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Seite 22 Seite 23

Zeitreise in mein FSJ

Knapp zwei Jahre nach ihrem Freiwilligenjahr

in Sambia berichtet Helen Hermens von einem

Wiedersehen…

Als ich 2015/16 in Mazabuka mein FSJ machte, kam

natürlich die Frage auf, ob ich denn vorhätte, wieder

zurück zu kommen. Am liebsten natürlich, ob ich “for

good“, sprich für immer, nach Sambia zurückkehren

wolle. Nun endlich, dieses Jahr, im Februar, habe ich es

hinbekommen ein wenig Geld zusammen zu suchen,

einen Flug zu buchen und zu überlegen, was ich wohl

wem mitbringe und was ich zu dieser Jahreszeit packen

muss. Das Wetter hat mich trotzdem überrascht.

Gestartet bei um die 0 Grad in Frankfurt, landete ich

bei schwülen Temperaturen einen Tag später in Lusaka.

Die Luft war wie im Schwimmbad, dachte ich zuerst,

irgendwie ungewohnt. Genau wie die Gerüche im

ersten Moment.

Lusaka kam mir auch sofort anders vor als 2015. Erstens

natürlich, hatte ich nicht denselben Kulturschock

wie damals – ich hatte schließlich alles schon einmal

gesehen. Aber es hatte sich verändert, diese so

vollgepackte Hauptstadt. Keine Straßenverkäufer mehr,

keine qualmenden Müllberge an jeder Ecke. Ich redete

mit einem Taxifahrer darüber. Er lachte. Es sei wegen

der Cholera, meinte er. Weil der Krankheitsausbruch

dieses Jahr so schlimm gewesen war, hatte die Regierung

das Militär angeheuert, die Straßen sauber zu halten.

Schien zu funktionieren.

Auch Mazabuka, die Stadt, in der ich mein Jahr

verbrachte, sah auf den ersten Blick seltsam aus – wie,

als würde ich bloß durch ein Fenster blicken. Die erste

Begegnung mit meiner Familie und meinen Freunden,

wieder der erste Schritt über die Türschwelle, wieder

das erste Mal Minibus fahren oder mit einem Eimer

Wasser duschen – es fühlte sich alles an, als wäre ich

bloß eine Schlafwandlerin.

Schließlich war alles dann doch irgendwie, als wäre ich

niemals weg gewesen. So viele Leute erinnerten sich

an mich, ich war wirklich erstaunt. Ganz, ganz schnell

schlich sich der Alltag wieder ein. Ich hatte zwar vor,

noch ein bisschen Ferien zu machen, aber die zwei

Wochen, die ich in meiner Gastfamilie verbrachte,

waren einfach, als wäre ich gestern erst gefahren und

heute wieder gekommen. Es war wirklich wie eine

kleine Zeitreise zurück nach 2015.

Ich war sofort wieder die kleine Chileleko. Kein Stück

älter geworden. Die immer noch Punkt sieben Uhr zu

Hause sein musste. Keine Chance. Unter Mamas Dach

war ich immer noch genauso Kind wie vor zwei Jahren.

Viele Leute hatten sich verändert, manche

gar nicht. Besonders die Kinder waren

alle plötzlich so groß. Meine Nichte, die

geboren wurde, als ich dort war, konnte

nun rumrennen und sprechen. Erst da

merkte ich, dass doch etwas Zeit vergangen

war. Nicht nur diese Kinder waren älter

geworden, auch ich. Ich merkte, dass ich

die ersten Tage sehr vorsichtig war. Wasser

abkochen, Hände waschen, kein rohes

Gemüse essen, unter einem Mückennetz

schlafen. Es war nicht wie im Laufe des

Jahres, wo mir das alles irgendwann egal

war und ich mich soweit angepasst hatte.

Und auch meine Freunde dort hatten sich

verändert, gingen plötzlich alle studieren

und meine Schwester hatte ein Kind

bekommen. Sie erzählte mir alles, wie

spannend die Schwangerschaft und die Geburt gewesen

war und wie es jetzt ist, gleichzeitig Mama zu sein und

das Abitur nachzuholen. Es gab viel zu erzählen. So saß

ich die ersten Tage viel herum, drinnen und draußen,

begleitete Freunde zum Markt und wieder zurück und

tat nicht viel außer quatschen und genießen und ein

bisschen hier und da mit anpacken.

Natürlich musste ich auch diverse Besuche abstatten,

weil ein paar Familienmitglieder mittlerweile in

anderen Städten wohnten. So fuhr ich zum Beispiel

ein Wochenende nach Chikuni, einem sehr kleinen

gepflegten Ort mitten im sambischen Busch. Vor lauter

Regen durchpflügte unser Taxi tiefe Pfützen und wir

verbrachten das Wochenende nahe dem Holzkohlefeuer.

Ich hatte, bevor ich geflogen war, ein bisschen Angst,

alles würde vielleicht anders sein, Erinnerungen zerstört

oder meine Erwartungen enttäuscht. Aber das war nicht

so. Sambia empfing mich mit offenen Armen, genau

wie die Leute dort. Eine Freundin ließ fast ihr Baby

fallen, als sie mich unerwartet wieder sah. Mein Bruder

schrie vor Freunde, weil er nicht glauben konnte, dass

ich wirklich vor ihm stand. Und ich konnte es ehrlich

gesagt auch lange nicht glauben. Erst nach hundert Mal

Atmen sambischer Luft, Gospelmusik-Hören, nachts

dem Regen auf dem Wellblechdach lauschen und den

Sonnenbrand in meinem Nacken Spüren, wusste ich,

dass ich wirklich, wirklich wieder da war.

Helen Hermens

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