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DAS IST DER «HAMMER» In der Geschichte der Chamer Hammerschmieden herrschte lange Zeit Unklarheit. Doch heute ist klar: Es gab drei «Hämmer» an der Lorze in Cham. Und «unser Hammer», gebaut 1690, ist der jüngste.

DAS IST DER «HAMMER»
In der Geschichte der Chamer Hammerschmieden herrschte lange Zeit Unklarheit. Doch heute ist klar: Es gab drei «Hämmer» an der Lorze in Cham. Und «unser Hammer», gebaut 1690, ist der jüngste.

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HAMMER<br />

Christoph Zurfluh<br />

1


HAMMER<br />

Von der «Chupferstrecki» 1690 bis zur «Ära Lüdi» 2017<br />

Christoph Zurfluh


2017<br />

Imposant: der<br />

«Hammer» der Ära<br />

Lüdi mit seinen<br />

Stallungen (oben),<br />

der Villa (Mitte) und<br />

dem Mühlehaus mit<br />

Turbinengebäude<br />

(unten).<br />

2 3


1996<br />

Ein Wintermärchen:<br />

Der «neue Hammer»<br />

nach seinem Umbau<br />

durch Margrit und<br />

Andrea von Planta.<br />

4 5


1984<br />

In die Jahre gekommen,<br />

aber mit viel Charme:<br />

Mühlehaus (rechts) und<br />

Waschhäuschen vor der<br />

«Ära von Planta».<br />

6 7


1935<br />

Das sogenannte<br />

«Chalet» nach<br />

seinem Ausbau zum<br />

«neuen Hammer»<br />

durch Emy und<br />

Robert Naville.<br />

8 9


1925<br />

Robert (links) und<br />

Raoul Naville vor<br />

dem «Chalet», das<br />

wenige Jahre später<br />

zum «neuen Hammer»<br />

ausgebaut wird.<br />

Dahinter der «alte<br />

Hammer».<br />

10 11


1922<br />

Der «Hammer» machte<br />

schon früh mobil.<br />

Robert Naville etwa<br />

baute sogar selber<br />

ein Auto. Im Bild:<br />

Chauffeur mit einem<br />

Wagen der Marke<br />

Richard-Brasier.<br />

12 13


1917<br />

Die vier Papierfabrik-<br />

Erbinnen und ihre<br />

Kinder (von links):<br />

Alice, Olga, Emy und<br />

Ellen bei einem<br />

Familientreffen im<br />

«Hammer».<br />

14 15


1915<br />

Das «Chalet» nach<br />

seiner Erweiterung<br />

im Stil der nordamerikanischen<br />

Landhäuser<br />

– ähnlich,<br />

wie sie die Gebrüder<br />

Page der Chamer<br />

«Milchsüdi»<br />

gebaut hatten.<br />

16 17


1910<br />

Die alte Hammer-<br />

Villa war auf schlechtem<br />

Grund gebaut: Sie<br />

rutschte in Richtung<br />

Lorze und musste<br />

abgerissen werden.<br />

18 19


1905<br />

«Grand Slam» im<br />

«Hammer»: die<br />

Vogel-Töchter auf<br />

dem Tennisplatz<br />

zwischen Pferdestallungen<br />

und<br />

Wohnhaus.<br />

20 21


1900<br />

Stolze Bauern: Das<br />

Hammergut oberhalb<br />

der Villa galt schon<br />

früh als landwirtschaftlicher<br />

Vorzeigebetrieb.<br />

22 23


1899<br />

Fahrt ins Blaue:<br />

Der «Hammer» war<br />

schon zu Vogels<br />

Zeiten ein Paradies<br />

für Kinder, die hier<br />

viel Auslauf hatten.<br />

24 25


1890<br />

Ein richtiges<br />

«Hammer»-Kind<br />

reitet – auf selbst<br />

gezüchteten Pferden!<br />

Zum Beispiel die<br />

kleine Emy Vogel.<br />

26 27


1837<br />

Das Hammergut,<br />

gemalt vom bekannten<br />

Kunstmaler Salomon<br />

Corrodi (1810–1892),<br />

zwölf Jahre nachdem<br />

es Johann Jakob<br />

Vogel-Nötzli gekauft<br />

hatte.<br />

28 29


INHALT<br />

Der «Hammer» bewegt 33<br />

Der «Hammer»? Drei «Hämmer» geben den Takt! 35<br />

Krieg in Europa: Die Eidgenossenschaft ist eine Insel 36<br />

Alte Zöpfe – blanker Neid: Zuger Wirtschaftspolitik im 17. und 18. Jahrhundert 38<br />

Ein einziges Desaster: der erste «Hammer» (1635/36) 40<br />

Die Hammerschmiede: Mechanisierung als Vorstufe der Industrialisierung 44<br />

Vergleichsweise bescheiden: der zweite «Hammer» (1657) 46<br />

Dr. Müllers «Chupferstrecki»: der dritte «Hammer» (1690) 48<br />

Fremde Fötzel, falscher Glaube:<br />

Abschottung als Teil der katholisch-konservativen Kultur 50<br />

«Die Vogels waren bestimmt nicht willkommen» 54<br />

Vom einfachen Gewerbebetrieb zur repräsentativen Liegenschaft: die Ära Vogel 59<br />

Ein schlauer Trick: Wie Vogel zum «Hammer» kommt 60<br />

Weit gereist und gut gebildet: die Familie Vogel 61<br />

Hand in Hand: der «Hammer» und die «Papieri» 65<br />

Heinrich Ulrich Vogels genialer Streich: Papier statt Eisen 69<br />

Idealisierte Naturlandschaft: ein Garten nach englischem Vorbild 76<br />

Ein Leben für die «Papieri»: Carl Vogel-von Meiss 81<br />

Es werde Licht: Das Mühlehaus wird zum Kraftwerk 82<br />

Natürliches Wachstum: die Bauetappen im «Hammer» 87<br />

Der «Hammer» wird Firmenbesitz: die Ära Naville 91<br />

Teilen statt erben: die Nachfolgeregelung der «Papieri»-Erbin 94<br />

Bauernhof mit Modellcharakter: das Hammergut 98<br />

Aus drei wird eins: der neue «Hammer» 102<br />

Michael Funk: Ferien im «Hammer» 120<br />

Mann mit anderen Eigenschaften: Robert E. Naville 124<br />

Familie als Hypothek: Jacqueline Naville und der «Hammer» 128<br />

Der Traum von der Altersresidenz: die Ära von Planta 133<br />

Warum eigentlich nicht? «Hammer» statt «Villette» 134<br />

Von Zürich nach Cham: Margrit und Andrea von Planta 138<br />

Eine Überraschung nach der anderen: der Umbau 143<br />

Barock bis unters Dach: die Hammer-Villa 150<br />

Hang zum Historismus: die Rixheimer Tapete und andere Originale 154<br />

Stein um Stein: das Mühlehaus 161<br />

Gutsherr ohne Gut: Gerhard Ecker und «sein Hammer» 168<br />

Ein hübsches Paar für die Lorzenterrasse: das Waschhäuschen und die «Gartenlaube» 170<br />

Badefreuden im Versteckten: der Pool in der Orangerie 173<br />

Eine Tradition fortgeführt: die «Hammer»-Pferde 178<br />

Interessent 127: Der «Hammer» findet einen Käufer 182<br />

Robert E. Naville: Trauriger Abschied vom «Hammer» 188<br />

Vorher – nachher: der Umbau von 1984 bis 1991 190<br />

«Macht doch, was ihr wollt …» 204<br />

Abschied vom Barock, aber nicht von der Geschichte: Die Ära Lüdi 207<br />

Gesucht: Luxus-Residenz 208<br />

Ein wohlbehütetes Mittelstandskind 209<br />

Zwei Mal knapp am Tod vorbei 212<br />

Von Neugier getrieben, vom Schicksal gelenkt 219<br />

Zwischenstopp in Kanada 224<br />

Liebe auf den ersten Blick: Ariel Lüdi und der «Hammer» 226<br />

Und jetzt einfach mal loslegen … 227<br />

«Ein richtig netter Mensch» 232<br />

Neubeginn beim Pferdestall 233<br />

«Mister Impossible» 236<br />

Auf die Schnelle geht nichts im «Hammer» 240<br />

Kurswechsel: Das Atelier Zürich bringt Farbe ins Projekt 243<br />

Feinstes Stuckwerk 244<br />

Mehr Farbe ins Leben 250<br />

Hightech vom Keller bis unters Dach 253<br />

Brasilianische Lebensfreude im «Hammer» 256<br />

Ein sportlicher Finish 260<br />

Das Hammer-Team wächst und wird auch digital 261<br />

Das Hammer-Fest im Sommer 2017 264<br />

Vorher – nachher – heute 266<br />

Der «Hammer» steckt voller Energie 272<br />

Die Hammer-Villa heute 274<br />

Bildnachweis 296<br />

Autor 297<br />

Dank 297<br />

Die «Hammer-Dynastien» Vogel und Naville 299


DER «HAMMER» BEWEGT<br />

Herausgeber Ariel<br />

Lüdi (links) beim<br />

ersten Treffen mit<br />

Autor Christoph<br />

Zurfluh im Restaurant<br />

Wart in Cham.<br />

Er gilt zu Recht als Ur-Chamer Wahrzeichen. Doch es sind praktisch ausnahmslos Auswärtige,<br />

welche die Geschichte des «Hammers» prägen. 1690 vom Zuger Dr. Müller als<br />

«Chupferstrecki» erstellt, schlittert der Betrieb von einer Krise in die andere, bis er 1826 –<br />

keineswegs zur Freude der Einheimischen – vom Zürcher Eisenhändler Johann Jakob Vogel<br />

gekauft wird.<br />

Drei Generationen Vogel machen aus dem «Hammer» einen herrschaftlichen Landsitz<br />

inklusive Modellbauernhof und Pferdezucht. Die Hammerschmiede geben sie zwar auf,<br />

dafür kaufen sie die benachbarte Papiermühle, die sie zum florierenden Unternehmen weiterentwickeln<br />

und mit Strom aus dem eigenen Wasserkraftwerk versorgen.<br />

Mit Robert Naville, der eine Vogel-Tochter heiratet, übernimmt 1911 ein Genfer aus vornehmem<br />

Haus das Zepter im «Hammer». Zusammen mit seiner Frau Emy baut er unter<br />

anderem die neue Hammer-Villa. Auch sein Sohn Robert E. Naville wird mit seiner Familie<br />

hier residieren, bis 1984 der Zürcher Andrea von Planta, ein gebürtiger Bündner, die Anlage<br />

kauft und während Jahren komplett um- und ausbaut. Als ihm der «Hammer» sowohl<br />

finanziell als auch kräftemässig über den Kopf wächst, ist es der Aargauer Ariel Lüdi, der<br />

Ende 2013 hier einzieht und den «Hammer» erneut nach seinen Bedürfnissen umgestaltet.<br />

Ein Jahr will er sich dafür Zeit geben. Am Ende sind es drei. Vor allem die Hammer-Villa ist<br />

danach von innen kaum mehr wiederzuerkennen: Aus einem barocken Schlösschen mit<br />

unzähligen Zimmern macht Lüdi ein grosszügiges, luxuriöses Einfamilienhaus. Unter ihm<br />

wird der «Hammer» aber auch wieder das, was er einmal war: ein Unternehmenszentrum.<br />

Auch dass er die Kraft der Lorze nützt und seinen eigenen Strom produziert, verbindet ihn<br />

mit seinen Vorgängern: Energie ist von Anfang an eines der Kernthemen im «Hammer».<br />

Herausgeber Ariel Lüdi, Cham<br />

Text/Produktion Christoph Zurfluh, Muri (diemagaziner.ch)<br />

Gestaltung Nicole Laubacher, Muri (kuettel-laubacher.ch)<br />

Lektorat Michael van Orsouw, Zug (michaelvanorsouw.ch)<br />

Korrektorat Julia Schwegler-Wieland, Sarnen (korrigiert.ch)<br />

Bildredaktion Roger Zoller, Zürich<br />

Druck Schumacher Druckerei AG, Muri<br />

www.<strong>hammer</strong>cham.ch<br />

Dass der «Hammer» heute als schützenswertes Objekt gilt, liegt hingegen nicht daran,<br />

dass er architektonisch besonders wertvoll wäre. Es ist der einzigartige Charme des<br />

Ensembles, das schon immer vor allem die Geschichte seiner Besitzer erzählte. Es ist eine<br />

turbulente, mitunter berührende Geschichte, die mit Ariel Lüdi ihren vorläufigen Abschluss<br />

findet – und dank ihm in diesem Buch weiterlebt. Aber garantiert nicht endet.<br />

Christoph Zurfluh<br />

ISBN 978-3-033-06468-3<br />

© 2018 Ariel Lüdi, Cham, und Christoph Zurfluh, Muri<br />

33


DER «HAMMER»? DREI «HÄMMER»<br />

GEBEN DEN TAKT!<br />

In der Geschichte der Chamer Hammerschmieden<br />

herrschte lange Zeit Unklarheit.<br />

Bis die Geschichtsschreibung<br />

vor Kurzem Licht ins Dunkel bringen<br />

konnte. Heute ist klar: Es gab drei<br />

«Hämmer» an der Lorze. Und «unser<br />

Hammer» ist der unterste in der Reihe.<br />

35


Krieg in Europa: Die Eidgenossenschaft ist eine Insel<br />

Zug, 1635: In ganz Europa herrscht Krieg. Katholiken und Reformierte kämpfen um den<br />

wahren Glauben, Habsburger, Spanier, Schweden und Franzosen mit ihren Verbündeten<br />

um die Vorherrschaft in Europa. Der Dreissigjährige Krieg, der mit dem Prager Fenstersturz<br />

am 23. Mai 1618 seinen Anfang nimmt, ist in vollem Gange. Längst hat er sich vom Aufstand<br />

der protestantischen böhmischen Stände zum europäischen Flächenbrand mit 600 000<br />

toten Landsknechten und Millionen von zivilen Opfern entwickelt. Noch schlimmer als<br />

Morgensterne und Musketen wüten aber Hunger, Pest, Typhus und Cholera. Auf jeden in<br />

der Schlacht gefallenen Soldaten kommen zu dieser Zeit zwei, die an Krankheiten sterben.<br />

Doch von alledem ist im Herzen der Eidgenossenschaft wenig zu spüren. Obwohl die damalige<br />

Schweiz mitten im Brandherd liegt, kann sie sich aus dem Konflikt heraushalten<br />

und sogar wirtschaftlich davon profitieren. Politisch betroffen ist sie dennoch. Um ihren<br />

Einfluss zu stärken, halten sich alle Mächte Agenten und in ihrem Interesse agierende<br />

Schweizer, meist Reislaufoffiziere wie der Urner Sebastian Peregrin Zwyer von Evibach und<br />

der Zuger Beat Zurlauben, die über ihre militärische Karriere und mit ihrem politischen Einfluss<br />

zu Gunsten der verschiedenen Kriegsparteien auf die Innenpolitik einwirken sollen.<br />

Mit wenig Erfolg allerdings.<br />

Von besonderem Interesse, vor allem für die Habsburger, sind beispielsweise die Routen<br />

über die Alpenpässe, die den deutschen und den norditalienischen Kriegsschauplatz verbinden.<br />

Wer genügend Geld hat, deckt sich in der Schweiz ausserdem mit Nahrungsmitteln<br />

und anderen kriegswichtigen Gütern wie Pferden ein. Das macht das Land zum wichtigen<br />

Partner, von dem man vor allem dann profitiert, wenn man ihn in Ruhe lässt. Ganz abgesehen<br />

davon betonen die Eidgenossen immer wieder ihre Politik der Nichteinmischung<br />

und signalisieren, dass sie durchaus bereit sind, sich mit allen Mitteln zu verteidigen.<br />

So scheitern die Bemühungen der kriegführenden Mächte, das Machtvakuum inmitten<br />

Europas zu neutralisieren: Niemandem gelingt es, die Eidgenossenschaft exklusiv für sich<br />

zu verpflichten. Aber alle profitieren von ihrem wichtigsten Exportgut: den Söldnern.<br />

Gerade in Landkantonen wie Zug wird zu jener Zeit das Militärunternehmertum zum herausragenden<br />

und praktisch einzigen bedeutenden Wirtschaftszweig, der so viele fähige<br />

Köpfe bindet, sodass sich – im Gegensatz zu den Stadtkantonen – kein anderer so richtig<br />

entwickeln kann. Wenige Familien bringen es zu grossem Reichtum, und unzählige einfache<br />

Männer finden im Solddienst ein Auskommen, das ihnen immerhin das Überleben<br />

sichert – bis sie im Kampf fallen, an einer Krankheit sterben oder im besten Fall unverkrüppelt<br />

zurückkehren.<br />

Not, Elend, Tod: Der<br />

Dreissigjährige Krieg<br />

verwüstete grosse Teile<br />

Europas – hier die<br />

Plünderung des<br />

belgischen Dorfes<br />

Wommelgem um 1620.<br />

Die Eidgenossenschaft<br />

blieb allerdings weitgehend<br />

verschont.<br />

Im Kanton Zug ist es vor allem die Familie Zurlauben, die mit ihrem Militärunternehmertum<br />

zu einigem Reichtum kommt und dank ihrem Geld und Einfluss in die höchsten politischen<br />

Ämter aufrückt. Den Grundstein legt 1567 Anton Zurlauben, der das Regiment<br />

Pfyffer des französischen Königs Karl IX. mit Urschweizer Haudegen versorgt. Von 1619 bis<br />

zum Ausbruch der Französischen Revolution wird die Familie Zurlauben für Nachschub im<br />

königlichen Garderegiment von Frankreich sorgen, der stolzesten Söldnertruppe, in die<br />

ausschliesslich Eidgenossen aufgenommen werden: Sie bewachen den König als dessen<br />

Leibgarde Tag und Nacht. Daneben befehligen die Zurlaubens auch weitere Truppen in<br />

fremden Diensten.<br />

Dass die damalige Schweiz sich aus den Kriegswirren heraushalten kann, liegt nicht zuletzt<br />

am minimalen politischen Konsens, den man über alle konfessionellen, politischen und sozialen<br />

Gräben hinweg zustande bringt. Ein Leben-und-leben-Lassen, das vermutlich auch<br />

zum Entscheid der Stadt Zug beigetragen haben mag, auswärtigen Unternehmern die Erlaubnis<br />

zur Errichtung einer Sägessen- oder Hammerschmiede an der Lorze zu geben …<br />

36 37


lte Zöpfe –<br />

lanker Neid:<br />

uger Wirtschaftsolitik<br />

im 17. und<br />

8. Jahrhundert<br />

Alte Zöpfe – blanker Neid:<br />

Zuger Wirtschaftspolitik<br />

im 17. und 18. Jahrhundert<br />

Weshalb die frühindustrielle Entwicklung in der Innerschweiz auf keinen fruchtbaren<br />

Boden trifft, hat viele Gründe. Einer davon ist bestimmt die konservative,<br />

vergangenheitsorientierte Bergler- und Bauernmentalität. Zwar stellt das ländliche<br />

Gebiet durchaus einen Markt für frühe Industriebetriebe dar, beispielsweise für die<br />

Zürcher Textilindustrie, die hier in Heimarbeit produzieren lässt, doch es siedelt sich<br />

– einmal abgesehen von den Mühlen – kaum ein Unternehmen an, das Handwerk<br />

mit Mechanik unterstützt, wie es bei den Hammerschmieden der Fall ist.<br />

Das Soldwesen war<br />

ein wichtiger Wirtschaftszweig:<br />

hier der<br />

Zuger Zuzüger Johann<br />

Baptist Brandenberg<br />

(Bild von 1792).<br />

Rechts: Fuhrmann<br />

auf dem Zuger<br />

Schanzenplatz, dem<br />

heutigen Postplatz.<br />

So fehlt auch der Zuger Obrigkeit das Verständnis für eine Mechanisierung bzw.<br />

vorindustrielle Entwicklung. Wirtschaftliches Wachstum gibt es in ihrem Denken<br />

nicht. Und man setzt vehement auf Handwerk, wie es die Gewerbebetriebe – durchaus<br />

in hoher Qualität – seit Menschengedenken ausüben.<br />

Hinzu kommt, dass man zu jener Zeit in allen fünf Innerschweizer Orten Uri,<br />

Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug das Soldunternehmertum pflegt. Wenige<br />

Familien ziehen hier die Fäden und bringen es zu Reichtum und Ansehen – und<br />

viele andere profitieren davon. Kein Wunder, halten sie so lange als möglich daran<br />

fest und zeigen kein Interesse, in andere Wirtschaftsbereiche einzusteigen. Dieses<br />

Geschäft ist anspruchsvoll und braucht Kenntnisse, die ein einfacher Handwerker<br />

schlichtweg nicht haben kann. Mit der Folge, dass jene klugen Köpfe, die es zur Industrialisierung<br />

brauchen würde, bereits ans Militärunternehmertum gebunden<br />

sind und nicht mehr zur Verfügung stehen.<br />

Diese These bestätigt auch die Tatsache, dass es noch lange Zeit fast durchwegs<br />

Auswärtige sind, die in Zug die Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung<br />

vorantreiben. Dass dies in der Regel Reformierte sind, die auch eine reformierte<br />

Arbeiterschaft mitbringen, ist ein weiterer Grund für die ablehnende Haltung der<br />

politischen Elite. Und sie nährt auch immer wieder Neid und Missgunst in der Bevölkerung,<br />

die zu Recht fürchtet, allmählich den Anschluss zu verpassen. Die Zuger<br />

Landis & Gyr rekrutierte ihre Fachkräfte beispielsweise bis in die 1980er-Jahre in der<br />

ganzen Schweiz; ihre Arbeiterinnen und Arbeiter stammten vor allem aus Italien.<br />

38<br />

39


Ein einziges Desaster: der erste «Hammer» (1635/36)<br />

Sein Ärger muss gross gewesen sein: Ausgerechnet über den Kopf von Ammann Beat<br />

Zurlauben hinweg bewilligt der Rat der Stadt Zug, unter dessen Hoheit die Vogtei Cham-<br />

Ennetsee steht, einem Konsortium von reformierten St. Galler Kaufleuten Bau und Betrieb<br />

einer Hammerschmiede an der Lorze in Cham. Die auswärtigen Unternehmer haben wohl<br />

schlichtweg vergessen, den einflussreichen Zuger für sich zu gewinnen. Stattdessen wickeln<br />

sie den Handel über Statthalter Wolfgang Wickart ab – einen Intimfeind Zurlaubens.<br />

Unglücklicher hätte die Geschichte des ersten Chamer «Hammers» also nicht beginnen<br />

können. Von Anfang an ist klar, dass Beat Zurlauben schon den kleinsten Verstoss gegen<br />

die Auflagen der Zuger Regierung gnadenlos ahnden und dazu benützen würde, den<br />

«fremden Fötzeln» das Leben schwer zu machen. Auch die Bevölkerung ist gespalten. Opposition<br />

gegen das Projekt zeichnet sich ab. Es riecht nach Konflikt.<br />

Was genau die St. Galler Kaufleute (die Erben von Kaspar Schlumpf dem Älteren sowie<br />

Junker Daniel Zollikofer und Verwandte) dazu veranlasst, ausgerechnet in Cham, weit weg<br />

von ihrem Stammgebiet, eine Hammerschmiede zu bauen und damit einen für sie völlig<br />

neuen Geschäftszweig zu etablieren, ist bis heute nicht ganz klar. Die Lorze war sicher<br />

nicht ausschlaggebend. Ein Wasserrad braucht nicht die Dimensionen der Lorze, wie bescheidenere<br />

Beispiele in Frankreich zeigen. Und es kann auch kaum die Überlegung dahinter<br />

gesteckt haben, dass es doch ganz nett wäre, ein neues Geschäft aufzubauen. Dann<br />

hätten sie dies in der Nähe von Zürich oder St. Gallen getan und – in einer Zeit grösster<br />

konfessioneller Spannungen – nicht einen Standort im katholisch-konservativen «Feindesland»<br />

gewählt, wo sie im besten Fall geduldet, aber nie wirklich willkommen sein würden.<br />

Vielleicht ist es der Innerschweizer Bergbau, der zu dieser Zeit in Uri und Obwalden eine<br />

kurze Blüte erlebt: Aufgrund der beschwerlichen Transportwege macht es Sinn, seine Produktionsstätte<br />

so nah am Rohmaterial wie möglich zu betreiben. Denn obwohl es zu jener<br />

Zeit keine Businesspläne im heutigen Sinn gibt, ist den Unternehmern ökonomisches Denken<br />

nicht fremd und die Rechnung schnell gemacht: Je weiter ich eine Ware transportieren<br />

muss, desto mehr Zollabgaben muss ich leisten, was das Produkt (vor allem ein so schwerwiegendes<br />

wie Eisen) über die Massen verteuert. Ausserdem geht es darum, möglichst nah<br />

am Absatzmarkt zu sein. Sensen, die in der Hammerschmiede hergestellt werden sollen,<br />

braucht man genau hier, im Bauern- und Hirtenland der Zentralschweiz.<br />

Kupfer<strong>hammer</strong> und<br />

Papiermühle an der<br />

Lorze auf einer Karte<br />

von Heinrich Keller<br />

(1778–1862) aus dem<br />

Jahr 1828.<br />

40 41


So sind es also St. Galler Kaufleute, welche die Bewilligung für den Bau und Betrieb einer<br />

Hammerschmiede vor der ersten Gefällstufe der Lorze, etwa 800 Meter oberhalb der<br />

heutigen Liegenschaft Hammer, bekommen. Dafür haben sie eine Reihe von Abgaben zu<br />

leisten, müssen – theoretisch – jedem Zuger eine verbilligte Sense zum Eigengebrauch<br />

abgeben, dürfen im Kanton lediglich Bauholz, aber nicht Holzkohle beziehen, die sonst<br />

möglicherweise knapp geworden wäre, und verpflichten sich, als Hammerschmied einen<br />

Katholiken anzustellen; das Gesinde darf zwar reformiert sein, den eigenen Glauben aber<br />

nicht öffentlich ausüben. Ausserdem dürfen sie die Lorze unter gar keinen Umständen<br />

höher als 2 Schuh (60,8 Zentimeter) stauen, um die Seeabsenkung nicht zu gefährden. Im<br />

Gegenzug verpflichtet sich Zug, auf Stadtgebiet niemand anderem die Konzession zum<br />

Betrieb einer Hammerschmiede zu geben.<br />

Schon bevor die St. Galler mit dem Bau ihrer gross dimensionierten Anlage beginnen, die<br />

wohl mehrere Hämmer umfasst, sorgt der übergangene Beat Zurlauben für Unruhe: Dass<br />

der Rat dem Projekt zugestimmt habe (und zwar zweimal!), entspreche keineswegs der<br />

Wahrheit. Wirklich zum Kippen bringt er das Unternehmen aber erst, als sich herausstellt,<br />

dass die Stauhöhe tatsächlich überschritten wurde, obwohl er die Verantwortlichen schon<br />

im Vorfeld gewarnt hat, man würde ihnen die Lizenz sofort entziehen, wenn dies der Fall<br />

sein sollte.<br />

Die Stimmung kippt im Sommer 1636, als die Zuger Bürgergemeinde beschliesst, die<br />

Schmiede wieder zu schliessen. Zollikofer muss den Betrieb einstellen. Da er in der Zwischenzeit<br />

eine Menge Schulden hat, muss er das Inventar, das sich «unter dem Dach der<br />

Schmiede» befindet, so lange als Pfand zurücklassen, bis diese beglichen sind.<br />

Bestimmt trägt auch der Dreissigjährige Krieg zu diesem Entscheid bei: Die Handels- und<br />

Verkehrswege sind davon stark beeinträchtigt. Sensen – etwa aus dem Tirol – finden kaum<br />

mehr den Weg nach Zug. Gewiefte Unternehmer wie Zollikofer und Schlumpf können da<br />

schon mal auf die Idee kommen, ihr Geschäft in der Zentralschweiz aufzuziehen. Stellt sich<br />

einzig die Frage, warum denn die Zuger dies nicht selber gemacht haben. Lag es am fehlenden<br />

Know-how? Oder – viel wahrscheinlicher – an der fehlenden Innovationsbereitschaft?<br />

Denn die Hammerschmiede an der Lorze basiert auf einer völlig neuen Wirtschaftsform:<br />

Auswärtiges, fremdes Kapital baut mit auswärtigem Know-how und auswärtiger Belegschaft,<br />

die erst noch anderer Konfession ist, ein frühindustrielles Unternehmen!<br />

Unternehmerfamilien<br />

wie die Zollikofers<br />

machten St. Gallen<br />

zum Zentrum der<br />

Leinenindustrie.<br />

Zollikofer zieht sich zähneknirschend zurück – finanziell derart angeschlagen, dass er die<br />

Zuger wissen lässt, der Verlust werde seiner Familie noch über Generationen zu schaffen<br />

machen. Was nichts anderes bedeutet, als dass er – zumindest nach eigenem Ermessen –<br />

riesige Summen ins Unternehmen investiert hat. Denn die Familie Zollikofer hat Geld. So<br />

viel Geld, dass sie eine Art «Risikokapital» ins Chamer Projekt stecken konnte. Unternehmerfamilien<br />

wie die Zollikofers waren es nämlich, welche die Stadt St. Gallen im 16. Jahrhundert<br />

zum Zentrum der Leinenindustrie gemacht und ihre Ge<strong>web</strong>e nach ganz Europa<br />

exportiert hatten. Das Chamer Abenteuer hingegen kommt sie teuer zu stehen.<br />

Erleichtert darüber, dass die «lutherische Schmitte» (so das Ratsprotokoll) nun definitiv<br />

Geschichte ist, lassen die Zuger diese einfach mal so stehen; immerhin gehört sie de facto<br />

auch noch Zollikofer. Schliesslich übernimmt ein Färber das Grundstück – und damit endet<br />

die Geschichte des ersten Chamer «Hammers». Erst zwanzig Jahre später steigen ein paar<br />

Einheimische ins Geschäft ein und errichten den zweiten «Hammer».<br />

42 43


ie Hammerchmiede:<br />

Die Hammerschmiede:<br />

Mechanisierung als<br />

Vorstufe der Industrialisierung<br />

So geht das: Der Eisen<strong>hammer</strong><br />

im sächsischen<br />

Dorfchemnitz aus dem<br />

Jahr 1567 ist immer noch<br />

funktionsfähig.<br />

Es kommt nicht von ungefähr, dass die ersten vorindustriellen Betriebe im Kanton<br />

Zug an der Lorze gebaut werden. Die Wasserkraft des kleinen Flusses ermöglicht<br />

eine Mechanisierung der Produktionsprozesse, so wie sie die mächtigen Hämmer<br />

der Hammerschmieden darstellen.<br />

Auch der «Hammer» nutzt das Wasser der Lorze, die ein vier bis fünf Meter hohes,<br />

unterschlächtiges Wasserrad – die älteste und einfachste Form – antreibt. Dabei<br />

wird das Wasser durch einen dem Rad angepassten Kanal (Kropf) geleitet, der ver­<br />

echanisierung<br />

hindert, dass es ungenutzt seitlich oder unterhalb vorbeifliesst.<br />

ls Vorstufe<br />

er Indutrialisierung<br />

Parallel zur Verlängerung der Achse des Wasserrads dreht sich in der eigentlichen<br />

Schmiede eine Nockenwelle, die einen oder auch mehrere Schwanzhämmer im<br />

Rhythmus des Wasserrads anhebt und auf das zu schmiedende Teil niedersausen<br />

lässt. Der Schmied braucht das glühende Werkstück also nur noch richtig unter den<br />

Hammer zu halten und muss es nicht mehr aus eigener Kraft bearbeiten, was nicht<br />

bloss eine enorme Erleichterung, sondern auch eine massive Effizienzsteigerung<br />

bedeutet. Daneben befinden sich die Esse und ein – ebenfalls durch Wasserkraft<br />

betriebener – grosser Blasbalg, welcher der Glut Luft zuführt.<br />

Aufgrund der enormen Feuergefahr ist das Gebäude nicht aus Holz, sondern gemauert<br />

und mit Ziegeln bedeckt. Das hat seinen Preis, ist aber so etwas wie die Feuerversicherung<br />

des Unternehmens.<br />

Die Arbeit im «Hammer» verlangt von den Schmieden – bei ohrenbetäubendem Lärm<br />

– ein Höchstmass an Konzentration. Eine falsche Bewegung und der Hammer zerschmettert<br />

das Werkstück. Doch Materialverluste sind nur das eine. Die Verletzungsgefahr<br />

ist aufgrund fehlender Schutzmassnahmen enorm, die Folgen sind verheerend.<br />

Der «Hammer» stellt eine frühe Form der Industrialisierung dar, die lediglich darin<br />

besteht, dass eine einfach konstruierte Maschine, die weder müde wird noch Gnade<br />

kennt, den Arbeitstakt vorgibt. Braucht der Schmied eine Pause, kann er den Hammer<br />

abhängen und die Nockenwelle leer drehen lassen – was allerdings unüberhörbar<br />

ist und deshalb nicht allzu häufig gemacht werden kann …<br />

44<br />

45


Vergleichsweise bescheiden: der zweite «Hammer» (1657)<br />

Es dauert eine Weile, bis sich nach dem St. Galler Fiasko wieder jemand ein Herz fasst<br />

und eine neue Hammerschmiede in Cham installiert. Dieses Mal sind es Einheimische, die<br />

irgendwo unterhalb der ersten Gefällstufe der Lorze eine Nagelschmitte betreiben: den<br />

zweiten «Hammer». Der genaue Standort ist heute nicht mehr bekannt. Allerdings dürfte<br />

der zweite «Hammer» bereits in der Nähe des dritten gestanden haben. Möglicherweise<br />

sogar in unmittelbarer Nähe, was zur Verwirrung beigetragen haben könnte, die bisher in<br />

der Geschichte der Chamer «Hämmer» herrschte.<br />

Nicht nur, dass viele Stellen in den Zuger Ratsprotokollen fälschlicherweise als Hinweise<br />

auf Hammerschmitten betrachtet wurden, obwohl es sich bloss um ganz gewöhnliche<br />

Schmiedebetriebe handelte. Man ging bisher auch von lediglich zwei Hammerschmitten<br />

aus, weshalb der dritte «Hammer» über dreissig Jahre zu früh in den Geschichtsbüchern<br />

auftaucht. Erst die Forschungsarbeiten des ehemaligen Zuger Staatsarchivars Peter Hoppe<br />

schafften hier vor Kurzem Klarheit: Es gab definitiv drei «Hämmer» an der Lorze. Und der<br />

heute als «Hammer» bekannte Ort ist der letzte.<br />

Von seinen Ausmassen her ist der zweite «Hammer» nicht vergleichbar mit dem ersten,<br />

grossen «Hammer» Zollikofers. Dass es aber eine Hammerschmiede ist, davon kann ausgegangen<br />

werden, denn sonst hätte man ihn ja nicht an die Lorze bauen müssen. Allerdings<br />

werden hier kaum Werkstücke in der Dimension von Glockenschwengeln geschmiedet,<br />

sondern vor allem Nägel, möglicherweise auch Waffen produziert. Vermutlich mit mechanisch<br />

betriebenen, kleineren Hämmern, die pro Minute 120 bis 180 Mal niederprasseln. Es<br />

muss ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein – ein guter Grund also, die Anlage weit<br />

ausserhalb des Dorfes zu bauen. Ist die Nachfrage nach Nägeln nicht gegeben, können die<br />

Hämmer abgehängt oder andere Schmiedearbeiten ausgeführt werden.<br />

Dass der zweite «Hammer» auch nach dem Bau des dritten weiter betrieben wird, belegen<br />

die Zuger Ratsprotokolle. Noch im 18. Jahrhundert gibt es immer wieder Hinweise darauf,<br />

dass sich die beiden Etablissements arrangieren und versprechen mussten, einander nicht<br />

ins Handwerk zu pfuschen. Die beiden bilden also so etwas wie ein kleines Kartell, das sich<br />

im Hinblick auf Produktion und Preise abspricht, was damals nicht unüblich war.<br />

Eine Hammerschmiede<br />

Mitte des 16. Jahrhunderts:<br />

Im sogenannten<br />

Rennofen hinten<br />

schmilzt das Eisenerz,<br />

vorne wird das Werkstück<br />

unter dem<br />

Hammer bearbeitet.<br />

46 47


Dr. Müllers «Chupferstrecki»: der dritte «Hammer» (1690)<br />

Als in den Zuger Ratsprotokollen der dritte und letzte «Hammer» erstmals auftaucht, wird<br />

– vermutlich nur einen Steinwurf entfernt – bereits seit 33 Jahren mit mechanischer Unterstützung<br />

geschmiedet. Der dritte «Hammer», den ein Dr. Müller aus Zug baut, wird zwar<br />

deutlich grösser als die Konkurrenz «um die Ecke», aber vermutlich erreicht auch er nicht<br />

die Dimensionen des ersten, den Zollikofer 55 Jahre früher gebaut hat.<br />

Da wohl in erster Linie Kupfer verarbeitet wird, erhält dieser «Hammer» später den Namen<br />

«Chupferstrecki». Doch die Vermutung liegt nahe, dass auch andere Schmiedewaren produziert<br />

werden. Und die Geschichte zeigt, dass es kein einfaches Geschäft ist. Immer wieder<br />

wechselt der «Hammer» den Besitzer, wobei sich die Zuger dagegen wehren, dass<br />

Auswärtige oder gar Reformierte in den Besitz des Betriebs kommen.<br />

Um 1730 ist ein Hauptmann Johann Utiger Besitzer des «Hammers», der sich in der Folge<br />

aber als wenig rentabel erweist. Utiger nimmt 1766 bei der Stadt eine Hypothek von 2000<br />

Gulden auf den «Hammer» auf, der bereits mit 3400 Gulden hoch verschuldet ist. 1778<br />

geht der «Hammer» an einen Sylvan Schwerzmann über, der allerdings nur als Strohmann<br />

reicher Luzerner fungiert, die als Auswärtige nicht kaufberechtigt sind. Es kommt deswegen<br />

zum Streit. Hans Jakob Villiger ist ab 1792 der letzte Schmied, der den «Hammer»<br />

auch besitzt. Aber er ist nicht der Letzte, der am Unternehmen scheitert. 1813 verkauft er<br />

das Ganze an den Zuger Melchior Schwerzmann und die Chamer Ratsherren Ulrich Stutz<br />

und Josef Bär.<br />

Dann geht es Schlag auf Schlag: Der «Hammer» wechselt seinen Besitzer jetzt im<br />

Schnellzugstempo. Das zeigen die Eintragungen im Verzeichnis der Brandschutz-Versicherungs-Anstalt,<br />

die auf Beschluss der Zuger Landsgemeinde 1813 eingeführt wird. Die<br />

Hammerschmiede am Lorzenufer in Cham trägt die Nummer 114 und fällt vor allem dadurch<br />

auf, dass sie ab 1820 von einer Hand in die andere geht: von Stutz und Bär 1821 an<br />

Stadtschreiber Bossard von Zug, nur ein halbes Jahr später wieder an Bär, der ihn an den<br />

auswärtigen Heinrich Häberli aus Knonau verpachten darf, da dieser als sein «Dienstbote»<br />

zu betrachten sei. Schliesslich kauft dessen Schwiegervater Aloys Bernauer von Gippingen<br />

bei Koblenz den «Hammer». Dies ist bloss deshalb möglich, weil Bernauer katholisch ist<br />

und sich verpflichtet, den Betrieb nie einem Reformierten zu vererben.<br />

Trügerische Idylle:<br />

Das Leben der Zuger<br />

Bauern – hier um 1838<br />

– war hart. Viele von<br />

ihnen waren hochverschuldet.<br />

Warum die Chamer Hammerschmiede von einem Konkurs in den andern schlittert, mag<br />

daran liegen, dass das Geschäft material- und damit kapitalintensiv ist. Die ganze Produktion<br />

inklusive die teuren Rohstoffe vom Eisen über das Kupfer bis zur Holzkohle, die es in<br />

grossen Mengen zum Betrieb braucht, muss auf lange Zeit vorfinanziert werden. Gerade<br />

die Bauern können in der Regel erst dann bezahlen, wenn sie ihre Ernte abgesetzt haben.<br />

Bei Missernten bleiben sie dem Unternehmen die geforderten Summen schuldig. Nicht<br />

selten deshalb, weil sie ohnehin schon bis unter den letzten Dachziegel verschuldet sind,<br />

was zu jener Zeit gang und gäbe ist: Mittel- und Unterschicht sind oft gleich mehrere<br />

Zinsraten im Rückstand, was auch ihre Gläubiger in Liquiditätsengpässe bringt und viele<br />

Bauern- und Gewerbebetriebe in den Ruin treibt.<br />

Das dürfte auch beim «Hammer» der Fall gewesen sein. Bis zu jenem Zeitpunkt, als Johann<br />

Jakob Vogel-Nötzli auftaucht und eine neue Ära einläutet. Der Zürcher Eisenhändler übernimmt<br />

den «Hammer» 1825 von Bernauer, der mit dem Betrieb ebenfalls hohe Verluste<br />

eingefahren hat – doch der Kauf geht nicht ohne Misstöne über die Bühne …<br />

48 49


emde Fötzel,<br />

Fremde Fötzel, falscher Glaube:<br />

alsche Gläubige:<br />

Abschottung als Teil<br />

der katholisch-konservativen Kultur<br />

Gutes Geld: Auf den<br />

Zuger Märkten wie<br />

dem Schweinemarkt<br />

Ausgerechnet dann, als die reformierten St. Galler im katholischen Stammland nach<br />

auf dem Postplatz<br />

einer Bewilligung für ihre Hammerschmitte nachsuchen, verschärfen sich die konfessionellen<br />

Gegensätze in der Eidgenossenschaft wieder. Zwar herrscht, etwa zwi­<br />

bschottung<br />

1839 waren Auswärtige<br />

willkommen. Sie<br />

schen dem katholischen Zug und dem benachbarten reformierten Zürich, kein kalter<br />

Krieg. Im Gegenteil: Die Bevölkerung ist bemüht, gute Beziehungen zu pflegen.<br />

waren es auch, welche<br />

die Industrialisierung<br />

Schliesslich geht es auch ums Geschäft – die Zürcher kommen nach Zug auf den<br />

vorantrieben – zum<br />

Beispiel der Amerikaner<br />

George Page<br />

im Kanton niederlassen.<br />

Markt und bringen gutes Geld. Doch will man nicht, dass sich die «fremden Fötzel»<br />

bei der «Milchsüdi».<br />

Manchmal lässt sich das allerdings nicht verhindern, vor allem, wenn Fachkräfte<br />

gebraucht werden. Dann geht es um Schadensbegrenzung. So heisst es im Vertrag<br />

ls Teil der kathoisch-konservativen<br />

zwischen der Stadt Zug und Schlumpf & Zollikofer von St. Gallen denn auch, dass<br />

der Meister Hammerschmied und seine Familie katholisch sein müssen, dann dürften<br />

sein Gesinde und der Diener der St. Galler Unternehmer vor Ort reformiert sein.<br />

Natürlich unter der Auflage, dass sie ihren Glauben nicht öffentlich ausüben.<br />

Die Politik der konfessionellen Abschottung hält bis weit ins 19. Jahrhundert an, teilweise<br />

sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein. Es erstaunt nicht, dass bei der ersten eidgenössischen<br />

Volkszählung von 1850, zwei Jahre nach Gründung des Bundesstaats, in Cham 1300<br />

Katholiken und gerade mal 22 Protestanten leben! Das Häufchen Andersgläubiger verschanzt<br />

sich gewissermassen auf einer Insel: rund um den «Hammer» und die «Papieri».<br />

Es ist ein interessantes Phänomen, dass sich das konfessionelle und fremde Element<br />

wie ein roter Faden durch die ganze «Hammer»-Geschichte zieht oder sogar durch<br />

die ganze Industriegeschichte von Cham und des Kantons Zug. Immer wieder sind<br />

es Auswärtige, oft Nichtkatholiken, die ins Zugerland kommen, um die wirtschaftliche<br />

Entwicklung voranzutreiben: vom Zürcher Eisenhändler Johann Jacob Vogel,<br />

der den «Hammer» übernimmt, bis zu George Page, der die Anglo-Swiss Condensed<br />

Milk Company gründet, die 1905 mit Nestlé fusioniert.<br />

ultur<br />

Im «Hammer» selber zieht sich das «fremde Element» bis heute durch: Auf die<br />

Dynastie der reformierten Zürcher Vogel folgt jene der calvinistischen Naville. Mit<br />

dem gebürtigen Bündner Andrea von Planta endet zwar die Verbindung mit der<br />

«Papieri»-Geschichte, aber auch er ist ein Zugezogener. Diese «Tradition» setzt heute<br />

der jüngste Besitzer, der Aargauer Ariel Lüdi, fort …<br />

50 51


Der «Hammer» um 1900:<br />

Rund um die alte Hammer-<br />

Villa (ganz rechts) wurde<br />

ein grosser Park angelegt.<br />

Im Riegelbau in der Mitte<br />

war die eigentliche Schmitte<br />

untergebracht.<br />

52 53


«DIE VOGELS WAREN<br />

BESTIMMT<br />

NICHT WILLKOMMEN»<br />

Alt Staatsarchivar Peter Hoppe über falsch interpretierte Quellen,<br />

unerklärliche Entscheide und ungeliebte Unternehmer.<br />

Herr Hoppe, Sie bringen erstmals Ordnung in die Geschichte der Chamer Hammerschmitten.<br />

Woher kam eigentlich das Durcheinander?<br />

Weil man die Quellen falsch interpretierte. Oft glaubte man, eine Stelle beziehe sich auf<br />

eine Hammerschmitte, obwohl es sich nur um eine gewöhnliche Schmiede handelte, von<br />

denen es in Zug einige gab. Dann wurde der kleinere, ältere Stadtzuger «Hammer» mit<br />

dem ersten Chamer «Hammer» verwechselt, so dass die Existenz des letzteren lange verborgen<br />

blieb. Und schliesslich gab es auch noch eine Verwirrung zwischen dem zweiten<br />

und dem dritten «Hammer».<br />

Und warum glauben Sie, dass es drei und nicht bloss zwei «Hämmer» waren?<br />

Wenn man die Zuger Ratsprotokolle anschaut, sieht man im 18. Jahrhundert, dass der Kupfer<strong>hammer</strong><br />

(der dritte) und die Nagelschmitte (der zweite) unterschiedliche Objekte sein<br />

müssen. Denn es gibt Stellen, an denen die beiden in einen direkten Zusammenhang gestellt<br />

werden.<br />

Wir wissen, wo der erste «Hammer» war und wo der dritte ist. Wo war denn der zweite?<br />

Das kann ich nicht genau sagen. Mit Sicherheit war er unterhalb der ersten Gefällstufe der<br />

Lorze, also zwischen «Hammer» eins und drei.<br />

Egal, von welchem «Hammer» wir sprechen: Ein Thema taucht immer wieder auf –<br />

die Holzkohle. Weshalb eigentlich?<br />

Weil man grosse Mengen davon brauchte, um eine Schmiede zu betreiben. Es ging dabei<br />

weniger um den Preis als um einen möglichen Mangel: Es gab nicht genug, und dann hätte<br />

es Lieferprobleme mit anderen Handwerkern geben können, die auch Holzkohle brauchten.<br />

Ein Zuger Phänomen?<br />

Keineswegs! Wir finden das auch in Zürich. Wälder waren die Ressource schlechthin. Wenn<br />

nun also ein «protoindustrieller» Unternehmer mit einem grossen Bedarf an Holzkohle<br />

sich ansiedeln wollte, knüpfte man an die Konzession oft die Auflage, dass er die Holzkohle<br />

auswärts besorgen musste.<br />

Es gibt mehrere Gründe, weshalb reformierte St. Galler im fernen Cham eine Hammerschmitte<br />

aufbauten. Könnte es auch eine Frage des Know-hows gewesen sein?<br />

Das kommt für mich am wenigsten in Frage. Know-how kann man sich beschaffen. Die<br />

St. Galler hatten es ja auch nicht. Ausserdem war die Branche nicht so furchtbar komplex, dass<br />

es dazu den Entwicklungsprozess übers Know-how zum Unternehmer brauchte. Wichtig<br />

waren ökonomisches Denken und ein Schmiedmeister, der zum Rechten schaute.<br />

Der erste «Hammer» war gross dimensioniert. Beschäftigte er auch viele Arbeiter?<br />

Das ist schwierig zu sagen. Wir finden in den Quellen zum endgültigen Aus des «Hammers»<br />

sinngemäss die Meldung: «Die hauen einfach ab, obwohl sie viele Schulden gemacht haben.»<br />

Das bedeutet: Es war eine ganze Anzahl von Leuten, die sich auf und davon machte. Eine<br />

genaue Zahl möchte ich allerdings nicht nennen.<br />

Für die Zuger war es von enormer Bedeutung, dass die Stauhöhe nicht überschritten<br />

wurde, weil dadurch die Seeabsenkung in Frage gestellt worden wäre. Warum hat man<br />

die Konzession denn trotzdem für einen Platz vor der ersten Gefällstufe erteilt? Weiter<br />

unten hätte das keine Rolle mehr gespielt.<br />

Das frage ich mich auch. Es macht tatsächlich keinen Sinn. Nachvollziehbar ist hingegen<br />

der Beschluss der Zuger, Zollikofer wegzuschicken. Er hatte die Stauhöhe nämlich massiv<br />

überschritten, was grosse Auswirkungen hatte auf den Pegelstand des Sees.<br />

54 55


Der erste «Hammer» überlebte zwar nicht lange, aber er hätte eine Initialzündung für<br />

eine vorindustrielle Entwicklung sein können. Doch nichts passierte …<br />

Das ist tatsächlich erstaunlich: Was in dieser Richtung entstand, scheint alles zufällig und<br />

hat keine Dynamik. Offenbar war es den Zugern nicht wichtig. Zug war aber auch eine<br />

kleine Stadt. Als die «Papieri» kam, hatte man noch nicht mal eine Buchdruckerei!<br />

Es sind immer wieder Auswärtige, die für einen gewissen Drive sorgen. Allerdings selten<br />

zur Freude der Einheimischen.<br />

Das stimmt: Als die Vogels kamen, waren sie bestimmt nicht willkommen. Man konnte<br />

aber einfach nicht anders, als ihnen den «Hammer» zu überlassen. Der «Hammer» war<br />

also eine Insel. Aber je länger je mehr arbeiteten dort auch Einheimische. Dadurch wurden<br />

die Zuzüger Teil der Gemeinde.<br />

Der Historiker Peter Hoppe (geboren 1946) war mehr als dreissig Jahre Staatsarchivar<br />

des Kantons Zug. Unter seiner Leitung wurde das Archiv zum Dokumentationszentrum<br />

der Verwaltung und zur Kompetenzstelle für das Archivwesen im Kanton Zug.<br />

Seine Recherchen zu den beiden Seeabsenkungen brachten unlängst auch mehr<br />

Klarheit in Bezug auf die Chamer Hammerschmitten.<br />

Das «Chalet» um 1915:<br />

Es wurde in mehreren<br />

Etappen zum schmucken<br />

Riegelbau erweitert.<br />

Danach entstand daraus<br />

die neue Hammer-Villa<br />

im Stil eines barocken<br />

Schlösschens.<br />

56 57


VOM EINFACHEN GEWERBEBE-<br />

TRIEB ZUR REPRÄSENTATIVEN<br />

LIEGENSCHAFT: DIE ÄRA VOGEL<br />

Innerhalb von drei Generationen bringen<br />

die Zürcher Kaufleute und Roheisenhändler<br />

der Familie Vogel die einfache<br />

Hammerschmiede auf Touren, bauen<br />

die Liegenschaft zum repräsentativen<br />

Herrensitz aus, inklusive Park, französischem<br />

Garten, Vorzeigebauernhof und<br />

Pferdestallungen. Und sie setzen erfolgreich<br />

auf die kleine Papiermühle in<br />

der Nähe, die sie zur modernen Papierfabrik<br />

machen.<br />

59


Ein schlauer Trick: Wie Vogel zum «Hammer» kommt<br />

Der arme Heinrich Häberli, der für seinen Schwiegervater Aloys Bernauer den Chamer<br />

«Hammer» in den 1820er-Jahren betreibt, hat wenig Grund zur Freude. Immer mehr Schulden<br />

türmen sich auf, und er sucht verzweifelt nach einem Käufer. Den findet er im Zürcher<br />

Roheisenhändler Johann Jakob Vogel, mit dem er schon seit geraumer Zeit geschäftet.<br />

Bernauer, der auch bei Vogel tief in der Kreide steht, weil er von ihm grosse Eisenlieferungen<br />

erhalten hat, hofft, mit dem Verkauf des Betriebs die Schulden loszuwerden. Für den<br />

Händler andererseits geht es darum, den Verlust in Grenzen zu halten. Ausserdem liegt<br />

die Überlegung nahe, dass Vogel seine Eisenhandlung mit fertigen Produkten anreichern<br />

will. Dass Cham von Zürich aus vergleichsweise gut erschlossen ist, mag ein weiteres Argument<br />

für ihn sein.<br />

Doch Vogel hat ein Problem: Er ist Zürcher und reformiert – schlechtere Voraussetzungen,<br />

um im erzkatholischen Cham etwas kaufen zu können, gibt es nicht. Als Bernauer und<br />

Vogel im Herbst 1825 den Kaufvertrag vom Chamer Rat absegnen lassen wollen, stossen<br />

sie auf erbitterten Widerstand. Gegen einen Kauf durch Vogel spreche schon die Tatsache,<br />

dass «die römisch-katholische Religion die einzige unseres Kantons» sei, Reformierte hier<br />

also nichts zu suchen hätten. Ausserdem habe man von den Zürchern keine Garantie, dass<br />

sie die Zuger ebenso fair behandeln würden.<br />

Bernauer ist enttäuscht. Aber Vogel lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Und er hat<br />

einen Plan: Er lässt Bernauer den «Hammer» noch einmal um den horrenden Betrag von<br />

5200 Gulden zu seinen Gunsten belasten. Danach zieht man den Betrieb in den Konkurs,<br />

und Vogel hätte – aufgrund des sogenannten Näherrechts – die Möglichkeit, sich als<br />

«Erbe» durchzusetzen. Das in Zug geltende Näherrecht begünstigt nämlich jenen, der am<br />

meisten Anrecht auf einen Besitz hat. Das sind in der Regel die Erben; im Fall des «Hammers»<br />

ist es aber eindeutig Vogel als weitaus grösster Gläubiger.<br />

Die Absicht Vogels bleibt nicht unbemerkt. «Fünf der angesehensten Männer» von Cham<br />

verlangen die Einberufung einer Gemeindeversammlung, in der man den Zürcher erneut<br />

in die Schranken weist. Da Vogel nicht locker lässt, geht die Angelegenheit von der Gemeinde-<br />

auf die Kantonsebene.<br />

Im Grossrat, dem damaligen Zuger Kantonsrat, erklären die Chamer darauf, mit Vogel käme<br />

nicht bloss eine reformierte Familie ins Land, er wolle sicher auch noch eine Maschine installieren,<br />

die ihnen noch mehr reformierte Arbeiter bescheren würde. Selbst der Pfarrer<br />

von Cham schaltet sich höchst besorgt ein, doch dem Grossrat gehen allmählich die Argumente<br />

aus: Immerhin ist der Kanton dem Konkordat der Eidgenossenschaft beigetreten, das<br />

Fremden in gewissen Fällen (wie Konkursen) gleiche Rechte zusichert wie Kantonsbürgern.<br />

In einem letzten verzweifelten Versuch verlangen die Zuger von der Zürcher Regierung<br />

ein «Gegenrechtszeugnis» als amtlich beglaubigte Garantie für eine Gleichbehandlung der<br />

eigenen Kantonsbürger in Zürich. Vogel, der beste Verbindungen zur Zürcher Obrigkeit hat,<br />

beschafft das Zeugnis innerhalb von nur vier Tagen, und der Grossrat muss in den sauren<br />

Apfel beissen. Am 16. Februar 1826 ist Johann Jakob Vogel offiziell Besitzer des «Hammers».<br />

Eine neue Ära beginnt: die Ära Vogel, deren direkte Nachfahren bis 1984 im «Hammer»<br />

residieren werden.<br />

Weit gereist und gut gebildet: die Familie Vogel<br />

Dem Zürcher Geschlecht der Vogels entstammen im 18. Jahrhundert eine Reihe erfolgreicher<br />

Handwerker – vom Nagelschmied, Küfer und Wagner bis zum Schlosser. Ein Zweig<br />

davon bringt es in der Zürcher Zunft zur Zimmerleuten und in der Stadt selber zu Ämtern<br />

und Ehren. Den Grundstein zum Erfolg dieses Zweigs, dem Johann Jakob Vogel, der neue<br />

Besitzer des Chamer «Hammers», angehört, legt dessen Vater Johann Jakob Vogel-Ulrich<br />

(1743–1825). Dieser heiratet Anna Elisabeth Ulrich, welche die angesehene Zürcher «Eisenhandlung<br />

zum Schwarzen Horn» in die Ehe bringt, was ihrem Mann – einem Handwerker<br />

und städtischen Beamten – nicht nur eine Menge Geld, sondern auch das höhere Ansehen<br />

eines Kaufmanns beschert.<br />

In der «Eisenhandlung zum Schwarzen Horn» wächst sein Sohn Johann Jakob auf, der das<br />

Geschäft später zusammen mit seinem Bruder leitet. 1806 heiratet ersterer Maria Ursula<br />

Nötzli, mit der er sieben Kinder hat. Johann Jakob junior ist überdurchschnittlich begabt und<br />

ambitioniert. Er kauft auch im Ausland ein und reist deswegen nach England und Belgien.<br />

Auch seine Söhne schickt er zur Ausbildung ins Ausland. Als er 1826 den «Hammer» kauft,<br />

sieht er bereits dessen Potenzial, das er konsequent ausnützt: Er macht aus dem konkursiten<br />

Betrieb ein blühendes Geschäft – und baut die Liegenschaft systematisch aus.<br />

Als Vogel mit seiner Familie in den Chamer «Hammer» zieht, besteht dieser aus einem<br />

Wohnhaus mit Schmitte (dem heutigen Mühlehaus), einem zweiten Wohnhaus und einem<br />

Kohlehaus mit Keller. Vier einfache Nebengebäude aus Holz ergänzen das unspektakuläre<br />

Ensemble an der Lorze. Die Gebäudeversicherung schätzt den Wert der Liegenschaften<br />

(ohne Boden) auf gut 13 000 Gulden, was damals dem Wert von drei bis vier Bauernhöfen<br />

entspricht. Vogel hat grosse Pläne und setzt diese auch schnell um: Er baut bereits ein gutes<br />

Jahr nach seinem Einzug ein elegantes Herrenhaus (die alte Hammer-Villa direkt an der Lorze)<br />

und legt einen hübschen Park mit einem Garten im französischen Stil an. Und er erweitert<br />

seinen Besitz kontinuierlich. Da ihm die Chamer Behörden dabei dauernd Steine in den Weg<br />

legen, lässt er seine Kaufverträge schon gar nicht mehr von der Gemeinde ausfertigen. Als<br />

er stirbt, sind sieben Verträge im Wert von über 13 000 Gulden nicht ratifiziert. Doch da die<br />

Fakten nun mal geschaffen sind, stimmt die Gemeinde Jahre später widerwillig zu.<br />

60 61


Johann Jakob Vogels Frau<br />

Anna brachte mit der Zürcher<br />

«Eisenhandlung zum Schwarzen<br />

Horn» Vermögen in die<br />

Ehe, das Vogel im «Hammer»<br />

investierte. Zürich – hier das<br />

Sonnenquai um 1845 – blieb<br />

zweiter Wohnsitz.<br />

62 63


Hand in<br />

Vogel leitet den «Hammer» selber, pendelt aber zwischen Zürich und Cham, da er auch<br />

die Eisenhandlung in der Stadt weiterführt. Dank seinen Beziehungen steigert er den Absatz<br />

seiner Ware markant und baut den Betrieb in Cham aus. Doch es ist nicht nur sein<br />

Netzwerk, das ihn erfolgreich produzieren lässt: Vogel nützt alle Möglichkeiten, die sich<br />

ihm eröffnen. Er kennt sich aus in seinem Fach, hat Visionen, ausreichend Kapital und ein<br />

geradezu industrielles Denken, wie es sich zu dieser Zeit innerhalb der wirtschaftlichen<br />

Elite in den reformierten Gebieten der Eidgenossenschaft allmählich entwickelt. Vogel ist<br />

seiner Zeit voraus – oder zumindest jener der Chamer, die sich immer noch wehren gegen<br />

die «fremden Fötzel», die an einer alten Ordnung rütteln, die auf Religion, Handwerk und<br />

Landwirtschaft beruht.<br />

Als Johann Jakob Vogel 1841 – vermutlich während eines Kuraufenthalts in der 1839 eröffneten<br />

Wasserheilanstalt Bad Albisbrunn – im nahen Hausen am Albis stirbt, umfasst der<br />

«Hammer» zehn renovierte Gebäude unterschiedlicher Art. Ein hübsches Erbe für seinen<br />

jüngeren Sohn Heinrich Ulrich, der das Unternehmen erfolgreich weiterführt und eine<br />

viel versprechende Akquisition tätigt …<br />

Hand: Der<br />

«Hammer»<br />

und die<br />

Hand in Hand:<br />

«Papieri»<br />

der «Hammer» und die «Papieri»<br />

Die Geschichte des «Hammers» ist ab 1861 eng verbunden mit jener der Papierfabrik.<br />

Und sie beschränkt sich keineswegs darauf, dass – nach einem ungeschriebenen Gesetz<br />

– jene Familie dort das Wohnrecht hat, die auch in der Fabrik federführend ist,<br />

was bis zum Verkauf der Liegenschaft an Margrit und Andrea von Planta so bleibt.<br />

Der «Hammer» widerspiegelt die Entwicklung der «Papieri» auch äusserlich: Er mausert<br />

sich im Gleichtakt von der bescheidenen Gewerbeliegenschaft zum repräsentativen<br />

Herrschaftssitz. Dass gleichzeitig derart viel Land und Liegenschaften rundherum<br />

dazukommen, dass man noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sagt, halb<br />

Cham gehöre der «Papieri», ist eine andere Geschichte.<br />

Bereits Johann Jakob Vogel baut 1827 neben der Hammerschmiede an der Lorze die<br />

erste Hammer-Villa. Allerdings nicht auf besonders gutem Grund: Der Bergdruck<br />

schiebt das Haus auf der Molasseplatte Richtung Wasser; da seine Substanz ohnehin<br />

nicht die allerbeste ist, wird es gut hundert Jahre später (1932) abgerissen.<br />

64 65


Hand in Hand:<br />

Der «Hammer» und<br />

die «Papieri»<br />

Doch es ist der Anfang einer baulichen Entwicklung, die bis heute anhält und mit<br />

dem Kauf der Papierfabrik so richtig Fahrt aufnimmt. Sie bildet die wachsende Bedeutung<br />

der «Papieri» und ihrer Besitzerfamilie eins zu eins ab. Die Liegenschaft<br />

verändert sich dauernd. Alte Gebäude werden abgerissen, neue gebaut. Die Villa<br />

wird schöner und grösser. Sie wächst organisch (wie die Fabrik) in vier Etappen,<br />

die bis heute sichtbar sind. Pferdestallungen kommen hinzu; doch Pferde sind nicht<br />

nur die Leidenschaft der Familie Vogel, sie haben auch Repräsentationszweck. Man<br />

fährt im Vierspänner durchs Dorf und erntet anerkennende Blicke. Auf dem Bock<br />

sitzt der Kutscher. Wer ein Vogel ist, lernt ausserdem reiten. Die stolzen Pferde stammen<br />

aus eigener Zucht. Um sie kümmert sich fachkundiges Personal, das auch im<br />

«Hammer» wohnt.<br />

Ein Englischer Garten umgibt das Gut, das keine Grenzen zu haben scheint. Auf dem<br />

Rasen vor dem Haus wird Tennis gespielt. Stilvolle Empfänge und – dies vor allem –<br />

unbeschwerte Familienfeste, an denen auch die Kinder dabei sind, geben dem Fabrikantenalltag<br />

die nötige Würze. Es geht aber nicht ums Protzen. Man weiss einfach, zu<br />

welcher Gesellschaftsschicht man gehört, und man pflegt den entsprechenden Umgang.<br />

Carl Vogel-von Meiss<br />

mit Kutscher Harsch<br />

um 1890 vor der<br />

alten Hammer-Villa<br />

(oben) und beim<br />

Fototermin auf der<br />

Lorzenterrasse<br />

(Zweiter von links),<br />

vermutlich anlässlich<br />

eines Fests der<br />

Familie von Meiss.<br />

Nur produziert wird im «Hammer» – nachdem er noch eine Zeit lang Holzschleiferei,<br />

Schreinerei und Wagnerei ist – kaum noch etwas. Allenfalls auf dem hauseigenen<br />

Hof, der nicht von einem Verwalter geleitet, sondern von einem eigentlichen<br />

Gutsherrn orchestriert wird. So jedenfalls, heisst es, habe sich dieser gefühlt. Produziert<br />

wird hingegen nebenan in der Papierfabrik, die wächst und wächst. Firmenwohnungen<br />

in ganz Cham, die im grossen Stil gebaut werden, sind ein Abbild der<br />

Personalentwicklung. Cham ohne die «Papieri»? Kaum vorstellbar. Aufgrund der ökonomischen<br />

Bedeutung der Papierfabrik fangen sich die Kulturen an zu mischen: Reformierte<br />

werden im Verlauf des 20. Jahrhunderts allmählich zu gleichberechtigten<br />

Gemeindemitgliedern. Die Grenzen der konfessionellen Enklave «Papieri-Hammer»<br />

werden durchlässig.<br />

Der «Hammer» behält seine zentrale Rolle auch dann, als die «Papieri» in eine Familien-AG<br />

umgewandelt wird: Hier finden die Generalversammlungen statt, die gleichzeitig<br />

Familientreffen sind. Nicht immer verlaufen diese ohne Misstöne; es geht<br />

schliesslich um viel Macht und Geld. Erst als die Firma zur Publikums-AG wird, geht<br />

die Geschichte des «Hammers» als Dreh- und Angelpunkt der Familien Vogel-Naville<br />

zu Ende. Und als die «Papieri» 1982 unter dem Druck der kreditgebenden Banken<br />

beginnen muss, ihre Reserven aufzulösen, um die hohen Verluste zu decken, ist es<br />

nur eine Frage der Zeit, bis auch der «Hammer» auf den Immobilienmarkt kommt.<br />

Robert Naville junior sieht dem Verkauf mit Verzweiflung entgegen – er lebt auch<br />

nach seiner Pensionierung hier. Und er liebt seinen «Hammer». Doch es ist nicht<br />

sein «Hammer»; er ist hier nur geduldet. Sein Ausscheiden aus der Firma fällt unglücklicherweise<br />

zusammen mit dem Verlust des einstigen Herzstücks der Familie:<br />

des «Hammers». Dass auch die Papierfabrik ins Trudeln gerät und heute – nach<br />

einer Phase der Konsolidierung und Fokussierung – ihre Produktion in Cham grossenteils<br />

eingestellt hat, mutet schicksalhaft an – und zeigt ein letztes Mal, wie eng<br />

die beiden Geschichten miteinander verbunden sind.<br />

66 67


Heinrich Ulrich Vogels genialer Streich: Papier statt Eisen<br />

Als Heinrich Ulrich Vogel 1841 in die Fussstapfen seines Vaters tritt, ist die Industrialisierung<br />

in England bereits weit fortgeschritten und nimmt in der Schweiz ihren Anfang. Immer mehr<br />

setzen sich industrielle Produktionsformen gegenüber den agrarischen durch: Maschinen<br />

machen, was bisher Menschen taten – sie produzieren Güter, und dies kostengünstiger<br />

und effizienter.<br />

Vogel, der in Paris und England ausgebildet wird, ist offen für Neues und angetan von den<br />

zukunftsweisenden Produktionsformen. Dass er zu einem der Zuger Industriepioniere wird,<br />

ist die logische Folge. Dass er sich mit seinen Ideen allein auf weiter Flur befindet, ebenso:<br />

Es wird noch lange dauern, bis Zug als einer der wichtigsten Schweizer Landwirtschaftskantone<br />

die Zeichen der Zeit erkennt, auch wenn die beiden Spinnereien in Unterägeri<br />

(ab 1834) und jene an der Lorze in Baar (1854) erste Zeichen der Industrialisierung darstellen.<br />

Aber noch lange werden es vor allem Auswärtige sein, welche diese vorantreiben.<br />

Heinrich Ulrich Carl Vogel kommt am 1. März 1822 in Zürich zur Welt. Zwar pendelt die<br />

Familie noch zwischen Zürich und Cham, Heinrich wächst aber auch im «Hammer» auf,<br />

den er liebt. Er fühlt sich wohl hier, denn Natur und Landwirtschaft interessieren ihn ebenso<br />

wie Mechanik und Industrie. Vogel heiratet geschickt: Carolina Saluzzi, die sich später<br />

auch gerne vornehm von Saluz nennt, ist die Tochter des Bergamasker Seidenindustriellen<br />

Otto Saluzzi. Ihre Ehe ist standesgemäss. Ihr Leben auch. Mit ihren sechs Kindern wird<br />

im eigenen Haus ebenso selbstverständlich Französisch wie Deutsch gesprochen. Vogels<br />

äusserer Ausdruck seiner elitären Stellung ist der schwarze Zylinder, ohne den er kaum je<br />

gesehen wird.<br />

Heinrich Ulrich Vogel lässt die Liegenschaft weiter ausbauen. Schmuckstück des «Hammers»<br />

ist der Französische Garten, der dem Grundstück, das etwas ungünstig zwischen Hang und<br />

Fluss liegt, Stil und Noblesse verleiht. Ausserdem legt er – selber ein leidenschaftlicher<br />

Jäger – auf der östlichen Seite der Lorze einen Hirschpark an: die sogenannten Anlagen.<br />

Hier flaniert man in scheinbarer Wildnis, und es scheint so, als ob die künstlerisch begabte<br />

Anna von Meiss, die Frau von Heinrichs Sohn Carl, sich hier gerne zum Malen inspirieren<br />

lässt. Unsignierte Bilder der «Anlagen» dürften ihrem Talent zugeschrieben werden.<br />

Festangestellte Gärtner kümmern sich um die weitläufige Garten- und Parkanlage.<br />

Er brachte die Papierfabrik<br />

in die Familie:<br />

Heinrich Ulrich Vogel<br />

(1822–1893) und seine<br />

Frau Carolina Saluzzi<br />

(1825–1902), beide um<br />

1900.<br />

Heinrich Ulrich Vogels Liebe zur Natur und sein Pioniergeist bilden auch die Grundlage für<br />

ein weiteres, leidenschaftlich verfolgtes Projekt Vogels: 1854 erstellt er an der neu ausgebauten<br />

Sinserstrasse einen Bauernhof mit Modellcharakter. Gehalten wird die gesamte Palette<br />

an Nutztieren. Obst- und Gemüsegärten bilden einen malerischen Rahmen, die Gerätschaften<br />

sind auf dem neusten Stand. Im Sommer geht’s auf die Alp: auf den Zugerberg!<br />

68 69


Lustwandeln in den Anlagen:<br />

Zum «Hammer» gehörte<br />

sogar ein Hirschpark. In dieser<br />

gepflegten Wildnis entspannten<br />

sich die Vogels – oder malten<br />

wie Anna Vogel-von Meiss (1858–<br />

1942), Carl Vogels Frau, von der<br />

vermutlich dieses Bild stammt.<br />

70 71


Vogels genialster Streich ist allerdings der Kauf der kleinen Papiermühle in unmittelbarer<br />

Nachbarschaft zum «Hammer». Hier wurde aus «Hadern», also Stofffetzen und alten Lumpen,<br />

Papier hergestellt. Die «Papieri», wie die Fabrik im Volksmund noch heute genannt wird,<br />

war 1657 als einfache Papiermühle von Johann Kaspar Brandenberg und Beat Jakob Knopfli,<br />

zwei Exponenten des Zuger Militärunternehmertums, gegründet, aber nie geleitet worden.<br />

Das völlig runtergewirtschaftete Unternehmen steht 1861 – nach vielen Aufs und Abs – vor<br />

dem Konkurs. Und schon wieder ist es ein reformierter Auswärtiger, der hier zuschlägt.<br />

Vermutlich nicht zur Freude der Chamer, die wohl fürchten, dass Vogel erneut eine Menge<br />

Auswärtiger ins Land bringen würde.<br />

Viel wichtiger als sein Vieh ist ihm aber die Pferdezucht, die er auf seinem Landgut betreibt.<br />

Damit begründet er eine Tradition, die den «Hammer» bis heute prägt. Seine Liebe<br />

zu Pferden entdeckt er während seiner Lehr- und Wanderjahre in England, wo er an Pferderennen<br />

teilnimmt. Zurück in der Schweiz, zieht er im November 1847 als 25-jähriger Artillerieleutnant<br />

in den kurzen Sonderbundskrieg, den letzten Bürgerkrieg der Schweiz. Doch viel<br />

wichtiger als das Militärwesen sind ihm auch hier die Pferde.<br />

Vogel, der als Zürcher auf der Seite der liberalen Stände steht, kommt als «Sieger» aus dem<br />

Krieg zurück – in einen zutiefst gedemütigten katholisch-konservativen Kanton Zug. Das<br />

dürfte ihn bei den Chamern nicht unbedingt zum Freund gemacht haben … Sein Interesse<br />

gilt aber nicht der Politik, sondern der Pferdezucht: Zusammen mit dem Abt von Einsiedeln<br />

betreibt er eine grosse «Veredelung schweizerischer Pferderassen». Diese Allianz mit dem<br />

geistlichen Herrn machte der lokalen Bevölkerung hingegen sicherlich Eindruck.<br />

Vogels Know-how als Gutsherr ist so gross, dass er an der Weltausstellung von Paris 1855 als<br />

«Schweizerischer Kommissär für Landwirtschaft» auftritt. Dass er ausserdem Mitglied des<br />

ersten zugerischen Eisenbahnkomitees ist, erstaunt ebenso wenig wie sein Engagement im<br />

evangelisch-reformierten Kirchenrat des Kantons Zug (1865–86): Es gilt, den Weg zu ebnen<br />

für die Andersgläubigen, die mit der «Industrie» ins Land kommen. Ausserdem scheint es<br />

ein weiterer Versuch zu sein, die Distanz zwischen Unternehmer und Volk zu verkleinern.<br />

Heinrich Ulrich Vogel<br />

begründete um<br />

1850 die Pferdezucht.<br />

Natürlich gehörte<br />

auch ein Kutscher<br />

zum Personal.<br />

Warum er sich zum Kauf entschliesst, ist unklar. Mag sein, dass es einfach die schiere Nähe<br />

zum eigenen Landgut mit der immer noch produzierenden Hammerschmiede ist. Oder ist<br />

es sein grundsätzliches Interesse an der Industrie? Hat er Kapital, das investiert sein will?<br />

Oder einfach Lust auf etwas Neues? Bestimmt sieht Heinrich Ulrich Vogel das Potenzial:<br />

Während der Absatz von Schmiedewaren begrenzt ist, eröffnet sich mit der Papierfabrik ein<br />

völlig neuer, stark wachsender Markt. Immer mehr Buchdruckereien decken einen immer<br />

grösseren Bedarf an Lesestoff, der sich nicht mehr auf die Bibel beschränkt, sondern auch<br />

zunehmend Produkte des Alltags wie Zeitungen umfasst. Die Alphabetisierung der ganzen<br />

Eidgenossenschaft ist im Gang. Zudem benötigt die stark wachsende Industrie Papier und<br />

Papierprodukte für Etiketten, Werbung und als Verpackungsmaterial.<br />

Vogel ist ein guter Unternehmer. Die «Papieri» wächst unter seiner Leitung massiv und<br />

wird innert kürzester Zeit von der handwerklichen Mühle zum industrialisierten Betrieb.<br />

Bereits 1873/74 lässt er für seine Angestellten auf dem Firmenareal Reihenhäuser bauen. So<br />

entsteht eine Art konfessionelle Insel in Cham, denn viele seiner Arbeiter sind reformiert.<br />

1881 schliesst er mit dem deutschen Chemiker Alexander Mitscherlich für teures Geld einen<br />

Lizenzvertrag ab, dank dem die «Papieri» ab 1882 als erster Betrieb in der Schweiz im Sulfitverfahren<br />

– einem chemisch-industriellen Prozess – Cellulose aus Holz herstellen kann.<br />

Vogel möchte das Verfahren in der Schweiz nur zu gerne monopolisieren, was ihm – für<br />

einmal – aber nicht gelingt. Als er 1893 stirbt, hat sein Sohn Carl längst die Nachfolge angetreten;<br />

bereits 1884 übernimmt dieser die unternehmerische Verantwortung und wohnt<br />

ab da mit seiner Familie auch im «Hammer», den er weiter ausbaut – zum noblen Landgut.<br />

Den Betrieb der Hammerschmiede hat sein Vater zu diesem Zeitpunkt eingestellt. Kurz<br />

nach dem Kauf der Papierfabrik wird es ruhiger an der Lorze. Die Hämmer geben hier nicht<br />

mehr den Takt an. Aber der Name bleibt: «Hammer».<br />

72 73


Im Sommer gings in die Höhe:<br />

Emy Naville besucht um 1918<br />

zusammen mit ihren Kindern<br />

Hortense, Raoul und Robert<br />

und dem Kindermädchen ihre<br />

Alp auf dem Zugerberg; sie<br />

war Teil des Hammerguts.<br />

74 75


dealisierte<br />

aturlandschaft:<br />

in Garten nach englichem<br />

Vorbild<br />

Idealisierte Naturlandschaft:<br />

ein Garten nach englischem Vorbild<br />

Anders als der französische Barockgarten, der die Natur in strenge geometrische<br />

Formen zwingt und sich durch exakt angelegte, blühende Blumenbeete auszeichnet,<br />

versucht sich der klassische Englische Garten mehr nach dem zu richten, was die<br />

Natur an sich bereits an Ausblicken zu bieten hat. In Englischen Gärten, die ab dem<br />

18. Jahrhundert angelegt werden, findet man das Prinzip einer natürlichen Ideallandschaft:<br />

Sie sind abwechslungsreich gestaltet, überraschen mit ihren Perspektiven<br />

und wollen eigentlich begehbare Landschaftsgemälde sein. Doch die vermeintliche<br />

Natürlichkeit täuscht: Der Englische Garten ist ein Kunstwerk, das aufwendiger<br />

Pflege bedarf.<br />

Schon die Vogels gestalten ihre Umgebung vergleichsweise im grossen Stil, aber<br />

noch nicht einheitlich als Englischen Garten. Auf der östlichen Lorzenseite schafft<br />

Johann Jakob Vogel mit den «Anlagen» einen imposanten natürlichen Park, in dem<br />

er auch ein Hirschgehege anlegt. Vom «Hammer» aus geniesst man den Blick in<br />

die gepflegte «Wildnis», wo man zwischen verwunschenen alten Bäumen spazieren<br />

und sich zurückziehen kann.<br />

Oberst Richard Vogel<br />

(1870–1950) legte den<br />

Hammer-Park nach<br />

englischem Vorbild<br />

an; bis heute wurde<br />

wenig daran verändert.<br />

Vogel gestaltete<br />

auch die Gartenanlage<br />

seiner «Solitude».<br />

Auf der anderen Seite ist es eine Art französischer Garten, der von einer Gärtnerschar<br />

gehegt und gepflegt wird. Der Aufbau des Musterbauernhofs an der Sinserstrasse,<br />

der bestens ins Gesamtbild passt und dessen Hauptgebäude sich gestalterisch<br />

an den Fachwerkbau der alten Hammer-Villa anlehnt, spiegelt schliesslich das<br />

offensichtliche Bedürfnis, die Landschaft im ganz grossen Stil zu gestalten.<br />

Als die alte Villa Hammer gegen Ende der 1920er-Jahre baufällig wird und die<br />

«Papieri» aus dem bereits dreifach vergrösserten und umgebauten Gästehaus, dem<br />

sogenannten Chalet, in unmittelbarer Nähe so etwas wie ihr architektonisches<br />

Pendant im Stil eines welschen Landhauses bauen lässt, erfährt auch der Garten<br />

eine Umgestaltung. Es ist Carls Bruder Richard (1870–1950), der sich darum kümmert.<br />

Richard, der als Junggeselle selber lange im «Hammer» wohnt, ist als Oberst Berufsmilitär<br />

und im Verwaltungsrat der Papierfabrik, hat aber – wie auch sein Bruder<br />

Max, der Architekt ist – eine kreative Ader. So gestaltet er beispielsweise auch den<br />

Garten der Villa Solitude am See.<br />

«Riggel», wie ihn seine Familie nennt, perfektioniert den Englischen Garten des<br />

«Hammers»: Er räumt mit allen französischen Elementen auf, deckt Bächlein zu,<br />

um Weite zu gewinnen. Sein Ziel ist es, Blickachsen zu konstruieren, die aus dem<br />

«Loch» hinausführen und für freie Sicht und Weite sorgen. Für mehr Grosszügigkeit<br />

sorgt er auch ums Haus: Er planiert die Umgebung, die vorher ansteigt, und macht<br />

damit möglich, dass man von allen Wohnräumen der Villa einen direkten Zugang<br />

ins Grüne hat.<br />

Als Andrea von Planta, selber ein Liebhaber Englischer Gärten, den «Hammer» 1984<br />

übernimmt, ist es ihm ein grosses Anliegen, den «Vogelschen Park», beziehungsweise<br />

das, was von ihm übrig geblieben ist, auf gar keinen Fall zu verpfuschen. Denn von<br />

Planta kauft nur einen Teil der riesigen Liegenschaft Hammer, wie sie die Vogels und<br />

Navilles kannten; im Laufe der Zeit ist ein Grossteil davon zur Landwirtschaftszone<br />

geworden. Und so meint er lächelnd: Mit 18 000 Quadratmetern habe er zwar eher<br />

eine «Bonsai-Version» eines Englischen Gartens, «aber eine sehr gefreute». Seine<br />

Eingriffe sind deshalb im Vergleich zu jenen im Haus minimal. Aber er restauriert<br />

und ergänzt Brunnenanlagen, leitet den Seidelbach oberhalb der Vorfahrt über eine<br />

Dreierkaskade, ersetzt Bäume und installiert Weg- und Gartenbeleuchtungen.<br />

76<br />

77


Die Weltausstellung in Paris<br />

1855 orientierte sich an der<br />

englischen Grand Exhibition<br />

von 1851 und sollte diese gar übertreffen.<br />

Fünf Millionen Besucher<br />

pilgerten in die französische<br />

Metropole. Monumental war<br />

unter anderem der Industriepalast<br />

an der Champs-Elysées.<br />

78 79


Ein Leben für die «Papieri»: Carl Vogel-von Meiss<br />

Carl Vogel hat nicht nur das Glück, in die richtige Familie hineingeboren zu werden. Er<br />

bringt auch das passende Rüstzeug mit. Sein Vater, der selber überdurchschnittlich gut<br />

gebildet ist, schickt ihn – nach der Grundausbildung in Zürich und der strengen Internatsschule<br />

Schnepfenthal in Thüringen – ans 1855 gegründete Eidgenössische Polytechnikum<br />

nach Zürich (die heutige ETH). Dort studiert er Chemie, was ihm als künftigem Papierfabrikanten<br />

zugute kommen soll. Praktisches Fachwissen holt er sich später bei der Oberösterreicher<br />

«Steyrermühl Papier- und Verlagsgesellschaft». Mit 34 Jahren ist er bereit, das<br />

Werk des Vaters zu übernehmen.<br />

Seine Heirat mit Anna von Meiss, der Tochter des Zürcher Kaufmanns und belgischen<br />

Handelskonsuls Hans von Meiss von Wülflingen und Anna von Muralt, ist einmal mehr<br />

standesgemäss. Das Zürcher Adelsgeschlecht von Meiss verheiratet sich nicht mit irgendwem<br />

– ein Zeichen dafür, dass die Familie Vogel zur damaligen besseren Gesellschaft zählt.<br />

Die beiden haben vier Töchter und einen Sohn, der aber sehr früh bei einem Reitunfall<br />

ums Leben kommt – mit einschneidenden Folgen für die ganze Familiengeschichte …<br />

Die Familie lebt im Sommer im «Hammer», den Winter verbringt sie in ihrem Stadtsitz<br />

am Hirschengraben in Zürich. Das Hin und Her ist aufwendig, aber Anna ist eine Frau mit<br />

Organisationstalent.<br />

Carl Vogel (1850–1911)<br />

erweiterte die Papierfabrik<br />

und gestaltete zusammen<br />

mit seiner<br />

Frau Anna von Meiss<br />

(1858–1942) den «Hammer»<br />

zur repräsentativen<br />

Liegenschaft um.<br />

Die Papierfabrik, die jetzt «Papierfabrik Cham, C. Vogel» heisst, baut Vogel sukzessive aus,<br />

das Landgut entwickelt er weiter zum Musterhof. Ausserdem beginnt er mit dem Ausbau<br />

eines Ökonomiegebäudes, das schliesslich in vier Etappen zur heutigen Hammer-Villa<br />

werden sollte. Fast zwanzig Jahre sitzt er für den Freisinn im Zuger Kantonsrat, was seine<br />

liberale Gesinnung unterstreicht. Sein bürgerliches Engagement beweist er, indem er 1888<br />

nach einem verheerenden Brand die kläglichen Reste der Spinnerei und Weberei Hagendorn<br />

aufkauft und den Kindern, die dort in der Kinderarbeitsanstalt auf schlimmste Art und<br />

Weise ausgebeutet wurden, ein neues Zuhause schenkt: Er funktioniert die Kinderanstalt<br />

zum Waisenhaus um – und legt damit den Grundstein für das heutige Heilpädagogische<br />

Zentrum Hagendorn. Schwester Regula Wildhaber zieht mit 13 Kindern ein – sie und ihre<br />

Schützlinge sind im «Hammer» gern gesehene Gäste, was das ehrliche Engagement der<br />

Vogels unterstreicht.<br />

80 81


s werde<br />

icht:<br />

Es werde Licht:<br />

Das Mühlehaus wird<br />

zum Kraftwerk<br />

Carl Vogel ist von Natur aus Unternehmer, sein Denken das eines Industriellen. Er<br />

setzt auf Menschen und Maschinen. Und auf die Energie, die es zum Betrieb dieser<br />

Maschinen braucht. Bei seiner Schmiede treibt die Lorze ein unterschlächtiges Wasserrad<br />

an, das die Hämmer hebt und niedersausen lässt. So lässt sich Energie gewinnen.<br />

Aber nicht transportieren.<br />

as Mühleaus<br />

wird<br />

um Kraftwerk<br />

Viele Jahre, nachdem sein Vater Heinrich Ulrich Vogel den Schmiedebetrieb eingestellt<br />

hat, kauft Carl Vogel 1894 eine damals sehr moderne Dynamomaschine, die er<br />

ans alte Wasserrad anschliesst und im «Hammer» Strom produziert. Es ist das erste<br />

Kraftwerk weit und breit und sorgt für elektrisches Licht in der nahen Villa und<br />

in der «Papieri» lorzeaufwärts. «29 elektrische Flammen» werden dort mit Energie<br />

versorgt und machen die russigen Petroleumlampen in der Fabrik überflüssig. Vogel,<br />

der genau weiss, wie wichtig Strom für seine Fabrik auch in Zukunft sein wird, kauft<br />

schon seit geraumer Zeit ein Kleinkraftwerk nach dem anderen hinzu – bereits 1885<br />

beispielsweise die Untermühle, wo sich 1898 im neuen Kraftwerk die erste Turbine<br />

dreht, 1888 das Kraftwerk Hagendorn.<br />

1905 wird aufgerüstet: Der «Hammer» erhält eine neuzeitliche Francis-Turbine mit<br />

höherem Wirkungsgrad. Eine zweite elektrische Kraftzentrale für die «Papieri» wird<br />

eingerichtet. Sie produziert nicht nur Energie für die Papierfabrik, sondern auch für<br />

den Eigenbedarf der Bewohner des «Hammers». Auch der Elektro-Peugeot von Robert<br />

Naville-Vogel wird während des Zweiten Weltkriegs nachts in der Garage neben dem<br />

Kraftwerk mit hausgemachtem Strom aufgeladen. Beim Umbau der «Kraftzentrale<br />

Hammer» 1956 wird die erste Turbine durch eine neue Kaplan-Turbine ersetzt.<br />

Diese Turbine ist auch noch im Einsatz, als Andrea von Planta 1984 den «Hammer»<br />

kauft. Sie deckt allerdings nur noch einen verschwindend kleinen Teil des Strombedarfs<br />

der Papierfabrik. Dafür produziert sie ein konstantes Drehgeräusch, wodurch<br />

sich die Mieter im Mühlehaus gestört fühlen. Man findet einen Kompromiss darin,<br />

dass die «Papieri» die Turbine gegen eine Gebühr von 500 Franken abschaltet, wenn<br />

die Bewohner mal ihre Ruhe haben oder Gäste empfangen wollen.<br />

Seit über 300 Jahren<br />

liefert die Lorze die<br />

Energie im «Hammer»,<br />

heute treibt sie eine<br />

Turbine im kleinen<br />

Gebäude zwischen<br />

Mühlehaus (links)<br />

und «Magazin» an.<br />

Doch dann ist sowieso Schluss. Als die hydraulische Steuerung der Laufradschaufeln<br />

ein Leck hat, stellt sich die Frage, ob die Kaplan-Turbine revidiert oder ersetzt<br />

werden soll. Andrea von Planta entscheidet sich für den Ersatz, da er vermutet, dass<br />

in der Maschine noch weitere Schäden schlummern. Allerdings wartet er wohlweislich<br />

mit der Investition, bevor nicht alle Details mit den zuständigen Ämtern geklärt<br />

sind. Dies betrifft unter anderem die KEV, die kostendeckende Einspeisevergütung,<br />

und vor allem die baulichen Massnahmen zur Gewährung der freien Fischwanderung<br />

lorzeauf- und abwärts, die mit enorm hohen Kosten verbunden wären.<br />

So steht der Generator vorerst still, und die Wärmepumpe der zentralen geothermischen<br />

Heizung wird mit «Papieri-Strom» betrieben. Noch bevor alle Abklärungen getroffen<br />

sind, findet der «Hammer» endlich einen Käufer. Ariel Lüdi ist es schliesslich,<br />

der sich 2014 dazu entscheidet, das kleine Kraftwerk an der Lorze wieder in Betrieb<br />

zu nehmen (siehe Seite 272).<br />

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Schwester Regula Wildhaber<br />

(links) und ihre Kinder: Carl Vogel<br />

kaufte 1888 die abgebrannte<br />

Spinnerei Hagendorn und machte<br />

aus der Kinderarbeitsanstalt<br />

ein Heim für Waisenkinder.<br />

Die Menzinger Schwestern und<br />

ihre Schützlinge waren gern<br />

gesehene Gäste im «Hammer».<br />

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Natürliches Wachstum: die Bauetappen im «Hammer»<br />

Ansonsten meidet Carl Vogel die Öffentlichkeit und redet nicht gerne. Dass auch er die<br />

Pferde liebt, liegt in der Familie. Der «Hammer» ist seine Insel, die «Papieri» offensichtlich<br />

sein Leben. Welche Bedeutung die Fabrik für den Ort hat, zeigt sich daran, dass die Gemeinde<br />

Cham ihn 1906, fünf Jahre vor seinem Tod, zum Ehrenbürger macht, trotz seines<br />

reformierten Glaubens und trotz der nicht immer einfachen Vorgeschichte mit den Vogels.<br />

1898 übernimmt seine Frau Anna von Meiss die «Villette». Sie kann den zauberhaften,<br />

1865/66 errichteten herrschaftlichen Sitz direkt am See von ihrem Onkel, dem Zürcher Bankier<br />

und Eisenbahnbaron Heinrich Schulthess von Meiss, zu einem Familienpreis kaufen,<br />

da seine Frau Bertha ihre Patin ist und die beiden keine Kinder haben. Das «Villettchen»,<br />

wie Schulthess seine Villa zärtlich nennt, wird quasi zur «Dépendance» des «Hammers».<br />

Doch Anna möchte aus dem Sommersitz eine Ganzjahresresidenz machen und baut ihn<br />

1903/04 aufwendig um. 1912 zieht sie definitiv in die «Villette», wo sie bis zu ihrem Tod 1942<br />

bleibt. Den «Hammer» überlässt sie ihrer Tochter Emy und Schwiegersohn Robert Naville,<br />

der die Leitung der Papierfabrik übernimmt.<br />

Wir sind dann mal<br />

weg … Die Vogels im<br />

Urlaub in Blankenberge<br />

an der belgischen<br />

Nordseeküste<br />

(um 1900).<br />

1690 Der Zuger Dr. Müller erhält die Konzession für Bau und Betrieb einer Hammerschmiede an der Lorze.<br />

1825 Johann Jakob Vogel kauft den «Hammer» von Aloys Bernauer; zur Anlage gehören das heutige Mühlehaus,<br />

ein weiteres Wohnhaus, ein Kohlenhaus mit Keller und ein paar einfache Nebengebäude aus Holz.<br />

1827 Bau des «alten Hammers», der ehemaligen Villa, direkt an der Lorze.<br />

1834 Auf der dem Mühlehaus gegenüberliegenden Kanalseite wird das «Fabrikgebäude» (das heutige<br />

Turbinenhaus) gebaut.<br />

1841 Beim Tod Johann Jakob Vogels umfasst der «Hammer» zehn renovierte Gebäude.<br />

1854 Heinrich Ulrich Vogel-Saluzzi lässt das Hammergut oberhalb der heutigen Villa Hammer bauen –<br />

vermutlich als Ersatz für den kleinen, traditionellen Bauernhof, der zum «Chalet» umgebaut wird.<br />

1861 Nach dem Kauf der Papiermühle stellt Heinrich Vogel den Schmiedebetrieb ein; der «Hammer» wird<br />

zur Holzschleiferei, Schlosserei und Wagnerei, ab 1892 zum Kraftwerk für die «Papieri».<br />

–1870 Heinrich Ulrich Vogel fängt am heutigen Standort der Hammer-Villa damit an, ein kleines «Chalet»<br />

(Gartenhaus) umzubauen, möglicherweise als Gästehaus.<br />

– 1870 Das «Chalet» erhält einen zweigeschossigen Anbau: einen Kopfbau mit Sägeornamenten im Giebel.<br />

1873/74 Pferdeliebhaber Heinrich Ulrich Vogel baut die Stallungen als stilreines Gebäude des 19. Jahrhunderts<br />

im Schweizer Chaletstil.<br />

1915 Der Kopfbau der späteren Villa wird um eine Fensterachse im selben Stil verbreitert; gegen Norden<br />

entsteht ein Treppenhausvorbau. Das Haus ähnelt jetzt den «nordamerikanischen Landhäusern»,<br />

wie sie die Gebrüder Page der Chamer «Milchsüdi» bauten.<br />

1929/30 Wilhelm Hauser baut das Haus im Auftrag der Papierfabrik für Emy und Robert Naville im Stil eines<br />

barocken französischen Landschlösschens um.<br />

1931 Das Mühlehaus als ältestes Gebäude der Anlage brennt ab und wird neu errichtet; 1991 wird es komplett<br />

ausgekernt und praktisch neu aufgebaut.<br />

1932 Die baufällige alte Hammer-Villa wird abgerissen.<br />

1984 Andrea und Margrit von Planta kaufen den «Hammer» und bauen Villa, Mühlehaus, Waschhäuschen<br />

und Pferdestall während sieben Jahren um. Neu entstehen ein Gartenhäuschen und ein Schwimmbad<br />

mit Vortragssaal im Stil einer Orangerie aus dem 18. Jahrhundert.<br />

2013 Ariel Lüdi erwirbt den «Hammer» und beginnt mit dem Umbau. Er fängt mit dem Waschhäuschen<br />

an, das ihm vorübergehend als Wohnung dient; die Kegelbahn wird zum «Mehrzweckraum».<br />

2014 Die Pferdestallungen werden modernisiert. Schafstall und Autounterstand werden zu fünf zusätzlichen<br />

Pferdeboxen umgebaut, die Umgebung wird neu gestaltet und um einen Reitplatz ergänzt.<br />

2016 Nach dreijähriger Umbauzeit ist die Hammer-Villa Ende Jahr bezugsbereit. Aussen praktisch unverändert,<br />

ist sie innen nicht wiederzuerkennen: Grosszügigkeit, Komfort und eine geglückte Kombination<br />

von historischen und modernen Elementen prägen den Charakter.<br />

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1866 liess Eisenbahnbaron<br />

Heinrich Schulthess-von Meiss<br />

vom bekannten Zürcher Villen-<br />

Architekten Leonhard Zeugheer<br />

die «Villette» am See bauen<br />

(im Bild 1872). 1904 wandelte<br />

Anna Vogel-von Meiss das<br />

«Sommerhaus» zur Ganzjahresresidenz<br />

um.<br />

88 89


DER «HAMMER» WIRD FIRMEN-<br />

BESITZ: DIE ÄRA NAVILLE<br />

Nach dem Tod Carl Vogels 1911 treten<br />

zwei seiner Schwiegersöhne die Nachfolge<br />

an: Leo Bodmer amtet als Verwaltungsratspräsident,<br />

Robert Naville<br />

übernimmt als Delegierter die operative<br />

Leitung der Papierfabrik. Mit dem Einverständnis<br />

von Vogels Witwe Anna<br />

wandeln sie das Unternehmen 1912<br />

in eine Familien-AG um. Dort wird der<br />

ganze Besitz eingebracht. Auch der<br />

«Hammer».<br />

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Ein Lächeln für den Fotografen:<br />

Die Vogel-Kinder 1891 auf<br />

der Lorzenterrasse der alten<br />

Hammer-Villa (von links): Ellen,<br />

Emy, Olga, Alice und Alex.<br />

In Weiss: eine kleine Besucherin.<br />

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Teilen statt erben: die Nachfolgeregelung der «Papieri»-Erbin<br />

Es ist ein herber Schicksalsschlag: Alexander, der einzige Sohn von Anna und Carl Vogel,<br />

stirbt 1905 gerade mal 25-jährig bei einem Reitunfall. Er ist Kavallerieoffizier und zur Nachfolge<br />

in der Papierfabrik vorgesehen. Auch sein Vater stirbt überraschend: Erst 61-jährig, erleidet<br />

er einen Schlaganfall, der ihn linksseitig lähmt. Er kann nicht mehr alleine ausser Haus<br />

gehen und zieht sich in die Zürcher Familienresidenz zurück, die Villa zum Lindengarten.<br />

Es ist das Haus seiner Frau Anna, die es – wie die «Villette» – von ihrer Patentante Bertha<br />

und ihrem Onkel Heinrich Schulthess zu einem symbolischen Betrag übernehmen konnte.<br />

Um die Kontinuität in der Firma zu sichern und künftig keine Erbstreitigkeiten zu provozieren,<br />

wird der ganze Besitz – Papierfabrik und Liegenschaften – 1912 in eine Familien-AG<br />

eingebracht. Erst so wird das Erbe dereinst unter Annas Töchtern Emy, Alice, Olga und<br />

Ellen (so ihre Rufnamen) vernünftig teilbar: Jede von ihnen erhält 25 Prozent der Aktien.<br />

Jeder der vier «Stämme» bekommt ausserdem das Recht auf eine Vertretung im Verwaltungsrat,<br />

um das Schicksal des Unternehmens – und damit natürlich auch ihres Erbes –<br />

mitbestimmen zu können.<br />

Auch der «Hammer» wird Bestandteil des Firmenbesitzes. Wer dort leben darf, wird zwar<br />

nicht vertraglich geregelt, aber man einigt sich darauf, dass jenes Familienmitglied hier<br />

Wohnrecht hat, das in Cham zuhause und in der Papierfabrik tätig ist. Dies ist der Grund,<br />

weshalb im «Hammer» sämtliche Generalversammlungen der neu geschaffenen Papierfabrik<br />

Cham AG stattfinden. Als das Erbe beim Tod von Anna Vogel 1942 geteilt wird, erhält<br />

Tochter Emy und mit ihr die Familie Naville das Wohnrecht im «Hammer». Dieses «Recht»<br />

gilt so lange, bis die Familien-AG geöffnet wird.<br />

Zwar kommt der Tod Carl Vogels überraschend und für alle zu früh, ein Führungsvakuum<br />

hinterlässt er in der «Papieri» deswegen aber nicht. Die operative Leitung der Fabrik hat<br />

seit 1905 Direktor Hermann Guggenbühl. Ausserdem haben Carl Vogel und seine Frau<br />

Anna die Nachfolgeregelung – vermutlich auch aufgrund des frühen Todes von Sohn<br />

Alexander – sorgfältig geplant.<br />

Tragisches Schicksal:<br />

Alexander Vogel verunglückte<br />

1905 bei einem<br />

militärischen Reitwettbewerb<br />

tödlich.<br />

94 95


In die Fussstapfen Carl Vogels soll einerseits Schwiegersohn Robert Naville treten, der mit<br />

seiner Frau Emy 1911 in Darmstadt lebt, wo auch ihre Tochter Hortense zur Welt kommt. An<br />

der Technischen Universität von Darmstadt, das als europäisches Zentrum der Papierfabrikation<br />

gilt, lässt er sich zu jener Zeit zum Papieringenieur weiterbilden.<br />

Naville, der aus vornehmem Hause stammt, ist eine perfekte Partie. Nicht nur, dass er als<br />

Ingenieur über das richtige Fachwissen verfügt. Die Familie Naville ist vermögend, eine<br />

Tatsache, die nicht unwesentlich ist. Denn die Töchter von Carl Vogel verfügen zwar über<br />

Vermögenswerte, aber nicht unbedingt über viel Geld. Und so gesellt sich mit den Navilles<br />

auch in dieser Hinsicht ein durchaus willkommener neuer Zweig hinzu. Roberts Vater<br />

Gustave Naville ist Teilhaber der renommierten Maschinenbaufirma Escher, Wyss & Co., in<br />

der er vor allem den Turbinenbau für Flusskraftwerke und den Dampfschiffbau vorantreibt.<br />

Zudem ist er Verwaltungsrat bei der Schweizerischen Kreditanstalt und gilt als Pionier<br />

der Aluminiumindustrie: Gemeinsam mit Georg Robert Neher (Eisenhüttenwerk Laufen<br />

am Rheinfall), dem Industriellen Peter Emil Huber-Werdmüller (Maschinenfabrik Oerlikon)<br />

und dem Chemiker Paul Louis Toussaint Héroult gründet er 1888 die erste Aluminiumfabrik<br />

Europas, die «Aluminium Industrie Aktiengesellschaft», die später zur Alusuisse wird.<br />

Glückliche Mutter<br />

– stolzer Vater: Emy<br />

Naville und Ehemann<br />

Robert mit den gemeinsamen<br />

Kindern<br />

Hortense, Robert und<br />

Raoul um 1917.<br />

96 97


auernhof mit<br />

odellcharakter:<br />

as Hammergut<br />

Bauernhof mit<br />

Modellcharakter:<br />

das Hammergut<br />

Noch bevor der Hammerschmied und Roheisenhändler Heinrich Ulrich Vogel-Saluzzi<br />

1861 die Papierfabrik übernimmt, beweist er sich bereits als vielseitiger Unternehmer.<br />

1854 legt er die an seine Liegenschaft angrenzenden kleinen Bauernhöfe zusammen<br />

und baut einen Musterbauernhof von Format: das Hammergut. Dazu lässt er einen<br />

repräsentativen Riegelbau mit Wohnhaus und Stall erstellen, wo er auch seine edlen<br />

Pferde züchtet. Im Gegensatz zu den sonst organisch gewachsenen Höfen der Umgebung,<br />

die aus einer eher wild zusammengewürfelten Anordnung von Gebäuden bestehen,<br />

wird das Hammergut planmässig angelegt. Der dominierende Fachwerkbau<br />

des eindrücklichen Wohnhauses erinnert an die alte Hammer-Villa. Zum ursprünglichen<br />

Hof gehören eine Scheune, ein Wagen- sowie ein Kohleschopf. Im Laufe der<br />

Jahrzehnte wird das Ensemble stark erweitert.<br />

Die Führung des Hofs übernimmt ein gut ausgebildeter Verwalter, der auch in Zukunft<br />

immer mehr Gutsherr als Bauer sein wird; seine Stellung innerhalb der «Hammersippe»<br />

ist denn auch nicht die eines Bediensteten, sondern eher die eines nahezu<br />

gleichberechtigten Partners.<br />

Als die Papierfabrik 1912 in eine Familien-AG umgewandelt wird, kommt auch das<br />

Hammergut ins Firmenportfolio. Aus der «Papieri» wird damit auch eine Viehzüchterin<br />

und Produzentin von Milchprodukten. Sowohl in der Viehzucht als auch im<br />

Ackerbau gilt der Hof als pionierhaft. Seine schiere Grösse macht ihn zum bedeutendsten<br />

weit und breit. Die Maschinen gehören immer zu den neusten, und auch<br />

die Bauern der Umgebung profitieren: Sie leihen sich nicht nur die modernen Gerätschaften<br />

aus; in Notzeiten verschafft ihnen der Gutsverwalter schon mal einen<br />

Hilfsjob in der Papierfabrik.<br />

Auch wenn auf dem<br />

Hammergut von<br />

Anfang an nach<br />

modernsten Erkenntnissen<br />

gearbeitet<br />

wurde, war der<br />

Ertrag gering. In<br />

der Mitte: Verwaltertochter<br />

Ursula Frey<br />

um 1950.<br />

Mit der Gründung der Industrieholding Cham 1973 kommt das Hammergut ins Portfolio<br />

der neu gegründeten Immobilienfirma, die als Reminiszenz an die Geschichte<br />

der «Papieri» Hammer AG getauft wird. Diese hat durchaus Ambitionen, was den<br />

Betrieb des Hofes anbelangt. Sie baut einen Maststall für nahezu 500 Rinder und<br />

industrialisiert die Landwirtschaft. Die Tierhaltung unter dem ausserordentlich<br />

tüchtigen neuen Verwalterpaar Ruedi und Anna Inderwildi-Ryser (1972 bis 2001) ist<br />

beispielhaft – und beginnt richtig zu rentieren. Dank seines Mastbetriebs schreibt<br />

das Hammergut erstmals seit Langem wieder schwarze Zahlen.<br />

Auch die Navilles haben Freude an ihrem Bauernhof. Er ist – geografisch wie sozial<br />

– so etwas wie das Bindeglied zwischen der gehobenen Gesellschaft im «Hammer»<br />

und dem einfachen Volk von Cham. Für die Kinder ist er vor allem ein Tummelplatz.<br />

Wenn Robert Navilles Enkel Hanspeter und Michael Funk im «Hammer» zu Gast<br />

sind, findet man sie oft auf dem Bauernhof. Mit der Tochter Ursula von Verwalter<br />

Werner Frey, der das Gut von 1941 bis 1976 leitet, verbindet sie eine freundschaftliche<br />

Beziehung. «Vater Frey war für uns der grosse Manitu des Betriebs», erinnert<br />

sich Michael Funk.<br />

Zehn Jahre nachdem der Gutsbetrieb eingestellt wurde, entsteht auf dem Hammergut<br />

eine grosse Überbauung, die zwar einen Teil der historischen Bausubstanz integriert.<br />

Doch geht mit ihr die lange Zeit der Landwirtschaft im «Hammer» zu Ende.<br />

98<br />

99


Ebenso klar ist zu jenem Zeitpunkt, dass Schwiegersohn Nummer zwei, der junge Maschineningenieur<br />

Leo Bodmer, eine leitende Funktion in der Firma übernehmen wird. Bodmer, der<br />

mit Alice Vogel verheiratet ist, macht gerade Karriere bei Brown Boveri in Baden, wo er es<br />

bis zum Vizepräsidenten des Verwaltungsrats bringen wird.<br />

Früher als geplant übernehmen der erst 28-jährige Robert Naville und sein 32-jähriger<br />

Schwager Leo Bodmer die Leitung der «Papieri», die sie bis zu Bodmers Ausscheiden 1959<br />

gemeinsam innehaben werden: Naville ist offiziell zuständig für Fabrikation und Verkauf,<br />

Bodmer für Bauten und Maschinen. In Tat und Wahrheit amtet Leo Bodmer aber von Anfang<br />

an als Präsident des Verwaltungsrats und ist nicht sehr oft in Cham anzutreffen. Naville<br />

ist sein Delegierter, was dem heutigen CEO entspricht. Diese beiden Strategen prägen die<br />

Geschichte der Papierfabrik Cham während über vierzig Jahren – was nicht nur für ihre<br />

hohe Wirtschaftskompetenz spricht, sondern auch für die geschickte Nachfolgeplanung<br />

von Carl und Anna Vogel.<br />

Nachdem Anna Vogel 1912 in ihre «Villette» am See gezogen ist (das Haus ist damals nicht<br />

Bestandteil der «Papieri»-Immobilien), ziehen Emy und Robert Naville im «Hammer» ein.<br />

Sie sind es, die Ende der 1920er-Jahre den Grundstein legen zum neuen «Hammer».<br />

Bestimmte zusammen<br />

mit Robert Naville den<br />

Kurs der «Papieri»: Verwaltungsratspräsident<br />

Leo Bodmer (links),<br />

im September 1937 im<br />

«Hammer» mit Schwiegersohn<br />

Willy Baur.<br />

100 101


Aus drei wird eins: der neue «Hammer»<br />

Unter Naville und Bodmer blüht die «Papieri» auf. Neue, auf Papier basierende Produkte<br />

werden lanciert. Dazu gründen die beiden die Firmen Pavag (Papiersäcke), Pavatex<br />

(Dämmplatten) und Aerofiber (Vorläufer des Kunststoffs, z.B. für Koffer) und akquirieren<br />

Tochterfirmen in Deutschland (Papierfabrik Gemmrigheim) und Frankreich (Papeteries de<br />

Bretagne in Rennes).<br />

Parallel zum positiven Wachstum der Firma entwickelt sich auch der «Hammer»: Das sogenannte<br />

«Chalet», das bereits eine Reihe baulicher Veränderungen erfahren hat, aber nie als<br />

Wohnhaus diente, wird 1929/30 im Auftrag der Papierfabrik relativ aufwendig zum Landschlösschen<br />

im französischen Stil ausgebaut. Das kommt nicht von ungefähr: Die Navilles<br />

haben als vornehmes Genfer Geschlecht eine starke Affinität zur französischen Kultur, was<br />

sich auch darin äussert, dass sie zuhause französisch sprechen. Und sie lieben es gediegen.<br />

Dass die neue Hammer-Villa im Grunde genommen aber nicht viel anderes ist als eine<br />

Kopie der alten, weist auf die Verbundenheit mit ihrer Geschichte hin sowie auf den Einfluss<br />

der «Vogel-Frauen», die am Stil des alten «Hammers» hängen.<br />

Dass die Navilles aus dem eher einfachen «Chalet» ein veritables kleines Schloss machen,<br />

liegt allerdings kaum daran, dass man in einem Wettbewerb zur Chamer Oberschicht<br />

steht – etwa zur amerikanischen Familie Page, die in Cham erfolgreich ihr Kondensmilchgeschäft<br />

aufgezogen und die Milchwirtschaft industrialisiert hat. Es ist ganz einfach standesgemäss.<br />

So lebt auch die Witwe von George Page, Adelheid Page-Schwerzmann, nicht<br />

irgendwo, sondern im Schloss St. Andreas, das sie 1903 über einen Strohmann erwerben<br />

kann: Noch zu dieser Zeit haben es Nicht-Chamer offensichtlich schwer, in der Gemeinde<br />

etwas zu kaufen, vor allem etwas so Einzigartiges wie das schicke Schloss am See …<br />

Zwar präsentiert sich das Landschlösschen im «Hammer» von aussen als architektonische<br />

Einheit. Da es aber drei unterschiedliche Gebäude unter einem Dach vereint, weisen die<br />

Böden nicht überall dasselbe Niveau auf, und die verwendeten Materialien – etwa bei den<br />

Aussenmauern – sind unterschiedlich. Ein Teil wird mit baulichen Massnahmen mehr vertuscht<br />

als ausgeglichen, ein Teil bleibt bestehen – vorderhand. Ohnehin geht es mehr darum,<br />

gegen aussen zu repräsentieren, als innen zu protzen, auch wenn das Interieur des<br />

neuen «Hammers» durchaus stilvoll ist – was der Hausherrin Emy Naville entspricht: Sie ist<br />

eine elegante Frau mit einem ausgesprochen guten Geschmack. Der zeigt sich auch in ihrer<br />

Garderobe: Emy Naville trägt derart selbstverständlich Haute Couture, dass man es kaum<br />

wahrnimmt. Sie übertreibt dabei nie, denn es geht ihr nicht ums Auffallen. Es ist ihre Art.<br />

Und noch ein Anbau:<br />

Das «Chalet» wurde<br />

1915 ein letztes Mal<br />

erweitert, bevor<br />

es 1930 im «neuen<br />

Hammer» seine definitive<br />

Gestalt erhielt.<br />

102 103


Genauso präsentiert sich auch ihr Haus: Kunstvoll verlegte Parkettböden (auch aus dem<br />

alten «Hammer») zieren die Räume, teilweise bedeckt von wertvollen Teppichen. Die Wände<br />

schmücken teure Tapeten; einen Blickfang par excellence bildet die mit Jagdmotiven<br />

bedruckte Rixheimer Tapete im ersten Stock, den man über eine elegant geschwungene,<br />

ausladende Holztreppe erreicht. Von den Stuckdecken hängen Kristallleuchter, Kachelöfen<br />

unterschiedlicher Herkunft oder mit Marmor verkleidete offene Cheminées verbreiten im<br />

Winter wohlige Wärme. Die Räume sind liebevoll eingerichtet, nicht spärlich, aber doch<br />

nur so, dass Luft zum Atmen und das Gefühl von Grosszügigkeit bleibt. Das Mobiliar ist<br />

klassisch, manches mag als echte Antiquität durchgehen, das meiste hat einfach Stil. Im<br />

Gartenzimmer, dessen breite Fensterfront ins Grüne geht, gibt man Empfänge, und hier<br />

treffen sich die Familienaktionäre zur Generalversammlung der «Papieri». Obwohl jeder<br />

Raum optisch eine Welt für sich ist, bildet der «Hammer» doch eine Einheit: Er versprüht<br />

den diskreten Charme der Bourgeoisie …<br />

Leben im «Hammer»:<br />

Edouard Naville (links)<br />

im Gespräch mit<br />

Oberst Richard Vogel,<br />

der unverheiratet blieb<br />

und lange Zeit selber<br />

im «Hammer» wohnte<br />

– links sein Zimmer.<br />

Anders als sein Schwiegervater ist Robert Naville allerdings nicht mehr Eigentümer des<br />

«Hammers»; die Liegenschaft gehört mittlerweile zum Immobilienportfolio der Familien-<br />

AG, an der seine Frau Emy – und nicht er! – einen Viertel hält. Zum Zeitpunkt des Umbaus<br />

sind die Aktien allerdings noch im alleinigen Besitz ihrer Mutter Anna, die erst 1942 stirbt.<br />

104 105


Robert Naville führte<br />

die «Papieri» ein halbes<br />

Jahrhundert. Es heisst,<br />

seine Frau Emy, die<br />

das «Unternehmen<br />

Hammer» schmiss,<br />

habe aber oft im<br />

Hintergrund die Fäden<br />

gezogen.<br />

Emy und nicht ihr Mann Robert ist es denn auch, die in Absprache mit Mutter und Schwestern<br />

den Umbau an die Hand nimmt und leitet. Sie ist es, die das «KMU Hammer» mit seinen<br />

Angestellten und Beauftragten leitet, die mit Architekten und Handwerkern verhandelt<br />

und Entscheide trifft. «Die Geschichte des Hammers», ist Navilles Enkel Michael Funk<br />

überzeugt, «ist eine Geschichte der Frauen – im Gegensatz zur Papierfabrik, die von den<br />

Männern geprägt wird.»<br />

So ganz ohne Einfluss sind die Frauen allerdings auch nicht, wenn es ums Geschäft geht:<br />

«Meine Grossmutter verstand zwar nicht viel von der Papierfabrikation», sagt Jacqueline<br />

Naville, «aber sie hatte ein ausgeprägtes industrielles Gespür – und wirbelte im Hintergrund:<br />

Sie hat die Fäden gezogen.» Ihrer Enkelin erzählt sie oft, dass sie ihren Mann, Robert<br />

Naville, wieder habe bremsen oder in eine bestimmte Richtung beeinflussen müssen.<br />

Stundenlang diskutieren die beiden über die Fabrik, und Robert nimmt die Meinung seiner<br />

Frau ernst. Kein Wunder: Sie gehört ihr ja zu einem Viertel.<br />

Ihre Grossmutter Emy sei es denn auch gewesen, glaubt Jacqueline Naville, die ihren Sohn<br />

Raoul als Generaldirektor der Fabrik durchgesetzt – und wenige Jahre später schweren<br />

Herzens wieder abgesetzt habe. «Raoul war ihr Liebling, aber das hinderte sie nicht daran,<br />

gegen ihn zu argumentieren, als klar wurde, dass er mit der Aufgabe überfordert war.»<br />

Es läuft viel im Hintergrund, wo Fäden gezogen und kleine Intrigen geschmiedet werden,<br />

denn Geschäft und Privates vermischen sich dauernd bei «Hammer» und «Papieri». Aber<br />

grundsätzlich verstehen sich die Vogel-Erbinnen gut. Dass die baufällige alte Hammer-Villa<br />

1932 abgerissen wird, sorgt zwar für einigen Zwist innerhalb der Familie: Emys Schwestern<br />

und ihre Mutter ärgern sich offenbar über den Entscheid – wohl eher aus emotionalen<br />

Gründen, denn aus finanziellen Überlegungen (die Familien-AG trägt natürlich auch die<br />

Kosten für den Abbruch). Doch glätten sich die Wogen bald wieder, so dass auch der neue<br />

«Hammer» bald zum Dreh- und Angelpunkt der Familientreffen werden kann.<br />

Während Emy Naville das «KMU Hammer» mit straffer Hand leitet, führt Robert Naville<br />

die Fabrik umsichtig und erfolgreich. Er ist ein guter Unternehmer. Und auch ein guter<br />

Patron. Seine Arbeiter schätzen ihn, da er mit anpacken kann. Als im Zweiten Weltkrieg<br />

Not am Mann ist, arbeitet er am Sonntag höchstpersönlich in der Werkstatt. Und er sucht<br />

106 107


immer wieder den Austausch mit seinen Leuten: Oft übernimmt er es selber, die Löhne<br />

– damals noch in bar auf die Hand – auszuzahlen. Dazu ruft er seine Angestellten in sein<br />

Büro und benützt die Gelegenheit für einen Schwatz. Das dauert manchmal so lange, dass<br />

sich die Lohnauszahlungen über ein, zwei Wochen hinziehen, was für den einen oder anderen<br />

zum Problem wird.<br />

Seine Nähe zum einfachen Arbeiter verschafft ihm Respekt, sie täuscht aber nicht darüber<br />

hinweg, dass Robert Naville keiner von ihnen ist. Seine Macht und sein Einfluss selbst auf<br />

die Entwicklung der Gemeinde sind derart unübersehbar, dass er – nicht ohne Anerkennung<br />

– «König von Cham» genannt wird. Mehr als dies liebt er die Bezeichnung «Papieri-<br />

Vater», die er durchaus zu Recht trägt. Als er 1912 in die Firma einsteigt, beschäftigt diese<br />

gerade mal 150 Mitarbeitende und produziert auf zwei Maschinen 4000 Tonnen Papier.<br />

Bei seinem Rücktritt 1964 wird auf fünf Maschinen mehr als das Zehnfache hergestellt.<br />

Und eine ganze Reihe weiterer Geschäftsbereiche und Firmen sind hinzugekommen.<br />

In der Gemeinde engagiert er sich vor allem im Schulwesen, 27 Jahre sitzt er im Kantonsparlament,<br />

2 Jahre lang ist er Nationalrat. Dem Protestanten-Verband Cham-Hünenberg<br />

schenkt die Papierfabrik 1912 ein Grundstück zum Bau einer Kirche, Naville präsidiert die<br />

Kommission für den Bau des ersten protestantischen Gotteshauses im Raum Ennetsee.<br />

Als dieses drei Jahre später eingeweiht wird, haben die Navilles ihrer Familie auch optisch<br />

ein Denkmal gesetzt: Auf einem der Glasgemälde – einem Geschenk seiner Frau Emy an<br />

die Gläubigen – ist Jesus mit drei Kindern zu sehen: Es sind Abbilder von Hortense, Raoul<br />

und Robert E. Naville …<br />

Während Robert und Emy Naville in der Öffentlichkeit die Nähe zum einfachen Volk pflegen,<br />

ist der «Hammer» ganz und gar das Reich der Oberschichtfamilie Naville: Hier verkehren<br />

nicht Kreti und Pleti, sondern die Mitglieder der besseren Gesellschaft. Das wird sich auch<br />

unter ihrem Sohn Robert E. Naville nicht ändern. So freundlich der Umgang mit den Angestellten<br />

und der Bevölkerung von Cham auch ist – die standesgemässe Distanz wird<br />

jederzeit gewahrt. Auf beiden Seiten.<br />

Malerische Idylle:<br />

Der «Hammer»<br />

um 1900 aus der<br />

Sicht von Carl Vogel,<br />

der sich hier als<br />

Aquarellist versuchte.<br />

108 109


«Chez les Roberts»: Die Navilles<br />

feiern 1955 Silvester im<br />

«Hammer». Vorne, von links:<br />

Angèle Seeburger, Jacqueline<br />

Naville, Reiner Seeburger,<br />

Sabine und Ellen Seeburger,<br />

Hortense Funk und Robert<br />

Naville. Hinten: Robert E. Naville<br />

und Michael Funk.<br />

110 111


Innerhalb der eigenen Familie bleiben Spannungen allerdings nicht aus. Robert liebt seine<br />

Tochter Hortense; mit seinen Söhnen tut er sich oft schwer. Dass Robert junior aufgrund<br />

seiner anders liegenden Begabungen nie als Nachfolger in Frage kommt, ist für den erfolgverwöhnten<br />

Vater eine Enttäuschung. Immerhin ermöglicht er ihm aber den Aufstieg bis in<br />

die zweite, dritte Reihe – eine Karriere, die er ohne «Familienbonus» schwerlich gemacht<br />

hätte, auch wenn er geschäftliche Erfolge durchaus verbuchen kann: Robert E. Naville ist<br />

es, der den Grundstein legt für Aerofiber – das neuartige Material ist seine Erfindung, die<br />

Fabrik blüht unter seiner Leitung auf, und schliesslich gehört sie ihm sogar. Ausserdem leitet<br />

er die Tochterfirma Pavatex clever; mit seinen Pavag-Säcken fordert er den legendären<br />

Ochsner-Kübel heraus und bringt auch die Idee auf, Abfallsäcke aus Plastik zu produzieren.<br />

Trotzdem hat Robert junior in Bezug auf seine «Papieri»-Karriere keine grossen Ambitionen,<br />

und er lebt gut damit. Seine Frau nicht. Was Vater und Sohn hingegen verbindet, ist ihre<br />

Leidenschaft für die Niederwildjagd; hier finden und schätzen sich die beiden.<br />

Ganz anders der um ein Jahr ältere Raoul. Körperlich seinem jüngeren Bruder weit unterlegen<br />

und auch gesundheitlich immer wieder angeschlagen (er leidet in der Jugend unter<br />

starkem Asthma), hat er durchaus das Zeug dazu, in der «Papieri» Karriere zu machen. Mit<br />

seiner Ausbildung zum Papieringenieur schlägt er auch den richtigen Weg ein. Doch seine<br />

Ehe mit der Jüdin Marga Wertheimer, die unter anderem Sekretärin von Rainer Maria Rilke<br />

war, führt vorübergehend zum Bruch mit dem Vater. Naville ist kein Antisemit. Aber er<br />

stösst sich daran, dass Marga Wertheimer zehn Jahre älter ist als sein Sohn. Und sie ist ihm<br />

entschieden zu forsch. «Woher nimmt sie sich das Recht, meinen Sohn so herumzukommandieren?»,<br />

scheint er sich dauernd zu fragen.<br />

Raoul bleibt deshalb vorerst im «Exil» im deutschen Gemmrigheim, wo er die Papierfabrik,<br />

eine Tochterfirma, leitet. Er ist eine gewinnende Persönlichkeit und der Liebling aller. Nur<br />

als Vorgesetzter geniesst er nicht den nötigen Respekt, was auch seinem Neffen Michael<br />

Funk auffällt, der ein Jahr lang unter Raoul Naville in Deutschland arbeitet.<br />

Emy Naville stiftete<br />

der Reformierten<br />

Kirche von Cham<br />

ein Fenster – und<br />

verewigte ihre Kinder<br />

Raoul, Hortense<br />

und Robert darauf<br />

(von links).<br />

Schon während dieser Zeit nähern sich die Parteien aber wieder an und verbringen sogar<br />

Sommerferien im grossen Familienkreis an der italienischen Riviera. Als sich Raoul von<br />

Marga Wertheimer scheiden lässt, entspannt sich nicht nur das Verhältnis zu seinen Eltern.<br />

Er frönt auch wieder öfter seiner wahren Leidenschaft: dem Malen. Mit seiner zweiten Frau<br />

lebt er diesbezüglich auf, reist oft in die Provence und malt Hunderte von Landschaftsbildern.<br />

Menschen kommen darin nie vor – vielleicht deshalb, weil er von ihnen enttäuscht<br />

wurde und an ihrer Integrität zweifelt. «All diese Intrigen!», klagt er immer wieder bei<br />

seiner Nichte Jacqueline, die während ihrer Schulzeit in Cham jahrelang am Mittwoch bei<br />

ihm zu Mittag essen darf. «Es ist ein wahres Wespennest!»<br />

112 113


Es ist die Zeit, als Raoul voller Hoffnung und Ambitionen nach Cham zurückkehrt, um das<br />

Erbe seines Vaters als Generaldirektor anzutreten. Am 1. April 1961 übernimmt er, vor allem<br />

dank des geschickten Taktierens seiner Mutter, die Leitung der Papierfabrik Cham, die er<br />

drei Jahre innehat. Sein Vater nimmt den Entscheid des Verwaltungsrats zähneknirschend<br />

an. «Raoul hat mich von meinem Sessel verdrängt», wird er später seiner Enkelin Jacqueline<br />

Naville sagen. Doch es ist wohl eher seine Unzufriedenheit nach dem definitiven Ausscheiden<br />

aus der «Papieri», die sich hier äussert, denn Robert Naville wird keineswegs verdrängt – es<br />

ist ganz einfach Zeit zu gehen.<br />

Aber Raoul agiert in der «Papieri» glücklos, auch wenn er sich vornimmt, es «zehnmal besser<br />

zu machen» als sein Vater, wie er der jungen Jacqueline immer wieder versichert. Schliesslich<br />

wird er von einem Tag auf den anderen abgesetzt, «im gegenseitigen Einverständnis»,<br />

heisst es. Doch das ist nicht der Fall. Raoul, der sich als brillanter Kopf mit genialen<br />

Ideen erweist, zeigt so viele Führungsschwächen, dass der Verwaltungsrat sich nach langem<br />

Ringen entscheidet, ihn in die Wüste zu schicken.<br />

Federführend bei diesem Entscheid ist – neben seiner Mutter Emy, die im Versteckten<br />

wirkt – Gian Carlo Enrico Vogel, der als Vertreter des «fünften Stammes» der Familien-AG<br />

im Verwaltungsrat der «Papieri» sitzt. Bis 1950 stellen die Familien der vier Vogel-Erbinnen<br />

Emy, Alice, Olga und Ellen – jede hat 25 Prozent der Aktien – die Mitglieder des Verwaltungsrats.<br />

Weil man zu jener Zeit aber auf eine Finanzspritze angewiesen ist (so die Vermutung<br />

von Michael Funk, der selber als möglicher Nachfolger gehandelt wird), nimmt<br />

man einen besonders begüterten Zweig der entfernten Verwandtschaft mit ins Boot: die<br />

Nachkommen von Carl Vogels Bruder Robert. Durchaus wahrscheinlich ist aber auch, dass<br />

man die «Naville’sche Vorherrschaft» in der «Papieri» ein wenig zurückbinden will. Dieser<br />

Meinung ist jedenfalls Funks Cousine Jacqueline Naville, die sagt: «Man hat Gianni Vogel<br />

geholt, um meinen Grossvater zu entmachten.» Jedenfalls verfügt ab 1950 jeder «Stamm»<br />

über 20 Prozent der Aktien – und das Recht, eine Vertretung im Verwaltungsrat zu stellen.<br />

Gian Vogel (1922–2007) ist der Enkel von Robert Vogel. Und er sorgt für frischen Wind bei<br />

der Papierfabrik Cham: als Erstes mit der Entlassung von Raoul Naville, zu dessen Nachfolger<br />

er wird. Er ist es aber auch, der sie schliesslich öffnen und mit einem geradezu<br />

genialen Coup an die Börse bringen wird. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass er selber<br />

ein «Phantast» ist wie Raoul – und die «Papieri» tief in die roten Zahlen führt. Als er 1978<br />

als Delegierter des Verwaltungsrats abgesetzt wird, besteht seine Bilanz aus 50 Millionen<br />

Franken Schulden.<br />

«Ein wahres Wespennest»:<br />

Gianni Vogel<br />

(links) sorgte dafür,<br />

dass Raoul Naville vom<br />

Verwaltungsrat der<br />

«Papieri» als Direktor<br />

abgesetzt wurde.<br />

Es kann gut sein, dass der gescheiterte Versuch, Raoul doch noch zum erfolgreichen CEO<br />

der «Papieri» zu machen, mit ein Grund dafür ist, dass Robert Naville sich im Alter schwer<br />

damit tut, loszulassen: Er klammert sich an die Firma, bis ihn seine Tochter auf Druck des<br />

Verwaltungsrats, dem sie selber als einzige Frau angehört, mit sanfter Gewalt zur Vernunft<br />

bringt: «Jetzt gehen wir und räumen dein Büro», sagt sie. Und genau das tun die beiden auch.<br />

Die enge Beziehung, die Robert Naville zu seiner Tochter hat, kommt nicht von ungefähr.<br />

Nach dem frühen Tod ihres Mannes verbringt sie mit den beiden Kindern Hanspeter und<br />

Michael viel Zeit im elterlichen «Hammer», der für die junge Familie zum zweiten Zuhause<br />

wird. Vor allem aus der Sicht der Buben ist der «Hammer» ein Paradies. Von Spannungen<br />

innerhalb der Familie bekommen sie nichts mit. Sie leben in ihrer kleinen, heilen Welt – die<br />

auf sie allerdings riesengross wirkt: Der «Hammer» ist ein einziger Abenteuerspielplatz,<br />

gehegt und gepflegt von einer ganzen Schar Angestellter, zu denen die Kinder einen herzlichen<br />

Draht haben. Für sie gibt es kein Oben und Unten, für sie zählt nur das Erlebnis (siehe<br />

«Ferien im Hammer», Seite 120).<br />

114 115


Kind und Kegel: Der «Hammer»<br />

war immer ein Ort der Begegnung.<br />

Während der «Ära Vogel»<br />

und der «Ära Naville» traf sich<br />

hier vor allem die Verwandtschaft<br />

– wie bei diesem Familientreffen<br />

um 1920. Die von<br />

Plantas öffneten den «Hammer»<br />

später auch für andere Anlässe.<br />

116 117


Das Leben im «Hammer» ist herrschaftlich. Drei festangestellte Gärtner pflegen die aufwendige<br />

Umgebung, ein Chauffeur sorgt für die nötige Mobilität mit Stil; dessen technisches<br />

Geschick macht ihn zum Mann für alle Fälle, seine freundliche, aber bestimmte Art<br />

zum Ersatzvater für Enkel Michael Funk und seinen Bruder Hanspeter. Diese Personal kosten<br />

übernimmt die Papierfabrik. Aus der eigenen Tasche bezahlt Robert Naville eine festangestellte<br />

Köchin und zwei, ebenfalls zu hundert Prozent für ihn tätige «Mädchen für alles».<br />

Einmal im Monat kommen Frauen, die sich um die reichlich anfallende Wäsche kümmern.<br />

Viel Personal zwar, aber noch ist der Haushalt wenig automatisiert – weder Waschmaschinen<br />

noch Staubsauger gehören zum Inventar. Emy Naville hat alle Hände voll zu tun, die Arbeiten<br />

zu koordinieren. Aber sie tut es routiniert und mit Leidenschaft.<br />

Zu Beginn der 1950er-Jahre versuchen Emy und Robert Naville, den «Hammer» zu kaufen.<br />

Doch sie finden, vor allem zum Leidwesen von Emy, keine Mehrheit bei den Familienaktionärinnen<br />

– und ziehen deshalb in die Villa Solitude am See, die ihnen bereits gehört.<br />

Das 18 000 Quadratmeter grosse Grundstück Täubmatt (oder Taubenmatt), auf dem das<br />

herrschaftliche Haus bis heute steht, hatte Emys Grossvater Heinrich Ulrich Vogel-Saluzzi<br />

bereits 1870 gekauft. Doch erst dessen Sohn, Oberst Richard Vogel, machte es «bewohnbar».<br />

Nachdem der leidenschaftliche Gartenplaner und Antiquitätensammler bereits die Parkanlage<br />

des «Hammers» gestaltet hatte, verwirklichte er sich hier seinen Traum von der<br />

Altersresidenz und baute 1934/35 die Villa Solitude. Als Vorbild diente ihm das Schlösschen<br />

Ursellen bei Konolfingen. Nach seinem Tod 1950 wohnen hier Emy und Robert Naville<br />

senior, deren Tochter Hortense und schliesslich die Familie ihres Sohns Michael, der noch<br />

heute im Besitz der «Solitude» ist.<br />

So packen im Sommer 1953 Emy und Robert Naville also ihre Koffer und Kisten im<br />

«Hammer», um Platz zu machen für ihren Sohn, der hier mit seiner Familie einziehen wird.<br />

Treues Personal:<br />

«Facility Managerin»<br />

Hulda Egli, Köchin<br />

Johanna Liechti,<br />

Haushalthilfe Annette<br />

Ribeaux (die Frau des<br />

Gärtners) und Rosy<br />

Denzler, die bei<br />

Hortense Funk in<br />

118<br />

Baden arbeitete.<br />

119


erien im<br />

Hammer»<br />

Michael Funk:<br />

Ferien im «Hammer»<br />

Das Eheglück von Hortense Funk-Naville steht unter einem schlechten Stern. Ihr<br />

Mann Hans Funk ist erst 47 Jahre alt, als er 1941 erkrankt und wenig später stirbt.<br />

Hortense selber ist 31, ihr Sohn Hanspeter 2. Der zweite Sohn, Michael, ist noch nicht<br />

einmal geboren; er kommt drei Monate nach dem Tod seines Vaters zur Welt.<br />

So sucht Hortense Familienanschluss und verbringt mit ihren Kindern viel Zeit im<br />

elterlichen «Hammer», wo die junge Familie stets willkommen ist. Vater Robert Naville<br />

liebt seine Tochter. Und er liebt seine Enkel, die sich auf dem grosselterlichen<br />

Gut austoben dürfen. Bis zum Wegzug seiner Grosseltern in die Villa Solitude am<br />

See verbringt Michael Funk viel Zeit im «Hammer», der ihm als riesiger Abenteuerspielplatz<br />

in Erinnerung bleiben wird – und nicht etwa als herausgeputzte Parkanlage,<br />

die nicht betreten werden darf.<br />

Momente des Glücks<br />

(von links): Michael<br />

und Hanspeter Funk<br />

mit Rosy und Gisela<br />

Eberle im Villette-<br />

Park, mit dem heutigen<br />

Verleger Peter<br />

Wanner (ganz rechts)<br />

auf dem «Abenteuerspielplatz<br />

Hammer»<br />

und mit den Grosseltern<br />

Robert und<br />

Emy Naville.<br />

In den 1940er-Jahren ist der «Hammer» scheinbar grenzenlos: Das Areal, mindestens<br />

zehnmal grösser als heute, umfasst inklusive Landwirtschaft eine Fläche, die<br />

von der Obermüli über das Streckiwäldli fast bis Lindencham, zur Lorzenweid und<br />

zum Teuflibach reicht. Hier finden die Buben alles, was das Leben spannend macht:<br />

einen Bach zum Fischen, Wald zum Verstecken, grosse, alte Bäume zum Klettern,<br />

Wiesen zum Fussballspielen, einen grossen Findling – den «Elefantenfelsen» – zum<br />

Bergsteigen. Und einen Bauernhof mit Tieren. Hier, auf dem Hammergut, beobachtet<br />

Michael, wie die erste Melkmaschine installiert wird. Technik fasziniert ihn. Und<br />

der Bauernhof bietet eine ganze Menge davon.<br />

Der grosse Rasen zwischen Villa und Stall, wo die Vogels einst Tennis spielten,<br />

wird zum Fussballplatz. Im feuchten Luftschutzkeller, vor den die «Orangerie» mit<br />

Schwimmbad gebaut wurde, lernen die Kinder das Gruseln. In der Remise entdecken<br />

sie alte Kutschen und Autos – unter anderem jenes, das ihr Grossvater eigenhändig<br />

gebaut hat! Hinter den Pferdestallungen locken alte Spielgeräte von Alder & Eisenhut,<br />

etwas weiter findet sich ein idealer Platz fürs Indianerzelt, in dem die Jungs auch<br />

mal übernachten. Das Badehäuschen (als charmantes Blockhaus 1874 oberhalb der<br />

Hammerbrücke gebaut), in dem sich Männlein und Weiblein getrennt umziehen und<br />

dann unten rausschwimmen konnten, um sich schliesslich im kühlen Wasser der<br />

Lorze züchtig wieder zu treffen, ist nur noch ein Versteck. Mehr als ein halbes Jahrhundert<br />

später wird es der «Fischereiverein Hammer» sanieren und zur schmucken<br />

Fischerhütte ausbauen.<br />

120 121


erien im<br />

Hammer»<br />

Zum Schwimmen radeln die Kinder zur «Villette», wo in der einen Haushälfte ihre<br />

Grosstante Ellen Seeburger-Vogel, die Schwester von Emy Naville, wohnt. In der<br />

anderen lebt ihr Sohn Rainer mit seiner Frau Angèle. «Ellen hat immer eine grosse<br />

Schar von Kindern im Garten gehabt», erinnert sich Michael Funk, «nicht nur die<br />

Verwandtschaft, auch die Kinder der Angestellten des ‹Hammers› und des Hammerguts.»<br />

Vor allem Angèle aber freut sich über das ausgelassene Treiben vor ihrer<br />

Haustür und tischt den Buben und Mädchen auch gerne mal ein Zvieri auf: «Mutschli<br />

mit Schoggistängeli».<br />

In der grossen Villa schauen sich die Buben an regnerischen Tagen die 3-D-Bilder<br />

ihrer Grosseltern an, hören Schallplatten auf dem alten Grammophon und spielen mit<br />

der elektrischen Eisenbahn der amerikanischen Marke Lionel. Das grosse Treppengeländer<br />

dient ihnen als Rutschbahn, der Estrich erscheint ihnen als das grösste Spielzimmer<br />

der Welt, und in der Vorratskammer sehen sie sich mit einem leisen Schaudern<br />

die Hasen an, die Grossvater und Onkel Robert von der Jagd mitgebracht haben.<br />

Freundschaft schliessen die Buben auch mit dem Personal, das ansonsten einen<br />

Club für sich bildet: mit Köchin Johanna Liechti sowie den Haushalthilfen Hulda Egli<br />

und Hedi Rütimann. Sie helfen den drei Gärtnern beim Rasenmähen und Bambusschneiden;<br />

einer von ihnen, Ami Ribeaux, wohnt mit seiner Frau Annette im Gärtnerhaus;<br />

sein Sohn Fredy ist einer der Stars des Chamer Fussballclubs. Auf ihn sind<br />

Hanspeter und Michael mächtig stolz. Näher ist ihnen aber der junge Gärtner Heiri<br />

Hafen, mit dem sie sich bestens verstehen.<br />

Eine besonders enge Beziehung verbindet Michael mit dem Chauffeur Gottfried<br />

Frey. Dieser ist schon zu Zeiten von Carl und Anna Vogel-von Meiss Kutscher im<br />

«Hammer»; später fährt er die eleganten Autos der Navilles. Michael hilft ihm beim<br />

Putzen, Flicken und Tanken – der «Hammer» hat eine eigene Zapfsäule! Frey ist<br />

vielseitig begabt und sehr belesen; es scheint fast, als gäbe es nichts, was er nicht<br />

wüsste oder könnte. Da er ein ausgesprochenes Talent zum Malen hat, bastelt er den<br />

Kindern Kulissen, wenn sie Theater spielen.<br />

Hans Funk (linke<br />

Seite) stirbt früh, so<br />

wird der «Hammer»<br />

eine Art Zuhause für<br />

seine Familie (von<br />

links): Michael Funk,<br />

Hanspeter Funk mit<br />

Götti Raoul Naville,<br />

«Ersatzvater»<br />

Chauffeur Frey.<br />

Im «Hammer» hat Gottfried Frey eine Art Sonderstellung. Nicht unbedingt gegenüber<br />

dem Personal, zu dem er gar nicht gehört: Angestellt ist er von der «Papieri».<br />

Seine klare, unmissverständliche Art macht ihn zur Persönlichkeit und für die Kinder<br />

zur Respektsperson. Ausserdem ist seine Frau eine Schulkollegin von Emy Naville,<br />

was zu einer fast freundschaftlichen Beziehung zwischen den Navilles und den<br />

Freys führt. Auch in der «Papieri» wird Gottfried Frey geschätzt: Man stellt ihn dort<br />

nicht einfach als Chauffeur ein, man will ihn vor allem als Sänger für den Fabrikchor.<br />

Für Michael wird Gottfried Frey zum Ersatzvater während seiner ganzen Jugendzeit.<br />

Und zum Teil des Glücks, das er im «Hammer» empfindet.<br />

Als der «Hammer» in den 1980er-Jahren verkauft werden soll, bemüht sich Michael<br />

Funk darum, dass die Liegenschaft in Familienbesitz bleibt. Aus emotionalen Gründen,<br />

denn im Grunde weiss er, dass seine Mutter die bessere Entscheidung getroffen hat:<br />

Sie übernimmt die «Solitude», in der er heute selber mit seiner Frau lebt.<br />

122<br />

123


Mann mit anderen Eigenschaften: Robert E. Naville<br />

Im Unterschied zu seinem Vater hat Robert E. Naville wenig Durchsetzungsvermögen und<br />

auch deutlich weniger Ehrgeiz. Er ist ganz zufrieden damit, in der zweiten oder sogar bloss<br />

dritten Reihe zu stehen. Vermutlich ist ihm bewusst, dass er es ohne «Familienbonus»<br />

überhaupt nie so weit gebracht hätte. Die Leitung der Papierfabrik zu übernehmen, ist für<br />

ihn weder Ambition noch Ziel und im Verwaltungsrat auch nie ein Thema. Anders sieht es<br />

seine Frau Marie-Louise Ferrière: Sie hadert mit seinem Schicksal und drängt ihren Mann,<br />

sich ein bisschen anzustrengen.<br />

Robert E. Naville kommt zur Welt, als sein Vater gerade mal ein Jahr die Leitung der<br />

Papierfabrik innehat: 1913 im «Hammer». Er entwickelt sich schnell zu einem stattlichen<br />

Mann und einer echten Sportskanone. Man kennt ihn als verwegenen Reiter und halsbrecherischen<br />

Skifahrer. Er ist gross gewachsen, muskulös und attraktiv und überflügelt<br />

seinen älteren Bruder Raoul in dieser Beziehung bald bei Weitem. Dass dieser darunter<br />

leidet, bekommt er später zu spüren: Als Raoul Generaldirektor der «Papieri» und damit<br />

Vorgesetzter von Robert wird, lässt er ihn mehr als einmal wissen: «Hier habe ich das<br />

Sagen!» Robert nimmt es mit einem Lächeln – seine Frau nicht; sie ärgert sich über die<br />

Arroganz ihres Schwagers, der ihr einmal mehr zu spüren gibt, dass ihr Mann nicht dort<br />

ist, wo sie ihn gerne hätte.<br />

Robert E. Naville macht eine Ausbildung zum Kaufmann und studiert anschliessend an der<br />

ETH Zürich Chemie. Viel lieber wäre er Landwirt geworden, doch es scheint nun mal Tradition<br />

zu sein, dass die «Papieri»-Nachfolger Naturwissenschaften studieren. Da es keine<br />

Frage ist, wohin sein beruflicher Weg führen soll, bildet er sich in diversen Papierfabriken<br />

weiter, bevor er mit 27 Jahren die Betriebsleitung der Tochterfirma Papeteries de Bretagne<br />

in Rennes übernimmt. Er wird diese zuerst vor Ort, später von Cham aus über zwanzig<br />

Jahre lang betreuen.<br />

Mit 26 Jahren heiratet er die Genfer Pianistin Marie-Louise Ferrière, mit der er zwei Kinder<br />

hat: André (*1945) und Jacqueline (*1949). Mit seiner Frau verbindet ihn oft weniger, als ihn<br />

von ihr trennt. Aber sie wird dennoch immer seine ganz grosse Liebe bleiben, und keinen<br />

Augenblick zweifelt er daran, dass sie die Frau seines Lebens ist. Was tatsächlich zutrifft:<br />

Die beiden bleiben bis zu ihrem Tod ein Paar.<br />

Robert E. Naville mit<br />

seiner Familie unterwegs<br />

in Italien und<br />

als leidenschaftlicher<br />

Reiter auf dem Sprung<br />

in sein ganz persönliches<br />

Glück.<br />

124 125


Vor allem bei den stilvollen Empfängen im «Hammer» finden sie sich: Marie-Louise und<br />

Robert sind die perfekten Gastgeber. Hier blühen sie auf. Hier werden sie zu dem, was<br />

sie sonst nicht sind: zum perfekt harmonierenden Paar. Robert ist ein Philanthrop, sein<br />

Wissenshunger enorm. Er weiss viel, nur für den rauen Wirtschaftsalltag kann er sich nicht<br />

wirklich begeistern. Mit Geld wird er nie richtig umgehen können. Die Karriere bedeutet<br />

ihm wenig. Marie-Louise hingegen ist ambitioniert. Sie ist eine ebenso leidenschaftliche<br />

wie fordernde Frau und eine eher bemühte als liebevolle Mutter. Die berufliche Laufbahn<br />

ihres Mannes begeistert sie wenig. Dass sie ihm das auch sagt, sorgt immer wieder für<br />

Spannungen.<br />

Doch Robert E. Naville macht seinen Job ordentlich. Als Spross der «Papieri»-Familie wird<br />

er in dieser Branche gross und verfügt schon bald über ein enormes Fachwissen. Das hilft,<br />

in der Firma weiterzukommen. Andernorts wäre er die Karriereleiter kaum so hoch hinaufgestiegen.<br />

Mit dem Führen ist er überfordert. Er kann sich nur schwer durchsetzen und<br />

geniesst nie jenen Respekt der Arbeiterschaft, wie ihn sein Vater hat. Als er 1953 Vizedirektor<br />

der Papierfabrik wird, zieht er mit seiner Familie in den «Hammer», in dem – nach dem ungeschriebenen<br />

Familiengesetz – die Familie Naville das Wohnrecht hat. Da Robert Naville<br />

und seine Frau Emy des ewigen Hin und Hers zwischen Genf, «Hammer» und «Solitude»<br />

ein wenig müde sind, machen sie letztere zum einzigen Wohn- beziehungsweise Alterssitz<br />

– und damit Platz für ihren Sohn, der noch so gern in den «Hammer» zieht. «Vermutlich<br />

zogen Robert und Emy auch auf sanften Druck ihrer Schwiegertochter Marie-Louise um»,<br />

bemerkt Jacqueline Naville lächelnd. «Denn meine Grossmutter war zu dieser Zeit noch<br />

voll im Saft – die hätte nicht die geringsten Probleme gehabt, sogar noch eine weitere<br />

grosse Liegenschaft zu managen …» Doch ihrem Mann Robert ist es recht so: Er mag das<br />

Wasser und freut sich auf seinen Lebensabend am Zugersee.<br />

Robert junior liebt den «Hammer». Für ihn ist er eine Herzensangelegenheit. Hier jemals<br />

wieder wegzuziehen, kann er sich nicht vorstellen. Als Tierliebhaber – auch dies eine Leidenschaft,<br />

die er mit seiner Frau teilt – vergöttert er seine Hunde und Pferde und erfreut sich<br />

an der Nähe zur Landwirtschaft des Hammerguts, auch wenn er die damit verbundenen<br />

Immissionen nicht immer schätzt. Als Gastgeber liebt er die Möglichkeiten, stilvolle Empfänge<br />

auszurichten. Und als gegen innen gekehrter Mensch die selbst gewählte Isolation.<br />

Der «Hammer» wird zu seiner Insel. Das Leben, das er hier führen darf, mag ihn dafür entschädigen,<br />

dass er in der Firma mehr gefordert ist, als ihm lieb ist. Für seinen Einsatz erntet<br />

er wenige Lorbeeren.<br />

Wirklich erfolgreich wirkt er allerdings bei der «Papieri»-Tochter Pavag, der legendären<br />

Papiersackfabrik im luzernischen Nebikon, wo er von 1961 bis 1973 als Delegierter des Verwaltungsrates<br />

tätig ist. Während seiner Zeit wächst die Pavag in jeder Beziehung um das<br />

Zwei- bis Dreifache. Darauf ist er stolz. Als sich die Papierfabrik 1973 dem Publikum öffnet<br />

und zur börsenkotierten Industrieholding AG wird, übernimmt Robert E. Naville die<br />

neu geschaffene Immobilienfirma Hammer AG und betreut fortan auch das Hammergut.<br />

Damit geht sein Jugendtraum, Bauer zu werden, in gewisser Weise doch noch in Erfüllung.<br />

1980 geht Robert E. Naville in Pension. Der Abschied von der Firma fällt ihm schwer, weil er<br />

seinen Alltag durcheinander bringt. Er liebt die Rituale, vermisst die Routine – und scheint<br />

sich darüber zu ärgern, dass man die Frechheit hat, ihn tatsächlich in den Ruhestand zu<br />

schicken. Sein Gemütszustand verschlechtert sich, als feststeht, dass er seinen «Hammer»<br />

verlassen muss. Es gibt für die Industrieholding, die zu dieser Zeit in einer Krise steckt,<br />

keinen vernünftigen Grund mehr, die kostenintensive Liegenschaft, die jährlich eine halbe<br />

Million Franken an Unterhaltskosten verschlingt, jemandem zum Dumpingpreis zu überlassen,<br />

nur weil er der Familie Naville angehört. Da Robert E. Naville nicht die finanziellen<br />

Möglichkeiten hat, den «Hammer» selber zu übernehmen, wird er verkauft. «Mit dem Verkauf»,<br />

wird er später seiner Tochter Jacqueline sagen, «ist ein Teil von mir gestorben.»<br />

Dasselbe gilt auch für seine Frau.<br />

Im «Hammer» haben derweil die Jahrzehnte seit dem Einbringen der Liegenschaft in die<br />

Familien-AG immer offensichtlicher ihre Spuren hinterlassen. Die Aktionärinnen waren<br />

wohl schlichtweg nicht bereit, so viel zu investieren, wie nötig gewesen wäre, um die zahlreichen<br />

Gebäude in Schuss zu halten. Das ohnehin einfach und schnell gebaute Mühlenhaus<br />

ist aus den Fugen geraten, die Stallungen haben ihren einstigen Glanz verloren, das<br />

Gärtnerhaus ist verlottert. Selbst von der Hammer-Villa blättert allmählich die Farbe; die<br />

Heizung sollte ersetzt werden, die Entkalkungsanlage funktioniert nicht mehr richtig,<br />

durch die Fenster pfeift da und dort der Wind. Aber Charme hat es, das Herrschaftshaus,<br />

in dem Robert und Marie-Louise Naville 1984 verzweifelt ihre Koffer packen, um das zu<br />

verlassen, was sie am meisten lieben.<br />

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Familie als Hypothek: Jacqueline Naville und der «Hammer»<br />

Wenn die kleine Jacqueline nachts durch die grossen Korridore der Hammer-Villa schleicht,<br />

kommt ihr das Haus gespenstisch vor: Die Holzböden knarren, in den grossen Spiegeln<br />

zeichnet sich der Nachthimmel ab, besonders dramatisch dann, wenn der Mond scheint.<br />

Jacqueline, die eine blühende Fantasie hat, sieht allerhand Geister, die ihr Angst machen.<br />

Doch sie ist zu klein, um den Lichtschalter zu erreichen und dem Spuk ein Ende zu bereiten.<br />

Die unheimlichen Bilder bleiben. Sie fühlt sich alleingelassen.<br />

Später wird sie sagen, sie habe sich gefühlt wie der kleine Danny in Stanley Kubricks «The<br />

Shining», dem Horror-Klassiker nach dem gleichnamigen Buch von Stephen King. Auch er<br />

streift nachts allein durch das verlassene Haus, lebt in einer einsamen Welt. Seiner Welt,<br />

von der niemand weiss und zu der niemand Zugang hat. Der «Hammer» ist für Jacqueline<br />

Naville ein Geisterhaus. Aber auch sie liebt ihn. Und eigentlich würde sie sich hier richtig<br />

wohl fühlen – wäre sie nicht so alleine.<br />

Als Robert Naville junior 1953 mit seiner Familie in den «Hammer» zieht, ist Jacqueline vier<br />

Jahre alt, ihr grosser Bruder André vier Jahre älter. Sie liebt ihren Bruder, zu dem sie stolz<br />

aufblickt und der ihr Sicherheit vermittelt. Umso schlimmer ist es für sie, als die Eltern den<br />

rebellischen André ins Lyceum Alpinum nach Zuoz im Oberengadin schicken. Obwohl es<br />

die beste Internatsschule der Schweiz ist, fühlt sich André verstossen. Nur ein paar Mal<br />

pro Jahr darf er die Familie im «Hammer» besuchen, sonst ist er schon mit zehn Jahren auf<br />

sich selber gestellt.<br />

André verzeiht seinen Eltern diesen Entscheid nie, obwohl sie es gut meinen und ihren<br />

Sohn nicht einfach abschieben wollen. Die Familie wird für ihn zum roten Tuch. Sie hätten<br />

ihn rausgeworfen, wirft er seinen Eltern vor, verstossen. Er wird später nie mehr in den<br />

«Hammer» zurückkehren. An Familienfesten und Beerdigungen lässt er sich nicht mehr blicken.<br />

Dass er sich am Ende sogar mit seiner Schwester über das Erbe streitet, hat wenig mit<br />

Geld und Gut zu tun; es ist die Familiengeschichte, welche die beiden auseinanderbringt.<br />

So wächst Jacqueline Naville schon bald als eine Art Einzelkind auf. Und nicht nur dies:<br />

Sie ist ein Einzelkind auf einer einsamen Insel. Kontakt zu anderen Kindern hat sie kaum.<br />

Die Eltern erachten dies nicht als standesgemäss; nie kommt es vor, dass sie «Gschpänli»<br />

nach Hause einladen darf. Nie wird sie von diesen zu sich eingeladen. Nur auf dem langen<br />

Schulweg nach Cham hat sie Gesellschaft; das sind kleine Momente des Glücks.<br />

«Kiki», wie die kleine<br />

Jacqueline Naville genannt<br />

wurde, mit ihrem<br />

Bruder André und den<br />

«Hammer-Hunden»<br />

– eine Leidenschaft<br />

von Marie-Louise und<br />

Robert E. Naville.<br />

Als Reformierte hat sie es auch bei den Klosterfrauen nicht einfach, die sie während den<br />

ersten vier Schuljahren unterrichten. Oft wird sie von ihnen schlecht behandelt. Jacqueline<br />

versteht die Welt nicht mehr. «Religion», sagt sie rückblickend, «hat mich schon früh geprägt<br />

– im Positiven und Negativen.» Gerade weil sie so viel von den anderen Kindern<br />

unterscheidet, tut sie alles, um nicht aufzufallen; ihre Andersartigkeit beschämt sie. Ihre<br />

Eltern verstehen das und unterstützen sie dabei, möglichst gleich zu sein wie alle andern:<br />

Jacqueline bekommt dieselben Kleider (wenn sie zur Schule geht) und erhält auch nur ein<br />

bescheidenes Taschengeld.<br />

Glücklich ist sie, wenn sie auf dem Hammergut sein darf. Sie liebt die Tiere und – wie alle<br />

Kinder – die «Dreckarbeit». Wenn sie abends nach Hause kommt, riecht sie nach Kuhmist<br />

und Milch. Das mag sie. Aber nicht ihre Mutter, für die Ordnung, Sauberkeit und standesgemässes<br />

Benehmen das A und O sind. Sie sieht es auch nicht gerne, wenn sich ihre Tochter<br />

in der Küche rumtreibt. Doch Jacqueline kocht nun mal fürs Leben gerne und schleicht sich<br />

deshalb nachts in die Küche, um die wildesten Gerichte zu kreieren – und wohl auch eine<br />

Menge Unordnung anzurichten. Ein Glück, versteht sie sich so gut mit der Köchin Santina<br />

Lira, die mit ihrem grossen italienischen Herz die Kleine gewähren lässt.<br />

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Marie-Louise Ferrière ist keine schlechte Mutter. Sie bemüht sich, ihre Aufgaben zum Besten<br />

ihrer Kinder zu erledigen. Aber sie schafft es nicht, eine herzliche Beziehung zu ihrer Tochter<br />

aufzubauen. Sie weiss das und leidet vermutlich selber darunter. «Schau mal, Puppe», wird<br />

sie viel später einmal zu Jacqueline sagen, «das bin ich!» Und sie zeigt dabei auf ein Gemälde<br />

von Giovanni Segantini, den sie sehr verehrt. «Die bösen Mütter» heisst es.<br />

Marie-Louise ist – im Gegensatz zu ihrem Mann – eine schillernde Figur. Sie ist eine begnadete<br />

Pianistin und Künstlerin und leitet das «Unternehmen Hammer» wie die Frauen vor<br />

ihr mit viel Geschick und Leidenschaft. Sie liebt den Umgang mit der Zürcher und Genfer<br />

High Society. Robert ist oft weniger ihr Partner als ihr Gefolgsmann.<br />

Doch zu ihm hat Jacqueline die herzlichere Beziehung. Er ist es, der ihr abends Gutenachtgeschichten<br />

erzählt. Der sie immer wieder in ihr Bett bringt, wenn sie nachtwandelt (das tut<br />

sie, bis sie 18 ist). Im «Hammer», ist Tochter Jacqueline bis heute überzeugt, war er es, der<br />

für das Seelenheil der Kinder verantwortlich war. Zwischen den Eheleuten hingegen gibt<br />

es oft Spannungen. Robert, der es allen recht machen will und es schliesslich niemandem<br />

recht macht, ist überfordert. Mit seiner Karriere ebenso wie mit seiner Ehe.<br />

Jacqueline fühlt sich – wie viele Kinder in ähnlichen Situationen – verantwortlich für den Hausfrieden.<br />

Sie will zwischen ihren Eltern schlichten und freut sich dann besonders, wenn sich Marie<br />

Louise und Robert mal wieder so richtig verstehen: bei Gesellschaften, die sie mit grosser<br />

Hingabe geben. Hier finden sich die Eheleute und harmonieren prächtig. Der «Hammer»,<br />

auch wenn er bereits ein bisschen in die Jahre gekommen ist, wird dann zur prächtigen Bühne<br />

für die «Von» und «Zu» aus Zürich und Genf. Sein Interieur ist ohnehin stilvoll und grosszügig;<br />

aber jetzt erstrahlt es in einem völlig neuen Glanz. Überall brennen Kerzen in schweren Silberleuchtern.<br />

Bedienstete mit weissen Handschuhen reichen Köstlichkeiten. Marie-Louise und<br />

Robert geniessen es, perfekte Gastgeber zu sein und lassen sich das Ganze auch etwas kosten.<br />

«Hier haben sie nie gespart», sagt Jacqueline Naville rückblickend. Vermutlich geht es ihnen<br />

dabei gar nicht ums Protzen; so was gehört sich einfach für ein standesgemässes Leben.<br />

Als Jacqueline im Teenager-Alter ist, gibt sie selber Partys. Und ihre Eltern lassen sie grosszügig<br />

gewähren. Doch ihre Feste haben nichts mit denen von Robert und Marie-Louise<br />

Naville zu tun. Jacqueline bietet ihren Gästen das einmalige Ambiente der Hammer-Villa,<br />

wo sie im riesigen, noch nicht ausgebauten Dachgeschoss ausgelassen feiern. Und weg<br />

sind sie plötzlich, die Geister, die dieses Haus nachts heimsuchten …<br />

Noch als Verheiratete kehrt Jacqueline Naville immer wieder in den «Hammer» zurück<br />

– wo sie die dramatischen letzten Wochen vor dem Auszug ihrer Eltern miterlebt (siehe<br />

«Abschied vom ‹Hammer›», Seite 188). «Ich habe mich gewundert», erinnert sie sich, «dass<br />

sie das Haus am Ende nicht noch abgefackelt haben.»<br />

Emy Naville gratuliert<br />

Beat Walpoth zur<br />

Hochzeit mit ihrer<br />

Enkelin Jacqueline.<br />

Links: Emys Sohn<br />

Raoul.<br />

130 131


DER TRAUM VON DER ALTERS-<br />

RESIDENZ: DIE ÄRA VON PLANTA<br />

Im November 1984 kaufen Margrit und<br />

Andrea von Planta den «Hammer». Sie<br />

sind fasziniert von seiner Geschichte<br />

und wollen ihn im historischen Sinn<br />

erhalten. Sieben Jahre dauern die Renovierungs-<br />

und Ausbauarbeiten. Doch<br />

der Plan, eine Altersresidenz für Freunde<br />

und Familie zu machen, scheitert. Es<br />

ist nicht der einzige Rückschlag. Auch<br />

keiner der Söhne will die Liegenschaft<br />

übernehmen. Und besonders schwierig<br />

gestaltet sich am Ende der Verkauf.<br />

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Warum eigentlich nicht? «Hammer» statt «Villette»<br />

Cham, Februar 1984. Eben haben sich Margrit und Andrea von Planta zusammen mit Alois<br />

Steiner, dem Gemeindepräsidenten von Cham, in der «Villette» getroffen. Sie sind interessiert,<br />

die baufällige Villa am See zu kaufen, um das aussergewöhnliche Werk des renommierten<br />

Zürcher Architekten Leonhard Zeugheer für die Nachwelt zu erhalten und einen<br />

Kontrapunkt zur «grassierenden Schuhschachtelarchitektur» (O-Ton von Planta) zu setzen.<br />

Doch sie haben die Rechnung ohne die 17-köpfige Baukommission gemacht, die dem Verkauf<br />

der Liegenschaft zustimmen muss.<br />

1981 konnte die Gemeinde Cham die «Villette» nämlich samt Park zu einem eher symbolischen<br />

Betrag von der «Papieri» kaufen. Noch lieber hätte sie das Ganze geschenkt bekommen,<br />

doch dazu war die Papierfabrik verständlicherweise nicht bereit, obwohl sie die<br />

Liegenschaft von Anfang an am liebsten in den Händen der Gemeinde gesehen hätte. Um<br />

einen sanften Druck auf die Chamer auszuüben und sie zum Kauf zu motivieren, begann<br />

die Immobilienfirma der «Papieri», die Hammer AG, sogar Pläne für eine Überbauung auszuarbeiten<br />

– vom Luxushotel bis zu exklusiven Eigentumswohnungen. Das wirkte: Cham<br />

kaufte die «Villette», wobei es vor allem darum ging, die herrliche Parkanlage direkt am See<br />

für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.<br />

Was mit der Villa geschehen sollte, war hingegen lange nicht klar; zu hoch erschienen die<br />

Kosten für eine Sanierung, zu ungenau waren die Vorstellungen, wozu sie genutzt werden<br />

könnte. Doch an einen erfolgreichen Verkauf der «Villette» – natürlich ohne den dazugehörigen<br />

Park – glaubte niemand so richtig. Bis Denkmalpfleger Josef Grünenfelder die<br />

Probe aufs Exempel machte und privat in der Neuen Zürcher Zeitung ein Chiffre-Inserat<br />

schaltete. Zwanzig ernsthafte Interessenten meldeten sich. Also versuchte man es weiter.<br />

Gegen 200 potenzielle Käufer zeigten Interesse – zuletzt Margrit und Andrea von Planta …<br />

Mit den Verhandlungen jedoch harzt es: Politisch gemischt, kann sich das zuständige Gremium<br />

so lange auf nichts einigen, bis man sich dazu entschliesst, aus der «Villette» eine<br />

Stiftung zu machen, was sich tatsächlich als die beste Lösung erweisen wird, da sie dem<br />

politischen Gerangel ein Ende setzt. Margrit und Andrea von Planta, die zu dieser Zeit bereits<br />

im Besitz des «Hammers» sind, beteiligen sich aus kulturellem Interesse und sozialem<br />

Engagement sogar am Umbau: Sie kommen für die Kosten der Sanierung des Erkersalons<br />

und des früheren Musikzimmers auf, das auch südlicher Bankettsaal genannt wurde – weshalb<br />

dieser heute ihnen zu Ehren «Von Planta-Saal» heisst.<br />

Im Frühjahr 1984 steht das Haus aber noch zum Verkauf, und es wird mühsam über die<br />

Verkaufsbedingungen verhandelt. Von allen Seiten kommen Wünsche und Forderungen<br />

auf die von Plantas zu. «Das reinste Politkabarett», wie Andrea von Planta es in seiner<br />

schwarzhumorigen Art nennt. Man habe zwar grundsätzlich nichts gegen einen Verkauf,<br />

heisst es von Seiten der Gemeinde, aber die «Villette» sei für die Chamer Bevölkerung<br />

nun mal wichtig. So wichtig offenbar, dass der 46 000 Quadratmeter grosse Park bis vor<br />

die Haustür für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben müsste. Ausserdem könne man den<br />

Besitzern auf gar keinen Fall erlauben, mit dem Auto zur «Villette» zu fahren, und es wäre<br />

natürlich wünschenswert, wenn die repräsentativen Räumlichkeiten im Erdgeschoss weiterhin<br />

für besondere Empfänge von Gemeinde und Kanton offen blieben.<br />

Nach langem Hin und Her haben Margrit und Andrea von Planta die Nase voll. Sie sind<br />

zwar bereit, Kompromisse einzugehen. Aber über den Tisch ziehen lassen sie sich nicht. Als<br />

auch noch der ernst gemeinte Vorschlag kommt, sie könnten die «Villette» im Baurecht auf<br />

zehn (!) Jahre übernehmen, steigen die «Interessenten Nummer 200» aus.<br />

Andrea von Planta ist nach der Besichtigung mit dem Gemeindepräsidenten im Februar<br />

1984 mit seiner Frau auf der Fahrt nach Hause, als diese unterhalb der Strasse ein Hausdach<br />

erblickt, das auf eine stattliche Liegenschaft schliessen lässt. Sie biegen von der<br />

Sinserstrasse ab und landen vor dem «Hammer». Im Mühlehaus brennt Licht, das sich im<br />

schwarzen Wasser der Lorze spiegelt. Es ist ein idyllisches, versöhnliches Bild. «Das wäre<br />

doch etwas», sagt Margrit von Planta. Ihr Mann nickt. Und nimmt sich vor, ein paar Nachforschungen<br />

anzustellen.<br />

Dass der «Hammer» tatsächlich zu haben wäre, erfährt er im Juni 1984. Mit ein paar Freunden,<br />

unter denen sich auch der Zürcher Architekt Cedric Guhl befindet, unterhält sich Andrea<br />

von Planta über seine Absichten, ein historisches Haus wie die Chamer «Villette» zu kaufen.<br />

Guhl, der den «Hammer» bereits für einen anderen Interessenten unter die Lupe genommen<br />

hat, schlägt ihm vor, sich an Claude Ebnöther, den Chef der Hammer AG, zu wenden.<br />

Was von Planta auch umgehend tut, denn er will nun endlich Nägel mit Köpfen machen: Er<br />

ist schon lange auf der Suche nach einem Objekt, das er für erhaltenswert erachtet – und<br />

die Zeit drängt umso mehr, als die alte 14-Zimmer-Villa an der Titlisstrasse 39 in Zürich, in<br />

der er mit seiner Familie lebt, ein Abbruchobjekt ist. «Es war schon freundlich», erinnert er<br />

sich mit einem Lächeln, «dass uns das Haus mit seinen zerbröselnden Elektroinstallationen<br />

nicht abgebrannt ist, während wir noch drin wohnten.»<br />

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«Wenn man schon einen so<br />

schönen Pferdestall hat, kommt<br />

man auch auf die Idee, ihn zu<br />

beleben»: Andrea von Planta<br />

liebt Pferde und ist ein leidenschaftlicher<br />

Kutschenfahrer.<br />

Um seine drei Tiere kümmerte<br />

sich Pflegerin Susi Bolliger.<br />

Links: «Hofhund» Timi.<br />

Ausserdem haben sich vor noch nicht allzu langer Zeit die Pläne für ein anderes Projekt<br />

zerschlagen: Nur zu gerne hätten sie eine geschichtsträchtige Villa in der Nachbarschaft<br />

ihrer Zürcher «Abbruchresidenz» übernommen (O-Ton von Planta), die sie ursprünglich für<br />

eineinhalb Jahre mieteten, schliesslich aber 17 Jahre bewohnten und pflegten. Mit einem<br />

Generalunternehmer, der «die alte Hütte» am liebsten abgerissen und eine grosse Überbauung<br />

realisiert hätte, hatten sie sich bereits geeinigt, als die Besitzerfamilie selber auf<br />

den Geschmack kam – und das Haus wieder vom Markt nahm.<br />

Wie eng das Schicksal der «Villette» mit jenem des «Hammers» verbunden ist, weiss<br />

Andrea von Planta zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Doch die Liegenschaft fasziniert ihn.<br />

Und ihrer Geschichte würde er schon noch auf die Spur kommen. Denn von Planta ist ein<br />

neugieriger Mensch. Er mag Geschichte. Und er mag Geschichten. Im «Hammer», da ist er<br />

sicher, stecken viele davon.<br />

Andrea und Margrit von Planta schauen sich den «Hammer» mehrmals an. Sie treffen sich<br />

dabei mit Robert E. Naville, der sich seltsam zurückhaltend gibt. Er ist nicht unfreundlich.<br />

Aber er ist teilnahmslos, und es macht den Anschein, als ob es ihm nicht bewusst wäre,<br />

dass es hier um sein Zuhause geht, das verkauft werden soll. Andrea von Planta spricht ihn<br />

mehrmals darauf an. Ob er den «Hammer» denn nicht selber kaufen wolle, fragt er. Doch<br />

Naville weicht aus, verneint halbherzig.<br />

Gegen Ende 1984 macht Andrea von Planta ernst: Sie würden den «Hammer» jetzt also<br />

kaufen, informiert er Robert E. Naville und gibt ihm ein halbes Jahr Zeit, den Auszug vorzubereiten<br />

und sein Zuhause zu räumen. Naville ist gestresst und genervt. Und wie immer,<br />

wenn er sauer ist, spricht er mit Andrea von Planta französisch. Dieser steigt zwar darauf<br />

ein, versteht aber nicht, weshalb Naville derart wütend ist auf ihn. Er bietet ihm – auch um<br />

die Situation ein bisschen zu entspannen – sogar an, einen Teil des Inventars, vor allem<br />

Antiquitäten und Bilder, zu übernehmen. Ein Gemälde des berühmten Schweizer Malers<br />

Ernst Morgenthaler (1887–1962) hat es ihm dabei besonders angetan: Es zeigt Roberts Frau<br />

Marie-Louise mit Töchterchen Jacqueline auf den Knien. «Das war weit mehr als ein Familienstück»,<br />

ist von Planta überzeugt, «es war ein gutes, künstlerisch wertvolles Gemälde.»<br />

Dass die Navilles den «Morgenthaler» schliesslich im Zorn verbrennen werden, ahnt er<br />

damals nicht.<br />

136 137


on Zürich<br />

Von Zürich nach Cham:<br />

Margrit<br />

ach<br />

und Andrea<br />

Cham<br />

von Planta<br />

Eigentlich hätte er am liebsten Architektur oder Kunstgeschichte studiert. Aber aus<br />

familiären Gründen landete er in der Textilindustrie. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren<br />

durch die Welt der Baumwollspinnerei und Weberei sowie nach einem Baumwollprojekt<br />

der Weltbank wird Andrea von Planta als neutraler Schweizer zum Direktor<br />

des europäischen Exportkartells der Zellwollproduzenten. Ein Job, bei dem Diplomatie,<br />

Industrie- und Marktverständnis gefragt sind.<br />

Die Organisation stellt allerdings ein seltsames vereinigtes Europa dar und durchläuft<br />

zahlreiche schwierige Momente. Es gelingt aber immerhin, die Sanierung der<br />

Branche in einigermassen geordneten Bahnen durchzuziehen. Waren es bei Plantas<br />

Eintritt 15 Produktionsstandorte in Europa, sind es bei seinem Rücktritt noch 6 – und<br />

heute gerade mal 3.<br />

Die Aufgabe seines Direktorenpostens eröffnet ihm neue Wirkungsfelder: Zuerst gilt<br />

es, das grosselterliche Haus in Susch im Engadin zu renovieren, was der «verhinderte<br />

Architekt und Kunstgeschichtler» mit Hingabe und dem Ziel angeht, es in seiner Art auf<br />

gar keinen Fall zu verpfuschen. Auch da ist er ein typischer von Planta: In seiner Engadiner<br />

Heimat sorgt die «Planta’sche Bauwut» immer wieder für Gesprächsstoff – oft für<br />

Bewunderung, manchmal für Kopfschütteln. «Die Lust am Bauen», erklärt er lachend,<br />

«liegt bei uns in den Chromosomen; diesen Schaden hatten schon meine Vorfahren.»<br />

Andrea von Planta kommt 1932 in Winterthur zur Welt. Doch seine Engadiner Wurzeln<br />

vergisst er nie. Seine Familie besitzt in Susch Häuser. Hierhin ziehen sich schon die<br />

Vorfahren zurück, wenn sie sich von den Geschäften in fremden Diensten, die sie<br />

in alle Welt verschlagen, erholen oder zur Ruhe setzen wollen. Man sieht es ihren<br />

Häusern an, dass sie nicht von den Erträgen einer bescheidenen Berglandwirtschaft<br />

gebaut und unterhalten werden können.<br />

«Alle meine Vorfahren waren im Ausland tätig», sagt Andrea von Planta, «ursprünglich<br />

als Militärunternehmer und Söldner in französischen, holländischen und savoyischen<br />

Diensten, später auch als Textilkaufleute.» Als «Alt Fry Raetien» zur Eidgenossenschaft<br />

geschlagen wird, steigen sie in die Zuckerbäckerbranche und die Gastronomie<br />

ein, wobei sein Grossvater und dessen Bruder während der Belle Epoque erfolgreich<br />

ein Hotel in Nizza gründen, das vom Ersten Weltkrieg allerdings – wie viele andere<br />

vergleichbare Häuser – in den Ruin getrieben wird.<br />

Margrit und Andrea<br />

von Planta legten<br />

auch grossen Wert<br />

auf die Parkgestaltung<br />

im «Hammer»<br />

– und hatten ihren<br />

Spass dabei …<br />

Seine Leidenschaft für schöne Häuser teilt Andrea von Planta mit seiner Frau<br />

Margrit (einer geborenen Roth), deren Wurzeln bis ins Elsass reichen. Sie kommt<br />

1934 in Zürich zur Welt, wächst aber ebenfalls in Winterthur auf. «Wir haben sozusagen<br />

über den Miststock geheiratet», sagt ihr Mann lachend.<br />

Margrit von Planta stellt ihre berufliche Karriere in der Krankenpflege zurück und<br />

kümmert sich um die drei Söhne und den Haushalt, der an sich schon ein Vollzeitjob<br />

ist: «Den Frauen der Plantas werden oft grosse Häuser zugemutet», sagt Ehemann<br />

Andrea schmunzelnd. Das letzte, bevor sie den «Hammer» kaufen, hat 14 Zimmer. Weil<br />

sie zur Unterstützung Hausmädchen braucht, macht sie den in Zürich obligatorischen<br />

Hauswirtschaftskurs. «Hier habe ich gelernt, rationell zu arbeiten, vorauszuplanen<br />

und zu organisieren», sagt sie. Diese Fähigkeiten braucht sie später im «Hammer»<br />

ganz besonders.<br />

Das Arbeitspensum im «Hammer» ist gewaltig und nicht alleine zu bewältigen. Doch<br />

Margrit von Planta hat mit Santina und Lino Lira-Prez zwei erfahrene Hausangestellte<br />

zur Seite, die schon bei Familie Naville gewirkt haben. Als sich die beiden in den Ruhestand<br />

ins heimische Udine zurückziehen, treten Lilian und Bruno Kaufmann-Zingg<br />

in ihre Fussstapfen, beides erfahrene Gastronomen. Ebenfalls mit dem Gastgewerbe<br />

vertraut sind ihre Nachfolger Verena und Gerhard Ecker-Felber. Der Allrounder Ecker<br />

wird auch nach dem Verkauf der Liegenschaft an Ariel Lüdi im «Hammer» wirken<br />

– als «Gutsherr ohne Gut» (siehe Porträt Seite 168). Je nachdem wird ausserdem<br />

stunden- oder tageweise Personal angestellt, denn im Hammer finden auch viele gesellschaftliche<br />

Anlässe statt. Als Margrit von Planta einmal spasseshalber die Gäste<br />

zählt, die sie während eines Jahres offiziell in ihrem Haus empfangen hat, kommt sie<br />

auf über 500!<br />

Ihr Mann, der mit 51 Jahren «in Pension geht», um sich zunächst der Renovation des<br />

grosselterlichen Hauses in Susch zu widmen, was ihm die Zuversicht gab, das Grossprojekt<br />

«Hammer» anzugehen, hat grossen Respekt vor der Leistung seiner Partnerin:<br />

«Der wichtigste Faktor bei einer Liegenschaft wie dem ‹Hammer› ist die Frau», erklärt<br />

er. «Wer sich nur als Gast im Fünfsternehotel eignet, passt hier nicht hin.»<br />

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Die Motivation, den «Hammer» zu kaufen, sei «völlig irrational» gewesen, erklärt von<br />

Planta später. «Es ging mir einfach um die Rettung eines Hauses, das im schlimmsten Fall<br />

vielleicht sogar einmal abgerissen worden wäre.» Dass er (noch) keine Beziehung dazu<br />

hat, stört ihn nicht. Es ist, wie er es ausdrückt, ein gutes Haus mit einer schönen Anlage –<br />

«gmögig» halt. Und er hat grosse Pläne. Als «verhinderter Architekt und Kunsthistoriker»<br />

fängt er an, «ein bisschen zu <strong>web</strong>stüblern und zu spinnen», wie er lachend erzählt. So beginnt<br />

die Ära von Planta, die aus dem sanierungsbedürftigen «Hammer» eine herrschaftliche<br />

Liegenschaft werden lassen sollte.<br />

Am 30. November 1984 wird der «Hammer» verschrieben. Doch die Ära von Planta startet<br />

nicht ohne Misstöne: Robert und seine Frau Marie-Louise «sabotieren» nun den Einzug der<br />

neuen Besitzer auf verzweifelte Art und Weise (mehr dazu: «Abschied vom ‹Hammer›»,<br />

Seite 188). Sie werden mit Andrea und Margrit von Planta danach nie mehr ein Wort<br />

wechseln – und auch nie mehr in ihr altes Zuhause zurückkehren.<br />

2,5 Millionen Franken bezahlen die von Plantas für den «Hammer». Sie wollen die ganze<br />

Liegenschaft in drei Jahren restaurieren – allein vier Jahre wird schliesslich der Umund<br />

Ausbau der Villa dauern. Während dieser Zeit leben sie im nahen Direktorenhaus der<br />

«Papieri» am Bergacker in Cham. Andrea von Planta, der sich zu jener Zeit nur noch mit der<br />

Renovierung seiner Häuser beschäftigt, will täglich auf der Baustelle sein, damit alles so<br />

läuft, wie er sich das vorstellt. «Bei Umbauten stösst man laufend auf Überraschungen», sagt<br />

er. «Damit es weitergehen kann, müssen Massnahmen beschlossen und schnelle Entscheide<br />

getroffen werden. Da ist es besser, man übernimmt die Verantwortung dafür selber.»<br />

Er nennt das Direktorenhaus seine «Baubaracke», was dem Objekt allerdings nicht ganz<br />

entspricht: Es ist ein stattliches Haus, das er kauft, ohne es von innen gesehen zu haben.<br />

Seine Frau Margrit macht die Besichtigung, er verlässt sich auf ihr Urteil. Als sie sich gleich<br />

vor Ort entscheidet, ruft der Direktor, dessen Zuhause gerade den Besitzer zu wechseln<br />

droht, Andrea von Planta an: Ob er sich bewusst sei, dass seine Frau gerade im Begriff sei,<br />

eine Villa zu kaufen. Als dieser fröhlich bejaht, ist der Deal perfekt.<br />

Das Interieur, das nach einem ungeschriebenen Gesetz jeder «Papieri»-Direktor nach seinem<br />

Gusto gestalten und umbauen kann, ist aus Sicht der Käufer allerdings von seltener<br />

Geschmacklosigkeit: Das Haus ist von oben bis unten mit einem braunen, langhaarigen<br />

Teppich ausgelegt. «Es sah aus wie ein gigantisches Bärenfell», sagt Margrit von Planta,<br />

«und es bedeckte einfach alles, sogar Treppe, Bar und die Hocker dazu. Nur in den Bädern<br />

hatte es Fliesen.» Als zeitlich beschränkte Unterkunft, da waren sich die beiden einig, liess<br />

es sich aber durchaus hier wohnen.<br />

Während des Umbaus<br />

lebten die von Plantas<br />

in ihrer «Baubaracke»<br />

am Bergacker (rechts).<br />

Oben: Baubüro im<br />

Waschhäuschen im<br />

«Hammer».<br />

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Über den raschen Entscheid freut sich besonders der Immobilienverwalter Claude Ebnöther.<br />

Ihm, der sich mit dem Direktor der Papierfabrik nicht sonderlich gut versteht, scheint es<br />

– ganz abgesehen vom Geld, das nun in seine Kassen fliesst – ein gewisses Vergnügen zu<br />

bereiten, die Liegenschaft so schnell als möglich zu verkaufen und diesen zum Umzug zu<br />

zwingen. So jedenfalls empfindet es Andrea von Planta, dem es natürlich nur recht sein<br />

kann, wenn er so schnell als möglich nach Cham ziehen kann.<br />

Die von Plantas mögen ihr neues «Haus auf Zeit». Es ist das älteste und höchste am Bergacker<br />

und bietet deshalb eine fantastische Aussicht über den See und in die Berge. Die Villa<br />

thront wie ein Adlerhorst über dem Dorf, während man vom «Hammer» aus vor allem auf<br />

zwei Bäche und viel Grün schaut. Nicht zuletzt deswegen werden ihre Gäste sie immer<br />

wieder fragen, warum um Himmels Willen sie nicht hier bleiben wollten. Doch ihnen geht<br />

es nicht um die Aussicht, ihnen geht es um den «Hammer», den sie in seiner Ganzheit als<br />

«wohlproportioniertes Anwesen» betrachten und in den sie sich schon fast ein bisschen<br />

verliebt haben.<br />

Von Dezember 1984 bis Juli 1988 ist die Direktorenvilla das Zuhause der Familie von Planta.<br />

Und der heizbare Pool im Garten wird sie später auf die Idee bringen, den «Hammer» mit<br />

einem Schwimmbad aufzuwerten.<br />

Eine Überraschung nach der anderen: der Umbau<br />

Hans-Peter Bärtsch,<br />

der bauleitende Architekt,<br />

1984 beim Start<br />

des Umbaus und 2014<br />

nach dem Verkauf an<br />

Ariel Lüdi.<br />

Als Margrit und Andrea von Planta den «Hammer» kaufen, ist der Zürcher Architekt Creed<br />

Kuenzle Verwaltungsratspräsident der Papierfabrik. Und dies nicht zufällig: Schon sein Vater<br />

Adolf P. Kuenzle, ein Schwiegersohn Leo Bodmers, der die «Papieri» zusammen mit Robert<br />

Naville von 1912 bis Ende der 1950er-Jahre leitet, hat dieses Amt inne. Kuenzle gibt von<br />

Planta den Rat, sich für den Umbau mit einem grossen, erfahrenen Architekturbüro zusammenzutun:<br />

mit seinem eigenen, der Bühler Kuenzle Gerber Architekten AG.<br />

Nach der Projektierung durch Hans Gerber wird der junge Hans-Peter Bärtsch, der eben in<br />

die Geschäftsleitung aufgestiegen ist, zum bauleitenden Architekten bestimmt. Während<br />

sieben Jahren trägt er die Verantwortung für die komplexe Baustelle und bewältigt diese<br />

Aufgabe souverän. Nicht zuletzt seiner erfolgreichen Arbeit im «Hammer» verdankt er<br />

schliesslich seine Wahl in den Verwaltungsrat der Bühler Kuenzle Gerber Architekten AG.<br />

Bis in die Ära Lüdi wird er die Bauarbeiten und den Unterhalt im «Hammer» überwachen<br />

und koordinieren.<br />

Bärtsch richtet sich im Waschhäuschen beim Mühlehaus ein Baubüro ein und macht sich<br />

an die Bestandesaufnahme. Er bespricht sich immer wieder mit Andrea von Planta, der<br />

sehr klare Vorstellungen hat, und erstellt aufgrund von dessen Ideen ein paar Studien. Er<br />

geht von einer sanften, einfachen Sanierung der Anlage aus und kommt auf Gesamtkosten<br />

von 2,5 Millionen Franken für alles. Bärtsch betrachtet das als ziemlich viel und «beichtet»<br />

von Planta, dass das in der Tat das Minimum sei. Dieser lässt sich durch die Summe – die<br />

dem Kaufpreis entspricht! – nicht sonderlich beeindrucken und holt im Keller eine Flasche<br />

Weisswein. Als sie miteinander auf das Projekt anstossen, sagt er trocken: «Wenn ich mir<br />

ansehe, was Sie da pro Haus budgetieren, erscheint mir das viel zu wenig, auch wenn es<br />

insgesamt eine Menge Geld ist.»<br />

142 143


Eine sanfte Renovation<br />

sieht anders aus – und<br />

dennoch ging es den<br />

von Plantas um den<br />

Erhalt des historischen<br />

Erbes im «Hammer».<br />

144 145


Andrea von Planta sollte Recht behalten. Nicht etwa deshalb, weil Bärtsch falsch budgetiert<br />

hätte; der Architekt rechnet einfach nicht mit so vielen unvorhersehbaren Überraschungen<br />

bei der Renovation – und den ausgefallenen Ideen des Bauherrn, für den es immer noch<br />

ein bisschen «gefreuter» sein muss. Von Planta, welcher der Meinung ist, 90 Prozent der<br />

Kosten seien ohnehin gegeben und nur mit den letzten 10 Prozent könne man noch «etwas<br />

Lustigeres» machen (was der Architekt kaum unterschreiben würde), lebt – wie er selber betont<br />

– ganz nach dem Motto Napoleons: «Si vous faites des bêtises, il faut au moins qu’elles<br />

réussissent – wenn Sie schon Fehler machen, sollten sie wenigstens gelingen.»<br />

Und so zieht sich der Umbau, der nach einer rund einjährigen Projektierungsphase beginnt,<br />

nicht bloss in die Länge, «das Kostendach», so von Planta, «musste durch die normative<br />

Macht des Faktischen immer wieder erhöht werden.» Allein das Schwimmbad, das später<br />

im Stil einer Orangerie gebaut wird, kostet so viel, wie Hans-Peter Bärtsch einst für die<br />

Sanierung der ganzen Liegenschaft budgetiert hatte …<br />

Die Idee löst allerdings schon bei ihren Freunden, mit denen sie sich eine Art Alters-WG<br />

vorstellen könnten, nicht die erhoffte Begeisterung aus. «Cham», sagt Margrit von Planta,<br />

«scheint von Zürich unendlich weit entfernt zu sein. Niemand konnte sich vorstellen, hierher<br />

zu ziehen.» Ein weiterer Dämpfer folgt, als Andrea von Planta seine Idee mit den Verantwortlichen<br />

des «Tertianums» bespricht. Die junge, stark expandierende Spezialistin für Seniorenresidenzen<br />

rechnet ihm vor, dass es mindestens sechzig Einheiten brauche, um eine solche<br />

Institution rund um die Uhr kostendeckend betreiben zu können. Und aus ist der Traum …<br />

Dennoch halten Margrit und Andrea von Planta an ihrem Konzept mit den vielen Wohnungen<br />

fest. Sie stehen in der Villa nun einfach der eigenen Familie und Gästen zur Verfügung;<br />

jene im Mühlehaus werden vermietet, die in den Pferdestallungen bekommt das Personal.<br />

Im «Hammer» kehrt wieder Leben ein. Doch sind es vorerst nicht Gäste, sondern Bauarbeiter<br />

und Handwerker, die hier ein- und ausgehen. Jahrelang.<br />

Der «Hammer» ist in einem schlechten Zustand. Mehr noch: Er ist grossenteils schon<br />

schlecht gebaut. Das liegt nicht nur daran, dass man nicht genügend Geld in die Bauten<br />

investieren wollte oder konnte: Das Material war oft nicht in ausreichender Menge vorhanden<br />

und musste gestreckt werden. Mauerwerke, die mit Zeitungen gestopft wurden, sind keine<br />

Ausnahme. Und so erlebt Andrea von Planta beim Umbau eine Überraschung nach der anderen.<br />

Weil er und Hans-Peter Bärtsch bald einmal wissen, dass sie besser eine Probe zu viel<br />

als zu wenig machen, geben sie sich alle erdenkliche Mühe, die Bausubstanz seriös zu prüfen<br />

– mit wenig Glück. «Mit echter Boshaftigkeit lagen wir immer fünfzig Zentimeter neben dem<br />

neuralgischen Punkt», erinnert sich von Planta, «man hätte verzweifeln können.» Doch das<br />

tut er nicht. Andrea von Planta ist kein Mann, der sich seine gute Laune so schnell verderben<br />

lässt. Ausserdem ist für ihn das Durchhalten oft die bessere Option. Und was er sich in den<br />

Kopf gesetzt hat, zieht er auch durch. «Ausserdem», sagt seine Frau rückblickend, «was wollen<br />

Sie denn tun, wenn Sie mitten im Umbau stecken? Weitermachen!»<br />

Die Idee von Margrit und Andrea von Planta ist es, aus dem «Hammer» eine Familien- und<br />

Altersresidenz zu machen; in die Überlegungen wird sogar das Hammergut als eventuelle<br />

Erweiterungsmöglichkeit mit einbezogen. Die Villa wird deshalb von Anfang an so umgebaut,<br />

dass sich sechs bis sieben grösstenteils barrierefreie Wohneinheiten integrieren<br />

lassen. Ein Lift soll den barrierelosen Zugang zu allen Räumen gewährleisten. Die Küche<br />

hat Gastronomiestandard. Auch die Nebengebäude werden ins Konzept integriert. Dort<br />

sollen unter anderem Personalwohnungen entstehen.<br />

146 147


Alles Gute kommt von oben:<br />

Das Dach des neu erstellten<br />

Gartenpavillons wurde als<br />

Ganzes mit dem Pneukran auf<br />

das Gebäude gehievt. Jenes des<br />

deutlich grösseren Waschhäuschens<br />

nebenan wurde in zwei<br />

Teilen montiert.<br />

148 149


Barock bis unters Dach: die Hammer-Villa<br />

Bereits drei Bauetappen sind es, die das einstige «Chalet» zum Landschlösschen machen,<br />

als Andrea von Planta den Umbau in Angriff nimmt. Der bisher grösste Eingriff geht<br />

auf Emy Naville-Vogel zurück. Zusammen mit ihrem Mann Robert Naville senior hat sie<br />

1929/30 den abbruchreifen alten «Hammer» gewissermassen kopiert und das bestehende<br />

Gebäudeensemble in Anlehnung an die alte Villa in einen repräsentativen Herrschaftssitz<br />

nach französischem Vorbild umgebaut. Man hat dabei nicht wirklich geklotzt, aber ein<br />

bisschen was hermachen sollte das Haus schon.<br />

Obwohl der Chalet-Teil nach wie vor besteht und der «Hammer» im Grunde ein Riegelbau<br />

ist, präsentiert er sich, als ob er durchwegs gemauert wäre. Überhaupt scheint er ein<br />

bisschen mehr, als er wirklich ist: Die Bausubstanz lässt nämlich zu wünschen übrig. Die<br />

Heizung ist hoffnungslos veraltet und ineffizient; es gibt einen Elektrokessel und eine kleine<br />

Ölheizung, ausserdem finden sich im Haus eine Reihe wertvoller Kachelöfen – die aber<br />

keineswegs nur Dekorationszweck haben. Im Winter müssen Vorfenster montiert werden,<br />

damit die Kälte draussen und die Wärme drinnen bleibt.<br />

Der schlechte Zustand der Liegenschaft ist nicht in erster Linie auf schlechte Arbeit zurückzuführen.<br />

Es ist auch eine Folge des minimalen Unterhalts; die «Papieri» als Besitzerin des<br />

«Hammers» hat am Ende schlicht zu wenig Interesse und auch nicht die überschüssigen<br />

Mittel, um mehr zu investieren, als unbedingt nötig ist. Vermutlich hat man aber bereits<br />

beim grossen Umbau nicht mehr ausgegeben als nötig: Da zur Zeit von Emy und Robert<br />

Naville der grosse Kosten- und Knackpunkt nicht die Arbeit, sondern das Material ist, wird<br />

ein Teil des Interieurs, etwa des Täfers und des Parketts, aus der alten Hammer-Villa ausund<br />

in der neuen wieder eingebaut. Das mag auch emotionale Gründe gehabt haben: Emy<br />

und Robert Naville haben den alten «Hammer» ja nicht deshalb verlassen, weil sie Lust auf<br />

etwas Neues, Grösseres gehabt hätten, sondern weil er nicht zu retten war. Andererseits<br />

liegt es auf der Hand, dass die Familien-AG, die vermutlich den Löwenanteil der Kosten<br />

übernimmt, grundsätzlich auf die Sparbremse tritt, weil nur eine der vier Schwestern tatsächlich<br />

davon profitiert: Roberts Frau Emy.<br />

So sehen sich Andrea von Planta und sein bauführender Architekt gut fünfzig Jahre später<br />

immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Und weil sie es besonders gut machen<br />

wollen, laufen ihnen die Zeit und die Kosten aus dem Ruder. Ein Glück, hat sich von Planta<br />

auch die Worte des ebenfalls an der Architekten AG beteiligten Hans Gerber zu Herzen<br />

genommen. Dieser rät ihm eindringlich, nur gerade an jenem Gebäude Gerüste zu stellen,<br />

an dem auch wirklich gearbeitet werden soll; bei Sanierungs- und Umbauarbeiten seien<br />

Verzögerungen normal, und man komme dann weniger unter Druck.<br />

Barock im Stil, liebevoll im<br />

Detail: Die neue Hammer-Villa<br />

wurde während vier Jahren<br />

umgebaut und wenn immer<br />

möglich in ihrem Charakter<br />

erhalten. Andrea von Planta<br />

machte sich auf die Suche nach<br />

jenen Elementen, die von ihrer<br />

Geschichte her passten.<br />

150 151


Die Gerüste an der Villa stehen lange. Die Eingriffe sind massiv. Dass man für den Umbau<br />

nicht irgendeine Firma engagiert, sondern auf Rat von Hans-Peter Bärtsch auf eine auf<br />

Umbauten spezialisierte Truppe der Zürcher Firma Locher setzt, zahlt sich aus. Die Männer<br />

– alle aus demselben Dorf in Spanien – verstehen sich und ihr Handwerk und leisten ganze<br />

Arbeit. Sie gehen nicht mit der Brechstange, sondern mit Sorgfalt ans Werk. Andrea von<br />

Planta ist glücklich, dass die Firmen aus der Region überlastet waren und wenig Interesse am<br />

Auftrag hatten. «Ihre Offerten», erinnert sich der Bauherr, «konnte man nur so verstehen:<br />

Wir wollen lieber nicht.»<br />

Die verschiedenen Ausbauetappen, die von aussen nicht auf den ersten Blick erkennbar<br />

sind, machen sich innen umso bemerkbarer. So gibt es beispielsweise unterschiedliche<br />

Niveaus, die von mächtigen doppelten Decken kaschiert werden. Schlecht gebaute Wände<br />

müssen eingerissen und neu gemacht werden. Die ganzen «Eingeweide» werden herausgerissen<br />

und ersetzt; allein der Elektriker verlegt dreissig Kilometer Röhrchen … Die Wünsche<br />

des Bauherrn fordern die ganze Kreativität des Architekten. Und weil der «Hammer» als<br />

schützenswert gilt, redet die Denkmalpflege mit.<br />

Josef Grünenfelder, der zu dieser Zeit der Denkmalpfleger des Kantons Zug ist, begleitet<br />

den Umbau von Anfang an. Er wird für ihn zu einem erfreulichen Projekt, weil er für einmal<br />

weniger verhindern muss, als kreativ mitarbeiten darf. Unter seinem wachsamen Auge<br />

erfährt die Liegenschaft eine Reihe von massiven Änderungen und Erweiterungen, ohne<br />

dass sie ihren ursprünglichen Charakter verliert. Das gilt auch für die Villa, die zwar in<br />

kunsthistorischer Hinsicht weniger wertvoll ist als Mühlehaus und Pferdestall, aber sie ist<br />

historisch interessant, weil sie ein Spiegel der Besitzergeschichte ist, eng verbunden mit<br />

der Papierfabrik (siehe Interview S. 204).<br />

Der mächtige Kachelofen<br />

im Dachstock<br />

der Villa ist eine Arbeit<br />

der berühmten Freiburger<br />

Hafner-Dynastie<br />

Stern.<br />

Die von Plantas haben klare Vorstellungen: Sie wollen viel Raum. Eine Wohnung für Mutter<br />

von Planta, die allerdings noch während des Provisoriums im Bergacker sterben wird, eine<br />

für Hausangestellte, Platz für sich, die Familie und Gäste. Der wirklich grosse Eingriff passiert<br />

im ersten Stock der Villa. Hier wird an der Raumaufteilung derart viel geändert, dass sich<br />

sogar mit dem Haus Vertraute später kaum mehr richtig zurechtfinden. Doch kann dort –<br />

im denkmalschützerischen Sinn – nicht viel zerstört werden. Anders als im Erdgeschoss,<br />

wo alte Parkettböden und Antiquitäten den historischen Charakter prägen. Hier wird zwar<br />

auch im grossen Stil saniert, aber wenig verändert. Das ist nicht nur der Wunsch des Denkmalpflegers,<br />

das ist auch ganz im Sinn von Andrea von Planta. Er will möglichst viel erhalten.<br />

Und ihm gefallen die grossen, repräsentativen Räume, deren Täfer er im Stil des 18. Jahrhunderts<br />

«elegant abtönen» lässt.<br />

152 153


ang zum Historismus:<br />

Hang zum Historismus:<br />

die Rixheimer Tapete und<br />

ie Rixheimer Tapete<br />

andere Originale<br />

Andrea von Planta ist ein leidenschaftlicher Sammler. Und er liebt Objekte mit Geschichte.<br />

Im Mühlehaus und in der Hammer-Villa finden sich deshalb verschie dene,<br />

andere Originale<br />

vor allem barocke und neobarocke Elemente, die aus abgebrochenen oder ausgekernten<br />

historischen Bauten stammen: wertvolle Türen und Täfer aus dem «Ochsen» in<br />

Alt dorf, von italienischen Künstlern Anfang des 18. Jahrhunderts bemaltes Täfer<br />

aus dem Haus zur Sagenmatt in Schwyz, ein Turmofen aus dem Zürcher Haus zum<br />

Ochsen, eine prunkvolle Treppe aus alten Zürcher Villa, in mit seiner Familie<br />

vor dem Umzug nach Cham gewohnt hatte. Die Liste liesse sich fast beliebig verlängern.<br />

Aber von Planta denkt und handelt pragmatisch. Weil sich der alte Parkettboden aus<br />

massivem Holz in Kombination mit einer Bodenheizung gar nicht verwenden lässt<br />

in der Hammer-Villa, lässt er ihn einfach längs halbieren und die Nutzschicht auf<br />

bodenheizungstaugliche Lagen aufziehen. Und als sich die historische, achteckige<br />

Stützsäule im «Schmiederaum» als zu schwach herausstellt, zögert er nicht, ihr einen<br />

massiven Kern aus Stahl zu verpassen. Schliesslich muss ein Haus am Ende nicht nur<br />

ansprechend aussehen, sondern statisch funktionell und in Ordnung sein. Den mächtigen<br />

Dampfabzug aus der Küche kaschiert er mit einer extra angefertigten Rosette<br />

im barocken Stil an der Aussenfassade über der Haustür; sie sieht aus, als ob sie<br />

schon immer dort gewesen wäre. Da die Stuckdecke im ersten Obergeschoss der Villa<br />

nicht mehr gerettet werden kann, macht er sie «sinngemäss neu», wie er selber sagt.<br />

Besonders aufwendige Elemente zeichnet sein Innenarchitekt Walter Zwahlen gleich<br />

selber und lässt sie eigens für den «Hammer» anfertigen.<br />

«La grande chasse»<br />

im Vestibül<br />

des ersten Obergeschosses.<br />

Die seit 1797 bestehende französische Tapetenfabrik ist heute – jedenfalls nach<br />

eigenen Angaben – die weltweit letzte Produktionsstätte für Tapeten und Stoffe, die<br />

noch traditionell mit Holzmodellen arbeitet. Im Archiv der Firma lagern über 100 000<br />

gravierte Holzblöcke aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Sie stehen als «historische Monumente»<br />

sogar unter Denkmalschutz. Der Produktionsprozess ist allerdings unvorstellbar<br />

aufwendig, was dazu führt, dass die Tapeten von Zuber nur in sehr kleinen<br />

Auflagen produziert werden und enorm teuer sind.<br />

Im «Hammer» schmücken gleich zwei Rixheimer Panoramatapeten von Zuber die<br />

Wände: «La grande chasse» und «Eldorado», das im 19. Jahrhundert die Wände vieler<br />

Salons und Korridore schmückt. «Eldorado» zeigt einen Blumengarten, in dem architektonische<br />

Versatzstücke auf die vier Erdteile verweisen. Die mit Blumen bewachsene<br />

Terrasse in der Mitte etwa weist auf Europa hin, das aus dem Wald herausragende<br />

Minarett auf Asien. Die ganze Tapete setzt sich aus insgesamt 24 Bahnen zusammen,<br />

die mit 1554 Holzmodeln bedruckt werden. Die 13 Meter lange Landschaft wurde von<br />

drei Künstlern 1848 speziell für den Tapetendruck gemalt. Dann haben Formschneider<br />

sie auf die 1554 Holzdruckstöcke übertragen, und die Bildelemente wurden mit zweihundert<br />

Farben nacheinander per Hand auf 24 Tapetenbahnen gedruckt. Die Herstellungskosten<br />

sollen seinerzeit so hoch gewesen sein, dass «Eldorado» erst nach einer Auflage<br />

von über 300 Stück Gewinn abwarf. Heute muss man dafür einen fünfstelligen<br />

Frankenbetrag aufwenden. Der Druck einer kleinen Auflage von «Eldorado» dauert<br />

rund ein Jahr.<br />

Die komplizierte, etappenweise Baugeschichte der Hammer-Villa macht den Umbau<br />

nicht einfacher. Vor allem die unterschiedlichen Bodenniveaus werden nun ausgeglichen.<br />

Das führt allerdings dazu, dass sich die Raumhöhen teilweise massiv ändern.<br />

Zum Problem wird dies, als die historischen Panoramatapeten nun plötzlich zu kurz<br />

werden: Ihnen fehlt oben ein halber Meter. Die Tapeten selber lassen sich schon deshalb<br />

unmöglich erhalten, sie sind aber auch sonst nicht mehr im besten Zustand und<br />

zeigen viele Alters- und Wasserschäden. Da aber sowohl Denkmalpfleger Josef Grünenfelder<br />

als auch Andrea von Planta und sein Innenarchitekt Walter Zwahlen das historische<br />

Ambiente bewahren möchten, machen sie sich auf die Suche nach einem<br />

Ersatz – und finden ihn tatsächlich: bei Zuber & Cie. Im Elsass.<br />

Es ist allerdings nicht die berühmte Zuber-Panoramatapete «Eldorado» im Korridor<br />

des zweiten Obergeschosses, die im «Hammer» ersetzt werden soll, sondern «La<br />

grande chasse» im Vestibül des ersten Obergeschosses. Man findet einen qualitativ<br />

guten Druck aus den 1960er-Jahren, der dem zentralen Raum bis heute ein «fröhliches<br />

Ambiente verleiht, das zu einer ‹Campagne› gut passt», so Andrea von Planta.<br />

«Die Geschichte der Rixheimer Tapete in der Hammer-Villa», so Josef Grünenfelder<br />

rückblickend, «ist ein interessantes Beispiel für den Umgang mit dem innenarchitektonischen<br />

Erbe.»<br />

154<br />

155


Doch Andrea von Planta will noch mehr Wohnraum. Es ist sein erklärtes Ziel, möglichst<br />

viel Nutzfläche aus der Villa herauszuholen, und er nimmt sich den Dachstock vor, wo<br />

bloss drei einfache Zimmer untergebracht sind und sich die «Hammer-Kinder» im Halbdunkel<br />

des Estrichs einst austoben konnten. Er baut den ganzen Dachstock zu einer Art<br />

Loft aus: mit einem riesigen Wohn- und Arbeitsraum inklusive Küche und Nasszellen. Auf<br />

einer zweiten Ebene integriert er ein weiteres Zimmer mit Bad. In der Mitte des Raums<br />

steht ein schmucker Kachelofen, welcher der berühmten Freiburger Hafner-Dynastie Stern<br />

zuzuschreiben ist. Die ausgefallenste Idee ist aber der Einbau der mächtigen, im reinsten<br />

Jugendstil geschnitzten Holztreppe aus der Zürcher Villa, in der die von Plantas zuletzt<br />

lebten und die jedem Schloss gut anstehen würde: Sie führt lediglich unters Dach – und<br />

endet auf dem Vorplatz des «Serails», wie er die Räumlichkeiten unter dem Dach liebevoll<br />

nennt … Dass sie aufwendig restauriert, umgebaut und ergänzt werden musste, sieht man<br />

ihr nicht mehr an: Sie ist, wie das meiste im Haus, perfekte Handwerksarbeit.<br />

Der Zusatzraum lässt sich gewinnen, ohne dass das Dach angehoben werden muss. Nur an<br />

Tageslicht fehlt es. Also plant er einen massiven Ausbau des Dachs mit Lukarnen, mondund<br />

halbmondförmigen Fenstern. Um zu sehen, wie sich der Einbau dieser Fenster auf den<br />

Gesamteindruck auswirkt, werden Maquetten im Massstab 1:1 hergestellt und auf dem<br />

Dach montiert. Dabei macht von Planta eine Entdeckung, über die er heute noch lächelt:<br />

Ein Haus braucht eine Stirn, eine fensterlose Fläche unterhalb des Giebels, die eine gewisse<br />

Grösse hat. «Hat es keine Stirn», erklärt er schmunzelnd, «sieht es saudumm aus. Stellen<br />

Sie sich vor: ein Haus, das dumm aussieht …»<br />

Andrea von Planta verfolgt keinen spezifischen Stil. Er hat ganz einfach Freude an den<br />

unterschiedlichsten Objekten «in ihrer eigenen Aussage», die zeitlich, also historisch gesehen,<br />

einigermassen harmonieren. Im «Hammer» finden sich bis unters Dach barocke<br />

Elemente, die nach seinem Empfinden Leichtigkeit vermitteln sollen. Man könnte sagen,<br />

er habe den alten Charme des «Lotteri-Hammers», wie Jacqueline Naville ihr ehemaliges<br />

Zuhause liebevoll nennt, unter vielen barocken Elementen begraben. Doch gerade dies<br />

macht den Charakter des Gebäudes aus: Es trägt immer die Handschrift seiner Besitzer.<br />

Und das ist es schliesslich, was es, auch historisch gesehen, wertvoll macht.<br />

Während Hans-Peter Bärtsch vor allem für alles Bauliche verantwortlich ist, kümmert sich<br />

Andrea von Planta zusammen mit seinem Innenarchitekten um das Interieur. Er versteht<br />

sich hervorragend mit dem Berner Oberländer Walter Zwahlen aus Guggisberg, den er zufällig<br />

im «Haus zum Paradies» in der Zürcher Altstadt kennenlernt. Zwahlen, der gleich um<br />

die Ecke an der Zürcher Kirchgasse ein Antiquitätengeschäft führt, ist auch ein gefragter<br />

Innenarchitekt und Restaurator. In dieser Funktion kommt er bei der Sanierung der Liegenschaft<br />

«zum Paradies» zum Zug.<br />

Margrit und Andrea von Planta<br />

arbeiteten eng mit dem Berner<br />

Innenarchitekten Walter Zwahlen<br />

zusammen. Dieser war auch<br />

verantwortlich für die Gestaltung<br />

des Wintergartens eines<br />

Mieters zwischen Mühlehaus<br />

und Waschhäuschen, mit dem<br />

er «Werbung in eigener Sache»<br />

betrieb.<br />

156 157


Andrea von Planta interessiert sich vor allem für ein besonders schönes Täfer, von dem eine<br />

Wand beweglich ist und zur Küche hin geschlossen werden kann. Dieser als «Panneau»<br />

bemalte, verschiebbare Teil scheint ihm die perfekte Lösung für sein künftiges Büro im<br />

«Hammer». Er lädt Zwahlen nach Cham ein und merkt schnell, dass ihre Auffassungen<br />

perfekt harmonieren. Zu sagen, dies sei der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen,<br />

mag etwas übertrieben wirken. Mit Sicherheit aber ist dies der Anfang einer fruchtbaren,<br />

langen Zusammenarbeit. «Von da an», sagt Andrea von Planta, «hatte Zwahlen überall<br />

die Hände im Spiel. Denn aufgrund seiner Berner Herkunft hat er das historisierende Haus<br />

im Stil der ‹welschen Campagne›, aber auch die Seele der anderen Bauten, verstanden.»<br />

Zwahlen macht weit mehr als die bewegliche Holzwand im Büro. Er macht Pläne für die<br />

Täferung des Dachstocks, der alles andere als symmetrisch ist, danach aber so wirkt. «Ein<br />

Meister der Täuschung» sei er gewesen, sagt Hans-Peter Bärtsch anerkennend. Zwahlen<br />

zeichnet auch eigenhändig die Stuckmuster für die Gipsdecken im ersten Stock, gräbt aus<br />

seinem schier unerschöpflichen Fundus passende Antiquitäten aus, besorgt in ganz Europa<br />

Baumaterial, das dem barocken Stil des «Hammers» gerecht wird. Und er findet immer<br />

die richtigen Handwerker. «Er kannte für alles und jedes einen Spezialisten», erinnert sich<br />

Andrea von Planta. «Auf sein Urteil konnten wir uns verlassen.»<br />

Zwahlen und von Planta sind Feuer und Flamme für ihr Projekt. So sehr, dass sie Margrit<br />

von Planta immer wieder bremsen muss. Unterstützung erhält sie dabei von Hans-Peter<br />

Bärtsch, der nicht nur die meist beeindruckenden Kostenfolgen sieht, sondern auch zu verhindern<br />

versucht, dass das Haus «overstyled» wird. Zwahlen und er seien die Unvernünftigen<br />

gewesen, gesteht derweil Andrea von Planta. «Aber wir haben gegenüber meiner Frau<br />

auch immer wieder nachgegeben – wobei sie das vermutlich ein wenig anders sieht.»<br />

Andrea von Planta ist ein Sammler. Dauernd schleppt er neue Errungenschaften an: Täfer,<br />

Türen und Parkett aus alten Liegenschaften. Kunstobjekte und historisches Baumaterial.<br />

Sogar eine ganze Kegelbahn. Was ihm erhaltenswert scheint, kann er nicht wegwerfen.<br />

So auch viele Stücke, die in der Villa ausgebaut werden. Hans-Peter Bärtsch lässt auf der<br />

Lorzenterrasse beim Waschhäuschen ein riesiges Zelt aufstellen, wo das Material gelagert<br />

wird. Es ist so viel, dass er einen Katalog führen muss, um die Übersicht nicht zu verlieren.<br />

Doch Andrea von Planta hat nicht nur Freude an gutem Handwerk: Er liebt Dinge mit<br />

eigener Geschichte. Auch deswegen stammen Parkettböden und Täfer aus alten Herrschaftshäusern,<br />

kauft er in Paris eine Serie von Keramikplatten und baumelt im Dachstock<br />

der Villa von der Decke ein Lüster, der in den 1920er-Jahren das Verwaltungsratszimmer<br />

der Zürcher Bank Leu erleuchtet hat. Wie sagte er doch noch? «Der Hammer ist keine<br />

Geschichte der Vernunft, aber er macht Freude.»<br />

«Welsche Campagne»<br />

nennt Andrea von<br />

Planta den Stil der<br />

Hammer-Villa. Die<br />

Pergola wurde durch<br />

einen Wintergarten<br />

ersetzt.<br />

Weniger Freude hat er allerdings, als ihm bei der Sanierung eines Badezimmers im ersten<br />

Stock fast der Boden unter den Füssen wegsackt. Er weiss zwar, dass man dort sicherheitshalber<br />

schon lange nicht mehr gebadet hat, aber er kann sich nicht vorstellen, wie mies die<br />

Bausubstanz hier tatsächlich ist: Jahrzehntelang läuft hier Wasser der Wand entlang in die<br />

Bodenkonstruktion. Als diese geöffnet wird, stellt sich heraus, dass die Balkenköpfe total<br />

verfault sind und der Boden sich nur noch auf den Gipskehlen abstützte …<br />

Vier Jahre nach Beginn des Umbaus – die Hammer-Villa hat jetzt statt der verrotteten Pergola<br />

einen grossen Wintergarten an der Westseite – ziehen Andrea und Margrit von Planta ein.<br />

Glücklich und stolz auf ihr neues Zuhause, das sie mit viel Leidenschaft und grossem Aufwand<br />

genau nach ihren Bedürfnissen gestaltet haben. Keinen Moment denken sie an einen Verkauf.<br />

158 159


Stein um Stein: das Mühlehaus<br />

Kaum haben Emy und Robert Naville ihr «Schlösschen» 1930 bezogen, wird das Mühlehaus,<br />

das älteste und bedeutendste Gebäude der ganzen Liegenschaft, ein Raub der Flammen.<br />

Es brennt 1931 aus ungeklärten Gründen ab, wird aber im selben Stil wieder aufgebaut.<br />

Allerdings nicht in derselben Qualität, wie sich später herausstellt. Die Substanz des<br />

«neuen» Mühlehauses ist praktisch durchs Band schlecht, was beim Umbau 1990/91 zu<br />

dramatischen Situationen führt.<br />

Ungeheures Glück haben die von Plantas bereits zu Beginn der Umbauarbeiten, als eines<br />

Tages der Küchenboden der Wohnung, in der noch zwei Wochen zuvor der Melker des<br />

Hammerguts mit seiner Familie wohnte, einstürzt und einen Stock tiefer in der Schmitte<br />

landet. Wie sich später herausstellt, hing er lange Zeit praktisch nur noch an den Elektrorohren;<br />

kaum waren diese herausgerissen, sackte das Ganze ab. Dass dies über die<br />

Mittagspause geschieht, ist eine glückliche Fügung des Schicksals. «Nicht auszudenken,<br />

was passiert wäre, wenn die Arbeiter am Werk gewesen wären», erinnert sich Margrit von<br />

Planta mit einem Schaudern.<br />

Das Mühlehaus ist eigentlich der dritte «Hammer». Die Hammerschmitte und spätere<br />

«Chupferstrecki» wird 1690 direkt auf jener Felsschwelle in der Lorze errichtet, in die der<br />

Kanal für das unterschlächtige Wasserrad gehauen wird. Das Erdgeschoss, in dem sich die<br />

Schmiede befindet, wird aus Sicherheitsgründen für teures Geld gemauert, das Dach wird<br />

– ebenfalls eine Brandschutzmassnahme – mit Ziegeln gedeckt. Im Stockwerk über der<br />

Werkstatt befinden sich Wohnräume.<br />

Wann das Ökonomiegebäude auf der anderen Seite des Kanals gebaut wird, ist nicht klar.<br />

Sicher ist hingegen, dass es 1852 durch das sogenannte Magazingebäude ersetzt wird. Im<br />

Zusammenhang mit dem Ausbau des «Hammers» zum Kleinkraftwerk ist der Verbindungsbau<br />

zwischen den beiden Gebäuden zu sehen, in dem sich noch heute die Turbine befindet.<br />

Echte Idylle:<br />

Das frisch herausgeputzte<br />

Mühlehaus<br />

und die Hammer-Villa<br />

spiegeln sich im<br />

Wasser der Lorze.<br />

Als Andrea von Planta die Liegenschaft kauft, will die «Papieri» das Magazingebäude und<br />

das Turbinenhaus nicht auch noch dazu geben, denn die Grundstücksgrenze verläuft dem<br />

Ufer der Lorze entlang. Doch sein Argument, man müsse das Ensemble, das als Ganzes<br />

unter Ortsbildschutz steht, zusammenhalten, überzeugt. Allerdings bekommt er die beiden<br />

Bauten lediglich zur Nutzniessung – und unter der Auflage, sie zu sanieren; elf Jahre<br />

braucht er deswegen keinen Zins dafür zu bezahlen. Und so beginnt 1991 der Umbau des<br />

Mühlehauses, der am Ende gewissermassen in einem unplanmässigen «Abbruch» gipfelt …<br />

160 161


1931 wurde das Mühlehaus ein<br />

Raub der Flammen. Es brannte<br />

aus unerfindlichen Gründen ab.<br />

Die Polizeidirektion des Kantons<br />

Zug schickte Robert Naville<br />

Aufnahmen. Klären konnte sie<br />

den Fall nicht. Das Mühlehaus<br />

wurde im alten Stil wieder aufgebaut.<br />

162 163


Vorgesehen ist, die beiden Obergeschosse zu Wohnungen mit hohem Standard auszubauen,<br />

während in der ehemaligen Schmiede wie zuvor eine Waschküche und Technikräume eingerichtet<br />

werden sollen. Doch genau dies ist dem Denkmalpfleger Josef Grünenfelder ein<br />

Dorn im Auge: Er betrachtet das Mühlehaus als besonders wertvoll und möchte den Charakter<br />

der Schmiede als «ältesten vorindustriellen Gewerberaum des Kantons» erhalten.<br />

Mit diesem Argument rennt er bei Andrea von Planta offene Türen ein, denn der Raum wirkt<br />

ohne Einbauten viel grosszügiger und schöner. Als leidenschaftlicher Hobby-Historiker<br />

kann er Grünenfelders Argumente ausserdem gut nachvollziehen, und er ist bereit, die Pläne<br />

zu ändern. Um Haustechnik und Waschküche doch noch im Mühlehaus unterbringen zu<br />

können, wird gegraben: Ein Teil des Schmiederaums wird unterkellert – mit fatalen Folgen.<br />

Das Fundament des Gebäudes, auch wenn es aus Bruchsteinen aus dem eigenen Steinbruch<br />

gleich in der Nähe im Giebelwäldli gemauert ist, erweist sich als zu wenig stark und bricht<br />

dort, wo es an die Lorze grenzt, weg. Das Haus wird geflutet und läuft Gefahr, einzustürzen.<br />

Das Team von Planta-Bärtsch ist einmal mehr gefordert – und reagiert erneut schnell. Böden<br />

werden abgestützt, die Lorze in die Schranken gewiesen. Die baufällige Mauer westlich des<br />

Unterwasserkanals muss neu gebaut werden. Und wenn man schon mal an der Arbeit ist,<br />

soll sie auch richtig gemacht werden: Die Mauer bekommt deshalb einen Fuss, der dem<br />

Bergdruck sicher standhält.<br />

So wird dem Kanal entlang mit schwerem Gerät ein langer Graben ausgehoben, in den die<br />

Winkelstützen eingesetzt werden. Als der Baumeister den Graben am Ende zuschütten<br />

will, stoppt ihn von Planta: «Da machen wir doch besser einen Keller draus», sagt er, «man<br />

kann nie wissen …». Natürlich überlegt er sich bereits eine ganze Reihe von Nutzungsmöglichkeiten.<br />

Als Raum für die Geothermie-Anlage, die im Turbinenhaus steht, das er von der<br />

«Papieri» gemietet hat? Als Lagerraum für Feldfrüchte und Chabisköpfe des Hammerguts?<br />

Als Schiesskeller für die Polizei? Oder sogar als Kegelbahn? Dann allerdings bräuchte es am<br />

Ende eine grosse Vertiefung für den Kugelfang. Und die macht man am besten, solange die<br />

Spundwände für die Kanalmauer noch stehen – also jetzt gleich, egal ob hier schliesslich<br />

eine Kegelbahn eingebaut wird oder nicht.<br />

Der Zufall will es, dass Andrea von Planta tatsächlich bald über ein besonders schönes<br />

Exemplar stolpert: Er besucht mit seinem Sohn Felix die Liquidation eines Hauses in Zürich-<br />

Wollishofen. Die beiden sind früh dran, um gleich beim ersten Einlass dabei zu sein. Sie<br />

sind auf der Suche nach einem Carambolage-Billardtisch, als der Liquidator ihn völlig unvermittelt<br />

fragt, ob er denn nicht Interesse hätte an einer elektromechanischen Kegelbahn.<br />

Von Planta kann nicht widerstehen: 50 Franken kostet ihn die Anlage, die er dann allerdings<br />

auf eigene Kosten ausbauen, transportieren und natürlich auch wieder im «Hammer»<br />

installieren muss.<br />

Als Andrea von Planta<br />

das Mühlehaus im<br />

Oktober 1988 unterkellerte,<br />

brach die<br />

Mauer gegen die Lorze<br />

ein. Das Gebäude<br />

drohte einzustürzen.<br />

164 165


So sieht sich die ansonsten wohlwollende Behörde genötigt, auf politisch korrekte Art einzugreifen,<br />

indem sie nach einer baulichen Massnahme sucht, die sie ablehnen kann, ohne<br />

Schaden anzurichten. Man einigt sich auf die «ohne Arg» bereits eingebauten Fenster der<br />

Kegelbahn auf den Unterwasserkanal hinaus und verpflichtet Andrea von Planta dazu, sie<br />

wieder verschwinden zu lassen! Dieser lässt die nötigen Holzverkleidungen – ein wenig<br />

Spott muss sein – mit Fensterszenen bepinseln und nennt seine Kunst am Bau verschmitzt<br />

«Der Sommermorgen in der unteren Etage».<br />

«Ein Sündenfall», sagt er lachend, «denn kein Mensch auf der Baustelle hatte auch nur die<br />

entfernteste Ahnung, wie man eine Kegelbahn baut.» Zum Glück findet er in Erich Rihm<br />

einen der letzten Schweizer Kegelbahnbauer. Architekt, Bauingenieur, Elektriker, Schlosser<br />

und Bauherr folgen aufmerksam – und immer besorgter – seinen Erläuterungen: Es braucht<br />

eine Menge baulicher Massnahmen, um eine Kegelbahn richtig zum Funktionieren zu bringen.<br />

Ausserdem, so Rihm, würde man anstelle der alten elektromechanischen Kegel-Stellmaschine<br />

viel besser eine zeitgemässe elektronische einbauen.<br />

Andrea von Planta gibt dem Elektriker Hans Bucher und dem Schlosser Anton Bühler zehn<br />

Stunden Zeit, um die Anlage zum Laufen zu bringen. Ansonsten sei er bereit, die Übung<br />

abzubrechen. Schon zwei Stunden später präsentieren ihm seine «Helden der Technik»<br />

die auf Malerböcken aufgestellte, funktionierende Anlage. Nun kann er einfach nicht mehr<br />

Nein sagen. «Das wäre vernichtende seelische Grausamkeit ihnen gegenüber gewesen»,<br />

sagt er lachend. «Das galt es zu vermeiden.»<br />

So wird die Kegelbahn also im neuen Keller des «Hammers» eingebaut und die gemütliche<br />

Sitzecke mit dem nostalgischen Arventäfer ausgekleidet, die Andrea von Planta aus dem<br />

elterlichen Haus bereits vorsorglich nach Cham gebracht hat.<br />

Dass er auf der ganzen Länge auch noch Fenster einbauen will, ist für den Denkmalpfleger<br />

zwar kein Problem, geht aber der Baukommission dann doch ein bisschen zu weit. Ganz<br />

abgesehen davon, dass eine Wohnnutzung an dieser Stelle nicht vorgesehen ist, kann sich<br />

Andrea von Planta auch aus politischen Gründen nicht alles erlauben: Vor allem die Chamer<br />

Bauern und Bürger, die sich mit dem aus Zürich zugezogenen Engadiner noch nicht richtig<br />

anfreunden konnten, haben ein wachsames Auge auf die vielen Baugesuche. Diese erfolgen<br />

gestaffelt und – dem Ergebnis des Bauermittlungsgesuchs entsprechend – ordnungsgemäss.<br />

Aber gerade das erweckt den Anschein, man bewillige von Plantas Ideen am Laufmeter, und<br />

am Stammtisch wird schon mal gepoltert, dass man diesem mehr erlaube als ihnen selber.<br />

Der Luzerner Maler<br />

Walter Vogel pinselt<br />

den «Sommermorgen<br />

in der unteren Etage»<br />

auf die Lorzenmauer.<br />

Hier wiederholt sich auf spannende Weise das Element des Fremden in der Geschichte des<br />

«Hammers»: Nie sind seine Besitzer auf Anhieb willkommen. Immer sind es Auswärtige,<br />

meist auch noch anderer Religion, die sich ihren Platz in der Gemeinde erarbeiten müssen.<br />

Sie tun es mit Erfolg – sowohl die Vogels als auch die Navilles verdienen sich durch ihre<br />

Leistung erst den Respekt, später auch die ehrlich gemeinte Sympathie der Chamer. Die<br />

von Plantas schlagen einen anderen Weg ein: Sie verstehen sich nicht nur als Teil einer<br />

besseren Gesellschaft, die sich vornehm in den «Hammer» zurückzieht und nur mit ihresgleichen<br />

verkehrt. Sie wollen ein Teil der Bevölkerung sein, welcher sie ihren «Hammer»<br />

auch immer wieder öffnen für Anlässe aller Art.<br />

1992 ist der Umbau des Mühlehauses abgeschlossen. Der Schmiederaum wird zum stimmungsvollen<br />

Eventkeller. Die beiden Gusssäulen, die nötig waren, um die Balkenlage der<br />

riesigen Decke zu tragen, sind verschwunden. Stattdessen schlummert jetzt versteckt im<br />

Innern der achteckigen Holzsäule in der Mitte des Raums eine ganze Menge Eisen. Auch die<br />

einst tragenden Deckenbalken, nach dem System einer «Zimmermannssäge» ineinander<br />

verzahnt, sind nur noch Zierde: Sie kaschieren die massiven Eisenträger, die dem Ganzen die<br />

nötige Stabilität geben und die neue Betondecke darüber tragen. «Für Puritaner natürlich<br />

ein Sakrileg», gesteht Andrea von Planta, «aber wir finden das legitim.»<br />

In den oberen beiden Stockwerken befinden sich gemütliche Mietwohnungen mit allem<br />

Komfort. Die dringende Mahnung des Architekten, die Wohnungen nicht im selben Stil<br />

auszubauen wie jene in der Hammer-Villa, nimmt Andrea von Planta zwar dankend an,<br />

meint aber lächelnd zu Hans-Peter Bärtsch: «Ich mache trotzdem, was ich will – denn ich<br />

möchte dem Hammer etwas zuliebe tun.» Bärtsch ist nämlich der Überzeugung, dass ein<br />

allzu üppiges Interieur nicht dem aktuellen Zeitgeist entspreche. Mit der Konsequenz, dass<br />

die Wohnungen dadurch eher schwierig vermietbar und letztlich praktisch unverkäuflich<br />

würden oder mindestens weit unter dem Wert der getätigten Investitionen. Natürlich weiss<br />

Bärtsch, dass es nie die Absicht Andrea von Plantas ist, dem Zeitgeist zu entsprechen.<br />

Und so zieren historisches Täfer, hübsche Kachelöfen und Parkettböden auch das neue<br />

Mühlehaus, das sich so in seinem Innern ebenfalls ausgesprochen ländlich präsentiert.<br />

Mieter finden sich dennoch. Erst beim Verkauf des «Hammers» zeigt sich, wie recht Bärtsch<br />

mit seiner Aussage hatte. Allerdings, so relativiert dieser, sei es ja auch nie das Ziel der von<br />

Plantas gewesen, die Liegenschaft zu verkaufen.<br />

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utsherr ohne Gut:<br />

Gutsherr ohne Gut:<br />

Gerhard Ecker<br />

erhard Ecker<br />

und «sein Hammer»<br />

«Mein Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr – wenn er nicht schon mitten in der Nacht begonnen<br />

hat. Denn es kommt bei einer Liegenschaft von dieser Grösse schon mal vor,<br />

«sein Hammer»<br />

dass ein Alarm losgeht. Oft ist es nicht nötig, dass ich gleich etwas unternehme; dann<br />

gehe ich wieder ins Bett und warte mit den nötigen Massnahmen bis zum Morgen.<br />

Als Erstes hole ich morgens die Post und gehe dann weiter ins Turbinenhaus, um zu<br />

prüfen, ob mit der Technik alles in Ordnung ist. Das ist nur eine Sichtkontrolle, falls<br />

etwas Gravierendes wäre. Früher hatte ich noch Fische, Goldfische und einen Koi,<br />

die ich fütterte. Heute gehe ich direkt weiter in die Kegelbahn und mache eine kurze<br />

Raumklima-Kontrolle im Weinkeller.<br />

Als Nächstes steht das Badehaus auf dem Programm. Auch hier checke ich Temperatur,<br />

Luftfeuchtigkeit und Technik. Ist ja alles schon ein bisschen in die Jahre gekommen.<br />

Da ist immer wieder das eine oder andere zu reparieren.<br />

Mittlerweile ist es 8.30 Uhr geworden und ich gehe nach Hause – das sind etwa 10<br />

Sekunden vom Badehaus aus, denn ich wohne mit meiner Familie in einer wunderschönen<br />

Wohnung im Pferdestall gleich daneben. Ich trinke Kaffee und füttere meine<br />

Tiere: Hund, Katze, Fische, Schildkröten.<br />

Das tönt jetzt alles ein bisschen so, als ob mein Tagesablauf monoton wäre. So kann<br />

man sich täuschen! Kein Tag ist wie der andere. Meistens mache ich mir ein Programm,<br />

aber an neun von zehn Tagen kann ich bei Weitem nicht alles erledigen, was ich mir<br />

vorgenommen habe. Vor allem jetzt während des Umbaus habe ich viele Termine mit<br />

Handwerkern, und es gibt dauernd irgendwo einen kleinen Brand zu löschen …<br />

Weil im Moment so viele Leute im «Hammer» ein- und ausgehen, ist es ganz wichtig,<br />

den Überblick zu bewahren. Ich will immer wissen, wer wann kommt und was er hier<br />

zu tun hat. Wenn ein Neuer kommt, will ich den erst mal persönlich sehen. Dabei<br />

geht es mir nicht nur darum, den Menschen kennenzulernen, sondern auch darum,<br />

einen Blick auf seine Arbeit zu werfen. Genau so habe ich mir nämlich mein Wissen<br />

geholt: Ich habe den Handwerkern ein Loch in den Bauch gefragt. Heute kann ich<br />

deswegen vieles selber in Ordnung bringen.<br />

Die guten Seelen<br />

des «Hammers»:<br />

Verwalter-Ehepaar<br />

Verena und Gerhard<br />

Ecker.<br />

Wie ich nach Cham gekommen bin? Die Liebe war es. Meine zweite Frau ist Schweizerin,<br />

und so lag es nahe, nach meiner Scheidung in Österreich hier einen Neuanfang zu machen.<br />

Das war gar nicht so einfach, denn man war nicht in allen Branchen auf ausländische<br />

Arbeitskräfte angewiesen. Vor allem nicht in meiner als Kaufmann. So landete ich<br />

im Gastgewerbe, wo auch meine Frau tätig war. Und so kamen wir in den ‹Hammer›.<br />

Die von Plantas wollten ein Verwalter-Ehepaar aus dem Gastgewerbe, und genau das<br />

konnten wir bieten. So sind wir am 1. April 1998 von Hergiswil nach Cham gezogen,<br />

zusammen mit unserer einjährigen Tochter. Hier habe ich sehr viele Leute kennengelernt,<br />

denn die von Plantas veranstalteten grosse Feste und wunderschöne Konzerte,<br />

von denen ich allerdings keines wirklich gesehen habe: Ich musste ja arbeiten. Wir<br />

haben die Vorbereitungen für diese Anlässe getroffen und am Ende aufgeräumt; da<br />

blieb nicht viel Zeit für Musse. Die von Plantas haben sich da voll auf uns verlassen.<br />

Aber eben: Wir waren ja bei meinem Tagesablauf. Wenn ich nicht grad mit irgendeinem<br />

Servicearbeiter zu tun habe, gehe ich beispielsweise in den Garten, wo es einfach<br />

immer eine Menge zu tun gibt, obwohl wir auch Gärtner beschäftigen. Oder ich habe<br />

etwas zu reparieren. Wenn das mit der Reparatur nicht so eilt, lege ich das gute Stück<br />

in die Werkstatt und nehme mir vor, es im Winter zu flicken. Das tue ich jetzt seit<br />

17 Jahren, und im Frühling ist nie alles gemacht. So ist das einfach: Es gibt immer<br />

etwas, das noch dringender ist.<br />

Mein Job ist es, dass im ‹Hammer› alles gut läuft. Ich mache das so, als ob es mein<br />

‹Hammer› wäre. Aber ich bin ja nicht grössenwahnsinnig. Ich weiss sehr wohl, dass<br />

er das nicht ist. Ich bin ein Gutsverwalter ohne Gut. Aber der ‹Hammer› ist mir ganz<br />

einfach ans Herz gewachsen. Das merke ich vor allem, wenn wir aus dem Urlaub<br />

zurückkehren. Der schönste Moment ist für mich, wenn wir durch das Tor in den<br />

‹Hammer› fahren. Dann wird mir jedes Mal bewusst, was für einen wunderschönen<br />

Arbeitsplatz ich habe. Und ich bin richtig dankbar dafür.»<br />

Gerhard Ecker. Der gebürtige Österreicher und gelernte Einzelhandelskaufmann war schon in allen<br />

möglichen Berufen tätig – vom Lastwagenfahrer über den Fuhrparkleiter bis zum Schreiner. Seit Ende<br />

der 1990er-Jahre ist er Verwalter im «Hammer», wo er mit seiner Familie auch lebt. Wie ein «ganz<br />

normaler» Arbeitstag aussieht, erzählte er im Frühjahr 2014. Daran hat sich bis heute zwar einiges<br />

geändert, aber geblieben ist seine Leidenschaft für den «Hammer».<br />

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Ein hübsches Paar für die Lorzenterrasse:<br />

das Waschhäuschen und die «Gartenlaube»<br />

«Ein Waschhaus ist heute 60 mal 60 mal 180 Zentimeter gross», sagt Andrea von Planta<br />

lachend. «Ein Waschturm reicht; da braucht es kein ganzes Haus mehr.» Und so hätten<br />

sie sich eben schon bald überlegt, was sie denn mit dem hübschen neobarocken Gebäude<br />

anfangen sollten.<br />

Seine heutige Form hat das Waschhäuschen zwischen dem Mühlehaus und dem 1930 abgerissenen,<br />

baufälligen alten «Hammer» 1928 vom renommierten Zuger Architekten-Duo<br />

Dagobert Keiser und Richard Bracher bekommen, die unter anderem in Zug das Theater-<br />

Casino planten, in Cham das Schloss St. Andreas sanierten und in Altdorf das Tellspielhaus<br />

umbauten.<br />

Andrea von Planta findet das schmucke Gebäude mit seinem eleganten Mansarddach von<br />

Anfang an «lustig» und richtet dort das Baubüro ein. Hier reift der Plan, im Waschhäuschen<br />

später eine weitere Wohnung unterzubringen, was ebenfalls Teil des «Bauermittlungsgesuchs»<br />

ist. Er weiss mittlerweile nur zu gut, dass bauliche Eingriffe in einer Sonderzone, wie sie der<br />

«Hammer» darstellt, auch einer Sonderbehandlung durch den Kanton bedürfen, und ist deshalb<br />

darauf gefasst, dass «das ganze Rösslispiel», also sämtliche massgebenden Instanzen,<br />

antraben wird, um sich das fragliche Objekt genauer anzusehen.<br />

Wirklich kompliziert wird es allerdings erst, als der Raumplaner im Umbau in ein kleines<br />

Wohnhaus eine Umnutzung sieht und sich dagegen ausspricht. Dass sich die alte Nutzung,<br />

nämlich die eines Waschhauses, auch dann nicht mehr aufrechterhalten liesse, wenn man<br />

es noch wollte, scheint ihn nicht zu irritieren. «Wohnen», so Andrea von Planta rückblickend,<br />

«scheint ein ganz niederträchtiger Zweck für ein Haus in einer Liegenschaft zu sein,<br />

in der vor allem gewohnt wird …» Um den quasi gewerblichen Anstrich des Hauses einigermassen<br />

wahren zu können, schlägt der Raumplaner vor, einen Handwerker oder eine<br />

Töpferin einzuquartieren. Die von Plantas gehen auf diese Idee ein, bestehen aber darauf,<br />

der künftigen Töpferin eine standesgemässe Infrastruktur zu bieten: Sie bekommen die<br />

Erlaubnis, Nasszellen und eine Küche einzubauen.<br />

Als es Sommer wird, erstrahlt es in neuem Glanz. Walter Zwahlen ist vom neuen Waschhäuschen<br />

derart begeistert, dass er es den «kleinen Hammer» nennt. Das neue Waschhäuschen<br />

sieht zwar exakt so aus wie vorher, aber man spürt geradezu, dass hier kaum ein Stein auf<br />

dem anderen geblieben ist. Eine besonders spektakuläre Aktion ist die Aufsetzung des<br />

neuen Dachs, das in zwei fixfertigen Elementen auf das Gebäude gehievt und zentimetergenau<br />

platziert wird.<br />

Zusammen mit dem frisch herausgeputzten Mühlehaus ergibt das nun zwar ein durchaus<br />

attraktives Ensemble am Ufer der Lorze. Aber von Planta ist noch nicht zufrieden mit dem<br />

Bild, das sich ihm bietet. Er ist der Überzeugung, dass das Waschhäuschen ein bisschen<br />

einsam in der Landschaft steht – und beschliesst, dort, wo sich einst der alte «Hammer»<br />

befand, eine Gartenlaube im selben Stil zu bauen. So erhält das Waschhäuschen – mit dem<br />

Segen der Denkmalpflege – kurz darauf eine «architektonische Anlehnung». Im Grunde<br />

genommen ist das Gartenhäuschen nichts anderes als eine verkleinerte Kopie des Waschhäuschens.<br />

Doch es ist um neunzig Grad gedreht, wodurch zwischen den drei Gebäuden<br />

eine charmante Hofsituation entsteht.<br />

Mal abgesehen vom «einfach gmögig sein» erfüllt die Gartenlaube allerdings nie eine echte<br />

Funktion. Die Bewohner des Waschhauses entdecken das kleine Bijoux nicht, obwohl es<br />

über die ganze moderne Infrastruktur verfügt und an einem der sonnigsten Plätze der<br />

ganzen Liegenschaft steht. Freude macht es dennoch. «Das Ensemble bietet doch einen<br />

richtig schönen Anblick», schwärmt Andrea von Planta.<br />

Ende Jahr 1989 beginnen die Umbauarbeiten, und dies – wie fast immer – mit einer bösen<br />

Überraschung: Die Bausubstanz ist viel schlechter als befürchtet. Der Dachstock ist morsch,<br />

die Mauern sind schwach, das Haus ist kaum anständig zu sanieren. Da der Winter vor der<br />

Tür steht, wird das Waschhäuschen fürs Erste «warm eingepackt» und verschwindet für ein<br />

paar Monate hinter einer Bauabdeckung.<br />

170 171


Die Idee, das Schwimmbad im<br />

Stil einer Orangerie aus dem<br />

18. Jahrhundert zu bauen, hatte<br />

Denkmalpfleger Josef Grünenfelder.<br />

«Ich hätte nie gedacht,<br />

dass ich einmal einen griechischen<br />

Tempel bauen würde»,<br />

meinte derweil Architekt Hans-<br />

Peter Bärtsch.<br />

Badefreuden im Versteckten: der Pool in der Orangerie<br />

Wenn Margrit von Planta etwas an ihrer «Baubaracke» am Chamer Bergacker besonders<br />

geniesst, ist es das heizbare Schwimmbad im Garten. Als sie gemeinsam Pläne schmieden<br />

für den «Hammer», fragen sich die beiden, ob es denn nicht möglich wäre, auch dort einen<br />

Pool unterzubringen. Hans-Peter Bärtsch sondiert die Lage und bekommt den Tipp, dass<br />

eine solche Erweiterung dann wohl möglich und vom Ortsbildschutz her vertretbar wäre,<br />

wenn sie als Aufwertung des «Hammers» betrachtet würde. Ein Schwimmbad irgendwo in<br />

der Gartenanlage empfinden die von Plantas als Pfusch, ein offener Pool würde ganz einfach<br />

nicht in Richard Vogels Garten passen und ihm von seiner Grosszügigkeit nehmen.<br />

Bei Gesprächen mit Josef Grünenfelder reift die Idee, ein Hallenbad vor den ehemaligen<br />

Luftschutzkeller im Hang zu bauen. Vom Stil her, so der Input des Denkmalpflegers, könnte<br />

da ein Gebäude in der Tradition einer Orangerie aus dem 18. Jahrhundert in Frage kommen.<br />

«Solche Orangerien», so Grünenfelder rückblickend, «waren recht typisch für schlossähnliche<br />

Anlagen, wie sie der ‹Hammer› darstellt.» Allerdings, gibt er zu, hätten sie da schon ein<br />

bisschen Historismus betrieben. «Aber wir wollten ja auch kein Baudenkmal schaffen, sondern<br />

etwas, das irgendwie ins Ganze passt.»<br />

Andrea von Planta ist begeistert. Er hat – inspiriert von Orangerien, denen er auf Reisen<br />

durch England begegnet ist und nicht zuletzt vom Bibliothekhaus in der «Solitude» beim<br />

Bahnhof Cham – schon selber an eine ähnliche Lösung gedacht. Josef Grünenfelder macht<br />

den Vorschlag, eine Lösung zu skizzieren – und sich auch dafür einzusetzen, dass sie bewilligt<br />

wird und realisiert werden kann. Seine Freude am Projekt ist echt, und die architektonischen<br />

Proportionen sind korrekt. Allerdings zeigen die Baugespanne, dass es an<br />

dieser Stelle zu dominant wirkt. Und tatsächlich sind sich alle einig, dass es ein bisschen<br />

weniger auch tun würde. Man einigt sich darauf, die Höhe des Baus bis auf die Traufhöhe<br />

(die Tropfkante) des Pferdestalls zu reduzieren.<br />

So machen sich die BKG-Architekten an die Planung. «Nie im Leben hätte ich gedacht, dass<br />

ich jemals einen griechischen Tempel bauen würde», sagt Hans-Peter Bärtsch lachend.<br />

Ähnlich reagierte seinerzeit auch sein Kollege Hans Gerber, der die Orangerie zeichnete.<br />

Schmunzelnd habe er erklärt, dass dies wohl das erste und letzte Mal seit seinem Studium<br />

sei, dass er eine toskanische Säule berechnen müsse, erinnert sich von Planta. Was gar<br />

nicht so einfach ist: Toskanische Säulen haben nicht bloss eine genau definierte Evolvente,<br />

sondern auch eine klare Ordnung. Hält man sich nicht daran, wirkt das Ganze disharmonisch.<br />

172 173


Innert Kürze wird<br />

aus dem Schwimmbad<br />

ein Festsaal, in dem<br />

locker 120 Gäste und<br />

ein ganzes Symphonieorchester<br />

Platz finden.<br />

Erstaunt zeigt sich von Planta allerdings über den Kostenvoranschlag für den Bau des Hallenbades,<br />

das auch als Festsaal verwendet werden kann, und er hofft auf Einsparungen bei<br />

der Ausführung. Seine Sparbemühungen zerschlagen sich aber bereits, als er wenig später<br />

auf einer Reise nach Paris der Versuchung nicht widerstehen kann: Begeistert ruft er Hans-Peter<br />

Bärtsch an, um ihm mitzuteilen, dass er grad eine Serie wunderschöner zodiakaler, also auf<br />

den Tierkreis bezogener, Kachel-Panneaus aus der Bloempot-Manufaktur in Rotterdam erstanden<br />

haben. Die einzigartigen Keramikplatten von Mitte des 18. Jahrhunderts stammten<br />

aus einer abgebrochenen Orangerie in Faubourg St. Honoré und würden genau zwischen<br />

die Abluftsäulen an der Rückwand des Hallenbads passen … In der Tat sind diese Panneaus<br />

derart wertvoll, dass die Kunsthistorikerin Jeanette Gerritsma 2012 einen schmalen Bildband<br />

darüber herausgegeben hat mit dem Titel: «The Jan Aalmis Tableaux at Hammer».<br />

Als die Orangerie 1992 eingeweiht werden kann, kostet sie exakt so viel, wie Hans-Peter<br />

Bärtsch budgetiert hat. Aber alle Beteiligten sind glücklich. Der Neubau im «Retro-Look»<br />

fügt sich hervorragend ins Ensemble ein, und es entsteht eine gelungene Hofsituation, die<br />

auch akustisch etwas hergibt. Das wird sich später bei diversen Veranstaltungen auf dem<br />

grossen Rasen zwischen Villa, Orangerie und Pferdestallungen zeigen.<br />

Denn Margrit und Andrea von Planta gestalten den «Hammer» im Unterschied zu seinen<br />

früheren Bewohnern nicht als ihre Insel, sondern öffnen ihn ein Stück weit für die Chamer<br />

Bevölkerung. Die Liegenschaft ist auch Teil des Industriepfads Lorze. Und auf dem Grundstück<br />

finden diverse öffentliche Veranstaltungen statt, so etwa jedes Jahr ein Gottesdienst<br />

der Reformierten Kirche von Cham. Als die Rhododendren blühen, organisiert Margrit von<br />

Planta einen Tag der offenen Tür. Im «Hammer» geht einmal ein einwöchiger «Meisterkurs»<br />

der Schweizerischen Caruso-Gesellschaft über die Bühne, für den die von Plantas<br />

Räumlichkeiten und Instrumente zur Verfügung stellen und die «Maestri» sowie einen Teil<br />

der Musikerinnen und Musiker beherbergen und verpflegen. Am Schlusskonzert in der<br />

Orangerie – man kann das Schwimmbad zudecken und einen Festsaal daraus machen –<br />

strömen so viele Menschen in den Hammer, dass man das Badehaus öffnen und mehr<br />

als hundert weitere Stühle auf der Wiese aufstellen muss. Überhaupt wird die Orangerie<br />

immer wieder zum Vortrags-, Hochzeits-, Geburtstags- und Konzertsaal. Mehrmals spielt<br />

hier das Symphonieorchester Cham-Hünenberg: 45 Musiker und 120 Zuschauer finden im<br />

Schwimmbad Platz!<br />

«Zum Glück», sagt Margrit von Planta lächelnd, «haben wir im ‹Hammer› von Anfang an<br />

ziemlich viele WCs eingeplant …»<br />

174 175


Zusammen mit Villa und<br />

Pferdestall bildet die vermeintliche<br />

Orangerie eine gelungene<br />

Hofsituation, in der sich auch<br />

die Akustik hören lassen darf,<br />

wie verschiedene Freiluftkonzerte<br />

während der «Ära von<br />

Planta» bewiesen haben.<br />

176 177


Eine Tradition fortgeführt: die «Hammer»-Pferde<br />

Wenn Andrea von Planta als Bub seine Ferien bei den Grosseltern in Flums verbringt, freut<br />

er sich auf etwas ganz speziell: die Fahrten mit Kutscher Stähli. Dieser bringt täglich Baumwollballen<br />

vom Bahnhof zur Baumwollspinnerei Spoerry (die im April 2009 ihren Betrieb<br />

nach 143 Jahren eingestellt hat) und fährt die Kisten mit dem gesponnenen Garn wieder<br />

zurück zur Bahn. Der kleine Andrea darf vorne auf dem Bock sitzen und auch die Leitseile<br />

in die Hand nehmen.<br />

Hier nimmt seine Beziehung zu den – nicht immer einfachen – Pferden ihren Anfang. Der<br />

Umgang mit ihnen ist Teil der Erziehung. Denn früher waren die männlichen Familienmitglieder<br />

in den Kreisen der von Plantas ganz selbstverständlich bei der Kavallerie oder<br />

der berittenen Artillerie. Und so wird auch Andrea von Planta Artillerist – nur leider kein<br />

berittener. Das Reiten lernt er aber während seiner Studienjahre. Zum Train kommt hingegen<br />

sein jüngster Sohn, und dessen Offiziers-Reitpferd Ponpon findet sogar ein Zuhause in<br />

den alten, ziemlich heruntergekommenen Stallungen des «Hammers», die wieder ihrem<br />

ursprünglichen Zweck zugeführt werden.<br />

«Wirklich gefreut» ist das Gebäude aus dem Jahr 1872 im lupenreinen Schweizer Chaletstil<br />

allerdings erst nach seiner Totalsanierung. Die Kutscher- und die Knechtewohnung werden<br />

zu den originellsten im ganzen «Hammer». Wagen-Remise, Sattel- und Geschirrkammer,<br />

Werkstätte und Geräteräume werden liebevoll renoviert. In den drei grossen Boxen werden<br />

die verrosteten Gitter durch Holzbanden ersetzt und die fehlenden Schlagbäume neu angefertigt,<br />

damit sie – wie schon zu Vogels Zeiten vorgesehen – in sechs Stände umgewandelt<br />

werden können.<br />

Als Erste ziehen der Wallach Ponpon und zu seiner Gesellschaft Sämi, das Pferd der Tierpflegerin<br />

Susi Bolliger, ein. Ponpon ist sowohl im Sattel als auch im Zug ein vielseitiges Pferd und wird<br />

schliesslich über 30 Jahre alt. Den schweren Landauer kann er trotzdem nicht alleine hinauf<br />

zur Sinserstrasse ziehen. Deswegen suchen die von Plantas ein zweites Pferd und verlassen sich<br />

dabei ganz auf den Rat ihres «Rösseler-Gewährsmanns» Sepp Bächler aus Lindencham. Bächler,<br />

der selber internationale Vierspänner-Rennen fährt, schlägt vor, seinen Schwager Theo Schaedle<br />

zu besuchen, der seines Wissens ein Pferd zu verkaufen habe.<br />

Als Andrea von Planta mit Sepp Bächler bei Schaedle vorfährt, kommt dieser eben mit einem<br />

ganz aussergewöhnlichen Gespann daher: zwei slowakisch-ungarische Stutenschwestern<br />

von zehn und elf Jahren. «Ein solches Paar durfte man ganz einfach nicht trennen», sagt<br />

Andrea von Planta. «Also haben wir Theo Schaedle davon überzeugt, uns gleich beide<br />

zu verkaufen.» Nemecka wird schliesslich 31-jährig, die etwas schwierigere Nivelace 27. Sie<br />

müssen sich im «Hammer» also durchaus wohlgefühlt haben …<br />

Familienkutsche:<br />

Die von Plantas fahren<br />

am 29. Dezember 1989<br />

aus. Auf dem Bock sitzt<br />

Sohn Felix.<br />

178 179


Die Pferdepflegerin baut den Schafstall derweil zum zertifizierten Freilaufstall aus und bevölkert<br />

ihn mit ihren beiden Pferden Sämi und Lorino sowie einem Esel. Im Hühnerhaus<br />

ziehen die lustigen «Appenzeller Hühner» sowie ein Hahn und Kaninchen ein. Hamster<br />

finden Unterschlupf im einzigartigen «Hamsterhaus». Als sie von ihren Stallhilfen einen<br />

Geissbock geschenkt bekommt, beginnen allerdings die «nachbarschaftlichen Probleme»:<br />

Der Bock fällt in Ungnade, weil er die Pferde dauernd «umparfümiert», so von Planta. Das<br />

ist der Augenblick, in dem er Susi Bolliger bittet, es ihm vorher mitzuteilen, wenn sie beabsichtige,<br />

einen Elefanten anzuschaffen …<br />

Am Ende ist es allerdings nur noch Nemecka, die den Stall im «Chalet Suisse» bewohnt. Was<br />

für die von Plantas keine Lösung ist. «Pferde sind Herdentiere und brauchen ihresgleichen<br />

in der Nähe», sagt Andrea von Planta. Ein junges Pferd anzuschaffen, kommt für das Ehepaar<br />

aber nicht mehr in Frage. Die Familie ist «globalisiert» und lebt in Brasilien und England.<br />

Ausserdem ist bereits der Verkauf des «Hammers» ein Thema. So kommt Nemecka<br />

schliesslich in die Herde der Pferdezucht des Klosters Einsiedeln, was ihr bestens behagt.<br />

Sie geht bis zuletzt gut am Wagen, und erst als sich im Frühjahr 2014 schwere gesundheitliche<br />

Probleme bei ihr zeigen, wird sie von ihren Schmerzen erlöst.<br />

Auch Felix von Planta<br />

– hier mit seinem<br />

Offizierspferd Ponpon<br />

und Familienhund<br />

Timi – ist ein<br />

begeisterter Reiter.<br />

180 181


Es ist ein schwieriger Entscheid für die beiden. Und genau das verbindet sie mit ihren<br />

Vorgängern: Sie lieben ihren «Hammer». Hier zu wohnen, ist eine Leidenschaft, ihr Hobby<br />

gewissermassen. Ihn zu verlassen, fällt schwer. Doch das «facility management» ist ein<br />

100-Prozent-Job für Margrit von Planta. Dass ihr Personal zur Seite steht, erspart ihr zwar<br />

eine Menge Knochenarbeit. Aber es bleibt immer noch viel zu tun. Irgendwann, da sind sich<br />

die beiden einig, wird es zu viel sein. Und sie machen sich auf die Suche nach einem Käufer.<br />

Interessent 127: Der «Hammer» findet einen Käufer<br />

«Chamer Luxus-Residenz lässt sich nicht verkaufen», titelte die «Neue Luzerner Zeitung»<br />

im Dezember 2012 und fragte: «Woran liegt es, dass das Bijou an der Lorze keinen Käufer<br />

findet?» Die Antwort, so spekulierte der Journalist Silvan Meier damals, könnte im Preis<br />

liegen: «Ist ein ‹hoher zweistelliger Millionenbetrag› gerechtfertigt?», fragte er, nur um die<br />

These gleich wieder zu verwerfen: Laut der aktuellen Immobilienstudie der Credit Suisse,<br />

rechnete er seiner Leserschaft vor, müsste die Liegenschaft an die 50 Millionen Franken<br />

wert sein, was allerdings eine recht fantasievolle Schätzung ist.<br />

Was war geschehen? Zwanzig Jahre nachdem Margrit und Andrea von Planta den «Hammer»<br />

gekauft haben, ziehen sie ernsthaft Bilanz: Der Traum von der Altersresidenz hat sich zerschlagen.<br />

Die drei Söhne und ihre Familien, die in alle Winde zerstreut sind, sehen sich<br />

ausserstande, die Liegenschaft zu übernehmen. Unterhalt und Betrieb verschlingen jährlich<br />

grosse Summen – zu viel, um aus dem «Hammer» eine Ferienresidenz für die Familie<br />

zu machen. Man muss ganz einfach im «Hammer» wohnen, um ihn auch richtig betreiben<br />

zu können. Und man wird ja auch nicht jünger. Der «Hammer», so ihr trauriges Fazit, muss<br />

früher oder später verkauft werden, wenn die Söhne dereinst nicht eine gigantische Hypothek<br />

erben sollen.<br />

Grund zur Freude:<br />

An Weihnachten<br />

1989 kehrte Sohn<br />

Claudio (rechts) nach<br />

einer spektakulären<br />

Rettungsaktion aus<br />

dem indonesischen<br />

Dschungel zurück, wo<br />

er einen Dokumentarfilm<br />

gedreht hatte.<br />

2004 wird der «Hammer» zum ersten Mal in der «Neuen Zürcher Zeitung» und in der<br />

«Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ausgeschrieben. Den Verkauf übernimmt die Zürcher<br />

Immobilienfirma Rhombus Partner AG. Das Interesse ist rege. Nur wollen Käufer und Objekt<br />

einfach nicht passen. Weit über hundert solvente Interessenten schauen sich über die Jahre<br />

die Liegenschaft an. «Eigentlich hätten alle die finanziellen Möglichkeiten gehabt, den<br />

‹Hammer› zu übernehmen», ist sich Andrea von Planta sicher. «Aber ihre Vorstellungen<br />

waren zum Teil anders, manchmal auch abstrus.»<br />

Es sind vor allem Interessenten aus dem Ausland, die sich das Chamer Landgut ansehen.<br />

Geschäftsleute von Kasachstan über Brasilien und Mexiko bis Deutschland. Ein begüterter<br />

Araber wünscht sich für alle seine Frauen identische Zimmer – doch wie soll das gehen in<br />

einer natürlich gewachsenen Villa wie dem «Hammer»? Der Clan aus Kasachstan macht<br />

aus dem Geschäft – laut von Planta – «einen Basar», bis die Verkäufer die Nerven verlieren.<br />

Kurz vor dem Abschluss stehen die Verhandlungen mit einem deutschen Finanzverwalter<br />

– bis die Krise kommt und der Mann nicht mehr gesehen wird.<br />

Doch sind es nicht nur die Ansprüche der Interessenten, die den Verkauf erschweren. Es ist<br />

auch das Gesetz: Wer als Ausländer in Zug etwas kauft, muss hier wohnen. Und die Liegenschaft<br />

darf nicht mehr als 3000 Quadratmeter umfassen. Zwar hätte sich diesbezüglich mit<br />

den stark marktwirtschaftlich denkenden Zuger Behörden allenfalls etwas vereinbaren lassen.<br />

Doch überlegen sich die von Plantas zusammen mit ihrem Architekten Hans-Peter Bärtsch<br />

immer ernsthafter, die Liegenschaft zu unterteilen, «was sünd und schade gewesen wäre»,<br />

wie Andrea von Planta beteuert. «Aber irgendwann muss man einfach etwas unternehmen.»<br />

182 183


Eine Ära beginnt: Am 6. September<br />

2013 wird in Cham der Kaufvertrag<br />

unterschrieben. Andrea<br />

und Margrit von Planta mit Sohn<br />

Claudio (ganz rechts) und dem<br />

neuen Besitzer Ariel Lüdi am<br />

selben Tag im «Hammer».<br />

184 185


«Irgendwann» ist für die von Plantas, nachdem sie zehn Jahre Geduld gezeigt haben. Doch<br />

dann passiert das kleine Wunder: Interessent 127 wird nicht gefunden – er findet den unverkäuflichen<br />

«Hammer» selber. Es ist nicht nur ein Glücksfall, dass er über die finanziellen<br />

Möglichkeiten für Kauf und Unterhalt verfügt. Er ist sogar ein Schweizer, der auch das<br />

uneingeschränkte Recht zum Erwerb desselben hat. Und er gedenkt, den «Hammer» – sehr<br />

zur Freude der von Plantas – als Ganzes zusammenzuhalten. Dass der Aargauer Ariel Lüdi<br />

nicht den gleichen Geschmack hat wie sie selber, damit können die von Plantas leben. Dass<br />

sie den «Hammer» weit unter dem Betrag der getätigten Investitionen verkaufen müssen, tut<br />

zwar ein bisschen weh, aber am meisten beschäftigt Margrit und Andrea von Planta, als sie<br />

den Kaufvertrag am 6. September 2013 unterschreiben, wie sie es schaffen sollen, die Liegenschaft<br />

innert der vorgegebenen Zeit zu räumen: Der neue Besitzer möchte so schnell als<br />

möglich mit dem Umbau beginnen und bittet sie, das Waschhaus zu leeren, damit er mit<br />

seiner Lebensgefährtin dort provisorisch einziehen könne. Auch für das Zügeln der Villa<br />

und aller übrigen Gebäude bleibt nicht viel Zeit.<br />

Die von Plantas – glücklich, dass der «Hammer» endlich einen neuen Besitzer gefunden<br />

hat – bemühen sich, den Wünschen von Ariel Lüdi zu entsprechen. Sie füllen zwölf Mulden<br />

mit allem, was sie künftig nicht mehr brauchen, sowie zehn Zügelwagen, die den grössten<br />

Teil ihrer Habe nach Susch fahren, wo sie in einem Ökonomiegebäude eines Engadiner<br />

Hauses, das sich in ihrem Besitz befindet, vorerst eingelagert wird …<br />

Beste Aussichten:<br />

die neue Hammer-Villa<br />

nach ihrem Umbau<br />

von 1984 bis 1988 aus<br />

der Vogelperspektive.<br />

186 187


auriger Abschied<br />

om Hammer<br />

Robert E. Naville:<br />

Trauriger Abschied<br />

vom «Hammer»<br />

Als Robert E. Naville 1980 in Pension geht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die<br />

«Papieri» sich vom «Hammer» trennt. Für den Verwaltungsrat, der sich den Familien<br />

Naville und Vogel längst nicht mehr verpflichtet fühlt (und sich auch nicht verpflichtet<br />

fühlen darf), gibt es keinen vernünftigen Grund, die kostenintensive Liegenschaft zu<br />

behalten. Im Gegenteil: Die kreditgebenden Banken drängen darauf, dass die Papierfabrik,<br />

die arg ins Trudeln gekommen ist, ihr Familiensilber verscherbelt, um an flüssige<br />

Mittel zu kommen. Denn zu dieser Zeit bringt der «Hammer» bestenfalls einen symbolischen<br />

Mietertrag, kostet aber jährlich rund eine halbe Million Franken an Unterhalt.<br />

Die Rechnung ist also schnell gemacht.<br />

Für Robert E. Naville und seine Frau Marie-Louise wird die Situation zusehends ungemütlich.<br />

Natürlich überlegen sie sich, ob sie die Liegenschaft selber übernehmen können.<br />

Doch die finanziellen Möglichkeiten reichen allenfalls für den Kauf, aber nie für den<br />

Unterhalt. Tochter Jacqueline, die nur zu gut sieht, wie ihre Eltern leiden, wäre bereit,<br />

auf vieles zu verzichten und würde ihnen gern ihr Erbe überlassen, aber auch das wäre<br />

zu wenig, um ihnen einen sorglosen Lebensabend im «Hammer» zu garantieren.<br />

Die letzte Hoffnung erlischt, als auch Neffe Michael Funk, den mit dem «Hammer»<br />

viele schöne Jugenderinnerungen verbinden, seine Bemühungen aufgibt, den<br />

«Hammer» in Familienbesitz zu behalten; es ist vor allem dessen Mutter Hortense,<br />

die sich dagegen ausspricht und stattdessen auf die «Solitude» am See setzt, wo sie<br />

bis zu ihrem Tod wohnen wird.<br />

Als Margrit und Andrea von Planta sich den «Hammer» ansehen, werden sie deshalb<br />

zwar höflich, aber distanziert durch die Liegenschaft geführt: durch die Hausangestellte<br />

Santina Lira, die später zusammen mit ihrem Mann Lino auch für die Familie<br />

von Planta arbeiten wird. Robert E. Naville hat kein Interesse, die Fremden für sein<br />

Zuhause zu begeistern, das er am liebsten für sich behalten möchte. Abweisen kann<br />

er sie allerdings auch nicht; schliesslich ist er nicht Besitzer, sondern lediglich Mieter.<br />

Weihnachten im<br />

«Hammer» (von links):<br />

Jacqueline Naville,<br />

ihr Grossvater Jean<br />

Ferrière, die langjährige<br />

Hausangestellte<br />

Santina Lira-<br />

Prez, Marie-Louise<br />

Naville-Ferrière,<br />

André Naville und<br />

Grossmutter Frida<br />

Ferrière. Es fehlt<br />

Robert E. Naville,<br />

der wohl fotografiert<br />

hat.<br />

Je konkreter der Kauf wird, desto feindlicher wird die Stimmung. Vor allem Robert<br />

E. Naville, der hier geboren wurde und für den der «Hammer» eine Herzensangelegenheit<br />

ist, wird immer verzweifelter. Doch ist es nicht Trauer, was die von Plantas<br />

zu spüren bekommen. Es ist die Wut, die in ihm aufsteigt.<br />

Bei Rundgängen durchs Haus zeigen die künftigen Besitzer die Bereitschaft, Inventar<br />

zu übernehmen – auch als Zeichen der Wertschätzung. Doch weder Robert noch<br />

seine Frau Marie-Louise steigen auf das Angebot ein. Lieber würden sie den ganzen<br />

Bettel verbrennen, als ihn jenen zu verkaufen, die ihnen ihr Zuhause wegnehmen.<br />

Und genau das geschieht schliesslich auch: In einer Kurzschlusshandlung schleppt<br />

Marie-Louise Naville das, was sie am meisten mit dem «Hammer» verbindet, ins Freie<br />

– und zündet es an. Tagebücher, Möbel, Bilder, Literatur: Alles geht in Flammen auf.<br />

Es ist ihre Art von Abschied. Marie-Louise Naville verbrannte buchstäblich ihre Erinnerungen<br />

an den «Hammer». «Ich hätte mich nicht gewundert», erinnert sich Tochter<br />

Jacqueline, «wenn meine Eltern am Ende auch noch die Villa angezündet hätten.»<br />

Sie tun es nicht. Aber als sie den «Hammer» definitiv verlassen, sabotiert Robert<br />

E. Naville den Einzug der von Plantas auf kindlich anmutende Art und Weise. So<br />

schraubt er beispielsweise die alten, hübschen Fenster- und Türbeschläge ab und<br />

versteckt sie in seiner Wohnung in Zürich. Als Jacqueline diese später entdeckt und<br />

ihren Vater darauf anspricht, zuckt dieser bloss traurig mit den Schultern: «Ich habe<br />

sie ihnen einfach nicht gegönnt.»<br />

Mit ihrem Wegzug brechen die Navilles den Kontakt zu den neuen Besitzern endgültig<br />

ab. Erst 30 Jahre später wird ihn Tochter Jacqueline wieder aufnehmen. Als Besitzerin<br />

einer historischen Liegenschaft an der Genfer Rue Calvin tritt sie dem Verein «Domus<br />

Antiqua» bei, in dem sich die Eigentümer alter Häuser treffen. Einer davon ist<br />

Andrea von Planta, mit dem sie sich auf Anhieb gut versteht. So findet die tragische<br />

Geschichte des «Hammer»-Verkaufs doch noch so etwas wie ein Happy End – und<br />

dies ausgerechnet zum Zeitpunkt, als die Liegenschaft erneut den Besitzer wechseln<br />

soll. Andrea von Planta erzählt Jacqueline Naville beim Essen, dass er nach Jahren<br />

des Suchens nun wahrscheinlich einen Käufer gefunden habe: Ariel Lüdi.<br />

188 189


Vorher – nachher:<br />

der Umbau von 1984 bis 1991<br />

190<br />

Die neue Hammer-Villa.<br />

191


192 Tür zum Hof.<br />

193


194<br />

Waschhäuschen (links) und Mühlehaus.<br />

195


196 197<br />

Mühlehaus.


198<br />

Waschhäuschen.<br />

199


200<br />

Pferdestall mit «Kutscherwohnung».<br />

201


202<br />

Gärtnerboutique und Orangerie.<br />

203


«MACHT DOCH,<br />

WAS IHR WOLLT …»<br />

Josef Grünenfelder hat als Denkmalpfleger des Kantons Zug die bauliche Entwicklung<br />

des «Hammers» von der Ära Naville zur Ära von Planta mitgeprägt. Und ist dabei nicht<br />

als Verhinderer aufgetreten, sondern als Berater mit kreativen Ideen.<br />

Herr Grünenfelder, was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie heute an den Um- und<br />

Ausbau des «Hammers» in den 1980er-Jahren zurückdenken?<br />

Ich habe durchwegs positive Erinnerungen an ein gelungenes Projekt. Ich konnte die Anliegen<br />

der Denkmalpflege einbringen, und die Zusammenarbeit mit Andrea von Planta und<br />

Hans-Peter Bärtsch war rundum konstruktiv. Ich hatte in ihnen kompetente Gesprächspartner.<br />

Wir wussten immer gegenseitig, wovon wir redeten.<br />

Der «Hammer» zählt zu den schützenswerten Zuger Baudenkmälern. Wie einzigartig ist<br />

er denn wirklich?<br />

Die Hammer-Villa hat, rein kunsthistorisch betrachtet, keinen besonderen Wert. Sie ist aus<br />

einem bescheidenen Haus entstanden und immer wieder aufgepeppt worden.<br />

Nun besteht der «Hammer» ja nicht bloss aus der Villa …<br />

Ganz richtig. Aus denkmalpflegerischer Sicht sind Mühlehaus und Stallungen sogar viel<br />

wertvoller.<br />

Weshalb?<br />

Der Pferdestall ist ein stilreines Gebäude aus dem 19. Jahrhundert und als Nutzbau enorm<br />

aufwendig gemacht. Er gilt im historischen Bestand des Kantons Zug als sehr wertvoll, weil<br />

es kaum etwas Vergleichbares gibt – allenfalls jene im Schloss Buonas. Das Mühlehaus<br />

wiederum ist das älteste Gebäude der Anlage und ein interessanter Zeuge der Geschichte<br />

des Gewerbes.<br />

Sie waren nicht nur einverstanden damit, den «Hammer» um ein Schwimmbad zu<br />

erweitern – sondern wesentlich beteiligt an der Idee der Orangerie …<br />

Das stimmt. Gerade weil die Anlage kunsthistorisch nicht derart wertvoll ist, war wenig<br />

gegen eine Erweiterung einzuwenden. Dass ich sie selber skizzierte, ist vielleicht ein wenig<br />

aussergewöhnlich. Es ging lediglich darum, dass der Neubau ins Ensemble passt. Wir haben<br />

also ein bisschen Historismus betrieben: Die Orangerie, wie sie bei Schlösschen des 18. Jahrhunderts<br />

oft vorkommt, fügt sich doch eigentlich perfekt ein.<br />

Was macht sie denn zu etwas Schützenswertem?<br />

Genau das: Die Hammer-Villa ist ein gewordenes Kunstdenkmal. Sie hat sich immer wieder<br />

verändert und besitzt heute im Innern ein paar wertvolle Objekte. Wirklich spannend aber ist,<br />

dass sie das Abbild ihrer Besitzer und eng verbunden mit der Geschichte der Papierfabrik ist.<br />

Welche Objekte haben denn einen besonderen Wert?<br />

Es sind, ehrlich gesagt, nicht sehr viele. Und darum wird das Interieur des «Hammers»<br />

bei den Kunstdenkmälern des Kantons Zug in Bezug auf seinen kunsthistorischen Rang<br />

nicht bevorzugt behandelt. Aber es hat im Erdgeschoss beispielsweise einen wunderbaren<br />

Parkettboden – das «Piano Nobile» einer solchen Villa. So etwas sollte man erhalten. Es<br />

gibt aber auch schönes Täfer und alte Kachelöfen – so etwa einen von insgesamt nur drei<br />

existierenden Öfen aus der Zürcher Manufaktur Schoren aus dem Jahr 1751.<br />

Sie betonen immer wieder, dass der «Hammer» kunsthistorisch wenig bedeutend ist.<br />

Weshalb engagierten Sie sich dennoch für seinen weitgehenden Erhalt im alten Stil?<br />

Ein klassischer Denkmalpfleger hätte vielleicht gesagt: «Macht doch, was ihr wollt!» Mich<br />

faszinierte das gewachsene Ensemble als Zeugnis dafür, wie aus einem gewöhnlichen<br />

Gewerbebetrieb mit wachsender Bedeutung der Besitzerfamilie und der «Papieri» eine<br />

schlossähnliche Anlage wird. Das hingegen ist schon ziemlich einzigartig. Und darum ist<br />

der «Hammer» unter Ortsbildschutz.<br />

Josef Grünenfelder, geboren 1942, war zwischen 1974 und 1987 Denkmalpfleger<br />

des Kantons Zug. Während dieser Zeit begleitete er die Um- und Ausbauten<br />

im «Hammer». Ab 1987 bis zu seiner Pensionierung 2007 verfasste er für den<br />

Kanton Zug zwei Bände der Reihe «Kunstdenkmäler der Schweiz».<br />

204<br />

205


ABSCHIED VOM BAROCK,<br />

ABER NICHT VON DER<br />

GESCHICHTE: DIE ÄRA LÜDI<br />

Als Ariel Lüdi den «Hammer» im<br />

September 2013 kauft, weiss er bereits,<br />

dass er ihn gründlich umbauen wird.<br />

Den historischen Charme allerdings<br />

will er bewahren. Etwas anders sieht<br />

es seine Partnerin, die anfänglich für<br />

die Planung verantwortlich ist. Als<br />

sich das Paar trennt, macht er vieles<br />

rückgängig – und den «Hammer»<br />

(wieder) zum Unternehmenszentrum.<br />

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Gesucht: Luxus-Residenz<br />

Am 1. August 2013 übernimmt der Software-Gigant SAP die vergleichsweise kleine, aber<br />

feine «Hybris». Das Unternehmen mit Sitz in Zug beschäftigt insgesamt 600 Mitarbeitende<br />

und ist nach Ansicht von SAP der «weltweit am schnellsten wachsende Softwareanbieter<br />

im Bereich B2B-E-Commerce». Kunden von Hybris sind beispielsweise Nespresso,<br />

H&M, Migros und Lufthansa. Mit der Übernahme macht SAP Hybris-Mitinhaber Ariel Lüdi<br />

über Nacht zum wohlhabenden Mann. Lüdi, der an jenem regnerischen, kühlen Tag in<br />

Zürich unterwegs ist, steht vor dem «Globus» und checkt auf seinem Handy den Kontostand.<br />

Er weiss natürlich, wie viel er für den Verkauf bekommt, doch nun betrachtet er<br />

dennoch staunend die Zahl, die aufgrund ihrer schieren Grösse kaum richtig angezeigt<br />

werden kann: Es ist ein dreistelliger Millionenbetrag. «Und nun?», fragt sich Lüdi. «Was<br />

fange ich jetzt mit all dem Geld an?»<br />

Als Erstes beschliesst er, in eine steuerlich vorteilhafte Gegend zu ziehen. «Es wäre lächerlich<br />

gewesen, hätte ich das nicht getan», sagt er. «Denn im Initialjahr kannst du auf diese<br />

Weise Millionen sparen, mit denen du etwas Sinnvolleres anfangen kannst, als Steuern zu<br />

bezahlen.» Also macht sich Ariel Lüdi, der zu jener Zeit noch im Kanton Aargau wohnt, auf<br />

die Suche nach einer Liegenschaft im Kanton Schwyz oder Zug. Doch etwas, das sein Herz<br />

höherschlagen lässt, will sich partout nicht finden lassen. «Irgend so ein Betonklotz am<br />

Zugersee mit Infinity Pool, 2000 Quadratmetern Land und Nachbarn links und rechts für<br />

15 Millionen Franken oder ein Grundstück an privilegierter Aussichtslage für 10 Millionen»<br />

kommt für ihn nicht infrage. «Nichts von alldem hat Emotionen in mir geweckt», sagt er<br />

rückblickend. Also sucht er weiter.<br />

«Luxus-Residenz Zug» googelt er eines schönen Tages. Und stösst auf einen Artikel in der<br />

«Neuen Luzerner Zeitung» vom Dezember 2012. Titel: «Chamer Luxus-Residenz lässt sich<br />

nicht verkaufen». Die Story weckt seine Neugier, denn die Liegenschaft scheint nicht nur<br />

richtig gross, sondern auch richtig historisch. Ob die wohl noch zu haben wäre?<br />

Es ist der Zufall, der ihn auf einen Immobilienmakler treffen lässt, der jahrelang versucht<br />

hat, den «Hammer», um den es sich hier handelt, zu verkaufen. Der Mann hat das Mandat<br />

zwar längst abgegeben, aber er stellt den Kontakt zu Andrea von Planta her. Ob er mal vorbeikommen<br />

dürfe, fragt Lüdi diesen. «Selbstverständlich», freut sich von Planta, der noch<br />

nie etwas gegen netten Besuch und schon gar nichts gegen einen echten Kaufinteressenten<br />

hatte. Ariel Lüdi fährt nach Cham.<br />

Der Empfang ist freundlich. Andrea von Planta zeigt Lüdi voller Stolz seinen «Hammer»<br />

und kommt dabei ins Schwärmen, wie immer, wenn er von seiner «gmögigen Liegenschaft»<br />

erzählt. Eine Geschichte an der anderen sprudelt aus dem alten Mann heraus;<br />

seine Liebe zum Objekt ist fast mit den Händen zu greifen. Hinter dem «Hammer» steckt<br />

eine jahrzehntelange Leidenschaft, die Ariel Lüdi gut nachvollziehen kann. Auch für ihn ist<br />

diese Liegenschaft Liebe auf den ersten Blick: «Ich brauche Platz», sagt er, «und ich will viel<br />

Natur um mich herum.» Alles, was der «Hammer» bietet also. Dass von Plantas üppiger,<br />

barocker Stil nicht der seinige ist, kümmert ihn wenig. Würde er halt alles auf den Kopf<br />

stellen. Die Mittel dazu hat er nun ja.<br />

Das war allerdings nicht immer so …<br />

Ein wohlbehütetes Mittelstandskind<br />

1959 kommt Ariel Lüdi in Wettingen zur Welt. Sein Vater arbeitet als Betriebsleiter beim<br />

Wasserkraftwerk, und genau dort, in einer Dienstwohnung an der Limmat, wohnt Familie<br />

Lüdi auch, bis sie später ins «Tägi»-Quartier zügelt. Ariel wächst mit einer drei Jahre älteren<br />

Schwester als «behütetes Mittelstandskind» auf, wie er selber sagt, und besucht in Wettingen<br />

die Primarschule im Kloster, eine «Übungsschule» für das Lehrerseminar. Es ist eine<br />

schöne, unbeschwerte Zeit, und er ist ein guter Schüler.<br />

Das ändert sich, als er in die Bezirksschule kommt. Er findet keinen Draht zu seinen Mitschülern<br />

und wird zum Aussenseiter. Das wirkt sich auch auf seine Leistungen aus: Er<br />

hat Mühe, das Tempo zu halten, und muss Nachhilfestunden in Französisch und Latein<br />

nehmen. Mit Ach und Krach schafft er schliesslich den Übertritt in die Kantonsschule in<br />

Baden, wo er den mathematisch-naturwissenschaftlichen Weg einschlägt. Aber er fühlt<br />

sich hier wohl, auch wenn er ein Jahr wiederholen muss, weil er die Sache zu wenig ernst<br />

nimmt.<br />

Denn viel lieber als die Schule ist ihm der Sport. Bereits mit sechs Jahren beginnt er, bei<br />

Rotweiss Wettingen Landhockey zu spielen und erreicht hier schliesslich ein semiprofessionelles<br />

Niveau. Als einer der ersten Landhockeyspieler überhaupt wechselt er sein<br />

Heimteam und kämpft ab 1980 für den HC Olten, mit dem er 1985 Schweizer Hallenmeister<br />

wird. 1986 wird er es auch mit seinem neuen Club: den Grasshoppers Zürich. Jahrelang<br />

gehört er als Torhüter der Schweizer Nationalmannschaft an.<br />

208 209


Schon als Fünfjähriger<br />

mit Käppi: Ariel Lüdi<br />

im Garten der Dienstwohnung<br />

seiner Eltern<br />

an der Limmat in<br />

Wettingen.<br />

Erhard und Leonie<br />

Lüdi als junges Paar<br />

(oben links) und mit<br />

ihren Kindern Ariel<br />

und Christa um 1963.<br />

Unten: Weihnachten<br />

1965 in Wettingen.<br />

Mit 17 Jahren packt ihn die Leidenschaft fürs Fallschirmspringen: Schuld daran ist die amerikanische<br />

TV-Serie «Sprung aus den Wolken» aus den frühen 1960er-Jahren. Die beiden<br />

tollkühnen Fallschirmspringer Jim und Ted faszinieren ihn. Genau so möchte er auch sein.<br />

Schon als Teenager spart er auf das Ziel hin, einen Fallschirmkurs im Tessin zu besuchen,<br />

sobald er das Mindestalter erreicht hat. Es ist ein teurer Spass, denn Gleitschirme gibt es<br />

zu jener Zeit noch nicht. Wer fliegen will, muss sich vom Flugzeug in den Himmel tragen<br />

lassen. Dass die meisten Modelle damals «nichts anderes als grosse Militärrundkappenschirme»<br />

sind, stört ihn nicht, denn Angst ist nicht sein Ding.<br />

Kaum hat er seinen ersten Sprung hinter sich, ist er angefixt. Wann immer möglich, hebt<br />

er ab, um möglichst spektakulär wieder runterzukommen. So ist seine Kanti-Zeit vor allem<br />

von seinen zeitintensiven Hobbys geprägt: im Winter vom Hockeyspielen, im Sommer vom<br />

Fallschirmspringen. Er fehlt in der Schule derart oft, dass der Rektor einmal scherzhaft meint,<br />

er solle ihm künftig nicht mehr sagen, wann er fehle, sondern wann er in der Schule sei.<br />

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Sicherer Rückhalt:<br />

Ariel Lüdis letzter<br />

Einsatz als Torhüter<br />

des Schweizer<br />

Nationalteams 1991<br />

am European Indoor<br />

Hockey Cup in<br />

Birmingham (die 2<br />

im weissen Shirt).<br />

Fühlte sich als Aussenseiter:<br />

Ariel Lüdi (hintere<br />

Reihe, Fünfter von<br />

links) während seiner<br />

Bezirksschulzeit 1975.<br />

Als er die Matura überraschend locker bestanden hat, fällt er allerdings tiefer als bei einem<br />

Sprung aus dem Pilatus Porter. Er gerät in ein Loch, ist orientierungslos, ohne Perspektiven.<br />

Seine Freunde zerstreuen sich in alle Winde. Er wird keinen von ihnen je wiedersehen.<br />

«Und nun?», fragt er sich – und kommt auf das Naheliegende: Er meldet sich für die Aufnahmeprüfung<br />

zum Sportstudium an der ETH Zürich an. Allerdings, ohne sich darauf vorzubereiten.<br />

Und so fällt er hochkant durch. «Am schlimmsten», erinnert er sich lächelnd,<br />

«war wohl der Moment, als ich tanzen sollte …» Weil er immer die Herausforderung sucht,<br />

überlegt er nicht, wo er seine Stärken hat, sondern exakt das Gegenteil: in welchem Fach<br />

er während seiner Kanti-Zeit am schlechtesten war. Er entscheidet sich dafür, an der ETH<br />

Zürich Physik zu studieren.<br />

Zwei Mal knapp am Tod vorbei<br />

Doch der Start missglückt gründlich: Nach einer an sich harmlosen Operation überlebt<br />

er nur mit viel Glück eine massive Blutvergiftung, die wohl auch daran schuld ist, dass<br />

er zusätzlich an einer chronischen Darmentzündung, dem Morbus Crohn, erkrankt. Alle<br />

Organe bis aufs Herz versagen. 15 Liter Blutkonserven sind nötig, um ihn am Leben zu<br />

halten. Er kommt erneut unters Messer. Als ihm kurz nach der Operation und noch auf<br />

der Intensivstation irrtümlicherweise gebratenes Poulet mit Pommes Frites serviert wird,<br />

kann er nicht widerstehen – und kollabiert wieder. Sein Leben hängt an einem Faden, und<br />

es dauert lange, bis er das Krankenhaus verlassen darf. Zu jenem Zeitpunkt ist er derart<br />

abgemagert, dass ihn seine Bekannten kaum noch erkennen.<br />

Ariel Lüdi erholt sich zwar schnell, den Einstieg ins Studium hat er allerdings verpasst. Und<br />

weil er keine Ahnung hat, was er sonst tun sollte, bewirbt er sich auf Rat eines Hockeykollegen<br />

bei einer amerikanischen Universität um ein Praktikum. Er landet an der Virginia<br />

Union University in Richmond, wo er den Studierenden, die ausnahmslos afroamerikanischer<br />

Herkunft sind, beim Lernen seiner Muttersprache Deutsch helfen soll. Es ist ein<br />

ziemlich schwieriges Unterfangen, da diese nach Lüdis Empfinden noch nicht mal richtig<br />

Englisch können und sich in einem Slang unterhalten, den er nicht versteht. Er fühlt sich<br />

hier nicht bloss fehl am Platz: Er leidet. Und er erfährt so etwas wie «umgekehrte Apartheid»<br />

– er wird gemobbt und bestohlen. Weil die Universitätsleitung Angst um ihn hat,<br />

lässt man ihn kaum aus dem Haus, und das Essen ist für ihn ungeniessbar. «Es war einfach<br />

nur der Horror», sagt er. Als er einen Rückfall hat und ins Spital eingeliefert werden muss,<br />

beschliesst er, die Uni zu verlassen. Was er nun tun soll, weiss er allerdings nicht. Nach<br />

Hause zurückkehren will er jedenfalls nicht.<br />

212 213


Dann besinnt er sich auf das, was er bisher am liebsten tat, und beginnt wieder mit dem<br />

Fallschirmspringen. Damit er es sich leisten kann, nimmt er allerhand Gelegenheitsjobs<br />

an. Er legt auf dem Flugplatz Fallschirme zusammen und arbeitet als Sicherheitsbeamter.<br />

Dass er dazu sogar eine Waffe tragen muss, macht ihm keine Mühe. Doch sein Einkommen<br />

reicht kaum zum Leben. Immer wieder sitzt er verzweifelt in seinem alten Auto – «den<br />

Tank voll, das Portemonnaie leer». Der Hunger war sein ständiger Begleiter. «Ich war mehr<br />

als einmal dem Verzweifeln nah», erinnert er sich.<br />

Doch wann immer möglich springt er und lernt dabei spannende Menschen kennen:<br />

FBI-Agenten, Navy Seals, Sheriffs, Marshals und Drogenhändler. «Die sind am Wochenende<br />

friedlich zusammen gesprungen, bevor sie während der Woche wieder hintereinander herrannten»,<br />

erzählt er. Damit er offiziell in den USA arbeiten und seinen Lebensunterhalt<br />

verdienen kann, heiratet er mit 20 Jahren pro forma eine Frau, die er nur flüchtig kennt.<br />

Sie tut ihm diesen Gefallen, ohne etwas dafür zu verlangen. Mal abgesehen davon, dass<br />

die Ehe automatisch aufgelöst wird, sobald er das Land verlässt. Ihr richtiger Partner amtet<br />

sogar als Trauzeuge … «Es waren wilde Zeiten», sagt Lüdi lachend.<br />

Besonders wild treibt er es mit dem Fallschirmspringen. Er wagt immer mehr und gehört<br />

bald zu einer Stunt-Formation. Hier passiert es: Bei einem Sprung, bei dem er auf den<br />

Schirm des Untermanns stehen muss, verheddert er sich. Es ist ein fataler Fehler, und<br />

seinem Kollegen bleibt nichts anderes übrig, als seinen Schirm, in den sich Lüdi verwickelt<br />

hat, zu kappen. «Sorry, my friend, to leave you with that shit – tut mir leid, mein Freund,<br />

dich in dieser Scheisse hängen zu lassen», bedauert dieser, löst sich und zieht den Reservefallschirm.<br />

Ariel Lüdi, der sich in die zwei halboffenen Schirme hoffnungslos verwickelt hat,<br />

Wilde Zeiten: Ariel Lüdi<br />

mit seinem ersten eigenen<br />

Fallschirm, gesponsert<br />

von der Wettinger<br />

Firma Aquasant, und als<br />

bewaffneter Wachmann<br />

in den USA. Dank einer<br />

Scheinehe mit Lisa<br />

Gilbertson – hier beim<br />

Fallschirmfalten in<br />

Suffolk (Virginia) – darf<br />

er in den USA arbeiten.<br />

Rechts: Lüdi nach<br />

seinem Absturz auf dem<br />

Weg ins Krankenhaus.<br />

kommt ins Trudeln. «Wenigstens dreht sich das Ganze wie verrückt», denkt er, «das bremst<br />

ein bisschen.» Nach endlos langen Sekunden, in denen er wie ein Kreisel auf die Erde<br />

zurast, knallt er auf die Betonpiste. Aber er hat Glück im Unglück und bricht sich lediglich<br />

das Handgelenk und die Ferse. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, fragt er sich<br />

als Erstes, wie er sich mit einer gebrochenen Hand und einem kaputten Fuss überhaupt<br />

fortbewegen soll, und als Zweites, ob er das Schicksal wohl allmählich genug herausgefordert<br />

habe: Immerhin ist er mit 20 Jahren bereits zwei Mal dem Tod von der Schippe<br />

gesprungen. Er beschliesst, etwas Seriöses mit seinem Leben anzufangen.<br />

Zwar hat er in seinem Jahr in den USA bewiesen, dass er sich seinen Lebensunterhalt mehr<br />

schlecht als recht verdienen kann, aber er hat keine Lust, künftig auf dem Existenzminimum<br />

zu leben und zu darben. Deshalb beschliesst er, das Abenteuer USA zu beenden und<br />

nun doch eine Ausbildung in der Schweiz zu machen. Er bittet seine Schwester, ihm Geld<br />

fürs Rückflugticket zu schicken, das er sich sonst unmöglich leisten könnte.<br />

Zusammen mit einem Kollegen fährt er nach Miami, von wo aus er nach Hause fliegen will.<br />

Hier trifft er im Hotel auf eine Frau, die sich gleich selber zum Essen einlädt. Ihre direkte<br />

Art gefällt ihm. Ein paar Jahre später werden die beiden in der Schweiz heiraten. Dass Ariel<br />

Lüdi länger in Miami bleibt als geplant, liegt allerdings nicht an ihr: Sein Kollege ist schwer<br />

krank, und er tauscht mit ihm sein Ticket, damit dieser schneller in die Schweiz zurückkehren<br />

kann. Doch als er ein paar Tage später mit dessen Ticket einchecken will, lässt ihn die<br />

Fluggesellschaft nicht an Bord. Ratlos steht er in der Reihe vor dem Schalter, denn er hat<br />

das Geld nicht, sich ein neues Ticket zu kaufen. Dass ihm ein wildfremder Mensch den Betrag<br />

einfach so vorschiesst, stärkt in ihm die Überzeugung, dass es immer einen Weg gibt …<br />

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Im freien Fall: Ariel Lüdi (rechts)<br />

als Fallschirminstruktor mit<br />

einem Schüler 1985 hoch über<br />

Locarno. Mit der neuen Lernmethode<br />

«Accelerated Free Fall»<br />

setzte das Paracentro Locarno<br />

als lizenzierter Ausbildungsbetrieb<br />

Massstäbe.<br />

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Von Neugier getrieben, vom Schicksal gelenkt<br />

Es ist der Zufall, der ihn auf ein Inserat in der NZZ stossen lässt, über das IBM Studienabgänger<br />

als Programmierer sucht. Es ist das erste und einzige Mal in seinem Leben, dass<br />

sich Ariel Lüdi bewirbt. Er wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen und muss eine ganze<br />

Reihe von Tests über sich ergehen lassen. Besonders gut schneidet er beim Intelligenztest<br />

ab. «Ich hatte extrem Freude daran», sagt er, «und war wohl deshalb so gut.» Er bekommt<br />

den Job bei IBM und beginnt mit dem Programmieren – «das einzige Fach, das mir an der<br />

ETH Spass gemacht hat».<br />

Als Ariel Lüdi Ende 1981 in die Schweiz zurückkehrt, spricht er ein holpriges Deutsch und<br />

fühlt sich ohnehin ein bisschen fremd in der Heimat. Doch er beginnt tatsächlich ein zweites<br />

Mal mit dem Physikstudium, fällt aber bereits beim ersten Vordiplom durch. Beim zweiten<br />

Versuch klappt es zwar, aber da hat er schon einen Job im Para Centro Locarno, wo er sich<br />

zum Fallschirminstruktor ausbilden lässt. Da er als junger Mann besonders viel Ehrgeiz im<br />

Sport hat, schmeisst er die Ausbildung und arbeitet mehrere Jahre im Tessin, wo er nun<br />

auch lebt, als Lehrer und Fallschirmwart. Bald hat er alle Lizenzen, die man hier haben<br />

kann. Mehr noch: Er wird zum gefragten Stuntman und springt unter anderem mehrmals<br />

für eine Filmaufnahme mit einem Klavier auf 8000 Metern aus einer Herkules-Maschine,<br />

landet nachts im Zürcher Letzigrundstadion, auf den Brissago-Inseln, im Krüger Nationalpark<br />

oder wo auch immer ein Veranstalter ihn haben möchte.<br />

Er lebt derart in der Welt des Fallschirmspringens, dass er an keinem Flugplatz vorbeifahren<br />

kann, wenn er die Leute springen sieht. Er ist ein verwegener Springer. Aber er ist<br />

ein Profi. Bewusst Risiken eingegangen sei er nie, sagt er. Stimmen die Voraussetzungen<br />

nicht, springt er auch dann nicht, wenn am Boden Tausende von Zuschauern auf ihn warten.<br />

«Ich habe deshalb auch nie eine Sportart betrieben, bei der ich mein Schicksal nicht<br />

selber in den Händen hatte.» Sieben Mal muss er beim Springen den Notfallschirm ziehen.<br />

«Beim Basejumping von Felswänden oder Gebäuden wäre ich sieben Mal tot gewesen …»<br />

Er geniesst das Abenteuer, wie er selber sagt, doch irgendwann fühlt er sich intellektuell<br />

unterfordert. «Ich wäre ohne diese Erfahrung nicht da, wo ich heute bin, aber ich brauchte<br />

eine neue Herausforderung.»<br />

In jeder Beziehung<br />

auf dem Weg nach<br />

oben: Ariel Lüdi nach<br />

seinem Einstieg als<br />

Programmierer bei IBM<br />

mit seiner Frau Sandra<br />

1985 und auf dem Weg<br />

zur Fallschirmspringerlizenz<br />

in Locarno<br />

Ende der 1970er-Jahre<br />

(Zweiter von links).<br />

Aber auch bei IBM wird es ihm nach wenigen Jahren langweilig, und es kommt ihm gerade<br />

recht, als er 1985 von einer «komischen Consulting-Bude» abgeworben wird. Hier verdient<br />

er zwar das Vierfache und fährt einen Geschäftswagen, aber so richtig glücklich wird er<br />

trotzdem nicht. Immerhin spricht es sich in der Szene herum, dass er ein IT-Talent ist, und<br />

er erhält ein Angebot von einer kleinen, damals unbedeutenden Firma namens Oracle …<br />

Oracle – 2016 ein Unternehmen mit weltweit 135 000 Mitarbeitenden und einem Umsatz<br />

von 37 Milliarden Franken – beschäftigt zu dieser Zeit in der Schweiz gerade mal zehn<br />

Personen. Es ist nicht das, was man auf den ersten Blick einen glanzvollen Karriereschritt<br />

nennen könnte, doch die Herausforderung reizt Ariel Lüdi, und er nimmt das Angebot an,<br />

auch wenn er finanziell deutlich zurückbuchstabieren muss. Acht Jahre wird er bei Oracle<br />

arbeiten und bis in die Geschäftsleitung aufsteigen. Dabei gestaltet er den kometenhaften<br />

Aufstieg des Unternehmens zum Marktführer im Datenbankgeschäft mit. Als er Oracle<br />

1996 verlässt, weil er nicht die Chance bekommt, international zu arbeiten, ist das Schweizer<br />

Team auf 250 Mitarbeitende angewachsen.<br />

Der Zufall mag zwar mitspielen, aber es ist bestimmt auch seine Fähigkeit, die grossen<br />

Branchentrends instinktiv richtig und rechtzeitig zu erkennen, die ihn zu seinem nächsten<br />

Arbeitgeber führt. Als er – als Vielflieger – auf Einladung von United Airlines das einzige<br />

Mal in seinem Leben eine Oper besucht, trifft er auf einen Bekannten, der ihm von einem<br />

Start-up erzählt, das ihn interessieren könnte: von BroadVision.<br />

BroadVision ist zu dieser Zeit ein unbedeutendes Unternehmen mit ein paar Angestellten,<br />

aber noch ohne Kunden. Ariel Lüdi hat keine Ahnung, was BroadVision macht, und fliegt<br />

in die USA, um es sich anzusehen. CEO Pehong Chen überzeugt ihn vom Potenzial der<br />

Firma. Lüdi sagt zu und steigt im April 1996 in den E-Commerce ein. Am Ende leitet er für<br />

BroadVision das gesamte Europageschäft und generiert einen Umsatz von 150 Millionen<br />

Franken. Die Firma selber steigt im Wert während dieser Zeit von 0 auf 27 Milliarden Franken.<br />

Lüdi, der eine ganze Menge Aktien besitzt, verfügt auf dem Papier plötzlich über ein<br />

Vermögen. Als er 1999 zum ersten Mal Anteile auf E-Trade verkauft, ist er Millionär …<br />

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Die Mustang P-51 TF mit ihren<br />

1650 PS und 12 Zylindern aus<br />

dem Jahr 1944 ist heute ein Liebhaberobjekt.<br />

«Doch die besitzt<br />

man nicht», sagt Ariel Lüdi,<br />

«man bewahrt damit Geschichte.»<br />

Der historische Jagdbomber<br />

gehört zur «Flotte» Lüdis, der ein<br />

leidenschaftlicher Flieger ist.<br />

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Er weiss nicht recht, was er mit dieser Situation anfangen soll, denn Geld ist für ihn zu<br />

dieser Zeit etwas Surreales, auch wenn es ihm eine gewisse Sicherheit gibt. So änderte er<br />

auch seinen Lebenswandel bisher kaum und hat keine Mühe, bei einem Jobwechsel ein Risiko<br />

oder finanzielle Kompromisse einzugehen. «Niemand konnte mich damals begreifen»,<br />

sagt er. «Und die meisten haben mich belächelt, wenn ich die Karriereleiter mal wieder<br />

vermeintlich abgestiegen bin. Denn ich habe in jedem neuen Job zuerst weniger verdient<br />

als im alten.» Warum er das getan habe? «Aus Naivität, aus Leidenschaft, aus Interesse?<br />

Oder weil ich einen Sinn in der Arbeit suchte? Wohl von allem etwas!»<br />

Als die Internetblase platzt, geht es auch BroadVision ans Eingemachte. Lüdi muss sechs<br />

Entlassungsrunden durchziehen. 2002 hat er genug und verlässt das Unternehmen. Dank<br />

dem Verkauf seiner Aktien hat er immerhin ein paar Millionen auf dem Konto. Er kauft<br />

sich ein Schiff, beginnt zu golfen und fährt – wie viele seiner Kollegen – einen Ferrari. Den<br />

verkauft er aber schon nach wenigen Monaten, weil es ihm «schlicht zu blöd» ist. Als er<br />

sich, einmal mehr, zu langweilen beginnt, bittet er seinen Ex-Chef, ihn dem CEO von Salesforce<br />

vorzustellen. Auch dieses Unternehmen ist erst ein paar Jahre alt, aber in den USA<br />

mit seinen Cloud-Lösungen für Firmen bereits mächtig auf Kurs. Zwei Stunden dauert das<br />

Gespräch mit CEO Marc Benioff. Dann hat er den Job: Ariel Lüdi soll das Europageschäft<br />

aufbauen. Er tut es, wie alles, was er anpackt, mit Enthusiasmus und ist entsprechend erfolgreich.<br />

Doch er hat seine liebe Mühe mit dem Geschäftsgebaren der Salesforce-Spitze<br />

und verlässt das Unternehmen nach dessen Börsengang, der ihm wenigstens ein hübsches<br />

finanzielles Polster beschert. Ausserdem wartet bereits ein spannender neuer Job auf ihn.<br />

Denn noch bevor er sich von Salesforce trennt, kommt er mit Hybris in Kontakt. Das Startup<br />

beschäftigt in München erst 20 Personen, doch die Geschäftsidee der E-Commerce-<br />

Plattform überzeugt Lüdi. Nach intensiven Gesprächen mit dem Hybris-Team und einer<br />

«Due-Diligence-Prüfung», über die er die Risiken sorgfältig analysiert und abwägt, steigt<br />

er als CEO ein. Dabei legt er das ganze Geld, das er mit Sales force gemacht hat, auf den<br />

Tisch und sichert sich die Option, bei Gelegenheit noch mehr Aktien kaufen zu können.<br />

Wenn er sich schon aufs Abenteuer Hybris einlässt, denkt er sich, dann richtig. Doch das<br />

Unternehmen entwickelt sich alles andere als erfreulich. Drei Mal schrammt es innerhalb<br />

weniger Jahre am Konkurs vorbei: zu wenig Umsatz, betrügerische Machenschaften, das<br />

ganze Programm. 2006, dem schlimmsten Jahr in der Firmengeschichte, macht Hybris<br />

einen Kapitalschnitt. Ariel Lüdis Geld ist damit praktisch weg. Doch er glaubt nach wie vor<br />

an Hybris, nimmt aufs Haus und bei Freunden und Bekannten Kapital auf und setzt zum<br />

zweiten Mal alles auf eine Karte.<br />

Und dann wird alles gut. Sehr gut sogar. 2011 ist Hybris Weltmarktführer und kauft sogar<br />

eine Firma in Kanada hinzu. 2013 will man an die Börse und hat schon die angesehensten<br />

Finanzinstitute für den Börsengang im Rücken, als Kaufanfragen kommen. Das überrascht<br />

nicht: Solange eine Firma nicht an der Börse gehandelt wird, ist es deutlich einfacher, sie<br />

zu übernehmen. Adobe bietet ungefragt 1,6 Milliarden Franken. Es ist ein atemberaubendes<br />

Angebot, aber Lüdi hält nichts von der Strategie, die Adobe verfolgen würde, und winkt<br />

ab, was seinen Investor die Wände hochgehen lässt.<br />

Doch dann kommt SAP. «Die haben uns überzeugt», erinnert er sich, «weil sie nicht meinten,<br />

sie könnten alles besser.» Ariel Lüdi und seine Geschäftspartner schlagen ein und<br />

verkaufen Hybris für 1,5 Milliarden Franken. Sie verpflichten sich, noch zwei Jahre im Boot<br />

zu bleiben. Im Rahmen dieser Firmenübernahme kauft SAP sämtliche Aktien von Hybris.<br />

Und dies zu einem Preis, der weit über dem ursprünglichen Anschaffungspreis liegt. So<br />

werden Lüdi und seine Kompagnons nicht nur selber wohlhabend, sie generieren gegen<br />

100 Millio näre. Die vielen rührenden Rückmeldungen seiner ehemaligen Mitarbeitenden<br />

freuen ihn aufrichtig. Und stärken in ihm die Sicherheit, mit dem Verkauf – nicht nur für<br />

sich selber – das Richtige getan zu haben.<br />

Die Karriere von Ariel Lüdi wird in der Branche eifersüchtig mitverfolgt. Denn was immer<br />

er tut: Er tut es erfolgreich. Er selber sieht es entspannter: «Ich habe vermutlich einfach<br />

gemerkt, wenn etwas vielversprechend war. Mag sogar sein, dass ich aus den falschen<br />

Gründen zugesagt habe, aber am Ende hat es sich immer ausbezahlt. Einen Karriereplan<br />

hatte ich nie. Das hat mehr mit Glück zu tun und mit dem richtigen Timing.» Und wohl<br />

auch mit seinem Engagement: Hat er Spass an der Arbeit, geht er darin auf, und die Ideen<br />

sprudeln nur so aus ihm raus. «Wenn ich die Freude am Produkt verlor, musste ich gehen,<br />

weil ich dann nicht mehr bringen konnte, was ich eigentlich wollte.»<br />

222 223


Zwischenstopp in Kanada<br />

Während Ariel Lüdi nach seiner Rückkehr in die Schweiz beruflich eine eindrückliche Karriere<br />

aufs Parkett legt, läuft es ihm privat nicht immer nach Wunsch. So scheitert seine Ehe<br />

beispielsweise bald nach der Geburt der beiden Kinder. Dabei fängt alles so gut an.<br />

Kaum hat sich Lüdi in seiner alten Heimat eingelebt, nimmt er den Kontakt zu jener Frau<br />

auf, die er bei seiner Abreise in Miami zufällig getroffen hat. Die gebürtige Kanadierin<br />

besucht ihn darauf mehrmals in der Schweiz, wo es ihr gut gefällt. Sie findet sogar eine<br />

Stelle im «Gambrinus» in Brugg. Nur arbeiten darf sie hier eigentlich nicht – es sei denn,<br />

sie heirate einen Schweizer. Also geben sich Ariel Lüdi und Sandra Turner 1982 das Jawort.<br />

Es ist kein Déjà-vu: Im Gegensatz zu seiner Scheinehe in den USA meint er es dieses Mal<br />

ernst. 1990 kommt Sohn Jeremy zur Welt, zwei Jahre später Tochter Jessica. Doch die Ehe<br />

läuft nicht so, wie es sich die beiden vorgestellt haben: Als Jeremy in den Kindergarten<br />

kommt, trennt sich das Paar. Sie zieht wenig später mit den Kindern nach Kanada, um in<br />

der Nähe ihrer Familie zu sein; er stürzt sich in die Arbeit. Auch deshalb, weil die finanzielle<br />

Belastung gross ist.<br />

Noch grösser ist allerdings die emotionale: Ariel Lüdi sieht seine Kinder während zwei<br />

Jahren kaum. Wenn er für Oracle in die USA reisen muss, macht er einen Zwischenstopp in<br />

Toronto, mietet sich ein Auto und fährt durch halb Ontario, um seine Familie in Woodstock<br />

zu besuchen. «Der Abschied», sagt er, «war immer furchtbar.» Ein Glück für ihn, hält es<br />

seine Ex-Frau nicht lange in Kanada aus – sie hat Sehnsucht nach der Schweiz, die für sie<br />

mehr als zehn Jahre Heimat war. Als sie nach zwei Jahren mit Jeremy und Jessica zurückkehrt,<br />

wird er wenigstens zum Wochenendvater. Und seinen Kindern, die mittlerweile vor<br />

allem Englisch sprechen, ermöglicht er den Besuch der «Zurich International School». Es<br />

kostet ihn ein Vermögen, das er zu jener Zeit noch nicht hat, und er muss seinen Chef bei<br />

BroadVision schon mal um einen Vorschuss bitten. Aber es sollte nicht mehr lange dauern,<br />

bis er mit seinen Aktien das erste richtig grosse Geschäft macht.<br />

2000 kauft er sich im aargauischen Uezwil ein hübsches Eigenheim,<br />

in das er mit seiner neuen Partnerin einzieht. Und wo er<br />

auch bleibt, bis er sich nach dem Verkauf von Hybris 2013 dazu<br />

entscheidet, eine richtig schöne Liegenschaft im Kanton Zug oder<br />

Schwyz zu suchen. Und da wären wir also wieder: im «Hammer».<br />

«I really miss you»: Jeremy und<br />

Jessica um 1998 in Woodstock<br />

(oben), von wo sie ihrem Vater oft<br />

Zeichnungen und Briefe schickten,<br />

und 1994 mit ihm in der Schweiz.<br />

224 225


Liebe auf den ersten Blick: Ariel Lüdi und der «Hammer»<br />

Schon nach seinem ersten Besuch im «Hammer» ist für Ariel Lüdi klar, dass er diese Liegenschaft<br />

kaufen möchte. Nur, wie er es seiner Partnerin beibringen soll, das weiss er noch<br />

nicht. Denn diese steht mehr auf schlichte, moderne Bauten, während er es gerne ein<br />

bisschen historisch und vor allem wohnlich hat. Immerhin bietet der «Hammer» Platz für<br />

ihre Pferde. Das ist sein Joker, denn etwas Neues für Pferde zu bauen, ist in der Schweiz aus<br />

baurechtlichen Gründen sehr schwierig und teuer. Also geht es darum, etwas Bestehendes<br />

zu finden, das sich für Pferdehaltung eignet. Etwas wie den «Hammer».<br />

Zwei Mal besucht er Andrea von Planta im «Hammer», und dieser führt ihn nur zu gerne<br />

durch sein Anwesen. Mehrere Stunden dauert jede der Führungen, da von Planta zu jedem<br />

Objekt eine Geschichte zu erzählen weiss. «Wenn ich diese Liegenschaft kaufe», denkt<br />

Lüdi sich, «dann möchte ich ein Buch darüber machen.» Diesen Wunsch erfüllt er sich<br />

schliesslich als Erstes: Teil 1 der Geschichte des «Hammers» wird erscheinen, bevor er in<br />

die Villa eingezogen ist, denn deren Umbau wird Jahre dauern …<br />

Von seiner Anlage her ist der «Hammer» für Ariel Lüdi perfekt. Nur die Villa selber, in der<br />

die von Plantas wohnen und die mal sein Zuhause werden sollte, ist so gar nicht sein Stil.<br />

Der seiner Partnerin ohnehin nicht. «Man ist hier verloren gegangen wie in einem Labyrinth»,<br />

sagt er, «und man konnte sich kaum vorstellen, wie denn der Grundriss eigentlich<br />

aussieht.» Alles ist verwinkelt, jeder Quadratmeter Raum ausgenützt und mit Möbeln zugestellt.<br />

Sechs Wohneinheiten verteilen sich auf vier Stockwerke, «und jede hatte auch<br />

noch ihr Kücheli und WCli», erinnert sich Lüdi. Ihm fehlt es an Grosszügigkeit.<br />

Lüdi sieht schnell, dass er hier radikal zu Werke gehen würde: So sch<strong>web</strong>t ihm statt sechs<br />

kleinen eine grosse Wohnung mit viel weniger Zimmern vor. Schliesslich will er hier nicht<br />

mit seiner ganzen Verwandtschaft, sondern lediglich mit seiner Partnerin einziehen.<br />

Andrea von Planta spürt das, und die Vorstellung, dass der neue Eigentümer sein Lebenswerk<br />

quasi ruinieren würde, tut ihm weh. Aber er will verkaufen, weil ihm das Anwesen<br />

längst zur Belastung geworden ist und er sich bis unter den letzten Dachziegel verschuldet<br />

hat. Um sein Einkommen aufzubessern, vermietet er sogar einen Teil der Wohnungen über<br />

Airbnb. Die Unterhaltskosten hat er bereits auf ein Minimum reduziert. Viel zu stark, um<br />

die Anlage tatsächlich so in Schuss zu halten, wie sie es verdient – und wie er es wohl selber<br />

gerne hätte; ein paar Hunderttausend Franken jährlich an Fixkosten sind es trotzdem noch.<br />

Aber im Moment will er einfach seine 30 Millionen Franken zurück, die er über die Jahre in<br />

den «Hammer» gesteckt hat.<br />

Allerdings ist dies das viel mehr, als Ariel Lüdi auszugeben gedenkt. Sein Angebot fällt<br />

entsprechend tiefer aus. Es ist zwar immer noch eine Menge Geld, aber die von Plantas tun<br />

sich verständlicherweise schwer, auf den Deal einzugehen. Für sie ist der «Hammer» ein<br />

Bijou, in das man sofort einziehen könnte. Sie liegen damit nicht falsch: Hätte jemand denselben<br />

Geschmack wie die von Plantas, er könnte hier locker und ohne grosse Investitionen<br />

noch einmal zwei Jahrzehnte leben. Nicht aber Ariel Lüdi. Für ihn ist die Hammer-Villa<br />

ein Umbauobjekt, das noch sehr viel Geld kosten würde. Er lässt deshalb nicht mit sich<br />

handeln. Einzig beim Inventar macht er hin und wieder Zugeständnisse und signalisiert,<br />

dass er den von Plantas durchaus das eine oder andere historische Objekt abkaufen würde,<br />

sollte es zum Geschäft kommen.<br />

Da der finanzielle Druck gross ist, dauert es aber letztlich nur zwei Wochen, bis Andrea<br />

von Planta einschlägt. Nachdem er jahrelang vergeblich versucht hat, seinen «Hammer»<br />

zu verkaufen, ist Lüdis Angebot – auch wenn es ihm als viel zu tief vorkommt – besser als<br />

nichts. Am 6. September 2013 wird der Kaufvertrag unterschrieben und bei einem Mittagessen<br />

im Restaurant Wart in Hünenberg im Familienkreis besiegelt. Die Stimmung ist<br />

keineswegs gedrückt, auch wenn beide Parteien wissen: Für die von Plantas beginnt bald<br />

die mühsame Zeit des Umzugs, für Ariel Lüdi jene des Umbaus. Sie wird viel länger dauern<br />

als geplant. Aber auch das ist typisch für den «Hammer».<br />

Und jetzt einfach mal loslegen …<br />

Annähernd dreissig Jahre ist Hans-Peter Bärtsch, der mittlerweile der Geschäftsleitung der<br />

BKG Architekten AG angehört und bald zu deren Verwaltungsratspräsident gewählt werden<br />

sollte, Hausarchitekt im «Hammer», als Ariel Lüdi das Anwesen im Herbst 2013 kauft.<br />

So liegt es auf der Hand, dass er auch für den bevorstehenden Umbau beigezogen wird.<br />

Niemand kennt die Liegenschaft besser als er. Geplant ist, das Waschhäuschen zur Übergangsresidenz<br />

zu machen, das Mühlehaus aufzufrischen, die Kegelbahn in einen modernen<br />

«Mehrzweckraum» zu verwandeln, die Stallungen zu modernisieren und aus dem Autounterstellplatz<br />

vier zusätzliche Boxen zu schaffen. Ausserdem soll die Umgebung sanft<br />

umgestaltet und die Villa komplett umgebaut werden. Rund ein Jahr, so hofft Lüdi, würden<br />

die Arbeiten dauern. Ein erstes, noch vages Konzept für den Umbau der Hammer-Villa<br />

besteht auch schon bald. Hans-Peter Bärtsch macht einen Vorschlag für das weitere Vorgehen<br />

und sieht einen Kostenrahmen zwischen 2,5 und 5 Millionen Franken für alles vor.<br />

226 227


Nicht wiederzuerkennen:<br />

Andrea von Planta baute rund<br />

um seine historische Kegelbahn<br />

ein Arvenstübli, für das er das<br />

Originaltäfer seines Elternhauses<br />

verwendete. Ariel Lüdi<br />

machte daraus einen hellen,<br />

modernen Mehrzweckraum.<br />

228 229


Als Erstes wird das Waschhäuschen auf Vordermann gebracht. Hier wollen Ariel Lüdi und<br />

seine Partnerin wohnen, bis die Villa umgebaut ist. Es hat eine Sanierung nötig, denn<br />

es ist zu einem eher kühlen und feuchten Provisorium verkommen. Schon im November<br />

2013 ziehen sie mit ihren drei Hunden in ihr liebevoll renoviertes und ausgestattetes<br />

Übergangszuhause ein. Hier könnte man durchaus für immer leben, auch wenn es nicht<br />

den historischen Charme und die Grosszügigkeit der Villa mit ihren 1200 Quadratmetern<br />

Wohnfläche hat. Entsprechend gelassen geht Lüdi das Ganze an; eine Zeitlimite für die<br />

Umbauarbeiten an der Villa setzt er nicht.<br />

Noch sind die von Plantas hier ohnehin am Räumen von dreissig Jahren Hammer-Geschichte.<br />

So richtig voranzukommen scheinen sie allerdings nicht. Fast täglich sind sie vor Ort und<br />

sparen dabei nicht mit Ratschlägen an den neuen Besitzer, der allmählich ungeduldig wird.<br />

«Ich wollte endlich zu Hause sein hier – in meinem ‹Hammer›», sagt Lüdi. «Mir fehlte die<br />

Privatsphäre.» Schliesslich setzt er den beiden ein Ultimatum. Das führt zwischenzeitlich<br />

zu einem etwas unterkühlten Verhältnis, aber die Wogen legen sich schnell, nachdem die<br />

von Plantas sich in ihrem neuen Zuhause, nicht weit vom «Hammer» entfernt, eingelebt<br />

haben und die letzten Zügelwagen unterwegs sind nach Susch im Engadin, wo die von<br />

Plantas den Grossteil ihrer Habe in ihrem riesigen Ferienhaus zwischenlagern.<br />

Hans-Peter Bärtsch skizziert derweil gemeinsam mit dem Innenarchitekten und Lüdis<br />

Partnerin Grundrisse für die «neue» Villa, und Baumeister Patrick Käppeli vom Zuger Bauunternehmen<br />

Hodel sondiert im Januar 2014 schon mal im wahrsten Sinne des Wortes die<br />

Lage: Es geht darum, zu klären, wie die Villa umgebaut werden soll beziehungsweise kann.<br />

Dabei werden auch Decken heruntergerissen, um zu schauen, was sich dahinter versteckt.<br />

«Manchmal», sagt Käppeli, «ist das hervorgekommen, was wir erwartet haben – manchmal<br />

eben nicht.» Zum Glück hat Hans-Peter Bärtsch nicht nur ein gutes Gedächtnis, sondern<br />

auch verlässliche Pläne, aber auch dort ist längst nicht alles enthalten. Er hat den «Hammer»<br />

ja nicht neu gebaut. «Gut gerechnet, waren 80 Prozent des Gebäudes dokumentiert», sagt<br />

Käppeli. «Der Rest war Überraschung.»<br />

Der Vorgehensvorschlag von Hans-Peter Bärtsch beinhaltet eine Überarbeitung des vagen<br />

Konzepts der Bauherrschaft zu einem Ausführungsprojekt sowie die Erstellung eines<br />

Kostenvoranschlags dafür. Und genau dies geschieht nun auch, denn es ist ihm wichtig,<br />

das provisorische Budget vor Beginn der Ausbauarbeiten zu überprüfen. Um die Kosten<br />

genauer beziffern zu können und damit sich alle eine bessere Vorstellung der künftigen<br />

Räume machen können, werden die Rückbauarbeiten in Angriff genommen. Ausserdem<br />

wird eine Visualisierung in Form einer 3-D-Animation erstellt. Als Bärtsch den versprochenen<br />

Kostenvoranschlag präsentiert, tut er es allerdings mit gemischten Gefühlen: Auch<br />

wenn er Ariel Lüdi schon während der Arbeit daran signalisiert, dass 2,5 Millionen wohl<br />

ziemlich unrealistisch seien, ist er von der Höhe überrascht. Der Voranschlag kommt auf<br />

12,5 Millionen Franken zu stehen, allein 8,5 Millionen für den Umbau der Villa.<br />

Stilwechsel: der frisch<br />

gestaltete Wintergarten<br />

zwischen Mühlehaus<br />

und Waschhäuschen<br />

nach dem Einzug von<br />

Ariel Lüdi Ende 2013.<br />

230 231


Ein<br />

ichtig<br />

«Ein richtig netter Mensch»<br />

Polier Qamil Behluli war schon dabei, als die Zuger Baufirma Hodel 2014 die<br />

ersten Sondierungsarbeiten machte, und verliess den «Hammer» erst, als nach<br />

Lüdis Einzug das letzte Stück Strasse planiert war. Er tat es schweren Herzens.<br />

Qamil Behluli, woran erinnern Sie sich am liebsten in Bezug auf den «Hammer»?<br />

An die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten. Ich habe zwar immer Freude an meiner<br />

Arbeit, aber hier hat sie mir noch mehr Spass gemacht. Wir durften nicht nur ein<br />

sehr schönes Objekt umbauen, wir waren auch ein richtig gutes Team. Alle haben<br />

sich füreinander eingesetzt. Besonders schön war auch der Kontakt zu Geri Ecker; er<br />

hatte immer ein offenes Ohr für unsere Anliegen. Und natürlich zu Ariel Lüdi.<br />

etter<br />

Wie war denn der Kontakt zu ihm?<br />

Extrem unkompliziert. Er hat zwar viel Geld, ist aber ein richtig netter Mensch.<br />

Einmal hatte er einen coolen Westernhut auf. Ich habe ihm gesagt, dass der super<br />

aussehe, und er hat mich gefragt, ob ich auch gerne so einen hätte. Ich habe dann<br />

gesagt, den könne ich mir wohl nicht leisten. Zwei Wochen später hat er mir einen<br />

geschenkt. Vermutlich hat Dirk den für ihn besorgt. Ich wollte ihm den Hut natürlich<br />

bezahlen, aber er meinte, das komme gar nicht infrage …<br />

ensch»<br />

Der «Hammer» ist ein echtes Juwel, und beim Umbau war oft nur das Beste gut<br />

genug. Wird man da auch mal neidisch?<br />

Überhaupt nicht. Ich habe nie gedacht: Das hätte ich auch gerne. Ich träume nur von<br />

Sachen, die ich mir leisten kann. Der «Hammer» zählt definitiv nicht dazu.<br />

«Ariel Lüdi ist fast vom Hocker gekippt», erinnert sich Stefanie Bärtsch, die schliesslich<br />

in die Fussstapfen ihres Vaters treten und die Bauleitung übernehmen wird. «Und er hat<br />

meinem Vater deswegen Vorwürfe gemacht.» Nicht ganz zu Recht, wie sich später zeigen<br />

wird, aber das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Ariel Lüdi und Hans-Peter Bärtsch<br />

erleidet Schiffbruch. Lüdi, der zwar keinen Moment an den Qualitäten von Bärtsch zweifelt,<br />

aber von Anfang an keinen Draht zu ihm findet, gibt sich keine Mühe, zu verbergen,<br />

dass er sich nach einem neuen Architekten umsieht, obwohl Bärtsch einen zweiten Anlauf<br />

nimmt und den Kostenvorschlag revidiert. Viel Spielraum hat er allerdings nicht, denn die<br />

Ansprüche von seiner Partnerin und Innenarchitekt Markus Schlegel sind hoch. Oft ist nur<br />

das Teuerste gut genug.<br />

So herrscht, kaum hat die Arbeit richtig begonnen, Funkstille zwischen Cham und Zürich,<br />

wo man sich bei den BKG-Architekten fragt, ob für sie die «Ära Hammer» nach dreissig<br />

Jahren nun definitiv zu Ende geht, obwohl die laufenden Abbrucharbeiten noch abgeschlossen<br />

werden. Denn ab Frühling 2014 machen sich Käppelis Leute ans Werk. Sie brechen<br />

während Monaten Wände raus und verstärken Decken. Oft müssen sie zwischendurch<br />

Gebäudeteile abstützen. Dass man im «Hammer» über die Jahrzehnte immer etwas<br />

gemacht hat, zahlt sich nun aber aus: Die Bausubstanz ist gut, böse Überraschungen sind<br />

selten. «An sich haben wir nur die Karosserie weggenommen», sagt Käppeli, «der innere<br />

Zustand war sehr gut.» Und dies sei deutlich angenehmer als umgekehrt.<br />

Als die Sondierungs- und Rückbauarbeiten abgeschlossen sind, wird der Ausbau vorerst<br />

auf Eis gelegt: Lüdi ist mit den hohen Kosten nicht zufrieden und sucht nach Lösungen,<br />

wie man diese in den Griff bekommen könnte. Dafür wird die Planung für den Umbau der<br />

Pferde- und Ponystallungen in Angriff genommen. «Es wurde höchste Zeit, dass wir uns<br />

um die Tiere kümmerten», sagt Ariel Lüdi.<br />

Gib es etwas, das Sie besonders beeindruckt hat?<br />

Ich erinnere mich, wie wir mal ein grosses Rohr mit einem gigantischen Bund an<br />

Kabeln eingezogen haben. So eine Menge Kabel habe ich echt noch nie gesehen.<br />

Sie haben die ganze Palette an Arbeiten gemacht, die man bei einem Umbau<br />

überhaupt machen kann. Was war denn die grösste Herausforderung?<br />

Den Tresor zu zügeln! Ganz im Ernst. Der ist 1,2 Tonnen schwer und liegt flach auf<br />

dem Parkettboden. Den durften wir natürlich nicht beschädigen. Ich habe dann eine<br />

Lösung gefunden, wie wir ihn ohne grosse Kraftanstrengung und ohne Spuren zu<br />

hinterlassen verschieben konnten. Jetzt bin ich wohl der Einzige, der weiss, wie man<br />

ihn stehlen könnte …<br />

Neubeginn beim Pferdestall<br />

Und genau darum geht es, als er sich im Herbst 2014 bei Stefanie Bärtsch meldet und sie<br />

bittet, eine Sitzung einzuberufen. Die junge Architektin ist zwar überrascht, dass ausgerechnet<br />

sie das tun soll, nachdem sie nun so lange nichts mehr aus Cham gehört hat. Aber<br />

sie kommt der Bitte gerne nach. Ende 2014 – der «Hammer» ist nun ein Jahr im Besitz<br />

Lüdis – trifft sie sich deshalb mit ihm, dem St. Galler Pferdestall-Architekten Ivo Baumgartner<br />

und Baumeister Patrick Käppeli in Cham. Eine Baueingabe wurde bereits gemacht, und<br />

Lüdi will nun endlich loslegen. Allerdings fehlen die Schalungs-, Armierungs- und Ausführungspläne.<br />

Ob sie das denn übernehmen könne, fragt Lüdi Stefanie Bärtsch, die keinen<br />

Moment zögert: Natürlich könne sie das, sagt sie.<br />

232<br />

233


Doch es geht nicht nur um die Pläne. Es ist auch nicht klar, wer die Bauleitung machen soll.<br />

Der Stallarchitekt, der davon ausgeht, dass seine Aufgabe mit der Baueingabe beendet ist,<br />

zeigt wenig Interesse. Höchstens einmal wöchentlich könne er im «Hammer» vorbeischauen,<br />

sagt er achselzuckend. Was Baumeister Patrick Käppeli ein bisschen nervös macht:<br />

Einmal pro Woche sei bei diesem Projekt schlicht zu wenig, wendet er ein. Hier müssten<br />

fast täglich Entscheide getroffen werden, damit speditiv vorwärtsgemacht werden könne.<br />

Also wendet sich Lüdi erneut an die Architektin, die ihm aufgrund ihres unkomplizierten,<br />

fröhlichen, aber bestimmten Auftretens auf Anhieb sympathisch ist. «Machen Sie auch<br />

Bauleitung?», fragt er. Und als sie nickt: «Wann können wir loslegen?» Der Baumeister, der<br />

nun endlich anfangen möchte, schlägt vor, in zwei Wochen zu starten. Stefanie Bärtsch<br />

schluckt leer. Zwei Wochen? Ein sportliches Ziel, wenn man bedenkt, was es noch alles zu<br />

tun gibt. Sie spricht sich mit ihrem Vater ab, der ihr seine volle Unterstützung garantiert.<br />

Dann gibt sie ihr Okay. Der Umbau der Stallungen kann beginnen.<br />

Es ist eine überschaubare Aufgabe für Stefanie Bärtsch: Drei Türen müssen auf der Rückseite<br />

der Stallungen herausgeschnitten werden, damit die Pferde Auslauf haben, alles<br />

wird ein bisschen aufgefrischt, die Böden werden neu gemacht. Ausserdem werden Autounterstand<br />

und Schafstall für vier weitere Pferdeboxen mit Auslauf umgenutzt. Doch für<br />

die Leute auf der Baustelle ist der Umbau, mit dem auch eine ganze Reihe von Umgebungsarbeiten<br />

verbunden sind, immer wieder eine Herausforderung. So sollen alte, besonders<br />

schöne Elemente auf Wunsch von Ariel Lüdi erhalten bleiben. Sie werden für den Umbau<br />

aus- und schliesslich wieder eingebaut. Die historischen Sandsteintröge beispielsweise:<br />

«Die waren bestimmt 400 Kilogramm schwer», sagt Polier Qamil Behluli. «Wir mussten<br />

die wie die alten Ägypter von Hand und mit allerhand Gerätschaften rausnehmen, weil<br />

wir aufgrund der Raumhöhe keine Maschinen einsetzen konnten.» Da die latente Gefahr<br />

besteht, dass Teile des Gebäudes einstürzen, werden die so entstandenen Löcher umgehend<br />

zugemauert. «Aber das war alles richtig spannend», erinnert sich Behluli, der so oft<br />

im «Hammer» ist, dass er schon fast zum «Inventar» gehört.<br />

Direkten Ausgang ins<br />

Grüne: Die neuen<br />

Pferdeboxen sind heute<br />

nicht nur innen «state<br />

of the art»; sie bieten<br />

den Tieren auch mehr<br />

Bewegungsfreiheit.<br />

Mit dem Umbau der Stallungen ist es allerdings nicht getan. Im selben Atemzug werden<br />

Werkleitungen und Sickerrohre verlegt, und die unmittelbare Umgebung wird herausgeputzt:<br />

Der Vorplatz wird mit Pflastersteinen gestaltet, ein grosses Sichtbauwerk erstellt,<br />

Umzäunungen werden errichtet. Später wird ein Reitplatz angelegt. Der Hang oberhalb<br />

muss entwässert werden, damit die Weiden nicht weggeschwemmt werden. «Einige Arbeiten<br />

waren sogar für uns Neuland», sagt Patrick Käppeli, der sich deshalb besonders gerne<br />

an seine Zeit im «Hammer» erinnert.<br />

234 235


Mister Impossible»<br />

«Mister Impossible»<br />

Geht nicht, gibt’s nicht. Jedenfalls nicht für Dirk Bulir. Der 47-jährige Deutsche ist<br />

nicht bloss eine Kapazität, wenn es um Pferde geht. Er ist einer, der immer und überall<br />

die Herausforderung sucht und erst dann zur Ruhe kommt, wenn ein Problem<br />

gelöst ist. «Mister Impossible» nennt ihn Ariel Lüdi deshalb scherzhaft, denn Dirk<br />

Bulir ist gewissermassen sein Mann fürs Grobe.<br />

Sein praktisches Geschick und seine Macherqualitäten bekommt Dirk Bulir in die<br />

Wiege gelegt: 1970 kommt er in Nürnberg als Sohn einer Handwerkerfamilie zur<br />

Welt. Er lernt Heizungstechniker, hat aber viel mehr Spass am Reiten. Auch das<br />

kommt nicht von ungefähr: Seit Generationen gehören Pferde zur Familie Bulir. Sein<br />

Vater reitet Military, und so gerät Dirk auf die «klassische Schiene». Er ist ein hervorragender<br />

Reiter, aber die klassische Reiterei ist nicht sein Ding. Er ist schon als Kind<br />

ein Cowboy, läuft am liebsten mit einem Stetson rum und begeistert sich früh für<br />

die Westernreiterei, die damals in Deutschland aufkommt. «Bonanza-Kram» nennt<br />

Dirk Bulir diese Anfänge zwar rückblickend. Aber die Art und Weise, wie Reiter<br />

und Pferd miteinander arbeiten, gefällt ihm.<br />

Knochenarbeit:<br />

Dirk Bulir mit einem<br />

der Quarterhorses<br />

aus dem «Hammer»<br />

an der Americana<br />

2017 in Augsburg.<br />

Ansonsten geniessen<br />

die Hammer-Pferde<br />

ein eher beschauliches<br />

Leben.<br />

Seinem Vater weniger: «Wenn du zum Schlapphutreiter wirst, enterbe ich dich»,<br />

droht er ihm. Also reitet Dirk im Geheimen. Natürlich fliegt das Ganze auf, und Dirk<br />

löst das Problem auf seine Art: Er zieht, gerade mal 17-jährig, von zu Hause aus, heuert<br />

bei Roger Kupfer, dem «Dino der deutschen Westernreitszene», an und arbeitet in<br />

dessen «Training Stable» in der Oberpfalz. Kupfer erkennt das Talent des jungen<br />

Mannes und schickt ihn zu Weiterbildungszwecken nach Colorado, wo Bulir das<br />

Angebot bekommt, Ranch Management zu studieren.<br />

Nach zwei Jahren hat er das Diplom in der Tasche und kehrt zu Kupfer nach Deutschland<br />

zurück. Hier baut er Jugend- und Amateurkader im Westernreiten auf und gewinnt<br />

mit diesen eine Meisterschaft an der andern. Er selber wird in seiner Karriere<br />

sieben Mal bayrischer, elf Mal deutscher und zwei Mal Europameister. Um selber als<br />

Trainer arbeiten zu können, absolviert er zwischendurch die Ausbildung zum Pferdewirtschafts-Meister<br />

und macht sich schliesslich selbstständig: Er spezialisiert sich<br />

– wie könnte es anders sein? – auf schwierige Pferde, die durch alle Raster fallen.<br />

2014 zieht es ihn in die Schweiz. Er reitet hier Spring- und Dressurpferde für seinen<br />

Arbeitgeber und lernt dabei Lüdis Partnerin kennen, die ihm einen Job im «Hammer»<br />

anbietet, auch wenn sie ihn für überqualifiziert hält. Denn Bulir soll nicht der neue<br />

Stallmeister werden, sondern der «Mistgabelschwinger», wie er selber grinsend sagt.<br />

Er erscheint früher als abgemacht zum Vorstellungsgespräch und schaut sich die<br />

Umgebung in Ruhe an. Doch was er sieht, gefällt ihm nicht. Es fehlt an allen Ecken<br />

und Enden an Raum. Nicht einmal einen Reitplatz gibt es. Nachdem er sich mit der<br />

236<br />

237


Mister Impossible»<br />

Leidenschaft ist ansteckend:<br />

Ariel Lüdi<br />

unterwegs auf einem<br />

Wanderritt durch<br />

Süddeutschland. Im<br />

Gegenzug hob Bulir<br />

mit dem routinierten<br />

Kunstflieger ab – und<br />

genoss es.<br />

Stallmeisterin unterhalten hat, die ihm gänzlich inkompetent erscheint, winkt er ab.<br />

Doch schliesslich sagt er unter der Bedingung zu, dass er den Job des Stallmeisters<br />

bekommt.<br />

Als Dirk Bulir seine Arbeit im «Hammer» aufnimmt, ist die Planung für die Pferde-<br />

Infrastruktur bereits in vollem Gange. Er wird als Berater von Bauleiterin Stefanie<br />

Bärtsch beigezogen – und mischt sich von da an immer öfter ein. Das wird anfänglich<br />

zwar nicht von allen gleich geschätzt, doch schon bald beweist er, dass er über<br />

ein riesiges Know-how verfügt, von dem der «Hammer» nur profitieren kann. Ein<br />

Jahr dauert es, bis er die Infrastruktur aufgebaut hat. Dazu gehört auch der Kontakt<br />

zu den Bauern in der Umgebung, denen bald klar wird, dass sie es hier nicht mit<br />

«abgespacten Neureichen» zu tun haben, wie Bulir sagt, sondern mit Leuten, die mit<br />

beiden Füssen auf dem Boden stehen und ihr Geschäft beherrschen.<br />

Ariel Lüdi gefällt die pragmatische, überzeugende Art Bulirs, und er zieht ihn immer<br />

öfter bei – nicht nur dann, wenn es um die Pferde geht, sondern immer dann, wenn’s<br />

irgendwo brennt. So wird Dirk Bulir zu seiner rechten Hand. Als sich Ariel Lüdi von<br />

seiner Partnerin trennt, stellt sich allerdings die Frage, wie es denn nun weitergehen<br />

soll, denn zusammen mit ihr verlassen auch die Pferde den «Hammer». Dass diese<br />

zum «Hammer» gehören, darüber sind sich Lüdi und sein Stallmeister einig. Und<br />

sie entscheiden sich dafür, auf Quarterhorses umzustellen. «Das ist günstiger», sagt<br />

Bulir, «und die Voraussetzungen dafür sind im ‹Hammer› ideal.»<br />

Ariel Lüdi ist einverstanden, ganz ernst nehmen kann er diese Westernreiterei aber<br />

nicht. «Dann komm halt mal mit auf einen Wanderritt», schlägt Bulir vor und streift<br />

mit Lüdi eine Woche durch die deutsche Hügellandschaft. Dieser macht den Trip<br />

allerdings nur unter der Bedingung mit, dass Bulir sich dafür einmal zu ihm ins<br />

Flugzeug setzt, denn Ariel Lüdi ist ein begnadeter Kunstflieger. Bulir lässt sich nicht<br />

zweimal bitten. Und so kommt es, dass sein Chef mittlerweile ein guter Westernreiter<br />

und er selber ein begeisterter Mitflieger ist.<br />

Die sieben Quarterhorses im «Hammer» bildet Dirk Bulir sorgfältig aus. Und je länger<br />

er mit ihnen arbeitet, desto grösser wird die Lust, wieder einmal an ein «Turnierchen»<br />

zu gehen, wie er es nennt. Im September 2017 fährt er mit drei von ihnen an die «Americana»,<br />

die Weltmeisterschaften, in Augsburg. Er hat keine grossen Ambitionen,<br />

denn sein letztes Turnier liegt 17 Jahre zurück, doch seine Pferde präsentieren sich<br />

von ihrer besten Seite. Dass er keine Medaille nach Hause gebracht habe, sei allein<br />

seine Schuld gewesen, gesteht er. «Bissl aus der Übung halt.» Ein wenig vom Hafer<br />

gestochen ist er trotzdem: Für 2018 sind bereits ein paar Einsätze vorgesehen. Die,<br />

sagt er, wolle er aber schön locker angehen. «Wir wollen ja alle unseren Spass haben.»<br />

238<br />

239


T Y P 5<br />

T Y P 5<br />

TYP 2.2<br />

F-19-2<br />

ROL<br />

T Y P 2<br />

F -1 9 -1<br />

R O L<br />

RADIATOR<br />

F -1 9 -3<br />

R O L<br />

T Y P 2<br />

Z U F A H R T<br />

OLLIEREN<br />

BODEN BIS<br />

ANK<br />

MASS<br />

15.50<br />

1.65 13.85<br />

TYP 4<br />

TYP 17<br />

TYP 16.2 TYP 16.1<br />

F-22-2 FT-22-3 FT-21-1 FT-21-2<br />

R A D .<br />

1.46 1.32 1.34 1.34 44<br />

2.88 93 1.54<br />

2.05<br />

5.24 11<br />

LIFT<br />

Was durchaus möglich gewesen wäre, denn die Eingriffe in die Villa sind massiv, und die<br />

Ideen, wie sie sich am Ende präsentieren soll, sind nicht bei allen Beteiligten dieselben. Es<br />

5.90<br />

2.04 34 95 21 2.36<br />

2.15<br />

22 68 2.42 71 95<br />

1.00<br />

2.15<br />

KACHEL-<br />

OFEN<br />

TERASSE<br />

Während die Arbeiten rund um die Stallungen auf Hochtouren laufen, fragt sich Stefanie<br />

Bärtsch, wie es wohl mit der Villa weitergehen soll. Von der Idee, den ganzen Umbau innerhalb<br />

eines Jahres auszuführen, spricht längst niemand mehr. Ausserdem haben sich die<br />

Fronten in der Zwischenzeit verhärtet. Ariel Lüdi wird nicht richtig warm mit dem Innenarchitekten,<br />

und er ist oft nicht derselben Meinung wie seine Partnerin. An Weihnachten<br />

2014 beschliesst er trotzdem, weiterzumachen. Er gibt sein Okay zu den Kosten und holt<br />

den Zuger Innenarchitekten Michael Radler ins Boot, denn es ist ihm ein echtes Anliegen,<br />

wenn immer möglich mit Firmen aus der Umgebung ESSZIMMER zusammenzuarbeiten. Radler soll die<br />

BF: 37.2m 2<br />

Planung weiterführen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt +2.96<br />

21<br />

zeichnet sich ab, dass dies schwierig<br />

werden könnte. Der Ansatz ist Lüdi zu nüchtern, und im Gegensatz zum Planungs-<br />

+2.89<br />

W: WANDTÄFELUNG, MIT<br />

team möchte er möglichst viele historische Elemente SCHELLACK übernehmen BEHANDELN – alte Stuckaturen und<br />

D: DECKENTÄFELUNG, MIT<br />

SCHELLACK BEHANDELN<br />

Tapeten beispielsweise.<br />

B: PARKETT, NEU VERSIEGELN<br />

30 + 2.95<br />

SAN. 60<br />

T-22-2<br />

Auf die Schnelle geht nichts im «Hammer»<br />

K E R N B O H R U N G F Ü R<br />

A B L U F T D = 2 0 m m<br />

M A U E R K A S T E N A U S S E N<br />

4 0 m m A B B O D E N !<br />

RADIATOR<br />

AUFFRISCHEN<br />

Stefanie Bärtsch, die das Konfliktpotenzial gut erkennt, hält sich zurück. Aber sie fängt an,<br />

ein Raumbuch zu führen, in dem sie alles akribisch festhält, was in Bezug auf Raumprogramm,<br />

Materialisierung und Ausführung beschlossen wird. Es soll helfen, Entscheide zu<br />

erklären und den Baufortschritt nachzuvollziehen, nicht zuletzt für den künftigen Betrieb<br />

der Liegenschaft. «Es diente uns später auch bei Diskussionen, weil wir genau sehen konnten,<br />

was wir ursprünglich OST- geplant und abgemacht hatten», sagt sie. «Und<br />

KACHELwir<br />

haben so den<br />

OFEN<br />

Faden nicht verloren.» TERRASSE<br />

GESCHIRR-<br />

SCHRANK<br />

A B L U F T<br />

TISCHLÜFTUNG FLÄCHENBÜNDIG<br />

TYP 16<br />

TYP 15<br />

TYP 15<br />

TYP 15<br />

F-21-3 FT-21-4 F-21-5 F-20-1 F-20-2 F-20-3<br />

ROL<br />

ROL<br />

ROL<br />

RAD.<br />

RAD.<br />

RAD.<br />

RADIATOR<br />

RADIATOR<br />

AUFFRISCHEN<br />

AUFFRISCHEN<br />

K F G S<br />

GITTER VON STUBER<br />

RADIATOR<br />

3 2<br />

EL. KANAL<br />

EG 3<br />

K S<br />

K S<br />

B A<br />

S T<br />

W S<br />

F-27-3<br />

SAN.<br />

EL. HEIZ.<br />

T-22-1 T-21-1 T-20-1<br />

LIFTTÜRE UND SEITLICHE<br />

LIFTSCHATVERKLEIDUNG<br />

NEU STREICHEN<br />

2.09<br />

3.29 3 1.79<br />

VORPLATZ<br />

3.32 1.79<br />

2.63 66<br />

GARTENZIMMER<br />

BF: 40.7m 2<br />

+2.96<br />

20<br />

+2.90<br />

B: PARKETT, NEU VERSIEGELN<br />

W: ALLES HOLZWERK, NEU STREICHEN<br />

D: H.G. GIPSDECKE, NEU STREICHEN<br />

1.73 15 1.41 3 71 95 13<br />

2.15<br />

EL.<br />

T-27A-1<br />

F-27-1<br />

T-26-1<br />

VESTIBULE<br />

BF: 47.6m 2<br />

26 +2.95<br />

+2.88 OK BALKEN ?<br />

B: PARKETT NEU, GEMÄSS ESSZIMMER<br />

W: WEISSPUTZ, MIT VLIES GESTRICHEN<br />

TAPETE ENTFERNEN<br />

D: H.G. GIPSDECKE, NEU STREICHEN<br />

HOLZWERK: NEU STREICHEN<br />

VORPLATZ<br />

BF: 7.3m 2<br />

RAD.<br />

seine Bauleiterin 47<br />

T-18-3<br />

SAN.<br />

T-18-2<br />

T-19-1<br />

T-18-1<br />

3.13 1.14 5 2.74 84 1.67 84 39 5 17 5 49<br />

5.00 6.42 1.50 2.15 74<br />

10.75 5 17 5 4.14 1.98<br />

1.07 1.66 5 1.06<br />

BF: 9.2m 2 RADIATOREN BLEIBEN BESTEHEN<br />

35<br />

26A +2.95<br />

VERKLEIDUNG MODERNISIEREN<br />

+2.88 OK BALKEN ?<br />

WOHNEN<br />

B: PARKETT NEU, GEMÄSS ESSZIMMER<br />

BF: 82.5m 2<br />

W: WEISSPUTZ, MIT VLIES GESTRICHEN<br />

TAPETE ENTFERNEN<br />

BF: 35.6m 2<br />

D: H.G. GIPSDECKE, NEU STREICHEN<br />

34<br />

18 +2.98<br />

+2.91 OK BALKEN ?<br />

HOLZWERK: NEU STREICHEN<br />

72<br />

LAMBRIE LACKIERT H: CA. 20 CM<br />

CALSITHERM<br />

5 + 2.5 CM<br />

Z U L U F T Z U C H E M I N E E 1 .O G P L A N E N<br />

Freude herrscht –<br />

auf beiden Seiten:<br />

Am Hammer-Fest<br />

im Sommer 2017<br />

zeichnete Ariel Lüdi<br />

Stefanie Bärtsch<br />

EL. KANAL<br />

mit dem «Hammer-<br />

EG 2<br />

F.2.50<br />

RADIATOREN BLEIBEN BESTEHEN<br />

VERKLEIDUNG MODERNISIEREN<br />

ROLLOS 5Stk ELEKTRISCH BETREIBEN<br />

R. 2.60<br />

UK STAHLTRÄGER (prov. HEB 180) +5.58<br />

4.07 5<br />

4.07 5 43 49 5 1.51 22 1.76 22 1.47 5 46 5 45 5 51 5 2.84 61 74<br />

80 3.80 80<br />

SALON<br />

BF: 26.5m 2<br />

19 +2.98<br />

+2.91 OK BALKEN ?<br />

B: PARKETT NEU, GEMÄSS ESSZIMMER<br />

W: HOLZVERKLEIDUNG, NEU STREICHEN<br />

WEISSPUTZ, MIT VLIES GESTRICHEN<br />

D: H.G. GIPSDECKE, Z.T. ERSETZEN,<br />

NEU STREICHEN<br />

RH: UK BALKEN = 2.99<br />

UK GIPSDECKE = 2.60 - 2.80<br />

NEUE BODENHEIZUNG<br />

F.2.50<br />

67 17 5 69<br />

15<br />

17 5<br />

RADIATOR RADIATOR<br />

KONVEKTOR<br />

5 25<br />

38<br />

5 25<br />

KONVEKTOR<br />

RADIATOR<br />

ROL<br />

ROL<br />

ROL<br />

F-18-3 FT-18-2<br />

F-18-1<br />

F-19-6<br />

FT-19-5<br />

F-19-4<br />

TYP 13 TYP 1 TYP 2.1 TYP 2.1<br />

FT-18-4<br />

TYP 12 TYP 1<br />

TYP 14<br />

WINTERGARTEN 1<br />

BF: 18.3m 2<br />

71<br />

BLUMENAUFSÄTZE, NEUE<br />

ABDECKUNGEN MONTIEREN<br />

BESCHATTUNG ERNEUERN<br />

INKL. MOTOR<br />

BRUNNEN WEISS<br />

SPRITZEN<br />

WINTERGARTEN 2<br />

WINTERGARTEN RENIGEN UND<br />

AUSBESSERUNGSARBEITEN<br />

1.65 15.64<br />

BLUMENMUSTERAUFSÄTZE ENTFERNEN,<br />

NEUE ABDECKUNGEN MONTIEREN<br />

AUFTRITTE UND PROFIL WERDEN<br />

UK FERTIG STURZ +5.48<br />

VERSIEGELT<br />

TREPPENGELÄNDER NEU LACKIERT<br />

Hausheer besonders UK STAHLTRÄGER vorsichtig (HEB180) UNTER BALKEN ans MIN.+5.58 Werk und legt beispielsweise die alten Schalterplatten<br />

27A +2.95<br />

+2.90 5<br />

EL. KANAL<br />

OK KERTO 45 MM<br />

EG 1<br />

zahlt sich aus, dass für eine ganze Reihe von Handwerkern der «Hammer» kein Neuland<br />

20<br />

+2.86 OK BALKEN<br />

– alles Spezialanfertigungen von Andrea von Planta – sorgfältig auf die Seite. Die grösste<br />

KÜCHE<br />

B: NATURSTEIN, GRANIT 3cm STARK<br />

ist. Sie kennen nicht bloss das Haus, sie haben auch BF: 30.9m schon unter Andrea von Planta erlebt,<br />

2<br />

LIFTFRONT: WANDTÄFER<br />

W: WEISSPUTZ, MIT VLIES GESTRICHEN<br />

22 +2.95<br />

2.10 5<br />

Herausforderung<br />

2<br />

aber ist, dass er nicht einfach die ganze Stromversorgung abhängen<br />

ENTFERNEN, NEUER<br />

D: H.G. GIPSDECKE, GESTR.<br />

RADIATOREN BLEIBEN BESTEHEN<br />

wie hochkomplex der Umbau einer solchen Liegenschaft ist. Und sie wissen, dass man die WEISSPUTZ<br />

RH: UK BALKEN H=3.05<br />

kann, weil die Villa VERKLEIDUNG auch MODERNISIEREN während des Umbaus als Schaltzentrale der Liegenschaft dient.<br />

+2.84 OK BETON<br />

UK SANITÄR H=2.84<br />

B: NATURSTEIN, GRANIT 3cm STARK<br />

Dinge nicht A forcieren kann. Ein Objekt wie der W: «Hammer» WEISSPUTZ, MIT VLIES GESTRICHEN braucht Zeit. Und verlangt ab<br />

So muss das Herzstück des Hauses mit allen Tableaus schliesslich – unabhängig vom<br />

D: H.G GIPSDECKE, GESTR.<br />

EL. KANAL<br />

PL. 211 - 1:50<br />

RH: UK BALKEN H=3.01<br />

EG 5<br />

und zu, dass man eine Arbeit zweimal macht.<br />

Umbau – bis im Herbst 2016 weiterfunktionieren, denn daran hängt beispielsweise die<br />

UK SANITÄR H=2.71<br />

AUFTRITTE UND PROFIL WERDEN VERSIEGELT<br />

EL. KANAL<br />

UK GIPS H=2.60-2.70<br />

EG 4<br />

TREPPENGELÄNDER WIRD NEU LACKIERT<br />

GLASTRENNWAND<br />

NEUE BODENHEIZUNG<br />

B Umgebungsbeleuchtung.<br />

T-27-1<br />

1.36 90 1.51<br />

Zu den «alten Hasen» zählt beispielsweise der Elektroinstallateur HANDKURBELN DEMONTIEREN Stefan Hausheer, der für<br />

1:20 - PL. 311<br />

2.15 EL-MATTE 2.50/2.50<br />

1.90 1.11 2.23<br />

die «Hardware» im «Hammer» zuständig ist und sich noch gut an die «Ära von Planta» GÄSTE-WC<br />

Hausheer beginnt im zweiten 5.50 Geschoss, da hier besonders viele Wände herausgenommen<br />

BF: 12.2m 2<br />

erinnert. Er und sein Team waren es nämlich, die sich um den Unterhalt der Elektroanlagen 27 +2.95<br />

+2.90 5 OK KERTO<br />

werden müssen<br />

2.09<br />

und der<br />

1.32ganze Grundriss<br />

2.09<br />

auf den Kopf gestellt wird. Die Arbeit ist für ihn<br />

+2.86 OK BALKEN<br />

B: NATURSTEIN, GRANIT 3cm STARK<br />

SAN. 100<br />

kümmerten und bei einem Notfall von Gutsverwalter Geri Ecker aufgeboten wurden. 38 Nun<br />

hier vergleichsweise einfach: Es geht einzig darum, keinen Schaden anzurichten; historisch<br />

W: WEISSPUTZ, MIT VLIES GESTRICHEN<br />

D: H.G. GIPSDECKE, GESTR.<br />

KNIETÄFER H=72 CM<br />

RADIATOR<br />

KNIETÄFER H=72 CM<br />

reissen sie raus, was sie bis anhin gehegt und gepflegt haben. «Aber die Haustechnik von<br />

7<br />

wertvoll ist hier an sich nichts. Im Gegensatz zum Geschoss darunter, wo er viel Rücksicht<br />

NEUE BODENHEIZUNG/<br />

F-22-1<br />

EL-MATTE 2.50/2.50<br />

Ariel Lüdi hat nun mal nichts mehr mit jener von Andrea von Planta zu tun», sagt Haus-<br />

F-26-3<br />

F-26-2<br />

F-26-1 auf die alte Substanz nehmen F-18-5 muss. Wenn immer möglich werden Rohre hier nicht einfach<br />

TYP 4<br />

3.84<br />

GELÄNDER<br />

GELÄNDER<br />

GELÄNDER<br />

TYP 1<br />

1.31 1.20 1.33<br />

TYP 6<br />

TYP 6 TYP 6<br />

heer, «obwohl das in den 1980er-Jahren das Neuste vom Neusten war.»<br />

Oscar» aus.<br />

BLIND<br />

BÜCHER-<br />

REGAL<br />

Nachdem er schon beim Umbau des «Kleinen Hammers», dem Waschhäuschen, für Ariel<br />

73 5 3.99 67 5<br />

BESCHATTUNG ERNEUERN<br />

INKL. MOTOR<br />

Lüdi arbeiten durfte, macht sich Stefan Hausheer im Frühjahr 2014 an den Rückbau der<br />

R. 2.60<br />

elektrischen 36 25 Anlagen in 3.96 der Villa. Drähte werden 5 24 46 rausgezogen, Schalter abmontiert, Rohre,<br />

F. 2.50<br />

die nicht mehr gebraucht werden, entfernt. Da ein sanfter Rückbau vorgesehen ist, geht<br />

zurückgebaut, sondern wieder verwendet, nachdem die Kabel rausgezogen wurden.<br />

1:50 - P<br />

1:20 - P<br />

240 241<br />

FT-27-2<br />

TYP 18<br />

BALKON


Rückbau auf die sanfte<br />

Tour: Im Entrée (ganz<br />

links) und im Vestibül<br />

sollte architektonisch<br />

wenig verändert werden.<br />

Stand der Arbeiten<br />

im Frühjahr 2014.<br />

Etwa ein Jahr nach der Rückbauphase beginnt Hausheer mit dem Aufbau. Die Installationspläne,<br />

die er vom Elektroplaner erhält, sind reichlich bestückt, was ihn allerdings nicht<br />

erstaunt: «Ich habe Ariel Lüdi in der Zwischenzeit ja kennengelernt und wusste, dass technisch<br />

alles auf dem höchsten Niveau sein würde.» Bis zum Abschluss der Arbeiten wird er<br />

allein in der Villa sieben Kilometer Rohre verlegt haben … Ausserdem hat es im Vergleich<br />

zu einem durchschnittlichen Haus im «Hammer» nicht einfach eine Deckenlampe und<br />

drei Steckdosen pro Raum, sondern ein Panel, Wandleuchten und zehn Steckdosen. Dass<br />

man kaum etwas davon sieht, ist eine andere Geschichte. «Aber das musst du erst mal<br />

unterbringen», sagt Hausheer, «denn es war jedes Mal eine Herausforderung, herauszufinden,<br />

wie genau man mit den Leitungen von A nach B kommt.»<br />

Ariel Lüdi lässt sein Planungsteam mehr oder weniger gewähren. Die Arbeiten kommen<br />

nun zügig voran. Nur beim Cheminée wird er sich mit seiner Partnerin und dem Innenarchitekten<br />

nicht einig. Die Frage, ob es neben den historischen Kachelöfen überhaupt ein<br />

solches geben und wie es aussehen soll, bleibt offen. «Was für mich kein Problem war», sagt<br />

Stefanie Bärtsch, die mittlerweile so oft vor Ort ist, dass ihre Kollegen ab und zu fragen, ob<br />

sie in den Ferien gewesen sei. «Wir hätten auch ohne Cheminée fertigmachen können.»<br />

Als Ariel Lüdi gegen Ende 2015 immer öfter selber eingreift, fragen sich von der Architektin<br />

bis zu den Handwerkern alle, weshalb. Die Antwort bekommen sie beim «Handwerkerfest»<br />

zu Weihnachten. Ariel Lüdi und seine Partnerin haben sich getrennt. Die ursprüngliche<br />

Idee, dass diese das Projekt zu Ende führt, verläuft kurz darauf im Sand. Für die Leute<br />

auf dem Bau ändert sich vorderhand allerdings nichts. Sie machen weiter wie zuvor, denn<br />

allmählich drängt die Zeit: Lüdi möchte im August 2016 in die Villa einziehen.<br />

Kurswechsel: Das Atelier Zürich bringt Farbe ins Projekt<br />

Im Februar 2016 beschliesst Ariel Lüdi, neue Wege zu gehen und dem «Hammer» endlich<br />

seinen Stempel aufzudrücken, auch wenn die beiden obersten Stockwerke bereits komplett<br />

ausgebaut sind. Doch das Ganze ist ihm zu modern, zu unterkühlt, zu wenig er selber.<br />

Es sieht für ihn aus wie in einer Zahnarztpraxis, und das Historische der Villa, das ihm so<br />

viel wert ist, droht zunehmend unter einer dicken, hochweissen Farbdecke zu verschwinden.<br />

Nun, da er sich von seiner Lebenspartnerin getrennt hat, will er auch nicht deren<br />

Ideen verwirklichen oder jene des Innenarchitekten, der ebenfalls einen völlig anderen<br />

Geschmack hat, sondern seine eigenen. Aus diesem Grund schaut er sich um nach einem<br />

neuen Innenarchitekten und bekommt von einem Bekannten den Tipp, es doch mal mit<br />

dem Atelier Zürich zu versuchen.<br />

242 243


einstes<br />

244<br />

Feinstes Stuckwerk<br />

Tina Turner, Phil Collins, Christoph Blocher: Jürg Elmer kennt sie alle persönlich.<br />

Von Berufes wegen. Denn Elmer ist Stuckateur. Als solcher war er in den Häusern<br />

vieler Prominenter im ganzen Land, denn er gehört einer eher raren Spezies an, auch<br />

wenn er sich nicht zu den Künstlern unter den Gipsvirtuosen zählt. Das, so Elmer,<br />

seien vor allem die Restauratoren von Kulturdenkmälern wie Kirchen. Und von denen<br />

gibt es in der Schweiz bloss eine Handvoll. Aber auch die (Kunst-)Handwerker<br />

unter den Stuckateuren sind dünn gesät. Sie finden sich vor allem in den Städten,<br />

wo auch die Mehrzahl der potenziellen Objekte steht: vornehmlich historische Liegenschaften,<br />

zu denen Stuckdecken nun mal gehören. Denn: «Montiert man Stuck<br />

an die Decke», erklärt Elmer, «wird der Raum zum Möbel.» Genau damit habe man<br />

früher seinen Reichtum zur Schau gestellt: mit der Möblierung. «Heute lässt man<br />

den Stuck leider oft weg und protzt lieber mit seinen Luxusautos.»<br />

Anders im «Hammer», wo Jürg Elmer schon für Andrea von Planta arbeiten durfte.<br />

Dessen Innenarchitekt Walter Zwahlen liebte Stuck und konnte auch die von Plantas<br />

dafür begeistern. «Wir haben dann halt ziemlich viel davon gemacht», erinnert sich<br />

Elmer, dem die Villa in dieser Zeit so richtig ans Herz wächst. Dass seine Stuckdecken<br />

noch über dreissig Jahre später in einem tadellosen Zustand sind, freut ihn umso<br />

mehr. «Wir haben offenbar gute Arbeit geleistet», sagt er lächelnd. Und gesteht: «Ich<br />

bin verliebt in den ‹Hammer›. Hier würde ich gerne selber wohnen.»<br />

Es freut ihn deshalb sehr, als er über eine Reihe von Zufällen im Frühjahr 2014 wieder<br />

dort landet. «Ich weiss nicht genau weshalb, aber der ‹Hammer› war für mich<br />

immer etwas Besonderes, auch wenn ich schon in viel prunkvolleren, grösseren<br />

Villen gearbeitet habe», sagt Elmer, der entsprechend engagiert ans Werk geht. Im<br />

Sommer 2014 montiert er die ersten, zwei Meter langen Muster im ersten Stock, wo<br />

sich Schlafzimmer und Ankleide befinden. Hier sind die Decken neu, weshalb er<br />

mit eher schlichten Profilen arbeiten soll. In den Salons im Wohnbereich darunter<br />

hingegen gibt es bereits Stuckdecken. Dort geht es in erster Linie darum, Schäden<br />

zu reparieren, die entstanden sind, als drei Räume zu einem vereint wurden, und<br />

Lücken zu ergänzen.<br />

Er sei kein Künstler,<br />

sagt der Stuckateur<br />

Jürg Elmer, sondern<br />

lediglich Handwerker.<br />

Betrachtet man<br />

seine Arbeit im<br />

«Hammer», könnten<br />

allerdings Zweifel<br />

aufkommen …<br />

Doch dann passiert erst mal gar nichts mehr, und Elmer fragt sich schon, ob er im<br />

«Hammer» überhaupt noch mal zum Einsatz kommt. Ein Jahr später ist es so weit:<br />

Jürg Elmer bekommt den Auftrag, die Arbeiten nun auszuführen. Dass er dabei<br />

einen Teil seines Stuckwerks aus der Ära von Planta runterreissen muss, tut ihm<br />

nicht weh. «Dann kommt halt etwas Neues», sagt er achselzuckend. «Und solange<br />

es Stuckaturen sind, freut es mich natürlich.»<br />

Auch wenn die neuen Stuckaturen im Gegensatz zu den alten bewusst schlicht gehalten<br />

sind, unterscheiden sie sich von jenen von Plantas nicht in erster Linie dadurch,<br />

dass sie moderner daherkommen, sondern durch ihr «Innenleben»: Hinter<br />

der Stuckatur verstecken sich LED-Ketten, die für eine stimmungsvolle indirekte Beleuchtung<br />

sorgen. Ornamente hingegen, mit denen man seinen Räumen früher gerne<br />

einen noblen Anstrich gab, kommen kaum zum Einsatz. Nur dort, wo sie bereits<br />

bestehen, werden sie, wenn nötig, restauriert oder ergänzt. Das meiste hingegen ist<br />

profiliert, wie es in der Fachsprache heisst. Dazu macht der Stuckateur eine Blechschablone,<br />

die in seiner Werkstatt auf einen Schlitten montiert wird. Zieht man die<br />

Schablone über den anziehenden Gips, nimmt diese das überschüssige Material<br />

vorne mit, und hinten kommt das fertige Stuckwerk raus: ein in Form gebrachtes<br />

Band aus Gips von mehreren Metern Länge.<br />

Ariel Lüdi, der mit allen Handwerkern einen unkomplizierten Umgang pflegt, hat<br />

grosses Interesse an der Arbeit Elmers und besucht diesen auch in seiner Werkstatt.<br />

Dass er mit ihm gleich Duzis macht, nimmt Elmer als Kompliment. «Ich bin den Umgang<br />

mit wohlhabenden Menschen zwar gewöhnt», sagt er, «aber diese Herzlichkeit<br />

habe ich selten erlebt. Dass Ariel mir so viel Wertschätzung entgegenbrachte, hat<br />

mich ehrlich gefreut.» Wenn Jürg Elmer heute durch den «Hammer» läuft, macht ihn<br />

seine Arbeit auch ein bisschen stolz. Doch das, sagt er, sei nicht wichtig. Sein Ziel sei<br />

lediglich, dass sich der Bauherr über das Resultat freue. «Und ich glaube, Ariel hat<br />

richtig Spass daran. Was könnte ich mir mehr wünschen?»<br />

245


Das Portfolio der Innenarchitektinnen ist beeindruckend: Sie haben die Interieurs von<br />

Hotels wie dem «Le Grand Bellevue» in Gstaad, von Restaurants wie dem «La Terrasse» im<br />

Victoria Jungfrau Hotel & Spa in Interlaken oder von Geschäften wie dem Navyboot Flagship<br />

Store in Zürich entworfen. Und natürlich die einer Reihe einzigartiger Privatbauten,<br />

darunter auch historische, von A wie Arosa bis Z wie Zürichberg. Wer also sollte besser<br />

qualifiziert sein, dem «Hammer» neues Leben einzuhauchen?<br />

Sowohl im Erdgeschoss<br />

(links) als auch im<br />

«Grünen Salon» im<br />

ersten Stock wurde der<br />

historische Charme<br />

weitgehend bewahrt:<br />

Situation im Sommer<br />

2014 vor der Sanierung.<br />

Lüdi meldet sich bei Claudia Silberschmidt, die sich über die Anfrage freut, aber bedauert,<br />

dass sie ihm absagen müsse: Sie habe bis zum April absolut keine Kapazitäten. Da er nun<br />

keine Kompromisse mehr eingehen will, beschliesst er, zu warten. Die betroffenen Arbeiten<br />

werden erneut gestoppt. Das Ziel, im August 2016 einzuziehen, rückt in weite Ferne.<br />

Seine Bauleiterin Stefanie Bärtsch lässt er wissen, es ginge lediglich um die Farben und<br />

die Möblierung, was wohl auch seine Absicht ist, denn die Arbeiten sind schon viel zu<br />

weit fortgeschritten, um grössere Änderungen machen zu können, ohne damit den ganzen<br />

Terminplan auf den Kopf zu stellen.<br />

Als sich Ariel Lüdi zum ersten Mal mit Claudia Silberschmidt und ihrer Projektleiterin Anna<br />

Bonnet trifft, verstehen sie sich auf Anhieb. Zwar bedauern die Gestalterinnen, dass sie<br />

nicht früher beigezogen wurden, denn vieles ist nun bereits gegeben und lässt sich nur<br />

noch mit immensem Aufwand und hohen Kosten rückgängig machen, aber sie sprühen<br />

vor Ideen. «Solche Objekte sind ein echter Traum», sagt Claudia Silberschmidt. «Es ist<br />

schon eine Bereicherung, sie überhaupt gesehen zu haben – egal, ob man dann auch daran<br />

arbeiten darf oder nicht.»<br />

Im «Hammer» dürfen sie mitarbeiten. Sie versuchen, über sogenannte Mood Boards, also<br />

Stimmungsbilder, herauszufinden, in welche Richtung die Reise gehen soll. «Den Puls fühlen»,<br />

nennt es Claudia Silberschmidt. Und schon bald präsentieren sie ein Gesamtkonzept<br />

für die Umgestaltung der Hammer-Villa. Ariel Lüdi ist von ihren Ideen begeistert, auch<br />

wenn sie ihm anfänglich hin und wieder etwas zu feminin sind. «Ihr müsst nicht euch<br />

verwirklichen», sagt er einmal, «ich muss hier leben.» Von diesem Moment an kommt es<br />

praktisch zu keinen Missverständnissen mehr. Was das Atelier Zürich vorschlägt, findet in<br />

der Regel seinen Gefallen. «In 90 Prozent der Fälle konnte ich sofort Ja sagen», erinnert er<br />

sich. «Heute muss ich sagen: Der ‹Hammer› – das bin wirklich ich.» Lüdi winkt Vorschläge<br />

nicht einfach durch. Er prüft sie genau, aber er entscheidet immer schnell. Das erleichtert<br />

dem Team von Atelier Zürich, das genauso unter Zeitdruck steht wie die Arbeiter vor Ort,<br />

den Job enorm. «Die Kommunikation war schnörkellos», sagt Anna Bonnet, «das haben wir<br />

extrem geschätzt.»<br />

Nachdem sie baulich kaum noch Einfluss nehmen können, machen sich die Designerinnen<br />

als Erstes an die Farbgestaltung. Das knallige Weiss ist auch ihnen viel zu krass, das<br />

Ambiente zu nüchtern. Ihnen sch<strong>web</strong>t viel mehr vor, das Historische auch farblich wieder<br />

246 247


Das war mal eine Küche:<br />

Die Hammer-Villa bot<br />

während des Rückbaus<br />

zeitweise einen trau ­<br />

rigen Anblick.<br />

Unten: Hier entstehen<br />

Wellnessbereich und<br />

Badezimmer.<br />

herauszukitzeln und den Räumen über warme Farbtöne eine wohnliche Atmosphäre zu<br />

geben, wie sie sich Ariel Lüdi wünscht. Das mag nach wenig tönen, aber es ist ein riesiger<br />

Eingriff, den sie hier vornehmen. Farben werden geprüft, Bemusterungen gemacht. Maler<br />

Dani Kunz ist oft tagelang an der Arbeit, um eine Musterecke zu malen, aufgrund deren<br />

entschieden wird. Meist wird es dann auch so gemacht. Manchmal aber auch nicht, und<br />

das Spiel beginnt von vorne. Doch auch ihm macht das neue Farbkonzept Spass (siehe<br />

Seite 250). Nur der Dachstock soll so bleiben, wie er ist. «Wir hätten nicht gewagt, Ariel<br />

vorzuschlagen, auch den neu zu malen und zwei Monate Arbeit zu vernichten», sagt Claudia<br />

Silberschmidt. «Ausserdem konnten wir ganz gut damit leben – und Maler Dani Kunz war<br />

erleichtert …»<br />

«Unser Ziel war es, jedem Raum Leben zu geben und dessen Charakter herauszuschälen»,<br />

erklärt Anna Bonnet. Es gelingt ihnen hervorragend. Die Innenarchitektinnen lehnen sich<br />

stark an die Geschichte des «Hammers» an und lassen diese auch optisch aufleben. Dass<br />

der «Hammer» einst eine «Chupferstrecki» war, zeigt sich in vielen Details. So ist es beispielsweise<br />

eine Kupferplastik, welche die Besucher schon im Eingangsbereich empfängt.<br />

Die Waschtische, die ursprünglich einfach «in der Luft hängen» sollten, werden nun von<br />

Metallunterbauten getragen. Teppiche, Möbel, Accessoires und Kunst nehmen das Kupferund<br />

Metallthema unaufdringlich und charmant auf. Und so unterschiedlich die Räume<br />

auch sein mögen: Sie bilden zusammen ein harmonisches Ganzes.<br />

Im Gegensatz zur «Ära von Planta», in der sich der «Hammer» mit seinen barocken Räumen<br />

und der üppigen Ausstattung durch und durch historisch oder mindestens historisierend<br />

präsentierte, findet er in der «Ära Lüdi» zurück in die Gegenwart: Je historischer ein Raum,<br />

desto moderner seine Einrichtung. Ist ein Raum von seiner Architektur her eher modern,<br />

wird mit historisch anmutenden Elementen das Gleichgewicht geschaffen. Es ist eine<br />

Gratwanderung, die hier extrem gut gelingt. Und die einem das Gefühl gibt, sich in einer<br />

aussergewöhnlich stilsicher gestalteten Villa zu bewegen, die eine lange Geschichte hat.<br />

Trotzdem wirkt sie nie museal, sondern vom Keller bis zum Dachgeschoss zeitgemäss. Und<br />

vor allem dies: wohnlich!<br />

Zum Wohlfühlambiente tragen nicht nur die sorgfältig komponierte Farbgebung, die Sofaund<br />

Kissenlandschaften sowie die stilvolle Möblierung bei, sondern auch die erlesene<br />

Kunst. «Es war ein Glücksfall», sagt Claudia Silberschmidt, «dass genau zu jener Zeit die<br />

Kunstmesse Zürich stattfand, als wir uns daran machten, das Haus einzurichten.» Ein weiterer<br />

Glücksfall ist es, dass sich die Geschmäcker – bis auf wenige Ausnahmen – treffen.<br />

Was auch immer das Atelier Zürich für den «Hammer» auswählt: Es gefällt Ariel Lüdi. So<br />

beispielsweise die Skulptur des Schweizer Künstlers Raffael Benazzi, auf den Lüdi schon<br />

vorher grosse Stücke hält, oder der Salontisch des englischen Designers Paul Kelley aus<br />

unzähligen magnetischen Kupferwürfeln im Wohnzimmer.<br />

248 249


ehr Farbe<br />

ns<br />

Mehr Farbe ins Leben<br />

Maler Dani Kunz ist von Anfang an dabei. Schon als Ariel Lüdi die Stallungen auf<br />

Vordermann bringen lässt, ist er es, der im «Hammer» den Pinsel schwingt, oft auch<br />

zusammen mit einem Kollegen aus dem Team der Baarer Firma Utiger. Es ist für ihn<br />

keine besondere Herausforderung: Alles soll so hell wie möglich werden. Der klinisch<br />

weisse Farbton mit der Bezeichnung 9016 ist auch erste Wahl, als Dani Kunz<br />

im November 2015 erneut in den «Hammer» geschickt wird, um in der Villa «mal so<br />

ein bisschen anzufangen».<br />

Kunz, der begeistert ist von der Liegenschaft und ihrer Lage in einer «anderen Welt»,<br />

freut sich auf den Job. Geradezu überwältigt ist er nun von der Villa, die so gross<br />

ist, dass er sich kaum zurechtfindet. Sein Arbeitsort ist vorerst der Dachstock. Von<br />

hier aus sollen sich die Maler runterarbeiten. Als Dani Kunz mit dem Abdecken beginnt,<br />

werden ihm die Dimensionen erst richtig bewusst: «Hier darfst du nicht mit<br />

Wochen rechnen», sagt er seinem Kollegen, «hier musst du mit Quartalen rechnen,<br />

sonst siehst du nur den grossen Berg.» Womit er allerdings nicht rechnet: dass er im<br />

«Hammer» ein Jahr lang ununterbrochen im Einsatz sein wird …<br />

Allein das Abdecken dauert eine halbe Ewigkeit. Um überhaupt an die Decke ranzukommen,<br />

muss im Haus ein Baugerüst gestellt werden. Dass er hier ein wunderschönes<br />

Eichentäfer übermalen und spritzen soll, tut ihm allerdings weh, und er ist<br />

sicher, dass seine Arbeit jedem Schreiner die Tränen in die Augen treiben würde.<br />

Zwei Monate später erstrahlen Decken, Türen, Fenster, Schränke und Küche in blendendem<br />

Weiss, und Dani Kunz macht sich in der Gästesuite einen Stock tiefer an<br />

die Arbeit. Als er dort bereits zwei, drei Wochen am Malen ist, stoppt Ariel Lüdi die<br />

Malerarbeiten: Die neuen Innenarchitektinnen vom Atelier Zürich sollen erst klären,<br />

ob man es hier nicht ein wenig bunter treiben könnte.<br />

Kunz freut sich, denn genau so würde er es auch machen: farbiger. Allerdings hofft<br />

er inständig, dass er den Dachstock nicht nochmals streichen muss. «Das wäre bitter<br />

gewesen», sagt er lachend. Nachdem die Innenarchitektinnen ihre Vorschläge präsentiert<br />

haben, malt er eine «Musterecke» der Gästesuite in den neuen Farben. Und<br />

plötzlich bekommt der Raum eine völlig andere Ausstrahlung: Alles wird wärmer.<br />

Neu werden die Wände in «Smoke» gestrichen, und die Stuckaturen erscheinen<br />

dank Farbnuancen plastischer. Die Mehrfarbigkeit überzeugt ihn, auch wenn sie gut<br />

und gerne dreimal so aufwendig ist. Aber es ist eine Arbeit, die ihn mehr und mehr<br />

begeistert. «Ich hatte noch nie so einen exklusiven Job», wird er später sagen. «Und<br />

dass Ariel Lüdi unsere Arbeit so schätzte, hat die Aufgabe noch schöner gemacht.»<br />

Kam, um «mal ein<br />

bisschen anzufangen»<br />

– und war<br />

schliesslich ein Jahr<br />

lang ununterbrochen<br />

im «Hammer»:<br />

Maler Dani Kunz.<br />

Mit der neuen Mehrfarbigkeit arbeiten die Maler das Historische des «Hammers»<br />

Strich für Strich heraus. Rund 15 verschiedene Töne kommen im ganzen Haus zum<br />

Einsatz. Und doch hat man keinen Moment das Gefühl, es sei bunt. Das mag auch<br />

daran liegen, dass die Farbgebung nicht wirklich neu ist: Die Innenarchitektinnen<br />

lehnen sich bei der Farbwahl stark ans bereits Vorhandene an. Im Gegensatz zu den<br />

bestehenden Pastelltönen wirken ihre Farben aber deutlich frischer. Daran muss<br />

man sich erst mal gewöhnen, und Ariel Lüdi fragt sich anfänglich, ob das nicht «ein<br />

bisschen zu viel Chilbi» sei. «Ich bin doch keine Frau», scherzt er einmal, als ihm<br />

Dani Kunz eine Musterecke in Rosatönen präsentiert. Dieser rät ihm, erst mal eine<br />

Nacht darüber zu schlafen. Anderntags gibt Lüdi, der nun praktisch täglich in der<br />

Villa anzutreffen ist, sein Okay zur Ausführung.<br />

Es ist ein Riesenaufwand, den die Maler im «Hammer» betreiben. Es geht ja nicht<br />

nur ums Malen: Sämtliche Wände werden zuerst mit einem Varioflies tapeziert<br />

und vorgestrichen, damit man nicht sieht, wenn es Risse in der Wand geben sollte,<br />

wovon man bei einem alten Haus wie dem «Hammer» ausgehen kann. «Aber es wäre<br />

Sünd und schade gewesen, hätten wir diesen Aufwand nicht betrieben», sagt Dani<br />

Kunz. «Diese Liegenschaft hat das verdient.» Allein an der Decke im Vestibül arbeiten<br />

zwei Maler zwei Wochen. Ebenso lange sind sie daran, die Stuckaturen herauszuarbeiten.<br />

Die Türen im Untergeschoss sind in drei Farben gestrichen, die meisten<br />

Fenster sogar in fünf. All das sieht man nicht auf den ersten Blick, aber man fühlt es.<br />

Gerade dank der Malerarbeiten strahlt das Haus eine unglaublich wohnliche Atmosphäre<br />

aus. Kaum auszudenken, wie es heute wirken würde, hätte man das Ambiente<br />

in Hochweiss ertränkt.<br />

Durchschnittlich zwei Maler sind letztlich während gut eines Jahres in der Hammer-<br />

Villa im Einsatz. Dani Kunz ist immer da und wird dadurch so etwas wie der Stellvertreter<br />

von Stefanie Bärtsch; sie kann sich darauf verlassen, dass er sich auch um<br />

die anderen Handwerker kümmert, die hier reihenweise ein- und ausgehen. Als die<br />

Hammer-Villa Ende 2016 abgenommen wird, ist Dani Kunz als letzter Handwerker<br />

noch im Haus. Er bessert hier und dort eine Stelle aus, sorgt für das Finetuning. Um<br />

9 Uhr, kurz vor der Abnahme, macht er sich aus dem Staub. Der Abschied fällt ihm<br />

nicht leicht, denn der «Hammer» ist für ihn zur Herzenssache geworden, und er ist<br />

zu Recht stolz auf seine Arbeit.<br />

Wie glücklich auch Ariel Lüdi mit den Malerarbeiten ist, zeigt sich am grossen Hammer-<br />

Fest im Sommer 2017. Er zeichnet Dani Kunz, stellvertretend für alle Malerinnen<br />

und Maler, die beteiligt waren, für seine Leistung mit dem «Hammer-Oscar» aus. Er<br />

tut es lachend. Aber er meint es ernst.<br />

250<br />

251


für viel mehr Ambiente, aber sie fordern die Techniker, denn diese müssen haufenweise<br />

neue Leitungen ziehen und Dosen setzen. Oft an unmöglichen Orten. Ebenfalls ausgewechselt<br />

werden sämtliche Lichtschalter, die bereits vorinstalliert sind. Da die Räume nun<br />

völlig neue Farben haben, passen die alten Schalter nicht mehr. Ariel Lüdi lässt – wie seinerzeit<br />

Andrea von Planta – neue anfertigen. Doch mit ihnen haben die Techniker ihre<br />

liebe Mühe, und es braucht eine Menge Ideen und (Programmier-)Arbeit, sie überhaupt zum<br />

Laufen zu bringen, denn es handelt sich nicht bloss um Drücker, sondern um eigentliche<br />

Touchscreens, hinter denen eine Menge Computertechnologie steckt.<br />

Es ist nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit dem Atelier Zürich, durch die Ariel Lüdi wieder<br />

so richtig Freude bekommt an seinem «Hammer». Er bringt sich immer stärker ein, und<br />

so trägt die Villa mehr und mehr auch seine Handschrift. «Praktisch alle Kompromisse,<br />

die ich eingegangen bin, konnte ich rückgängig machen», sagt er. «Das ging nur, indem<br />

ich mich selber richtig reinkniete.» Dass er während der letzten zwei Jahre manche Krise<br />

durchgemacht und zwischendurch «keinen Bock mehr hatte», das Ganze überhaupt zum<br />

Abschluss zu bringen, ist nun plötzlich kein Thema mehr.<br />

Der Kurswechsel hat allerdings Konsequenzen: Der Einzug verzögert sich, da die Hammer-<br />

Villa nicht bloss einen neuen, aufwendigen Anstrich bekommt, sondern auch ein neues<br />

Lichtkonzept: Von den 250 bereits installierten und in Reinweiss gespritzten Deckenspots<br />

fällt ein grosser Teil weg. Löcher müssen zugegipst, die restlichen Spots umgespritzt werden.<br />

Anstelle der Spots kommen vermehrt Steh- und Wandlampen zum Einsatz. Sie sorgen<br />

Das Eichentäfer wird<br />

bald in strahlendem<br />

Weiss erscheinen:<br />

Allein die Abdeckarbeiten<br />

im Dachstock<br />

dauern eine halbe<br />

Ewigkeit. Um an die<br />

Decke zu kommen,<br />

musste ein Baugerüst<br />

gestellt werden.<br />

Hightech vom Keller bis unters Dach<br />

Hinter all dieser Technik steht vor allem ein Mann: Roger Gutknecht, der für Ariel Lüdi seit<br />

annähernd zwanzig Jahren arbeitet und verantwortlich ist für die Elektroinstallationen, die<br />

hier nichts zu tun haben mit jenen in einem durchschnittlichen Schweizer Zuhause – mal<br />

abgesehen davon, dass auch im «Hammer» Lichter brennen, Geräte laufen und Heizkörper<br />

warm werden. «Das Einzige, was heute noch ansatzweise ähnlich ist mit dem, was Andrea<br />

von Planta in der Hammer-Villa hatte, ist der Bildschirm seiner Überwachungskamera»,<br />

sagt er lachend. Und: «Haus technik muss man sich heute so vorstellen: Betätigt man einen<br />

Lichtschalter, schwärmen viele Heinzelmännchen aus, und es geht nicht nur irgendwo das<br />

Licht an, sondern es beginnt eine veritable Kettenreaktion.»<br />

Roger Gutknecht weiss, wie hochkomplex das «Hammer-System» ist. Also erklärt er es so<br />

einfach wie möglich. Was das im Klartext heisst: Wenn ich am Morgen aufstehe, mache ich<br />

üblicherweise Licht im Zimmer, öffne die Storen, gehe ins Bad und dusche. Drücke ich im<br />

«Hammer» morgens als Erstes auf Lichtschalter A, geschieht genau dies: Das Licht geht an,<br />

die Storen gehen hoch, die Beleuchtung im Badezimmer und in der Dusche brennt. Möchte<br />

ich anschliessend in der Küche frühstücken, drücke ich Lichtschalter B, der hier natürlich<br />

nicht bloss ein Drücker, sondern, wie gesagt, ein Touchscreen ist: Also geht das Licht auf<br />

dem Weg zur Küche an, möglicherweise gehen die Storen dort hoch, das Radio an und die<br />

Kaffeemaschine beginnt zu laufen. Wenn ich abends ins Bett gehe, löschen nicht bloss<br />

auf einen Knopfdruck die Lichter im Haus, auch die Heizung wird reduziert. «Abläufe, die<br />

logisch zusammenhängen und sich täglich wiederholen, kann ich zusammenfassen», erklärt<br />

Roger Gutknecht. «Dadurch kann ich Energie und Kosten sparen.» Und gewinne einiges<br />

an Wohnkomfort, liesse sich noch anfügen.<br />

Das hat auf der technischen Seite beispielsweise folgende Konsequenzen: Im «Hammer»<br />

wurden 250 Kilometer Kabel eingezogen – vom BUS-Kabel, das von einem Taster zum andern<br />

führt, über Netzwerk-, Antennen- und Stromkabel bis zur Fühlerleitung. Und was<br />

normalerweise ein Kupferkabel ist, ist hier ein Glasfaserkabel. Denn Geschwindigkeit ist<br />

252 253


das A und O, sonst würde das System zusammenbrechen. Der Internetzugang ist für 250<br />

Geräte ausgelegt (in der Regel sind 30 schon das höchste der Gefühle); 230 Plätze sind<br />

beim Einzug Lüdis bereits belegt. Gesteuert wird das Ganze über Tablet und Smartphone.<br />

Die Bedienung ist denkbar einfach. Willkommen in der digitalen Welt des historischen<br />

«Hammers» … «Ein bisschen James Bond ist das natürlich», sagt Gutknecht lachend. Denn<br />

hier ist nichts 08/15. Wir mussten praktisch alles neu erfinden.»<br />

Dabei war Roger Gutknecht allerdings nicht auf sich allein gestellt. Wesentlich zum Gelingen<br />

beigetragen hat auch Michael Schmid von der Engineering- und Consulting-Firma<br />

Bitech AG in Effretikon. Dass die Bitech normalerweise erst bei Projekten in der Grössenordnung<br />

von Einkaufszentren und Tunnelbauten zum Einsatz kommt, zeigt, wie komplex<br />

die Aufgabe im «Hammer» war. «Der ‹Hammer› war vom Umfang her tatsächlich keine<br />

grosse Sache», sagt Schmid, «aber von der Komplexität her eine Herausforderung. So war<br />

allein die Ablösung der Villa eine knifflige Angelegenheit, da von dort aus Anlageteile auf<br />

dem ganzen Areal gesteuert wurden, und man ja den Betrieb nicht stören wollte.»<br />

Dass die Bitech überhaupt zum Zug kam, liegt nicht nur daran, dass sie über ein grosses<br />

Know-how verfügt, sondern daran, dass sie schon für Andrea von Planta arbeitete und<br />

die Liegenschaft deshalb bestens kannte. «Was wir damals für die von Plantas gemacht<br />

haben, hat allerdings nichts mehr mit dem zu tun, was wir für Ariel Lüdi machten», gesteht<br />

Schmid, «auch wenn wir bereits damals High-End-Installationen und innovative Produkte<br />

eingesetzt haben.»<br />

Wie sensibel das digitale Netzwerk im «Hammer» allerdings ist, zeigte sich, als es vom<br />

Atelier Zürich auf den Kopf gestellt wurde. Das Ändern des Lichtkonzepts, das Austauschen<br />

der Taster, die Installation anderer Lampen brachte die Techniker rund um Roger<br />

Gutknecht mächtig ins Rotieren. Denn vieles musste aufwendig umgebaut und angepasst<br />

werden. «Wir hatten die Aufgabe, im Hintergrund alles technisch möglich zu machen, was<br />

an sich gar nicht möglich war», sagt Gutknecht. Der Aufwand hat sich gelohnt. Heute ist<br />

der «Hammer» nicht nur technisch seiner Zeit voraus, sondern auch optisch einzigartig.<br />

Meisterte den Kabelsalat<br />

souverän: Elektroinstallateur<br />

Stefan<br />

Hausheer installierte<br />

kilometerweise Kabel,<br />

die letztlich in diversen<br />

Schalt- und Serverräumen<br />

zusammenkommen.<br />

254 255


asilianische<br />

ebensfreude im<br />

Hammer»<br />

Brasilianische<br />

Lebensfreude im «Hammer»<br />

Schon ganz früh weiss Eliane Amaral, dass sie ihre Heimat Brasilien einmal verlassen<br />

wird, obwohl sie dazu eigentlich gar keinen Grund hat: Sie verbringt zusammen<br />

mit ihrem Bruder eine glückliche Kindheit im Bundesstaat Minas Gerais im Südosten<br />

des Landes. Sie kommt auf der Farm ihres Grossvaters zur Welt, wo sie – nach<br />

dem Umzug der Familie in die Stadt – später regelmässig ihre Ferien verbringen<br />

wird. Hier spielt sie nicht mit Puppen, ihre Freunde sind die Tiere. Sie hat ein Pferd,<br />

auf dem sie ohne Sattel über die ausgedehnten Ländereien ihrer Familie reitet. Sie<br />

tollt herum mit Hühnern, Kälbern und Schweinen und setzt sich schon mal auf den<br />

Rücken ihrer «Negrinha», einer gutmütigen schwarzen Kuh.<br />

Nach der Trennung der Eltern zieht Eliane mit ihrem Bruder und ihrer Mutter nach<br />

São Paulo. Hier betreibt diese ein eigenes Näh atelier, in dem sie Haute Couture<br />

schneidert. Eliane macht eine Ausbildung zur Zahntechnikerin und spezialisiert<br />

sich auf präventive Massnahmen für Kinder. Ihre Berufsaussichten in Brasilien sind<br />

intakt. Doch sie träumt nach wie vor von einem Leben im Ausland. Als sie nach ihrem<br />

Studium die Chance bekommt, für drei Monate mit ihrer besten Freundin und<br />

Aus dem Familienalbum:<br />

Eliane mit 9 Monaten,<br />

1967 mit Bruder Jaderlucio<br />

und ihren Eltern<br />

Angelica und Octaydes<br />

Amaral in Minas Gerais,<br />

als Erstklässlerin in São<br />

Paulo, wohin sie mit<br />

ihrer Mutter nach der<br />

Trennung der Eltern zog,<br />

und zu Besuch auf dem<br />

Hof ihrer Gross eltern im<br />

Juni 1989.<br />

deren Schweizer Mann in die Schweiz zu reisen, ist sie ganz aus dem Häuschen. Sie<br />

kennt das Land zwar nur vom Fernsehen her, aber sie fühlt sich geradezu magisch<br />

davon angezogen. Als sie in Zürich aus dem Flugzeug steigt, hat sie das Gefühl, nach<br />

Hause zu kommen. «Hier werde ich bleiben», sagt sie ihren Freunden. Und genau<br />

das tut sie auch. Als diese nach drei Monaten zurück nach Brasilien reisen, bleibt<br />

Eliane in der Schweiz. «Du bist ja verrückt», sagen sie ihr zum Abschied. Eliane lächelt<br />

bloss. Das Rückflugticket hingegen bewahrt sie auf – bis heute.<br />

Schnell versucht sie, in ihrer neuen Heimat Fuss zu fassen. Sie arbeitet als Au-pair-<br />

Mädchen, spricht schon nach drei Monaten etwas Deutsch und bewirbt sich um<br />

einen Job als Zahntechnikerin. Vergeblich: Ihr fehlen die Berufserfahrung und ein<br />

anerkanntes Diplom. Als sie wenig später einen Mann kennenlernt und bald darauf<br />

heiratet, legt sie – auch auf speziellen Wunsch ihres Partners – ihre beruflichen<br />

Pläne auf Eis. Sie übernimmt die Familienarbeit und zieht die beiden Kinder Kevin<br />

und Isabelle gross. Doch nach zehn Jahren lässt sich das Paar scheiden, und Eliane<br />

ist wieder auf sich allein gestellt.<br />

Ihr neuer Partner hilft ihr schliesslich dabei, ab 2000 ein kleines Unternehmen aufzubauen.<br />

Sie betreibt – bis heute – das Putzinstitut Putzfee, wo sie ausschliesslich<br />

portugiesische Mitarbeiterinnen anstellt. «Die sind viel fleissiger und zuverlässiger<br />

256<br />

257


asilianische<br />

ebensfreude im<br />

Hammer»<br />

Glücklich in der Schweiz:<br />

Eliane Amaral als 27-Jährige<br />

in ihrer neuen Heimat, mit<br />

den Kindern Isabelle und<br />

Kevin 2002 und an ihrer<br />

Hochzeit im September 2017<br />

mit Ariel Lüdi – links ihre<br />

Kinder, ganz rechts Lüdis<br />

Tochter Jessica.<br />

als wir Brasilianerinnen», sagt sie lachend. 14 Jahre ist das Paar zusammen, dann<br />

heiraten die beiden. Doch die Ehe dauert nur acht Monate. Mit 52 ist Eliane Amaral<br />

wieder allein. Und sie fühlt sich einsam. «Ich kann nicht allein leben», sagt sie. «Ich<br />

brauche einen Partner an meiner Seite.»<br />

Den findet sie 2015 in Ariel Lüdi. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als sie sich zum<br />

ersten Mal im «Hyatt» in Zürich zum Kaffee verabreden, verschlägt es Eliane den<br />

Atem. «Als ich ihn sah, dachte ich: Oh Gott, was für ein attraktiver Mann!» Bald darauf<br />

besucht sie ihn im «Hammer». Sie hält das Anwesen für eine kleine Siedlung, in<br />

der Ariel Lüdi bloss das Waschhäuschen bewohnt. Schon das findet sie zauberhaft.<br />

Doch als er ihr «gesteht», dass ihm alles gehört, bekommt sie kalte Füsse und will<br />

die Beziehung abbrechen. «Das ist zu viel Sand auf meinem Lastwagen», schreibt sie<br />

ihm. Es ist eine brasilianische Redewendung, die in etwa meint: Das kann gar nicht<br />

gut gehen. Doch dieser meint nur: «Jetzt ist es zu spät. Ich bin schon verliebt.» Das<br />

ist sie auch.<br />

Eliane Amaral bringt neuen Schwung in den «Hammer», den sie mit brasilianischer<br />

Lebensfreude füllt. Da sie immer etwas tun muss, bittet sie Ariel Lüdi beispielsweise,<br />

ein Gemüsebeet anzulegen. Die erste Version fällt allerdings etwas gar bescheiden<br />

aus: «Du hast so viel Land, geht es nicht ein bisschen grösser?», fragt sie fröhlich.<br />

Nun hat sie einen Gemüsegarten von eindrücklichem Ausmass zu besorgen …<br />

Im September 2017 heiraten Eliane Amaral und Ariel Lüdi. 64 Freunde und Verwan d­<br />

te feiern das Paar. Es ist ein ausgelassenes Fest – fast ein bisschen brasilianisch halt.<br />

Nur Elianes Familie fehlt: Ihre Mutter und ihr Bruder sind bereits gestorben, ihrem<br />

86-jährigen Vater will sie die Reise nicht mehr zumuten. «Aber sonst», sagt Eliane<br />

Amaral, «sonst wüsste ich nicht, was mir hier fehlen könnte. Ich habe alles im Überfluss<br />

– und den besten Mann, den man sich wünschen kann.»<br />

258<br />

259


Ein sportlicher Finish<br />

Aufgrund des Kurswechsels, den das Atelier Zürich vornimmt, sind allerdings nicht nur<br />

Techniker und Handwerker immer wieder gefordert. Konsequenzen hat die Neuorientierung<br />

vor allem auch für Stefanie Bärtsch. Schon früh erkennt sie, dass sie keine Chance<br />

hat, den Terminplan einzuhalten, wenn weiterhin so viele Änderungen gemacht werden,<br />

und sie erkundigt sich bei Ariel Lüdi, ob sie denn nun eigentlich auf den Stand «Rohbau»<br />

zurückgehen sollten, oder ob man weitermache wie geplant.<br />

Lüdi beruhigt sie. Da er aber meist direkt mit den Innenarchitektinnen verhandelt, verliert<br />

Stefanie Bärtsch allmählich den Überblick. Oft wird sie erst an den Bausitzungen vor<br />

vollendete Tatsachen gestellt. Das passt nicht mit ihrer systematischen, pflichtbewussten<br />

Art überein. Weil sie auch die Budgetverantwortung trägt, macht sie sich bald ernsthaft<br />

Sorgen: Wie sollte sie für die Kosten geradestehen, wenn sie keine Ahnung von den geplanten<br />

Ausgaben hat und erst dann informiert wird, wenn sie bereits getätigt sind? Als sie<br />

nachts nicht mehr schlafen kann, spricht sie Lüdi darauf an. Doch der beruhigt sie: Sie solle<br />

sich mal keine Gedanken machen. Für alles, was vom Atelier Zürich komme, trage er die<br />

Verantwortung. «Solange du deine Kosten im Griff hast», sagt er, «reicht das vollkommen.»<br />

Stefanie Bärtsch arbeitet weiter mit ihrer «rollenden Planung» und hofft inständig, den<br />

Termin Ende 2016 einhalten zu können. «Der Finish war allerdings sehr sportlich», sagt<br />

sie. Als ein Handwerker ohne eigenes Verschulden im obersten Stock in eine Leitung der<br />

Bodenheizung bohrt, die dort nicht hätte sein sollen, wird es noch einmal eng. Erst am<br />

Wochenende entdeckt Ariel Lüdi, dass Wasser durchs Haus läuft. Er alarmiert Geri Ecker,<br />

der als Erstes alle Wasserleitungen abstellt und sich ans Aufwischen macht. Stundenlang<br />

trocknet er Böden und Wände, dann ruft er Stefanie Bärtsch an. «Ich wusste sofort, dass<br />

dies nichts Gutes bedeutet, wenn mich Geri am Sonntagabend anruft», sagt sie.<br />

Doch im Dezember 2016 ist die Villa tatsächlich bezugsbereit. Ariel Lüdi übergibt nach der<br />

offiziellen Abnahme das Zepter ans Atelier Zürich, das nun mit dem Einrichten beginnen<br />

kann, und setzt sich erst mal für ein Weilchen ab: Er verreist für einen Monat mit seiner<br />

neuen Partnerin Eliane Amaral nach Brasilien und freut sich darauf, nach seiner Rückkehr<br />

in die Hammer-Villa einzuziehen, in der er nichts vorfinden würde, was er schon kennt:<br />

Lüdi lässt die Damen vom Atelier Zürich wissen, dass er nichts zügeln möchte. Und wenn<br />

er nichts sagt, meint er genau das: keinen Löffel, keine Gabel, kein Tüechli und keinen Seifenspender.<br />

NICHTS. «Dass wir ein Haus wirklich von Grund auf neu einrichten können,<br />

passiert schon eher selten», sagt Claudia Silberschmidt, «aber das ist für uns natürlich ein<br />

Traumjob. Und eine unserer Spezialitäten: Wir können planen und beschaffen.»<br />

Als Ariel Lüdi im Januar 2017 in den «Hammer» zurückkehrt, zögert er allerdings mit dem<br />

Einzug in die Villa. Sie ist ein ihm vollkommen fremdes Haus, das er zum letzten Mal<br />

gesehen hat, als es noch leer stand. «Das war am Anfang sehr komisch», erinnert er sich.<br />

Der Einzug passiert schliesslich in Etappen. Zuerst nimmt Ariel Lüdi das Büro im Dachgeschoss<br />

in Besitz. Tagsüber arbeitet er in der Villa, zum Schlafen geht er ins vertraute<br />

Waschhäuschen. Auch kochen wird er noch lange in der vergleichsweise bescheidenen<br />

Küche im «kleinen Hammer». Zum ersten Mal schlafen in der Villa wird er erst nach der<br />

Rückkehr seiner Partnerin, die noch ein paar Wochen länger bei ihrer Familie in Brasilien<br />

bleibt. Doch dann wird die neue Hammer-Villa tatsächlich zu seinem Zuhause. Endlich<br />

kommt auch hier Leben ins Haus, denn rundherum hat sich der «Hammer» längst zu<br />

einem eigentlichen Unternehmenszentrum gemausert, das zwei Bereiche umfasst: einen<br />

«analogen» und einen «digitalen» …<br />

Das Hammer-Team wächst und wird auch digital<br />

Als Ariel Lüdi den «Hammer» kauft, will er ihn vor allem zu seinem Lebensmittelpunkt<br />

machen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass er immer mehr auch zu seinem Arbeitsmittelpunkt<br />

wird. «Ich bin als Verkäufer den Kunden ein Leben lang hinterhergerannt und<br />

in der ganzen Welt herumgeflogen», sagt er, «nun sollte zu mir kommen, wer etwas von<br />

mir will.» Und das sind einige. Denn Lüdi hat auch nach dem Verkauf von Hybris nicht die<br />

Absicht, sich auf die faule Haut zu legen. Er investiert schon bald in rund 20 Start-ups aus<br />

dem IT-Bereich und lässt dort seine Erfahrung als Berater einfliessen.<br />

Er schafft im «Hammer» alle Voraussetzungen, die es für eine Firmenzentrale braucht:<br />

High-End-Infrastruktur, Sitzungs- und Arbeitsräume, Übernachtungsmöglichkeiten, Wohlfühlbereiche.<br />

Seine Partner schätzen die ruhige, kreative Atmosphäre in Cham und kommen<br />

gerne. Das Hammer-Team digital etabliert sich neben dem «analogen» Hammer-<br />

Team, das – nebst Lüdi und seiner Partnerin – aus dem langjährigen Gutsverwalter Geri<br />

Ecker, Stallmeister Dirk Bulir, Pferdepflegerin Corinne Felsmann, Gärtner Urs Bär und Putzfee<br />

Cristina da Costa Guerreiro besteht. Wer hier arbeitet, trägt sogar stolz eine Art Arbeitskleidung<br />

mit dem Logo des Hammer-Teams. Der «Hammer» wird zur Marke.<br />

«Das ist längst kein Privathaus mehr», sagt Geri Ecker, der viel Spass hat an seinem<br />

«neuen» Job. «Das ist ein Unternehmenszentrum. Wir führen sogar eine gemeinsame<br />

Agenda, damit wir den Überblick über alle Aktivitäten behalten.» Hinter seinem Schreibtisch<br />

stapeln sich die Ordner: «Unter Andrea von Planta hatte ich fünf, heute sind es fünfzig»,<br />

sagt er lachend. Doch wie geschäftig es auch immer im «Hammer» zu- und hergeht:<br />

Letztlich ist es die aussergewöhnliche Umgebung, die Ariel Lüdis Herz höherschlagen<br />

lässt. Er geniesst sie und hält sich so oft als möglich im Freien auf. Ausserdem ist es ihm ein<br />

260 261


Anliegen, dass zu ihr Sorge getragen wird, und er lässt sogar ein Inventar aller 350 Bäume<br />

auf dem Areal erstellen. Muss einer umgetan werden, tut es ihm weh.<br />

Seinem Verwalter baut er derweil einen Wintergarten, wo dieser abends gerne auf seiner<br />

Zither spielt, und erfüllt ihm damit einen lang gehegten Wunsch. Ausserdem lässt er einen<br />

kleinen Werkhof für ihn erstellen, wo er seine Gerätschaften unterbringen kann. Wer im<br />

«Hammer» arbeitet, soll die bestmöglichen Voraussetzungen dafür vorfinden – ob dies<br />

nun Stallmeister Dirk Bulir, Putzfrau Cristina da Costa Guerreiro oder einer der CEOs seiner<br />

Start-ups ist. Das Hammer-Team digital unterscheidet sich vom Hammer-Team analog<br />

nur inhaltlich, nicht hierarchisch.<br />

Das gilt auch für den Chef: Wenn er mit Hammer-Team-Käppi und -Poloshirt auftritt (was<br />

meist der Fall ist), würde Ariel Lüdi durchaus als Verwalter durchgehen. Was für ihn auch<br />

kein Problem ist: «Ich bin hier nicht der Besitzer», sagt er, «ich bin hier nur der Statthalter<br />

für die nächsten dreissig Jahre, wenn ich Glück habe. Das macht einen ein bisschen<br />

demütig. Denn nach mir kommt der nächste Besitzer – und reisst vermutlich wieder alles<br />

zusammen, was ich hier aufgebaut habe. So war es immer im ‹Hammer›. Das hat Andrea<br />

von Planta gemacht. Das habe ich gemacht. Das wird der Nächste tun. Und das ist gut so.»<br />

Das Hammer-Team im<br />

November 2017: Stall ­<br />

meister Dirk Bulir, Pferdepflegerin<br />

Corinne Felsmann,<br />

Putzfee Cristina<br />

da Costa Guerreiro und<br />

Verwalter Geri Ecker mit<br />

seiner Sissi (hinten, von<br />

links). Vorne: Eliane und<br />

Ariel Lüdi mit Chihuahua<br />

Kelly.<br />

262 263


as Hammer-Fest<br />

Das Hammer-Fest im Sommer 2017<br />

m Sommer 2017<br />

Grund zum Feiern:<br />

Am 17. Juni 2017 wird<br />

die neue Hammer-Villa<br />

mit einer grossen Party<br />

eingeweiht. Mit dabei<br />

sind auch alle Handwerker.<br />

Sie werden für<br />

ihren Einsatz mit den<br />

«Hammer-Oscars» ausgezeichet.<br />

264 265


Vorher – nachher – heute<br />

Arbeitszimmer in der Hammer-Villa.<br />

266<br />

267


Pferdeboxen im Stall.<br />

268<br />

269


Haustechnik.<br />

270<br />

271


er «Hammer»<br />

Der «Hammer»<br />

steckt voller Energie<br />

voller Energie<br />

Die geballte Kraft der Lorze ist es, die am Anfang der Hammer-Geschichte steht: Die<br />

Energie des Wassers treibt ein Mühlerad an und bringt die Hämmer in Schwung.<br />

Daran ändert sich über Jahrhunderte nichts. Ab 1894 produziert Heinrich Ulrich<br />

Vogel Strom über eine Dynamomaschine, die am Wasserrad hängt. 1905 wird das<br />

Wasserrad durch eine Francis-Turbine ersetzt, auf die 50 Jahre später eine deutlich<br />

leistungsfähigere Kaplan-Turbine folgt. Diese deckt nicht nur den steigenden Energiebedarf<br />

der Liegenschaft, sondern liefert auch Strom für die «Papieri».<br />

Als die Turbine 2010 ihren Dienst versagt, verzichtet Andrea von Planta aufgrund<br />

der hohen Kosten darauf, diese zu revidieren oder zu ersetzen, da er seinen «Hammer»<br />

ohnehin verkaufen will. Und so ist es Ariel Lüdi, der das Projekt wieder an<br />

die Hand nimmt. «Energie ist das Kernthema im ‹Hammer›», sagt er. «Das wollte<br />

ich fortsetzen.» Doch damit beginnt für ihn eine Leidensgeschichte, die Ende 2017<br />

noch nicht ausgestanden ist: Eine Einsprache des WWF verhindert den Ausbau des<br />

Kleinkraftwerks an der Lorze.<br />

Die Anlagen bestehen damals im Wesentlichen aus dem Stauwehr, einem kurzen<br />

Oberwasserkanal für die Ableitung des Lorzenwassers und dem Maschinenhaus.<br />

Den Lauf der Lorze zwischen dem Wehr und der Wasserrückgabe unterhalb des Maschinenhauses<br />

bildet die 80 Meter lange Restwasserstrecke. Über diese fliesst seit<br />

2010 das gesamte Lorzenwasser, da es ja keine Turbine mehr antreiben soll.<br />

Am 5. Oktober 2015, ein Jahr nach seinem Einzug im «Hammer», reicht Ariel Lüdi<br />

bei der Einwohnergemeinde Cham zwei Baugesuche betreffend die Sanierung des<br />

Wasserkraftwerks ein. Sie umfassen zum einen die Restwassersanierung und die<br />

Wiederherstellung der Fischgängigkeit, zum andern geht es um den Ersatz der rund<br />

80-jährigen Kraftwerksturbine und die Instandstellung der Wehranlagen.<br />

Es scheint eine Formsache zu sein, denn mit der Sanierung der Anlage optimiert er<br />

auch die Auf- und Abstiegsmöglichkeiten der Fische und schafft die Voraussetzungen<br />

für die Produktion von so viel Strom, dass damit fast 300 Haushalte versorgt<br />

werden könnten. Die Gemeinde selber gibt ein Baugesuch zur Sanierung der Ufermauer<br />

des Restwasserkanals ein. Um das Verfahren zu koordinieren, leitet sie alle<br />

drei Baugesuche zusammen an die Baudirektion des Kantons Zug weiter, die keinen<br />

Anlass sieht, diese nicht zu bewilligen. Die Einsprache des WWF betrachtet der Regierungsrat<br />

ein Jahr später als unbegründet und weist sie ab.<br />

Sorgt für Power:<br />

Die alte Kaplan-<br />

Turbine – vermutlich<br />

aus dem Jahr 1938 –<br />

vor ihrer Revision<br />

im Winter 2017.<br />

Die Steuerung wirkt<br />

zwar museal, funktioniert<br />

aber noch<br />

einwandfrei.<br />

Doch das Urteil wird angefochten und kommt im November 2016 vor das Zuger Verwaltungsgericht.<br />

Es geht dabei vordergründig um die Restwassermenge, die ungenügend<br />

sei. In Tat und Wahrheit verfolgt die Einsprache aber ein politisch motiviertes<br />

Ziel: Die privaten, «ehehaften Wasserrechte» sollen verschwinden und in öffentlich-rechtliche<br />

Konzessionen umgewandelt werden. Da es im laufenden Verfahren<br />

gegen den «Hammer» allerdings nicht darum geht, weist das Verwaltungsgericht die<br />

Beschwerde im Oktober 2017 ab. In seiner Begründung hält es unmissverständlich<br />

fest, dass das Privatrecht an der Lorze zum Zeitpunkt seiner Begründung rechtens<br />

war. Durch die Tatsache, dass die Wasserkraft im «Hammer» genutzt wurde, sei ein<br />

«dringliches», also zeitlich unbefristetes Recht entstanden, das unter dem Schutz<br />

der Eigentumsgarantie stehe. Der Kanton könnte dieses lediglich über das Mittel der<br />

Enteignung beseitigen. Dazu hat er aber keine Veranlassung.<br />

Obwohl er vor dem Zuger Verwaltungsgericht Recht bekommt, sind Ariel Lüdi nach<br />

wie vor die Hände gebunden, denn das Urteil wird an das Bundesgericht weitergezogen.<br />

Der Einbau einer neuen kleineren, aber doppelt so leistungsfähigen Turbine<br />

ist damit immer noch nicht möglich. Die alte Kaplan-Turbine wieder in Schwung zu<br />

bringen, hingegen schon. Und genau das tut Ariel Lüdi. Ende Oktober 2017 wird der<br />

«Oldtimer» demontiert und auf Vordermann gebracht. Mitte Februar 2018 geht das<br />

Kraftwerk mit einer Leistung von 600 000 kWh wieder ans Netz. Davon benötigt der<br />

«Hammer», der damit energietechnisch wieder autark ist, die Hälfte. Der Rest deckt,<br />

rein rechnerisch, den Bedarf von rund 100 Zweipersonen-Haushalten.<br />

272<br />

273


Das Vestibül wird zur (Wohn-)<br />

Landschaft: Der Teppich nimmt<br />

das Grün der Tapete auf, Möbel<br />

bilden das Herz des Raums. Eine<br />

Herausforderung war es für den<br />

Maler, der unter anderem die<br />

Ornamente mit verschiedenen<br />

Farben herausschaffte.<br />

274 275


Warme Elemente im kühlen<br />

Ambiente: Als das Atelier Zürich<br />

ins Spiel kam, waren Boden und<br />

Küche bereits bestimmt. Nun<br />

sorgen beispielsweise ein<br />

massiver Holztisch, Stühle und<br />

Pfannen an der Decke für eine<br />

wohnliche Atmosphäre.<br />

276 277


Ein moderner, dominanter Tisch<br />

sorgt für den nötigen Kontrast<br />

im historischen Esszimmer,<br />

dessen Täfer aus der alten<br />

Hammer-Villa stammt. Darunter<br />

liegt ein Kupferteppich, der das<br />

Thema der «Chupferstrecki»<br />

aufnimmt.<br />

278 279


Geschichte, neu interpretiert:<br />

Der «Grüne Salon» diente einst<br />

zu Repräsentations zwecken;<br />

heute strahlt er Wohnlichkeit<br />

aus. Die Skulptur des Schweizer<br />

Künstlers Raffael Benazzi und<br />

der handgeknüpfte Teppich –<br />

eine Spezialanfertigung – setzen<br />

dabei besondere Akzente.<br />

280 281


Vom Arbeitszimmer zum<br />

Lebensraum: Das Cheminée des<br />

Kunstschlossers Moritz Häberling<br />

ist ein zauberhaftes «Spiel<br />

mit dem Feuer», die Wand links<br />

und rechts herauszubrechen,<br />

war allerdings eine Herausforderung<br />

für die Bauleiterin.<br />

282 283


Hier will man sich hinfläzen:<br />

Im kuscheligen Sofa mit den<br />

vielen Kissen sitzt (oder liegt)<br />

man in der ersten Reihe, denn<br />

im Holzmöbel davor versteckt<br />

sich ein Beamer, der die Wand<br />

darüber bespielt – Heimkino<br />

vom Feinsten.<br />

284 285


Im zweiten Stock beginnt der<br />

private Bereich. Die Ankleide<br />

etwa kann mit einer Schiebetür<br />

geschlossen werden. Der Korpus<br />

in der Mitte bietet viel Stauraum,<br />

aber auch eine Sitzgelegenheit.<br />

Denn es geht auch um Funktionalität.<br />

286 287


Ein Traum von einem Raum:<br />

Ins Schlafzimmer wollten die<br />

Innenarchitektinnen vor allem<br />

Ruhe bringen. Mit einer grosszügigen,<br />

unaufgeregten Möblierung<br />

beispielsweise. Der Teppich<br />

dient dabei als Rahmen: Er hält<br />

alles zusammen.<br />

288 289


Eintauchen in Glückseligkeit:<br />

Das Badezimmer ist ein elegantes<br />

Wellness- und Wohlfühlcenter<br />

mit Sauna, Liegebereich<br />

und Dampfbad. Es bietet immer<br />

wieder überraschende Ein- und<br />

Ausblicke. Unter anderem in die<br />

Natur des «Hammers».<br />

290 291


Viele liebevolle Details: Der<br />

moderne Waschtisch im Bad<br />

steht auf einem massiven<br />

Eisengestell – eine charmante<br />

Reminiszenz an die Geschichte<br />

des «Hammers», wo Metall über<br />

Jahrhunderte eine zentrale Rolle<br />

spielte.<br />

292 293


Der Dachstock der Villa ist so<br />

etwas wie das Geschäftszentrum<br />

des «Hammers». Hier hat Ariel<br />

Lüdi sein Büro. Hier gibt es einen<br />

modernen Besprechungsraum<br />

mit Hightech-Infrastruktur.<br />

Doch überall schwingt die<br />

Geschichte mit.<br />

294 295


Bildnachweis<br />

Alle Bilder stammen aus den Privatarchiven Funk, Lüdi, Naville, Seeburger und von Planta.<br />

Ausser:<br />

Atelier Zürich/Martin Guggisberg 278/279, 288/289 • BKG Architekten AG/Hans-Peter<br />

Bärtsch 6, 143, 190–203, 266, 268, 270; Stefanie Bärtsch 245, 248 (oben); Georg<br />

Gisel 274/275, 290/291, 292/293, 294/295 • Bruno Bosshard 32/33, 184/185 • Dirk<br />

Bulir 236–239 • Geri Ecker 168/169 • Jürg Elmer 244 • ETH-Bibliothek, Bibliothek<br />

Erdwissenschaften 47 • Josef Grünenfelder 205 • Stefan Hausheer 254 (oben) •<br />

Peter Hoppe 56 • Patrick Käppeli 232 • Kantons bibliothek Vadiana, St. Gallen 42<br />

• Kantonsbibliothek Zug 52/53 • Rolf E. Keller (Abbildungen aus: Zug auf druckgraphischen<br />

Ansichten; Bd. 1: Zug-Stadt; 3. Auflage; Zug 1991, sowie: Die gute alte Zeit in Zug;<br />

Zug 1988) 49/50 • Küttel Laubacher Werbeagentur/Simon Huwiler 228/229, 231, 234,<br />

242/243, 247, 248 (unten), 252, 254 (unten), 263, 267, 269, 271–273, 276/277, 280–287 •<br />

Dani Kunz 250/251 • Metropolitan Museum of Art 78/79 • Miebner, Wikipedia 44 • Archives<br />

historiques de Nestlé SA, Vevey/Cham 50 • Offiziersgesellschaft des Kantons Zug (Abbildung<br />

aus: Eilet dann, o Söhne; Beiträge zur zugerischen Militärgeschichte; Zug 1994) 38 •<br />

Michael van Orsouw 112 • Archiv Papierfabrik Cham 65, 115 • Werner Spillmann (Abbildung<br />

aus: Zug von der landwirtschaftlichen Region zum erfolgreichen Wirtschaftsplatz; Zug<br />

1988) 39 • Stadtbibliothek Bern 41 • Stiftung Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTO-<br />

THEK 37 • Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv 62/63.<br />

Wir haben uns bemüht, die Urheberrechte der Abbildungen ausfindig zu machen. In Fällen,<br />

in denen ein exakter Nachweis nicht möglich war, bitten wir die Inhaber der Copyrights<br />

um Nachricht.<br />

Autor<br />

Der Historiker und Journalist Christoph Zurfluh, geboren 1962 in Altdorf, schloss sein<br />

Studium der Geschichte, Literatur und Publizistikwissenschaften an der Universität<br />

Zürich mit einer Dissertation über das Urner Pressewesen ab. Er arbeitete jahrelang<br />

als Redaktor und Reporter für grosse Schweizer Zeitungen und Zeitschriften, bevor er<br />

sich 1997 selbstständig machte. Sein Interesse für historische Zusammenhänge und<br />

seine journalistische Neugier machen ihn zu einem profilierten Erzähler und Autor<br />

geschichtsaffiner Werke wie «Die Häftlimacher» (zum 175-Jahr-Jubiläum der Fischer<br />

Reinach AG Anfang 2017) oder zuletzt «Das Fräulein Müller» (eine romanhafte Biografie).<br />

Neben seiner Tätigkeit als Buchautor ist er immer noch als Reporter unterwegs<br />

und entwickelt als Teil des Corporate-Publishing-Netzwerks «Die Magaziner» Werbekampagnen,<br />

Zeitschriften und Kommunikationskonzepte. Christoph Zurfluh lebt mit<br />

seinen beiden Töchtern in Muri AG.<br />

Ein Hammer-Team …<br />

An der Geschichte des Chamer «Hammers» waren zahlreiche Personen beteiligt. Sie alle<br />

haben das Projekt mit Wohlwollen verfolgt und unterstützt. Sie haben Texte gegengelesen,<br />

Informationen geliefert, Bilder ausgegraben, kleine Geheimnisse verraten und geduldig<br />

zugehört. Sollten sich dennoch Fehler eingeschlichen haben, trägt allein der Autor die<br />

Verantwortung dafür.<br />

Ein besonders herzliches Dankeschön geht – in alphabetischer Reihenfolge – an:<br />

Eliane Amaral, Hans-Peter Bärtsch, Stefanie Bärtsch, Qamil Behluli, Anna Bonnet, Bruno<br />

Bosshard, Dirk Bulir, Gerhard Ecker, Jürg Elmer, Michael Funk, Josef Grünenfelder, Roger<br />

Gutknecht, Stefan Hausheer, Peter Hoppe, Patrick Käppeli, Dani Kunz, Renato Morosoli,<br />

Jacqueline Naville, Michael van Orsouw, Margrit und Andrea von Planta, Böbbi Schiess,<br />

Michael Schmid, Christoph und Vreni Seeburger, Franziska Sidler, Claudia Silberschmidt.<br />

296 297


DIE «HAMMER»-DYNASTIEN<br />

VOGEL UND NAVILLE<br />

Heinrich Vogel mit seinen<br />

Schwiegertöchtern Anna<br />

und Helene (rechts).<br />

298 299


Johann Jakob Vogel-Ulrich (1743–1825)<br />

Anna Elisabeth Ulrich (1747–1811)<br />

Johann Jakob Vogel- Nötzli (1783–1841)<br />

Maria Ursula Nötzli (1785–1869)<br />

Heinrich Vogel-Saluz(zi) (1822–1893)<br />

Carolina Saluz(zi) (1825–1902)<br />

Elisabetha<br />

(1807–1871)<br />

Dorothea<br />

Amalia<br />

(Amélie)<br />

(1809–????)<br />

Johann<br />

Jakob 1 + 2<br />

(1811–1812/<br />

1813–1862)<br />

Anna<br />

Eugenia<br />

(1815–????)<br />

Maria<br />

Charlotta<br />

Ernestina<br />

(1823–????)<br />

Carl Vogel-von Meiss (1850–1911)<br />

Anna von Meiss (1858–1942)<br />

Alice Maria<br />

Octavia<br />

(1849–1876)<br />

Johann Jacob<br />

Otto<br />

(1852–1919)<br />

Max Peter<br />

Heinrich<br />

(1854–1919)<br />

Heinrich<br />

Robert<br />

Thomas<br />

(1863–1888)<br />

Heinrich<br />

Hans<br />

Richard<br />

(1870–1950)<br />

Anna Emilie Charlotte Naville- Vogel<br />

(1885–1981)<br />

Robert Naville- Vogel (1884–1970)<br />

Hans Carl<br />

Alexander<br />

(1880–1905)<br />

Anna Helena<br />

Alice<br />

(1881–1944)<br />

Bertha Olga<br />

(1883–1970)<br />

Anna<br />

Helena<br />

(Ellen)<br />

(1888–1963)<br />

Robert E. Naville- Ferrière (1913–2006)<br />

Marie-Louise Ferrière (1911–1997)<br />

Hortense<br />

Olga<br />

(1910–1999)<br />

Raoul<br />

(1912–1999)<br />

Heinrichs Söhne Carl<br />

und Richard Vogel (links)<br />

im «Hammer».<br />

André<br />

Naville<br />

(*1945)<br />

Jacqueline<br />

Naville<br />

(*1949)<br />

Hanspeter<br />

Funk<br />

(*1939)<br />

Michael<br />

Funk<br />

(*1941)<br />

300 301


302<br />

<strong>hammer</strong>cham.ch

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