenzeitlich warst du zurück in

Deutschland, nun willst du aber wieder nach Rojava

gehen. Was ist deine Motivation?

darin weiter zu machen, weil ich halt schon so einiges

an Anstrengung da rein gesteckt habe. Während diesem

Jahr habe ich mehr über die Realität in Rojava gelernt

und auch darüber welche Probleme es gibt und welche

Möglichkeiten Rojava für die Zukunft hat. Ich habe auch

die Menschen dort kennen gelernt und so steigerte sich

auch meine Motivation weiter mit den Menschen dort

zusammenzuarbeiten und nicht wegzugehen und sie

hängen zu lassen. Deshalb will ich zurück gehen, um

weiter zu machen.

Kannst du nochmals kurz was zu deiner

Ursprungsmotivation sagen?

Ich wollte gegen den Islamischen Staat kämpfen, wegen

all dem wofür er steht, das brauche ich ja nicht zu

erklären. Alle wissen warum man gegen die sein sollte.

Diese Motivation ist immer noch da, genau so aber meine

Motivation für die Revolution in Rojava zu kämpfen.

Jetzt hat sich das vertieft, weil ich die Situation dort

mittlerweile besser verstehe und weil ich mich da einige

Zeit engagiert habe und mit den Menschen zusammen

gelebt habe.

Und da willst du weiter anknüpfen?

Ja, jetzt bin ich in der TMU, der medizinischen Einheit.

Das ist etwas, was in der YPG noch nicht so sehr entwickelt

ist. In westlichen Ländern ist es selbstverständlich, dass

jeder Soldat und Soldatin eine medizinische Ausbildung

bekommt, zumindest die Grundlagen und auch etwas an

grundlegender Ausrüstung mit sich trägt. In der YPG ist

das noch nicht der Fall und deshalb möchte ich meine

Einheit damit weiter unterstützen. Wenn es notwendig ist

oder wenn ich denke, dass es eine bessere Idee ist, werde

ich in ein mobiles Tabûr gehen und schauen, wie sich das

entwickelt.

Kannst du sagen, was ein mobiles Tabûr ist?

Mobile Tabûrs sind Einheiten, die während Operationen

an vorderster Front sind und die besseres Personal und

eine bessere Ausrüstung haben und auch mehr Zeit

abseits der Front verbringen, um zu trainieren und sich

auf die nächste Operation vorzubereiten. Diese Einheiten

haben einen sehr hohen Anteil an Kadern und auch viele

ausländische Freiwillige, die nicht politisch gebunden

sind und deren Engagement ausschliesslich militärisch

ist.

Meine Ursprungsmotivation ist immer noch da und

dadurch, dass ich einige Zeit in Rojava war und dort

Erfahrungen gesammelt habe und ich jetzt auch die

Sprache so einigermassen beherrsche, bin ich bestärkt

34


Titel Internationalist II

«Ich denke, dass der Kampf, den wir als

Revolutionäre in Rojava führen und der Kampf,

den wir als Revolutionäre in Deutschland oder

anderswo führen, derselbe ist, auch wenn er

natürlich mit ganz anderen Mitteln und auf ganz

anderen Ebenen geführt wird.»

Du kommst aus Deutschland und du kämpfst im

Freiheitsbataillon. Kannst du kurz sagen, was dich

hierher gebracht hat, und was deine Biographie ist?

Hierher gebracht hat mich meine bisherige

internationalistische Arbeit. Ganz direkt hergebracht hat

mich dann die Zusammenarbeit mit den kurdischen und

türkischen revolutionären Strukturen in Deutschland.

Vor allem die Solidaritätsarbeit, die wir von Anfang an

zu Rojava gemacht haben. Seit der Erklärung Rojava‘s

als befreite Gebiete, haben wir in Deutschland zu Rojava

gearbeitet, haben uns solidarisch auf das demokratische

Projekt in Rojava bezogen, haben hervorgehoben,

dass es nicht notwendig, das heisst, dass es falsch ist,

sich im syrischen Bürgerkrieg auf die Seite Assads

oder der freien syrischen Armee und den Handlangern

des Westens zu stellen, sondern, dass mit Rojava,

mit dem fortschrittlichen Kampf der KurdInnen, der

revolutionären Strukturen einen dritten Weg gibt, ein

fortschrittliches Modell, auf das sich revolutionäre Linke

beziehen können. Wir müssen nicht zwischen Pest und

Cholera wählen müssen.

Am Anfang standen wir da abgesehen von den kurdischen

und den türkischen Strukturen, allein und wurden

auch von verschiedenen Trotzkisten als Handlanger

des Imperialismus und des Westens angegriffen. Die

Solidaritätsarbeit hat dann vor allem zugenommen, als

Rojava mit der Schlacht um Kobanê in den Medien

aufkam und sich die breite Öffentlichkeit, zumindest für

die Schlacht um Kobanê, interessiert hat. Da hat auch

unsere Solidaritätsarbeit nochmals zugenommen. Da

haben wir viele Demonstrationen und Veranstaltungen

für Rojava organisiert.

Am Anfang waren es emotionale Gründe, warum ich

hierher wollte. Die Grausamkeit der Daesh, also wie

der Islamische Staat gegen Kobanê vorging, hat mich

bewegt. Ebenso die Überfälle der an-Nusra-Banden

auf Rojava. Ich wollte also hierher kommen, um hier

mitzukämpfen und ganz direkt das fortschrittliche Projekt

oder die fortschrittlichen Entwicklungen in Rojava

zu verteidigen. Dann aber, das war 2014 im Herbst

und Winter, habe ich mich doch dagegen entschieden

zu gehen. Ich habe alles nochmal ein bisschen sacken

lassen, um im Frühjahr dann zu entscheiden hierher zu

gehen. Weniger aus emotionalen Gründen, sondern um

mir das Projekt Rojava näher anzuschauen und davon zu

lernen und auch Erfahrungen zu sammeln auch mit dem

Blick auf Deutschland mit unserer Arbeit dort.

Also du suchst die Verbindung zwischen den

Erfahrungen hier und dem Kampf in Deutschland?

Ja, ich denke, dass der Kampf, den wir als Revolutionäre in

Rojava führen und der Kampf, den wir als Revolutionäre

in Deutschland oder anderswo führen, derselbe ist, auch

wenn er natürlich mit ganz anderen Mitteln und auf

ganz anderen Ebenen geführt wird und die Bedingungen

ganz unterschiedliche sind. So kämpfen wir doch egal

wo für eine menschliche Zukunft und eine lebenswerte

Perspektive für alle Menschen oder für einen Grossteil

der Menschen. Das ist die Verbindung. Ich denke nicht,

dass ich die Erfahrung, die ich hier mache, eins zu eins in

Deutschland direkt umsetzen kann, aber die Erfahrungen,

die ich hier mache, die bringen mich voran und viel werde

ich nutzen können.

Es gibt aber einen Sprung zwischen der

revolutionären Solidarität in Europa und dann die

Entscheidung zu treffen, hier mit der Kalaschnikow

zu kämpfen. Das bedingt ja eine reifliche Überlegung.

Ja, und ich glaube viele revolutionäre Linke in

Deutschland und Europa spielen mit dem Gedanken

hierher zu kommen und hier wirklich mit der Waffe in

der Hand zu kämpfen aber oftmals bleibt es eben bei dem

Gedankenspiel, bei der Vorstellung, bei der Überlegung

und ich denke erst mal haben viele ein heldenhaftes Bild

oder ein heroisches Bild vom Krieg und was wir hier

in Rojava machen und wie das aussieht und die meisten

gehen nicht.

35


Ich habe auch zuerst das emotionale wieder beiseite

geschoben und reichlich überlegt, was ich will und ob

ich überhaupt weg kann. Ich habe mit den Genossen und

Genossinnen diskutiert. Niemand wollte, dass ich gehe.

Niemand hat gesagt, «hurra, super, du bist der Held».

Das Thema war auch, wie weit wir unser Land verlassen

sollen und die politische Arbeit, die wir dort führen,

ein Stück weit ruhen lassen sollen, um uns dann hier

einzubringen.

Schlussendlich war der Gedanke auf jeden Fall

nochmals ganz deutlich aufzuzeigen, dass die Kämpfe

zusammenhängen, auch wenn wir natürlich mit

unterschiedlichen Mitteln kämpfen. In Deutschland

gehen wir auf die Strasse, organisieren Demonstrationen

und hier lernen wir schiessen und das ist unterschiedlich.

Seit wann bist du hier?

Seit dem Spätsommer 2015, also zweieinhalb Monate.

Kannst du schon eine vorläufige Bilanz ziehen?

Hier ist nichts so, wie ich‘s mir in Deutschland

vorgestellt habe. Ich hatte ein ganz, ganz anderes Bild

und in grossen Teilen, wenn man nicht direkt an der

Front ist oder hinter der Front, sieht das Leben Rojava

ganz normal aus. Was auffällt sind die Checkpoints der

Asaisch, der Polizei und es ist ganz anders und auch das

Leben im Tabûr, die Ausbildung. Ich habe gedacht, die

Ausbildung ist viel härter, es gäbe bedeutend mehr Sport,

die Anforderungen seien höher, es sei strenger, doch das

ist nicht der Fall. Es ist vielmehr ein bisschen zu liberal,

die Disziplin wird zu wenig durchgesetzt denke ich, aber

um jetzt ein wirkliches Fazit zu ziehen ist es zu früh.

Ich bin hergekommen und zu lernen, um Erfahrungen

zu sammeln und ich lerne auch, aber nicht so, wie ich es

gedacht hätte.

Ich kann mir vorstellen, dass, wenn du zurück bist,

du dann auch zusammen mit den Genossinnen und

Genossen eine Bilanz ziehen kannst und sicher auch

verallgemeinern kannst, was die Lehren sind, die wir

für die Revolution oder den revolutionären Prozess in

Europa ziehen können.

Ich denke, dass wenn ich wieder zurück bin in

Deutschland, dass ich dann vor allem mit den Genossinnen

und Genossen rede. Dann kann ich zum Beispiel meine

Eindrücke schildern und alles nach und nach erzählen

und dadurch nochmal alles mehr oder weniger in Ruhe

reflektieren und auch ausführlich auf Fragen antworten,

wo ich mir dann auch deutlich die Sachen nochmal ein

Stück weit ins Gedächtnis rufe und nochmal überlege.

Ich glaube mit einem bisschen Abstand ist es auch

viel besser, wirklich ein Fazit zu ziehen und wie die

Erfahrungen ein Stück weit auszuwerten.

Was wir hier zum Beispiel haben, oder was vor allem

ich jetzt gerade habe, ist sehr viel freie Zeit. Wenn die

Ausbildung abgeschlossen ist und jetzt bin ich von der

Front zurück, dann habe ich eigentlich direkt nichts zu

tun. Ich muss mich den ganzen Tag selber beschäftigen

und habe einfach ganz, ganz viel Zeit zum Nachdenken.

Während ich in Deutschland immer mehr oder weniger

in so einem Trott drin war. Ich lebte zwischen Aufstehen,

arbeiten, nach Hause kommen, Essen, vielleicht Sport

machen und dann die politische Arbeit und so erledigen.

Selten ist eigentlich wirkliche Zeit da, um einfach in

Ruhe nachzudenken. Auch wenn man nachdenkt, wenn

man reflektiert, wenn man irgendwelche theoretischen

Diskussionen führt, man ist immer unter einem gewissen

Zeitdruck, immer damit verbunden, dass es ein Ergebnis

haben muss, möglichst schnell, sonst sitzt man tagelang

über irgendwelchen Texten und am Ende ist man nicht

weiter.

Hier ist das alles alles gar nicht der Fall. Hier hat man

einfach Zeit und hier muss man auch nicht zu Ergebnissen

kommen, sondern man kann einfach nachdenken und

reflektieren, gar nicht mit dem Anspruch hier jetzt sofort

ein Ergebnis zu haben, wo man was niederschreiben

kann und weiter diskutieren kann. Ich glaube da nehme

36


eden und vieles ist dann halt nicht gezielte Diskussion,

sondern ist dann einfach Gespräch, was sich dann zu

einer Diskussion entwickelt, wo man schlussendlich zu

einem Ergebnis kommt. Aber man hat halt sehr, sehr

viel freie Zeit. Viele verbringen auch sehr viel Zeit mit

Lesen. Man muss die Zeit, die man zur Verfügung hat,

nutzen und sich selber überlegen, wie man die nutzt und

das dann anpacken.

Es gibt auch einige Leute, die kommen damit nicht

zurecht. Neulich gab es einen Internationalen, der hat

jetzt das Tabûr verlassen, der war nur sehr kurz hier, der

sass einfach den ganzen Tag auf dem Stuhl in der Sonne

und hat geraucht und gewartet, dass der Tag vorbei geht.

Vielfach verbringen wir die Zeit einfach mit Warten.

Wir haben die Ausbildung gehabt an der Waffe, Taktik-

Ausbildung und nach der Ausbildung warten wir drauf,

dass man an die Front geht. Die Sache ist eben, ob man

das Warten als Warten verbringt. Das passiert vielen, sie

warten oder sie fangen an zu schlafen, damit das Warten

schneller rum geht, anstatt etwas zu lesen. Es gibt eine

reichhaltige Bibliothek auch mit deutschen Büchern. Es

gibt Bücher in allen Sprachen von den Internationalen,

die die hier zurückgelassen haben.

Sicher auch ein Tip an diejenigen, die sich

überlegen zu fahren, ist sich auf einem USB-Stick

Literatur mitzunehmen. Sich auch vorzubereiten

auf diese Zeit, wo keine Aktion und keine Operation

stattfinden.

ich dann auch einiges mit; von Gedanken, die ich mir

gemacht habe über die Arbeit in Deutschland und so was.

Also ich freue mich vor allem, wenn ich wieder zurück

bin, mit den Genossinnen und Genossen zu diskutieren

und meine Erfahrungen auszutauschen, schauen, was

wir irgendwie gemeinsam da draus ziehen. Hier fällt mir

das einfach noch sehr schwer.

Aber hier ist es ja auch so, dass du einfach in eine

neue Erfahrung eintauchst, das ist eine andere Kultur,

eine andere Sprache, ein zeitliches Verständnis, das

total unterschiedlich ist zur hektischen Metropole

und das ist wahrscheinlich auch noch eine Umstellung

und das macht wahrscheinlich auch aus, dass man

sich zuerst mental auch umstellen muss. Ihr habt

zum Beispiel keine Schulung. Die türkischen und

kurdischen GenossInnen sitzen jetzt gerade im

Schulungsraum und haben Schulung. Wie geht ihr

damit um?

Ja, die türkischen und kurdischen GenossInnen hatten

dafür den letzten halben Monat frei, während wir an

der Front waren oder teilweise noch Ausbildung hatten,

hatten die nichts zu tun und dann besteht der Alltag

darin, im Tabûr kleinere Arbeiten zu erledigen; ein

bisschen renovieren oder einfach zusammenzusitzen, zu

Literatur auf einnem Stick, Flash für den Computer oder

sonst wie als Ebook mitzunehmen ist sicherlich ein guter

Tipp. Also ich kam schon lange nicht mehr so viel zum

Lesen.

Ich habe mit einer YPJ-Kommandantin geredet.

Ich hab sie gefragt - weil die ja an vorderster Front

sind und Daesh nicht nur einfach ein Kriegsgegner ist,

sondern sich ja auch auszeichnet durch die Barbarei

- ,wie das verarbeitet wird. Da war die Antwort,

dass sie versuchen, die Bildung, die Schulung, die

Akademien auch mit an die Front zu nehmen und

vielleicht einfach mal eine Lektion über Geschichte

oder über Geographie, über Kunst, Ideologie oder

strategische Schulungen zu machen. Weil die die

politische Auseinandersetzung das Bewusstsein

erweitert und einem dadurch auch klarer wird,

warum man diese Erlebnisse überhaupt eingeht.

Was wir nicht haben, ist, dass irgend jemand eine

richtige Schulung oder eine strukturierte Theoriearbeit

oder so was vorbereitet. Was in der freien Zeit die ganze

Zeit stattfindet ist ein Erfahrungsaustausch zwischen

den Internationalen auf jeden Fall und auch mit - je

nachdem wie das so hinhaut mit der Sprache - mit den

türkischen und kurdischen Genossen. Und das passiert

die ganze Zeit und die Gründe, warum die verschiedenen

37


Internationalen hier sind, sind ja ganz unterschiedlich.

Obwohl das irgendwie sehr nah an der MLKP dran ist,

das internationale Tabûr, quasi ideologisch und man

eigentlich davon ausgehen könnte, dass die meisten

Leute hier Revolutionäre sind, sich als Revolutionäre

verstehen, ob sie jetzt Anarchisten sind oder

Kommunisten, davon bin ich zwar ausgegangen, aber das

ist nicht der Fall. Die Hälfte von den Internationalen, die

hier sind, hat eigentlich keinen politischen Hintergrund.

Dann gibt es natürlich ganz einfach unterschiedliche

Erfahrungen. Das zeigt sich auch darin, dass die Leute

ganz unterschiedliche Gründe nennen, warum sie hier

sind so.

Was ich zum Beispiel nie erwartet hätte, dass ich hier

in Rojava, im Tabûr, auf einen Antideutschen treffe.

Den gibt es hier und die Diskussionen über Israel und

Palästina, die haben wir abgebrochen oder die führe ich

nicht mehr. Dann geht es vielmehr um die Beweggründe,

um hier zu sein. Ich will Daesh töten, ich will hier lernen

und von den Revolutionären und Revolutionärinnen

Erfahrungen sammeln. Es gibt natürlich dann auch

ellenlange Diskussionen, die gar nicht zu Ende geführt

werden und immer mal wieder fortgeführt werden.

Das wirkt alles lebendig!

Sehr lebendig, ja, das passiert die ganze Zeit.

Und trotzdem ist man gemeinsam dann an der

Front.

Ja, ja, und auch nur deswegen findet glaube ich die

Diskussion statt. Also in Deutschland hätte ich schon

lange die Geduld verloren. Hier verlässt mich auch die

Geduld, aber das ist dann ein bisschen problematisch.

Aber in Deutschland hätte ich zum Beispiel die Diskussion

so nicht geführt oder irgendwann beim Thema Israel und

Palästina hätte ich die Geduld verloren.

Gelernt habe ich hier auch, dass ich auch mit jemandem

mit dem ich überhaupt nicht übereinstimme einfach

geduldig sein muss. Zudem sind wir alle gemeinsam

hier. Dadurch dass man im selben Boot sitzt, und wir

aufeinander angewiesen sind, selbst bei grösseren

ideologischen Widersprüchen und den verschiedenen

Meinungen, leidet das gegenseitige Vertrauen nicht. Wir

vertrauen uns gegenseitig. Aber in Deutschland wären

schon ein paarmal von meiner Seite aus die Fetzen

geflogen und das habe ich definitiv hier gelernt.

Man lernt hier, dass man auch die Einheit und die

verbindenden Elemente in den Vordergrund stellen

kann?

Ja es gibt auch keinen anderen Weg. Aus der Not heraus.

Es kann nicht jeder für sich.

38


Das ist aber eine wichtige Erfahrung!

Ja, das ist teilweise auch hart zu merken, dass wir im

selben Boot sitzen aber man verfolgt durchaus auch

dasselbe Ziel.

Was kann Rojava für uns bedeuten? Gibt es sonst

noch etwas, das du sagen willst?

Zusätzlich dazu, dass Rojava in den Wirren des syrischen

Bürgerkriegs seinen eigenen, einen dritten Weg gegangen

ist, ist Rojava für uns in Europa auch so wichtig, weil

es seit langem wieder die Möglichkeit einer anderen

Gesellschaft aufzeigt und uns eben eine fortschrittliche

Perspektive bietet. Seit Jahren versuchen wir in Europa

wieder revolutionäre Strukturen aufzubauen. Uns

gelingt es aber nur bedingt, den Leuten eine Perspektive,

abseits der kapitalistischen Ausbeutung oder der

kapitalistischen Barbarei, aufzuzeigen und hier in Rojava

wird diese Perspektive seit langem wieder greifbar oder

es wird versucht, diese Perspektive in die Wirklichkeit

umzusetzen und aufzubauen und darum ist es eben für

uns in Europa, oder für unseren Kampf, so wichtig.

Internationale Solidarität

Um die Kämpfe in Rojava und Bakur

zu unterstützen fanden in den letzten

Monaten und Jahren auch in zahlreichen

europäischen Städten Solidaritätsanlässe

und Demonstrationen statt. Für einen

proletarischen Internationalismus!

Ich will nochmals betonen, dass ich mich entschieden

habe hierher zu kommen, um Rojava aus der Nähe zu

betrachten, um zu lernen, um hier mitzukämpfen. Ich bin

nicht wegen des Krieges hier und hoffe, dass der Krieg

in Rojava bald vorbei ist, denn eine andere Gesellschaft,

oder gar eine kommunistische Gesellschaft werden wir

nicht in der aktuellen Kriegssituation aufbauen. Ich bin

nicht hier wegen dem Krieg und auch nicht unbedingt

scharf auf den Krieg. Wenn ich an die Front gehe, mache

ich das, weil ich lernen will und das gehört dazu zum

Lernen und zu den Erfahrungen, aber ich bin nicht scharf

darauf diese Erfahrungen zu machen, aber wenns sein

muss mache ich sie. Zuerst mal hoffe ich, dass alle Leute,

die hier sind und kämpfen wieder gesund und munter

nach Hause kommen auch wenn es wahrscheinlich nicht

der Fall sein wird aber hoffen und wünschen kann man

ja viel.


40


Titel Nanuk

«Man hat also eine direkte Erfahrung. Man

kann auf einmal von einer Utopie zu einer Praxis

kommen.»

Kannst du kurz sagen, wer du bist und seit wann

du da bist?

Ich bin Nanuk und bin jetzt ein bisschen über zwei

Monate hier. Ich bin seit zirka eineinhalb Monaten im

internationalen Tabûr.

Kannst du auch was darüber sagen, was deine

politische Geschichte ist, die dich hierher geführt

hat?

Ich habe eine klassische politische Laufbahn. Das

heisst, ich bin seit zwanzig Jahren im Antifaschismus

aktiv. Das heisst auch im militanten Antifaschismus und

in der linksradikalen Bewegung und ich komme aus

einer Grossstadt in Deutschland. Es ist so, dass das hier

eigentlich die Fortsetzung des Antifaschismus ist, wie

ich ihn in Deutschland gelebt habe. So sind es eigentlich

auch dieselben Beweggründe dafür, wieso ich mich aktiv

gegen Nazis geäussert und gekämpft habe und warum

ich heute hier bin.

Kannst du sagen, wie sich deine Entscheidung

hierher zu kommen entwickelt hat?

Es gibt seit vier Jahren einen Bürgerkrieg in Syrien. Da

wird gegen eine Diktatur gekämpft, es gibt zehntausende

Tote und das ganze wird von Europa völlig ignoriert.

Das war der Hauptgrund, warum ich letztes Jahr, das

heisst im im August 2014, in den Irak gegangen bin und

dort konkret Flüchtlingslager besucht habe. Wir haben

medizinisches Equipment und ein bisschen Kleinkram

für die Kinder hingebracht. Wir haben dort auch

Interviews mit den Peschmerga gemacht und ich war

kurz nach einer Operation in einem PKK-Gebiet. Dort

hab ich sehr viele Erfahrungen für mich gemacht, ich

konnte mir dadurch sehr viel erklären und habe mir ein

besseres Bild machen können.

Dann kam kurz darauf Kobanê und Kobanê war etwas,

was sehr, sehr präsent in der deutschen Presse war. Zu der

Zeit hatte ich eine Freundin hier, die jetzt auch hier ist,

und hier arbeitet. Sie bewirkt hier viel und ich hatte zu

der Zeit viel Kontakt mit ihr. Das war insofern wichtig,

als dass wir in Deutschland eigentlich ein Bild der

Verzweiflung der Menschen und des Kampfes gesehen

haben. Doch was mir hier vermittelt wurde, war

vielmehr, dass die Menschen in ihrem Kampf äusserst

hoffnungsvoll sind. Die Bilder, die wir in Deutschland

gesehen haben, haben etwas ganz anderes vermittelt.

Jedenfalls kam im Zuge dieser Kontakte dann auch die

konkrete Frage, „wann kommst du?“. Ich war damals

der Meinung, was soll ich da, wie kann ich da helfen?

Denn ich habe ja weder eine militärische Ausbildung,

noch kenne ich die Sprache. Ich hab auch keine andere

Qualifikation, die ich mitbringen kann. Ich bin kein

Ingenieur, der hier irgend etwas aufbauen kann oder

so.

Dennoch habe ich mich dann letztes Jahr im Dezember

dazu entschlossen hierher zu kommen. Ab Dezember

habe mich darauf vorbereitet; unter anderem mit einem

Sprachkurs und mit verschiedenen Kursen, die mir hier

helfen, zum Beispiel im Umgang mit Waffen. Im Juni

habe ich dann konkret das Datum abgemacht und bin

jetzt seit September hier.

Kannst du was zu deiner bisherigen Erfahrung

und deinen Eindrücken sagen?

Ich kann nochmal kurz was zu dem Thema davor

sagen, das heisst zu der Frage warum man hierher

kommt. Im Sommer und Herbst 2015 gab es einen

riesigen Flüchtlingsstrom aus Syrien nach Europa. Alle

haben die Bilder des kurdischen Kindes gesehen, das

im türkischen Meer ertrunken ist. Die Reflexe daraus

waren, betroffen zu sein oder wegzuschauen. Europa

hat auf Grund des Flüchtlingsstromes angefangen

Zäune aufzubauen, da die Toten des Mittelmeeres die

Menschen alleine nicht abgeschreckt haben. Europa

hat gesagt, wir müssen die bösen Schleuser jagen.

Doch das sind Menschen, die auf der Suche nach

Zukunft, nach Hoffnung und nach Glück sind. Hier

in Rojava entsteht eine Demokratie, hier entsteht eine

Gesellschaft und man hat hier die Möglichkeit, diese

Gesellschaft mitzugestalten, mitaufzubauen und auch

zu verteidigen. Das ist der Grund warum ich hier bin.

Man redet immer von Flucht und Fluchtursachen. Ich

glaube, die Fluchtursache liegt hier hauptsächlich im

Bürgerkrieg mit Assad. Es ist dies eine Situation, in

41


Aufstehzeit. Es gibt Pläne für die Wache oder für den

Küchendienstes und es gibt klare Regeln und Strukturen.

Zum Beispiel, dass man den ganzen Tag in seiner

Uniform zu sein hat. Man schläft hier in seiner Uniform.

Doch zurück zur Struktur: Man hat Wachdienst, man

hat Ausbildung an den Waffen, geht zum Frühsport

und trotzdem ist es stets ein Gefühl der Freiheit, das

ich vorher so nicht erlebt habe. Denn man bekommt

eine ganz andere Einstellung zur Zeit. Es geht nicht

mehr darum, welcher Wochentag heute ist oder welche

Termine ich habe, etwa wann ich wo wie arbeiten muss.

Dieses Gefühl der Freiheit besteht, obwohl es doch ein

ganz enges Konstrukt ist, in dem man sich bewegt.

Wir sind eigentlich ein bewegliches Tabûr. Wenn wir uns

aber nicht bewegen, sind wir hier und das ist ein fünfzig

mal fünfzig Meter grosser Platz, umgeben von einem

Schutzwall. Also es ist räumlich sehr eng und dennoch

ist dieses Gefühl der Freiheit unbeschreiblich. Gerade

solche Sachen musste ich aber auch immer reflektieren,

um sie für mich erklären zu können.

der die demokratischen Kräfte jahrelang allein gelassen

wurden und nun die islamistischen Kräfte sehr, sehr

stark wurden. Rojava gibt den Menschen hingegen

Hoffnung. Ja das Projekt hier gibt der ganzen Region

Hoffnung, denn vom arabischen Frühling ist nicht viel

übrig geblieben.

Und genau das war konkret meine Erfahrung in Kobanê.

Denn wann immer die Leute mich gefragt haben, warum

ich aus Deutschland hierher komme, da habe ich sie

gefragt, warum sie denn hier bleiben. Da haben sie

gesagt, sie sind sehr stolz auf Kobanê und sie verstehen

nicht, wie die Menschen fliehen können, wenn es hier

etwas aufzubauen gibt. Sie waren alle sehr, sehr dankbar,

dass wir aus Europa herkommen und aktiv mit unseren

Möglichkeiten helfen.

Doch nun zu meinen Erfahrungen im internationalen

Bataillon. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, wie

man hier helfen und wie man mitgestalten kann. Ich habe

mich im Moment für den militärischen Teil entschieden.

Man kann auch humanistische Arbeit leisten. Man kann

konkrete Sachen aufbauen. Man kann sich aber auch den

Tabûrs und dem Bataillon anschliessen.

Es ist alles sehr, sehr strukturiert hier. Es gibt eine feste

Das internationale Tabûr wird hauptsächlich von zwei

politischen Gruppen organisiert. Das ist einmal die MLKP

und dann die BÖG. Das sind beides türkische Parteien.

Die sind, sag ich mal, ideologisch sehr starr. Wir sind

meistens eine kleine Gruppe europäischer Freiwilliger,

die in diesem Tabûr sind. Das Zusammenleben kann sich

manchmal durchaus schwierig gestalten. Es gibt hierbei

natürlich die Sprachschwierigkeiten, denn wenn zwei

Drittel oder drei Viertel des Tabûrs Türkisch sprechen

und der Rest sich auf Englisch unterhält, ist das nicht

ganz einfach. Aber das wird alles irgendwie immer

organisiert.

Wir waren ungefähr zwei Wochen an dieser Stellung,

bevor wir in unserer eigentlichen Aufgabe als

bewegliches Tabûr an einer Operation teilgenommen

haben. Die Operation war eine Operation der YPG.

Da ging es erstens darum, im Bereich von Rojava

nach Şengal einen sicheren Korridor zu schaffen und

zweitens auch um einen Schlag gegen Daesh, der diese

hauptsächlich wirtschaftlich treffen sollte, weil es auch

gegen die Stadt Hol ging. Hol ist nämlich eine Stadt, in

der sehr viel Erdöl abgebaut wird. Als Bataillon wurden

wir in dieser Operation beweglich und haben dort an

diesem Angriff teilgenommen.

Was kannst du zu deinen Erfahrungen an der

Front sagen?

Ich habe sehr viel über die Taktik der YPG und über

die Struktur gelernt. Wenn man jetzt keinen harten

militärischen Background hat, dann sind das sehr viele

neue Erfahrungen. Beispielsweise haben wir uns als

Bataillon in zwei Taxims aufgeteilt; erstens in eine

offensiv und zweitens in eine defensiv.

42


Was sind Taxims?

Taxims sind grössere Einheiten. Es gibt erstens das

Tabûr. Dann ist das Tabûr unterteilt in zwei, drei Taxims

und ein Taxims ist unterteilt in Teams. Ein Taxim ist

sozusagen eine grössere Einheit. Als defensives Taxim

haben wir direkt an den Bergen die Front gehalten. In

den Bergen waren auch die Daesh Stellungen. Wir

wurden von Raketen und von Mörsern aus den Bergen

heraus beschossen.Wir haben diese Stellungen gehalten,

damit die offensiven Kräfte vorrücken konnten. Es war

eine Offensive, die 15 Tage gedauert hat.

Als persönliche Erfahrungen kann ich etwas von zwei

Tagen berichten, als ich direkt am Angriff beteiligt war.

Das waren die beiden Tage, an denen wir direkt Hol

angegriffen haben. Ich war in einer der beiden Angriffs-

Spitzen von jeweils 8 Leuten. Den ersten Tag haben wir

die Berge um Hol eingenommen und sind direkt bis auf

500 Meter an Hol ran. Am zweiten Tag sind wir dann

früh um sieben direkt nach Hol rein und haben Hol von

Daesh befreit.

Ich kann kurz berichten, was ich in Hol gesehen habe.

Es war auf jeden Fall eine Hochburg von Daesh. In

jedem Haus, in dem ich war, habe ich Daesh Utensilien

wie Fahnen, Propaganda, Zeitungen, CDs gefunden.

Militärisches Equipment war auch in jedem Haus.

Ich gehe davon aus, dass es viele Europäer waren,

die in Hol gelebt haben. Dies schliesse ich aufgrund

der Kleidungsstücke, die man dort gefunden hat oder

aufgrund der Bad-Ausstattung. Es gab beispielsweise

Sitztoiletten, die es sonst hier nicht gibt.

Daesh selber hat sich aber, nachdem es die ersten zwei,

drei Dörfer sehr hart verteidigt hat, rasch zurückgezogen.

Insgesamt gab es glaube ich 33 oder 34 Tote auf Seiten

der YPG. Die YPG spricht von 200 – 400 Toten Daesh.

Aber Hol selber hat Daesh sehr wenig verteidigt und sie

haben vorgezogen zu fliehen. Wir haben in Hol viele

fertige Autobomben gefunden. Ich selber habe vier Stück

gesehen. Das waren verminte Autos, die zu Bomben

ausgebaut wurden. Insgesamt gab es wohl sieben davon.

Es gab auch verminte Häuser und es gab Minen vor den

Dörfern. Mit drei dieser Autobomben wurden wir im

Kampf auch direkt angegriffen. Dabei gab auch Tote bei

uns. Die Operation war auch eine Zusammenarbeit von

der YPG und den westlichen Kräften. Es wurden sehr

viele Drohnen-Angriffe geflogen. Es war auch eine sehr

schnelle Operation, schneller glaube ich, als es die YPG

selbst erwartete.

gewonnen und kann sagen, wie es funktioniert. Ich kann

jetzt einschätzen, wie ich mit dem psychischen Druck, der

gegeben ist, wenn man an der Front ist, zurechtkomme.

Man muss auch sagen, dass das Zwischenmenschliche

manchmal schwierig ist. Die Versorgungslage ist nicht

immer gut. Das heisst, dass es halt doch Entbehrung und

Warten gibt, aber das ist eben so in solchen Kriegen. Es

wird neue Offensiven geben. Es gab neuerdings vermehrt

Zusammenarbeit mit der syrisch-demokratischen

Armee. Das sind arabische Kräfte, mit denen die YPG

zusammenarbeitet, die das Gebiet nach uns dann weiter

kontrolliert und halten wird. Das ist wichtig für die Zeit,

wenn es dann gegen Rakka gehen wird und wenn es

dann der Zusammenschluss von Rojava und Afrin (der

dritten Kanton) geschehen soll.

Was willst du den Revolutionären und

Revolutionärinnen in Europa sagen? Wie kann

revolutionäre Solidarität nebst dem Weg, den du jetzt

eingeschlagen hast, aussehen?

Dieses Rojava ist ein historischer Moment, es ist

eine historische Chance. Es bildet sich hier eine neue

Gesellschaft heraus. Es bildet sich eine ganz neue

Demokratie und man hat die Chance, sich daran zu

beteiligen. Man hat hier die Chance mitzugestalten und

es ist eine Möglichkeit, hier revolutionäre Praxis zu

erfahren, auch unabhängig vom militärischen Bereich.

Man kann auch herkommen und in andern Projekten

arbeiten.

Man bekommt also immer eine direkte Erfahrung. Man

kann hier auf einmal von einer Utopie zu einer Praxis

kommen. Es ist eine Chance, die wir haben, denn sonst

sitzen wir in Europa und träumen nur von einer besseren

Welt und davon, was man alles ändern möchte. Hier aber

kann man mit den Menschen zusammenarbeiten, man

kann an den wirklichen Ereignissen arbeiten und kann

sehen, wie es wirklich funktioniert.

Und man kann sehen, dass es funktioniert.

Und dass es funktioniert genau! Aber auch, dass es

noch viel zu zu tun und zu arbeiten gibt. Man kann

also nicht nur lernen, man kann auch teilhaben. Es ist

eine Möglichkeit für Revolutionäre in Europa, dass sie

von ihrer Utopie in die Praxis gehen können und diese

Möglichkeit, die gibt es glaube ich nicht oft.

Was ist deine Bilanz aus dieser Erfahrung?

Meine Bilanz ist, dass ich, wenn ich Rojava verlassen

werde, wiederkomme und dass ich länger hier bleiben

werde und mich weiterhin in dem militärischen Bereich

engagieren werde. Ich habe jetzt einen Eindruck

43


Titel Internationalist III

«Man findet da Hoffnung wie ein Geschenk.

Mit so wenig führen da die Menschen ihre

Revolution. Sie geben ihre Zeit und arbeiten,

haben den Willen weiter zu machen.»

Kannst du uns sagen, wer du bist, woher du

kommst und was dein politischer Hintergrund ist?

Ich komme aus den Pyrenäen. Das sind die Berge

zwischen Spanien und Frankreich. Ich stamme aus

dem Baskenland. Meine ersten politischen Erfahrungen

habe ich in einer antimilitaristischen Bewegung

gemacht. Es gab früher eine grosse Bewegung gegen

die Militärpflicht, das heisst gegen die Pflicht im Militär

oder auch im Zivildienst zu dienen. Darin lag mein

politischer Anfang. Ich bin Anarchist und immer am

lernen, denn man entwickelt sich beständig weiter. Meine

persönliche Entwicklung und Erfahrung beinhaltete

vieles; vom Antimilitarismus bis zur Ökologie oder

zum Antifaschismus. Dazu gehörten immer auch direkte

Aktionen. Ich orientierte mich nicht so sehr nach

grösseren Aktionen, sondern wir haben oft versucht

Sachen mit Freunden zu organisieren; bei uns heisst

das Affinitäts-Gruppen. Natürlich haben wir auch mit

anderen Leuten und anderen Organisationen gearbeitet.

Wir waren beispielsweise in Prag und in Genua wegen

all diesen Gipfeltreffen, wie beispielsweise dem G8. In

Prag war es noch schön, da hatten wir noch Hoffnungen,

dass wir den Kampf aufnehmen können. Genua war

hingegen eine grosse Enttäuschung. Politisch hat das

weh getan, denn es war klar, es gab viele Trennungen,

viel Dogmatismus und das hat eine grosse Zersplitterung

in der Bewegung provoziert.

Dann haben wir uns in unserer Arbeitsweise mehr auf

kleine Gruppen konzentriert. Das bedeutete vor allem

etwas in unserem Gebiet, in unserem Viertel oder in

unserem Dorf zu machen. Dort betätigten wir uns

durch Besetzungen und andere Arten von Aktionen;

angefangen mit Sabotage bis hin zum Druck von kleinen

Zeitungen oder einfach Sprays, Graffiti Aktionen was

auch immer. Es war aber immer klar, dass man etwas

Direktes machen muss; aber es braucht auch einen

Austausch mit der Gesellschaft, sonst bleibt man alleine.

Wir haben an vielen verschiedene Aspekten der

sozialen Bewegungen teilgenommen und gelernt,

viele Enttäuschungen erlebt und versucht uns wieder

neu aufzubauen. Klar man ist ab und zu in den Knast

gekommen, ab und zu in die Klandestinität gegangen,

hat versucht verschiedene Wege zu entwickeln, mehr

Leute zu erreichen. Man war halt immer in Bewegung.

Das war ungefähr meine politische Laufbahn. Dann hatte

ich am Anfang dieses neuen Jahrhunderts den Eindruck,

dass es in Europa oder im Baskenland und in Spanien

nicht mehr so viel zu machen gab. Das ist ja eigentlich

falsch, im Gegenteil man muss alles machen. Aber wir,

meine Freunde und ich, fühlten Grenzen, weil am Ende

alles zu Strafen führte, das heisst ins Gefängnis, obwohl

sich eigentlich nicht viel in der Gesellschaft veränderte.

Wir haben dann in unserem kleinen Kreis überlegt,

wie wir weiter gehen sollen. Wir haben in den Städten

Besetzungen gemacht und da kam die Frage, ob es in

den Städten überhaupt möglich ist, mehr zu machen. Der

Feind ist gross und was kann man in einer so grossen

Gesellschaft mit all diesem Konsum in seinen immensen

Dimensionen tun? Klar, man kann vieles durch

direkte Arbeit mit Menschen machen und man kann

den Menschen auf der Strasse direkt helfen. Aber als

Kollektiv war es sehr schwierig, weil man immer damit

konfrontiert war, dass wenn man sich selber wirklich

treu bleibt, man am Ende in den Knast gehen muss.

Und im Knast, es tut mir leid, dass sagen zu müssen,

kann man nicht viel machen, man ist eben eingesperrt.

Dann gingen wir in die Berge, das ist ein freier Ort. Da

wird man nicht kontrolliert und man kann versuchen freie

autonome Gebiete zu schaffen. Man kann ein Haus in den

Bergen besetzen, oder auch kleine Dörfer, die verlassen

sind. Das wird auch gemacht. Aber irgendwann ist auch

das eine Enttäuschung, weil jedes Mal, wenn man was

versucht, kann man zwar kleine Erfolge erzielen aber

dennoch resultiert daraus nie etwas grösseres. Wir haben

die Erfahrung gemacht, wie man mit wenigen Mitteln

und kollektiv arbeiten kann, aber man bleibt isoliert, das

alles prägt die Gesellschaft nicht. Man kann zwar stolz

darauf sein, was man geleistet hat und es bleibt dieses

Kollektiv. Es bleibt auch die Auseinandersetzung in den

Kollektiven und das geht natürlich auch weiter. Man

hinterlässt schon einen Eindruck, denn hier in Europa, in

unseren Gesellschaften, gibt es nicht vieles zu erschaffen.

44


Und dennoch, in einem grösseren Rahmen betrachtet,

sind wir in den Bergen stets isoliert geblieben.

Irgendwann bin ich dann in eine Grossstadt nach

Deutschland gezogen. Davor war ich in einem kleinen

Dorf in den Pyrenäen, wo es keine Menschen gab. Der

Umzug war im politischen Sinn eine Enttäuschung. Ich

war schon 1994 in Deutschland und wenn man vergleicht

wie es damals war, war das eine grosse Enttäuschung.

Ich habe nicht die gleichen Menschen getroffen, die ich

von früher kannte und die sozialen Bewegungen waren

abgebaut. Hier in Deutschland habe ich eine ironische

Linke gefunden. Ich hatte den Eindruck, die Menschen

haben sich unterdrücken lassen. Es gibt keinen

Widerstand mehr. Wir gehen auf Demos und die Bullen

kommen und sie können sagen, das kannst du sagen, das

nicht, das kann auf deinem Plakat stehen, das kann da

nicht stehen.

Es gibt sehr schöne Veranstaltungen, Performances,

alles sehr kunstvoll. Es gibt trotzdem Initiativen, die

sehr schön sind aber eben nicht kämpferisch. Ich glaube

die Menschen, die Linke hier in Deutschland, haben sich

kaufen lassen. Es gibt viele Stiftungen und die Leute

sitzen in ihren Stiftungen und in neuen Büros, wo sie

Co-Work machen. Aber was bleibt am Ende davon? Die

Strasse ist verloren.

Wir bleiben hier in unseren schönen Vierteln in Kreuzberg.

Macht jemand die Arbeit in der Peripherie, wo die

Nazis Platz gewinnen? Wo ist die Zusammenarbeit mit

den Flüchtlingen oder mit den KurdInnen oder mit den

TürkInnen? Eigentlich gibt es hier Menschen aus 140

Ländern und wir bleiben unter uns. Mir gefällt die Arbeit

auf der Strasse. Es gefällt mir, nicht nur in unserem Kitz

zu bleiben.

Aus persönlichen Gründen konnte ich aber nicht

vieles machen, weil ich von Spanien eine Strafe auf

Bewährung habe. Deswegem bin ich nicht so frei,

weil ich sonst in den Knast gehe. In Spanien hatte ich

Freunde, wir kennen uns seit Jahren und dann lande ich

hier, wo die Menschen, die ich kannte nicht mehr da

sind. Ich glaube um bestimmte Sachen zu machen und

zu organisieren braucht man persönliches Vertrauen.

Dann bin ich ins östliche Grenzgebiet gegangen und da

war die Enttäuschung noch grösser, weil das ein braunes

Gebiet ist. Da können die Nazis ganz frei ohne Probleme

ihre Plakate an den Strassen plazieren. Die Leute da stört

das nicht, die sind wahrscheinlich bei der NPD. Es war

krass zu sehen, wie sich das entwickelt hat. Ich hatte mir

das für Deutschland nicht vorstellen können, dass die

Rechte so grosse Schritte nach vorne macht. Man weiss,

die Leute da, die haben Waffen und es passiert nichts.

Ich hatte trotzdem gute Erfahrungen gemacht, vor

allem mit Kindern. Ich hatte da allein und spontan

antifaschistische Erziehung gemacht. Dann bin ich

wieder in die Grosstadt gegangen und irgendwann

habe ich dieses Plakat auf der Strasse gefunden:

Eine Solidaritätsparty und Aktionen für Kobanê und

Unterstützung der Internationalen Brigaden, die ein

Krankenhaus bauen wollten. Ich war überrascht, weil

das war im Juni letztes Jahr und ich hätte nicht gedacht,

dass die Möglichkeit da einen Wiederaufbau zu leisten so

schnell kommen würde. Kobanê wurde im Januar letztes

Jahr wieder erobert und im Juni gab es dann schon einen

richtigen Wiederaufbau! Ich interessierte mich dafür

und dachte, vielleicht ist jetzt die Gelegenheit, da was

zu machen. In der Vergangenheit hatte ich schon meine

ersten Erfahrungen mit KurdInnen gemacht. Ich bin

Baske und natürlich gibt es ein Gefühl der Empathie.

Was den KurdInnen angetan wird und was uns passiert,

ist ähnlich und doch sind es andere Umstände. Europa ist

nicht Kurdistan.

Und so habe ich gedacht, irgendwann würde ich gerne

diesen Kampf unterstützen. Einige Zeit später war ich im

Baskenland und da hatte ich eine Begegnung mit einer

kurdischen Familie. Geblieben ist das Gefühl diesen

Menschen etwass zurückgeben zu wollen, was die mir

gegeben haben. Wieder in Deutschland sagte ich mir, ich

muss nur ein paar Arbeitstermine absagen, dann habe ich

Zeit; ich habe die Beine und die Hände, ich gehe einfach

hin und schaue mir diese Revolution an. Mein Gefühl

sagte mir, dass das richtig ist. Ich habe mich informiert

und dann bin ich im August letztes Jahr einfach nach

Kobanê gegangen. Das war zwischen August und

September 2015.

Was hast du dann dort erlebt? Hast du da gefunden,

wonach du gesucht hast?

Ich war nicht richtig auf der Suche, ich war spontan

da gelandet. Ich fragte mich, was kann ich da arbeiten,

dann habe ich gedacht, ich habe meine Hände, da

kann ich mindestens die Strassen reinigen. Ich bin

eigentlich mit einer Gruppe des internationalen

Komitee der revolutionären Organisationen (ICOR),

einer Gruppe der MLPD, der Marxistisch Leninistische

Partei Deutschlands, hingegangen. Da habe ich gute

GenossInnen um mich gehabt. Mit den Menschen vor

Ort haben wir zusammen gearbeitet und den Alltag mit

ihnen verbracht. Das waren Erlebnisse mit den Menschen

in Kobanê, die trotz allem da geblieben sind, trotz den

Daesh, trotz dem Druck der durch den Boykott da war,

trotz dem Krieg, den die Türkei gegen sie führt.

Diese Menschen haben teilweise nicht einmal ein

richtiges Haus. Zum Teil stehen da noch zwei Wände

ohne Dach, dann machen sie eine Plane drüber und

führen ihr Leben weiter. Sie bleiben da und verteidigen

sich. Wer da hin kommt, ist willkommen. Das eigentlich

Revolutionäre dabei ist, ohne etwas zu haben, das Leben

weiter zu führen. Und dies mit Respekt für alle Menschen,

die als Nachbarn und Familien da geblieben aber auch

45


für die, die neu gekommen sind. Denn es kommen auch

Flüchtlinge aus Syrien. Die haben auch alles verloren

und sind ohne etwas nach Kobanê gekommen. Denn das

ist jetzt ein sicheres Gebiet und obwohl die Front nur

35km entfernt ist, sind die befreiten Gebiete natürlich

die weitaus besseren Orte, als direkt an der Front leben

zu müssen.

Dadurch findet man dort Hoffnung wie ein Geschenk.

Mit so wenig führen die Menschen ihre Revolution. Sie

geben ihre Zeit und arbeiten, und haben dennoch den

Willen weiter zu machen. Sie kümmern sich um ihre

eigenen und die kollektiven Bedürfnisse. Die Waffen

sind wichtig, weil ohne Waffen wäre diese Revolution im

Moment leider nicht möglich. Man muss die Menschen

verteidigen und die Dörfer, die Städte und das Land.

Die Waffen, das sind nur alte Kalaschnikows. Mit diesen

Kalaschnikows und ihrem Willen kämpfen sie weiter und

man wundert sich, wie das möglich ist. Nach drei, vier

Jahren mit so starken Feinden führen diese einfachen

Menschen einen Verteidigungskampf und sie haben so

grosse Schritte gemacht. Es gibt die Kräfte der YPG.

Diese Milizarmee wird durch die Menschen getragen,

die teilweise an der Front kämpfen und teilweise auf

den Baustellen arbeiten. Die hauen auch nicht ab, die

bleiben da. In Europa hört man Fragen, ob das eigentlich

eine Revolution ist – tut mir leid, jetzt werde ich über

das typische deutsche oder europäische Verhalten etwas

sagen: Die Leute insistieren beispielsweise, dass es da

aber doch noch Privatbesitz gäbe, wo also ist eigentlich

eine Revolution. Dazu kann ich nur sagen: Ja, es ist eine

Revolution.

Die Wiedereroberung Kobanês ist der YPG zu verdanken.

Die haben einen Hintergrund von 40 Jahren Kämpfe,

sowohl in der Türkei als auch im Iran oder im Irak. Sie

haben dabei etwas gelernt und entwickelt. Als eine der

ersten Aktionen nach der Wiedereroberung Kobanês, das

hat mich sehr berührt, haben sie den Kindern in Kobanê

einen Film gezeigt. Das war dieser Film von Charlie

Chaplin, ‚der Kid‘. Die Kinder haben viel Schweres

erlebt und sie haben diesen Kindern damit wieder ein

bisschen das Lachen zurückgebracht. 4 Tage lang haben

sie für alle Kinder in Kobanê ‚der Kid‘ gezeigt. Das

ist auch revolutionär. Welche Menschen kommen auf so

eine Idee?

Das trifft auch auf die Menschen zu, mit denen ich

zusammen gearbeitet habe. Jeden Tag geht man arbeiten.

Um 5 Uhr aufwachen, am Mittag ist es an der Sonne 40

Grad, aber diese Menschen verlieren das Lachen nicht.

Man kann diese Menschen nicht alles fragen. Wenn

man fragt, hast du Familie, dann müssen sie vielleicht

antworten, ich habe fünf Geschwister verloren und auch

meinen Vater. Dennoch sind sie mit dir bei der Arbeit

und zeigen keine Trauer und keine traurigen Gesichter.

Im Gegenteil, sie kommen zu dir und sie singen und

sie versuchen dich zu verstehen. Sie sind neugierig,

wollen wissen, was du in deinem Alltag machst und

sie versuchen zu lernen. Die Sprache konnte ich nicht

sprechen. Aber dann singen wir miteinander und stell dir

vor, ich habe sogar Geschichten auf baskisch erzählt.

Die konnten sie nicht verstehen und trotzdem erzählte

ich ihnen eine baskische Dichtung und sie hörten zu.

Man macht sich Gedanken wegen dem bewaffneten

Kampf, das ist ja auch eine moralische Entscheidung.

Als ich im Sommer in Kobanê war, gab es eine Situation,

wo ich fast geblieben wäre. Es war mir klar, wenn jetzt

ein Angriff kommt, dann bleibe ich hier und werde

kämpfen. Zum Glück ist das nicht passiert. Da habe ich

auch andere Menschen getroffen und erneut habe ich fast

die Entscheidung getroffen dort zu bleiben und die Waffe

46


zu nehmen. Da redete ich mit ein paar Internationalen

von der YPG und die haben gesagt, wir brauchen dich

jetzt auf der Baustelle. Uns ist es wichtiger, dass du diese

Arbeit als Zivilist, als Bauarbeiter leistest. Wir brauchen

ein Gesundheitszentrum, wir brauchen ein Krankenhaus.

Da habe ich gedacht, die haben recht. Meine zwei Hände

sind nicht viel aber ich war nicht alleine und wenn acht

Hände zusammen kommen, leisten die viel Arbeit. Da

gibt es auch keine Maschinen, richtige Maschinen meine

ich. Da bin ich eben auf der Baustelle geblieben.

Ich hatte aber noch Verbindungen zuhause und musste

deswegen zurückkommen. Ich hatte nicht geplant

längere Zeit weg zu bleiben und ich konnte auch den

Menschen nicht einfach die Verantwortung übergeben,

sich um meine Sachen zu kümmern.

Zurück in Deutschland war die Sehnsucht aber enorm.

Es schmerzte nur Informationen zu bekommen, wie sich

die Dinge in Rojava entwickelten. Dann kam die Frage,

wann gehe ich zurück? Wie kann ich das überhaupt

machen? Ich muss noch ein paar Sachen hier erledigen,

bevor ich wieder gehen kann. Ich lerne jetzt auch

Kurdisch, Kurmancî und irgendwann gehe ich zurück.

Und dann willst du dich den YPG anschliessen?

Ja, ich weiss nicht wie und ich weiss auch nicht welche

Einheit aber das wird sich von selbst ergeben. Es gibt

verschiedene Möglichkeiten. Es gibt das Internationale

Bataillon oder es gibt die YPG. Ich glaube, ich muss

zuerst dort sein und bis dann kann ich nicht sagen, ich

will da oder dort hin. Ich muss sehen, was die Menschen

dort wollen. Ich habe etwas Angst, weil man sieht, dass

alles sehr fragil ist. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass

die Dinge nicht ewig dauern. Freunde von mir sagen das

immer so: wir sind jetzt hier es gibt nur den heutigen Tag.

Heute, das heisst jetzt, versuchen wir alles zu machen.

In Rojava gibt es das Soziale, das Militär, das

Revolutionäre, das Politische und das Ökologische.

Doch das alles läuft zusammen. Man kann nicht sagen,

wir müssen zuerst den Krieg gewinnen und dann machen

wir weiter, das geht nicht. Alles läuft gleichzeitig. Meine

Angst gilt diesen Umständen.

Wie lange das dauert, weiss man nicht. Das ist auch

eine persönliche Sache. Denn vielleicht kann ich dieses

Jahr gehen, ich weiss es nicht. Jeden Tag, den ich hier

verbleiben muss, denke ich, bitte macht weiter, wartet

auf mich. Ich fühle, dass ich da notwendig bin. Es gibt in

Kobanê einen kleinen Containerplatz, wo die Leute mit

Behinderungen, Kriegsbehinderungen, aufgenommen

werden. Da gibt es ein kleine Gruppe von 10 vielleicht 15

Therapeuten und Therapeutinnen. Die müssen sich um

12‘500 Leuten kümmern, die durch den Krieg verletzt

wurden.

Ein anderer spezieller Ort ist der Friedhof von Kobanê.

Da sieht man die Gräber. Da liegen Menschen, die sind

1992, 1995 geboren. Ich trainiere Kinder, die bald so

alt sein werden und ich denke, so, es ist genug! Es ist

genug! Ich bin hier und ich habe meine Händen und

ich will keinen Menschen töten aber ich will diese

Menschen verteidigen. Diese Kinder übernehmen viel

Verantwortung, nicht nur in den Kämpfe, auch im Alltag.

Sie müssen die Familie unterstützen, müssen bei ihrer

Arbeit grosse Verantwortung übernehmen. Ich sehe sie

nicht mehr als Kinder, ich selbst bin nicht so fähig wie

diese Menschen.

Das ist auch ein Grund, wieso ich wieder gehen will.

Es gibt Menschen, die füreinander Arbeit leisten,

die notwendig ist, so wie diese Therapeuten und

Therapeutinnen und dann gibt es solche, die wünschen

sehr, dass sie woanders sein könnten, beispielsweise nicht

an der Front. Und dort lägen auch meine Möglichkeiten.

Denn ich bin fit, ich bin gesund und ich liebe die Freiheit.

Aber ich finde Freiheit kann man nur geniessen, wenn

man sie teilen kann und wenn alle anderen auch frei

sind. Ich klettere in den Bergen aber wenn ich das nicht

teilen kann oder wenn ich es nicht schaffen kann, dass

jeder der will das erlebt, dann relativiert sich das. Diese

Freiheit hat einen Sinn, wenn wir alle dafür kämpfen,

dass alle Menschen diese Freiheit haben.

Das ist die Motivation, aus der heraus du dich jetzt

darauf vorbereitest wieder zurück zu gehen?

Ja, vor allem wegen den Menschen die ich da getroffen

habe, weil die sind ja dort geblieben, und irgendwann

stehen sie entweder hinter einer Barrikade, wenn die

Front zu ihnen kommt oder sie müssen selbst an die

Front gehen. Und diese Menschen darf man nicht alleine

lassen.

Die Einsamkeit kann Menschen kaputt machen. Ich

glaube jede/r der politischen RevolutionärInnen versucht

zu kämpfen und oft fühlen wir uns alleine. Und in Kobanê,

in Rojava, da haben die KurdInnen, die FreundInnen

diese Einsamkeit genommen und sie kaputt gemacht. Du

hast vorher gesagt, da ist man nie alleine und das ist so,

denn dort gibt es immer zwei Augen in deiner Nähe und

es gibt auch eine Hand, die zu dir kommt und ich glaube

es ist auch ein menschlicher Aspekt zu sagen, wir sind

nicht alleine.

47


Mahid Eahir

«Vielleicht werde ich im Krieg in Rojava schon

in zwei Tagen ums Leben kommen, aber das

ist für mich nicht wichtig. Für mich ist aktuell

wichtiger, dass ich den Kapitalismus nicht

akzeptiere.»

Kannst du dich kurz vorstellen?

Mein Name ist Mahid Eahir. Ich komme ursprünglich

aus Europa und bin 28 Jahre alt. Was mich nach

Rojava brachte? Das hat eigentlich damit angefangen,

dass ich mich für revolutionäre politische Aktivitäten

entschieden habe. Da ich viel gesehen und gelernt habe,

weiss ich, dass es die Aufgabe eines Revolutionärs ist,

die Revolution aufzubauen. Das beginnt mit der eigenen

Person.

Wenn man für sich ein neues Leben, ein alternatives

Leben zum Kapitalismus aufbauen will, muss man

mit der Arbeit an sich selber anfangen. Wir sind in der

kapitalistischen Welt aufgewachsen und wir sind vom

Kapitalismus beeinflusst, deshalb muss der Kampf

immer bei sich selber beginnen. Wenn man diesen

Kampf mit sich selber führt, kann man ihn auch für eine

bessere Welt führen.

Dieser Kampf bedeutet, dass man gegen die

eigenen Gewohnheiten, das heisst primär gegen die

kleinbürgerlichen Angewohnheiten kämpfen muss.

Diese kleinen Angewohnheiten produzieren letztlich

nämlich den Kapitalismus. Sie wieder loszuwerden,

dazu dient der Kampf für sich selber. Ein Kampf für

Disziplin und für ein kollektives Leben ist deshalb

ebenso wichtig wie der ideologische Kampf, den wir für

sozialistische Verhältnisse führen. Das betrifft für mich

alle Beziehungen, das heisst, solche mit den Menschen,

zur Umwelt, zur Politik und so weiter. All das führt

irgendwann dann zur Revolution.

Meine eigene „Revolution“ hat mich nach Rojava

gebracht, denn Rojava ist eine Revolution und meine

Aufgabe ist es die Revolution mitaufzubauen. Es ist

eigentlich ganz einfach: Wo eine Revolution ist, da

gehört ein Revolutionär hin, dafür bin ich da; aber

natürlich nicht nur dafür.

In Rojava gibt es sehr viele Möglichkeiten, für

alle Menschen der Welt. Rojava ist ein Ort für ein

alternatives Leben. Es ist der Ort für eine alternative

Gesellschaft und das ist der Weg, für den ich mich

entschieden habe. Was das für mich bedeutet, kann es

auch für andere bedeuten. Eine solche Entscheidung den

Weg der Revolution einzuschlagen kann von der ganzen

Menschheit getroffen werden. Somit ist es letztlich keine

egoistische Entscheidung, die ich getroffen habe. Die

Entscheidung hierher zu kommen, ist eine Entscheidung

für die Zukunft aller Menschen.

Vielleicht werde ich im Krieg in Rojava schon in zwei

Tagen ums Leben kommen, aber das ist für mich nicht

wichtig. Für mich ist aktuell wichtiger, dass ich den

Kapitalismus nicht akzeptiere. Das heisst, dass ich das

Leben, das der Kapitalismus mir anbietet nicht leben

will. Ich will Sozialismus und ich würde, wenn andere

dadurch in einer sozialistischen Welt leben können, für

diesen Kampf auch sterben.

Du bist aufgebrochen aus deinem Leben und

bist hier als Mensch gewachsen. Kannst du etwas

über dein politisches Wachsen vermitteln über die

Erfahrungen, die du hier machen konntest?

Politisches Wachsen das ist so: Die Revolution bringt

den Menschen immer vieles bei. Doch hier haben wir

den Krieg, da ist alles sehr klar. Denn was letztlich unser

Ziel ist, und das gilt für alle Menschen in der Welt,

sieht man hier sehr klar. Auf der einen Seite herrscht

die von den ImperialistInnen, den kapitalistischen

Ländern unterstützte Barbarei. Konkret bedeutet das hier

Vergewaltigung und Massaker. Auf der anderen Seite

erleben wir hier eine Freiheit. Und dies ist die Alternative

zur Barbarei; es ist dies ein kollektives Leben.

Wenn man hierher kommt, ist der Unterschied zwischen

den beiden Möglichkeiten und der Kampf darum sehr

sichtbar und das ist ansteckend. Du kannst das nicht

mehr los werden, weil du siehst, so ist Leben. Du siehst

all diese Unterschiede zwischen einem richtigen Leben

und einem Leben irgendwo im Cyberspace.

Du bist hierher gekommen und standest am

Anfang von deinem Prozess. Was für Etappen hast

48


du bis heute durchlaufen?

Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten gehabt, weil auch

ich beeinflusst war vom kapitalistischen Leben. Es war

beispielsweise schwierig für 20 Leute zu kochen. Es

war schwierig mit anderen zusammen zu arbeiten. Es ist

schwierig gewesen, Arbeiten selbständig zu machen, und

es war auch schwierig die Kritik von den GenossInnen

zu verstehen. Manchmal sieht man das nicht so, aber die

Kritik gilt eigentlich den Gewohnheiten, die man aus

dem kapitalistischen Leben mitgebracht hat, nicht den

Menschen an sich.

Mit der Zeit versteht man das, mit der Zeit sieht man

besser, wofür der Kampf hier ist. Der Kampf ist nicht

gegen den Menschen, gegen die Person, der Kampf ist

gegen die Gedanken, gegen die Angewohnheiten der

Menschen. Das sieht man dann, aber natürlich ist es

schwierig, das alles von Anfang an zu verstehen. Man

versteht es erst mit der Zeit.

Manchmal ist man wütend, manchmal versteht man nicht

ganz, was eigentlich gemeint ist, aber irgendwann wurde

auch das zu einer Etappe für mich. Es ist sozusagen eine

Aufbauarbeit, die man erleben muss. Für mich ist das

also auch ein Prozess gewesen und dieser Prozess geht

immer weiter. Es ist nie zu Ende, es geht immer weiter

und weiter.

Man darf nicht aufhören auch wenn man glaubt, die Arbeit

ist getan, wenn man denkt es ist fertig, dann macht man

Fehler und dann fällt man zurück. Das Leben produziert

sich immer neu und wir als RevolutionärInnen müssen

uns ebenfalls täglich neu reproduzieren, sowohl politisch

als auch ideologisch und das muss man offensiver lernen.

Man muss immer offen sein, damit man etwas von den

Menschen und von den GenossInnen lernt und von der

Revolution und von politischen Prozessen. Das ist im

Aufbauprozess für RevolutionärInnen wichtig.

Was denkst du über die aktuelle Entwicklung,

die in Rojava läuft, auch mit den verschiedenen

Operationen, die angefangen haben und die Schritt

für Schritt vorwärts gehen. Kannst du dazu was

sagen?

Es ist so, dass YPG, MLKP, BÖG, TIKKO und die

anderen revolutionären Kräfte, die da sind, einen grossen

Sieg gegen Daesh errungen haben. Wenn Daesh nicht

weitergekommen und nicht grösser geworden ist, gibt

es dafür nur einen einzigen Grund, und das ist die YPG

und die revolutionären Kräfte, die hier unterstützen und

in diesem Krieg kämpfen und auch zu MärtyrerInnen

wurden.

Daesh ist nicht nur ein Problem für den Mittleren Osten,

Daesh ist ein Problem für die ganze Welt. Das hat man

in Belgien gesehen, das hat man in Frankreich gesehen

Wer war Ivana Hoffmann?

Ivana Hoffmann wurde am 1. September 1995 in

Emmerich geboren. Sie starb am 7. März 2015

im Alter von 19 Jahren in Tel Timir, ermordet von

den Terroristen des IS. Ivana lebte als mutige

Internationalistin, als Freiheitskämpferin und ist

für viele heute schon ein Zeichen der Hoffnung.

Ivana lernte 2009 die „Bildungsstreik“-

Bewegung in Duisburg kennen und wurde in

diesem Zuge zum ersten Mal politisch aktiv.

Später begann sie sich gegen Missstände und

Ungerechtigkeit einzusetzen, organisierte

den Bildungsstreik in Duisburg und nahm an

zahlreichen Aktionen wie dem Revolutionären 1.

Mai, den Blockupy-Protesten, antifaschistischen

Demonstrationen und Aktionen gegen

Frauenunterdückung und Sozialkahlschlag teil.

Auch der Klassenkampf interessierte sie zunehmend

und sie organisierte sich in der Jugend der

Marxistischen Leninistischen Kommunistischen

Partei (MLKP) der Türkei/ Kurdistan, der KGÖ

(Kommunistische Jugendorganisation). Im Sommer

2013 beteiligte sie sich an einer Delegation, die an

einem politischen Jugendcamp und verschiedenen

Demonstrationen in der Türkei teilnahm.

Im Frühjahr 2014 ging Ivana nach Rojava um dort

gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort gegen die

religiös-faschistischen Banden des IS zu kämpfen

und die Bevölkerung vor weiteren Massakern, Mord

und Vergewaltigungen zu schützen. In Rojava war

sie Teil einer Einheit internationaler KämpferInnen

aus verschiedenen Ländern Europas, die in den

Reihen der MLKP gegen den IS kämpfen.

Mehr Infos zu Ivana: https://ivanahoffmann.

wordpress.com/

49


und das hat man auch in Amerika gesehen. Daesh ist ein

Problem für die Menschheit und die Menschlichkeit.

Und darum geht es im Kampf der YPG schliesslich und

deswegen hat dieser Kampf auch einen internationalen

Charakter.

Wir haben mittlerweile einige Siege hinter uns. Wir

haben Kobanê erobert, wir haben Girê Spî erobert, wir

haben Şengal von Daesh gereinigt. Wir sind jetzt bei

Minbic und wenn dann die Unterstützung aus Rojava

zusammenkommen, dann wird auch das ein Erfolg. Bei

unseren Siegen verliert nicht nur der Daesh, sondern auch

die Türkei. Und schliesslich werden auch alle die Länder

verlieren, die Daesh unterstützen, sei dies öffentlich oder

sei dies heimlich. Der Kampf, den wir führen, ist nicht

nur gegen Daesh, sondern auch gegen die kapitalistische

Barbarei in der Welt. Darum kämpfen wir auch nicht nur

gegen Daesh, wir kämpfen auch gegen den Kapitalismus

und gegen den Imperialismus.

Daesh hat mittlerweile viel Kraft verloren. Darum

suchen sie auch nach neuer Unterstützung. Darum

machen sie auch solche Angriffe wie in Amerika, wie in

Frankreich oder in Belgien. Sie versuchen damit unter

den islamischen Völkern Propaganda zu machen, sie

versuchen deren Gedanken zu verändern. Sie versuchen

die Barbarei und den Islam zusammen zu bringen. Das

ist aber für die islamischen Menschen, die einen richtigen

Glauben zum Islam haben, eine Beleidigung.

Das sieht man ja eigentlich auch in Rojava. Alle

Muslime, alle SyrierInnen, das ganze ezidische Volk,

alle alevitischen Völker, alle SchiitInnen, sie alle

können eigentlich zusammen leben. Das ist ein seltenes,

alternatives Leben. Und genau das meinen wir, wenn wir

sagen, dass die Völker eigentlich Brüder und Schwestern

sind. Aber der Staat und der Kapitalismus produzieren

ein Denken, das dem widerspricht. Diese Ursachen zu

kennen ist wichtig.

Ein letzter Punkt ist die Frage der internationalen

Solidarität. Was ist ihre Bedeutung und was ist die

beste Form von Solidarität für revolutionäre Kräfte?

Es gibt viele Möglichkeiten für Solidarität. Eine

Möglichkeit ist zum Beispiel zum Ort der Revolution

zu kommen und mitzuhelfen. Dabei gibt es unzählige

Möglichkeiten; sie dies im Krieg, im Hospital, oder sonst

wo, man kann beim Aufbau mithelfen, unterstützen,

für die Revolution kämpfen und die Revolution

schützen. Das ist notwendig, denn diese ist für alle

RevolutionärInnen ein Schatz, ein Schatz für die Welt,

wenn ich das so ausdrücken darf. Daher ist es wichtig,

dass wir einen Teil hierzu beitragen.

Das ist eine Möglichkeit der Solidarität. Die andere ist

natürlich finanzielle Hilfe und Hilfe mit Medikamenten.

Auf der anderen Seite ist es auch wichtig in anderen

Ländern zu berichten und Kundgebungen zu machen.

Wir müssen Rojava bei allen Menschen und bei allen

Völkern zum Thema machen, damit die Menschen sehen,

hier geschieht etwas Wichtiges, hier kämpfen Menschen

für etwas Gutes, hier müssen wir mitmachen und hier

müssen wir uns solidarisieren.

Unser Ziel im Freiheitsbataillon ist es, dass wie

damals, als in Spanien gegen den Faschismus von

Franco gekämpft wurde, auch in diesem Krieg eine

internationale Solidarität aufgebaut wird. Ich denke, das

hier ist für die RevolutionärInnen ein Aufbauprozess, bei

dem man mitarbeiten sollte. Wichtig ist schlussendlich,

dass man das irgendwie tut, egal wie.

Letztlich sind wir hier aber nicht die Feuerwehr. Wir

zünden hier das Feuer an! Wir zünden es in der ganzen

Welt an aber in dem Feuer wird nur der Kapitalismus

verbrannt, nicht die Welt der Arbeiter und Arbeiterinnen

und die Welt der unterdrückten Völker. Das hier ist ein

gutes Feuer und da ist es wichtig, dass wir praktische

Solidarität aufbauen.

50


Moah & Rohat

«Wir sind mit dem Ziel nach Rojava gegangen,

von dieser Bewegung zu lernen und das war

auch der Grund, warum wir zuerst ins Tabûr

der YPG gegangen sind. Wir wollten sehen,

wie sie sich organisieren, wie das Ganze dort

funktioniert.»

Wir würden gerne von euch erfahren, was

eure politischen Biographien sind und worin die

Motivation bestand, nach Rojava zu gehen.

Moah: Ich bin seit etwa zehn Jahren politisch aktiv.

Ich war in verschiedenen anarchistischen Gruppen

aktiv. Das heisst aber nicht unbedingt, dass ich mich

als Anarchist sehe.

Das Ziel, mit dem ich nach Rojava gegangen bin,

war zu lernen was es heisst, einen revolutionären

Prozess in der Praxis zu führen. Zudem ging es mir

darum, von den Prozessen in Rojava zu lernen und

dadurch Sachen in die Schweiz zurück nehmen zu

können, um auch hier die Bewegung zu unterstützen

und zu fördern.

Rohat: Ich stamme aus einer Familie, die schon in

Lateinamerika gegen das Regime ihres Heimatlandes

gekämpft haben. Meine Familie war immer schon

sehr politisch und so bin ich auch in ein politisches

Klima hinein geboren. Dadurch bin ich auch in

verschiedenen anarchistischen, antifaschistischen

und antikapitalistischen Gruppen aktiv gewesen.

Ich habe auch mal versucht, einer Partei beizutreten

aber da es hier keine richtigen revolutionären

Parteien gibt, dauerte das nur kurz.

Die Motivation nach Rojava zu gehen, war dieselbe,

wie der Genosse vorhin gesagt hat. Dazu kommt,

dass wir einfach die Möglichkeit gehabt haben jetzt

nach Rojava zu gehen und dass ich keine Familie

habe und keine zu starken Bindungen, die mich hier

halten würde. Zudem sehe ich es als Revolutionär

auch als meine Pflicht an, von anderen Bewegungen

zu lernen.

Habt ihr euch zusammen vorbereitet, gab es einen

kollektiven Prozess, der zu dieser Entscheidung

geführt hat?

Moah: Wir haben uns natürlich vorbereitet, wir

haben mit unseren GenossInnen gesprochen und

diskutiert, wie wir uns vorbereiten können. Wir

haben auch eine Art Notfallteam organisiert, wo wir

besprochen haben, was in einem Krisenfall alles

gemacht werden müsste. Wir mussten natürlich

auch alltägliche Dinge organisieren, beispielsweise

Fragen nach den Wohnungen und Arbeitsplätzen der

Genossen. Es waren natürlich nicht alle GenossInnen

informiert. Aber die Leute, die informiert waren,

bei denen gab es auch einen kollektiven Prozess.

Dadurch haben sich mehrere Menschen mit unserer

Reise und der Rückkehr beschäftigt.

Was habt ihr aus diesem Prozess gelernt? Und habt

ihr Tipps für andere Menschen, die einen solchen

Prozess durchmachen wollen?

Moah: Was die politische Vorbereitung betrifft,

standen wir etwa zwei Jahre lang in Kontakt mit

den kurdischen GenossInnen. Wir haben ihre

politischen Texte gelesen und diskutiert und haben

uns so auf die Philosophie und auf die Theorien,

die uns in Rojava erwarteten, vorbereiten können.

Was wir sicher verbessern würden, ist vor allem ein

praktischer Punkt: Man sollte unbedingt die Sprache

lernen, bevor man geht. Zumindest ansatzweise,

sodass man schon ein bisschen Kurdisch oder

Türkisch sprechen kann. Damit wäre vieles viel

einfacher gewesen, um in Rojava einen Lernprozess

zu erleben. Wenn man die Sprache spricht, hat man

auch Zugang zu den theoretischen Diskussionen, zu

den Texten, die sie dort schreiben und so weiter.

Rohat: Was die Rückkehr betrifft, da müsste man

51


sich auch besser vorbereiten. Wir waren ja ziemlich

lange dort und dann müsste man vorbereiten,

wie man wieder in ein normales Leben kommt.

Wir haben unsere Wohnungen und auch unsere

Arbeitsstellen aufgegeben und da ist es schon

schwierig, sich nach so einer Reise wieder zu

integrieren. Was vor allem auch noch wichtig ist, ist

die psychologische Unterstützung von GenossInnen,

die zurückkommen, sowohl die Unterstützung von

Leuten, die Kriegshandlungen mitgemacht haben

aber auch solche, die das nicht gemacht haben. Es

ist sehr wichtig, dass die Leute, die zurückkommen,

psychologisch unterstützt werden.

Ihr habt euch entschieden nach Rojava zu gehen

und euch dort dem militärischen und nicht dem zivilen

Bereich anzuschliessen. Was war eure Motivation?

Moah: Also ich beginne zuerst mit einer eher

persönlichen Motivation, warum ich in den

militärischen Bereich gegangen bin. Ich wollte vor

allem sehen, wieweit ich bereit bin zu gehen, auch

militärisch. Wenn man hier in Europa am Kampf

beteiligt ist, dann ist es irgendwie immer einfach

zu sagen, ich bin ein Revolutionär. Aber das dann

auch in einer militärischen Auseinandersetzung

zu überprüfen, wie weit ich überhaupt bereit bin

zu gehen, ist nochmals etwas anders. So war das

für mich so eine Art Test der Praxis. Zudem ist

der militärische Bereich auch eine Vorbereitung,

wenn es bei uns vielleicht auch einmal zu einer

militärischen Auseinandersetzung kommen wird.

Rojava ermöglicht hier Erfahrungen, wie auch

im militärischen Bereich revolutionäre Elemente

einfliessen können, beispielsweise das Erlebnis, wie

man sich militärisch organisieren kann, ohne dass

es zu Unterdrückung und Ausbeutung wie in einem

bürgerlichen Militär kommt.

Rohat: Ich schliesse mich betreffend der Motivation

dem Genossen an. Dazu kann man vielleicht

noch sagen, was der Unterschied zwischen dem

militärischen und dem zivilen Bereich ist. Im

militärischen Bereich muss man sich noch fester

hineingeben, noch stärker in der Politik mitarbeiten.

Auch wollte ich unbedingt vermeiden, dass ich

in die humanitäre Hilfe abschweife. Ich hatte

wirklich keine Lust den Leuten dort mit Mitleid

Brot zu verteilen. Ich wollte ein Teil von dieser

revolutionären Bewegung sein, ohne Mitleid und

Geschenke verteilen zu müssen.

Ihr seid dann losgezogen. Zuerst habt ihr eine

Ausbildung bei YPG gemacht und danach wart ihr

im Internationalen Bataillon. Das Internationale

Bataillon ist ja auch bekannt dafür, dass es versucht

die revolutionäre Solidarität von Europa noch Rojava

und wieder zurück zu tragen. Wie habt ihr euch da

zurechtgefunden?

Moah: Es ist wichtig zu betonen, dass es

einen Unterschied zwischen der YPG und dem

Internationalen Bataillon gibt. Die YPG ist eine

Massenorganisation und zieht viele Leute an, die

bislang keine politische Formierung hatten. Darum

ist die Frage der Ausbildung auch in theoretischen

Fragen viel wichtiger als im Internationalen

Bataillon, wo vielfach Leute sind, die schon eine

lange politische Formierung hinter sich haben.

Dabei ist es egal, ob sie aus Westeuropa oder nicht

kommen. Aber jedenfalls sind die Leute schon

stark politisch formiert, haben viel Theoriewissen

und so weiter und sind teilweise auch schon wegen

politischen Sachen im Gefängnis eingesessen oder

waren in verschiedenen politischen Organisationen

aktiv.

Wir sind ja mit dem Ziel nach Rojava gegangen,

von dieser Bewegung zu lernen und das war auch

der Grund, warum wir zuerst ins Tabûr der YPG

gegangen sind. Wir wollten sehen, wie sie sich

organisieren, wie das Ganze dort funktioniert. Auf

einer persönlichen Ebene kann ich sagen, dass ich

mich mit den Leuten im Internationalen Bataillon

irgendwie näher verbunden fühlte. Einfach aus

dem Grund, weil die eine ähnliche politische und

persönliche Laufbahn hinter sich hatten. Weil sie

entweder vorher StudentInnen, Lehrlinge oder

ArbeiterInnen waren und dann damit begonnen

haben, sich politisch zu formieren. Dies im Gegensatz

zu vielen Leuten, die in der YPG organisiert sind.

Die haben sich oft angeschlossen, um ihr Land zu

verteidigen, was einer ganz anderen Art der eigenen

politischen Formierung entspricht.

Könnt ihr vielleicht kurz erzählen, wann ihr

in Rojava gewesen seid und welche wichtigen

Operationen in dieser Zeit gelaufen sind.

Moah: Wir waren von Ende 2015 bis im Sommer

2016 da. Das war eine Zeit zwischen den grossen

Operationen. Die Operation in Şedade war gerade

zu Ende und es war die Zeit der Vorbereitung der

Operation in Minbic. Wir erlebten also eine ruhigere

und stabilere Zeit zwischen zwei Operationen. Wir

sind dann auch kurz vor dem Beginn der Minbic-

Operation wieder zurückgekommen.

52


Was für Erfahrungen könnt ihr mitbringen für

den revolutionären Prozess hier?

Moah: Es gibt natürlich sehr viele Sachen, die wir

zurückgebracht haben und ich werde mich hier

etwas beschränken. Zuerst einmal kann man sagen,

dass wir von den kurdischen Bewegungen lernen

können. Dass wir hier im Westen nicht die Weisheit

mit Löffeln gefressen haben. Dass wir nicht der Welt

beibringen müssen, wie ein revolutionärer Prozess zu

funktionieren habe. Was wir auch gesehen haben, ist,

wie wichtig die Organisation ist. Wir können keine

diffuse Organisierung haben, damit es funktioniert.

Es braucht ein gewisses Mass an Zentralisierung

in der Organisierung, um erfolgreich zu sein und

das ist eben auch ein Punkt aus der militärischen

Erfahrung, die wir zurückbringen.

Was wir auch gelernt haben, ist wie wichtig die

Vorbereitung auf den Moment, auf das Eintreffen der

Revolution ist. Wir hier im Westen haben oft ein zu

grosses Interesse am Aufstand, an der Insurrektion

selber und sehen zu wenig, wie viel Vorbereitung

das alles eigentlich braucht. Bei der kurdischen

Bewegung ist das anders. Schon bevor der Krieg

in Syrien, der Bürgerkrieg und die Revolution

ausgebrochen sind, gab es sehr viele Strukturen

und Institutionen, die funktionierten. Einerseits

militärische Strukturen aber auch Strukturen der

Bildung, der Räte und so weiter. Es gab auch eine

jahrelange Vorbereitung auf den entscheidenden

Moment.

Im Norden von Syrien wurden solche Strukturen

schon seit gut 20 Jahren aufgebaut. Daher bestanden

zum Zeitpunkt der Revolution schon effektive

Strukturen, die verankert waren in der Bevölkerung

und die dann nur noch eingesetzt wurden. Dort wo

der syrische Staat das Gebiet aufgegeben hat, konnte

man einfach den syrischen Staat mit revolutionären

Strukturen ersetzen. Und man sieht ja aktuell wie

gut das funktioniert hat, dass der Norden von Syrien

als Gebiet jetzt einfach am besten funktioniert.

Rohat: Ebenso interessant ist, dass der ganze Prozess

auch im Zivilen langsam vor sich geht. Es wird

nicht versucht, Dörfer oder das Land zwangsweise

zu kollektivieren. Es wird versucht, möglichst

wenig Zwang anzuwenden. Den Menschen wird

Zeit gelassen. Zum Beispiel wird so gearbeitet,

dass in einem Dorf, wo die Kollektivierung gut

funktioniert, diese gefördert und erst dann auch

in einem Nachbardorf, wo die Kollektivierung

vielleicht nicht so gut funktioniert, eingeführt wird.

Das funktionierende Dorf soll so als Beispiel dienen,

um zu zeigen, wie gut und wichtig Kollektivierung

ist.

Moah: Auch sind wir durch unsere Reise in

Kontakt mit anderen Gruppen bei uns hier in Europa

getreten und wir haben neue Anknüpfungspunkte

gefunden. Ich denke es ist sehr wichtig, dass die

Organisationen hier in gewissen Punkten ihren

Kampf verbinden. Das kann man ja auch in den

verschiedenen Regionen Kurdistans sehen, wo

sich viele Organisationen zusammentun, obwohl

sie nicht die gleichen Ziele haben. Aber sie haben

genug gemeinsame Ziele, um sich zu Bündnissen

zusammenzuschliessen und zusammen zu kämpfen.

53


Lions of Rojava

«Die seit der Schlacht um Kobanê errungenen

Siege zeigen, dass Daesh mitnichten unbesiegbar

ist, vor allem aber zeigen sie den

ungebrochen Willen der Revolutionär*innen

Kurdistans und Syriens, die gewaltige Überzeugung,

die hinter dieser Revolution steht»

Wer sind die Lions, aus welchem Kontext heraus

sind sie entstanden, ihre Ziele?

Die Lions of Rojava sind primär eine Facebookseite.

Im Herbst 2014 trat Jordan Matson, ein ex-US-Soldat,

als einer der ersten Westler den YPG bei und tauchte

nach einer Verletzung mehrfach in kurdischen und

internationalen Medien auf. Daraufhin kontaktierten

mehr und mehr westliche Ex-Militärs die YPG, um sich

dem Kampf gegen Daesh anzuschließen und die „Lions

of Rojava“ wurden als Facebookseite gegründet. Sie

wurde haupsächlich von ZivilistInnen in Bashur geleitet,

die keinen direkten Bezug zur revolutionären Bewegung

hatten. Der Slogan der Seite war „Send Terrorists to

Hell And Save Humanity“ und der Inhalt, ähnlich den

Interviews mit Jordan Matson, sprach vor allem ein

konservatives männliches Publikum an, welches sich

daraufhin aufmachte, das Böse in Gestalt von Daesh

zu bekämpfen. Da die Facebook-Seite zum ersten

Mal einen einfachen Weg nach Rojava und zur YPG

eröffnete, wurde sie auch von Linken genutzt, vor allem

AnarchistInnen, die wegen der Revolution und nicht

wegen des Kriegs nach Rojava kamen.

Welche verschiedenen Nationalitäten sind darin

vertreten?

Etwa die Hälfte der KämpferInnen kommen aus

Großbritannien und den USA, die andere aus Australien,

Neuseeland, Kanada und allen möglichen europäischen

Ländern, aber auch aus dem Iran, Brasilien, China und

weiteren Staaten.

Welche verschiedenen Organisationen und

politischen Positionen sind darin vertreten? Was

sind die Unterschiede, was ihre Einheit? Wie ist der

Umgang mit den Unterschiedlichkeiten zwischen den

KämpferInnen?

Wie gesagt, „Lions of Rojava“ ist der Name einer

Facebookseite. Auch wenn es in den Medien oft so

dargestellt wurde, gibt es keine militärische Einheit,

die unter diesem Namen kämpft. Mensch könnte

sagen, die „Lions of Rojava“ sind das Sammelbecken

der Internationalen in der YPG. Die einzige wirkliche

Institution, die man ihnen zuordnen könnte, ist die

Akademie, in der die Freiwilligen von außerhalb

ausgebildet werden.

Der Unterschied zwischen den KämpferInnen ist riesig,

die Bandbreite reicht von anarchokommunistischen

Radikalen bis zu faschistischen Kreuzfahrern. Dies hat

natürlich zu großen Problemen geführt. Mittlerweile

gibt es zum Glück einen besseren Filter, sodass Leute,

die zum AraberInnen töten kommen, nicht mehr

angenommen bzw zurückgeschickt werden, doch

der Schaden ist angerichtet, auch was das Image der

InternationalistInnen in der YPG sowohl hier als auch

außerhalb angeht.

Es entstehen immer mehr Frauen-Teams in den

verschiedensten Bataillonen. Wie sieht dies bei euch

aktuell aus, wie perspektivisch aus?

Unter den Lions gibt es im Moment allenfalls genug

Frauen für ein Team. Diese kämpfen allerdings einzeln

oder mit anderen Internationalisten in regulären YPG/

YPJ-Einheiten.

Was ist das Verhältnis zwischen dem poltischen

und strategisch/militärischen Charakter eures

Battalions? Wie können revolutionäre Ansätze

Eingang ins Militärische finden?

Die Lions of Rojava haben keine eigene Organisation,

sie sind, zumindest theoretisch, ein regulärer Teil der

YPG. Die Facebookseite und die Webseite, die seit

Sommer 2015 existiert, unterliegen mittlerweile der

YPG. Die Leute, die über diese Portale nach Rojava

kommen, durchlaufen ein Basistraining in der Şehîd-

Kemal-Akademie, die für internationale Freiwillige in

der YPG gegründet wurde, und gehen dann in reguläre

54


YPG-Einheiten an der Front, meistens in Teams oder

Taqims mit anderen Internationalen, um das Übersetzen

zu vereinfachen.

Die Ausbildung dauert in der Regel einen Monat und

besteht zur Hälfte aus militärischer, zur Hälfte aus

ideologischer Bildung. Zu Letzterer gehören mehrtägige

Seminare über die Geschichte der Frau und die des

Mittleren Ostens, den Demokratischen Konföderalismus

und den Moralkodex der YPG.

Auf welche militär-strategischen TheoretikerInnen

und historische Erfahrungen bezieht ihr euch?

Aufgrund der hohen Diversität ist die Grundlage der

Militärtheorie, die in der Akademie unterrichtet wird,

eine abgehalfterte Version der allgemeinen YPG-Taktik

und beruht vor allem auf den Erfahrungen des Guerrilla-

Krieges in den anderen Teilen Kurdistans, doch seit

etwa einem Jahr auch auf den jüngeren Erfahrungen

des Häuserkampfes in Aleppo und Kobanê, sowie zu

einem begrenzten Maße auf dem Wissen der westlichen

Ex-Soldaten, von denen viele in Afghanistan und Irak

gekämpft haben.

Erlaubt der militärische Charakter und Einsatz

des Battalions politische Debatten zwischen den

verschiedenen Positionen die im Battalion vertreten

sind? Wir meinen nicht, „simple“ Diskussionen

zwischen KämpferInnen, sondern organisierte

Debatten. Wenn ja: Wie werden diese organisiert,

was ist das Hauptthema?

Auf Wunsch der Rekruten fanden mehrfach organisierte

Debatten in der Akademie statt. Die beiden Themen,

die am häufigsten diskutiert wurden, waren zum einen

die Praxis des revolutionären Systems in Rojava

(Funktioniert es? Funktioniert es nicht? Wie sind

Politik und Wirtschaft organisiert? Was ist der Plan

für die Zukunft?), und zum anderen die Ethik der YPG

(kommunales Miteinander, Autonomie der Frauen, die

Rolle von Kadern als „BerufsrevolutionärInne“, das

Tekmil-System). An diesen Debatten nahmen auch

regelmäßig politische KommissarInne der YPG und

KommandantInnen aus anderen Teilen Rojavas teil, um

die Fragen der Teilnehmenden zu beantworten.

Wie funktioniert die politische Arbeit innerhalb

des Bataillons? Gibt es Akademien, politische

Diskussionen?

An der Front gab es kaum politische Arbeit in den

internationalen Teams, vor allem aufgrund der

Sprachbarriere. Auch beschreiben sich die RekrutInnen

zum großen Teil als „unpolitisch“ - einige von ihnen

wussten absolut nichts über die Situation, als sie hier

ankamen, und dachten, sie würden den Pêşmerga

beitreten. Daher geht es vor allem darum, überhaupt

ein Bewusstsein für politische Ethik, die Werte der

Revolution und den Gesellschaftsentwurf Rojavas zu

schaffen. In der Akademie habe ich ein Portrait von

Thomas Sankara aufgehängt mit einem Zitat von ihm:

„Ein Soldat ohne politische oder ideologische Bildung

ist ein potentieller Krimineller.“

Welches Verhältnis haben die verschiedenen

Bataillone zueinander und welche Rolle spielt

dabei die YPG? Gibt es Zusammenschlüsse an der

Front, oder unabhängige Operationen? Wenn ja,

welche und warum? Zum Beispiel stellen wir uns

vor, dass die Lions durch ihre internationalistische

Herangehensweise eine grosse Bedeutung haben.

Alle Einheiten mit internationalen KämpferInnen

gehören in letzter Instanz den YPG an. Wie bereits

erwähnt, kämpfen die „Lions of Rojava“-RekrutInnen

meist in internationalen Teams als Teil regulärer YPG-

Tabûrs. Eine Ausnahme ist das Tabûr Şehîd Bagok, auch

als 22-3-Tabûr bekannt, als Referenz zu dem Datum,

an dem Bagok Serhat letztes Jahr als erster westlicher

Kämpfer fiel. Es besteht ausschließlich aus Westlern,

hauptsächlich Ex-Soldaten, die über die Lions of Rojava

herkamen. Deshalb ist seine Praxis eng an die der

NATO-Armeen angelehnt, es kämpft aber ebenfalls als

mehr oder weniger reguläre YPG-Einheit.

Insgesamt werden viele Internationale nie an vorderster

Front eingesetzt, vor allem wegen fehlender sprachlicher

und militärischer Fähigkeiten. Andere wiederum haben

sich bewiesen und sind Teil der mobilen Einheiten,

Artillerie- und Scharfschützen-Tabûrs geworden, welche

die Hauptkraft jeder YPG-Offensive sind.

Haben die Lions neben militärischen auch

politische oder gesellschaftliche Aktivitäten mit den

Menschen in Rojava? Welche und mit welchem Ziel?

Mittlerweile haben einige Internationale, vor allem

jene, die aus politische Gründen kamen, die Front

verlassen, um mehr über die eigentliche Revolution zu

erfahren. Sie arbeiten in verschiedenen Projekten in

der Zivilgesellschaft. Als Schwerpunkte können hier

Medienarbeit und Medizin genannt werden. Es gibt

mittlerweile mehrere Initiativen von sozialistischen und

anarchistischen Kräften, die sich politischer und sozialer

Arbeit in Rojava gewidmet haben, diese haben aber nur

indirekt mit den Lions zu tun.

Welche anderen internationalistischen Einheiten

sind in Rojava, was ist das Besondere an ihnen, ihrer

politischen Motivation, ihren Beziehungen zu euch

und der YPG / J.

Das sind vor allem türkische MarxistInnen, allen

voran das Internationale Freiheitsbatallion und die

anderen Einheiten der MLKP, doch auch viele kleinere

55


Gruppen, wie MLSPB, BÖG und weitere. Außerdem

befinden sich die „Libertarias“-Brigaden internationaler

AnarchistInnen im Aufbau, diese haben bisher allerdings

noch nicht an Kämpfen teilgenommen.

Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Einheiten

sind generell gut. Politische Differenzen, die uns unter

anderen Umständen, zum Beispiel in Europa, auseinander

treiben würden, spielen hier eine viel kleinere Rolle.

Hier verfolgen wir ein gemeinsames Ziel, und wichtiger

noch, wir stehen Seite an Seite einem faschistischen

Feind gegenüber. Das schafft Vertrauen, welches unter

anderen Umständen nicht möglich wäre. Auch hilft es

sehr, das keine der kämpfenden internationalen Gruppen

irgendwelche Machtansprüche in Rojava erhebt.

Wie würdet ihr die politisch-militärische Strategie

der Kräfte von Rojava gegen die Daesh definieren?

Daeshs mächtigste Waffe sind die Medien. Ihre

größten militärischen Erfolge errangen sie ohne großen

Widerstand seiner GegnerInnen. Durch ihre geniale

Propaganda stilisierten sie sich, mit Hilfe der großen

internationalen Mediennetzwerke, zu unbesiegbaren und

erbarmungslosen Kriegern Gottes, ein Image, das viele

unbezahlte Soldaten und deren korrupte Kommandanten

von Mossul bis Raqqa zur Flucht oder zum Überlaufen

trieb. Die eigentichen Schlachten sind meist kurz,

Daesh zermürbt seine Gegner mit äußerst wirksamer

psychologischer Kriegsführung. Es ist buchstäblich die

Kunst des Terrors, die sie beherrschen.

Der Grund, warum die YPG und YPJ und ihre Verbündeten

als einzige Kampfverbände wirklich erfolgreich gegen

Daesh sind, ist zum Einen ihre taktische Flexibilität,

zum Anderen ihre ideologische Kraft. Die Taktiken von

YPG und Daesh sind sich zum Teil sehr ähnlich - kleine

Gruppen, mobile Kampfverbände, Guerrillakampf –

beide kämpfen für ein klares Ziel und gemäß einer

mächtigen Philosophie. Vor allem aufgrund ihrer starken

ethischen Grundlage können die YPG dem psychischen

und physischen Terror von Daesh standhalten. Die

Armeen von Damaskus und Baghdad kämpfen für die

Interessen von Regierungen, die nichts mit denen ihrer

Soldaten zu tun haben. Zwang und Sold sind keine

Motivationen gegen die Versprechen und Drohungen

von Daesh.

Eine wichtige Strategie ist die Beteiligung arabischer

Kräfte, um mit dem Sektarianismus der syrischen

Opposition zu brechen. Die YPG als Teil der Kräfte des

Demokratischen Syriens (QSD) kämpfen momentan

hauptsächlich außerhalb kurdisch besiedelter Gebiete.

Eine kurdisch-arabische Allianz ist unerlässlich für die

kommenden Offensiven gegen Minbej, Azaz und Raqqa.

56


Was macht der Erfolg der Kämpfe gegen Daesh in

seinem gesamten Kontext heraus betrachtet aus?

Daesh ist an seiner nördlichen Front zurückgeschlagen

worden, doch weit entfernt davon, besiegt zu sein.

Nachdem seine Angriffe wieder und wieder von YPG

und QSD zurückgeschlagen wurden, hat sich Daesh

vermehrt auf klassischen Terror verlegt. Im letzten Jahr

wurden hunderte Menschen bei Anschlägen in Hasakeh,

Kobanê, Girê Sipî, Til Temir, Qamişlo und weiteren

Orten in Rojava getötet.

Die seit der Schlacht um Kobanê errungenen Siege

zeigen, dass Daesh mitnichten unbesiegbar ist, vor

allem aber zeigen sie den ungebrochen Willen der

RevolutionärInnen Kurdistans und Syriens, die

gewaltige Überzeugung, die hinter dieser Revolution

steht, die entgegen aller Wahrscheinlichkeiten in Rojava

stattfindet. Oft sagt man hier, dass unsere Gefallenen

uns den Weg weisen. Mittlerweile weiß ich, was das

bedeutet. Ihre Hoffnung und ihr Kampfgeist lebt mit uns

weiter. Niemals werden wir das Ziel verraten, für das sie

gestorben sind.

Was ist die politisch-militärische Strategie der

Kräefte von Rojava gegen die aktuelle Intervention

der Türkei?

Deeskalation. Der türkische Staat hat seine Provokationen

über die letzten Jahre Schritt um Schritt erhöht. Von

immer offenerer Unterstützung für Daesh, über die

Massaker in Bakur - oft unmittelbar an der Grenze zu

Rojava, wie in Nisêbîn und Cizre – zu Bombardements

auf YPG-Stellungen über die Grenze hinweg. Die YPG

haben auf diese Angriffe wenn überhaupt ausschließlich

defensiv reagiert. Der Staat will einen Vorwand, um in

Rojava einmarschieren zu können, und wir werden nicht

so dumm sein, ihm einen zu geben.

Gibt es eine strategische Verbindung zwischen

dem Kampf für die Befreiung von Rojava und dem

revolutionären Kampf in der Türkei?

Selbstverständlich. Beide Kämpfe sind untrennbar

miteinander verbunden. Die Revolte in Bakur wäre nicht

möglich gewesen ohne den Erfolg von Rojava, und der

Ausgang des Krieges dort wird entscheidend sein für

die Zukunft von Rojava und des konföderalen Mittleren

Ostens.

Was ist die Rolle und die Bedeutung der

internationalen Solidarität für den Kampf in Rojava

und für die Lions im Besonderen?

Ohne Unterstützung wird Rojava versagen. Soviel

ist sicher. Mehr noch, die Unterstützung muss von

nichtstaatlichen Gemeinschaften kommen. Die Apelle,

die vonseiten der Lions-of-Rojava-Veteranen und der

offiziellen Regierung Rojavas kommen, richten sich an

Staaten und Regierungen, sie bitten EU, USA und NATO

um Hilfe und internationale Anerkennung. Mit solchen

Freunden kann aber keine Revolution stattfinden.

Mit solchen Freunden werden die Anfänge der freien

Gesellschaft zugunsten eines liberalen Staatsgebildes

aufgegeben.

Die neue Welt muss ohne Staaten und ohne ihre

Hilfe aufgebaut werden. Deshalb ist die Solidarität

von Individuen, Organisationen und Netzwerken,

die die Ideale des Demokratischen Konföderalismus

unterstützen, jetzt wichtiger denn je.

Die Existenz der internationalen Bataillone

erinnern uns an das Engagement der Internationalen

Brigaden in Spanien. Wie seht ihr diesen Bezug?

Wir sehen diesen Bezug oft und gerne. Und mit

„wir“ meine ich hier so ziemlich alle internationalen

GenossInnen, denen ich in der YPG begegnet bin.

Zweifelsohne ist die Lage hier quantitativ ernüchternd.

Statt zehntausender Freiwilliger binnen Monaten ein

paar hundert amerikanischer Kriegstouristen in fünf

Jahren. Syrien scheint europäischen Linken zu weit

weg und die Revolution dort nicht unmittelbar oder

echt genug zu sein, um dafür sein Leben auf Spiel zu

setzen oder auch nur das komfortable Großstadtleben

aufzugeben. In jedem Fall ist es ein Armutszeugnis für

uns als internationale RevolutionärInnen.

Tatsächlich ist die Realität der YPG erstaunlich nah an

der der RevolutionärInnen von 1936. Unheimlich viel

von dem, was George Orwell in „Mein Katalonien“

niedergeschrieben hat, haben wir fast genauso an der

Front in Rojava erlebt – im Guten wie im Schlechten.

Das Ideal der Mujeres Libres wurde von der YPJ

auf eine völlig neue Stufe gehoben. Doch während

es uns Kraft und Hoffnung gibt, uns in der Tradition

unserer GenossInnen von den Barrikaden Barcelonas

(beiderseits) zu sehen, so muss uns gewahr sein, warum

die Revolution in Spanien gescheitert ist, und wir müssen

tun, was nötig ist, um die Fehler von damals nicht zu

wiederholen.

Was wäre der beste Solidaritäts-Beitrag der

europäischen Revolutionsbewegung für die

internationalen Bataillone?

Beitreten. Mittlerweile gibt es Solidaritätsgruppen und

Netzwerke auf aller Welt, doch weil so wenige tatsächlich

mehr als ein paar Wochen nach Rojava gekommen

sind, entfalten so viele der Initiativen keine langfristige

Wirkung. Der Grund, warum es so wenige internationale

Einheiten gibt, ist, dass so wenige KämpferInnen von

außerhalb Kurdistans den Weg auf sich genommen

haben. Von denen, die gekommen sind, sowohl über die

Lions als auch als Teil des Freiheitsbataillons, sind die

57


kapilalistischen System entwickelten.

Ich messe den Erfahrungen des Krieges in Mesopotamien

nur eine bedingte Bedeutung für den Kampf in Europa

bei. Die Erfahrungen, die dort gebraucht werden,

liegen jenseits von Straßenkampf und Autobomben.

Professionelle und klandestine Sabotageakte können

mächtige Werkzeuge europäischer Militanz sein.

Sie müssen Ziele von strategischer Bedeutung

anvisieren, nicht Polizeikasernen und Parteibüros,

sondern empfindliche Punkte in Energie, Produktion,

Kommunikation und Transport. Pipelines, Häfen,

Kraftwerke. Das erfordert natürlich eine äußerst

disziplinierte Untergrundorganisierung und eine starke

revolutionäre Bewegung, die solche Schläge gegen das

System koordinieren und ausnutzen kann.

Habt ihr noch etwas hinzuzufügen? Habt ihr

eine Nachricht an die europäische revolutionäre

Bewegung?

Meisten nur wenige Monate geblieben. Auf diese Weise

werden die internationalen Batallione nicht darüber

hinaus kommen, lediglich Propagandainstrumente zu

sein, und von anderen GenossInnen auch nur als solche

gesehen. Das ist nicht fair. Dutzende InternationalistInnen

haben, als Individuen und in Einheiten, sich mit vollster

Überzeugung dem Kampf angeschlossen, einige sind

als Şehîd gefallen. Wir schulden es ihnen, genauso wie

allen anderen gefallenen GenossInnen, die Verteidigung

der Revolution als unsere unbestreitbare Pflicht zu

sehen und dementsprechend zu handeln. Aufrichtige

Solidarität muss sowohl die Revolution in Rojava als

auch die Kämpfe in allen anderen Teilen der Welt nach

vorne bringen und kann, wenn sie ernsthafte Praxis wird,

ein völlig neues revolutionäres Momentum schaffen, das

die Grundfesten der Welt erschüttert.

Wir sind die Jugend einer neuen Welt. Um uns herum

zerbrechen die Grundfesten der kapitalistischen

Moderne wie die Schollen des einst ewigen Polareises

und die letzten Gletscher der heilen westlichen Welt

werden rapide immer kleiner. Das Chaos hat ein globales

Ausmaß erreicht, dem die Allianz aus Kapital und

Staat nicht mehr gewachsen ist. In einem Großteil von

Amerika, Afrika, des Mittleren Ostens, Asiens, und im

Hinterland zahlloser Staaten, herrscht schon lang eine

ganz andere, oder überhaupt keine, Ordnung mehr.

Angesichts dieser Krise dürfen wir aber nicht glauben,

das sie das Ende von Kapitalismus oder Unterdrückung

sein wird. Erscheinungen wie Daesh oder die Mafias im

Ostkongo geben uns bereits einen Vorgeschmack darauf,

wie eine auf das liberale Demokratietheater folgende

Gesellschaftsordnung auch aussehen könnte. Wir dürfen

uns nichts vormachen: Faschistische und totalitäre Kräfte

sind weit besser auf dieses Jahrhundert vorbereitet als

wir es sind. Walter Benjamin sagte einst: „Hinter jedem

Faschismus steht eine gescheiterte Revolution.“ Lasst

uns gemeinsam dafür Sorge tragen, dass diese Revolution

nicht scheitern wird.

Die Erfahrungen, die die internationalen

KämpferInnen in ihr angestammtes Kampfterrain

(z.b. Europa) zurück bringen werden, sollten dem

revolutionären Prozess in den Metropolen zugänglich

gemacht werden … Habt ihr eine Vorstellung, wie

dies geschehen könnte, sollte?

Wenn wir von Europa sprechen, so muss zuerst einmal

ein Plan, eine Vision existieren, und eine Bewegung, die

diese verwirklicht. Nur als Teil einer solchen macht eine

Bewaffnung Sinn. Klar, Stadtguerillas sind sehr cool,

doch wenn wir den Aufstieg und Fall von bewaffneten

linken Kräften in Europa in den letzten Jahrzehnten

analysieren, sehen wir, dass die meisten von ihnen

versagt haben, weil sie keine wirkliche Alternative zum

58


Internationalistin

«Ich glaube, dass wir die Frauen, die schon

organisiert sind, weiter fördern müssen. Wir

müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass

der Kampf für die Befreiung der Frau unsere

Aufgabe ist.»

Du bist vor Kurzem aus Rojava zurückgekommen.

Kannst du zu deinem politisch-biographischen

Hintergrund was sagen und was dich dorthin

verschlagen hat?

Ich hatte in meiner Jugend Kontakt zu Gewerkschaften.

Aber es hat mich damals noch nicht wirklich

motiviert, da mitzuarbeiten. Später habe ich dann

die Widersprüchlichkeiten in diesem System erkannt

und habe dann versucht, mich weiter zu informieren.

Dann habe ich angefangen in der antimilitaristischen

Bewegung mitzuarbeiten.

Dazwischen hatte ich auch mal einen Unterbruch,

wonach ich aber wieder in die politische Arbeit

reingekommen bin. Ich glaube dieser Unterbruch war

für mich notwendig, um einen Schritt vorwärts zu

kommen. Ich habe dann ein paar Jahre mitgearbeitet

und irgendwann hat sich das alles so verändert, dass sich

die Bedeutung der politischen Arbeit gesteigert und ich

mit Verantwortung und Bewusstsein da rangegangen

bin. Das war nicht losgelöst von der ideologischen

Entwicklung, die ich gelebt habe.

Ich glaube dieser ideologische Schritt, der für mich

sehr wichtig war, war auch der Entscheidungsgrund,

warum ich nach Rojava gehen wollte. Insbesondere

weil wir immer von der Perspektive sprechen. Ich bin

Kommunistin und ich habe eine Perspektive und ein

Ziel, woran ich glaube, ich weiss, dass es viel Arbeit

kostet. Im Mittleren Osten ist eine Revolution passiert

und ich denke, dass wir das nicht nur so sehen sollten,

sondern ich wollte die Revolution lebend erfahren und

von ihr lernen und für mich auch was mitnehmen.

Nachdem ich mich entschieden hatte hinzugehen, war für

mich klar, dass ich im zivilen Bereich arbeiten will. Als

ich dann aber dort war, habe ich meine Ideen geändert

und ich wollte in den militärischen Bereich gehen,

einfach weil Frauen immer in der Reproduktionsarbeit

stecken und ich denke, dass der bewaffnete Widerstand

immer sehr weit entfernt war. Von mir war er vielleicht

besonders entfernt, weil ich eine Frau bin oder weil ich in

Deutschland lebe. Das wollte ich für mich durchbrechen

und aus dieser Rolle rauskommen.

In Rojava habe ich unterschiedliche Erfahrungen

gemacht. Zum einen wie es ist, als Frau im bewaffneten

Widerstand zu sein, mit all den Schwierigkeiten, die man

als Frau aber auch mit den Genossinnen oder mit den

Genossen hat. Ich kann sagen, dass das schon ein tiefer

Kampf war, den ich auch mit mir selber geführt habe,

um als Frau eine andere Freiheit zu entwickeln und um

politisch besser agieren zu können.

Bevor ich in Rojava war, wusste ich zwar, was diese

Revolution gerade im Mittleren Osten bedeutet, dass sie

eine Perspektive ist, die man unterstützen muss. Aber

ich habe nie so wirklich verstanden, was das für die

Frauenbewegung heisst. Beispielsweise war mir nicht

klar, dass hier wichtige Schritte geschehen, die wir als

Frauen in Europa gar nicht wahrnehmen, die einem aber

mit Stolz erfüllen, wenn man das dann versteht und sieht,

hey, Frauen sind in Rojava sowohl im zivilen Bereich aber

auch im militärischen Bereich aktiv. Das gibt Hoffnung

und Kraft, insbesondere zurück in Deutschland.

Mit dem Blick zurück kann man auch feststellen, dass

wir die Unterdrückung, die wir hier tagtäglich erleben

oftmals gar nicht mehr spüren, weil das alles im System

so fest eingebettet ist und wir SklavInnen unserer

Lohnarbeit und unserer Geschlechterrollen sind.

Was ich auf jeden Fall auch mitgenommen habe aus der

Zeit, in der ich in Rojava war, ist das Wissen, dass wir

in allem, was wir machen, undogmatischer vorgehen

müssen. Wir müssen zwar unsere Linie behalten aber wir

dürfen nicht so festgefahren sein. Wir müssen in unserer

politischen Arbeit auf Gemeinsamkeiten zurückgreifen,

ein etwas weiteres Blickfeld dafür entwickeln, wie wir

was einbetten können, wie wir eine internationalistische,

antimilitaristische Bewegung stärken können, gerade

jetzt, wo Deutschland oder Europa sich im Rechtsruck

befinden. Wie wir vielleicht auch eine Frauenbewegung

wieder mehr mobilisieren können.

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Was für Diskussionen hast du in Rojava erlebt.

Hast du etwas mitbekommen von der Bewegung

wie sie entstanden ist und wo ihre Grenzen und

Möglichkeiten in der Entwicklung noch liegen?

Mit der YPJ gab es interessante Diskussionen. Es war ja

ein Prozess, wie die YPJ entstanden ist und welche Rolle

die Frau in diesem bewaffneten Widerstand einnahm.

Kriege werden meistens den Männern zugeschrieben

und die YPJ hatte deswegen zu Beginn Schwierigkeiten,

weil es ein grosses Misstrauen den Frauen gegenüber

gab und weil man ihnen das nicht zugetraut hat.

Was sie dort machen und was sich auch bewährt hat, sind

Schulungen über Frauenwiderstände oder Frauen im

bewaffneten Widerstand. Es gab also unterschiedliche

Schulungen, die das Bewusstsein verändern sollten und

das hat sich auf jeden Fall positiv auf die gesamte YPG

ausgewirkt, dies sagen zumindest die Genossinnen vor

Ort.

Ich kann sagen, dass ich die Frauensolidarität, von der

ich in vielen Büchern schon gelesen habe, in Rojava am

meisten gespürt habe. Dort existiert ein eindrücklicher

Zusammenhalt, beispielsweise dann, wenn man mit einer

Situation nicht klarkommt oder wenn man eine Waffe

kennenlernen will oder generell in allen Situationen, wo

es schwierig sein kann.

Kannst du das ein bisschen beschreiben, wie das

aussieht und was daran speziell ist?

Zum Beispiel war ich in einer militärischen Ausbildung

die einzige Frau in der Gruppe, das hat sich sicherlich

bemerkbar gemacht. Ich habe immer versucht mein

Bestes zu geben, aber trotzdem hat man immer versucht,

mich zu beschützen oder man wollte mich immer behütet

wissen. Da war immer ein beschützender Charakter

gegenüber mir da und dies während der ganzen Zeit.

Oder man hat mir den Umgang mit einer Waffe nicht

zugetraut. Obwohl ich das mehrfach thematisiert habe,

waren es die Genossinnen, die mich dann unterstützt

haben, indem sie die männlichen Genossen darauf

hingewiesen haben, dass ich das auch schaffen kann.

Solche Sachen sind enorm wichtig, denn selbst wenn ich

was falsch mache, dann lasst es mich falsch machen aber

dann mache ich es vielleicht das nächste Mal richtig und

wenn ich es zweimal falsch mache, dann mache ich es

zweimal falsch. Aber die Option zu haben, etwas falsch

zu machen, um es dann nachher richtig zu machen,

ist wichtig und die Frauen dort, die haben mich dabei

unterstützt, obwohl sie nicht direkt in meiner Ausbildung

waren.

Hast du zusammen mit anderen Frauen gekämpft?

Gibt es diesbezüglich Unterschiede zwischen

Internationalistinnen und YPJ in dieser Frage?

Ich hatte auch andere Frauen in meinem Team.

Die Frauen, die an meiner Seite gekämpft haben,

waren organisierte Frauen. Zum Teil haben sie sich

untereinander organisiert, zum Teil haben sie sich in der

Partei organisiert. Der Unterschied zur YPJ ist glaube

ich einfach der, dass die Internationalistinnen schon als

Organisierte mit politischem Bewusstsein kommen. Bei

der YPJ sind es eher die Frauen aus der Bevölkerung,

die teilnehmen, um Rojava zu verteidigen oder um als

Kurdinnen gegen diese Unterdrückung vorzugehen.

Ich würde sagen, dass das Bewusstsein, was einem lenkt

oder was einem motiviert, unterschiedlich sein kann. Die

einen treibt der Wunsch nach einem kommunistischen

Gesellschaftsmodell an, die anderen treibt der Drang

nach Freiheit als Kurdinnen an. Aber im Endeffekt ist

es derselbe Kampf, den wir führen und in dem wir uns

auch unterstützen müssen. Zudem will ich betonen, dass

es bei allen Frauen immer eine Bereitschaft gab, Schritte

vorwärts zu gehen und sich zu entwickeln. Ich habe bei

den Frauen immer einen grossen Wunsch gespürt, das

Beste rauszuholen.

Als ich in Rojava war, ist mir aufgefallen, dass

die Internationalistinnen begonnen haben, in ihren

Tabûrs Frauenteams aufzubauen. Dies bedeutete für

mich, dass es einen lebendigen Austausch zwischen

Internationalistinen und der YPJ gibt und Ideen

gegenseitig übernommen werden.

Ich stimme dir zu. Bezüglich dem ist es auch wichtig,

dass sich die Frauen untereinander organisieren und

selbstständig planen können. Aber ich finde, dass es auch

gemischt sein muss. Auch damit man sich nicht zu sehr

abkapselt und im Dialog mit den Genossen bleibt, damit

auch dort eine Veränderung stattfinden kann.

Die YPJ hat als Frauenverteidigungseinheit in der

Revolution schon einen starken Punkt gesetzt,

wo jetzt viele darauf zurückblicken oder auf die

Errungenschaften aufschauen. Ich denke, dass man

sich nicht darauf ausruhen kann, dass es nun eine

Frauenverteidigungseinheit gibt, weil auch unter den

Frauen gibt es Frauen, die noch einen rückständigen

Blick auf ihre eigene Rolle haben, oder als Frau noch

rückständige Ansichten haben und das muss man ändern.

Doch dass die Frauen sich organisieren ist wichtig. Denn

ob man dies nun feudale oder kapitalistische Rollenbilder

nennen will, weiss ich nicht, aber diese zu überwinden,

das können Frauen nur mit Frauen machen.

Du bist nun zurück. Wie verarbeitest du das, was dir

Eindruck gemacht hat. Und gibt es Impulse Sachen,

die du in Rojava gelernt hast, in die antikapitalistische

Bewegung Europas zurückzutragen?

60


Die Zeit, die ich in Rojava gelebt habe, hat mir

nochmal verdeutlicht, warum es notwendig ist, dass

wir antikapitalistische Politik machen und warum wir

internationalistisch arbeiten und denken müssen. Auch

wurde mir nochmals klar, warum es eine antimilitaristische

Bewegung und warum es antifaschistische Arbeit geben

muss und schliesslich auch, warum es wichtig ist, dass

Frauen sich organisieren.

Solange dieses System herrscht, wird es keinen Frieden

geben. Im Mittleren Osten herrscht Krieg, solange der

Daesh noch da ist. Wenn der Daesh irgendwann nicht

mehr da ist, wird irgendwas Neues entstehen. Dies

hängt mit dem System zusammen und ich denke, dass

wir uns gerade in Europa oder in den unterschiedlichen

Ländern, in denen wir leben, organisieren müssen, damit

wir irgendwann perspektivisch als Gegenpol zu diesem

System erscheinen. Das geht nur durch konsequentes

Arbeiten an all den Schwierigkeiten, die wir erleben.

Du hast von der Frauenbefreiung in Rojava

gesprochen, du hast eine Revolution erlebt und

du hast gesehen, wie sich die Situation der Frau

verändern kann. Welche Lehren ziehst du daraus?

Grundsätzlich glaube ich, dass wir die Frauen, die schon

organisiert sind, weiter fördern müssen. Wir müssen

ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Kampf für die

Befreiung der Frau zu unserer Aufgabe wird. Doch eins

zu eins übertragen, kann man alles das, was ich erlebt

habe, natürlich nicht. Eine wichtige Erfahrung, die ich

in Rojava gemacht habe, ist zum Beispiel, dass es einen

Teil Frauen gibt, die in der Revolution voll aufgehen,

mit der Sache aufwachsen und ihre Stimme erheben, um

gemeinsam eine Stimme zu sein. Auf der anderen Seite

gibt es aber noch Frauen, die voll in ihrer alten Rolle

feststecken. Dies kann man vielleicht auf die Situation

in Europa übertragen, indem man sagt, es gibt auch

hier Frauen, die sich durchaus politisch engagieren und

dennoch in alten Rollenbildern festsitzen. Dies gilt es zu

überwinden.

Damit können wir auch nicht mehr warten. Wir müssen

jetzt schon Stück für Stück damit anfangen, indem wir

uns als Frauen trauen Verantwortung zu übernehmen in

Punkten, wo wir vorher immer zurückgeschraubt haben.

Wir dürfen uns nicht mehr den Genossen unterordnen,

weil diese bisher immer irgendwelche Sachen gemacht

haben und wir dachten, wir machen irgendwas falsch.

Wir müssen einen Anspruch an uns entwickeln und

als Frauen sagen, hey ich mach das jetzt, ich will das

machen, ich will an das herangehen und ich will Fehler

machen, damit ich aus den Fehlern lernen kann. Ich

will mich nicht immer zurückstellen, aus Angst vor den

Fehlern. Zu oft wurde uns Frauen eingetrichtert, dass wir

immer alles perfekt machen müssen, um dem Anspruch

an uns zu genügen.

Solche Sachen kann man überwinden. Beispielsweise

kann man als Frau sagen, „hey ich leite in der

Demonstration“, „ich mach die Moderation bei einer

Demonstration“ und so weiter. Dies geschieht, indem

man sich traut, sich unter den Frauen gegenseitig

motiviert, sich auch gegenseitig Mut macht und man

seine eigenen Lehren weitergibt. Aber das ist nicht so

einfach, weil wir zu oft denken, dass wir schon von allen

Rollen, die uns zugesprochen werden, befreit seien, weil

wir keine Kopfbedeckung tragen müssen, Fahrrad fahren

dürfen, Zigarette rauchen dürfen, kommen und gehen

dürfen wann wir wollen und so weiter. Wir fühlen uns

alle befreit, dabei sind wir das gar nicht und das können

wir nur mit Bewusstsein und Kampf verändern.

61


Cûdî, Dilgês & Kemal

« Ich bin bei der YPG wegen ihrer Standpunkte

- ein bisschen das gleiche wie bei Judi -, vor

allem wegen ihrer Toleranz. Toleranz scheint

zur Zeit ein seltenes Gut im Mittleren Osten zu

sein, und hier erscheint es in dieser Hinsich

wie ein strahlendes Licht.»

Könnt ihr uns sagen, wer ihr seid?

Cûdî: Mein kurdischer Name ist Cûdî, ich bin 40 Jahre

alt, in ein paar Tagen jedenfalls, und ich komme aus

England.

Dilgêş: Hallo, ich bin Dilgêş, das ist mein kurdischer

Name. Ich komme aus Kanada und bin 28 Jahre alt.

Kemal: Mein kurdischer Name ist Kemal, Ich bin aus

Amerika, ich bin 28 und ich bin hier, um gegen Daesh

zu kämpfen.

Könnt ihr über eure politische Entwicklung

sprechen und warum ihr hier seid?

Cûdî: Ich bin seit Januar hier, weil ich weitgehend

mit den Grundsätzen von dem, was zur Zeit in Rojava

passiert, einverstanden bin. Direkte Demokratie,

Gleichstellung der Geschlechter, Pluralismus, Toleranz

für verschiedene Religionen, Kulturen und Glauben und

so weiter. Ich würde nicht sagen, dass ich ein Anhänger

von Öcalan bin. Vor einiger Zeit war ich in ein paar

anarchistischen Gruppen involviert. Jetzt bin ich nicht

wirklich einer Ideologie verpflichtet, aber ich habe

einige allgemeine Prinzipien, die mit dem was in Rojava

los ist, übereinstimmen.

Ich bin auch hier, weil dies eine Notfall-Situation ist.

ISIS ist einfach eine zu grosse Bedrohung geworden.

Es gibt eine Menge anderer Probleme in verschiedenen

Teilen der Welt. Aber ISIS wurde erlaubt zu wachsen,

viel zu stark zu werden. Sie besetzen heute ein viel zu

grosses Territorium und daher liegt in ihnen eine echte

Bedrohung. Ich denke also, es ist wichtig, dass jede/r,

die/der etwas tun kann, kommt und etwas tut.

Das ist eine recht lange Zeit. Welche Art von

Erfahrung hast du bis jetzt gemacht?

Cûdî: Die tägliche Realität hier ist, um ehrlich zu sein, in

der Regel eine Menge herumsitzen. Warten, dass etwas

geschieht. Das heisst entweder, dass sie uns angreifen

oder wir sie angreifen. Ab und zu gibt es Kämpfe, sonst

gibt es hier die tägliche Routine: viele Pflichten, eine

Art häusliche Tagesroutinen. Wir halten unsere Sachen

zusammen, reinigen unsere Waffen und so weiter.

Wenn wir in einem Gebiet sind, bleiben wir und bewachen

diesen Bereich für eine recht lange Zeit. Dieser Tabûr

tendiert dazu, der Front zu folgen und wenn die Front sich

bewegt, bewegt sich der Tabûr mit ihr. Wir neigen dazu

sehr viel mehr beschäftigt zu sein als reguläre Tabûrs,

wo es immer noch viele Pflichten ohne Gefechte in einer

statischen Position gibt. Das, weil wir die Möglichkeit

haben, gepanzerte Transporte durchzuführen, manchmal

auch schwerere Waffen und so weiter.

Dilgêş: Wir holen Verwundete und wir holen die

KämpferInnen, die gefallen sind. Wir machen

Transporte nach ganz vorne, da die weißen LKWs und

die Transportwagen zu empfindlich und zu anfällig sind.

Sie sind ziemlich leicht zu zerstören. Und dann bringen

wir Menschen zu den Kämpfen und manchmal gehen

auch wir, um selbst zu kämpfen.

Und was ist die Geschichte eurer politischen

Motivation?

Dilgêş: Ich bin bei der YPG wegen ihrer Standpunkte -

ein bisschen das gleiche wie bei Cûdî -, vor allem wegen

ihrer Toleranz. Toleranz scheint zur Zeit ein seltenes Gut

im Mittlerer Osten zu sein, und hier erscheint es in dieser

Hinsicht wie ein strahlendes Licht.

Kemal: Ich stimme mit ihren Ansichten gegenüber der

Politik überein. Aber ich bin kein Kommunist oder

Sozialist. Ich bin eher konservativ, republikanisch, aber

ich bin nicht hier, wegen der Politik. Ich bin hier, um

im Kampf gegen Daesh zu helfen, und ich glaube, YPG

62


sind die besten, die das hier tun. Darum, während sie

kämpfen, bin ich hier, um ihnen zu helfen und sie in

jeder Weise zu unterstützen die mir möglich ist.

Und was ist deine Erfahrung?

Kemal: Kein Militär. Es ist auch das erste Mal, dass ich

ausserhalb der USA bin. Ich bin schon fast fünf Monate

hier.

Und du wirst noch länger bleiben?

Kemal: Ja, bis die Daesh weg sind, werde ich sie

bekämpfen.

Was ist wichtig für die internationale revolutionäre

Bewegung, um zusammen mit den YPJ, YPG und den

FreiheitskämpferInnen zu kämpfen? Was würdet ihr

der Bewegung raten zu tun?

Dilgêş: Ich würde sagen, das beste ist,

internationale Unterstützung in ihren Heimatländern

zusammenzutrommeln. Die Menschen wissen nicht

wirklich, was hier los ist, wenn sie nicht mit jemandem,

der hier ist, Kontakt haben. Generell sind die Menschen

ziemlich unwissend was die YPG betrifft und wofür

sie stehen. Und was sie hier schon alles erreicht haben.

Wie auch immer, dann könnten wir Unterstützung von

den USA und Europa erhalten. Nicht nur militärische

Unterstützung, sondern auch infrastrukturelle

Unterstützung.

Cûdî: Ich denke, es ist sehr wichtig, speziell für die YPG,

dass sie alle Menschen gleich behandeln, wenn wir in

unsere Dörfer gehen und das Gebiet kontrollieren. Dies

betrifft insbesondere auch die Bereiche, die bisher nicht

Rojava genannt wurden, wo man ein hohes Mass an

Respekt bewahren muss, um die lokale Bevölkerung nicht

zu entfremden. Dies ist kein stehendes Heer, sondern eine

Volksmiliz und manchmal werden auch Fehler gemacht.

Und das kann wirklich auf uns zurückfallen und uns in

den Hintern beissen, wenn wir nicht aufpassen.

Kemal: Ich stimme dem zu, was Cûdî sagt. Aber ich

würde gerne mehr individuelle Freiheiten für die Männer

und Frauen hier sehen, vor allem für die Frauen, und ein

besseres Bildungssystem. Ich glaube, die Leute müssen

mehr Bildung erhalten und aufgeklärter werden über die

Welt und andere Dinge.


Internationalist

«Ich denke für Rojava wird der Krieg heftiger

werden, gerade mit der Türkei und jetzt muss

man auch sehen, was Amerika machen wird,

mit Trump als Präsident.»

Kannst du etwas über dich und deine Beweggründe

erzählen?

Bevor ich hierher gekommen bin, war ich Student.

Das Studium habe ich aber abgebrochen, um hierher

zu kommen. Vermutlich komme ich aus einer Familie,

die man als höheren Mittelstand beschreiben würde.

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und dann

eben studieren gegangen. Das war mein Leben. Politisch

gesehen bin ich Anarchist.

Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, nach Rojava

zu kommen aber es war immer mehr eine romantische

Idee. Als ich angefangen habe zu studieren, habe ich

dann aber gesehen, dass eigentlich jeder so ist wie ich.

Dann dachte ich, jetzt musst du was machen oder du

endest so wie die und redest dein ganzes Leben nur und

dann bin ich hierher gekommen.

Du hast dich für das Militärische und nicht für das

Zivile entschieden. Was ist da der Grund?

Ich denke, das Militärische ist essentiell und ich kann

nichts im zivilen Bereich beitragen. Ich bin kein Arzt

oder kein Medienprofi.

Du bist jetzt sechs Monate in Rojava gewesen. Du

hast dich auch an der Front beteiligt. Was waren

deine Erfahrungen die du da gemacht hast, was hat

es dir gebracht, was löste es bei dir aus?

Ich gehe nach Europa zurück, weil ich das meiner

Familie versprochen habe, als ich denen gesagt habe,

dass ich hierher gehen werde. Später will ich aber zurück

kommen, weil das was hier passiert noch nicht fertig ist

und weil ich daran teilhaben will.

Was ist noch nicht fertig?

Rojava ist immer noch im Krieg und ich denke der

internationale revolutionäre Aufbau, wenn es den gibt,

findet am ehesten in Rojava statt. Auch ein Netzwerk

mit anderen militanten RevolutionärInnen aus Europa

kann man am Ehesten in Rojava aufbauen.

Was denkst du, was jetzt auf die Region zukommen

wird?

Ich denke für Rojava wird der Krieg heftiger werden,

gerade mit der Türkei und jetzt muss man auch sehen,

was Amerika machen wird, mit Trump als Präsident.

Weisst du schon wie lange du bleiben wirst, wenn

du wieder kommst?

Nein, aber ich will nächstes Mal auf jeden Fall länger als

sechs Monate bleiben. Weil sechs Monate hört sich lange

an, aber es ist im Grunde eine sehr kurze Zeit.

Ich habe gelernt, dass die Revolution nichts Perfektes ist.

Sie wird von Menschen gemacht, also gibt es menschliche

Probleme. Ich habe gelernt, auch wenn etwas nicht

perfekt ist, man sich dafür einsetzen muss, es besser zu

machen und sich nicht einfach abwenden kann. Zudem

natürlich auch viele praktische Dinge, darunter auch

Sachen wie Essen machen, den Schlafplatz aufräumen,

die Waffe reinigen und so weiter.

Du gehst nun nach Europa zurück. Was war die

Motivation für deine Rückkehr?

64


65


REVOLUTIONÄRE

ORGANISATIONEN

Neben den kurdischen

Organisationen leisten

insbesondere verschiedene

revolutionäre Parteien und

Organisationen aus der

Türkei einen wichtigen

Beitrag zur Revolution in

Rojava. Einigen von ihnen

wollen wir im Folgenden

das Wort geben.

66


Komandantin MLKP

«Das Neue und Einzigartige zu begreifen und

zu verstehen und dementsprechend sich selbst

zu rekonstruieren, fordert grosse Flexibilität

und Kreativität, die in der Praxis umgesetzt

werden muss. Entgegen dieser Erfahrung ist

in revolutionären Bewegungen Nachahmung,

Auswendiglernen und formalistische Theorie

und Praxis leider noch weit verbreitet.»

Kannst du kurz den historischen Beginn der

Revolution in Rojava erläutern?

Rojava war in jeder Hinsicht verarmt und das syrische

Regime versuchte das Land ohne Identität zu lassen. Die

KurdInnen in Syrien sind ein Volk, dem keine Identität

zugestanden wird und dem eine nationale Präsenz,

Sprache und Kultur verweigert wird. Es ist eine Realität,

dass hier eine Gesellschaft in jeder Hinsicht zu einem

Nichts gemacht wurde. Infolgedessen ist das kurdische

Volk der Möglichkeit beraubt zu produzieren und sich

sozial, kulturell, politisch, vital, materiell und moralisch

zu entwickeln. KurdInnen, denen ihre Möglichkeit der

Präsenz aus den Händen genommen wird, werden durch

diese Politik der Ausbeutung vom Regime abhängig

gemacht. Zusätzlich zu all dem werden fruchtbare Böden

verändert, die Demografie der kurdischen Bevölkerung

wird mit einer Politik der “Arabisierung” verändert und

um Kurdistan von Rojava abzutrennen wurden Teile

des Landes mit einer speziellen Politik und Strategie

unterteilt, die “Arabischer Gürtel” genannt wird. Orte,

in denen die Kräfte des Daesh am meisten Unterstützung

erhielten, sind oftmals jene Gebiete, in die Menschen von

aussen durch die Arabisierungs-Politik gebracht wurden.

Die beschädigende Kolonialpolitik in Syrien wurde

nach den 60er Jahren intensiver und härter. Ob unter den

KurdInnen, die gezwungen waren, aus Nordkurdistan

nach Rojava zu emigrieren oder denjenigen, die in

Syrien geboren wurden, dort aufwuchsen und immer

dort gewesen sind, war die Tendenz, sich zu organisieren

und zu kämpfen immer vorhanden, weshalb dort auch

verschiedene Organisationen anwesend sind. Diese

illegalen Organisationen waren aktiv, um die nationale

Identität der KurdInnen zu schützen und für ihre

nationalen demokratischen Rechte zu kämpfen. Die durch

das syrische Regime praktizierte KurdInnen-Politik

entwickelte sich ab 1960 zu einer Zeit der Massaker.

Am 30. November 1960 wurden 280 kurdische Kinder

in einem Kino in Amûdê verbrannt, wo sie sich einen

Film anschauen wollten, der die Revolution in Algerien

erklärt. Dies war das erste der grossen Massaker, denen

das kurdische Volk ausgesetzt wurde. Danach wurde

an den KurdInnen, die inzwischen viele grössere und

kleinere Massaker erlebt haben, am 12. März 2004

wieder ein Massaker verübt. Dies geschah während

eines Fussballspiels, bei dem das syrische Regime die

KurdInnen abschlachtete. Als die Menge danach die toten

Körper wegtragen wollte, wurden sie angegriffen und

dutzende Menschen wurden getötet. Daraufhin fingen

überall in den Städten, in denen kurdische Menschen

lebten, Aufstände an.

In der Zeit, bevor die Aufstände von 2004 begannen,

hatte die Politik der Unterdrückung und des Terrors

des syrischen Regimes einen Höhepunkt erreicht.

Die Unterzeichnung des Vertrages von Adana am 20.

September 1998 durch das syrische Regime und den

türkischen Staat spielte eine entscheidende Rolle.

Der Vorgang, der Abdullah Öcalan zwang, Syrien

zu verlassen, wurde entsprechend den Bedingungen

dieses Vertrages in die Praxis umgesetzt. So verschaffte

sich die Türkei die Bedingungen, um sich in Rojava

aktiver einmischen zu können.Die Aktivitäten der PKK

in Rojava begannen schon Ende der 70er Jahre. Die

Erweiterung der Guerillakämpfe und Revolten und

die nationalen, auf demokratischer Basis gewonnenen

Rechte in Nord-Kurdistan, stärkten und beschleunigten

die Dynamik der Rojava Revolution. Mit der Gründung

der PYD (Partei der demokratischen Union) neben den

12 kurdischen Gruppen, wurde der politische Unterbau

der Rojava Revolution gebildet, was die Bedingungen

68


schuf, dass die heutige Revolution Wirklichkeit wurde.

Wenn wir die Bedingungen in der letzten Zeit anschauen,

die zur Rojava Revolution führten, sehen wir, dass das

syrischen Baath Regime unkontrolliert wirtschaftliche

Ausbeutung und politische Unterdrückung aller sozialen

Schichten, mit Ausnahme einer kleinen Minderheit,

betrieb. Das syrische Volk, dem seine politischen

Rechte entzogen worden waren und das in einem Leben

voller Armut gefangen war, begann allmählich sich

zum Prozess des individuellen und sozialen Kampfes

zu erheben. Syrische ArbeiterInnen und Menschen,

die auch durch die Serien der arabischen Revolutionen

beeinflusst waren, füllten die Plätze im ganzen Land, um

gegen die Baath Diktatur und für demokratische Rechte

zu demonstrieren. Allerdings war der Funke, der das

Feuer entfachte die Schriften auf den Mauern, die im

Jahr 2011 von den Kindern in Deraa gemacht wurden.

Diese lauteten „Sie sind jetzt an der Reihe Doktor“.

Die Reaktion des Baath Regimes auf diese Schriften

war hart und gnadenlos. Kinder wurden inhaftiert und

gefoltert. Das Volk wehrte sich gegen diese Gewalt

und gegen die unterdrückende Politik entschlossen und

kämpferisch. Die Proteste gegen dieses Vorgehen breiten

sich in fast alle Städte in Rojava und Syrien aus. Daraa

war der erste Ort von dem aus sich grosser Widerstand

bildete. Am 20ten Tag kam es zum Höhepunkt, als die

Protestierenden das Stadtzentrums von Deraa besetzten.

Am Anfang demonstrierte die Menschenmenge

gegen Korruption und Verarmung. Dies mit dem Ziel

demokratische Rechte und Gerechtigkeit zu finden.

Als ihre Forderungen ignoriert wurden und die

Interventionen des Regimes härter wurden, änderte sich

der Charakter der Demonstrationen und Widerstand

mit der Forderung Assad zu stürzen bildete sich. Als

Assad diesen Widerstand nicht unterdrücken konnte,

machte er einige Zugeständnisse. Der Gouverneur

von Deraa wurde abgesetzt. Der Militärdienst wurde

von 21 Monaten auf 18 Monate verkürzt. Ausserdem

gab es andere Massnahmen, wie die Erhöhung der

Beamtenlöhne, Pressefreiheit oder der Kampf gegen

Korruption. Einem Teil des kurdischen Volkes wurde

dabei die syrische Staatsbürgerschaft erteilt und einige

bisherige Staatspraktiken wurden beendet. Gleichzeitig

versuchte Assad Massaker durchzuführen, indem er

Contra Gruppen, sebbiha [(ar.) „Geister“, Anm.d.R.]

genannt, organisierte. Der Konflikt zwischen den Massen,

von denen der Hauptteil aus Arabern bestand, und dem

Baath Regime, verwandelte sich schliesslich in einen

reaktionären Bürgerkrieg, in den sich ImperialistInnen

und kollaborierende regionale Staaten einmischten. Die

arabische demokratische Opposition wurde reaktionär

und verlor ihre Legitimität und Rechtmässigkeit, da

sie sich den ImperialistInnen und den kollaborierenden

Staaten unterordnete.

Die Rojava Revolution jedoch entschied sich für ihren

eigenen Weg. Sie wählte statt eine reaktionäre Politik

die Unabhängigkeit. Die zwei Möglichkeiten waren sich

entweder zusammen mit der syrischen Opposition zu

bewegen, die man als Marionetten von ImperialistInnen

und Staaten in der Region bezeichnen könnte, oder sich

gegen Assads Regime zu stellen und eine Revolution

anzustreben. So begann eine national-demokratische

libertäre Revolution in Rojava, indem wir erklärten,

dass wir das unterdrückte Volk repräsentieren, das

gequält und massakriert wurde und der Verweigerungs-

Politik des syrischen Staates ausgesetzt war. Wir

schoben das syrische Regime raus aus den Grenzen von

Rojava. Mit Ausnahme des Flughafen in Qamıslo und

mehreren symbolischen Institutionen wurde das Regime

aus der Region weggeputzt. Die Rojava Revolution

erreichte die heutige Situation durch Errichten einer

Verteidigungslinie für die Gebiete von Rojava und einer

Revolution mit einer Opposition gegen Syrien und dann

gegen Daesh und die an-Nusra-Banden. Zur Zeit geht

der Kampf mit demokratischen syrischen Kräften weiter,

um diese libertäre Linie aktiv zu halten.

Gehen wir über zum historischen Prozess der

MLKP Rojava. Mit welchem Hintergrund und was für

einem Vorgehen erklärt ihr die Entwicklungsprozesse

und Phasen?

Unsere Partei ist in der Türkei und Nordkurdistan

organisiert. Sie verteidigt regionale Revolutionen,

Gemeinschaften und Bündnisse. Aus diesem Grund

sehen wir es als ein Recht und eine Mission sich im

Mittleren Osten und in den vier Teilen Kurdistans, die

von KolonistInnen besetzt werden, zu organisieren. Die

Partei bekräftigt, dass die vier Teile Kurdistans in den

verschiedenen Ländern zu einer Einheit vereinigt werden.

Folglich werden alle Fragen, insbesondere die, welche

die Interessen der Region und Kurdistan betreffen,

ebenfalls in unserer Partei besprochen. Sie bestimmt den

programmatischen und politischen Hintergrund unserer

Präsenz in Rojava.

Im August 2012 kamen unsere ersten Kräfte nach Rojava.

Diese Kräfte arbeiteten zunächst daran, die Revolution

zu den Massen zu bringen und sie zu einer Macht des

Volkes zu machen, damit das Volk die Revolution zu

ihrer eigenen Revolution macht und sie an diesem Kampf

teilnehmen. Wir arbeiteten in Einrichtungen, die für

den Aufbau von Rojava grundsätzlich notwendig sind,

wie Sicherheit, eine Gemeindeverwaltung, Zollhaus

und Informationsabteilung. Wir nahmen auch an der

Verteidigung der Revolution teil und sandten Basiskräfte

in verschiedene Bataillone. Ausserdem nahmen wir am

Aufbau der YPG und YPJ teil und stellten GenossInnen

zur Verfügung. Wir waren da als militärische Kraft,

während wir gleichzeitig für die Beteiligung des Volkes

sorgten und mit ihnen die Richtlinien erarbeiteten, die

grundlegend für die Revolution sind. Als wir unsere

Revolution allmählich aufgebaut hatten, sie sich

69


entwickelte und institutionell wurde, die wirtschaftlichen,

politischen, kulturellen und geographischen Fortschritte

sich vervollständigten, kamen die ImperialistInnen,

regionale reaktionäre Länder (wie Saudi-Arabien, Katar

etc. Anm.d.R.) und in erster Linie die koloniale Türkei

und ihre verbündeten Banden al-Nusra und Daesh, das

syrische Regime und die KDP – erinnert euch an die

Embargos und das Schliessen der südlichen Grenzen mit

Gräbern – und versuchten, unsere Revolution von allen

Seiten zu zerstören. Auch heute noch betreiben sie diese

Politik.

Als die militärischen Angriffe gegen unsere Revolution

intensiver wurden, brachten wir die meisten unserer

Kräfte in dieses Gebiet. Mit neuen UnterstützerInnen

vermehrten wir unsere Streitkräfte sowohl in Quantität

wie in Qualität. Die Befreiung Kobanês kam als

Erstes, wir nahmen an sehr vielen Verteidigungs- und

Befreiungsangriffen teil, wie Heseke, Serêkaniye, Girê

Spî, Til Temir und Rûbar Qamişlo.

Als unsere Kräfte sich an der Befreiung von Şengal,

Hol und Tişrîn beteiligten, kämpften wir an fast allen

Fronten von Kobanê bis Şengal. Unsere Streitkräfte

im internationalen Freiheitsbataillon schlossen sich

auch der Befreiung von Şengal und Hol an. Wir

übernahmen verschiedene Aufgaben, und arbeiten

weiterhin in Bereichen der Gesundheit und der Presse,

bei den „Mala Gel“, das heisst dem Haus des Volkes,

von kommunalen Arbeiten bis zum Frauenkampf, und

wir sind außerdem in militärischen Bereichen und in

Selbstverteidigungsgruppen tätig. Außerdem unterstützen

wir auch die Einheit und Solidarität des Volkes. Diese

Institution, SYPG, wird das sein, was ihr Name sagt: Sie

wird im Volk eine Brücke zwischen den Menschen bauen,

sie wird das Volk mit unserer Revolution vertraut machen

und seine Unterstützung und Solidarität organisieren. Sie

wird sowohl zur Entwicklung der Revolution beitragen

und unserer Revolution einen sozialistischen Charakter

geben.Unsere Partei kam nicht nach Rojava, nur um zu

unterstützen, wir sind hier als eine feste Macht. Um es

einfacher zu sagen: wir akzeptieren diese Revolution

als unsere Revolution und ihre FreundInnen als unsere

FreundInnen und ihre FeindInnen als unsere FeindInnen.

Auf was für Kampf- und Kriegserfahrungen und

auf was für Theorien beruft ihr euch?

Wir versuchen eine Partei zu sein, welche die

Erfahrungen aller Revolutionen der Welt analysiert, von

ihnen lernt und ihre Erkenntnisse nutzt. Wir benutzen

sie, indem wir sie in eine Form umwandeln, die für

unser Land brauchbar ist. Die Rojava Revolution ist mit

keiner Revolution in der Vergangenheit vergleichbar.

Aus diesem Grund konnten viele Gruppen die Rojava

Revolution nicht verstehen; oder wollten sie nicht

verstehen. Diese Revolution entwickelt sich nicht wie

die klassischen Revolutionen und ausserdem sind die

historische Entstehung, die Bedingungen, sowie ihre

militärische Struktur absolut einzigartig. Zum Beispiel

gibt es nicht wie üblich eine starke Klassenbewegung.

Die Basis der Revolution besteht aus nationalen

demokratischen Forderungen. Das ist kein Ansatz, der

nur eine enge nationalistische Perspektive beinhaltet.

Obwohl das nationale Thema zentral ist, hat sie einen

Charakter, der das ganze Volk in Rojava umfasst. Da dies

gleichzeitig eine Frauenrevolution ist, sollte sie schon

deshalb als gutes Beispiel verteidigt werden. Abgesehen

davon bleibt diese Revolution speziell und einzigartig,

da sie wirtschaftliche, demokratische, kulturelle und

ökologische Programme hat.

Zu Beginn wurde die Revolution von einem kleinen

organisierten Teil des Volkes und der Streitkräfte

begonnen. Organisierte bewaffnete Milizen und

Guerilla lenkten die Unzufriedenheit erfolgreich und

gingen gegen das Assad Regime auf die Strassen, um

die staatlichen Institutionen zu besetzen. Die staatliche

Armee und die Polizeikräfte in den Städten von Rojava

leisteten kaum Widerstand, weil sie vom Volk und

von militärischen Kräften umgeben waren. Zu Beginn

wurden deshalb militärische Strukturen gebildet, in der

die Guerilla und die Milizen noch vermischt waren.

Später wurden die Kräfte spezialisiert und als Folge

voneinander getrennt. Die geographische Struktur von

Rojava führt zu einer einzigartigen Kriegserfahrung und

Kriegsform. Der Krieg in den Städten wie in Kobanê und

der Umgebung war geprägt von sehr starken Kämpfen,

die vor allem mit schweren Waffen, Bodenminen und

Angriffe mit Minen geführt wurden. Attentate und

Angriffe mit Autobomben (eine Methode, die von

Banden verwendet wird) sind dabei grundlegende

Kriegs- und Kampfformen. Eine weitere Besonderheit

ist, dass hier Kampfstile einer regulären Armee und einer

Guerilla gleichzeitig verwendet werden. Manchmal

zwingen Konflikte dazu wie zwei reguläre Armeen zu

kämpfen, ein anderes Mal wird im Guerillastil gekämpft

(Hinterhalt, Sabotage, Attentate usw.). Von Zeit zu Zeit

werden Taktiken aus allen Kampfformen angewendet.

Der historische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche

Alltag in der Vergangenheit und der Gegenwart in

Rojava ist der Grund dafür, dass diese Revolution

keiner typischen Erfahrung einer Revolution ähnlich

ist. Wenn diese Einmaligkeit vernachlässigt würde

und wir schlicht bekannte Revolutionstaktiken und

-theorien anwenden würden, dann würden wir heute

über etwas reden, was nicht die Rojava Revolution ist.

Für uns MarxistInnen ist es von grosser Wichtigkeit, die

richtigen Mittel und Kampfformen zur richtigen Zeit,

mit einer materialistischen Analyse der materialistischen

Situation anzuwenden.

Marxismus wäre nicht Marxismus, wenn er nicht auf

Dialektik und historischem Materialismus basieren

würde. Das Neue und Einzigartige zu begreifen und

zu verstehen und dementsprechend sich selbst zu

70


ekonstruieren, fordert grosse Flexibilität und Kreativität,

die in der Praxis umgesetzt werden muss. Entgegen

dieser Erfahrung ist in revolutionären Bewegungen

Nachahmung, Auswendiglernen und formalistische

Theorie und Praxis leider noch weit verbreitet.

Dennoch, wie man es auf der ganzen Welt und zu allen

Zeiten schon beobachten konnte, gibt es grundlegende

Gesetze des Krieges, die auch hier in Rojava ihre

Gültigkeit haben. Darunter gehören beispielsweise

Aspekte des Militärlebens wie Disziplin, Regeln, Aspekte

von Angriff und Verteidigung, Befehl und Gehorsam,

Willenskraft, Glaube, Entschlossenheit, Hingabe, den

Gegner und sich selbst kennen usw.. Die Antworten aller

KriegstheoretikerInnen und KommandantInnen zu all

diesen Themen würde fast gleich sein. Die militärische

Logik ist dieselbe bei Clausewitz, Lenin und wohl auch

bei anderen militärischen und politischen FührerInnen.

Diejenigen, die erfolgreich sind, sind diejenigen, die

eine militärische Kriegsstrategie und -taktik entwickeln,

indem sie die eigenen historischen Bedingungen mit

Objektivität, basierend auf der Realität und der sozialen

materiellen Struktur, betrachten.Wir versuchen das, was

wir als Erbe aus unserer eigenen Geschichte und von den

weltweiten Erfahrungen wissen, in die Einmaligkeit der

Rojava Revolution einzubringen. Dafür haben wir keine

Form und kein Modell, das wir anwenden. Während dem

wir die Revolution in den militärischen, wirtschaftlichen,

kulturellen und sozialen Bereichen „Rojavisieren“,

nähert sich unsere Revolution allmählich dem Sieg.

Was heisst es, im MLKP Rojava Bataillon zu leben?

Vor allem bedeutet es für uns KommunistInnen eine

ideologische, politische und organisatorische Qualität.

Eines der wichtigsten Probleme der revolutionären

Bewegungen von heute ist es nicht entschlossen genug

zu sein. Wenn die Einheit von Wort und Tat nicht

vorhanden ist, kommt es zu einer Flut von Worten, die

keine praktischen Konsequenzen haben. Wenn eine

Bewegung ihre Glaubwürdigkeit verliert, verliert sie

auch ihr Existenzrecht. Der grösste Teil revolutionärer

Bewegungen ging wegen ihrer Politik zugrunde. Mangel

an Strategie verursacht einen Mangel an Taktik und das

bedeutet es wird keine Politik gemacht. Das zwangsläufige

Ergebnis ist, nur ZuschauerIn und KommentatorIn zu

sein. Diejenigen die in so ein Verhalten verfallen, können

die Revolution weder aufbauen noch ein Teil von ihr sein.

Im MLKP Bataillon zu leben bedeutet an einem Ort zu

sein, wo RevolutionärInnen ihre revolutionäre Identität

und ihre revolutionären Ansprüche stärken. Sie arbeiten

in verschiedenen Bereichen und arbeiten daran, dem

Volk und der Ideologie zu vertrauen, zur richtigen Zeit

am richtigen Ort zu sein, den Traum einer neuen Welt

zu verwirklichen und in die Zukunft zu schauen. Die

MLKP ist eine Partei von Kurdistan. RevolutionärInnen

aus vielen Nationen sind hier und kämpfen zusammen

mit der MLKP Rojava. Wir sind offen für Menschen,

die nicht Mitglieder der MLKP aber zuversichtliche

RevolutionärInnen oder auch AnarchistInnen sind.

Unsere Partei ist auch ein Ort für KämpferInnen die

aus anderen Ländern kommen, vor allem aus Europa,

um zusammen mit der MLKP gegen Barbarei und die

reaktionären Daesh zu kämpfen. In diesem Sinne hat die

MLKP sowohl lokale als auch internationale Merkmale.

Welche Auswirkungen hat die Rojava Revolution

auf das Leben und die Praxis im Bataillon?

Wir sind in jeder Hinsicht ein Teil der Rojava Revolution.

Abgesehen von unserer Einzigartigkeit, was unsere

ideologische Struktur und unsere eigene Geschichte

betrifft (die eine andere Perspektive und Vorteile bietet)

ergänzen wir einander vor allem in militärischen Fragen.

Wir beeinflussen so wie wir auch selber beeinflusst

wurden. Zum Beispiel befinden sich die KämpferInnen

unseres Bataillons auch an der Frontlinie und nehmen dort

an allen Operationen teil. Das Leben im Bataillon bildet

und festigt sie. Obwohl die Banden aus Rojava vertrieben

worden sind, ist das Hauptthema zur Verteidigung der

Revolution immer noch ein militärisches. Wir sollten

eine militärische Verteidigungsperspektive entwickeln

und uns ihren angemessenen Stellenwert überlegen.

Natürlich bestimmt die militärische Perspektive und ihre

Regeln den Lebensstil des Bataillons. Ausserdem werden

regelmässig ideologische und politische Schulungen

durchgeführt, damit die Rojava Revolution verstanden

wird und damit man ein aktiver Teil der Rojava

Revolution sein kann, was eine wichtige Grundlage für

den Kampf und die Schaffung des neuen sozialistischen

Menschen bietet.

Wie bildet und formt ihr neue KämpferInnen?

Die Rojava Revolution ist immer noch im Aufbau. Es

ist eine Revolution, in der der militärische Charakter

immer noch grundlegend ist. Deshalb hat die

militärische Ausbildung immer noch Priorität und im

Anschluss daran folgt die ideologische, politische und

organisatorische Schulung. In dieser Schulung werden

polytechnische Methoden angewendet. Wenn notwendig

werden KämpferInnen, die an der Schulung teilnehmen,

zu AusbilderInnen. Alle Schulungen werden zuerst im

Bataillon erprobt und untersucht.

Die militärische Ausbildung wird teilweise in der Realität

der Rojava Revolution durchgeführt. Die Kriegsstrategie

und -taktik von Rojava wird gelehrt. Besonders nach

Angriffen bringen die Kräfte, die beim Angriff dabei

waren, diese Erfahrung in das Bataillon und in die

Partei. Tatsächlich bilden wir politische KämpferInnen

aus, welche mit der Ideologie vertraut sind, welche das

Vertrauen in die Partei haben, welche die Willenskraft

haben die politische Parteilinie in die Praxis umzusetzen

71


und welche widerstandsfähig, militant und mit der

Revolution verbunden sind.

Wie unterstützt ihr junge KämpferInnen darin,

mit den schwierigen Bedingungen des Krieges

umzugehen?

Krieg ist die stumpfste, härteste und intensivste Phase

des Kampfes. Deshalb sollte ein/e RevolutionärIn, den

Krieg in seinem / ihrem Kopf gewinnen, um diesen

harten Bedingungen des Krieges standzuhalten und mit

ihnen umgehen zu lernen. Wir versuchen ihnen zuerst

diese Eigenschaft beizubringen. Dies ist nur möglich,

indem wir ideologisch stark sind und wissenschaftlich

vorgehen. RevolutionärInnen, die wissen, wofür sie

kämpfen, wofür sie leben und wofür sie sterben wenn

es notwendig ist, können alle Schwierigkeiten des

Krieges überwinden. Wenn ideologische Klarheit

und Entschlossenheit auch mit Wissen, Fähigkeiten

und technischen Erfahrungen gestärkt sind, gewinnen

KämpferInnen Kampfgeist und Geschick, um die harten

Bedingungen zu bewältigen.

Es ist wichtig zu betonen, dass Ausbildung sowohl etwas

Allgemeines als auch etwas Persönliches ist. Es ist nichts

Einseitiges, Verallgemeinerndes und Herabsetzendes.

Die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kapazitäten der

einzelnen GenossInnen werden berücksichtigt, wenn die

Ausbildung geplant wird. Wenn die Ausbildung an den

Kriegsfronten untersucht wird, wird sie lehrhafter und

dauerhafter.

Wie kann die Idee der Rojava Revolution an den

militärischen Kampf und an das Leben angepasst

werden?

Die Notwendigkeit zu verstehen ist der wichtigste

Motivator. Die Rojava Revolution war am Anfang und

in der Zeit der Verteidigung eine Revolution mit einem

ausgeprägten militärischen Charakter. Diese Eigenschaft

gehört zu dieser Revolution und ist einzigartig. In der

Regel basieren Revolutionen auf Gewalt und militärischen

Mitteln und Formen.Wenn wir das Problem praktisch

definieren, können wir sagen, dass der Bürgerkrieg in

Syrien dem Volk von Rojava die Möglichkeit gab, eine

Revolution zu initiieren. Guerillakräfte übernahmen

die Führung mit der Unterstützung des Volkes. Die

Angriffe von Banden wie Al Nusra, die versuchten die

Revolution zu zerstören und die von der Türkei und

anderen unterstützt werden, nahmen rasch zu. Diese

kolonialistischen FaschistInnen und reaktionären Kräfte

versuchen unsere Revolution zu ersticken. Auch wenn

der Widerstand der Feinde gebrochen ist und sie sich

zurückziehen, ist die Revolution immer noch in Gefahr

von diesen Konter-RevolutionärInnen angegriffen zu

werden.

Das ist der wichtigste Faktor, der die Anpassung an

die Idee der Revolution mit militärischem Kampf und

militärischem Leben leichter macht. Die Realität, die

Verteidigung und Entwicklung der Revolution, ist

direkt in Beziehung mit dem militärischen Kampf und

dem militärischen Leben. Wenn du zum Beispiel nicht

in militärischer Disziplin und militärischen Regeln

organisiert bist und den Kampf damit entwickelst,

kannst du die Rojava Revolution oder dich selber nicht

verteidigen. Diese materialistische Tatsache ist eine

Realität, die schnell von allen Kräften akzeptiert wird, die

sich der Revolution anschliessen. Natürlich besteht ein

grosser Unterschied zwischen Verstehen und in der Folge

in die Praxis umzusetzen. Das ist die Qualität, die unsere

KämpferInnen in ideologischen, organisatorischen und

militärischen Schulungen erhalten. Wenn die Erfahrung

im Gelände, an der Front dazukommt, ist die Anpassung

an die Rojava Revolution und an die militärischen und

wichtigen Aspekte vorhanden.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Rojava

und dem revolutionären Kampf in der Türkei?

Rojava ist ein Teil von Kurdistan. Rojava wurde zur

AnführerIn sowohl in den anderen Teilen Kurdistans,

wie auch in der Rolle, die es in anderen Revolutionen

in der Region spielen wird. Die türkische Revolution

ist auch ein Teil der regionalen Revolutionen. Jede

Entwicklung in Kurdistan (vor allem in Bakûr und

Rojava) vertieft die Krise des Regimes und ist von

grosser Bedeutung im Klassenkonflikt mit seinen

direkten Auswirkungen. Als Folge davon gibt es eine

direkte Beziehung zwischen Rojava und der Türkei.

Unsere Partei, welche die Richtung der Entwicklung

des Befreiungskampfes in Kurdistan richtig eingeschätzt

hat, definiert, dass Kurdistan die Einheit der Schicksale

von vier Teilen des Landes erzwungen hat, indem die

Grenzen ideologisch, politisch, kulturell und moralisch

errichtet wurden. Dies veränderte die Perspektive,

die den Kampf auf den Norden Kurdistans beschränkt

sah. Mit dem 3. Kongress der Partei, der im Jahr 2002

stattfand, bei dem die Perspektive der „regionalen

Revolutionen“ entwickelt wurde, wurden die regionalen

demokratischen und sozialistischen Verbände in das

Programm aufgenommen. Dann, mit dem 5. Kongress,

wurde der international verwendete Name MLKP/

Türkei-Nordkurdistan zu MLKP/Türkei-Kurdistan

geändert, womit die Arbeit in den anderen Teilen

Kurdistans berücksichtigt wurde. Es ist ein Ansatz, der

das Recht in Anspruch nimmt, die Einheit Kurdistans,

das durch die KolonialistInnen zerteilt wurde, wieder

herzustellen. Unsere Kurdistan Organisation betrachtet

die vier Teile als den Kampf-Bereich. Diese Perspektive

ist auch ein Schlag gegen den Kemalismus, der tief in die

Seele der linken Bewegung eingedrungen ist.

Auch heute noch können viele revolutionäre

Organisationen, DemokratInnen und Intellektuelle die

kurdische nationale Bewegung nicht richtig einschätzen.

72


So wie sie auch die kurdische nationale Revolution,

die sich 1993 zu entwickeln begann, nicht korrekt

einschätzen und verstehen konnten, haben sie heute

Schwierigkeiten, die Rojava Revolution zu begreifen

und sie nähern sich ihr entweder oberflächlich, leugnen

oder ignorieren sie.

Da unsere Partei ein Teil, eine politische Kraft und

eine Kampfkraft in der Rojava Revolution ist, die sich

voll einsetzt, hatte das einen positiven Effekt auf die

türkischen Linken und revolutionären Bewegungen

und öffnete einen Weg, damit sie sich der Rojava

Revolution zuwenden konnten, wenn auch nur

teilweise. Die offensive Politik der kolonialistischen

Diktatur gegenüber unserem Volk, den ArbeiterInnen

und allen Unterdrückten, geht an der türkischen Front

intensiv weiter. Mit der Rojava Revolution zeigte es

sich deutlicher, dass das Recht unseres Volkes auf

Selbstbestimmung, der Wunsch nach Selbstverwaltung,

Selbstverteidigung, wirtschaftliche, kulturelle und

soziale Kontrolle, der Prozess zur Schaffung einer neuen

Gesellschaft, alle Regionen betrifft. Tatsächlich füllt das

Volk und die ArbeiterInnen in der Türkei ihre Segel mit

dem Wind des revolutionären Sturms in der Region. Die

Rojava Revolution zu verteidigen heisst auch die eigene

Freiheit, die eigene Revolution, die eigene Kultur und

die eigenen Werte zu verteidigen.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die kolonialistische

faschistische Diktatur den Tod der 33 jungen Menschen

des SGDF (Zusammenschluss sozialistischer

Jugendverbände in der Türkei) plante, die sich mit

Kobanê solidarisierten. Auch das Bombenattentat

bei dem Treffen in Ankara, wo Zehntausende sich

versammelten, um gegen den schmutzigen Krieg in

Kurdistan zu demonstrieren, war durch den türkischen

Staat organisiert, obwohl auch hier wie in Pirsus Daesh

verantwortlich gemacht wurde. Die objektiven und

subjektiven Bedingungen für die regionale Revolution

hängen direkt mit der kurdischen Befreiungsbewegung

zusammen und errangen mit der Revolution in Rojava

einen Sieg, der auch den Kampf in der Türkei betrifft.

Der Kampf gegen die Feinde der Rojava Revolution

und die Türkei ist ein Kampf gegen die reaktionären,

imperialistischen Mächte, islamistische faschistische

Banden und die kolonialistische faschistische türkische

Diktatur. Gemeinsame Feinde zu haben, macht unseren

Kampf und die Revolution zu etwas gemeinsamem.

Bevor die Befreiung und der Kampf für den Sozialismus

erfolgreich sind, wird die Revolution in Rojava immer in

Gefahr sein. Es ist schwierig, den Erfolg der Revolution

von Rojava zu gewährleisten, bevor Syrien in einen

demokratischen Zustand getragen worden ist.

Leistet die MLKP Rojava auch einen Beitrag zur

Entwicklung der revolutionären Gesellschaft mit

sozialen Projekten? Nicht nur militärisch, sondern

auch in der Gesellschaft?

Rojava erfährt in jeder Beziehung einen

Wiederaufbauprozess. Die Gesellschaft reorganisiert

sich und verwaltet sich neu in vielen Bereichen wie

Gemeindeverwaltung, Genossenschaften, Bildung,

Kultur und Gesundheit. Unsere Partei trägt auch zum

Aufbau der Revolution mit ihren eigenen Möglichkeiten

und Stärken bei, indem sie ihre Position im fortlaufenden

Prozess einnimmt.

Das Gebiet von Rojava beherbergt eine Vielzahl von

Völkern, Religionen und Kulturen. Unsere Partei wird

wie in der Vergangenheit weiterhin ihre ideologischen,

politischen und organisatorischen Aufgaben

wahrnehmen, mit der Perspektive, die Einheit, Freiheit

und Solidarität der Bevölkerung zu stärken. Zusätzlich

dazu setzen wir unsere Arbeit in der lokalen Verwaltung,

der Presse und den Gesundheitsbereichen fort.

Der imperialistische Krieg zwischen Ländern

wie Russland und der Türkei wird von Tag zu Tag

komplexer. Was ist eure Meinung dazu?

In der Zeit, die arabischer Frühling genannt wird,

entwickelte die Suche der Menschen, auch der

unterdrückten Menschen, nach Demokratie und Freiheit,

gegen die Diktaturen der Region, eine grosse Dynamik,

die immer noch da ist, so sehr sie auch inzwischen

historisch ist. Es gab Orte, an denen die Diktaturen

gestürzt wurden, wie in Tunesien. Die ImperialistInnen

und reaktionäre Staaten der Region wollten von dieser

Dynamik profitieren und wollten eine Freiheit für

ihre eigenen Profite, wie in Ägypten und in Libyen.

Die Türkei war in dieser reaktionären Rivalität dabei.

Sie begannen eine Suche nach Regionen mit neoosmanischer

Politik, um dort eine Vorherrschaft zu

konstruieren. Mit ihren so genannten Angriffen gegen

Israel, versuchten sie arabische Menschen mit den

eigenen zu ersetzen. Sie konzentrierten sich auch auf

die Feindschaft gegen das kurdische Volk, indem sie

versuchten den Prozess der Rojava Revolution, die

eine nationale demokratische libertäre Bewegung für

Selbstverwaltung und Selbstverteidigung ist, die ihre

Wurzeln im Norden entwickelt hat, zu überwältigen und

zu neutralisieren. Der Mittlere Osten ist wieder zu einem

Gebiet für den Konkurrenzkampf und den Krieg der

ImperialistInnen geworden. Die USA konnten mit den

Kriegen, die sie gegen Afghanistan und den Irak geführt

haben, nicht genau das erreichen, was sie wollten. Sie

vergrösserten ihren eigenen Markt in einem Teil der alten

Kolonien von Russland, in Lettland, Estland, Litauen

und der Ukraine, auf der Basis der Zusammenarbeit

mit UN-ImperialistInnen. Der Balkan wurde in einen

Markt für die deutschen ImperialistInnen verwandelt,

die eng mit den USA zusammenarbeiten. Die Franzosen

begannen offensivere militärische Angriffe, vor allem in

Afrika, durchzuführen. Dies machten sie mit ähnlicher

Vorgehensweise auch in Syrien. Russland wartete auf

73


eine Gelegenheit, sich die grossen Marktplätze zurück

zu nehmen, die von den USA und dem imperialistischen

UN Block genommen worden waren, um sich zu stärken

und zu entwickeln, und traf hierzu wirtschaftliche,

politische und militärische Vorbereitungen, um den

Prozess von innen nach aussen zu drehen. Russland

bewegt sich seit kurzem selbstbewusster in Syrien und

mit einer grösseren militärischen Stärke. Sie zeigten

damit, dass sie an diesem Wettbewerb und dem Krieg

teilnehmen.

Der USA-UN imperialistische Block, der die

Auswirkungen der Daesh und anderer islamistisch

faschistischer Banden im Nahen Osten nicht

neutralisieren konnte, so wie sie auch die Einmischung

von Russland nicht verhindern konnten, musste mit

ihnen eine Vereinbarung treffen. Der Krieg in Syrien

ist ein Ergebnis der Versuche von Russland, den USA

und der Türkei ihren Anteil aus der Neuformierung der

Region zu bekommen. Obwohl sie unfreiwillig Verträge

schlossen, sind die Widersprüche und Spannungen,

insbesondere zwischen Russland und den USA sehr

gross, und es ist sehr wahrscheinlich, dass diese zu

gewaltsamen Konflikten werden. Die Türkei hat schon

seit langem, zusammen mit Saudi-Arabien und Katar,

in der Region eine sunnitische Politik angewandt.

Sie unterstützen islamistische faschistische Banden

wie Daesh und Al Nusra und versuchen durch die

Verwendung dieser Kräfte die Rojava Revolution

und die kurdische nationale Befreiungsbewegung zu

unterdrücken, und sich in der Region festzusetzen.

Sowohl der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs

wie auch der Einzug in die Basika-Region, angeblich

wegen den TurkmenInnen, hat denselben Grund. Die

Politik und die Pläne Russlands betreffend Syrien sind

nicht neu. Als ein Land, das enge Beziehungen zum

Baath-Regime hat und dort Militärbasen eingerichtet hat,

ist Russland einflussreich in der Region. Als die USA

und ihre Alliierten jeder Methode, einschliesslich Krieg,

zustimmten, um ihre Vorherrschaft in diesen Gebieten in

Syrien zu sichern, wartete Russland nicht und gab jede

Art von Unterstützung, damit das Assad Regime an der

Macht bleiben konnte. Jetzt entwickelt Russland eine

neue Politik indem sie direkt in der Region eingreifen.

Die imperialistische Allianz der USA und der UN

versuchen die Region nach ihren Ideen neu zu gestalten,

haben damit aber Schwierigkeiten, weil sie dort nicht

die einzigen sind, die dies wollen. Sie versuchen es in

Syrien, aber genau wie im Irak gelang ihnen das nicht. Im

Irak übernahmen verschiedene ethnische und religiöse

Gruppen aus dem politischen Umfeld die Macht, um

die Absichten der ImperialistInnen misslingen zu

lassen. Tatsächlich wurde Daesh, mit der Hoffnung,

diese Kräfte daran zu hindern, das Gleichgewicht in der

Region zu stören, von den ImperialistInnen unterstützt

und bewaffnet. Doch da die Daesh die regionalen

Gegebenheiten nutzen wollten, um ihre eigene

Vorherrschaft in der Region einzurichten, entzogen

sie sich nach einer gewissen Zeit der Kontrolle durch

die ImperialistInnen und der regionalen reaktionären

Staaten, und wurden selber zu einer grossen Gefahr

für ihre Profite. In der bestehenden Situation konnte

die irakische Armee, die Peschmerga und die syrische

Armee sich nicht gegen die Daesh behaupten. Die lahmen

Angriffe der ImperialistInnen waren nicht genug, um das

Vordringen und die Ausbreitung der Daesh zu verhindern.

Sie kämpften gegen das Monster, das sie selbst

geschaffen hatten. Zwar bildeten sie eine internationale

Koalition, sie konnten die Daesh aber trotzdem nicht

verhindern. Daesh war in einer Position, in der sie die

Erwartungen an sie nicht erfüllten. Dies erinnert an die

Situation in Deutschland während der Hitler-Herrschaft.

Die ImperialistInnen jener Zeit unterstützten den

Hitlerfaschismus, um den Einfluss der Sowjetunion zu

verhindern. Doch das Monster, mit dem Ziel der Macht,

begann sie aufzufressen. Aus diesem Grund spielte der

Widerstand und der Sieg der Sowjetunion die Rolle

eines Leibwächters für die von Hitler besetzten Staaten

in der Region. Es ist kein Geheimnis, dass Teile des

Anti-Daesh-Blocks GegnerInnen der ideologischen

und politischen Perspektiven der Rojava Revolution

und ihre Verteidigungskraft YPG sind, wenn sie diese

mit ihren eigenen ideologischen und politischen Ziele

vergleichen. Aber der Erfolg der YPG verpflichtete sie

dazu, die aufopfernden Kämpfe und den Widerstand der

YPG gegen Daesh und andere Gruppen anzuerkennen.

Es ist eine Beziehung, der die ImperialistInnen zwar

verpflichtet sind, sie hätten sie aber lieber dennoch nicht

so.

Es ist kein Problem für uns, dass einige der

ImperialistInnen den Daesh schlagen, wie die BesitzerIn

einen wilden Hund, der hier und da nicht gehorcht.

Dieser Hund greift eigentlich uns an. Deshalb stört es

uns nicht, wenn sie den Daesh etwas schlagen. Wir

sollten auch betonen, dass sich die Zusammenarbeit der

USA, der UN und Russland mit der Rojava Revolution

und ihrer Pionierarbeit grundsätzlich nur auf eine

militärische Zusammenarbeit beschränkt. Weder die

Rojava Revolution noch die nationalen demokratischen

Rechte der kurdischen Bevölkerung sind ein Thema.

Was denkt ihr über die internationale Solidarität?

Als Partei kümmern wir uns sehr um dieses Thema. Wir

versuchen Bündnisse zu schliessen, machen Treffen,

bilden Aktionseinheiten und üben Solidaritätspraktiken

mit sehr vielen internationalen Gruppen. Allerdings

können wir nicht sagen, dass Einheiten, die stark und weit

verbreitet genug sind, wie es jetzt für eine revolutionäre

internationale Zuständigkeit notwendig wäre, aufgebaut

werden. Es genügt, sich die mordende Menge der Daesh

anzusehen, um sich der beschämenden Situation der

Gruppen, die sich als links, sozialistisch, revolutionär

oder anarchistisch bezeichnen, zu sehen. Denkt an die

74


Tausenden von Menschen aus fast 100 Ländern, die

sich dieser mordenden Masse anschliessen. Die Zahl

der InternationalistInnen, die für eine Alternative wie

die Rojava Revolution Stellung beziehen, die für die

Frauenbefreiung kämpft und Gleichberechtigung und

Gerechtigkeit verteidigt, ist im Vergleich sehr klein.

Wir sind uns sicher, dass die Rojava Revolution, die im

wüstenartigen politischen Umfeld des Mittleren Ostens

wie eine Oase und eine Quelle des Lebens ist, mehr

Interesse, Unterstützung und Solidarität verdient.

Um zu verstehen, was hier geschieht und um die Situation

zu verbessern, sollte jede Art von internationaler

Unterstützung geleistet werden. Unsere Revolution

macht das möglich. Die Rojava Revolution mit dem,

was sie verteidigt und verwirklicht, macht internationale

Solidarität und die Einheit der RevolutionärInnen

notwendig und zwingend. Es sollte betont werden, dass

die RevolutionärInnen und KommunistInnen mehr

an der Verteidigung und dem Aufbau der Revolution

teilnehmen sollten. Dies um zu gewährleisten, dass

die Rojava Revolution zur Demokratisierung Syriens

beitragen wird, zur Befreiung von Nordkurdistan und

für den Aufbau und die Entwicklung der sozialistischen

Verbände / Einheiten. Unsere Partei betont noch

einmal konkret die Anstrengungen zur Verteidigung,

zur Verbreitung und Stärkung der eigenen Revolution

der Völker und der Unterdrückten der Welt durch die

Pionierarbeit im Internationalen Freiheits-Bataillon.

Was wollt ihr den internationalen revolutionären

Bewegungen sagen?

Die Rojava Revolution ist heute der Ort der Menschen

und der Unterdrückten der Welt, die gegen den

Kapitalismus, den Imperialismus und jede Art von

religiösen Reaktionären kämpfen. Die Revolution von

Rojava zu schützen bedeutet gegen den Kapitalismus,

Imperialismus und reaktionäre Religionsbestrebungen

Widerstand zu leisten und den Fortschritt der Revolution

zu unterstützen. Der Sieg der Revolution von Rojava

wird ein starker Schlag gegen den Kapitalismus, den

Imperialismus und reaktionäre Diktaturen in der Region

sein.

Die Rojava Revolution ist heute das, was die Pariser

Kommune, die bolschewistische Revolution, Kuba,

China, Vietnam, Südafrika und Algerien bedeuten. Aus

diesem Grund ist Schutz und Unterstützung aber auch

die Teilnahme darin die konkreteste, unvermeidlichste

und obligatorische ideologische und politische

Verantwortung der revolutionären Bewegungen heute.

75


TKP/ML & TIKKO

«Es ist für uns sehr wichtig, dass wir als

RevolutionärInne hier auch internationale

Solidarität zeigen. Für die Öffentlichkeit

ausserhalb Rojavas ist es ebenfalls sehr

wichtig, dass die Leute sagen, dass da

auch internationale KommunistInnen und

RevolutionärInne kämpfen»

Könnt ihr etwas über euch erzählen? Wie ist

die TKP/ML-TIKKO hier im Kampf in Rojava

involviert?

TKP/ML-TIKKO ist am Kampf des Internationalen

Freiheitsbataillons beteiligt. Die TIKKO ist Mitbegründer

dieses Bataillons. Wir sind bis jetzt aber nur im Bataillon

tätig, extra ein Team zu formieren, das machen wir nicht.

Wir kämpfen als TIKKO im Bataillon, aber in Zukunft

werden wir an Operationen vielleicht auch einzelne

Teams aufstellen.

Kannst du ganz kurz sagen, was der Unterschied

ist zwischen einem Bataillon und einem Team?

Im Bataillon organisieren sich verschiedene revolutionäre

Organisationen. Der Unterschiedlich ist, dass in Teams

die Parteien ohne andere Organisationen auftreten.

Also zum Beispiel könnte die TKP/ML und die MLKP

ein eigenes Team stellen. Die wären dann unabhängig

voneinander. Aber wenn wir im internationalen Bataillon

kämpfen, dann sind wir alle zusammen.

Das heisst, ihr könnt als Bataillon an einer Operation

teilnehmen, aber auch als Team unabhängig davon?

Genau! Das können wir so machen, das ist eigentlich uns

selbst überlassen. Das Internationale Freiheitsbataillon

ist für uns aber sehr wichtig, denn die revolutionären

Kräfte, die hier aktiv sind, haben grosse Bedeutung für

uns. Auch für die Rojava Revolution ist es wichtig, dass

wir gemeinsam als ein Bataillon kämpfen. Letztlich ist

aber beides, das heisst unser Kampf als Organisation und

unser gemeinsamer Kampf, für uns von Bedeutung.

Warum ist das Freiheitsbataillon für euch wichtig?

Um die internationale Solidarität zu zeigen ist es

wichtig, dass wir die Rojava Revolution verteidigen und

dass wir ein Teil davon sind. Im internationalen Tabûr ist

es unser Ziel, dass Leute auch vom Ausland beteiligen

können. Dabei ist es egal, ob sie sich Demokraten oder

Revolutionäre nennen oder ob sie SozialistInnen oder

KommunistInnen sind. Wäre das nicht so, würden sie

als Einzelpersonen in den YPG Bataillons kämpfen.

Doch mit den Erfahrungen von Spanien im Rücken, als

es damals im Kampf gegen Franco ein vergleichbares

internationales Tabûr gab, wollten wir hier etwas

Vergleichbares auf die Beine stellen. Dies ist umso

wichtiger, weil hier eine Revolution stattfindet. Ob diese

gut oder schlecht sein wird, ist eine andere Frage aber

hier kämpft letztlich ein Volk, bei dessen Freiheitskampf

wir beteiligt sind.

Es ist für uns auch wichtig, dass wir hier als

RevolutionärInne internationale Solidarität zeigen. Für

die Öffentlichkeit ausserhalb Rojavas ist wichtig zu

erfahren und zu sehen, dass hier auch internationale

KommunistInnen und RevolutionärInnen kämpfen.

Die Menschen sollen sehen, dass die hier dabei

sind. Und die Menschen, das heisst insbesondere die

RevolutionärInnen, sollen hierher kommen.

Gibt es dabei auch politisch ideologische

Unterschiede?

Ja, es gibt verschiedene Organisationen, die jetzt

am Bataillon beteiligt sind. Es gibt SozialistInnen,

KommunistInnen, AnarchistInnen, DemokratInnen,

Menschen, die nur die die Revolution von Rojava

verteidigen möchten und solche, die wegen den

Menschenrechten hier sind. Es gibt also ganz

verschiedene ideologische Ansichten. Wir sind aber

alle Teil eines gemeinsamen Bataillons und kämpfen

zusammen gegen Daesh.

76


Wie geht ihr mit diesen Widersprüchen um?

Wir versuchen, Konflikte zu vermeiden, weil es uns nicht

weiterbringt, sondern nur bestimmte Gruppierungen

hervorbringt. Das ist eigentlich jedem klar, aber das heisst

nicht, dass wir unsere Widersprüche einfach ignorieren.

Bestimmte Sachen diskutieren wir. Zumindest wenn wir

Zeit haben, setzen wir uns hin und reden über bestimmte

ideologische Themen. Beispielsweise darüber, wer was

sagt, wer welche Ansichten hat und dann fangen wir

an Diskussionen zu führen. Es ist normal, dass jede/r

sich äussern kann. Eine/r die/der eine andere Ansicht

hat, kann einem anderen einfach zuhören, um ihn zu

verstehen. Da ist es auch sehr wichtig, die Gedanken des

anderen erst mal aufzunehmen, darüber nachzudenken

und damit zu leben.

Diese Auffassung im Tabûr führt dazu, dass jeder hier

ein Genosse ist. Das heisst, dass nicht nur die Leute

aus der eigenen Organisation als solche begrüsst

werden. Wir sagen nicht mehr: «du bist mein Genosse

und die anderen sind halt nur Freunde». Denn alle, die

im Bataillon leben und kämpfen, sind Genossen. Wir

kämpfen nebeneinander und wenn wir im Kampf fallen,

werden wir nebeneinander fallen. Wir werden die besten

Tage im Kampf miteinander verbringen.

Wir haben zum Beispiel an zwei Grossoperationen

teilgenommen. Da haben wir auch Gefallene gehabt und

das verbindet uns. Wir sind dadurch ein besseres Tabûr

geworden. Die Qualität steigt durch die gemeinsame

Erfahrung und die Solidarität.

Und wie läuft die Arbeit bei euch im Tabûr?

Wir versuchen viel Öffentlichkeitsarbeit zu machen.

Wir haben auch viele Leute, die zum Tabûr kommen

möchten und mit denen wir den Kontakt aufbauen. Wir

haben viele internationale KämpferInnen, die bei uns

sind: Aus den USA, von Brasilien, von Deutschland, aus

der Schweiz, von Frankreich, auch von Russland sind

einige GenossInnen da, die jetzt im Bataillon kämpfen.

Gibt es im Bataillon auch Reflexionen, im Sinne

von Kritik und Selbstkritik?

Ja, das ist sehr wichtig bei uns. Wir machen täglich Kritik /

Selbstkritik. Dabei formen wir Teams. Diese bestehen aus

drei bis fünf Personen. Zwei Teams sind eine Mannschaft

und es gibt einen Mannschaftskommandanten und die

Teams haben auch Teamkommandanten. Jede Woche

trifft sich die Mannschaft und nimmt am Treffen zur

Kritik / Selbstkritik teil. Sie setzen sich hin und reden

über etwas. Zum Beispiel, wer welche Kritikpunkte an

wem hat, was falsch gemacht wurde, was wir in Zukunft

vermeiden sollen. Täglich machen die Teams Kritik /

Selbstkritik. Da werden Fragen besprochen, wie zum

Beispiel wer an dem Tag was Falsches gemacht hat,

wer was gemacht hat und so weiter. Dies führt dazu,

dass Kritik / Selbstkritik uns hilft, dass viele Probleme

gleich am Anfang gelöst werden und dass sie sich nicht

sammeln und auf einmal platzen und es dann schwieriger

ist sie zu lösen.

Wenn wir täglich über Probleme reden, dann können

wir diese besser lösen und die GenossInnen verstehen

das dann auch besser. Wenn sich Probleme hingegen

sammeln würden, dann haben wir auf einmal ein grosses

Problem. Einmal im Monat üben wir als ganzes Tabûr

Kritik / Selbstkritik aus. So läuft das bei uns. Auch darin

haben wir also eine Art Ausbildung gemacht.

Wir haben uns zudem hingesetzt und einen Bildungsplan

gemacht, damit wir einerseits fähig sind, Selbstkritik

auszuüben, andererseits aber auch andere Themen

behandeln können. Beispielsweise beschäftigen wir uns

auch immer wieder mit Fragen, wie was denken wir über

die internationale Solidarität usw. Wenn wir also Zeit

finden reden wir an zwei, drei Tagen über bestimmte

Themen. Neben der internationalen Solidarität sind das

zum Beispiel Fragen der Frau. Hierzu haben wir uns

Fragen gestellt, zum Beispiel wie leben wir im Tabûr als

Männer? Wie gehen wir hier mit Frauen um? Was ist ein

richtiger Umgang? Über solche Themen diskutieren wir.

Macht ihr auch militärische Ausbildungen?

Ja, soweit es möglich ist, besuchen wir militärische

Ausbildungen. Aber an sich werden wir von den eigenen

Tabûrs und Parteien militärisch ausgebildet. Erst dann

können die Leute zur Front und zum Bataillon kommen.

Erst dann, weil das Bataillon ein Kampfbataillon ist, das

nur an der Front ist und nicht zurückkommt. Darum ist

es sehr wichtig davor schon eine Ausbildung zu haben.

Aber wir versuchen auch an der Front den Leuten eine

militärische Ausbildung zu geben, zum Beispiel denen,

die eine Waffe nicht oder zu wenig kennen. Dann sagen

wir zum Beispiel, «heute machen wie lieber eine RPG

Ausbildung». Ja auch solche Sachen gehören zu unserem

Alltag.

Wie bewegt ihr euch militärisch?

Das Bataillon ist immer an der Front und wir sind

ein bewegliches Bataillon. Damit hat es keine festen

Standorte, solange wir an Operationen teilnehmen. Die

beweglichen Tabûrs bestehen in Rojava aus denjenigen

Leuten, die an der vordersten Front kämpfen. Sie sind

zum Beispiel diejenigen, die zuerst in ein Feinddorf oder

in Feindstädte reingehen und dieses kontrollieren. Es

gibt besondere bewegliche Tabûrs auch in der YPG. Wir

sind ein Teil davon.

Das kann aber auch wechseln. Wenn es keine Operation

77


gibt, sind wir an der Front und halten dort einen

Stützpunkt. Wenn an Operationen teilgenommen wird,

sind wir wieder ein bewegliches Tabûr. Normalerweise

bewegt sich das Tabûr nach der Operation und zieht sich

dann erst zurück. Dann kann man sich dann doch auch

erholen.

Da wir verschiedene Parteien und Organisationen sind,

können wir in dieser Situation der Ruhe Leute, also

unsere GenossInnen, auswechseln. Die Leute, die sich

erholt haben, kommen zum Tabûr und die, die richtig

müde und kaputt sind, die kommen dann zurück und

erholen sich. Deswegen müssen wir aber als Tabûr nicht

von der Front zurückkommen. Das ist unser Vorteil.

Die Müden kommen mal zurück, erholen sich und

werden ausgewechselt durch diejenigen, die sich

erholt haben?

Genau, das ist ein Vorteil von uns. Die YPG ist nicht so

beweglich.

Das ist der Unterschied zwischen euch und der

YPG?

Die YPG sind die, die diesen Freiheitskampf für die

Rojava Revolution anführen und wir solidarisieren uns

mit ihnen. Wir befinden uns hierarchisch auch unter der

YPG, gleichzeitig sind wir Teil der YPG. Wenn wir an

der Operation teilnehmen, dann unter dem Kommando

der YPG. Die sagen uns, wann wir wo an die Front

gehen können und so weiter. Sie sagen was wir tun, sie

koordinieren und dann gehen wir nach vorne oder wir

bleiben zurück.

Gefühl. Das wollen wir auch erreichen und wir müssen

das noch besser machen. Das heisst, das wir nicht nur

dreissig Leute im Tabûr bleiben, sondern mehr Leute

werden, die hier die Rojava die Revolution verteidigen.

Für die TKP/ML-TIKKO heisst das auch wachsen.

Ist die Erfahrung die ihr sammelt, eine Erfahrung,

die ihr auch in der Entwicklung von TKPML-TIKKO

gebrauchen könnt?

Ja, aber das ist ein anderer Kampf. Was wir hier lernen,

ist unter anderem in den Städten mit verschiedenen

Waffen Krieg zu führen. Worin wir bis jetzt Erfahrungen

haben, war der Guerillakrieg. Wir waren in der Guerilla

in den Bergen der Türkei und von dort lernten wir unsere

Strategie. Dort haben wir nur eine Guerillaarmee, hier ist

es anders. Hier lernst du in den Städten zu kämpfen, und

das auch mit den grossen Waffen oder gar mit Panzern.

Flugzeuge kommen hierher und bombardieren, wir gehen

rein in die Städte und so weiter; das ist in der Guerilla

halt alles nicht so. Dort bombardieren die Flugzeuge uns

und nicht umgekehrt. In den Bergen greifst du den Feind

an und ziehst dich wieder zurück. Hier greifst du an und

bleibst. Das ist was ganz anderes. Hier kämpfst du täglich

24 Stunden lang. Es ist ein aktiver Kampf. In den Bergen

Also die YPG funktioniert nicht wie du vorher

erzählt hast?

Genau! Die funktionieren anders, weil wir durch die

verschiedenen Organisationen und die verschiedenen

Parteien ein internationales Bataillon bilden, ist bei uns

alles ein bisschen anders. So haben wir das gegründet,

so wurde es besprochen und bis jetzt läuft alles sehr gut.

Eure Bilanz ist bis jetzt positiv?

Ja, positiv. Wenn die YPG Krieger oder Kriegerinnen,

die jetzt im Kampf sind, uns sehen, wissen sie, dass

sie nicht alleine im Kampf sind. Sie wissen, dass wir,

Sozialistinnen, KommunistInnen oder AnarchistInnen

hier im Tabûr sind und für sie kämpfen und dass von

uns auch schon GenossInnen gefallen sind. Das ist sehr

wertvoll. Die schätzen das auch. Ja das ist wirklich

wertvoll und das sagen sie uns auch. Wenn wir da

hin gehen und die Gesichter der YPG Krieger oder

Kriegerinnen anschauen, hat man dieses Gefühl, dass

sie wissen, dass das was wir machen, was Gutes ist und

wir das Richtige machen und das ist eben ein schönes

78


dauert eine Operation durchzuführen drei, vier Minuten

höchstens, dann musst du dich wieder zurückziehen, weil

wir dort mit einer kleineren Kraft eine grössere Kraft

angreifen und letztlich nur Moralschaden anrichten. Ein

Guerillakampf ist dazu da, den Feind nicht komplett zu

zerstören, das geht mit dieser Kampfform schlichtweg

nicht.

Hier ist es ganz anders. Hier kämpft eine grosse Kraft

gegen eine grosse Kraft. Hier verteidigst du die Städte, hier

versuchst du dein Land zu verteidigen. Diese Erfahrung

ist für uns wichtig. In Zukunft werden wir auch in den

Städten kämpfen und diese Erfahrungen brauchen wir,

nicht nur militärisch, auch für das politische Leben. Das

ist zum Beispiel das erste Mal, dass wir als revolutionäre

Organisation oder Partei sehen, wie ein Land oder wie

die Bevölkerung neu aufgebaut wird. Es kann sein, dass

wir Kritikpunkte haben, aber hier findet eine Revolution

statt und wir lernen durch diese Revolution.

Wir haben bisher nur in den Büchern gelesen, wie eine

Revolution gemacht wird; von Lenin, von Mao und so

weiter. Von all diesen Leuten haben wir es gelesen und

gelernt aber jetzt leben wir es. Wir sind mitten drin und

wenn wir es irgendwann einmal schaffen in der Türkei

die Revolution durchzuführen, dann werden wir das mit

dieser Erfahrung machen. Also mit den hier erfahrenen

militärischen und politischen Aspekten. Wichtig für die

Revolution ist, dass wir kämpfen aber noch wichtiger ist

die Arbeit mit der Bevölkerung und diese zu verändern.

Das heisst den Kampf für den Sozialismus zu führen.

Wie gesagt, es ist sehr schwer die Bevölkerung zu

verändern. Lebt ein Mensch im Kapitalismus, lebt er

beispielsweise automatisch auch im Egoismus. Ich

würde sogar sagen, dass es immer mehr so ist. Das zu

verändern, zum Beispiel Kooperativen zu gründen, wo

alle Menschen gleich sind, das ist sehr schwer, doch

genau das leben wir hier.

Eine Gesellschaft neu aufzubauen, das ist wohl

schwieriger als zu kämpfen. Du gehst und kämpfst, das

ist in dieser Hinsicht einfach. Du weisst was du machen

musst, du musst den Feind töten oder er tötet dich. Aber

die Bevölkerung, das ist etwas ganz anders. Du musst

Menschen ändern und Menschen zu verändern ist das

Schwierigste was ein/e RevolutionärIn machen kann.

In dieser schwierigsten Mission lernen wir viel von der

YPG. Ebenso von den KurdInnen die hier leben. Sie sind

fortschrittlicher als wir, sie kämpfen auch gut. Von ihnen

lernen wir. Wir lernen auch in den Bergen von ihnen.

Wir müssen versuchen SchülerInnen zu werden, nicht

immer nur LehrerInnen zu sein.

Das heisst ihr und die YPG verbindet den Kampf

gegen den Feind mit dem Aufbau der Revolution?

Ja, für uns ist die politische Sache gleich dem Krieg.

Wir sagen nicht, Krieg und Politik ist was Getrenntes.

Wir sagen Politik und Krieg ist das Gemeinsame.

Ohne Politik kannst du nicht kämpfen. Das was dich

zum Kampf bringt ist deine Politik, das heisst deine

Ideologie. Ohne deine Ideologie kannst du nicht

kämpfen. Wir sind keine KämpferInnen, die kämpfen

nur um Action zu haben oder um Leute zu töten. Wir

versuchen hier Leute zu verändern. Wir versuchen hier

einen Freiheitskampf zu führen. Wir versuchen hier eine

Revolution durchzuführen!

Bei Gesprächen mit YPJ KommandantInnen ist

mir aufgefallen, dass auch sie versuchen die Gedanken

der Revolution in die militärischen Strukturen oder

in den Umgang mit den RevolutionärInnen zu tragen.

Bei der YPG oder bei den KurdInnen ist es so, dass sie

im Krieg ideologische Ausbildung geben. Einerseits

sind die an der Front beim Kämpfen und andererseits

haben sie eine starke Kraft in Fragen der Ausbildung.

Das macht die YPG sehr stark. Wie gesagt ist es für die

Leute, die am Kampf beteiligt sind, besser, wenn sie

mit einer Ideologie am Kampf beteiligt sind und wenn

sie wissen warum man diesen Kampf führt. Das ist der

79


Grund, weshalb sie sich nicht zurückziehen.

Man nehme aber zum Beispiel ein imperialistisches

Land oder ein kapitalistisches Land. Wenn man bei

denen die Armee anschaut, da kann sich jeder einfach

zurückziehen, weil er was zu verlieren hat. Aber hier

haben wir nichts zu verlieren. Wir sind da, weil wir

wissen, warum wir hier sind. Weil wir als Mensch sagen

«wir sind RevolutionärInne» und wenn wir sagen, dass

wir RevolutionärInne sind, sind wir auch da, um dafür

was zu machen. Ausbildungen sind dazu da, dass du im

Kampf stets ein Schritt voraus bist. Es kann sein, dass

der Feind bessere Waffen hat aber das, was du im Kopf

hast, deine Ideologie ist für dich ein Vorteil. Das stärkt

dich, der Feind wird schwächer und du wirst stärker.

Der Feind kann Angst haben, er kann sich zurückziehen

aber du ziehst dich nicht zurück, weil du diesen Kampf

führen musst. In der Struktur des YPG verhält es sich

genau so. Im Kampf beteiligt zu sein bedeutet für sie

auch sehr viel Wert auf die ideologische Ausbildung zu

geben. Wenn ein Tabûr zum Beispiel an der Front ist, bei

einer grossen Operation, dann zieht sich der Tabûr nach

der grossen Operation zurück und es gibt nochmals eine

ideologische Ausbildung. So ist die Struktur in der YPG

und das ist sehr gut.

Warum ist das so?

Weil sie sich dadurch reproduzieren. Du bist als

KämpferIn zum Beispiel an der Front, im Kampf kannst

du viele Schwierigkeiten erleben. Du kannst sagen, ich

gehe, ich will nicht mehr kämpfen aber wenn du die

ganze Zeit zusätzlich ideologische Ausbildungen erhältst

und weisst, warum du diesen Kampf führst, dann gehst

du nicht.

Wir Menschen haben durch das, was das kapitalistische

System uns gibt, Schwächen. Ja wir haben viele

Schwächen. Diese machen, dass wir nicht alle unsere

Stärken herausbringen, dass wir Dinge vermeiden.

Unsere revolutionäre Ideologie hilft uns aber damit

umzugehen. Revolutionäre Gefühle, revolutionäres

Denken ist sehr wichtig für dich und das was du tust.

Es geht darum das andere, den Dreck den du in dir hast

einfach rausschmeissen zu können.

Und wenn du das nicht machst, und dich nicht ideologisch

ausbildest, dann kann sich das in deinem Kopf festsetzen.

Dieses «ich habe Angst, ich will nicht kämpfen» zum

Beispiel. Das sind sehr menschliche Sachen aber

damit umzugehen, das was für dich ein Heilmittel ist,

ist deine politische Ideologie. Man kann zum Beispiel

Depressionen haben, das ist sehr menschlich. Aber

die Ideologie ist ein Heilmittel dagegen und dies zu

erkennen ist ein Fortschritt für uns, auf den uns auch die

YPG gebracht hat.

Könnt ihr denn an all diesen Ausbildungen

teilnehmen?

Ja, das können wir. An den ideologischen Ausbildungen

der YPG nehmen wir nicht teil. Aber an den militärischen

Ausbildung können wir teilnehmen. Die ideologischen

Ausbildungen bekommen wir von unseren eigenen

Organisationen, aber militärische Ausbildungen, wenn

wir zum Beispiel sagen, wir wollen für grossen Waffen

eine Ausbildungen haben, können wir haben. Es ist

eigentlich ganz einfach: Du gehst dann in eine Akademie

und machst eine Ausbildung.

Das ist alles sehr beeindruckend. Möchtest du noch

was dazu fügen?

Das sind wichtige Erfahrungen, die ich hier gemacht habe.

Einige davon nimmt man mit, andere vergisst man aber

eigentlich nehmen wir 90 Prozent dieser Erfahrungen mit

uns. «Wir sind LehrerInnen und die sind SchülerInnen»

so gehen wir oftmals vor, damit wir lernen können. Aber

wenn man sagt «wir sind LehrerInnen», dann baust du dir

eine Wand, weil du vermeidest es Schüler zu sein. Unser

Motto, das wir hier erlernen, ist erst mal SchülerIn und

dann erst LehrerIn zu werden. So schreiten wir voran.

Was würdest du den jungen KommunistInnen,

SozialistInnen auch AnarchistInnen in Europa sagen,

die auf dem Weg sind einen revolutionären Prozess

zu machen?

Ich würde ihnen sagen, dass sie hier an der Rojava

Revolution teilnehmen sollen, weil es eine andere, eine

neue Erfahrung ist. Hier wirst du lernen, wie man nach

einer Revolution mit der Bevölkerung umgeht. Was für

Fehler gemacht werden. Was du vermeiden sollst. Aber

auch was für gute Sachen gemacht werden. Wie man die

Bevölkerung verändert. Wie man an der Front kämpft.

Und so weiter.

Die Leute, die sich RevolutionärInne nennen, auch

AnarchistInnen, die sollen hier in dieses kleine Gebiet,

das wir Rojava nennen, kommen und lernen zu kämpfen.

Vielleicht auch erst mal diese Kultur kennenzulernen.

Dieser Kampf ist sehr wichtig und über diesen Kampf

kannst du nicht einfach sagen, das was du hier lernst in

diesem Land kannst du auch woanders tun. Jedes Land

hat eine eigene Kultur und eine eigene Lebensweise und

der Kampf wird dann auch anders sein. Aber es gibt viele

Sachen, die du vom Kampf von hier da hin bringen

kannst.

Ich glaube es ist für alle RevolutionärInnen auf dieser

Welt wichtig, dass wenn dein Feind dich mit der Waffe

bekämpft, und das macht er hier aber auch anderswo,

dann musst auch du lernen mit der Waffe zu kämpfen.

Das ist sehr wichtig. In vielen Ländern ist es nicht wie

hier, dass du wirklich an der Front bist. Aber irgendwann

80


wirst auch du die Waffe gegen den Feind benutzen

müssen. Der Feind sagt nicht, «du kannst jetzt kommen

ich gehe». So wird es nicht sein. Deswegen muss man

lernen, wie man mit der Waffe umgeht. Das gleiche gilt

aber auch für das Politische. Auch hier muss man lernen,

wie man mit der Bevölkerung umgeht. Wie man sie

verändern kann.

Hier lernen wir, was es heisst, ein/e wirkliche/r

RevolutionärIn zu sein. Hier bekommst du das politische

Verständnis, damit du weisst, warum man für die

Revolution kämpft. Wenn man hier das Volk sieht, in

welcher Armut sie leben und was für Sachen die hier

erlebt haben, dann weisst du, was es zu tun gibt. Man

muss das aber erst mal erleben, damit man sagen kann,

wir müssen was dagegen tun, auch in unserem Land

müssen wir dagegen was tun.

Vielleicht kann es sein, dass dein Lebensstandard bei dir

besser ist. Doch wenn man sagt, «ich bin RevolutionärIn»,

dann sagst du, das System das herrscht ist ein falsches

System. Was du dagegen machen kannst, ist entweder

du bewaffnest dich oder du versuchst im Proletariat

gute Arbeit zu leisten. Was du für eine Strategie hast,

um dagegen zu kämpfen, das musst du hier lernen. Und

genau das lernst du hier auch. Hier lernst du nicht nur

zu kämpfen, hier lernst du wirklich alles, was du für die

Revolution brauchst. Du kannst vielleicht nicht alles

mitnehmen aber bestimmt kannst du etwas mitnehmen.

Du wirst nicht leer von hier in dein Land zurückkehren,

das kann ich den GenossInnen, die ausserhalb Rojavas

leben, versprechen. Auch wenn sie den Krieg und den

Kampf sonst nur vom Fernsehen und von den Medien

lernen, sollen sie herkommen und Erfahrung sammeln.

Grusswort der TIKKO

Wenn man die Anschläge in Paris anschaut,

kann man sehen, dass wir in Rojava für die

richtige Sache kämpfen. Dieser Kampf hier

reflektiert das Massaker in Paris.

Es zeigt uns, warum wir die Waffe in die

Hand nehmen müssen, nämlich um gegen die

faschistische Daesh zu kämpfen. Das hat uns

das Massaker in Paris gezeigt, das hat uns

Rojava gezeigt und beides, Paris und Rojava,

Ankara und Suruc, zeigen uns, dass unser

Kampf für eine andere Welt richtig ist.

Pariser Jugendliche, Frauen, Zürcher

Jugendliche und Frauen aus Deutschland,

die Jugendlichen und die Frauen in Europa

ihr alle sollt keine Angst vor Daesh haben,

sondern diese Angst für etwas Besseres, für

etwas Gutes einsetzen. Ihr müsst gegen das

System kämpfen und ihr solltet das organisiert

machen. So ist es für uns wichtig, dass ihr ein

Teil der Revolution seid. Genau wie Daesh

hier verloren hat, wird das System auch in

Europa verlieren. Doch dafür müssen sich die

Völker organisieren, genauso wie sich auch

die Jugendlichen, Kinder, Frauen oder das

Proletariat organisieren muss.

Diese Aufgabe kommt als erstes der

kommunistischen Partei zu. Die revolutionären

Kräfte müssen sich zuerst organisieren und

zweitens dann auch das Volk. Doch das

Potential, um diesen Kampf zu gewinnen, ist

beim Volk stets vorhanden!

Wir glauben das auch, weil das Volk schon

Menschen wie Barbara Kistler gesehen hat. Sie

hat etwas geschaffen, sie hat das Internationale

dieses Kampfes vorangetrieben und das zeigt

uns, dass das Volk es schaffen kann. Barbara

Kistler ist eine Vertreterin des Internationalismus

und des internationalistischen Kampfes für die

gesamte internationale Bewegung. Wenn unsere

Genossin Barbara noch leben würde, wenn sie

hier wäre, würde sie genau dasselbe tun, was

wir hier machen. Sie würde mit uns zusammen

gegen die faschistische Daesh kämpfen.

81


BÖG

«Hier in Rojava hat sich eine Einheit entwickelt,

wie damals im spanischen Bürgerkrieg, wie

in Vietnam. Heute wächst in Rojava langsam

aber stetig eine neue menschliche Kraft. Das

ist nicht vergleichbar mit anderen historischen

Erfahrungen. Hier entwickelt sich etwas Neues.

Wir sind hier weil wir InternationalistInnen,

RevolutionärInnen sind und wir sind hier für

eine Revolution in der Türkei.»

Die erste Frage ist: Was heisst BÖG (Birlesik

Özgürlük Güçleri)?

Einheit der Freiheits Kämpfe – United Freedom Forces.

Könnt ihr etwas zum historischen Kontext sagen,

der zur Gründung der BÖG führte? Was sind die

Ziele?

Dies ist eine interessante Situation. BÖG ist eine neue

Bewegung in der Türkei und dies sind neue Schritte

für uns. Bevor wir BÖG vorstellen, müssen wir etwas

über die türkische revolutionäre Bewegung sagen. In

den achtziger Jahren haben wir eine Diktatur erlebt.

Nach der Diktatur sind die revolutionären türkischen

Bewegungen viele verschieden Wege gegangen. Die

Organisationen in der BÖG kommen aus verschiedenen

alten Organisationen. Es sind heute zwei Organisationen

bei uns, die eine Einheit gebildet haben. Sie kommen

aus den siebziger Jahren, BÖG ist unsere bewaffnete

revolutionäre Organisation.

Wie heissen die zwei Organisationen?

Eine heisst Kurtuluş (Befreiung / Liberation). Die andere

heisst TDP, Türkiye Devrim Partisi – Revolutionspartei

der Türkei. Jetzt sind die zwei Organisationen seit einem

Jahr zusammen. Diese zwei Organisationen haben

zusammen die BÖG gegründet.

Was denkt ihr über die verschiedenen historischen

Phasen, die die Rojava Revolution bis jetzt

durchlaufen hat?

Die Situation in Rojava ist für uns kein von uns getrenntes

Problem. Wir sehen diese Situation als vergleichbar mit

dem, was wir hier in der Türkei erleben. Denn was die

Menschen in Kurdistan, in Rojava erleben, das sind alles

vergleichbare Probleme. Was jetzt die KurdInnen in der

Türkei oder in Kurdistan erleben sind Probleme, die im

gesamten Mittleren Osten bestehen. Ausserdem gibt es

im Mittleren Osten Probleme zwischen SchiitInnen und

SunnitInnen. Diese Probleme sind auch unsere Probleme

und sie betreffen alle Länder im Mittleren Osten. Über

ISIS denken wir gleich. ISIS ist nicht nur ein Problem

der KurdInnen oder der AraberInnen. Das ist nicht nur

das Problem von Syrien oder dem Irak. ISIS ist auch für

die Türkei ein Problem. ISIS hat in der Türkei Anschläge

verübt, zum Beispiel in Suruç, Ankara, Sultanahmet

und auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Neben diesen

Anschlägen organisieren sich IslamistInnen und ISIS in

der Türkei. Sie haben in der Türkei unter verschiedenen

Namen Organisationen gegründet oder Lokale eröffnet.

Die türkische Regierung unterstützt ISIS, sie geben

ihnen Geld, Waffen usw. ISIS bewegt sich mit der AKP

Regierung in der Türkei. Diese Situation kann nicht

in einem Jahr beendet werden. Das können wir nicht

einfach verändern. In den islamischen Ländern leben

1,6 Milliarden MuslimInnen. Wir müssen einerseits die

soziologische Situation angehen und andererseits die

politische Situation.

Wir sehen und denken, dass der Imperialismus die

Ursache für das Entstehen der ISIS ist und zu diesem

Krieg geführt hat. In den muslimischen Ländern haben

die Einmischungen der ImperialistInnen nichts Gutes

gebracht. Diese Eingriffe haben die muslimischen Länder

82


zurückgeworfen. Deswegen ist diese Situation nicht

leicht zu verändern. Das ist ein grosses und wichtiges

Problem für uns. Wir müssen dieses Problem richtig

verstehen um es richtig bekämpfen zu können. Das ist

die soziologische Seite. Die politische Seite ist, dass

die ImperialistInnen und Kräfte vor Ort diese Situation

verursacht haben. ImperialistInnen und die türkische

Regierung haben sich zusammen getan. Wir können mit

ISIS nicht nur innerhalb dieser Grenzen kämpfen. Ihr

Kampf ist ein Kampf gegen uns, gegen das Volk. Wir

müssen sie überall wo sie sind bekämpfen, nicht nur

innerhalb der Türkei. Wir leben in der Türkei und führen

auch einen Krieg gegen ISIS und die AKP Regierung. Im

Fernsehen, in den Medien usw. wird das, was wirklich

geschieht nicht gezeigt oder darüber geschrieben. Was

sie uns zeigen sind Lügen. Wir erleben in der Türkei jetzt

einen Krieg. Über die AKP können wir sagen, dass sie

eine legale Organisation von ISIS ist. Die AKP kämpft

gegen die KurdInnen. Die AKP kämpft gegen das, was

menschlich wäre. Sie bauen neue Gefängnisse. Aber auch

die Städte werden zu Gefängnissen. Die Menschen, die in

Kurdistan leben, leben in diesen grossen Gefängnissen.

Uns wird gesagt: du kannst nicht raus gehen, du darfst

nicht kämpfen, du kannst nicht leben. Sie töten die

Kinder, sie töten die Frauen, sie töten jeden Mensch,

der nicht diesem System leben will. Wir reden jetzt hier,

aber in diesen Sekunden erleben diese Menschen etwas

anderes. Sie kämpfen gegen eine faschistische Macht

und für unsere Freiheit.

Diese Macht kämpft nicht nur gegen KurdInnen, sie

kämpft im Irak, in Rojava. Was das Volk in Rojava,

in Syrien erlebt hat, daran sind diese faschistischen

Kräfte schuld. Nicht nur der ISIS ist schuld für dieses

Leiden. In der Türkei geht es den AlevitInnen auch

nicht gut. Sie haben zum Beispiel eine Redewendung,

die sagt: „ChristInnen in den Libanon, AlevitInnen

in die Gräber.“ Und wenn wir nicht kämpfen wird der

ISIS dort die Macht übernehmen. Die Regierung hat die

Völker in zwei Gruppen geteilt. Sie sagt du bist entweder

auf meiner Seite oder auf der Seite des Feindes, das ist

deine Entscheidung. Wir haben in der Türkei eine legale

Partei. Wir haben Frauen-, ArbeiterInnen- und Jugend-

Organisationen. Und wir kämpfen für die Rechte von

Frauen, ArbeiterInnen und die Rechte der Jugend. Wir

kämpfen gegen ISIS, gegen die AKP Regierung, gegen

das Patriarchat, gegen den Kapitalismus usw. Wir haben

GenossInnen, die seit vielen Jahren im Gefängnis sind,

und sie kämpfen im Gefängnis weiter. Das sind sehr

schwierige Situationen.

In den verschiedenen Ländern verübt ISIS Anschläge,

zum Beispiel in Frankreich. Aber das ist nicht dasselbe,

was wir in der Türkei erleben. In der Türkei haben wir

Bombenattentate erlebt. Die Bomben der Daesh, damit

hat die heutige Regierung etwas zu tun. Wir denken,

dass sich die Angriffe, der Kampf gegen KurdInnen,

AlevitInnen, RevolutionärInnen, KommunistInnen,

83


intensiver wird, dass er täglich schlimmer wird.

Deswegen sind wir heute in Rojava und kämpfen gegen

ISIS.

Wir denken, wenn wir heute nicht den Kampf gegen

Faschismus und Militarismus führen, wird es in unserer

Zukunft noch schlimmer sein. Dann wird nicht nur die

AKP zu ISIS gehören, sondern der Staat wird wie ISIS

sein, die Bürokratie wird ISIS sein. Zum Beispiel wird

die Polizei unsere uniformierte ISIS sein. Seit 40 Jahren

ist die Situation in der Türkei so. In der Bürokratie

arbeiten spezielle Menschen. In den Universitäten oder

in Staatsämtern bekommen die AlevitInnen, KurdInnen,

RevolutionärInnen usw. kaum Arbeit. Nur die Leute

die die Regierung gewählt haben können da arbeiten.

Wenn Menschen dort arbeiten wollen, müssen sie die

Regierung unterstützen. Sie nimmt überall Einfluss,

sie ist der Feind des Volkes. Sie arbeitet mit mafiösen

Organisationen, wie zum Beispiel damals in Russland

die Schwarzhemden.

Wir brauchen dringend Waffen für den Krieg. Wir sind

hier weil wir kämpfen wollen. Diesen Kampf kämpfen

wir für die Menschen die kein menschliches Leben

führen können.

Hier in Rojava hat sich eine Einheit entwickelt, wie

damals im spanischen Bürgerkrieg, wie in Vietnam.

Heute wächst in Rojava langsam aber stetig eine neue

menschliche Kraft. Das ist nicht vergleichbar mit anderen

historischen Erfahrungen. Hier entwickelt sich etwas

Neues. Wir sind hier, weil wir InternationalistInnen,

RevolutionärInnen sind und wir sind hier für eine

Revolution in der Türkei.

Ihr seid auch im Internationalen Freiheits-

Bataillon. Hat das, was ihr bis jetzt gesagt habt,

damit zu tun, dass ihr auch die Einheit mit anderen

kommunistischen und fortschrittlichen Kräften

sucht, um den Krieg gegen ISIS zu führen und

gleichzeitig die Revolution zu verteidigen?

verschiedenen Ländern haben sich bis jetzt

GenossInnen angeschlossen?

Wir hatten bis jetzt GenossInnen aus Griechenland, den

USA, Italien, Spanien. Manche waren KommunistInnen,

manche Anarcho-KommunistInnen.

Was sind die Erfahrungen die ihr in diesem Jahr

gemacht habt?

Das ist eine schwierige Frage. Wir hatten am meisten

junge Universitäts-StudentInnen, Frauen und Männer,

oder jüngere ArbeiterInnen. Sie haben “ihre Zukunft“

zurückgestellt. Sie waren hier sehr aktiv im Krieg. Wir

haben deshalb in einem Jahr sehr viel Erfahrungen im

Kriegs gesammelt. Unter anderem haben wir dabei

gelernt wie wichtig die Einheit ist.

Wir bereiten uns hier für einen schweren Kampf in der

Türkei vor. Die Aufgaben die wir jetzt haben sind schwer.

Wir wollen uns auch vergrössern, aber nicht nur das.

Wir wollen unsere politische Bildung erweitern, über

die Politik der marxistischen Theorie noch einmal lesen

und das Thema wieder behandeln. Hier ist für uns eine

politische Schule. Seit den Kommunen bis jetzt wollen wir

alle Kämpfe noch einmal besprechen. Die Erfahrungen

der Pariser Kommune, der Oktober Revolution, der

chinesischen Revolution, der lateinamerikanischen

Revolutionen, schauen wir nochmals an. Wir wollen

Fehler nicht wiederholen, und mit den Erfahrungen,

die andere machten, wollen wir uns weiter entwickeln.

Wir machen hier etwas Neues, wir wollen eine andere

Grundlage aufbauen. Wir organisieren ein neues Leben

mit unseren GenossInnen. Hier ist für uns eine neue

Kommunen-Erfahrung.

Das ist nur ein kleiner Anfang. Wir wollen für die Einheit,

dass der Kampf nicht nur in diesen Grenzen bleibt. Das

ist etwas, was alle RevolutionärInnen weltweit betrifft.

Vielleicht bleibt das kein Traum aber im Libanon war

es damals so. Da waren RevolutionärInnen aus Japan,

Nicaragua, Korea, Pakistan, der Türkei, Deutschland.

Vielleicht wird es hier in den kommenden Jahren auch

so sein. Wir hoffen das.

Für die türkischen RevolutionärInnen ist das zumindest

so. Im Mittleren Osten kann sich die Bevölkerung nicht

alleine befreien. Unsere Probleme sind gemeinsame

Probleme. Wir müssen den Imperialismus und auch die

ISIS zusammen bekämpfen.

Es gibt euch seit einem Jahr. Aus wie vielen

84


85


Ez Naçim!

Ich gehe nicht!

In Rojava gibt es eine Initiative der SYPG (Organisation für die

Union und Unterstützung der Völker), welche Flüchtlinge dazu aufruft,

zurückzukehren oder erst gar nicht zu flüchten, sondern sich am

Aufbau einer neuen Gesellschaft zu beteiligen.

Könnt ihr uns vorweg, etwas zu eurer

Organisation, der SYPG, sagen. Wer seid ihr, seit

wann gibt es euch, was ist euer Ziel und so weiter?

Die SYPG befindet sich im Kampf für die Revolution,

die Freiheit, den sozialistischen Kampf für die Einheit

der Völker und für die Solidarität. Rojava ist ein

revolutionärer Ort der unterdrückten Völker. Unsere

politische Devise lautet “Diese Revolution ist unsere

Revolution”. Organisationen, welche diese Losung

mittragen, wollen die Revolution weiterbringen und

sich daran beteiligen. Die MLKP, KommunistInnen, die

fortschrittlichen und revolutionären Kräfte im Mittleren

Osten die InternationalistInnen, die Rojava unterstützen,

wollen diesen historischen Kampf gemeinsam

unterstützen.

Für die SYPG gibt es einerseits den internationalistischen

Kampf, andererseits auch denjenigen im Mittleren Osten

und den in Kurdistan. Aus unserem Gründungstext zitiert

“... um den Weg in die Freiheit der unterdrückten Völker

schrittweise zu vergrössern; es gehört zur Aufgabe aller

hier lebenden Völker sich vorzubereiten und von Anfang

an für eine revolutionäre Veränderung im Nahen Osten

einzustehen. Wir stehen ein für die Selbstbestimmung

der Völker, Unterdrückten, Frauen, Natur, Arbeit,

Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit im Nahen Osten.

Wir wollen so eine neue freiheitliche Gesellschaft im

Nahen Osten gründen und ein Leben mit erhobenem

Haupt ermöglichen. Im jetzigen Geschichtsvorgang

rufen wir dazu auf, „um den freiheitlichen Garten der

Völker zu schaffen, den Kampf zu verstärken!“. Das

ist ein unausweichlicher Kampf und im Vergleich zur

Vergangenheit eine mögliche Realität.“

SYPG wurde im vergangenen Jahr am 16. Oktober im

Kanton Cizîre in Rojava gegründet. Die teilnehmenden

GenossInnen wollen eine verstärkte Rolle in der

Unterstützung und im Aufbau der Rojava Revolution

spielen. Denn durch diese ist eine historische

Verantwortung entstanden. Um diese Verantwortung zu

tragen und um in der politischen und gesellschaftlichen

Revolution Problemen effizienter zu begegnen haben

wir die SYPG gegründet.

Wir haben gehört, dass ihr die Flüchtlinge aufruft

wieder zurück zu kommen, um beim Aufbau von

Rojava mitzuhelfen. Das ist ein sehr interessanter

Ansatz der Flüchtlingspolitik. Könnt ihr uns mehr

zum politischen Hintergrund dieser Aufgabe sagen?

Wir sind eine Teilorganisation von TEV-DEM (Bewegung

für eine demokratische Gesellschaft) und wir sind auch

Teil der Exekutive von TEV-DEM. Wir verstehen uns

als Mitverantwortliche für diese Revolution. Weil wir

uns für diese Revolution verantwortlich fühlen - für

Erfolge sowie auch Rückschläge, haben wir in unseren

Sitzungen in der TEV-DEM das Problem erkannt, dass

viele Leute aus dem Kriegsgebiet aber auch anderen

Regionen flüchten, und wollten deswegen herausfinden,

was wir dagegen tun können.

Es gehört zur konterrevolutionären Politik und Ideologie

dazu, Menschen anzugreifen und in die Flucht zu treiben.

Unsere Organisation hat gegen diese konterrevolutionären

Angriffe den Kampf begonnen. Europa, oder eher das

kapitalistische System, gibt den Unterdrückten eine

falsche Hoffnung. Gegen diese falsche Hoffnung wollen

wir mit der Kampagne „EZ NAÇIM!“ (Ich gehe nicht!)

kämpfen, weil wir hier zusammen mit den Menschen ein

revolutionäres Bewusstsein bilden wollen. Wir haben

uns entschieden, mit unserer langjährigen Erfahrung, die

wir im Kampf gegen die Konterrevolution gewonnen

haben, Teil dieses Kampfes zu sein.

Im Nahen Osten ist Revolution gleichzusetzen mit

Rojava. Wer unsere Revolution erfolglos angreift,

wird weitere Wege suchen uns anzugreifen. Hinter

diesem Angriffskonzept steht die Türkei, lokale und

internationale imperialistische Staaten und die KDP

(Demokratische Partei Kurdistan, angeführt von Barzani.

Anm. d. Ü.) aus Südkurdistan mit ihren Verbündeten in

86


Rojava.

Unser oberstes Ziel ist die Menschen, die in Rojava

leben, Hoffnung, Freiheit, das Leben mit Würde und

die Bedeutung der Revolution zu vermitteln. Deswegen

rufen wir diejenigen, die gegangen sind, auf zurück

zu kommen. Die Freiheit und die Möglichkeit ein

selbstbestimmtes Leben zu führen nehmen zu. Die

Flüchtenden sollen auf ihrem Weg nicht sterben müssen.

Sie sollen aber auch nicht ein Leben als Unterdrückte

weiterleben müssen. Hier gibt es immer noch die

Möglichkeit als freie Menschen zu leben. Zudem wollen

wir aber klar sagen, dass die tragischen Unfälle auf

der Flucht die Wahrheit nicht überdecken sollen. Was

diese Menschen auf der Flucht

erleben ist ein Massaker. Und die

Mörder sind nicht Menschenhändler,

sondern die internationalen und lokalen

imperialistischen Staaten.

Und ganz konkret: Wie könnt ihr sie darin

unterstützen? Und wie unterstützt ihr den

Wiederaufbau politisch? Wie sieht das alles praktisch

aus?

Wir versuchen den Zurückkehrenden in gesellschaftlicher

Solidarität mit allen Möglichkeiten zu helfen. Wir

versuchen zuerst mit den Grundbedürfnissen zu helfen:

Gesundheit, Nahrung und einem Dach über dem Kopf.

87


Gleichzeitig versuchen wir die Menschen im Verarbeiten

von ihren Erlebnissen zu unterstützen. Wir kriegen

Unterstützung von solidarischen Gruppen in der Gegend,

aber auch von ausserhalb Rojavas. Wir arbeiten dafür,

dass an die Rojava Revolution geglaubt wird und dass

sich Menschen anschliessen diese Revolution weiter

aufzubauen und zu verteidigen. Jede Person kann sich

mit ihren eigenen Fähigkeiten einsetzen.

Es gibt viele traumatisierende Erlebnisse, die sie

mit bringen werden. Wie geht ihr damit um?

Die Geflüchteten und die Hiergebliebenen haben

viele Traumata erlebt. Doch in der Rojava Revolution

versuchen wir vorwärts zu schreiten und diese Traumata

hinter uns zu lassen. Denn das Leben geht weiter.

Diejenigen, die während der Revolution hier geblieben

sind, sind mit mehr traumatisierenden Umständen

konfrontiert als jene die geflüchtet sind. Weil sie hier

mit mehr Schmerz, Problemen und Schwierigkeiten

Widerstand leisten und kämpfen mussten. Am Kampf

und der Revolution teilzunehmen macht die Menschen

stark. Für die Zurückkehrenden hilft folgender Vergleich

die Umstände besser zu verstehen: es ist so als ob eine

ausgerissene Pflanze wieder in ihre Heimaterde gepflanzt

wird. Für die Seele wie auch für die Gesellschaft ist

das Zurückkehren zur eigenen Erde die beste Lösung.

Die Kommunen und die revolutionären Organisationen

helfen den Zurückkehrenden ihre Probleme zu lösen.

Fragen und Probleme auf gesellschaftlicher Ebene

zu lösen gehört zu unserem Ansatz. Wir sagen den

Zurückkehrenden, dass diese Revolution auch die ihrige

ist. Die Zurückkehrenden sollten sich nicht fremd fühlen,

wir schlagen vor, dass wir gesellschaftliche Probleme

gemeinsam lösen. Wir möchten die Zurückkehrenden

ermutigen sich in den Organisationen und an der

Verantwortung zu beteiligen.

Es gibt hier viele Minderjährige, die ihre Eltern

verloren haben und hier alleine leben, wendet ihr

euch auch an sie?

Alle Menschen die von Rojava geflüchtet sind, rufen

wir auf zurückzukommen. Weil Rojava der Ort ist, an

dem diese Menschen ihre Sprachen reden, Religionen

ausleben und frei leben können. Dies ist sehr wichtig,

weil die Menschen hier ihren kulturellen Bezugspunkt

haben. Im Allgemeinen beginnt die Sozialisation bei den

Eltern. Beim Erwachsenwerden wird die Sozialisation

vervollständigt. Diese Werte sind die Basis des

gesellschaftlichen Zusammenlebens. Diese Werte geben

der Gesellschaft und den Menschen einen Lebenssinn,

ohne den sich die Menschen nicht zugehörig und

unglücklich fühlen. Wer flüchtet lässt in diesem Sinne

auch ein Teil der Kultur zurück und verliert sie. So findet

eine Entfremdung und folglich eine Identitätskrise statt.

Um den Kampf voranzutreiben, um etwas aufzubauen

und um frei zu werden wird ein Ort gebraucht.

Deswegen ist es wichtig, das die Jugend in Rojava bleibt

oder zurückkehrt. Flüchten ist nicht nur eine physische

Verschiebung seiner selbst, sondern eine Veränderung

aller äusseren Umständen. Aus der Ferne ist es schwierig

am Aufbau einer neuen Gesellschaft beteiligt zu sein.

Die Imperialisten und Mörder unterdrücken die Völker

und spalten mit ihren Kriegen die Länder. Deswegen

ist die Rojava Revolution auch ein Kampf gegen den

Kapitalismus.

Welche Unterstützung wäre für euch von Europa

aus wichtig? Wie kann die Linke hier euch in eurer

Arbeit unterstützen?

In erster Linie müssen die Originalität und die

Eigenschaften der Revolution in Rojava richtig

verstanden werden, um sich auf sie beziehen zu können.

Die ideologische Dimension der Rojava Revolution

muss richtig verstanden werden. Wenn der politische

und ideologische Charakter der Revolution nicht richtig

erfasst wird, wird die gegenseitige Beziehung schwach.

Die Rojava Revolution ist eine Revolution:

• für die Freiheit und Einheit unserer Völker

• für den Wunsch unserer Völker gleichberechtigt und

kooperativ zu leben, gegen den Imperialismus, den Kolonialismus

und die Plünderung

• zum Aufbau einer neuen, sozialen, wissenschaftlichen,

kulturellen Existenz gegen den Kapitalismus

• gegen Imperialisten und Besetzungsmächte zur

Verteidigung unseres Bodens und menschlicher Werte

• gegen den Kampf zwischen verschiedenen Völker,

Kulturen, Religionen, Ethnien und für die Einigkeit,

Solidarität und Einheit unter den Menschen

• für eine Emanzipation der Frauen, gegen die Mentalität

der AKP und Daesh Anhänger, die die Frauen versklaven

Kurz gesagt, die Revolution ist Antikapitalistisch,

gegen Besatzungsmächte, Antiimperialistisch,

Antikolonialistisch; Die Revolution pflanzt voller

Hoffnung ein neues Leben für die Menschen, die

Gesellschaft, die Natur, die Frauen, die Kinder, die

Freiheit und Gleichheit.

Wenn all diese Eigenschaften richtig verstanden werden,

kann ein besseres Solidaritätsnetzwerk geschaffen

werden. Die Aufklärung über die Rojava Revolution hat

einen grossen politischen und ideologischen Wert. Dies ist

wichtig für Rojava selbst wie auch für alle Unterdrückten

bei euch. Weil der imperialistische Kapitalismus die

Arbeiterklasse und alle Unterdrückten in Europa weiter

angreift und sie ausbeutet. Die Revolution ist heute in

Europa viel dringender geworden als gestern. In diesem

Zusammenhang kann über die Revolution mit vielen

sozialen Aktivitäten informiert werden, Agitation und

Propaganda (visuell und in Textform), Demonstrationen

88


und Versammlungen können dafür genutzt werden. Es

muss dagegen gekämpft werden, dass die Flüchtlinge

als billige Arbeitskräfte benutzt werden und sie in den

Meeren getötet werden. Lokale regionale, temporäre und

permanente Büros können gegründet werden. Dadurch

kann man mit der Rojava Revolution dauerhaftere und

dynamischere Beziehungen herstellen. Die Rojava

Revolution ist kein „vorübergehender“ Zustand, sie ist die

Chinesische, Kubanische Revolution, die Sowjetunion

und die Pariser Kommune von heute. Ein weiterer Punkt:

mit SYPG und anderen Institutionen der Revolution

sollten mehrere und kraftvollere Beziehungen entwickelt

werden. Dies kann via IT-Netzwerke entstehen oder

dadurch direkt hierher zu kommen und direkten Kontakt

aufzubauen.

Insbesondere sollte hier die medizinische Versorgung

menschlich wie auch materiell, also technisch unterstützt

werden. All dies und noch vieles mehr kann viel besser

und dynamischer durchgeführt werden, wenn direkte

und aktuelle Beziehungen bestehen. Alle Menschen in

Europa, die für Frieden, Gleichheit und Freiheit sind,

müssen zuerst die heuchlerische Politik ihrer Staaten im

Bezug zum Nahen Osten blossstellen. Die Politik, die

die Unterdrückten in Westler und Ostler, in Christen und

Muslime getrennt hat, schwächt den Kampf für Freiheit,

Revolution und Sozialismus. Die grösste Unterstützung

in Europa für die Rojava Revolution liegt darin, die

eigenen bürgerlichen Staaten zu bekämpfen. Für alle

Probleme die mit Migration zusammen hängen sind die

bürgerlichen, europäischen Staaten verantwortlich. Die

ArbeiterInnen und Unterdrückten in Europa sollen ihre

Wut gegen die Bourgeoisie richten.

Es existiert ein jahrelanges Embargo gegen Rojava, das

Embargo ist ein Teil der Zerstörungspolitik des Westens.

Die Aufhebung des Embargos bleibt ein wichtiger Punkt

in der Revolution. Europäischer Imperialismus ist ein

Teil davon und es ist notwendig gegen ihn zu kämpfen.

In Europa können Kampagnen zur Anerkennung Rojavas

lanciert werden.

Auch gegen die Politik der Europäischen Staaten

repressiv gegen die InternationalistInnen, welche die

Rojava Revolution unterstützt und verteidigt haben,

vorzugehen, muss bekämpft werden. In solchen Fällen

muss äusserst aktiv und solidarisch vorgegangen werden.

Imperialistische Staaten haben die faschistischen Daesh

aufgebaut und gefördert und Daesh stellt den nackten

Kapitalismus dar.

Die Flüchtlinge werden in Europa oftmals nicht als

Flüchtlinge, sondern als Last aufgenommen, wenn

überhaupt. Die Flüchtlingsfrage wird nicht als Folge

der imperialistisch-kapitalistischen Krisen- und

Kriegspolitik verstanden, sondern als ein Problem

des ISIS oder einer falschen Politik in Afrika etc.

dargestellt. Welche Fragen wären euch dazu noch

wichtig? Welche Unterstützung wäre für euch

wichtig?

Die Emigration heute ist nicht mehr natürlich, sondern

die Folge des kapitalistischen Systems. Seit der

Kapitalismus imperialistische Formen angenommen hat

führen Kriege, Hunger und Armut zu einer grösseren,

kontinentalen Migration. Dies ist die Folge des Gesetzes

der ungleichen Entwicklung der kapitalistischen Länder.

Die blutsaugenden KapitalistInnen umschlingen unsere

Welt wie eine Krake und nutzen die Unterdrückten bis

aufs Knochenmark aus. Sie versuchen von ihrer Krise mit

89


den neuen imperialistischen und ausgelagerten Kriegen

abzulenken. Sie versuchen mit der Demagogie von

Freiheit, Gleichheit und Demokratie ihre eigene Krise

zu überdecken. Der Nationalismus ist nur reaktionäre

Politik, um die wahre Ursache des Problems zu verbergen,

um den gemeinsamen Kampf der Unterdrückten

zu verhindern, um Zustimmung zur Herrschaft zu

produzieren und um die ArbeiterInnen künstlich mit

religiösen, sektiererischen, nationalistischen Trennungen

gegeneinander aufzubringen. Mit dieser reaktionären

Politik betäuben und vergiften sie das Bewusstsein der

Unterdrückten.

Auf jeden Fall ist ein starker politischer und ideologischer

Kampf dagegen nötig. Europäische ArbeiterInnen und

Unterdrückte sollten sich gegen die Ideologie, welche

sie zu SklavInnen macht, mit den Menschen im Nahen

Osten und mit der Rojava Revolution solidarisieren

und sich aktiv aufeinander beziehen. Die Polarisation

die in der Frage erwähnt wird ist reaktionär. Die

richtige Polarisation sollte zwischen KapitalistInnen

und Unterdrückten, zwischen FaschistInnen und

AntifaschistInnen und zwischen ImperialistInnen und

AntiimperialistInnen stattfinden. Die Vorstellungen,

welche die Bevölkerung Afrikas und des Nahen Ostens

als rückständig, unwissend, primitiv, bigott usw.

darstellen und sie ausschliessen wollen, müssen mit aller

Härte abgelehnt werden.

ist der Bruder die dominante, männliche Denkweise.

Leider sind einige der Unterdrückten Europas dieser

bürgerlichen Ideologie verfallen. Dies sollte unbedingt

bekämpft werden.

Diejenigen die sich mit uns solidarisieren wollen,

sollen die Revolution in Rojava zuerst als Teil der

Weltrevolution, und darin als Vertreter des Mittleren

Ostens sehen. Daesh ist eine Kraft, die dem Kapitalismus

dient, sie vertreten alle reaktionären und unmenschlichen

Erfahrungen der Geschichte. Doch Rojava steht für die

aufstehende und sich verteidigende Menschheit wie

in Kobanê. Das Bewusstsein von GenossInnen wie

Avaşin und Şehîd Bagok Serhat (am 23.2.2015 als erster

westlicher YPGler gefallen Anm. d. Red.) bewässern

mit ihrem Blut den Rojava Boden. Wenn wir uns an

Sie erinnern, danken wir herzlich den Unterdrückten in

Europa ,welche die Rojava Bevölkerung nicht alleine

gelassen haben. Wir erwarten, dass die Unterdrückten

Europas mehr mit ihrem Herzen, ihrem Bewusstsein und

in ihrem Handeln auf unserer Seite sind. SYPG ist für

alle eine Adresse, welche mit der Revolution in Rojava

eine stärkere Beziehung aufbauen wollen.Wir grüssen

euch im Namen der SYPG aus dem Land der Revolution

und wünschen euch viel Erfolg bei eurem Kampf!

Europäische Imperialisten sehen sich als Grosser Bruder

Afrikas und des Nahen Ostens. In dieser Mentalität

90


Ellas (MLKP)

«Deshalb rufen wir alle dazu auf, wieder

zurückzukommen und denen die hier sind,

sagen wir, sie sollen bleiben und auf ihre

eigene Identität aufpassen, dass sie sie nicht

verlassen. »

Warum bist du hier? Was kannst du über dich

sagen?

Mein Name ist Ellas. Ich bin in der Schweiz geboren und

auch dort aufgewachsen. Ich bin 22 Jahre alt. Ich befinde

mich heute aus vielen politischen Gründen in Rojava.

Einer dieser Gründe ist mein kurdischer Hintergrund

und andererseits, dass ich sozialistisch eingestellt bin

und mich als eine internationale Kämpferin sehe.

Wir erleben heute in Rojava eine Revolution, das heisst

vor allem eine Frauenrevolution. Dies ist aber nicht

nur abhängig von der aktuellen militärischen Front.

Zwar ist diese ein sehr wichtiger Teil dieser Revolution

aber wir haben gleichzeitig auch ein Volk, das aus

unterschiedlichen Gründen aufbegehrt. Deswegen

haben wir eine Institution (SYPG) gegründet, die

für die Solidarität und für die Zusammenarbeit der

verschiedenen Völker hier in Rojava steht.

Rojava ist ein Mosaik, das aus vielen Völkern besteht:

Seien es die AssyrerInnen, seien es die SyrierInnen, seien

es die ChristInnen, die ArmenierInnen, KurdInnenen,

AraberInnen. Mit unserer Institution wollen wir, dass von

diese verschiedenen Völkern jeder diese Revolution als

seine eigene ansieht und für diese Revolution arbeiten,

das heisst irgendwo mithelfen kann.

Wir haben diese Institution gleichzeitig auch für die

GenossInnen aus aller Welt gegründet. Weil wir uns als

InternationalistInnen verstehen, wollen wir, dass diese

Revolution für jeden, für alle, die sich irgendwie als

RevolutionärIn betrachten oder irgendwie Rojava helfen

möchten, einen Weg bietet, um am Wiederaufbau von

Rojava mitzuhelfen. Das gilt auch für diejenigen, die aus

menschlichen oder aus humanitären Gründen hier sein

wollen.

Das heisst konkret, dass wir Kontakte mit FreundInnen

ausserhalb von Rojava aufbauen, sei es aus Europa, aus

Asien, aus Lateinamerika. Wir sagen immer wieder,

dass diese Revolution nicht nur den KurdInnen gehört,

sondern dass diese Revolution allen gehört und jede/r

irgendetwas für diese Revolution beitragen kann.

Das sind die Hauptgründe, warum wir unsere Gruppe

gegründet haben.

Unsere Organisation ist relativ neu. Wir hatten am 16.

Oktober die Eröffnung, wo viele verschiedene Völker

und deren VertreterInnen dabei waren. Es war ein Tag,

an dem alle an unserer Eröffnung teilnehmen und etwas

dazu sagen konnten.

Heute führen wir zum Beispiel eine Kampagne für die

Leute, die in dieser Zeit nach Europa ausgewandert sind.

Das ist für uns ein sehr grosses politisches Problem und

ein sehr wichtiges politisches Thema. Deswegen haben

wir eine Kampagne gestartet, wo wir dem Volk sagen:

«geht nicht weg». Und den Leuten, die schon gegangen

sind, sagen wir: «kommt wieder zurück».

Dazu muss man auch den Hintergrund verstehen. Denn

unter dem Baath-Regime, oder unter vielen verschiedenen

Regimen, mussten alle Völker jahrelang ihre eigene

Identität verleugnen und sie haben sehr gelitten darunter.

Vor allem die Frauen, die zweimal, dreimal, jedes Mal

von diesem System unterdrückt wurden. Aber heute

erleben wir eine Revolution, in welcher alle frei ihre

Identität ausleben können. Deshalb rufen wir alle dazu

auf, wieder zurückzukommen und denen die hier sind,

sagen wir eben, dass sie bleiben sollen und auf ihre

eigene Identität aufpassen müssen.

Wie macht ihr das konkret?

Wir haben jetzt eine Kampagne gestartet und das erste

was wir gemacht haben, waren die GenossInnen aus

unserer Nähe, aus dem Volk, zu rufen, um uns mit

ihnen auszutauschen. Wir haben mit ihnen zum Beispiel

einen bestimmten Plan ausgearebeitet, um in unserem

Mala Gel, also dem Haus des Volkes, verschiedene

Versammlungen durchzuführen.

91


Also ihr habt extra ein Haus eröffnet?

Nein, diese Häuser existierten schon. In diesen Häusern

machen wir jetzt aber verschiedene Versammlungen, die

für das dem Volk offen sind und erklären ihnen, warum

sie hier bleiben sollten und warum sie ihrer Familie,

oder den Leuten in ihrer Nähe sagen sollten, dass sie

zurückkommen sollen und was diese Revolution für eine

Bedeutung hat.

Ausserdem produzierten wir einen Kurzfilm, den wir

auch in den Versammlungen zeigen und zum Beispiel

auf RonahîTV auch veröffentlichen möchten. Zudem

gehen wir auf die Strassen und machen Graffitis, woran

die Kinder am meisten Spass haben und dabei gerne

mithelfen. Auch ist dies eine sehr guten Möglichkeit,

um mit den Menschen Kontakt aufzubauen, weil sie sich

direkt interessieren und fragen, warum du jetzt auf die

Wand malst, was du malst und was du schreibst etc. und

es gibt wirklich viele, die auch mithelfen und wir können

das dann zusammen machen.

Schwieriger ist es wahrscheinlich, jene zu erreichen,

die bereits weg sind. Habt ihr da Pläne?

Wir denken auch, dass das ein sehr wichtiges

Projekt ist. Gleichzeitig zeigt es ja auch, dass man

hier in Rojava tatsächlich auch emanzipatorisch

arbeiten kann und es bietet sich an, die Leute

aufzufordern an diesem emanzipatorischen Prozess

aktiv teilzunehmen.

Genau. Jeder Mensch ist irgendwie anders, aber wir

haben alle ein Ziel und das ist die Revolution in Rojava

aufrecht zu erhalten und wir sagen einfach mit unseren

Institutionen den Menschen von hier und von aussen,

dass sie bestimmt irgendetwas machen können.

Sie können beispielsweise im Krankenhaus helfen. Sie

können an die Front gehen. Sie können politisch aktiv

sein. Sie können Strassen reinigen. Sie können abends

an verschiedenen wichtigen Orten und Kontrollpunkten

Wache halten. Irgendetwas können sie bestimmt tun. Für

die Kinder vielleicht einen Kindergarten aufbauen. Jeder

kann irgend etwas für diese Revolution tun, und das ist

für die internationale Solidarität ein sehr, sehr wichtiger

Punkt.

Das ist tatsächlich die grosse Schwierigkeit! Wir haben

GenossInnen angefragt, die in den verschiedenen

Asylzentren mit den Menschen in Kontakt kommen

können. Dort wollen wir mit den Leuten verschiedene

Interviews darüber machen, wie sie auf ihrer Flucht erlebt

haben, was passiert ist, wie es in den Asylzentren ist, in

was für einer Lage sie heute stecken usw.. Dies machen

wir, weil wir oft hören, wie Eltern oder Geschwister

klagen, dass ihr Bruder, ihr Vater, ihre Mutter oder ihre

Schwester nach Europa gegangen ist und dass sie danach

darüber klagen, wie schlecht es ihnen dort geht und wie

schlecht sie behandelt werden. Dass also alles was ihnen

vom wunderschönen Europa vorgesagt wurde real gar

nicht so ist. Solche Menschen haben aber oftmals keinen

Weg mehr, um zurückzukommen. Sie haben alles was

sie sich hier aufgebaut haben verlassen, zum Teil alles

verkauft und sind jetzt in Europa, ohne Möglichkeit

zurückzukommen.

Mit verschiedenen Interviews wollen wir dem Volk

hier zeigen, dass das paradisische Europa eigentlich

gar nicht existiert. Gleichzeitig haben wir auch viele

Genossen, die aus Europa kommen und mit ihnen gehen

wir konkret zu den Familien nach Hause. Wir bleiben

bei ihnen, übernachten bei ihnen oder essen zusammen

etwas und haben dann lange Diskussionen, wo dann der

GenossInne aus Europa erzählen kann, was in Europa

wirklich passiert; wie auch in Europa die verschiedenen

Identitäten verleugnet werden, wie sie unterdrückt

werden, wie sie ausgegrenzt werden usw.. Weil, wenn

das Volk von jemandem hört, was dieser alles erlebt

hat, dann erweckt das etwas anderes, als wenn wir nur

Informationen weitergeben.

92


Meine Frage geht jetzt nochmals an dich als

Genossin und Frau. Du bist eine junge Frau. Du hast

dich entschieden, hier zu kämpfen. Was bedeutet das

konkret als Frau, als junge Frau hier zu sein?

Das bedeutet, als Frau eine wirkliche Freiheit zu

gewinnen. Man sagt nicht umsonst, dass die Revolution

in Rojava eine Revolution der Frau ist. Wenn ich heute

sehe, wie die Mütter in den Kommunen arbeiten, dann

kann ich dem nur zustimmen.

Wenn ich die Geschichten von Frauen höre, die

früher nur zuhause waren, heute aber in irgendeiner

Organisation in der Führungsposition sitzen, oder wenn

ich die Frauenkommunen sehe, dann sehe ich Frauen,

die wirklich wie neu erschaffen sind.

Man sieht dies auch immer wieder in den Häusern, wenn

man die Familien besuchen geht und dort beobachten

kann, wie die Frauen wirklich mit ihren Männern oder

mit ihren Brüdern kämpfen. Wenn zum Beispiel – ich hör

das sehr oft – jemand, das heisst eine männliche Person,

einer Frau das Wort wegnimmt oder sie unterbricht,

dann akzeptiert das heute keine einzige Frau mehr. Das

erweckt in mir als Frau etwas.

Frauen, die früher nichts ausserhalb machen konnten

ausser Hausreinigung und Küche, arbeiten heute in

Funktionen der Asayîş, das ist die Polizei und halten

dort beispielsweise Wache oder sie sind in YPG und

beschützen ihr eigenes Land. Das gibt ihnen eine Kraft,

wie sie sich wieder neu entdecken können.

Man spürt hier wirklich, wie man hier als Frau akzeptiert

wird. Man sagt hier oft, wenn diese Revolution aufrecht

erhalten wird, dann nur wegen den Frauen, weil die

Frauen hier ihre Freiheit erlangt haben. Also ausser dass

ihre Identität unterdrückt wurde und ihr Land ausgebeutet

wurde, haben sie auch als Frau ihre Freiheit neu erlangt

und wenn diese Revolution hier wirklich aufrecht bleibt,

dann dank den Frauen.

93


Barbara (TKP/ML)

«Darum steht die Frauenrevolution an erster

Stelle, weil die Frauen hier unterdrückt werden.

Die AnführerInnen hier sind Frauen und wenn

es nicht so wäre, dann gäbe es hier keine

Revolution, denn die Befreiung Rojavas können

nur die Frauen machen. Ohne die Frauen könnte

man das hier nicht vorantreiben, denn erst die

Frauen schaffen es wirklich das Frauenproblem

hier zu lösen»

Ich spreche jetzt mit Genossin Barbara. Warum

heisst du Barbara?

Wegen Barbara Kistler

Das freut mich natürlich. Die Rojava Revolution

wird ja auch als die Revolution der Frau bezeichnet.

Du bist eine Revolutionärin, die hier kämpft. Kannst

du vielleicht zwei, drei Worte zu deiner politischen

Biographie sagen und wie du diese Revolution der

Frau als Kämpferin hier konkret erlebst?

Als erstes müssen wir sagen, warum wir sagen, die

Rojava Revolution sei eine Frauenrevolution. Die Frauen

in Rojava wurden immer schlechter behandelt als die

Männer. Hier hatten die Frauen wirklich sehr schwierige

Zeiten. Das, was eine Frau hier erlebt hat, erlebt keine

Frau in Europa. Hier wird die Frau unterdrückt und

deswegen ist es sehr wichtig, dass man sagt, dass die

Frauen in den Vordergrund gerückt werden.

Das Assad Regime hat die KurdInnen schlecht behandelt.

Sie haben nicht einmal einen Ausweis bekommen. Sie

wurden nicht als Menschen gesehen und in diesem

Regime wurden die Frauen unterdrückt. Sie sind die

Unterdrücktesten der Unterdrückten.

Mein Kampf in Rojava hat in Kobanê angefangen, als

es dort noch einen sehr aktiven Kampf gab. Damals

habe ich mich am Kampf in Rojava beteiligt. Da habe

ich gesehen, dass die Frauen auch hier lange unterdrückt

wurden. Das war offensichtlich!

Eine Sache, die zu erwähen ist, ist dass die Frauen

zum Beispiel in Şengal durch die ISIS einfach verkauft

wurden. Ihre Körper wurde verkauft und sie wurden

umgebracht. Das habe ich gesehen. Das haben wir

erlebt. Sogar hier in Gisi, im Kanton Cisire, ist es so,

dass die Frauen immer verfolgt wurden, sie immer

unterdrückt wurden. Auch hier haben wir gesehen, dass

die Unterdrückten von Unterdrückern die Frauen sind.

Darum steht die Frauenrevolution an erster Stelle, weil

die Frauen hier unterdrückt werden. Wir erleben hier eine

Frauenrevolution, mit den Frauen im Vordergrund. Die

Anführer hier sind Frauen und wenn es nicht so wäre,

dann gäbe es hier keine Revolution, denn die Befreiung

Rojavas können nur die Frauen machen. Ohne die Frauen

könnte man das hier nicht vorantreiben, denn erst die

Frauen schaffen es wirklich das Frauenproblem hier zu

lösen. Die Frauensache hier, dass die Frauen im Kampf

sehr aktiv sind, dass sie die Führerinnen der Revolution

sind, das ist sehr normal und das muss so sein. Ohne die

Frauen würde es keine Revolution geben. So sehe ich es

hier in Rojava.

Es ist für uns wichtig, dass die Frauen eine eigene

Armee gegründet haben, damit sie diese Revolution

weiterführen können. Die Rojava Revolution braucht die

Frauen als die Anführerinnen der Revolution, denn die

Frauen haben sich hier organisiert, haben hier eine eigene

Armee gegründet. Diese Armee nennt sich YPJ. Die YPJ,

die Frauenarmee ist eine bedeutende historische Sache.

Was es hier vorher nicht gegeben hat, haben wir jetzt

zum ersten Mal erlebt und dieses Land braucht das. Im

Nahen Osten wird die Frau so sehr unterdrückt , darum

kann die Befreiung dieses Nahen Ostens nur durch die

Frauenrevolution geschehen. Das ist für uns, für die

94


türkische revolutionäre Organisation, für die Partei

sehr wichtig. Wir müssen die YPJ als Beispiel nehmen,

die Frauenbewegung und all das, was sie hier gemacht

haben. Sie haben es geschafft, eine Armee aus Frauen

zu gründen. In dieser Armee haben sie Mechanismen

erarbeitet, damit sie ihre eigenen Beschlüsse machen

können. Da kann keiner, kein Mann und kein Vertreter

der YPG, von aussen kommen und sagen, dass er einen

Beschluss nicht einsehe. Die dürfen das nicht.

Diese Mechanismen sorgen dafür, dass die Frauen ihre

eigenen Beschlüsse erfassen, ihre eigenen Kämpfe

planen und ihr eigenes System, ihre eigene Struktur

aufgebaut haben. Dafür sind sie beispielhaft und das ist

für mich sehr wichtig und wir sind auch ein Teil davon.

Du bist ja Mitglied der TKP/ML-TIKKO. Und

wenn du nun sagt, du bist ein Teil davon, von der

YPJ, wie geht das?

In Rojava ist es so: Unsere Dachorganisation hier in

Rojava ist die YPG und die YPJ. Es ist auf militärischer

Seite so, dass wir unter ihnen kämpfen. Wir nehmen als

Frauen und als Männer an einer ihrer Grossoperationen

teil und kämpfen unter ihnen. Deswegen ist das unsere

Dachorganisation.

Es kann sein, dass wir unsere eigenen Punkte haben,

eigene Kräfte haben, das sind unsere Freiheitsräume.

Aber im Kampf, auf der militärischen Seite, sind wir

abhängig von ihnen. Dass wir unter ihrem Kommando

kämpfen sehen wir nicht als etwas falsches, nein wir

glauben, dass ist etwas gutes. Wir können nicht sagen,

dass wir hier etwas ganz anderes machen oder wir alleine

kämpfen gehen. Wir kämpfen unter ihnen, deswegen

sind wir als Frauen ein Teil der YPG und ein Teil der

YPJ.

Ich frage nochmals: Du, als Frau innerhalb der

TPK/ML-TIKKO; bist du in Kontakt mit der YPJ

oder ist es die TIKKO, die den Kontakt hat zur YPJ?

Wie kann man das verstehen?

Ich bin unter der YPJ, eine Frauenkämpferin in

der YPJ, in der Frauenarmee. Was die TKP/ML im

Frauenfreiheitskampf verteidigt, das verteidigt auch die

YPJ. So sehe ich das und so sehen wir es und deswegen

ist da nichts was dich trennt, sondern nur das, was uns

eigentlich vereinigt. Wir sind und ich bin Kriegerin

der YPJ aber was die YPJ zum Beispiel bei uns nicht

kann, ist zu sagen, dass ich heute oder morgen dort hin

kommen solle. Das kann sie nicht aber normalerweise

bin ich bei der YPJ und das ist eine Frauenarmee und

was die Frauenarmee hier verteidigt ist sehr wichtig und

das verteidigen wir alle.

Deswegen trennen wir das nicht, das müssen wir stets

detailliert erklären, damit es keine falschen Ansichten

gibt. Das verbindet sich, die Ansichten, auf militärischer

Seite sind wir dabei und ich bin auch eine Kriegerin

darin.

Ich habe noch eine Frage: Ist es dir möglich auch

an den Frauenakademien teilzunehmen, könntest du

das wenn du das möchtest?

Wir können teilnehmen aber für uns ist das nicht

wichtig. Also so eine Erfahrung habe ich bisher nicht

gemacht. An einer Akademie der YPJ teilgenommen

habe ich nicht. In Kobanê habe ich am Anfang von der

YPJ eine militärische Ausbildung bekommen. Damals

gab es keine Trennung, da war es gemischt. Aber die

Ausbilderinnen waren Frauen und später habe ich bei der

YPJ eine Ausbildung als Sniper und für solche Sachen

bekomme. Das war in Kobanê meine Ausbildung.

Aber wenn ich das möchte, kann ich teilnehmen.

In Kobanê war das so, dass es keine Unterschiede

zwischen Frauen und Männern gab, denn es gab diese

Kriegssituation, eine sehr aktive Kriegssituation. Da

gab es diese Strukturen noch nicht, aber als der Krieg

um Kobanê vorbei war, als Kobanê frei war von ISIS,

da haben wir angefangen diese Strukturen aufzubauen.

Zwischen YPG und YPJ gab es Unterschiede und in

Rojava generell haben sich jetzt Strukturen aufgebaut

und die YPJ kann jetzt unabhängige Beschlüsse machen

und eigene Mechanismen entwickeln und das ist für uns

sehr wichtig.

Es ist hierbei zentral, erst mal SchülerIn zu werden. Bei

uns in den Guerilla ist es so, dass wir ein Frauenkomitee

haben. Wir haben auch das Ziel eine Frauenarmee zu

gründen, aber dazu haben wir die Kraft noch nicht.

Aber wir können sagen, dass das ein Ziel ist von uns.

Von der YPJ können wir vieles lernen, können wir viele

gute Erfahrungen sammeln, das ist für uns sehr wichtig

und deswegen ist auch die YPJ sehr wichtig. Wir sagen

auch, dass in Rojava die YPJ eine sehr wichtige Rolle

spielt, aber nicht nur hier, sondern dass sich davon alle

revolutionären Organisationen wirklich ein Beispiel

nehmen sollten in ihrem Kampf für die Frauen.

Im Kampf in der YPJ, in den Teams, im Bataillon, ist

es wichtig, in welchen KommandantenInnen-Rollen die

Frauen sind, welche KommandantInnen-Positionen sie

in Missionen haben, was für eine Rolle sie im Kampf

haben. Solche Erfahrungen müssen wir als Frauen

machen oder als TKP/ML-TIKKO. Durch diese

Erfahrungen haben wir jetzt ein Frauenkomitee in der

Guerilla und das wird später eine Frauenarmee werden.

Diese Erfahrungen haben ihre guten Seite darin, dass sie

als Beispiel für andere Frauenorganisationen wirklich

wertvoll sind.

Es ist ja nicht so, dass Frauen nicht kämpfen können.Die

YPJ hat der ganzen Welt gezeigt, dass Frauen kämpfen

95


können; wirklich auch sehr aktiv kämpfen und sehr

erfolgreich dabei sein können. Es wird oft gesagt, dass

Frauen nicht kämpfen können, dass, wenn sie kämpfen,

sie nicht gut kämpfen können, dass sie das nicht

schaffen können. Aber die YPJ hat uns gezeigt, dass es

ganz anders ist. Die ganze Welt hat von der YPJ gehört.

Wer sich das anschaut, speziell türkische revolutionäre

Organisationen nehmen sich ein Beispiele daraus.

In der Türkei kannst du sehen, dass die Frauen durch die

revolutionären Frauenorganisationen jetzt militanter und

radikaler an die Sache herangehen und jetzt sagen können,

dass sie auch radikale Sachen machen können. Denn

das müssen wir auch als Frauen machen. Ich kann nur

nochmals wiederholen, was die YPJ für eine Rolle spielt.

Die YPJ hat uns gezeigt, dass Frauen selbstbewusster an

diese Sache herangehen. Also richtig selbstbewusst ,das

muss ich nochmals wiederholen, denn das ist ein sehr

wichtiger Aspekt für uns.

Die ganze Welt hat gesehen, dass wir Frauen sind.

Frauen wurden von aussen so gesehen, dass sie Angst

haben, dass sie keine Waffe haben können, keine Waffen

tragen können, dass sie nur gut kochen, dass eine gute

Frau, nur eine gute Hausfrau sein kann. So wurden wir

als Frauen gesehen. Die Menschen glaubten, dass wir

es nicht schaffen können, irgendwas zu machen. Auch

wenn Frauen getötet, verhaftet oder gefoltert wurden,

war es immer so, dass sie nichts dagegen getan haben,

weil sie das Selbstbewusstsein nicht hatten.

Aber jetzt hat uns die YPJ gezeigt, wer wir wirklich sind

und dass wir sagen können, das ist eine Frauenrevolution

hier. Diese Frauenrevolution hat uns gezeigt, dass die

Frauen selbstbewusster sein sollten. Hier in Rojava sehen

wir, wie die Frauen selbstbewusster geworden sind, sogar

in dieser Bevölkerung in der alle Frauen wirklich sehr

unterdrückt sind. Viele Frauen in dieser Bevölkerung

sehen jetzt, dass in der YPJ Frauen Kriegerinnen sind

und Kommandantinnen werden und Beschlüsse machen.

Das ist fortschrittlicher als in der ganzen Welt. Das wollte

ich nur nochmals wiederholen. Das ist sehr wichtig für

uns, und für die Frauen weltweit.

Die ganze Welt hat Angst vor dem IS. Die haben mit ihren

Propaganda Videos und mit ihren verschiedenen Sachen,

die sie gemacht haben, der ganzen Welt Angst gemacht.

Das waren Frauenfeinde, die in Şengal viele Frauen

vergewaltigt haben und Frauen verkauft haben. Für die

Frauen war das wirklich ein Horror, für die Bevölkerung

war es ein Horror und die Imperialisten wussten nicht,

von wo das kam. Die ganze Welt war erschrocken.

Aber das, was wir dagegen gemacht haben, also dass

die YPJ dagegen gekämpft hat, dass die junge Frau

gesagt hat «hier du wirst jetzt sehen, ich lasse mich

nicht mehr unterdrücken», dass wir wirklich gegen

radikale Frauenfeinde gekämpft haben.Wir kämpften

hier nicht gegen ein System, gegen ein kapitalistisches

Land, sondern gegen eine sehr sehr bedrohliche, eine

terroristische Bedrohung gegen die Frauen. Die ganze

Welt hat zugesehen, was den Frauen in Şengal passiert

ist. Wir, die YPJ, hat gesagt «wir lassen uns nicht

mehr unterdrücken» und hat die Waffen in die Hände

genommen. Das hat uns gezeigt, dass wir gegen unsere

Unterdrücker auch was machen können und dass sich

eine Frau auch verteidigen kann.

Die Welt hat vor einem Jahr zugesehen und hat dann

gesehen, dass Frauen als Antwort auf die Unterdrückung

eine Frauenrevolution machen. Wir haben gesehen,

dass es sich in der Öffentlichkeit, in vielen Medien

herumgesprochen hat, was für eine Rolle die YPJ für den

Frauenkampf international getan hat. Das ist wirklich

etwas Wertvolles, was die YPJ geschafft hat und das

wird für uns ein Beispiel sein. Wir haben gezeigt, dass

wir es schaffen können und wir werden es auch weiter

schaffen.

Was noch wichtiger ist, ist dass wir für uns, für unsren

inneren revolutionäre Prozess sehr wichtig ist, etwas

mitnehmen können. Es ist doch so, dass bei den

Revolutionären immer etwas vergessen worden ist: Die

Frau, die Frauensache, die Frauenprobleme, ja das wurde

immer vergessen. Dass die Frauenfrage Teil der Frage

nach der Revolution ist, haben sie uns hier gezeigt, denn

ohne die Frauen kannst du keine Revolution machen.

Aber die Revolutionäre und auch die Revolutionärinnen

in unserem Land, haben das vergessen. Der Kampf in

Rojava hat uns gezeigt, dass die Frauen nicht mehr

vergessen werden dürfen, dass die Frauen wirklich gut

ihre Rolle spielen können und dass sie in Zukunft auch

ihre Rolle spielen werden.

Als TKP/ML-TIKKO Kriegerin habe ich gesehen und

habe gelernt, dass ich jetzt auch in meinem Land dagegen

kämpfen kann, dass ich dagegen was machen kann. Jeden

Tag werden Frauen getötet, Frauen vergewaltigt; ich

weiss jetzt was ich dagegen machen kann. Dafür habe

ich jetzt mein Selbstbewusstsein und ich kann mir hier

ein Beispiel nehmen. Jetzt kann ich sagen, wir können

gegen Frauenfeinde, gegen diese Leute, die Frauen

vergewaltigen, gegen alle diese Menschen können wir

ankämpfen. Das ist wirklich wichtig für uns und ich

hab dass hier gelernt als Mitglied der TKP/ML-TIKKO.

Unser Ziel ist es auch eine Frauenarmee hier zu gründen.

Zwar sind wir jetzt noch klein und wir haben die Kraft

dazu noch nicht aber wir lernen und wir werden immer

noch weiter lernen.

In der Sache der internationalen Solidarität spielt die Frau

eine sehr grosse Rolle. Eine Frau wird unterdrückt, eine

Frau wird vergewaltigt, eine Frau wird getötet, eine Frau

muss immer arbeiten, im Haus ist sie immer diejenige,

die alles machen muss, immer Dienstleistungen machen

96


muss, immer in dem schwierigsten Beruf arbeiten muss.

Überall in der Gesellschaft, überall, sei es im Leben,

sei es bei der Arbeit, sei es zuhause, wird die Frau

unterdrückt und es ist doch überall das Gleiche. Es ist

nicht so, dass die Frau in Europa oder im Nahen Osten

anders unterdrückt wird. Alle Frauen werden gleich

unterdrückt und der Feind ist auch ein ähnlicher Feind,

ein gleicher Feind, mit dem wir kämpfen.

In der Türkei, da wurde vor einiger Zeit eine Frau von

türkischen Polizisten oder Spezialeinheiten getötet. Sie

war schwanger und hier sehen wir, dass so etwas auch

hier passiert. Der Feind ist gleich und deswegen ist es

wichtig, dass sich die internationale Solidarität, die

internationale Bewegung fortschrittlich weiterbildet,

einen Schritt nach vorne macht zum Thema Frau. Die

Frau weiss, wie es ist unterdrückt zu werden, weil

die Frau überall unterdrückt wird und das ist ein sehr

wichtiger Punkt. Deswegen muss dies ein wichtiger

Teil in der internationalen Bewegung sein. Denn im

internationalen Kampf spielt die Frau eine sehr grosse

Rolle.

Wenn wir zum Beispiel sagen, dass die Genossin Barbara

von der Zelle in die Berge ging, dann können wir für sie

sagen, dass das ein sehr grosser internationaler Kampf

ist. Barbara war eine internationale Kämpferin, die in

den Bergen für den internationalen Kampf gefallen ist.

Wir können das auch für Ivana Hoffmann sagen, die jetzt

hier in Rojava als internationale Kämpferin gefallen ist.

Das sind unsere Symbole, die nehmen wir uns als

Vorbild in unserem Kampf. Wir wollen sie auch in

unserem Kampf als Vorbild nehmen, weil sie das getan

haben, was wir jetzt hier machen. Sie haben das getan

und deshalb werden wir sie uns als Vorbild nehmen.

97


Freiheitsbataillon

«Wenn du an der Front gegen Daesh kämpfst,

dann spielt es für dich keine Rolle, wer jetzt

die WaffengenossInnen neben dir sind. Unser

Bataillon macht auf diese Weise Politik, wir

erleben Politik am stärksten im Kampf und

unser Bataillon macht Politik, indem wir unseren

Zusammenhalt zeigen. Es ist ein militärisches

Bataillon und unsere Art Politik zu machen ist

an der Front miteinander zu kämpfen.»

Wer ist das Internationale Freiheitsbataillon.

Das internationale Freiheitsbataillon besteht aus

verschiedenen Menschen, die ein revolutionäres,

antifaschistisches, anarchistisches oder fortschrittliches

Bewusstsein haben.

Das Bataillon besteht aus verschiedenen Parteien und es

will die Revolution von Rojava schützen und sie weiter

nach vorne tragen, sowohl gegen Daesh als auch gegen

die imperialistischen Mächte, die verschiedene Pläne für

Rojava haben.

Wir wollen eine Alternative zum alten System aufzeigen.

Die Revolution von Rojava wollen wir beschützen und

weiter nach vorne tragen. Zur Zeit befinden sich im

Bataillon verschiedene Gruppen, wie die MLKP, die

TKP/ML-TIKKO, BÖG, und unter anderem Menschen

aus Italien, aus Spanien, aus Griechenland, aus

Frankreich, aus Deutschland.

Auch einzelne Personen, die ein fortschrittliches Denken

haben, seien es DemokratInnen, AntifaschistInnen oder

auch AnarchistInnen, sind hier dabei und alle sehen die

Revolution in Rojava als ihre eigene Revolution und

wollen sie beschützen.

Was sind die strategischen Ausrichtungen

und Prinzipien vom Freiheitsbataillon und wo

unterscheidet es sich von den anderen Bataillonen,

die es gibt, inklusive YPG und YPJ?

Was uns von den YPG / YPJ Bataillonen unterscheidet ist,

dass wir organisatorisch unabhängig sind von ihnen. Wir

entscheiden selbst, wer der/die höchste KommandantIn

des Bataillons ist, wer die verschiedenen Team-

KommandantInnen sind und so weiter. Aber vom System

her sind wir abhängig von der YPG, das heisst, wir üben

beispielsweise auch jeden Tag Kritik und Selbstkritik

genau wie die anderen Bataillons auch. Auch können wir

bei grösseren strategischen Entscheiden mitreden und

unsere Ideen einbringen. Wenn wir direkt an der Front

sind, bewegen wir uns zusammen mit den YPG und YPJ

Bataillonen.

Also ihr seid in der Entscheidung mit dabei und

handelt dann zusammen? Und was ist der Unterschied

zu den anderen Bataillonen?

Der Unterschied zu den andern Bataillonen ist eben

genau das, dass sie unabhängig entscheiden können, wer

die KommandantInnen sind. In den anderen Bataillone

nentscheidet die YPG, wer jetzt in dem Bataillon der/

die höchste Kader ist. Aber das Freiheitsbataillon hat die

Unabhängigkeit und kann selber entscheiden.

Heisst das, dass zum Beispiel TIKKO und MLKP

nicht selber entscheiden können, sondern dass die

YPG für sie entscheidet?

Nein, die haben auch ihre Unabhängigkeit.

Aber was ist der Unterschied zum Beispiel zwischen

dem Freiheitsbataillon und der MLKP oder TKP/

ML-TIKKO?

Ein anderer Punkt der uns unterscheidet ist, wie ich

schon vorher erwähnt habe, dass unsere Bataillone aus

verschiedenen Parteien und aus verschiedenen einzelnen

Menschen besteht, die unabhängig kommen aber ein

fortschrittliches Bewusstsein und einen homogenen

Zusammenhalt haben. Also wir haben alle vielleicht

98


verschiedene ideologische Blickrichtungen aber wir

treffen uns alle an einem Punkt und das ist, dass wir die

Revolution von Rojava beschützen wollen und dass wir

dafür immer an vorderster Front kämpfen werden.

Gibt es auch gemeinsame politische Schulungen?

Wir haben ideologische Schulungen aber in diesen

Schulungen diskutieren wir nicht, was uns voneinander

trennt, sondern wir diskutieren eher Sachen wie

beispielsweise „wie sollte sich ein Revolutionär im

Alltag organisieren“, halt Themen die breiter sind.

Wir schauen, dass wir nicht in die verschiedenen

ideologischen Richtungen rein gehen, sodass wir

keine Zersplitterungen haben. Uns geht es um den

Zusammenhalt. Wir schauen, dass wir Themen

besprechen, wo wir uns auf die eine Seite stellen können.

Ausserdem haben wir auch militärische Schulungen, wie

zum Beispiel Taktik und Schulungen mit Waffen.

Heisst das, dass ihr die Einheit ins Zentrum stellt

und nicht den Unterschied? Und damit akzeptiert

ihr auch, dass es mehr als nur eine ideologische

Ausrichtung gibt?

Ja. Wir haben zum Beispiel TKP/ML-TIKKO, die

MaoistInnen sind, was halt zum Beispiel BÖG und die

MLKP nicht sind, aber wir schauen nicht darauf, was uns

unterscheidet, sondern wo wir zusammentreffen, was

uns zusammen bringt, das ist die Revolution von Rojava.

Dazu gehören auch die AnarchistInnen.

Alle drei Parteien, die ich erwähnt habe, haben auch

ihre eigene Arbeit in Rojava aber im internationalen

Freiheitsbataillon haben wir alle nur etwas, was

uns zusammenbringt und das ist die Revolution zu

beschützen. Da treffen wir uns alle. Deshalb erleben wir

auch eine Kameradschaft auf einem anderen Niveau, das

heisst für uns, dass wir trotz all der Unterschiede, die

Gemeinschaft und die Wärme weiter tragen wollen.

Wenn du an der Front gegen Daesh kämpfst, dann spielt

es für dich keine Rolle, wer jetzt die WaffengenossInnen

neben dir sind. Ob eine/r jetzt ein MaoistIn, TrotzkistIn,

ob er/sie anarchistisch oder marxistisch leninistisch

denkt, das spielt keine Rolle mehr. Unser Bataillon macht

auf diese Weise Politik, wir erleben Politik am stärksten

im Kampf und unser Bataillon macht Politik, indem wir

unseren Zusammenhalt zeigen. Es ist ein militärisches

Bataillon und unsere Art Politik zu machen ist an der

Front miteinander zu kämpfen.

Gibt es militärische, taktische und strategische

TheoretikerInnen oder historische Erfahrungen, die

für euch wichtig sind?

Geschichtlich vergleichen wir uns mit dem Spanischen

Bürgerkrieg, wo es gegen Francos Faschismus auch ein

internationales Bataillon gegeben hat. Dort trafen sich

auch viele verschiedene Menschen und Ideologien, die

alle ein gemeinsames Ziel hatten. Wir vergleichen auch

oft Kobanê mit Stalingrad, was uns immer wieder zeigt,

dass der Sieg möglich ist und dass es einen solchen

Kampf schon einmal gegeben hat. Das gibt uns immer

wieder Hoffnungen.

In der Revolution von Rojava spielen im

militärischen Bereich Frauen eine grosse Rolle. Ist

das bei euch auch so?

Wir bezeichnen die Revolution von Rojava als eine

Frauenrevolution und wir sehen auch wirklich wie

wichtig der Aufbau der YPJ gewesen ist und was für

einen grossen Wert das trägt. Vielleicht haben wir es

nicht geschafft, von Anfang an in unserem Bataillon ein

Frauenteam aufzubauen, weil wir im Bataillon zu wenig

Frauen gehabt haben. Aber dann später hatten wir eine

Frauenkommandantin neben dem Höchstkommandanten.

Wir haben es auch geschafft, dass wir ein Frauenteam

aufbauen konnten und wir sehen wirklich im Kampf,

was für eine wichtige Rolle Frauen spielen.

Was haltet ihr von der internationalen Solidarität,

was bedeutet diese in der Revolution von Rojava?

Auf der ganzen Welt sind alle Augen, vor allem die der

imperialistischen Mächte, auf Rojava gerichtet. Das

sieht man an den Koalitionen, die uns heute mit ihren

Flugzeugen helfen. Aber das machen sie nicht, weil wir

schöne Augenbrauen und schöne Augen haben, sondern

sie haben alle ihre Pläne für Rojava. Diese Mächte sind

vor allem Amerika, Russland und Frankreich. Sie wollen

sich unbedingt in diese Revolution einmischen und ihr

eine andere Richtung geben.

Aber wir haben eine Revolution, die ihren eigenen

Weg gemacht hat und die eine Alternative auch gegen

Mächte und Grossmächte im Mittleren Osten, wie

Assad und das Baath Regime, ist. Wir brauchen

wirklich alle InternationalistInnen auf der ganzen

Welt, die fortschrittlich sind, sich als AntifaschistIn als

KommunistIn bezeichnen. Es kommen viele Kämpfer

Innenaus der ganzen Welt aber wir brauchen mehr

KämpferInnen, damit wir eine Revolution auch vor

diesen Grossmächten schützen können.

Ihr zieht oftmals Bilanz in der Form von Kritik /

Selbstkritik. Was für Erfahrungen damit habt ihr bis

jetzt gemacht?

Kritik und Selbstkritik, die wir im Bataillon führen, ist

ein Punkt, den wir nicht auslassen können, weil man

jede/jeden GenossIn, der/die im Bataillon ist, kritisieren

beziehungsweise Selbstkritik ausüben kann. Dies ist für

eine gesunde Zusammenarbeit sehr wichtig ist, denn erst

99


dort, wo man seine Gedanken und Ideen frei sagen kann,

können wir auch Demokratie erleben.

Wir sind alle aus einem bestimmten Grund hier. Weil

wir alle an etwas glauben; weil jede/r einzelne aus einem

bestimmten Grund hierher gekommen ist, aus einer

bestimmten ideologischen Richtung oder aufgrund eines

Bewusstseins. Nur deshalb haben wir die Waffen in die

Hand genommen. Das heisst aber nicht, dass wir jetzt

besser kämpfen als andere Bataillone. Aber wir glauben,

dass wir mindestens genau so gut sind, wie die anderen

Bataillone auch.

Welche Rolle spielt für euch die Ideologie?

Sie ist ausgesprochen wichtig. Denn dass wir

SozialistInnen sind, hat uns ja nach Rojava geführt. Als

SozialistInnen war es unsere Aufgabe hierher zu kommen.

Wir sind keine nationalistischen SozialistInnen. Wir sind

internationale SozialistInnen, das heisst, egal wo es

einen Kampf gibt, dort müssen wir sein. Wenn wir so ein

Bewusstsein haben und das verteidigen, sagen wir, dass

die Revolution von Rojava auch unsere Revolution ist.

Wir betrachten die Vorgänge hier auch als unsere eigene

Revolution.

sagen, seit wir uns gegründet haben. Unser Bataillon hat

sich am 10. Juni 2015 gegründet, am 11. Juni sind wir

an die Front gegangen. In diesen ersten Operationen

sind zwei von unseren Kämpfern als Märtyrer gefallen:

Halil Aksakal und Alper Çakas. Zudem haben wir

sieben Genossen, die verletzt worden sind. Darunter

ein deutscher Genosse und ein griechischer Genosse,

die schwere Verletzungen gehabt haben. Nach diesen

Operationen sind wir nach Hol gegangen, wo die

nächsten Freiheitsoperationen angefangen haben. Seit

unser Bataillon sich gegründet hat, waren wir immer

an vorderster Front, weil auch in unseren Statuten

geschrieben haben, dass wir da sind, um die Revolution

von Rojava zu beschützen und das machen wir auch an

vorderster Front. Wir sind immer an der vordersten Front

und weil wir an der vordersten Front sind, haben wir

es schwer. Wir leiden darunter, weil unsere Genossen

als Märtyrer gefallen sind aber wir haben auch unsere

Gegnern schwer leiden lassen.

Wir rufen alle fortschrittlichen Menschen und

Organisationen in der ganzen Welt auf: kommt hierher!

Die Revolution von Rojava ist auch eure Revolution,

es ist unsere und eure Revolution kommt und beschützt

eure Revolution.

100

Gibt es noch etwas was du sagen willst?

Ich will etwas zu den Erfahrungen der letzten fünf Monate


Kommandant Sengal (MLKP)

«Dennoch muss ich sagen, dass, wenn wir die

letzte Möglichkeit irgendwann erreicht haben,

dass wir dann natürlich auch mit der KDP

kämpfen werden. Aber das hat keine Priorität.

Zuerst wollen wir die Dörfer von Daesh befreien

und damit ein freies Land schaffen, damit für

die Menschen alles besser wird.

Wir sitzen hier im Tabûr zusammen mit dem

Kommandanten der MLKP Sengal und wir würden

gerne wissen, was Sengal ist und wie es zur aktuellen

Situation kam.

Zuerst einige grundlegende Infos. Die Stadt Şengal liegt

am Fuss von riesigen Bergen. Dort leben vier verschiedene

Völker: SunnitInnen, EzidInnen, KurdInnen und

TurkmenInnen. Bis zum Angriff von Daesh hatten sie

keine zu grossen Probleme untereinander gehabt. Sie

hatten auch keine grossen Probleme mit der KDP, die sie

regierte. Bevor Daesh die Stadt angriff, hatten sie gar die

Möglichkeit in der KDP mitzureden.

Wie es zur jetzigen Situation kam? Nun grundsätzlich

kann man sagen, dass es mit dem Irak-Krieg und nach

den Ereignissen in Syrien für Daesh einfach war im

Nahen Osten zu erscheinen. Zuerst nutzten sie Rojava

als Basis, um die KurdInnen anzugreifen. Sie ergriffen

damit die Gelegenheit als wichtiger Akteur im Nahen

Osten zu erscheinen. Später begannen sie dann auch

Südkurdistan anzugreifen.

Die Terrororganisation Daesh will einen sunnitischen

muslimisch-islamischen Staat im Nahen Osten aufbauen.

Darum sehen sie das kurdische Volk, das armenische

Volk, das Volk der kurdischen EzidInnen aber auch

die revolutionären und fortschrittlichen arabischen

Menschen als Hindernis für ihr Ziel. Deswegen griffen

sie 2014 auch Şengal an.

Natürlich gab es letztlich mehrere Gründe hierfür.

Zunächst versteht Daesh die Religion der EzidInnen

als Religion, die sie angreifen müssen. Ganz einfach

deswegen, weil die EzidInnen eine andere religiöse

Kultur, andere religiöse Überzeugungen und so weiter

haben, und sie so im Widerspruch zur sunnitischen

muslimischen Religion und ihren Sitten stehen.

Zweitens fehlte in Şengal eine starke Autorität. Man

kann sagen, die Verwaltung dort hatte keine Macht.

Außerdem waren die EzidInnen nicht gut organisiert und

auch diejenigen, die sich in der Stadt Şengal befanden,

waren nicht stark genug, um eine Antwort auf die

Angriffe der Daesh zu geben. Aus diesem Grund sagen

wir heute, dass die Invasion von Şengal durch Daesh

mit der Hilfe der KDP stattfand. Die KDP-Regierung

ist deshalb mitschuldig, weil sie gegen die Invasion

keinen Widerstand leistete. Sie hat buchstäblich keine

einzige Kugel gegen den Angriff der Daesh in Şengal

verschossen. Vielmehr zog sie sich aus der Stadt zurück

und überließ die EzidInnen dem Massaker durch die

Daesh.

Die EzidInnen nennen das, was passiert ist, das 73.

Massaker, denn im Laufe ihrer Geschichte erlitten die

EzidInnen insgesamt 72 Massaker. Die EzidInnen

mussten also beim Angriff aus ihren Städten und von

ihrem Land fliehen. Sie verließen ihre Häuser, ihre

Arbeit, ihre Tiere und all das, was immer ein Teil ihres

Lebens war. Um einen sicheren Ort zu finden, mussten

sie entweder nach Rojava fliehen oder sich nach Norden

zurückziehen. Deshalb mussten sie tagelang mit den

Kindern und alten Menschen und ohne Wasser wandern.

Viele von ihnen starben bei dieser Flucht, oft weil sie

zurückfielen und nicht schnell genug gehen konnten.

Beim Angriff von Daesh im August 2014 wurden auch

hunderte Menschen in einem grossen Massaker getötet.

Diejenigen, die nicht in der Lage waren zu fliehen, wie

alte Menschen, kleine Kinder und so weiter, wurden von

Daesh einfach ermordet. Daesh nahm zudem auch viele

ezidische Frauen als Sklavinnen.

Als wir die Operation in Şengal durchführten, haben

wir Massengräber gefunden. Wir können also sagen,

dass Daesh gefoltert und getötet und die Menschen dann

alle zusammen begraben hat. Es gibt zahlreiche solche

101


Gräber in Şengal, die von diesen Gräueltaten zeugen.

Als die Daesh im August 2014 Şengal angriff, reagierte

die MLKP, die PKK und auch die YPG. Sie schafften

es, Daesh am Fusse des Berges zu stoppen. Sonst

wären Daesh weitergegangen und hätten die Menschen

verfolgt, die in die Berge liefen. So begann die Befreiung

von Şengal City, die später als totale Befreiung endete.

Aber der Prozess zur Befreiung begann direkt nach dem

Angriff von Daesh. Die Kämpfe dauerten eine lange Zeit

aber schliesslich erreichten wir die Befreiung.

Zu den politischen und militärischen Prozessen in Şengal:

Es war also so, dass unsere Partei, die MLKP, zusammen

mit den Kräften der PKK, die wir bezüglich der Politik im

Nahen Osten und der kurdische Frage übereinstimmen,

sofort eine Antwort auf die Angriffe auf Şengal gaben.

Zusammen mit der PKK wurden wir Teil einer Front, die

gemeinsam gegen Daesh kämpfte. Daraus ergab sich ein

grösserer Widerstand gegen Daesh. Wir kämpften und

Schritt für Schritt befreiten wir schliesslich die Dörfer

und vertrieben Daesh vom Fuss der Berge.

Aber dann schloss die KDP plötzlich den Durchgang,

durch den wir versorgt wurden und wir waren mit

Bedingungen konfrontiert, wo wir keine Verpflegung

mehr hatten. Das heisst, wir hatten plötzlich auch keine

Munition, keine Waffen und vergleichbare Dinge mehr.

Die KDP tat dies absichtlich, weil sie nicht wollten, dass

die PKK und MLKP eine bestimmende Kraft für die

EzidInnen und das kurdische Volk in Şengal werden.

Der Grund hierfür ist recht einfach zu erklären. Die KDP

will nicht, dass die EzidInnen sich selbst organisierien

oder mit den revolutionären und kommunistischen

Organisationen Bekanntschaft schliessen. Sie wollen

einfach nicht, dass die Bevölkerung unter den Fahnen der

revolutionären Organisationen, wie der MLKP oder der

PKK, organisiert werden. Unter solchen Schwierigkeiten,

die von der KDP stammen, leben wir immer noch. Also

kämpfen wir aktuell sowohl gegen Daesh als auch gegen

die KDP, jedoch hier ohne revolutionäre Absicht. Wir

wollen einzig die Schwierigkeiten minimieren, die die

KDP uns bereitet.

Als wir mit den vereinten Kräften der PKK, der MLKP

und der YPG gegen Daesh zu kämpfen begannen,

befreiten wir etwa 10% des Şengal Gebietes und

errichteten eine Frontlinie in diesem Bereich. Dieses

10%-Gebiet können wir das alte Şengal nennen. Es ist

ein strategisch sehr wichtiges Gebiet und hat Bedeutung

in der ganzen Region, weil wir von diesem Gebiet aus die

weiter unten liegende Stadt Şengal kontrollieren konnten.

Für etwa 14, 15 Monate hielten die gemeinsamen Kräfte

die Frontlinie und bereiteten sich auf die Operation zur

Befreiung von Şengal vor.

Während dieser 14, 15 Monate des Widerstandes

waren die Bedingungen und die Möglichkeiten, die

wir hatten begrenzt. Auch hat uns Daesh in dieser Zeit

immer wieder angegriffen. Wir hatten viele Gefallene,

einschließlich Frauen und Männer der PKK, aber mit

starkem Widerstand hielten wir die Frontlinie und

wichen nicht zurück. Wir bauten den Widerstand weiter

aus und bereiteten uns auf die Befreiungs-Operation vor.

Die KDP jedoch, obwohl sie viele schwere Waffen

und technische Geräte haben, organisierten keinen

Widerstand. Sie machten keine Operation gegen die

Daesh, um zu reagieren. Doch wenn wir dies so sagen,

dann wollen wir die KDP nicht als die einzig Schuldigen

benennen, auch die imperialistischen Staaten sind

mitschuldig. Denn als unsere GenossInnen durch die

hinterhältige Angriffe von Daesh starben und als Daesh

uns mit schweren Waffen, mit Maschinengewehren und

Raketen angriffen, da reagierten die imperialistischen

Staaten, das heisst diie USA, Italien, Deutschland,

England, nicht einmal, obwohl sie der Welt eine andere

Geschichte erzählen.

Zwar griffen ihre Flugzeuge die Daesh Positionen

an, aber sie kommunizierten nur mit der KDP. Für die

Imperialisten war die KDP der einzige Partner. Wenn die

KDP ein Problem hatte, reagierten die imperialistischen

Kräfte und bombardierten die Positionen von Daesh.

Aber wenn unsere Kräfte ein Problem hatten und

unsere KämpferInnen getötet wurden, taten diese

imperialistischen Staaten nichts. Der Grund dafür war,

dass die Imperialisten nicht wollten, dass wir in uns

selbständig organisierten in Şengal bewegten, ohne sie

zuerst zu fragen. Wenn etwas nicht ihren Wünschen

entsprach, überliessen sie uns einfach den Daesh. Nicht

direkt, sondern indirekt und deswegen sind auch sie

mitschuldig.

Nach diesem 15 Monate langen Prozess erreichten wir

schliesslich eine Situation, in der es darum ging, dass wir

entweder die Daesh angreifen oder sie eine Operation

gegen uns machen würden. Zu diesem Zeitpunkt hatten

wir unsere Frontlinie bereits 15 Monate gehalten. Im

November 2015 begann YPG, MLKP, YBŞ (Yekîneyên

Berxwedana Şingal, Widerstandseinheiten Şengal), und

YJA STAR (Yekîneyên Jinên Azad ên Star, Fraueneinheit

der PKK) die Operation zur Befreiung von Şengal.

Vor Beginn der Operation hatten wir einen Kontakt mit

der KDP, der YNK und auch mit den Staaten Frankreich,

Belgien, England, und wir liessen sie wissen, dass wir

mit unserer Operation beginnen würden. Dann suchten

wir nach Wegen, wie wir dies zusammen tun könnten,

das heisst auch zusammen mit der KDP. Aber die KDP

sagte, ihr seid nicht die tatsächlichen Kräfte in Şengal, ihr

seid nur Gäste. Sie sagten, wir werden dies durchführen

und ihr werdet nur weglaufen. Natürlich haben wir das

nicht akzeptiert, wir hatten in diesen 15 Monaten viele

Gefallene und wir waren es, die als BeschützerInnen der

102


EzidInnen handelten. So gaben wir ihnen die Antwort,

ob ihr es akzeptiert oder nicht, wir werden die Operation

starten. Nach diesen Kontakten mit den anderen

AkteurInnen, insbesondere den USA und Frankreich, die

unsere Leistungen in diesen 15 Monate gesehen hatten,

gaben sie uns indirekt zu verstehen, dass sie uns bei

dieser Operation unterstützen wollen.

Am 15. November am Morgen dieses ersten

Tages begannen die Flugzeuge von Frankreich

mit Bombardierungen und am Morgen gingen die

KämpferInnen der YBŞ, YPG, MLKP und YJA STAR in

die Stadt und überwältigten alle Daesh Kräfte, die durch

die Bombardierungen der ersten Nacht geschwächt

waren. Dann wurde Şengal eine freie Stadt, frei von

Daesh.

Am Morgen, als die Operation begann und unsere Kräfte

in die Stadt einzogen, ging natürlich auch die KDP mit

Tausenden ihrer Soldaten und mit einem gewaltigen

Waffenarsenal, darunter auch Panzern und anderen

Waffen, in die Stadt und inszenierten eine grosse Show.

Sie wollten die Macht im Stadtzentrum übernehmen und

von den anderen Kräften als Autorität auftreten. Auch

wenn sie unsere Operation nicht akzeptierten: Als wir

in die Stadt einzogen, wollten sie plötzlich das ganze

Gebiet besetzen und führten deswegen eine riesige Show

auf, um ihre Macht zu demonstrieren. Aber als wir das

sahen, versuchten wir der KDP keine Möglichkeit zu

geben, dass sie die Stadt Şengal besetzen konnten.

Zur Zeit sind es drei Hauptkräfte, die das Şengal

Stadtzentrum kontrollieren, die YPG, YBŞ und die KDP.

Wir, die Kräfte der MLKP sind unter dem Kommando

der YPG. Wir befolgen ihre Befehle, da wir eine grosse

Solidarität zwischen uns und ihnen sehen.

Die EzidInnen aber, mehr oder weniger alle von ihnen,

gehen immer noch nicht in ihre Stadt zurück, weil sie der

KDP und den imperialistischen Kräften nicht trauen. Sie

erlitten ein riesiges Massaker und haben grosse Angst in

ihre Städte zurückzukehren. Lieber leben sie zusammen

mit den Kräften der YPG in Zelten in den ländlichen

Gebieten rund um Şengal. Sie vertrauen der YPG und

wenn die YPG zum Beispiel ein Dorf befreit hat, bringen

sie ihre Zelte und leben dort zusammen mit ihnen.

Kannst du etwas darüber erzählen, wie sich die

EzidInnen selbst organisieren?

Also die YBŞ über die ich schon gesprochen haben, ist

die Selbstorganisation von EzidInnen. Sie wurde im Jahr

2015 durch die Unterstützung von YPG und MLKP und

YJA STAR organisiert. Sie lassen EzidInnen sich selbst

organisieren, damit sie nicht mit weiteren Massakern

konfrontiert werden. Wenn die EzidInnen sich selber

schützen, indem sie ihre eigenen Kräfte verwalten, sind

sie zukünftig die erste Kraft gegen weitere Massaker.

Also wurde die YBŞ im Jahr 2015 gegründet.

Wir können sagen, dass mit der Gründung der YBŞ, die

Propaganda, die die KDP gegen die MLKP und die YPG

bei den EzidInnen einbrachte, vermindert werden konnte.

Wenn sich die EzidInnen selbst organisieren, wird die

Propaganda der KDP irgendwann bedeutungslos werden.

Jetzt arbeiten YPG und YBŞ Kräfte in Şengal

zusammen. Die irakische Regierung anerkennt YPJ

als eine eigenständige Kraft im Şengal Gebiet und sie

bieten der YBŞ eine Art wirtschaftliche Möglichkeiten,

indem sie sie als eine eigenständige Kraft anerkennen.

Auch auf internationaler Ebene beginnt die YBŞ von

der irakischen Regierung anerkannt zu werden. Dies

hat eine grosse Bedeutung, denn das Wichtigste hier ist,

dass die EzidInnen in der Zukunft kein Massaker mehr

erleben müssen. Wenn sie auf internationaler Ebene

anerkannt werden, wird ihnen das helfen, ihr Land gut

zu organisieren.

Aber die Barzani-Regierung, die KDP, anerkennt die

YBŞ nicht an, und das obwohl selbst die irakische

Regierung sie anerkennt. Sie wollen gar, dass sie aus

der Stadt Şengal weggeschickt werden. Darüber hinaus

will das Barzani-Regime, dass unsere Kräfte in einen

Konflikt mit der lokalen Bevölkerung in Şengal geraten.

Zu diesem Zweck haben sie ein wirtschaftliches Embargo

gegen unsere Kräfte ausgerufen und auch religiöse

ezidische Organisationen zusammengetrommelt, damit

diese sich gegen unsere Kräfte organisieren.

Aber trotz all dieser politischen und wirtschaftlichen

Aktionen der KDP, leben die EzidInnen, und alle anderen

Menschen von Şengal ihr Leben selbst und organisieren

sich gemeinsam mit unseren Kräften.

Wie sieht das im Alltag aus? Und wie wirkt sich

eure Anwesenheit auf die Politik der KDP aus?

Wir organisieren Bildung. Wir haben Volksräte und

Kommissionen von Frauen. Durch solche Institutionen

beginnen die Menschen sich selbst zu regieren und sie

versuchen nun, ihre eigene wirtschaftliche und politische

Struktur aufzubauen.

Wir als Befreiungskräfte wollen keinen Krieg mit der

KDP. Aber die KDP versucht, die Leute gegen uns

aufzuhetzen. Wir wollen, dass die Menschen hier unsere

Politik verstehen und annehmen und ihr eigenes Leben

gemeinsam mit uns aufbauen. Aber die KDP versuchen

zu provozieren. Nur um ein Beispiel zu nennen: Im

Mai sprach die KDP zu den wichtigsten religiösen

Organisationen der EzidInnen und versuchte sie gegen

uns aufzubringen. Aber die Vertreter dieser religiösen

Organisationen sagten, wir werden keine einzige Kugel

gegen die Befreiungskräfte aufbringen.

103


Dennoch muss ich sagen, dass, wenn wir die letzte

Möglichkeit irgendwann erreicht haben, dass wir dann

natürlich auch mit der KDP kämpfen werden. Aber das

hat keine Priorität, auch weil wir die letzten Dörfer von

Daesh befreien wollen, die zwischen Şengal und Rojava

liegen. Wir wollen diese Dörfer befreien und damit

ein freies Landes schaffen, damit für die Menschen

alles besser wird. Die EzidInnen werden dann Zugang

zur Rojava Revolution haben. Weil uns das wichtig ist

haben wir noch immer eine Menge von unseren Kräften

in Şengal, um hier auch weiter die Stadt zu halten.

Das hat auch eine andere Seite. Denn unsere Kräfte hier

sammeln viel Erfahrung, insbesondere solche, welche

für den militärischen Kampf in den Städten von Nutzen

ist. Wir befinden uns in Şengal City ja in einer Stadt. Hier

halten wir nicht nur eine Position, sondern unsere Kräfte

verändern auch das Gebiet. Zurzeit gibt es in Şengal

viele verschiedene Akademien für die KämpferInnen

und unsere Truppen. Wir haben also dynamische

Beziehungen zur Stadt Şengal und das geht weiter.

Auch gibt es hier eine Neuerung für uns. Vor dem Krieg

hier hatten wir keinen Kontakt mit EzidInnen. In diesem

Krieg hatten wir die Chance, den EzidInnen nahe zu

kommen. Wir hatten die Möglichkeit, ihr Leben und ihre

Kultur zu verstehen und uns mit ihnen solidarisch zu

zeigen. Gleichzeitig fingen die EzidInnen an uns und die

kommunistische Kultur kennenzulernen. Mittlerweile

zeigen sie grosses Interesse für unsere Organisationen.

Sie besuchen uns an unseren Standorten in Şengal und

verfolgen auch unsere Politik in Şengal. Daher ist dies

ein grosser Erfolg, den wir durch unsere KämpferInnen

erreichten, die gute Beziehungen zu allen Menschen und

fortschrittlichen Organisationen in diesem Krieg hatten.

für die Befreiung von Şengal angeschlossen. Aktuell

halten sie einige Orte im Stadtzentrum. Sie formierten

sich im Jahr 2015, vor der grossen Operation.

Aber sie sind das Ergebnis dieses Prozesses den du

beschrieben hast?

Ja, genau, gleich wie YBŞ. Es ist ein Ergebnis dieser 15

Monate.

Das heisst, sie schufen Raum für Frauen, um sich

innerhalb des Prozesses der Operationsvorbereitungen

zu organisieren?

Das Vorgehen ist mehr oder weniger dasselbe wie bei der

YPG. YPG begann EzidInnen erst unter YPG Kräften

zu organisieren und danach, als sich eine Möglichkeit

zeigte, konnte YBŞ aus ihren eigenen ezidischen

Kräften aufgebaut werden. Genauso wie die YJA STAR

Kämpferinnen die ezidischen Frauen zu organisieren

begannen. Sie organisierten sie für YJA STAR und

nachdem YBŞ aufgebaut war, begannen sie, einen Weg

für Frauen zu organisieren und gaben ihnen ihre eigene

Organisation und die Möglichkeit, YJÊ aufzubauen.

Die Befehlsstruktur innerhalb der YBŞ ist halb/halb. Das

heisst, bei den KommandantInnen gibt es die gleiche

Vertretung durch Frauen und Männer. Für YBŞ sind

die KommandantInnen gemischt. Das heisst auch, dass

die Genossinnen das gleiche Recht für die Organisation

haben. Darüber hinaus haben die Frauen ihre eigene

Organisation für die Missionen oder für die weiteren

Regelungen innerhalb der YBŞ, die Kommandantinnen

haben ihre eigene Initiative.

Auch die Solidarität, die wir mit der PKK, der YPG

und der YBŞ aufbauten, stärkte unser revolutionäres

Bewusstsein. Wir lernten viel für unsere revolutionären

Werte. Das betrifft natürlich beide Seiten. So gewann

unsere Kameradschaft eine neue historische Bedeutung,

das heisst auch eine revolutionäre Bedeutung.

Diese Beziehung halten wir auch mit unseren Gefallenen.

Denn Krieg bedeutet auch Gewalt und Tod. In diesem

Krieg gab es viele MärtyrerInnen. Sie lehrten die MLKP

revolutionäre Werte und sie übergaben uns die grosse

Verantwortung, ihren revolutionären Willen fortzusetzen

und zu verstärken. Schliesslich werden wir ihre Träume

für Şengal wahr werden lassen.

Ich habe nur noch eine Frage. Wir hörten von den

ezidischen Frauen, dass sie sich auch organisieren

und bewaffnen.

YJÊ (Verteidigungseinheit der Frauen Êzîdxan, ehemals

YPJ-Shingal) sind Streitkräfte, die die Frauen selbst

organisiert haben. Sie haben sich auch den Operationen

104


Die Rolle der Gefallenen

«Die gefallene Genossin Sarya fragt mich:

Was hast du gelesen, um dich dem Feind gegenüber

zu stärken, was für ein Bewusstsein

hast du geschaffen?»

Welche Bedeutung haben die Gefallenen für dich?

Die Erde von Rojava ist der Boden der Gefallenen.

Wie bei jeder Revolution wurde auch in Rojava Leben

gegeben, damit die Revolution entsteht und verteidigt

werden kann. In Rojava findet ein grosser ein Krieg

für die Freiheit und die Ehre statt. Dieser andauernde

Krieg der unterdrückten Völker ist ein Kampf gegen

Kapitalismus, imperialistische Barbarei und deren

Folgen, also auch gegen den barbarischen Daesh. Wenn

du als eine Kämpferin deinen Platz an der Front finden

und gegen die Feinde kämpfen willst, musst du zuerst die

Bedürfnisse und die Notwendigkeiten des revolutionären

Krieges verinnerlichen. Also musst du dich ideologisch

stärken. Du brauchst ein politisches Verständnis und

Ziele, die dich in den Krieg und an die Front bringen.

Diejenigen, die am mutigsten, am selbstlosesten und

am loyalsten sind, kämpfen an vordersten Front gegen

den Feind. Deshalb sind die Gefallenen und die tapferen

GenossInnen immer unter uns. Darum versuchen

wir deren Fahne der Ehre, die uns unsere gefallenen

GenossInnen hinterlassen haben, zu schützen und noch

höher zu halten. Deshalb versuchen wir von deren

revolutionären Leben, Aktionen und deren Praxis zu

lernen.

Die Definition von Şehit [Gefallener Anm. d. Red] hat

eine andere Bedeutung für uns. Unsere GenossInnen, die

nun Teil der Karawane der Gefallenen sind, haben für die

Revolution ihr Leben gelassen. Sie sind gestorben für das

werktätige Volk, für die Unterdrückten, die Verarmten

und für die Natur. Deshalb sind sie die Avantgarde. Das

Leben und die Aktionen der gefallenen GenossInnen

sind eins. Weil sie eine starke Bindung mit dem Leben

und dem Kampf aufgebaut haben, haben sie die stärkste

Praxis zum Vorschein gebracht.

Wenn wir an der Front nicht wissen, wie wir weitermachen

sollen, erhellen uns unsere Gefallenen mit ihrer

Lebenspraxis und ihren Aktionen. Sie geben uns Kraft

und zeigen uns durch ihre Praxis, wie wir etwas angehen

können. Die gefallenen GenossInnen hinterlassen uns

das Erbe vom Kampf, den wir erhöhen und dem wir neue

Qualität geben müssen. Um die Qualität zu erhöhen,

müssen wir von ihnen lernen.

Wir haben für die Genossin Ivana eine

Gedenkveranstaltung organisiert, dafür sollte ein Gedicht

vorgetragen werden. Ich habe das für die Genossin Ivana

übernommen. Eigentlich liegt mir das nicht, doch immer

wenn ich an sie gedacht habe, ist meine Zurückhaltung

zurückgedrängt worden und ich hatte den Anspruch das

Gedicht so gut wie es nur geht vorzutragen. Darum fragt

mich die gefallene Genossin Ivana jeden Tag aufs Neue:

Was hast du heute für den internationalen Kampf getan,

wie hast du dich weiterentwickelt?

Die gefallene Genossin Sarya fragt mich: Was hast du

gelesen, um dich dem Feind gegenüber zu stärken, was

für ein Bewusstsein hast du geschaffen? Die gefallene

Genossin Raperin fragt mich: Welchen Anteil hast du

an den Frauenbefreiungskampf geleistet, was für einen

Kampf hast du geführt? Die gefallenen Genossinnen

Berçem und Ekin fragen mich: Was hast du gemacht,

um die Beschlüsse der Partei zu erfüllen, um den

bewaffneten Arm zu entwickeln und wie viel hast du der

Partei beigetragen?

Welche Rolle und Bedeutung haben die Gefallenen

der Partei?

Nicht nur in dem bewaffneten Kampf der Partei, sondern

in allen Bereichen haben die gefallenen GenossInnen

den gleichen Wert. Zum Beispiel die gefallene Genossin

Şengül Boran, die bei ihrer militärischen Ausbildung

um gegen die faschistische Diktatur zu kämpfen,

gefallen ist. Genauso der gefallene Genosse Yılmaz

Selçuk, der in den befreiten Gebieten der PKK bei einer

militärischen Ausbildung durch einen Unfall gefallen ist.

Jetzt ist es unsere Aufgabe die halberfüllten Hoffnungen

zu vervollständigen. Genauso wie bei Yasemin Çiftçi,

Ali Haydar Göçer oder die im Kampf gegen den Daesh

unsterblich geworden sind; wie Sibel Bulut, Serkan

Tosun, Ivana, Tekoser, Supi, Sinan, Sevda, Ismet, Emre,

Oguz, Halil und die vielen gefallen GenossInnen, deren

Namen ich nicht aufzählen kann. Ich denke jeden Tag an

sie und teile es mit meinen GenossInnen.

Ich denke auch an die 33 WeggefährtInnen, die in

Suruç durch die Zusammenarbeit des ausbeuterischen

faschistischen Staat mit Daesh massakriert wurden. Unter

105


ihnen waren SympathisantInnen unserer Partei aber auch

Militante der Partei, AntikapitalistInnen, AnarchistInnen

und KurdInnen. Sie wollten der Revoltion von Rojava

helfen und ein Teil des Wideraufbaus in Kobanê sein.

Sie haben ihre Schritte, Kräfte, Stimmen und Gedanken

geteilt und wurden zu einer grossen Kraft. Indem sie

gesagt haben, „zusammen haben wir es verteidigt,

zusammen werden wir es aufbauen“, wollten sie in

Kobanê ein Backstein aufbauen, einen Samen pflanzen,

eine Bücherei aufbauen. Allein um das Lächeln von

einem Kind zu sichern, würde es sich lohnen, all dies

zu machen, das haben sie sich gedacht. Der Daesh und

der türkische Staat, die gegen den schönen kräftigen

Kampf verloren hatten, konnten es nicht akzeptieren

und sie haben sie barbarisch angegriffen. Die Träume

unserer GenossInnen sind einer der wichtigsten Werte

für uns und ihre Träume sind unsere Träume. Die

Träume zu verwirklichen heisst für uns, unsere Wut

gegen den Feind zu stärken und unseren Glauben an

die Revolution zu erhöhen. Wir als Revolutionäre sind

nicht nur mit unseren Gefallenen eins, indem wir ihren

Kampf schultern. Dies macht uns zu GenossInnen, zu

einer Partei und uns zu einem Kollektiv.

In der Geschichte und in der Kultur wird den

Gefallenen viel gewidmet. Gibt es Unterschiede

zwischen der kurdischen Befreiungsbewegung und

der türkischen Befreiungsbewegung?

Es macht keinen Unterschied für die MLKP. Sowohl

die PKK als auch wir sind eine Partei der Gefallenen. In

Hinsicht des Kampfes ist die PKK eine Volksbewegung,

die seid 40 Jahren einen starken Krieg führt. An den

Fronten sind wir GenossInnen. Ohne einen Unterschied

zu setzten, führen wir unseren Kampf gemeinsam

gegen unsere Feinde. Die PKK, die wir uns als

Beispiel nehmen, hat unzählige Gefallene. Wir haben

gefallene GenossInnen, die als KommandantInnen,

als KriegerInnen und als GenossInnen ein Beispiel für

uns sind und unsern Weg erhellen. Und hier nimmt die

organisationsübergreifende Kameradschaft eine starke

Bedeutung ein. Das revolutionäre Leben können wir

erweitern, indem wir gemeinsame Werte teilen.

Wie erlebt ihr an der Front, im Batallion oder in

der Illegalität eure Trauer oder euren Stolz?

Es spielt keine Rolle wo man ist, wenn man die

Emotionen auslebt. Der Freiheitskampf, ob in der Türkei

oder in Kurdistan, wird mit hohen Opfern und Arbeit

erweitert. In diesem Kampf lebt man die Schmerzen, die

Freude und die Wut im Innersten. Es gibt etwas, was wir

im Krieg gelernt haben: Die Emotionen zu verwalten.

Die Freude und das Glück der unterdrückten Völker

in die Tiefe zu spüren aber auch deren Schmerzen als

unserer Schmerzen zu leben.

Schmerzen und Wut sin menschliche Gefühle. Das was

das Leben von revolutionären KommunistInnen von

anderen Menschen unterscheidet, ist dass wir unsere

Gefühle verwalten. Egal auf welchem Kampffeld wir

sind, sind unsere Schmerzen und Lebensform gleich.

Unsere Schmerzen stärken unsere Wut gegen den

Klassenfeind und festigen unsere Entschlossenheit im

Kampf. So leben wir ohne unsere Schmerzen oder Trauer

zur Qual zu machen.

106


Welche Bedeutung haben internationalistische

Gefallene für die Kriege in der Bewegung und in

eurer Partei?

Die Internationalistischen Gefallenen haben auch eine

grosse Bedeutung. Unsere Partei ist eine Partei, die

durch die Einheit der KommunistInnen entstanden ist,

Wir haben das Ziel einer Revolution in der Türkei, in

Kurdistan aber auch auf der Welt. Und wenn ein/e

RevolutionärIn die Schmerzen der ArbeiterInnen,

unterdrückten Völker, Werktätigen, Jugendlichen oder

Frauen fühlt und für deren Ideale selbstlos in den Kampf

zieht, ist deren Bedeutung und Wert sehr gross. Um

diese Praxis zu leben, müssen grosse Brüche organisiert

werden und es muss eine starke ideologische Festigung

unsererseits geben.

den berechtigten Kampf der kurdischen Bevölkerung

verstanden und die Schmerzen gefühlt. Ihr Kampf gegen

den Daesh ist ein Beispiel für die ganze Bevölkerung

hier. Sie hat das Schuldgefühl der Verräter vertieft und

hat eine grosse Ehre für die Kämpfenden hinterlassen.

Internationale Solidarität ist eine Notwendigkeit, auf die

man in einer Revolution nicht verzichten kann.

Ein schönes Beispiel haben wir im Widerstand in Kobanê

erlebt. Die ganze Welt hat Kobanê ihre Stimme gegeben

und war Teil des Erfolgs. Es gab Gefallene, die für

sich selbst, für Kobanê, für Rojava und für ihre eigene

Freiheit gekämpft haben. Bei jedem kritischen Moment

der Revolution von Rojava kamen internationalistische

RevolutionärInne aus den unterschiedlischten Teile der

Welt und haben ihr Leben hier gelassen. Diese ehrenvolle

Haltung ist für uns ein wichtiger Wert.

Egal an welchem Ort man auf dieser Welt aktiv ist, ist

es sehr wertvoll bei denjenigen zu sein, die für Veramte,

Unterdrückte, Ehre, und Freiheit kämpfen. Ihr kennt

villeicht das Beispiel von der gefallenen Genossin

Ivana. Sie kam als eine junge Frau aus Deutschland und

nahm ihren Platz im revolutionären Kampf ein. Sie hat

107


Frauenteam (MLKP)

«Das Frauenteam zielt darauf ab, Frauen zu

organisieren, die an der militärischen Front des

Kampfes kämpfen.»

108

Woher kommst du?

Ich war Studentin, als ich mit dem revolutionären Kampf

begann. Während den Jahren in der Oberschule traf ich

Leute, die schon Teil der revolutionären Bewegung

waren. In der Türkei gibt es in allen Bereichen des Lebens

Probleme mit der fehlenden Freiheit und Gerechtigkeit.

Gegenüber dem faschistischen System in der Türkei

zu schweigen, bedeutet mitschuldig zu sein und die

Versklavung zu akzeptieren. Ich entschied mich für ein

freies und ehrenhaftes Leben und wurde Revolutionärin.

Ich arbeitete in der Jugend- und Studierenden-Politik, wie

auch in anderen Bereichen des politischen Kampfes. Zu

Beginn der Revolution von Rojava kam ich nach Rojava.

Ich habe an vielen Operationen, wie in Serêkaniyê, Til

Temir, Heseke und Şengal, teilgenommen. Während

jener Zeit habe ich in militärischen und politischen

Bereichen gearbeitet. Der Krieg lehrt, viele Waffen und

Methoden gegen den Feind zu benutzen.

Was sind deine Gründe für den Aufbau und den

Kampf in einem Frauenteam?

Wie alle anderen Kämpfe auch benötigt der Kampf für

die Befreiung der Frauen eine organisierte Kraft. Wenn

proletarische Frauen gegen Diskriminierung aufgrund

des Geschlechts in der bürgerlichen Gesellschaft

kämpfen, sollten sie auch gegen die Vorherrschaft von

Männern aller Klassen kämpfen, um die Diskriminierung

aufgrund des Geschlechts endgültig zu beenden. Frauen

sollten mit weiblicher Willenskraft und weiblichem

Bewusstsein gegen männliche Herrschaft vorgehen,

genau so wie sie den Klassenkampf mit Willenskraft

und Bewusstsein führen. Die Rolle, die Frauen in der

Gesellschaft wirklich haben sollten, wird nur ermöglicht,

wenn ihre revolutionäre Seele lebendig wird. Dieser

Kampf wird die Mechanismen und die Ursachen der

sozialen Herrschaft zerstören, welche die Versklavung

der Frauen ermöglichen. Aus diesen Gründen sind

wir als Frauen organisiert, um mit gemeinsamer und

organisierter Kraft gegen die männliche Vorherrschaft

zu kämpfen.

Was ist das Ziel des neu gegründeten Frauenteams?

Das Frauenteam zielt darauf ab, Frauen zu organisieren,

die an der militärischen Front kämpfen. Dies ist in

mehreren Punkten wichtig. Erstens soll auch in diesem

Bereich die Willenskraft und die Organisierung der

Frauen gestärkt werden. Der militärische Bereich ist ein

Ort, wo männliche Herrschaft reproduziert wird und wo

Frauen als dem Mann unterlegen gesehen werden. Hier

können Frauen nur dann für sich selbst Raum schaffen,

wenn sie aktivere Subjekte sind. Der zweite Punkt ist,

dass die Rojava Revolution auch eine Frauenrevolution

ist. Frauen haben hier so viele Dinge getan und zeigten,

dass sie den revolutionären Kampf auch für ihren Platz

in der Gesellschaft führen. Dies gelang ihnen durch den

organisierten Kampf. Sie organisierten Frauenteams,

Bataillone und eine Armee. Das bedeutet auch, dass eine

neue Front im Frauenkampf entstand. Dieser Erfolg war

wichtig; nicht nur um die Männer auf unserer eigenen

Seite zu überzeugen, sondern auch für den Sieg gegen

Daesh, die versuchen, Frauen anzugreifen. Denn sie

wissen genau, dass Frauen die stärksten Subjekte der

Revolution sind!

Ist es ein Vorteil bei dieser Art des Kampfes eine

Frau zu sein?

In dieser Art des Kampfes eine Frau zu sein hat sehr viele

Nachteile, weil die Formen der Gewalt sehr lange durch

Männer benutzt wurden. Die Formen der Gewalt wurden

dazu benutzt Frauen zu versklaven, zu diskriminieren

und auszubeuten. Wie die Bourgeoisie eine Armee und

andere Kräfte in ihren Händen hat, um die Ausbeutung

des Proletariats zu sichern, so benutzen Männer ihre

Macht, um ihre Herrschaft über die Frauen zu sichern.

Man findet dies zum Teil noch im Bewusstsein unserer

Genossen, mit denen zusammen wir kämpfen. Dagegen

kämpfen wir als Frauen und als Partei und versuchen

auch mehr Frauen zu finden, die an diesem Kampf

teilnehmen und die Kommandeure dazu bringen, ihr

eigenes Bewusstsein zu verändern.

Denkt ihr, dass sich Männer und Frauen im Kampf

ergänzen? Was ist der Unterschied?

Wenn proletarische Frauen gegen die Bourgeoisie als

Ganzes kämpfen, kämpfen sie auch gegen die Herrschaft

der Männer. Keiner dieser Kämpfe kann an die Stelle

des anderen gesetzt werden. Die Arbeiterin kämpft


zusammen mit dem Arbeiter gegen die Bourgeoisie und

sie muss zusammen mit den anderen werktätigen Frauen

gegen die von Männern dominierte Politik und Praxis

kämpfen. Es sind dies zwei Arten der Organisierung, die

untrennbar miteinander in Beziehung stehen. Der Kampf

gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts

kann nicht nur als Teil des Klassenkampfes gesehen

werden, denn diese Meinung produziert wieder die

männliche Herrschaft. Deshalb sollten Frauen niemals

ihren eigenen Befreiungskampf aufgeben.

Wie konntet ihr euch euren Platz machen in dieser

Männerwelt des Krieges?

Die Worte „Männerwelt des Krieges“ erklären eigentlich

alles. Diejenigen, die dieses Problem nicht aus einer

Frauen befreienden Perspektive sehen, glauben, dass

die Welt ihnen gehöre. Da die Männer insbesondere

den militärischen Bereich unter ihrer Herrschaft haben,

schaffen sie die Voraussetzungen andere zu besitzen. Wie

gesagt, sie schaffen alle Arten von Barrieren, in einer

Welt der Macht und Herrschaft, um Frauen diesen Krieg

zu verweigern. Wir wissen jedoch, dass genauso wie wir

für eine soziale Revolution kämpfen, müssen wir auch für

eine Frauenrevolution kämpfen, die den Besitzanspruch

der Männer über die Welt des Krieges ändert. Unsere

Partei hat versucht, diesen Schritt zu garantieren, sowohl

ideologisch wie auch indem wir die Rechte der Frauen

in der Partei stärken. Wir werden dies tun, indem wir

uns organisieren, ein starkes Geschlechterbewusstsein

und eine starke Willenskraft haben. Wir kämpfen an

allen Fronten, die eine politische, ideologische und

organisatorische Basis gegen die Männerherrschaft

darstellen können.

Wie geht ihr mit Unterschieden und Widersprüchen

um?

Wir versuchen, den Frauenkampf zu einem Teil des

täglichen Lebens machen. Wie die Realität des Krieges

erscheint auch der Kampf zwischen den Geschlechtern

in einem solchen Gebiet klarer. Wir versuchen uns hier

zu bewegen und mehr über Taktik und die Mittel des

Krieges zu lernen. Wenn man weiss und das Bewusstsein

dazu hat, wird es einfacher, die von Männern dominierte

Verhaltensweisen zu bekämpfen. Darüber hinaus

nutzen wir unsere Rechte, die uns formal von unserer

Partei garantiert werden. Wir kritisieren falsche

Verhaltensweisen in kurzen Sitzungen, die wir jeden Tag

als Teil der militärischen Organisation und in anderen

Diskussionen machen.

Habt ihr Gruppen, in denen ihr diese Dinge unter

Frauen und Männern diskutiert, um zu lernen, mit

Widersprüchen und Unterschieden umzugehen?

Wir haben täglich kurze Kritik-Sitzungen, um den Tag

zu reflektieren und Kritik anzubringen. Diese Treffen

werden in jedem Team getrennt durchgeführt und in

festgelegten Zeiträumen treffen wir uns alle zusammen,

um die Dinge aus einem Zeitraum mit den anderen

Teams zu diskutieren. Durch dieses System können wir

Dinge zuerst unter Frauen diskutieren und dann mit

allen zusammen, um notwendige Veränderungen zu

organisieren. Wir besprechen in diesen Sitzungen alle

Arten von männlichen Verhaltensweisen und diskutieren

diese ideologischen Elemente mit dem Fokus auf

Veränderungen.

Wie ist euer tägliches Leben in der Guerilla? Was

sind die grössten Schwierigkeiten?

Disziplin im Alltag ist von entscheidender Bedeutung

im Leben der Guerilla. Der ganze Tag wird Minuten um

Minute geplant. Wir stehen vor dem Sonnenaufgang auf,

ordnen unseren Schlafraum und machen uns bereit für

die tägliche Sitzung. Nach dieser Versammlung wird

ein/e Verantwortliche/r für den Tagesplan gewählt und

109


jemand der kocht. Er oder sie kocht für die GenossInnen

alle Mahlzeiten des Tages, aber wir versuchen jeweils,

dies gemeinsam zu machen. Danach erstellt der/

die KommandantIn einen Tagesplan mit den Team-

KommandantInnen. Die Arbeiten des Tages wie etwa

neue Unterstände bauen, Logistik Materialien aus dem

Hauptlager zu bringen werden an die Teams verteilt.

Jedes Team übernimmt eine Arbeit für den Tag und

beendet diese im Laufe des Tages mit den Mitgliedern des

Teams. Wenn es politisch-ideologische oder militärische

Schulungen gibt, werden die anderen praktischen

Arbeiten dem Zeitplan der Ausbildung angepasst. Bei

einem Angriff oder einer Operation an der Front werden

alle anderen Dinge entsprechend angepasst. Egal was die

Bedingungen sind, wir sind die ganze Zeit in Bewegung.

Sicherheit bei Tag und in der Nacht ist immer von

entscheidender Bedeutung. 24 Stunden lang hält immer

ein Genosse Wache. Dieser ist damit für die Sicherheit

der Region und der GenossInnen verantwortlich.

Die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, erleben

die Personen verschieden. Jemand kann Schwierigkeiten

haben, sich an die Bedingungen anzupassen, während

jemand anders Schwierigkeiten in den Schulungen hat.

Es geht dabei oft um Gewohnheiten. Da wir alles für uns

selbst produzieren, lernen wir jede Minute etwas. In den

Städten geht man einfach und kauft was man braucht,

während wir hier alles selber machen und produzieren

müssen. In diesen Lernperioden kommt es manchmal

zu Schwierigkeiten, aber wir lernen und in kurzer Zeit

gewöhnen sich in der Regel alle an alles.

Ist das Frauen-Team Teil der IFB, MLKP Rojava

und YPJ?

Wir sind als Frauenteams in der MLKP Rojava und auch

in der YPJ organisiert. Wir sind auch als Frauenteams

in der IFB organisiert. Im MLKP Bataillon sind wir als

Teams bestehend aus 3 bis 5 Personen organisiert. In

diesen Teams gibt es auch Teams, die nur aus Frauen

bestehen. Genossinnen, die zum IFB gehen, sind dort

in gemischten Teams und es gibt auch getrennte Frauen

Teams, in denen wir als Frauen der MLKP teilnehmen.

Wie seht ihr die Strategie für den Kampf in der

Türkei? Was sind die strategischen Unterschiede

zwischen dem Kampf in Rojava, dem Kampf gegen

Daesh und dem Kampf in der Türkei und in Europa?

In der Türkei gibt es eine faschistische Diktatur. Selbst

die einfachsten demokratischen Rechte werden nicht

gewährt. Zusätzlich dazu, dass man diese Rechte

nicht hat, wird man entweder ins Gefängnis gesperrt

oder durch den Faschismus getötet. Selbst wegen

Überzeugungen und Identitäten wird Druck ausgeübt

oder gar Massaker verübt. Aus diesen Gründen ist in

der Türkei als erster Schritt eine antiimperialistische

demokratische Revolution notwendig.

Obwohl die türkische faschistische Regierung versucht

im Mittleren Osten eine wichtige Rolle zu spielen, kann

ihr das nicht gelingen. Ausserdem spielt sie die Rolle

eines Prügels in den Händen der Imperialisten, vor allem

der USA.

Die Türkei hat während der 13 Jahre der Vorherrschaft der

faschistischen AKP-Regierung versucht, zu einem Zentrum

des islamischen Konservativismus zu werden. Dabei wurde

die Regierung aber ein Zentrum von Banden wie Daesh,

an-Nusra oder Esedullah. Die Türkei unterstützt diese

Gruppen sowohl militärisch als auch logistisch und legt

ihnen strategische und taktische Pläne vor. Das Zentrum

der Daesh in Syrien ist nicht Reqa, sondern Ankara.

Diesbezüglich haben sie eine gemeinsame Strategie. Es

gibt nicht den winzigsten Unterschied zwischen der Gewalt

von Daesh und der Politik der Massaker des türkischen

faschistischen Staates. Da das Gleichgewicht im Mittleren

Osten sich von Minute zu Minute ändern kann, schafft dies

sehr viele komplizierte Beziehungen. Die USA, die Daesh

erschufen und wachsen ließen, versuchen nun, sie wieder

auf ihre Linie zurück zu bringen. Die Kriege im Mittleren

Osten sind nicht unabhängig von den imperialistischen

Staaten und ihren lokalen Unterstützern. Alle unterdrückten

Menschen hier sollten den Kampf gegen diese Barbaren

führen und ein demokratisches Syrien aufbauen. Es gibt

keinen Unterschied zwischen dem Kampf gegen Daesh und

dem Kampf gegen die faschistische Bourgeoise der Türkei.

Der Inhalt ist gleich, nur der Name ist anders.

In Europa gab es nach den vielen Kämpfen Rechte und

Gewinne. Es wurden Vorteile geschaffen. Allerdings

herrscht auch dort schlussendlich die Bourgeoise. Wenn

die Bourgeoise fürchtet, ihre Vorherrschaft zu verlieren,

zögert sie nicht, unterdrückerische und faschistische

Methoden anzuwenden. Deshalb sollten sich die

unterdrückten Menschen und Klassen in Europa in

jedem Teil des Kampfes organisieren und den Mut und

die Entschlossenheit haben, alle Mittel anzuwenden,

einschliesslich dem bewaffneten Kampf.

Gibt es Pläne für ein Frauen-Bataillon?

Kurzfristig wohl nicht. Doch als Perspektive ist es

sogar eines unserer Hauptziele, ein Frauen-Bataillon

zu erschaffen. Denn das wird bedeuten, dass in dieser

Welt des Krieges nicht nur Männer, sondern auch Frauen

kämpfen. Es zeigt auch eine Entwicklung und eine neue

Front des Kampfes, denn es wird mehr Frauen geben, die

ihre Rolle im Kampf ohne Grenzen und Einschränkungen

wahrnehmen und die die Notwendigkeit für den Kampf

und die Revolution sehen.

110


Wandbilder für Rojava

Von Paris über Stuttgart bis nach

Zürich sind in den letzen Jahren einige

Wandbilder entstanden, die sich zum

Thema Rojava positionieren. Denn eine

Öffentlichkeit für die Geschehnisse in

Rojava zu schaffen heisst auch sich den

öffentlichen Raum zu nehmen.

111


Kämpferin der MLKP

«Wir sagen, der Sieg dieser Revolution, dieser

Bewegung hier, ist nicht der der Lebenden,

sondern der, der Gefallenen und wir widmen

auch den Sieg den gefallenen Genossen und

Genossinnen.»

Kannst du etwas über dich erzählen?

Mein politischer Weg begann in der Türkei. Ich bin

seit etwa 15 Jahren bei der MLKP und nehme so am

revolutionären Kampf teil. Es gab einen Aufruf von

unserer Partei, dass die Revolution in Rojava auch unsere

Revolution sei. Eine Truppe kam hierher um zu kämpfen

und ich habe mich ihnen angeschlossen.

Wann war das?

Vor etwa zwei Jahren. Ich kann kurz die Hintergründe

dazu erläutern. Die YPG und die MLKP haben sich

hier wegen der Daesh etabliert, die auf der ganzen Welt

Angst und Schrecken verbreitet haben und gegen die

sich zuvor keine Macht behaupten konnte. Die MLKP

und die YPG kämpften hingegen von Anfang an gegen

Daesh und konnten sich, wie man sieht, auch gegen sie

behaupten.

Da Daesh Teile der grossen Länder Irak und Syrien

bezwungen haben und dort auch Land besetzen

konnten, dachten sie am Anfang, dass sie auch Rojava

und seine Bevölkerung unterwerfen können. Aber die

Liebe der Bevölkerung in Rojava zur Freiheit war so

gross, dass sie sich hier nicht behaupten konnten. Sie

haben verloren und mussten sich zurückziehen. Als

die Imperialisten, wie es auch früher schon geschah,

bemerkten, dass das Monster, dass sie geschaffen

haben, ihren eigenen Profiten geschadet hat, haben sie

angefangen, die einzige Kraft, die gegen Daesh kämpft,

zu unterstützen; natürlich aber nur so lange, bis sie ihr

Territorium wieder gesichert haben.

Die imperialistischen Kräfte sahen, dass die YPG

die einzige Kraft ist, welche Daesh aufhalten und

zurückdrängen konnte. Daher fingen sie an, jene

Kräfte zu unterstützen. Die YPG ist die Hauptkraft der

112


kurdischen Bewegung hier. Sie führt den bewaffneten

wie auch den ideologischen Kampf und hält dabei

die Führungsposition inne. Genau so soll auch die

Geschichte geschrieben werden: Es war die YPG,

welche die massgebende Rolle gespielt hat, um Daesh

zu besiegen, auch wenn die grossen ImperialistInnen das

vielleicht anders sehen.

Wir, mit unserer Partei und unserer Macht, haben uns an

der Revolution beteiligt. Es sind nicht nur die KurdInnen,

die hier kämpfen; es gibt hier arabische Leute, und es

gibt InternationalistInnen, die hier kämpfen und hier

gestorben sind. Wir sagen, der Sieg dieser Revolution

und der Bewegung ist nicht der, der Lebenden, sondern

der, der Gefallenen und wir widmen den Sieg den

gefallenen Genossen und Genossinnen.

Kurz gesagt ist es so, dass der Sieg hier, der Sieg der

Völker aller Länder ist. Entgegen der Propaganda, dass

der Sozialismus versagt habe und dass der Kapitalismus

der einzige richtige Weg sei, hat das Volk in Rojava

nämlich erneut gezeigt, dass ein anderes System möglich

ist. Das klingt jetzt wie eine Parole aber es ist tatsächlich

so, dass der Sieg hier der Sieg aller Völker ist, die hier

gekämpft haben.

Wir haben gezeigt, dass der Kapitalismus nicht der einzige

Weg oder das einzig funktionierende System ist, sondern

dass hier etwas anderes möglich ist. Die Menschen, die

hierher kommen, um sich zu solidarisieren und um uns

zu unterstützen sind der Beweis hierfür. Wir wissen auch,

dass alle Völker auf der Welt sehen, was wir hier machen

und uns beachten und sich solidarisieren.

Das ist auch unser Ziel: Der Welt zu vermitteln,

auch denen, die nicht hierher kommen können, dass

dies tatsächlich eine Alternative zum bestehenden

kapitalistischen und imperialistischen Krieg und

System ist und dass die GenossInnen es hier schaffen,

auf der einen Seite Daesh zu bekämpfen und

gleichzeitig die Revolution zu verteidigen und eine

neue Gesellschaft aufzubauen.

Wir kämpfen hier und wir wissen auch, dass die

unterdrückten Menschen auf der Welt ihren Blick hierher

gerichtet haben und sich erhoffen auch etwas hier zu

machen. Wir wissen um die hungernden Menschen in

Afrika und die unterdrückten Menschen in Europa und

wir versuchen eine Hoffnung für sie zu sein. Wir wollen

nicht bei der Revolution in Rojava bleiben, sondern sie

auch im ganzen Mittleren Osten und nachher auf der

ganzen Welt verbreiten.

dass sie sich nicht nur auf die kurdische Bewegung oder

auf den Nahen Osten beschränkt hat, sondern dass sie die

ganze Welt meinte. Sie war auch ein wichtiges Element

hier. Wir wissen, dass viele Frauen, viele Familien ihre

Kinder Ivana genannt haben. Das ist ein Zeichen der

Ehrung und wir wissen, dass wir jeden Schuss, den wir

hier schiessen, jede Kugel die hier fliegt, jeder Verletzte

und jeder Verlust, den wir hier haben, ein Schlag gegen

den Kapitalismus und den Imperialismus ist. Auch das

zeigt, dass ein anderes System möglich ist und dass der

Sozialismus nicht tot ist, sondern dass es den Sozialismus

weiter gibt und wir diesen umsetzen werden.

Wir wissen, dass der Sozialismus in dieser Region und

auf der ganzen Welt bestehen wird und dafür kämpfen

wir hier. Wir sind NachfolgerInnen von Barbara Kistler,

von Ulrike Meinhof und Che Geuvara und wir wollen,

dass die Fahne, die sie wehen liessen, überall auf der

Welt weht. Wir wollen diesen Kampf überall hintragen

und wir wollen den Kampf weiter führen.

Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?

Ich weiss, dass viele RevolutionärInnen und

SozialisteInnen in Europa mit uns mitfühlen und ich

würde liebend gerne diese GenossInnen hier in unseren

militärischen Basen und hier mit uns an der Front sehen,

oder zumindest, dass sie hierher kommen und sich hier

an dieser Revolution irgendwie beteiligen.

Ich möchte kurz eine Geschichte über Ivana Hoffmann

erzählen. Als sie an die Front kam, haben viele Leute sie

angeschaut und sie sagte, wenn ihr KurdInnen seid, dann

bin ich auch Kurdin; ich bin Afrikanerin, ich bin Asiatin,

ich bin alles. Und das ist eine äusserst symbolische Geste,

113


Kämpferin der BÖG

«Nur mit Dialog und nur mit Demonstrationen

kann man das nicht verhindern. Wir haben

gesehen, wie ISIS in Ankara eine linke

Demonstration, eine Friedenskundgebung

zerbombt hat. Wir haben gesehen, dass man

dagegen mit Demonstrationen alleine nicht

ankommt. Darum kämpfen wir und darum

müssen wir uns hier formieren.»

Wann hast du mit deiner politischen Arbeit

begonnen?

Ich war 15 Jahre alt, als ich meine Organisation

kennenlernte. Damals war ich an der Oberstufe, wo

ich Mitglied einer Jugendorganisation war. Diese heißt

Dev-Lis, revolutionäre Gymnasiale StudentInnen. Ich

habe drei Jahre mit dieser Organisation gearbeitet.

Unsere Jugendorganisation war die größte revolutionäre

Jugendorganisation in der Türkei. Das war damals so

und ist auch heute noch so.

Nach dem Gymnasium bin ich nach Istanbul an die Uni

gegangen. An der Uni hatten wir eine StudentInnen-

Gewerkschaft. In dieser war ich ebenso aktiv wie in

unserer Partei (eine legale Partei in der Türkei). Die

hiess früher SDP. Vielleicht erinnert ihr euch daran

noch, denn während den Gezi-Park-Demonstrationen

war die SDP sehr aktiv. Jetzt hat sich die SDP mit der

TDP zusammengetan und heisst jetzt DKP, das ist die

türkische Revolutions-Partei. Zu dieser Zeit war ich aber

schon in Rojava.

Wieso haben die SDP und die TDP fusioniert?

Wir denken, wir brauchen das jetzt in der Türkei. Es

gibt in der Türkei sehr viele revolutionäre Parteien und

Organisationen. Wir denken, dass es die Einheit jetzt

braucht weil wir in der Türkei eine faschistische Diktatur

der Regierungspartei AKP erwarten. Wenn wir dann

kämpfen müssen, können wir nicht alleine kämpfen.

Dann müssen wir zusammen kämpfen und deswegen

brauchen wir die Einheit heute.

Wir haben mit vielen Organisationen darüber geredet

und wir haben uns vor einem Jahr zu einem Bündnis

zusammengeschlossen. Letzte Woche hatten wir einen

Kongress organisiert und das lief sehr gut. Leute, die

dort teilgenommen habe, sind jetzt auch hier und wir

kämpfen hier nun zusammen.

Der Kongress war hier in Rojava?

Nein, der war in der Türkei, in Ankara. Wir konnten das

tun, weil das in der Türkei legal durchgeführt wurde.

Heisst das, dass ihr militärisch zusammen kämpft

oder haben sie auch ein Tabûr?

Wir sind jetzt zusammen hier, aber nicht als BÖG. BÖG

ist die bewaffnete Organisation unserer revolutionären

kommunistischen Partei der DKP.

Wie hast du dich entschieden zum bewaffneten Teil

der Partei zu gehen und nicht zu dem Teil der Partei

der nicht bewaffnet ist?

In der Türkei habe ich viele Jahre in der Partei gearbeitet.

Als wir damals das erste Mal hierher gekommen sind,

nach Kobanê, da haben wir BÖG gegründet. Seit einem

halben Jahr ist BÖG hier in Rojava aktiv. Damals waren

wir nur sieben GenossInnen in Rojava und jetzt sind wir

fünfzig und jeden Tag werden wir mehr.

Alle können sehen, dass wir eine bewaffnete Organisation

sind. Das wird später auch für die Türkei gelten. Wie

gesagt, wir erwarten eine faschistische Diktatur. Wir

erwarten, dass diese in den kommenden Jahren einsetzen

wird und wir können nicht einfach abwarten, wenn wir

wissen, dass das kommt. Nur zu reden reicht deswegen

nicht. In der Türkei töten sie KurdInnen, sie sperren

die Bewaffneten und alle RevolutionärInnen in die

Gefängnisse.

114


Nur mit Dialog und nur mit Demonstrationen kann

man das nicht verhindern. Wir haben gesehen,

wie ISIS in Ankara eine linke Demonstration, eine

Friedenskundgebung, zerbombt hat. Wir haben gesehen,

dass man dagegen mit Demonstrationen alleine nicht

ankommt. Darum kämpfen wir und darum müssen wir

uns hier formieren. Wir haben hier Vieles gelernt und das

ist hier wie unsere Vorbereitung für den anderen Kampf.

Diese Erfahrung wollen wir in den nächsten Jahren auch

in die Türkei ausweiten.

Seid ihr auch in Bakur?

Nein, da sind nur die KurdInnen. Wir RevolutionärInnen

aus der Türkei kämpfen hier. Wir könnten schon nach

Bakur gehen um zu kämpfen aber wir kämpfen in Rojava.

Später werden wir auch an anderen Orten zusammen

kämpfen, KurdInnen und wir, die RevolutionärInnen,

Seite an Seite! Aber hier kämpfen wir auch für für eine

internationale Mission.

Seid ihr auch im Bündnis HBDH? Also im

Zusammenschluss mit den revolutionären Kräften?

Ja dort sind wir auch dabei.

Nachdem du in Istanbul mit der Partei gearbeitet

hast, hast du dann irgendwann diesen Schritt in die

bewaffnete Gruppe gemacht? Und im legalen Teil der

Partei, sind da Männer und Frauen zusammen? Hat

es da Frauengruppen die sich dann auch hier mit der

Frauenbewegung solidarisieren?

Wir haben hier auch eine Frauengruppe, die heisst

Frauen-Freiheits-Kräfte. Es hat keine Männer in

der Frauengruppe. Wir reden über unsere Strategie,

beispielsweise wie wir gegen das Patriarchat kämpfen

können und wie wir diesen Kampf weiter entwickeln

können. Oder auch wie wir Frauen uns in unserer

Organisation besser einbringen können.

Wie vermittelt ihr den Männern eure Themen?

Macht ihr Schulungen zu Frauenthemen mit den

Männern? Wie sehen die aus? Wann habt ihr

gemischte Akademien und wann solche, an denen nur

Frauen teilnehmen?

Wir leben hier gemischt und wir haben gemischte

Akademien. Die Ausbildung ist gemischt, wir

kämpfen gemischt. Aber Frauen haben auch eine

eigene Ausbildung. Mit den Männern machen wir

über Frauenthemen spezielle Schulungen. Wenn sie

Fragen haben antworten wir aber jeder Mann hat in

seinem Inneren Eigenschaften des Patriarchats; egal

ob er Revolutionär oder etwas anderes ist und dagegen

müssen wir auch hier in unserer Armee kämpfen.

Also Bewusstsein schaffen auch unter

Revolutionären. Das ist bei uns in der Schweiz auch

Thema, dass auch linke revolutionäre Organisationen

dieses Bewusstsein stärken müssen. Wie seht ihr das,

wie könnt ihr neue GenossInnen in eure Organisation

bringen?

In der Türkei funktioniert das entsprechend. Wir haben

da auch GenossInnen, die wollen auch hierher kommen.

Ich bin seit 11 Jahren in dieser Organisation, damals war

ich 15 jetzt bin ich 26. Ich kannte die GenossInnen hier

in Rojava schon vorher in der Türkei, wir haben in der

Türkei auch zusammen gekämpft.

Der Genosse, der uns Tee gebracht hat, den kenne ihn

zum Beispiel schon seit 10 Jahren. Wir sind seit 10

Jahren GenossInnen in dieser Organisation. Und noch

andere, fast alle, die hier nach Rojava gekommen sind,

kenne ich von früher. Und die, die noch in der Türkei

sind, die wollen auch hierher kommen, aber wir haben

auch in der Türkei einen Kampf und alle können nicht

hierher kommen.

Bei der MLKP gibt es ja die KKÖ seid ihr mit

denen in Kontakt?

Ja, wir sind mit ihnen in Kontakt, wir wollen mit

ihnen zusammenarbeiten, deswegen reden wir auch

miteinander.

Du sagtest, dass ihr nach der Türkei direkt nach

Kobanê zu den bewaffneten KämpferInnen gegangen

seid. Wie habt ihr euch dort bewaffnet? Habt ihr

mit der YPJ zusammen gearbeitet? Was ist euer

Verhältnis zur YPJ?

Unsere FreundInnen sind nach dem Kampf in Kobanê

hierher gegangen. Wir hatten vorher keine Waffen, denn

wir hatten keine Ausbildung. Innerhalb einer Woche

mussten wir den Umgang mit Waffen lernen und danach

gingen wir in den Krieg.

Ihr gingt zur YPJ und YPG und da hattet ihr die

Ausbildung und nachher gingt ihr in den Krieg? Wie

lange warst du im Kampf in Kobanê?

Der Kampf im Krieg war schwer, weil damals hatten

wir keine Zeit. Wir hatten nicht genug Waffen und viele

Leute kamen gleichzeitig nach Kobanê. Die Situation war

dann so: Die gaben uns Waffen, wir mussten neun mal

schiessen. Nach einer Woche gingen wir in den Kampf.

Man kann nein sagen und du musst dann vielleicht nein

sagen aber das war schwer.

Jetzt aber haben wir viel Zeit. Unsere neuen GenossInnen

zum Beispiel, die aus der Türkei kommen oder aus

anderen Ländern, erhalten fast einen Monat lang eine

Ausbildung.

115


Das ist aber neu, oder?

Ja, jetzt haben wir keinen Krieg, nicht wie in Kobanê.

Jetzt haben wir Zeit, also können wir die Ausbildung

gut durchführen. Ausbildung bedeutet einen Monat lang

Grundausbildung und danach haben wir jeden Tag Sport.

Wir erleben dann auch jeden Tag eine militärische

Ausbildung, das geht immer weiter aber nicht wie am

Anfang, denn nach einem Monat kannst du auch an

Operationen teilnehmen.

Aber wir schauen zu unseren GenossInnen und wenn

nach einem Monat er oder sie nicht genug gelernt hat,

oder wenn wir denken das ist nicht genug für sie oder für

ihn dann geht die Ausbildung weiter bis sie bereit sind.

Wenn wir sehen, dass sie bereit sind, gehen sie mit zu

den Operationen. Mit der Zeit wird das besser.

Macht ihr die Ausbildung auch gemischt?

Manchmal gemischt, manchmal kommt eine/r allein

aber meistens gemischt.

Ist es auch schon vorgekommen, dass Leute von

hier, die hier in der Umgebung wohnen, lokale Leute,

dass die sich euch, dass die sich BÖG anschliessen

wollten?

Wir nehmen keine lokalen Leute, nein. YPG ist hier.

In Rojava hat YPG gekämpft. Zwar haben wir auch

gekämpft aber wir denken, dass es besser ist, wenn sie

zu YPG gehen.

Es ist besser, weil die YPG wollen die lokalen Leute

organisieren und sie haben das Recht dazu, denn das

sind KurdInnen und wir sind SozialistInnen, das ist ein

anderer Kampf.

Wir könnten schon Leute aufnehmen aber wir wollen

das nicht. Auch aus Sicherheitsgründen können wir jetzt

zu Beginn unserer Formierung noch nicht einfach alle

Menschen aufnehmen. Später wenn wir uns vergrössern

vielleicht, aber jetzt nicht. Aktuell geht das nur, wenn

wir jemanden kennen. Weil für uns, die wir aus der

Türkei kommen, ist das anders, nicht wie für KurdInnen,

die hier organisiert sind. Die KurdInnen sind hier besser

organisiert. Das Volk, die Familien, die Kinder, alle sind

organisiert in den kurdischen Organisationen. Aber wir

sind wenige, die Regierung kennt uns und sie suchen uns

in der Türkei, denn sie wissen, dass wir hier sind.

Wenn ich zum Beispiel heute in die Türkei ginge, könnte

ich nicht einfach durch die Strassen laufen. Die Polizei

oder andere Regierungskräfte könnten mich mitnehmen

und ins Gefängnis sperren. Ich habe nie gesagt, dass ich

hier in Rojava bin aber sie sehen, dass ich seit einem Jahr

nicht in der Türkei war, denn sie beobachten uns. Sie

würden mich also sofort ins Gefängnis sperren, wenn sie

mich finden würden.

Und wie sieht es aus wenn jetzt die Kämpfe weiter

geführt werden. Was sind dann eure Ziele hier?

Vorher habe ich gesagt, dass die KurdInnen viel gearbeitet

haben, viel für Rojava und für Kurdistan gemacht haben.

Wir finden es nicht richtig, wenn wir den KurdInnen

sagen kommt zu uns. Ich kann KurdInnen nicht sagen,

geh nicht zu YPG, komm zu uns. Wenn jemand sagt, ich

116


in sozialistisch oder ich bin kommunistisch, ich will zu

euch kommen, dann ist das vielleicht ok. Aber eine zivile

Organisierung haben wir hier nicht und wollen das auch

nicht machen. Die KurdInnen machen das hier und sie

machen das gut!

Ich kann mir auch vorstellen, dass es einen

Unterschied gibt. Die Kurden und die Kurdinnen

wollen hier ja eine alternative Gesellschaftsform

aufbauen und sie leben und sie kämpfen hier. Ihr

dagegen kommt eigentlich aus der Türkei. Du musst

mich korrigieren, wenn ich das falsch formuliere,

aber ihr findet es wichtig das was hier geschieht

zu unterstützen, weil es eine Alternative gegen die

Barbarei ist. Gleichzeitig lernt ihr auch viel für

einen Kampf, der auch für euch sehr wichtig ist oder

sein wird. Also ist deswegen die soziale Arbeit hier

für euch nicht so wichtig, wie die militärischen und

politischen Erfahrungen.

Wichtig ist es schon aber das ist nicht unsere Aufgabe.

Wir finden den Kampf hier in Rojava sehr wichtig. Denn

da gab es eine Barbarei und ISIS ist nicht nur ein Problem

von Rojava. Das Problem der KurdInnen ist auch unser

Problem. Sie töten uns auch und wir können nicht in der

Türkei bleiben und nur zuschauen. Sie töten Kinder, sie

töten Frauen und sie machen viele schreckliche Sachen,

wir können nicht nur zusehen und denken, schlimm,

dass das hier passiert. Wir müssen hierher kommen, das

ist unsere Aufgabe. Wenn ich sage, ich bin Sozialistin,

ich bin Kommunistin ist es meine Aufgabe hier auch zu

kämpfen. Ich kann nicht nur zuschauen.

Ihr macht eine Entwicklung als Frauen und

gibt es da auch Grenzen, an die ihr stösst? Welche

Grenzen sind das, wie überwindet ihr diese Grenzen?

Habt ihr eine Methode, wie ihr eure Probleme in

der Entwicklung im Frauenkampf als kämpfende

Frauen angeht? Werdet ihr auch von den Männern

unterstützt im Überwinden dieser Grenzen?

Frauen können nicht so leicht hierher kommen, weil

wir hier oder in der Türkei viele Probleme haben. Zum

Beispiel ihre Familie, zum Beispiel ihr Freund, zum

Beispiel ihr Mann und so weiter. Seit ihrer Geburt gibt

es für die Frauen viele Grenzen. Da sind teilweise kleine

Grenze aber die führen auch zu grösseren Grenzen. Zum

Beispiel Polizisten können der Frau Schlimmes antun, sie

können sie ins Gefängnis sperren oder noch schlimmeres

tun. In der Türkei ist es für die Frau deswegen nicht

leicht. Vielleicht ist das im Westen ist das einfacher aber

hier gibt es nicht nur Leute, die denken natürlich kannst

du frei sein und so weiter.

Fortschritt. Vielleicht kommen noch mehr. Einige warten

noch, denn sie können heute wegen den Problemen in

der Türkei noch nicht kommen.

Unsere Frauen sind in der Türkei nun auch organisiert,

das ist wichtig um die Grenzen zu durchbrechen. Das

ist für uns vielleicht wichtiger als für die Männer. Wir

kämpfen für den Sozialismus aber nach dem Sozialismus

ist die Frau nicht einfach befreit. Das denken wir und

das macht es für uns noch schwerer. Wir sagen immer,

wir haben zwei Aufgaben, nicht nur eine. Auch in der

Organisation müssen wir kämpfen!

Auch in der Familie müssen wir kämpfen. Hier in

Rojava haben wir einiges schon gelöst. Und auch in der

Türkei haben Frauen ein Bewusstsein aber manchmal

genügt das nicht. Doch hier haben wir vieles geschafft

und davon können wir lernen. So erzählen wir immer

wieder, wie die Frauen hier kämpfen und wie die Frauen

auch alles andere schaffen können.

Frauen hier können alles machen, da gibt es keinen

Unterschied zu den Männern. Das haben wir hier gezeigt

und unsere GenossInnen in der Türkei sehen das auch.

Die YPJ hat das in der Rojava Revolution gezeigt und

ich denke, die Frauen haben das gut gemacht.

Die KurdInnen kämpfen seit mehr als dreissig Jahren.

Die Frauen haben da vieles geschafft aber für uns war das

auch so. In den siebziger Jahren war das in den türkischen

revolutionären Bewegungen noch nicht so. Die Frauen

konnten da nicht leicht mitmachen. Sie mussten ihre

Kinder schützen, und sie mussten für ihre Männer sorgen.

Sie waren auch RevolutionärInnen aber sie wurden nicht

in den Kampf einbezogen. Sie waren ausserhalb der

Aktivitäten. Sie haben zum Beispiel geschrieben oder sie

haben die Waffen in ihrem Haus gelagert aber eben ohne

direkt an den Kämpfen teilzunehmen.

Jetzt ist das anders, jetzt haben wir vieles geschafft.

Wir haben in Rojava gesehen, dass wir das schaffen

können und wir haben die Grenzen heute mehr als in

den siebziger Jahren durchbrochen. Wenn wir das in den

nächsten Jahren weiterentwickeln werden, wenn wir in

der Türkei zum Beispiel etwas anders machen und die

Frauenbewegung entwickeln, dann wird sich all das

auch in unserer Bewegung in der Türkei ändern.

Schon in der Schule ist das schwierig. Aber auch später.

Frauen können zum Beispiel nicht einfach hierher

kommen. Hier waren wir am Anfang nur zwei Frauen

und jetzt sind wir zehn. Das ist immerhin schon ein

117


Kommandantin TIKKO

«Dass alle revolutionären Organisationen sich

zusammen geschlossen haben, ist eine grosse

Quelle der Hoffnung für alle Unterdrückten in

der Türkei. Das Volk hat immer kritisiert, dass

die Organisationen vereinzelt dastehen und

dass sich dies ändern sollte.»

Kannst du etwas über die HBDH sagen?

Ich möchte zuerst über die HBDH sprechen, ein

Zusammenschluss von zehn Parteien. Das wichtigste

Ziel dieser Vereinigung ist es, gegen den faschistischen

türkischen Staat zu kämpfen. In dieser Vereinigung sind

wir als TKP/ML-TIKKO auch dabei.

Der Grund, warum die HPDH zu dieser Zeit gegründet

wurde, ist vor allem, dass der türkische Staat seine

Machenschaften und seine Angriffe auf die Bevölkerung

intensiviert hat. Darum haben diese zehn revolutionären

Organisationen sich organisiert, um gemeinsam eine

Kraft gegen den türkischen Staat zu bilden. Es ist

wichtig, gemeinsam und organisiert gegen diesen Staat

zu kämpfen, weil man bisher vereinzelt gekämpft hat.

Dies in einem Zusammenschluss organisiert zu tun ist

notwendig, denn der Faschismus im türkischen Staat ist

ebenso gut organisiert.

Kannst du genauer erklären, wie ihr den türkischen

Staat charakterisiert?

Der Türkische Staat ist faschistisch. Das hat sich schon in

der Vergangenheit gezeigt. Das zeigt sich aber auch heute

durch seine Ideologie und seine Taten. Beispielsweise

versucht der Staat der ArbeiterInnenklasse seine Ideologie

aufzuzwingen. Die Probleme der ArbeiterInnenklasse

sind leider nicht so sichtbar, obwohl es Ereignisse wie

dasjenige von Soma gibt, wo 300 Minenarbeiter in den

Kohlebergwerken gestorben sind. Was dort stattfand

ist ein Massaker. Anstatt dass sich der Staat für diese

Minenarbeiter einsetzt, für ihre Arbeitsbedingungen,

ihre Rechte und ihre Familien, übt er Repression aus.

Auch reagiert der Staat mit Repression gegen die

Menschen, gegen das Volk, das nach solchen Ereignissen

aufsteht, um Solidarität zu zeigen und um gegen die

schlechten Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter

zu demonstrieren. Der Staat hilft den Opfern nicht,

sondern die Polizei greift die DemonstrantInnen mit

Wasserwerfern an. So ein Staat ist der türkische Staat.

Er versucht der ArbeiterInnenklasse die wenigen Rechte,

die sie noch hat, weiter wegzunehmen.

Darüber hinaus ist die Repression gegen die Frauen

schon lange da. Doch diese intensivieren sie jetzt auch

noch. Der Staat greift alles an und will diktieren, was die

Frauen anziehen und ob sie auf die Strasse gehen sollen.

Alles wird angegriffen, was die Frauen machen. Es ist

auch so, dass die Repräsentanten des Staates, Minister

und so weiter, dass sie das alles ganz offen auch in der

Presse in den Medien tun können.

Kindervergewaltigung oder Kinderschändung wird in

der Türkei nicht durch die Regierung verfolgt, sondern

geschützt, denn sie sind es sie selbst, die diese Verbrechen

begehen, deshalb schützen sie das. Vergewaltiger werden

geschützt, vor allem in den religiösen Einrichtungen.

In letzter Zeit war es so, dass vor allem in Cizre, Sur

und Nusaybin Massaker verübt wurden. Betroffen

davon ist vor allem das kurdische Volk, das versucht, für

seine Rechte zu kämpfen. Das betrifft insbesondere das

Recht, sich selbst verwalten zu können. Die KurdInnen

werden angegriffen, weil sie für ihre Rechte kämpfen.

Der Staat versucht sie durch Bombardierungen mit

Kampfflugzeugen von ihrem Kampf abzuhalten.

Diese Beispiele zeigen uns, dass der Faschismus heute

vielfältig organisiert ist. Mit diesen Beispielen möchten

wir auch erklären, dass der Faschismus nicht nur der

AKP zugewiesen werden kann, sondern, dass vor allem

auch betreffend der türkische Republik von einem

Faschismus gesprochen werden muss. Der türkische

Staat greif die KurdInnen überall an, beim Schulsystem,

bei den Medien, beim Gesundheitssystem, überall greift

der türkische Staat an.

Was hat all das mit der HBDH zu tun?

Diese gemeinsame Bewegung der revolutionären Völker

118


erklärt den Faschismus, wie er in der Türkei existiert.

Dieser entstammt aus allen öffentlichen Einrichtungen

und deshalb müssen wir, alle RevolutionärInnen und

KommunistInnen, die bisher einzeln, verstreut und für

sich gekämpft haben, zusammen kommen, damit wir

gemeinsam kämpfen können.

Dieser Zusammenschluss HBDH ist ein Teil dieses

Kampfes, um gegen den organisierten Faschismus

kämpfen zu können. Er ist ein Schritt, um alle

unterdrückten Völker zusammen zu bringen und um

allen unterdrückten Völkern und Klassen Hoffnung zu

bringen.

HBDH ist ein Aktions-Bündnis, denn es geht darum,

gemeinsam Aktionen durchzuführen. Dies geht von

Pressekonferenzen bis zum bewaffneten Kampf. Es ist

ein breites Aktionsbündnis. Hauptsächlich geht es um

die bewaffneten Aktionen, auch wenn man dann alleine

eine bewaffnete Aktion durchführt oder organisiert.

Dass alle revolutionären Organisationen sich zusammen

geschlossen haben, ist eine grosse Quelle der Hoffnung

für alle Unterdrückten in der Türkei. Das Volk hat immer

kritisiert, dass die Organisationen vereinzelt dastehen

und dass sich dies ändern sollte.

Natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass die

einzelnen Parteien ideologisch alle auf einen Punkt

kommen können aber gegen den Faschismus und den

Reaktionismus müssen wir ein Teil von dieser Bewegung

sein.

Das ist zugleich ein Aufruf an alle Frauen, an alle

Unterdrückten, an alle Jugendlichen und ArbeiterInnen,

an alle StudentInnen und SchülerInnen, dass sie sich in

der HBDH organisieren. Von einzelnen Aktionen, von

einzelnen Personen bis hin über Pressemitteilungen über

organisierte Aktionen, über Angriffe auf Militärstationen

und Polizeistationen und darüber hinaus. Das Volk muss

sich mit engagieren und soll mit organisieren, damit der

Faschismus kein Fuss fassen kann.

Auf die Operation in Reqa haben wir schon lange gewartet

und wir als TKP/ML-TIKKO, die in Rojava kämpfen,

haben auch darauf gewartet, dass etwas unternommen

wird und unterstützen diese Offensive gegen Reqa.

Welche Bedeutung haben die aktuellen Offensiven

in Rojava für euch?

Die Reqa-Operation ist wichtig. Wir können seit Jahren

darüber berichten, wie Daesh das Volk in Rojava angreift

und die Angriffe gehen ja auch über Rojava hinaus.

Daesh hat die Grenzen überschritten, das sieht man an

den Angriffen in Orlando, in Frankreich, in Nizza, sie

119


haben bereits alle Grenzen überschritten.

Daesh greift alle Völker, alle Länder an, die gegen sie

vorgehen und deswegen ist die Aktion gegen Reqa

wichtig, weil man gegen diese Angriffswellen seitens

der Daesh kämpft und weil Reqa das politische Zentrum

der Daesh ist.

Die Daesh werden von Reqa aus organisiert, alle Angriffe,

auch alles Politische, wird von Reqa aus organisiert, das

wissen wir. Reqa ist das Hirn der Daesh. Also machen

alle Aktionen, die wir durchführen, keinen Sinn, wenn

wir nicht Reqa angreifen. Denn wenn das Hirn weg ist,

kann auch der Körper sich nicht bewegen, dann ist der

Körper machtlos.

Wie verhält ihr euch als TKP-ML in diesem

Prozess?

Wir, als TKP/ML-TIKKO sind aktiv in Rojava seit

dem Widerstand in Kobanê. Es gibt viele Diskussionen

bezüglich der Reqa-Operation, schon deshalb, weil die

US-amerikanischen Kräfte dort mit unterstützten. In der

Diskussion geht es darum, ob das jetzt ein strategischer

Zusammenschluss oder ein taktischer Zusammenschluss

ist. Aber es ist nichts Neues, dass die Koalitionsflieger

unterstützend bombardieren. Das ist schon seit Kobanê

so, dass sie die YPG unterstützen. Aber es wurde erst

mit der Reqa-Operation diskutiert, erst dann wurde es

zum Gegenstand der Diskussionen. Wir finden das nicht

richtig, dass so diskutiert wird. Unserer Meinung nach

muss so diskutiert werden, dass wir Reqa einnehmen

und dadurch die Revolution von Rojava beschützten.

Das muss der Hauptpunkt der Diskussion sein. Die

Diksussion über die Rolle des Imperialismus ist aber

keine Diskussion die man jetzt führen muss, die muss

man später führen.

Wir sind nicht in der Situation jetzt darüber zu diskutieren,

weil der Krieg weitergeht und die Daesh immer noch

da sind. Diese Diskussionen bringen uns im Moment

nicht weiter. Die, die jetzt diesen Zusammenschluss

kritisieren, sind auch die Organisationen, die schon seit

Kobanê ziemlich weit weg sind, vom Ort wo tatsächlich

gekämpft wird. Sie sind auch weit weg von Kobanê,

haben sich davon ferngehalten, sind in der Türkei

und kritisieren von dort. Aber hier ist eine kämpfende

Bewegung. Von der Ferne aus zu kritisieren, damit

verändert man nichts. Wir können nur weiter kommen,

wenn wir hierher kommen und dem Kampf beitreten und

mitkämpfen. Soviel kann ich zur Reqa-Operation sagen.

Wir wissen, dass Genosse Kaypakkaya (Gründer der

TKP/ML Anm. d. Red.) in einer Schrift Folgendes sagt:

Es gab den Scheich-Said-Aufstand (kurdisch Serhildana

Şêx Seîdê Pîranî). Obwohl da die Engländer ihre Finger

im Spiel hatten, war es ein fortschrittlicher Aufstand und

den hätte man unterstützen müssen. Aus dieser Ideologie

heraus kämpfen wir jetzt in Rojava. Gemeinsam mit der

YPG sehen wir solche taktischen Zusammenschlüsse

als normal an. Für nationale Bewegungen, wie die

kurdische Bewegung, ist es richtig solche taktischen

Zusammenschlüsse zu machen.

Zuletzt können wir auch sagen, hier gibt es Hoffnung.

Man sah dies beispielsweise nach dem Angriff in Orlando

auf Homosexuelle, als die YPG wichtige Antworten an

die reaktionären Kräfte gesendet hat. Sie haben vor die

Regenbogen Fahne mitten in Reqa aufzuhängen. Dies

als Symbol gegen Daesh und in Solidarität mit den

Homosexuellen und gegen solche Angriffe wie in Orlando.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Wir wissen seit Kobanê, dass der türkische Staat Daesh

unterstützt und dass sie damit aufgeflogen sind. Durch

Videos, Dokumente und Unterlagen haben wir gesehen,

wie die Türkei das macht. Beispielsweise gibt es

Beweise, wie türkische Soldaten mit Daesh Kämpfern

an den Grenzen etwas austauschen und sich unterhalten.

Auch konnten die Verletzten von Daesh in der Türkei

behandelt werden.

Weil Rojava weiter Gebiete gewinnt, greift die

Türkei Kurdistan an. Wir können die Angriffe auf die

120


KurdInnen in der Türkei nicht von den Angriffen in

Rojava auseinanderhalten, beides gehört zusammen.

Seitdem die Türkei gemerkt haben, dass Kobanê nicht

eingenommen werden kann, kämpft sie aktiv gegen die

YPG. Sie wollten die unterdrückten Völker eigentlich

der Daesh überlassen und da die YPG das verhindert hat,

ist sie zum Hauptfeind geworden.

Die ganze Welt hat Angst vor den KämpferInnen des

Daesh. Die YPG sind aber diejenigen, die gegen den

Daesh ankämpfen können und sie sind es, die den Daesh

besiegen. Sie haben den Menschen die Angst genommen,

dass der Daesh unbesiegbar ist. Jeder Gewinn in

Rojava ist eine Hoffnungsquelle für die unterdrückten

Völker. Erdogan wollte diesen Hoffnungsschimmer

des kurdischen Volkes in der Türkei erdrücken und

bekämpfen, deswegen ist die Türkei so vehement gegen

Rojava.

Rojava zu kämpfen, damit solche Kampferfahrungen zu

erleben und um sie auch in der Türkei anzuwenden.

Vor diesem Erfahrungsaustausch hatte die Türkei am

meisten Angst. Doch der allgemeine Kampf, das heisst

auch der Strassenkampf mit all diesen Erfahrungen hat

die Grenzen überquert. Erdogan sagt den Medien, dass

alle, die in Rojava waren, SelbstmordattentäterInnen und

TerroristInnen sind. Für den türkischen Staat ist die YPG

eine Terrororganisation und er sagt, dass alle die nach

Rojava gehen, TerroristInnen seien. Der türkische Staat

hat Angst davor, dass der Kampf in Rojava auf die Türkei

überschwappt. Wir werden die ganzen Erfahrungen,

die wir hier gesammelt haben für die Revolution in der

Türkei einsetzen und wir werden gewinnen.

Wir werden Rojava vollkommen befreien auch wenn der

türkische Staat dagegen ankämpft. Wir haben seit dem

Kampf in Kobanê und in Rojava viele neue Erfahrungen

gesammelt und diese können wir jetzt auch in Bakûr

einsetzen. Wir haben in der Türkei Gräben gegraben, um

die türkischen Panzer aufzuhalten und gegen die Invasion

haben wir grosse Tücher über die Strassen gehängt, damit

die Scharfschützen die Menschen nicht mehr sehen und

erschiessen konnten. Das ist eine Strategie, die wir in

Rojava erlernt haben. Deshalb ist es auch wichtig in

121


122


123


REALITÄT

DES

ALLTAGS

Gründe sich dem Kampf

in Rojava anzuschliessen

gibt es viele. Am Ende

wollen wir hier eine

Auswahl an kleineren

Interviews präsentieren,

die einen kruzen Blick in

unterschiedliche Motive

und Lebensrealtitäten

erlauben.

124


Militanter I (PKK)

Wie alt bist du und woher kommst du?

Ich bin 26 Jahre alt und komme aus Rojalat, Kurdistan

Iran. Der Krieg in Kobanê ist sehr schlimm und ich

denke, dass der Krieg in Kobanê so hart ist, wie es der

Krieg in Vietnam war. Die ISIS kam nach Kobanê und

warf Bomben. Es ist ein sehr harter Krieg hier.

Was war deine Motivation, hierher zu kommen

und zu kämpfen? Warum bist du gekommen?

Weil in Kobanê die Menschheit in Gefahr ist. Ich

kämpfe nicht nur für das kurdische Volk, sondern für alle

Menschen.

Bist du alleine oder mit einer Organisation

gekommen?

Vor drei Jahren trat ich der PKK bei.

Was ist deine Perspektive jetzt, wo der Kampf

um Kobanê gewonnen ist. Kobanê ist frei, und doch

ist der Kampf noch nicht vorbei. Was sind deine

nächsten Schritte?

Hinter Kobanê in den Dörfern geht der Krieg gegen

ISIS weiter. Ich war an der Front im Osten, ein sehr

gefährlicher Ort.

Kannst du mehr dazu sagen?

Ich bin jetzt sehr glücklich, weil Kobanê frei ist und die

Leute zurück kommen. Ich denke, ich bin so glücklich,

weil ich für die Menschheit arbeite.

Und was ist dein nächstes Projekt, wohin willst du

gehen?

Der Krieg ist noch nicht vorbei, es gibt immer Krieg

und ich hoffe, dass eines Tages der Krieg in der Welt

vorbei ist. Bis dahin möchte ich den Menschen helfen.

In Somalia brauchen die Menschen Hilfe, vielleicht

gehe ich da hin, wieder um für die Menschheit zu

kämpfen. Ich richte diese Nachricht an alle Menschen:

Die KurdInnen sind keine TerroristInnen. Menschen in

anderen Ländern denken, dass die PKK, die YPG oder

die YPJ TerroristInnen sind, aber das ist nicht wahr. Wir

führen einen Krieg für die Menschheit, und wenn der

Krieg gewonnen ist, werden wir aufhören. Als die Türkei

meine Kinder und mein Volk tötete, musste ich gehen

um zu kämpfen. Schau, die Türkei und die NATO sagen

keine guten Dinge über die PKK und das kurdische Volk.

Die Türkei und die NATO verbinden sich gegen uns. Wie

kann jemand der Türkei und der NATO helfen, wenn die

Türkei und die NATO die ISIS unterstützen?

Wir lieben das Leben, und jetzt kämpfen wir für das

Leben und für die Freiheit. Ein grosser Mann der

Menschheit, Abdullah Öcallan, ist jetzt im Gefängnis in

der Türkei. Abdullah Öcallan hat zu allen Zeiten für die

Menschheit und für die Freiheit gekämpft, aber jetzt ist

er in der Türkei im Gefängnis.

Wenn ein guter Mensch im Gefängnis ist, wenn das

System ihn ins Gefängnis sperrt, wirst du für seine Ideen

arbeiten und dahin gehen wo er ist oder nicht? Ich frage:

Wenn ein Führer der Menschheit, und Abdullah Öcallan

ist so ein Führer, im Gefängnis ist, ob in Europa oder in

Amerika, dürfen ihn die Menschen vergessen oder nicht?

Als Bhaghdadi in Kuwait im Gefängnis war, und es

war das Gefängnis von Amerika, war er bald wieder

frei. Bhaghdadi ist der Führer der ISIS aber du siehst,

mein Führer kämpft für Menschlichkeit und Freiheit,

und er ist jetzt noch immer im Gefängnis. Bhaghdadi

ist ISIS, und Amerika, das System, lässt ihn frei. Wir

KurdInnen wollen den Kapitalismus beenden und ein

neues System im Osten etablieren. Ich danke dir, dass

du nach Kobanê gekommen bist und versuchst, Kobanê

und den Menschen zu helfen, dass du mir zugehört hast

und unsere Stimmen hörst und ich danke dir für die

Unterstützung.

Was würdest du den Menschen, die dies hören

oder lesen sagen wollen? Was denkst du ist wichtig

zu wissen?

Ich bin so glücklich jetzt, weil die Kinder zurück nach

Kobanê kamen, wieder auf der Strasse spielen können

und glücklich sind. Und wenn die alte Frau und der

alte Mann zurück in ihre Heimat kommen, weil sie hier

sein wollen und zurückkommen müssen, bin ich sehr

glücklich, weil ich denke, dass ich den Menschen helfen

kann.

Glaubst du, dass der Krieg in Kobanê ein Symbol

für die Freiheit der Menschheit ist und auch gegen

die Barbarei der ISIS?

Ich denke ISIS ist für alle Menschen gefährlich, denn

ISIS wirkt in der Welt, nicht nur im Irak oder in einem

anderen Land. Zum Beispiel sind einige Personen von

ISIS in Frankreich auf die Strasse gegangen und töteten

12 Menschen. Es ist wichtig für mich, denn ISIS mag

niemanden, sie unterscheiden nicht, ob jemand Muslim,

Jude, Yeside oder Christ ist. Sie töten einfach. Ich denke,

ISIS ist sehr gefährlich für die Menschheit und wir

müssen ISIS vernichten.

125


Und auf der anderen Seite ist es die Rojava

Revolution, die es zu verteidigen gilt. Es gibt zwei

Kämpfe: der eine ist gegen ISIS und der andere

ist für die Rojava Revolution, die neue Welt. Es

gibt viele Kriege in der Welt und das besondere

daran ist, dass du ein Freiheitskämpfer bist, weil

du für die Freiheit, für die Rojava Revolution

und gegen ISIS kämpfst. Andere Kriege sind

gegen etwas, oder für den Kapitalismus und

den Imperialismus.

Jetzt ist es hier viel besser als vorher und ich glaube,

ich kann gehen, um in Shangal im Irak gegen ISIS zu

kämpfen. Und ich möchte ISIS und diese Terroristen

im Krieg bekämpfen. Es ist für mich nicht anders, denn

wenn ich sehe, dass die Menschen in Gefahr sind, gehe

ich hin, um den Menschen zu helfen. Wie ich schon

sagte, es war sehr gefährlich in Kobanê. Ich weiss das,

weil ich hier war und du siehst, was geschieht ist sehr

gefährlich. ISIS war einmal ganz in der Nähe, nur 5

Meter entfernt von uns KämpferInnen, und da siehst du,

dass wir kämpfen mussten, um Kobanê zu befreien. Zum

Beispiel wurden in einem sehr kleinen Ort wurden viele

junge KämpferInnen getötet. ISIS hat sie alle getötet.

Deswegen müssen wir nun nach Ahi, Shahid und in die

Dörfer um Kobanê gehen, weil viele, viele Menschen

von ISIS getötet wurden. Darum gebe dir und anderen

Menschen diese Nachricht mit: wenn ihr nicht versucht,

ISIS zu stoppen, werden sie sehr bald in andere Länder

gehen, dann sind sie nicht nur hier.

Ich sage euch, wir kämpfen an vorderster Front und

nur mit alten und kleinen Waffen. Grosse Gewehre

haben wir nicht, nur diese kleinen. Aber 40 Autos von

ISIS kamen nach Kobanê. Bomben explodierten und

explodierten, aber sie konnten Kobanê nicht bekommen,

und ich ging ganz in die Nähe von ISIS um nur mit dieser

Waffe zu kämpfen. Du siehst, ISIS hat viele sehr grosse

Gewehre und viele Waffen aber sie konnten nicht nach

Kobanê kommen und Kobanê erobern. Man kann das

zum Beispiel mit Mossul vergleichen. Da kamen zwei

Autos von ISIS und alle KämpferInnen flohen. Aber hier

kämpfen wir nur mit diesen Waffen.

Mehmet (TKP/ML)

Kannst du uns ein wenig über dich erzählen?

Woher und aus welcher Organisation stammst du?

Was hat dich hierher geführt?

Ich heisse Mehmet und stamme aus einer proletarischen

Familie. Ich habe an der Universität studiert. Nach dem

Aufruf meiner Partei TKPML bin ich von Istanbul nach

Kobanê gekommen.

Der türkische Staat übt einen enormen Druck auf das

kurdische Volk aus, der insbesondere in Kobanê zu

spüren ist. Sie haben den ISIS offensichtlich unterstützt.

Der Grund dafür ist, die Erwartungen und die Rechte

des kurdischen Volkes zu unterdrücken. Nun wir

KommunistInnen unterstützen, dass das Volk selbst

über seine Zukunft bestimmen kann. Aus diesem

Grund kämpfen wir hier in Kobanê für die Rechte des

kurdischen Volkes.

Welche politischen und militärischen Erfahrungen

hast du hier gemacht?

Bevor ich hierher kam, hatte ich, ausser auf den Strassen

zu protestieren und dabei Steine und Molotows zu

werfen, keine militärischen Erfahrungen. In unserem

Kampf hier in Kobanê habe ich die Möglichkeit Waffen

zu benutzen. Natürlich werden diese Erfahrungen

auch die Revolution in der Türkei beeinflussen. Aus

politischer Sicht hat die Türkei Ihr Ziel nicht erreicht.

Die Türkei wollte, dass Kobanê von der ISIS erobert

wird, nun haben die KurdInnen dies nicht zugelassen.

Der Widerstand war unserseits sehr stark. Das ist der

Erfolg für das internationale Volk. Die Verteidigung von

Rojava ist die Verteidigung der Menschlichkeit.

Wie ist jetzt die Strategie und das Vorgehen, nach

dem Krieg in Kobanê?

Der Gedanke ist hier in Rojava ein autonomes System

aufzubauen, wie früher in der Sowjetunion. Nun waren

sie SozialistInnen und hier in Syrien gibt es immer

noch einen Krieg. Wir unterstützen die Autonomen des

kurdischen Volkes. Leider denke ich, dass es nicht zu

einer Gleichberechtigung kommt. Letztendlich muss

das Volk aber mit einem Referendum selbst entscheiden.

Dies zeugt davon, dass die KurdInnen noch kein

Entscheidungsrecht umgesetzt haben. Vielleicht wollen

die KurdInnen nicht mehr mit Syrien zusammen leben.

Das kann nur mit einer demokratischen Wahl bestimmt

werden. Wir werden weiterhin für die nationalen Rechte,

wie auch gegen die Klassenunterschiede kämpfen.

Welche Erfahrungen hast du betreffend Kobanê

und die ganze Situation gemacht?

126


Ich konnte die KurdInnen, Kobanê, PYD und die

Terrororganisation ISIS näher kennenlernen. Ich erlebte

die Anschläge von ISIS, den Zwang und den hohen Druck

durch den syrischen Staat gegenüber den KurdInnen.

Vor den Anschlägen der ISIS war das kurdische Volk

unter Embargo und das seit 4 Jahren. Die Anschläge

durch die Freie Syrische Armee und Al-Kaida dürfen

wir auch nicht vergessen. Ich möchte damit sagen, dass

die Menschen hier immer angegriffen werden. Natürlich

wissen wir, dass es hier im Nahen Osten die Angriffe von

ImperialistInnen sind.

TKP/ML (Tikko) hat einen Aufruf für die Unterstützung

und Verteidigung von Kobanê gemacht. Davor hatte

ich noch nie eine Waffe benutzt. Hier konnte ich vor

allem die kurdische Volksverteidigungskraft und den

Auswuchs des Nahen Osten kennenlernen.

Wie wird das Ganze, das Soldatische und die

politische Situation in der Türkei reflektiert?

TKP/ML hat mehr als 43 Jahre solidarische Erfahrungen.

Nun darf man nicht vergessen, dass wir hier in Rojava

in einer Prärie am kämpfen sind. Wir haben hier einen

Stadtkrieg gegen die Terrororganisation ISIS geführt.

ISIS hatte viele Städte erobert, die erste Niederlage

haben sie hier in Kobanê erlitten. Nach diesem Krieg

haben wir die Realität des Krieges und die Niederlage

der ISIS gesehen. Das ist eine mächtige Erfahrung.

Obwohl unsere Ideologie hier im Guerillakampf lebt,

müssen wir auch in den Städten kämpfen. Dieser Krieg

hat uns bestimmte Ideen gegeben.

Was möchtest du den Internationalen

RevolutionärInnen mitteilen?

Politisch gesehen ist der Kampf in Kobanê der

Zusammenstoss mit „dem bösen Kind des Imperialismus“.

Eine Reaktion der Welt gegen die Terrororganisation

ISIS. Der Krieg hier geht über jede Ländergrenze hinaus

und hat sich in jedem Land reflektiert. Jeder der sich

Marxist nennt, muss bei diesem Erfolgserlebnis etwas

empfinden.

Den Widerstand gegen den Imperialismus müsst ihr auch

in euren eigenen Städten ausüben. Dies wird die beste

Antwort auf den Kolonialismus sein. Gleichzeitig müsste

in Rojava eine Politik entstehen, die eine Unterstützung

zur Lösung der Probleme anbietet.

Militanter II (MLKP)

Kannst du uns ein wenig über dich erzählen?

Woher und aus welcher Organisation stammst du?

Was hat dich hierher geführt?

Ich bin aus der Türkei und war dort ein Angestellter.

Natürlich bin ich für die kurdische und die türkische

Revolution hierher gekommen. Für die Freiheit des

Kurdischen Volk bin ich hier am kämpfen. Ich bin zudem

Mitglied der MLKP.

Welche politischen und militärischen Erfahrungen

hast du hier gemacht?

Ich hatte die Möglichkeit im Stadtkrieg mächtige

Erfahrungen zu sammeln. Dabei erlernte ich auch mit

schweren Waffen zu kämpfen. Natürlich lernten wir

dabei auch unsere Feinde näher kennen.

Wie ist jetzt die Strategie und das Vorgehen, nach

dem Krieg in Kobanê?

Wir werden die Macht des Volkes stärken. Es wird

unter dem Volk eine revolutionäre und sozialistische

Perspektive entstehen.

Welche Erfahrungen hast du betreffend Kobanê

und die ganze Situation gemacht?

Wir haben die Front und den zentralistischen Krieg

erlebt, somit auch eine Verteidigungskraft mit Waffen

gebildet. Dies hat uns viele Türen aufgemacht, die

irgendwann zur Freiheit führen werden.

Wie wird das Ganze, das Soldatische und die

politische Situation in der Türkei reflektiert?

Wir können in der Türkei gegen den Faschismus

protestieren. Wir haben den richtigen Untergrund

gebildet, ausserdem haben wir mit dem zivilen Volk

gegen die Terrororganisation ISIS gekämpft. Das hat

unsere Hoffnung vergrössert.

Was möchtest du den Internationalen

RevolutionärInnen mitteilen?

Sie müssen die Revolution hier in Rojava mitverfolgen

und natürlich auch unterstützen. Sie müssen mit uns

kämpfen.

127


Militanter III (MLKP)

Kannst du uns ein wenig über dich erzählen?

Woher und aus welcher Organisation stammst

du? Was hat dich hierher geführt?

Ich bin Musiker aus der Türkei. Ich bin nach Rojava

gekommen, um den Imperialismus auszulöschen. Ich

bin hier, um den die Kunst in einem freien Land zu

erleben und diese Freiheit zu verbreiten. Ich stehe zu

den unterdrückten KurdInnen und möchte ihnen alle

mögliche Unterstützung anbieten.

Welche politischen und militärischen Erfahrungen

hast du hier gemacht?

Die wichtigste Erfahrung, die ich hier gemacht habe, ist

das kollegiale Füreinander und das Zusammenstehen.

Wir sind alle für das gleiche Ziel hier. Wir sind alle

mitten im Krieg und jede/r weiss, dass wir füreinander

das Leben aufgeben würden. Militärisch gesehen haben

wir natürlich auch gelernt mit verschiedenen und

schweren Waffen zu kämpfen. Wir haben praktische und

theoretische Erfahrungen gemacht.

Wie ist jetzt die Strategie und das Vorgehen, nach

dem Krieg in Kobanê?

Ich werde die praktischen Erfahrungen mit meiner

künstlerischen und soldatischen Persönlichkeit auch in

der Türkei und in Kurdistan verbreiten.

Welche Erfahrungen hast du betreffend Kobanê

und die ganze Situation gemacht?

Hier habe ich die Form des Krieges mit schweren Waffen

ausgeübt.

Wie wird das Ganze, das Soldatische und die

politische Situation in der Türkei reflektiert?

Die Erfahrungen, die ich hier in Rojava gemacht

habe, möchte ich auch beim Widerstand in der Türkei

anwenden. Mein Ziel ist es, einen freien Verstand in der

Kunst zu etablieren und dies den Menschen beizubringen.

Was möchtest du den Internationalen RevolutionärInnen

mitteilen?

Der Nahe Osten ist für euch eine verarbeitete Perle. Lernt

hier den Krieg und den Gebrauch von Waffen kennen.

Jede/r KommunistIn muss das hier gesehen haben.

128


Militanter IV (SYKP)

Kannst du uns ein wenig über dich erzählen?

Woher und aus welcher Organisation stammst du?

Was hat dich hierher geführt?

Ich stamme aus der Türkei, bin ein Student und

Mitglied der SYKP. Hier in Kobanê unterstütze ich

den Krieg gegen den Imperialismus, Kapitalismus und

deren Unterstützer. Ich wollte mich an diesem Kampf

beteiligen. Wir werden bis zum Sieg weiterkämpfen.

Welche politischen und militärischen Erfahrungen

hast du hier gemacht?

Bevor ich nach Kobanê kam, hatte ich keine militärischen

Erfahrungen.

Wie ist jetzt die Strategie und das Vorgehen, nach

dem Krieg in Kobanê?

Nach dem Krieg in Kobanê werde ich weiter kämpfen

,bis die ImperialistInnen und TerroristInnen ihre Hände

vom Nahen Osten weggenommen haben. Danach werde

ich für die InternationalistInnen überall auf der Welt

kämpfen.

Welche Erfahrungen hast du betreffend Kobanê

und die ganze Situation gemacht?

Hier konnte ich lernen wie man kämpft. Ich durfte

mit schweren Waffen kämpfen und mich mit dem

Kriegsleben vertraut machen.

Wie wird das Ganze, das Soldatische und die

politische Situation in der Türkei reflektiert?

In dem Land wo ich lebe, werde ich die Erfahrungen

anwenden und die Revolution unterstützen.

Was möchtest du den Internationalen RevolutionärInnen

mitteilen?

Liebe InternationalistInnen und KommunistInnen,

kommt nach Rojava und kämpft mit uns gegen die IS-

Milizen, gegen den Faschismus und den Imperialismus.

Der Weg zur Revolution geht über Rojava. Es lebe die

Revolution und der Sozialismus. Es lebe der Kampf bis

zum Sieg!

129


International Freedom Battalion

Antifascist Internationalist Tabur!

The International Freedom Battalion is an armed group

consisting of leftist foreign fighters fighting alongside

the People’s Protection Units in the Syrian Civil War in

support of the Rojava Revolution and against the Islamic

State of Iraq and the Levant.

Laufende Infos gibt es unter anderem auf:

https://www.facebook.com/internationalfreedom

Weitere Bataillone des International

Freedom Battalion

Im Dezember 2016 erhalten: Today a group of fellow

anti-fascists, internationalists, anarchists, communists,

socialists and libertarians appeals to support the revolution

of Rojava and so joining struggle of the oppressed. We

come from the shadow of the western capitalist world,

to fight and to learn from our fellow comrades in Rojava

how to claim freedom and the right to exist. With their

courage we hope to create a life without oppression and

persecution, a world without fascism and obscurantism.

We set sail towards this goal pushed by the winds of

liberty, equality, and respect for the Earth. This is the

way of those exceptional people who have sailed towards

oblivion leaving an unquenchable heat inside our hearts.

It is the same warmth that we feel now, that animates us,

that drove us across the threshold of the flames of the

struggle of the Democratic Federation of Northern Syria.

“Each comrade, here, now, fights with a heart full of

sunshine.”

Kadinlarin Birlecik Devrim Hareketi

(KDBH)

Zitate über die KBDH: Ziel der KBDH ist Zerstörung

des Faschismus und des Patriarchats. Unsere Stärke als

KBDH kommt aus der Unterdrückung der Frauen und

der Völker. Das Ziel ist die Revolution. Wir streben eine

revolutionäre Einheit an. Diese revolutionäre Einheit

entsteht durch die Kollektivierung als Frauen und der

Kollektivierung des politischen Verständnis. Der einzige

Weg gegen Unterdrückung und Versklavung der Frauen

ist die politische Organisierung.

Die KBDH ist eine Behauptung des Selbstbewusstseins

der Frauen. Wir kennen keine Grenzen. Die einzige

Grenze ist gegen den Faschismus zu sein.

Every comrade, here, now, fights for the light, with the

living memory of previous partisan struggles, for a better

world, that have led up to these fiery lands. So, with the

name of our unit, we want to remember the comrade

Sahid lvana Hoffman, fallen valiantly fighting Isis on

the front of Till Tamir, in March 2015. Together we fight

to defend those values, which we retain in our hearts.

We take our symbol from the revolutionaries who fought

in Spain, in 1936, for a world without borders, without

shadows and without fear— History did not defeat them.

Their dreams did not die, but are now reborn with us,

with each comrade, who now fights in Rojava. As a

phoenix always rises from the ashes, so the fire of the

Revolution, will continue to burn forever.

“We are partisans, we live.”

Silav u Rezen Soresgeri.

Antifascist Internationalist Tabur

130


International Revolutionary People‘s

Guerrilla Forces

Im April 2017 erhalten: Heute ist die Revolution in

Gefahr. Wie in Zeiten der Pariser Kommune und anderen

bahnbrechenden historischen Momenten, stehen die

revolutionären Kräfte Auge in Auge mit dem Leviathan

der kapitalistischen Hegemonie, der die neue Welt zu

verschlingen und uns alle wieder zu versklaven versucht.

Das ist unser Stalingrad. Wir müssen die Revolution

verteidigen! Deshalb verkünden wir die Entstehung der

International Revolutionary People’s Guerrilla Forces

(IRPGF) um die Revolution in Rojava zu verteidigen.

Die Internationalen Revolutionären Volksguerilla-Kräfte

(International Revolutionary People’s Guerrilla Forces,

IRPGF) sind ein militantes bewaffnetes horizontales

und selbstorganisiertes Kollektiv, das daran arbeitet,

soziale Revolutionen in der ganzen Welt zu verteidigen,

den Staat direkt zu konfrontieren und die Sache des

Anarchismus voran zu bringen.

Bob Crow Brigade

Henri Krasucki Brigade

Wir sind Antifaschisten, Antikapitalisten,

Antiimperialisten und gegen jede Form von Patriachie

und Kyriarchie. Wir deklarieren unsere Unterstützung

und Alianz mit der YPJ/YPG, PKK, dem Internationalen

Freiheits Battalion und ihren Mitgliedsorganisationen.

Wir deklarieren unseren offenen Kampf gegen alle

Imperialisten, Faschisten und kontrrevolutionären

Kräften.

SIEG DER REVOLUTION IN ROJAVA!

SIEG DEN BARRIKADEN, DER SOZIALEN

INSURREKTION UND DER KOMMUNE!

Revolutionary Union for Internationalist

Solidarity

MILITANTE HORIZONTALE

SELBSTORGANISIERTE KOLLEKTIVE &

GEMEINSCHAFTEN

FÜR DIE REVOLUTION UND DEN

ANARCHISMUS!

131


www.aufbau.org

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