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Arabische Pferde IN THE FOCUS 1/2018 (Vol. 13) - Leseprobe

Sport Distanzreiten die

Sport Distanzreiten die leider immer mehr gleichgesetzt wird mit maximaler Profitorientierung, und einer weiter wachsenden Zahl von Nationen, in denen Pferdesport, insbesondere Endurance durchgeführt wird, hat anscheinend der Kommerz gewonnen. Die FEI könnte durch andere Anreizsysteme die katastrophale Entwicklung durchaus positiv beeinflussen, sie scheint aber zu schwach oder zu sehr an monetären Zielen orientiert, um wirklich Änderungen herbeizuführen. Ein schwaches System wird immer Teilnehmer haben, die diese Schwächen auszunutzen wissen. AP: Es ist auch in Europa eine Tendenz zu immer flacheren Ritten mit gerader Streckenführung zu erkennen (z.B. Samorin, Pisa). Was ist davon zu halten? A.A.S.: Dies ist auch die Folge der zunehmenden Einflussnahme durch das gezielte Sponsoring. Samorin hatte zu Beginn noch mehrere technisch anspruchsvollere Teilstrecken mit erheblichen Höhenmetern rund um Bratislava. Mit der EM 2015 und der WM 2016 wurden aber auf Wunsch der Hauptsponsoren der FEI Meisterschaften, die Strecken verändert und es wurden die flachsten Streckenteile ausgesucht. Das Problem ist aber, dass es dort eben nicht möglich war, eine flache Rennpiste mit sandigem, gleich bleibendem Geläuf zu präparieren. Vielmehr wurden flache Feldwege mit schlechten steinigen Oberflächen und ruppige Asphaltstrecken, flache Sandpisten mit löcherigen Wegen kombiniert, weil es eben nicht anders ging. Abrupte Richtungswechsel taten ihr Übriges und somit war das Geläuf und die Streckenführung eine erhebliche Herausforderung, was ja durch viele Ausfälle mit Lahmheiten sowie einem Todesfall bezahlt wurde. Ich war Kommentator im Vetgate und konnte mir ein eigenes Bild von den Pferden machen, insbesondere vom erschöpften und teilweise leeren Ausdruck der meisten Pferde, die unter den ersten 10-15 ins Ziel liefen. Da die FEI die nächsten Championate in Europa an Veranstalter vergeben hat, die alle den oder die gleichen Hauptsponsoren haben, werden die nächsten Championate eben auch alle auf flachen schnellen Strecken durchgeführt werden. In Florac aber, oder auch in Marbach, würden andere Pferde und Reiter vorne liegen, hier sind auch die besten niemals schneller als 20km/h. Die EM in Florac 2011 wurde mit 18,5 Km/h im Durchschnitt gewonnen. Insgesamt muss man die Entwicklung sehr kritisch sehen. Für flachere Strecken ist auch weniger reiterliches Können (im Sinne von Qualität) notwendig. Die "Haltbarkeit", d.h. der Einsatz der Pferde über viele Saisons, hat sich in den letzten Jahren verkürzt, die Zahl der Todesfälle steigt weiter an. Das Distanzreiten steht zumindest in einigen Ländern dadurch stark in der Kritik, auch wenn die angesprochenen Probleme in diesen Ländern meist gar nicht akut sind, wie wir ja in Deutschland sehen können. AP: Distanzritte werden derzeit nur nach ihrer Länge klassifiziert, also CEI 3* = 160km, CEI 2* = 120 km, usw. Macht das wirklich Sinn? Denn die Topografie und das Geläuf der Ritte finden dabei ja keinen Eingang, sind aber ein wichtiges Kriterium. A.A.S.: Das Klassifizierungssystem ist im Grundsatz völlig in Ordnung – man muss nur weg von den präparierten Rennpisten und einen Weltrekord wegen Unvergleichbarkeit verbieten. Topografie und Geläuf aber auch die klimatischen Bedingungen am Rittag sind die eigentlichen Herausforderungen. Gerade aber wegen der Vielfalt dieser Parameter machen Rittkategorien und vergleichbare Rittlängen als Konstante Sinn. AP: Welche Gefahr sehen Sie durch das Sponsoring von Ritten in Europa durch den Mittleren Osten? A.A.S.: Grundsätzlich war das Sponsoring der letzten 20 Jahre für den Distanzsport mehrheitlich positiv. Das Problem ist die Grenzüberschreitung: Aus einer Sportförderung wurde sozusagen eine „Übernahme“. Wenn auf einer Jugend WM, die ja eine FEI-Veranstaltung ist, bei der Siegerehrung nur noch die ersten drei genannt werden und sich das Siegerteam aus dem Land des Hauptsponsors über 30 Minuten selbst feiern lässt, dann entspricht das nicht mehr einem fairen und für alle wertschätzenden Wettbewerb. Gerade für die jungen Reiter und Reiterinnen Hintergrundwissen Vereinigte Arabische Emirate Die Vereinigten Arabischen Emirate sind eine Föderation von sieben Emiraten, gegründet 1971 unter Sheik Zayed [bin Sultan Al Nahyan]. Abu Dhabi nimmt im Rahmen dieser Emirate die wichtigste Stellung ein, besitzt die größte Grundfläche und das meiste Geld (d.h. Öl und Gas). Alle anderen jetzigen Emirate sind in die UAE integriert worden, seinerzeit durch geschickte Verhandlungen und Zugeständnisse des alten Sheik Zayed, der, wie es aussieht, ein wirklich kluger und bodenständiger Staatsgründer war. Derzeitiger Herrscher des Emirats Dubai ist Sheikh Mohammed bin Rashid Al Maktoum, auch Sheikh Mo genannt. Bereits Sh. Mo's Vater [Sheikh Rashid bin Saeed Al Maktoum] hatte damit begonnen, neben den vertraglich vereinbarten Provisionen aus Abu Dhabi eine eigene Industrie aufzubauen. Er wollte Dubai als das "Tor zum Osten" etablieren, also die Rolle, die ehemals Beirut zukam, welches durch die anhaltenden Konflikte diese Stellungen seit einigen Jahrzehnten eingebüßt hatte. Sh. Mo hatte schon zu Lebzeiten des alten Sheikh Zayed diese Strategie erfolgreich vorangetrieben und heutzutage ist Dubai weltweit bekannt und Ziel von Millionen von Urlaubern, Firmen, die sich die Duty Free Zone Jebel Ali (größter Freihandelshafen der Welt) zunutze machen und eine Horde von Geschäftsleuten aus aller Welt. Zur Marketingstrategie der Maktoum-Familie gehört es, in möglichst vielen Bereichen lich (Ferrari World, F1, Museen etc). Abu eine Führungsrolle anzustreben und Dhabi ist der wesentlich potentere Partlich innezuhaben. Das dient vorwiegend den ner in den UAE und so wurde sukzessive politischen Zielen eines autokratischen ein Teil des Prestiges aus Dubai durch Abu Herrschermodells. Dhabi abgezogen und auch mehr Einfluß In Bezug auf den Distanzsport sind die UAE auf den Sport genommen u.a. durch zwei zum ersten Mal in Kansas im Rahmen der Veranstaltungsorte für den Distanzsport in WM 1996 aufgetaucht. In den folgenden 5 Abu Dhabi (Boudheib von Sh. Sultan, und Jahren entwickelte sich der Distanzsport Al Wathba von Sh. Mansoor) und durch Einflußnahme auf Grund des Engagements vornehmlich auf die National Federation (FN) von Sh. Mo in atemberaubender Geschwindigkeit – sehr zum Unbill von Sh Mo, der bis dahin vor Ort aber auch weltweit. Pferde, ziemlich freie Hand hatte, was die Beschi- Trainer, Reiter, Tierärzte – alles Wissen wurde ckung von Championaten betraf und auch soweit möglich zusammengekauft. Die bei sonstigen politischen Entscheidungen. Erfolge der Maktoum-Familie wurden in Es hatte sich mit Bezug zum Distanzsport den UAE sehr gut promoted und auch der eine Konkurrenzsituation (auch zwischen Rest des Landes begann, sich für diesen den Herrscherfamilien innerhalb des Landes) Sport zu interessieren und auch zu investieren, eingestellt, die in der Folge dahinge- vornehmlich in Dubai und Abu Dhabi. hend eskalierte, daß jeder der Schnellste im Der Staatsgründer der UAE, Sh Zayed verstarb eigenen Lande sein wollte und fatalerweise 2004, sein Nachfolger als Präsident haben eine Unmenge Privatbesitzer diese wurde Sh. Khalifa [bin Zayed Al Nahyan]. Vorlage angenommen und versuchen oftmals Seine Brüder u.a. sind Sheik Sultan [bin ohne entsprechend fundiertes Grund- Zayed Al Nahyan] (Boutheib) und Sheik lagenwissen die führenden Ställe "zu schlagen", Mansoor [Khalifa bin Zayed Al Nahyan] (Al was de facto nicht möglich ist. Watbha). Während Sh Zayed sich weitgehend Boutheib ist nun auf Grund all dieser be- aus diesen Aktivitäten, wie man es kannten Eskalationen aus der gemeinsa- aus Dubai kannte, heraushielt, sind seine men Linie ausgeschert, und macht seine Söhne anders gestrickt und begannen, eigene Sache (Boudheib Initiative), Al Watbha nach seinem Tod Abu Dhabi in ähnlicher, bleibt bislang unverändert. Es zeich- wenn auch in einer weitaus weniger exzessiven nen sich aber neue Unstimmigkeiten zwi- Art und Weise, weltweit zu promoten schen Dubai und Al Wathba ab. Es bleibt und sich den westlichen Dingen mehr zu also spannend. öffnen, sei es kutlturell wie auch geschäft- Franz Brueck © ARABISCHE PFERDE - IN THE FOCUS 1/2018 42

werden hier falsche Signale gesetzt. Darüber hinaus werden durch massive Sponsorings mit Transportkostenübernahmen und Ankommerprämien, wie bei einigen so gesponserten Wettbewerben in Europa in 2017 geschehen und für 2018 schon angekündigt, große Starterzahlen generiert. Dadurch werden den etablierten Ritten, die seit vielen Jahren von engagierten Veranstaltern in verschiedensten Ländern wie z.B. in Frankreich, Belgien aber auch in Deutschland durchgeführt werden, die Starter entzogen, was alleine in 2017 zu erheblich reduzierten Teilnehmerzahlen bei diversen Ritten geführt hat. Weiterhin verändert sich der Distanzsport durch den Einfluss der Sponsoren auch in Europa hin zu möglichst flachen, schnellen Pistenrennen, die eben nicht mehr die Herausforderung Reiter-Pferdpaar gegen eine anspruchsvolle technisch herausfordernde Strecke abbilden. Was hinzu kommt sind die sinkenden Aussichten auf Erfolg, denn nur auf technisch anspruchsvollen Strecken haben auch Reiter aus anderen Nationen eine Chance auf einen Sieg. Vor allem aber wird dann auch in Europa immer mehr auf „schneller, schneller“ trainiert, was - wie vorab schon erwähnt - durch die Pferde bezahlt wird. AP: Nun könnte man sagen, der Mittlere Osten ist weit weg, und bei uns passiert so was ja nicht. Aber die Auswirkungen dieses Skandals sind auch bei uns zu spüren - in welcher Form? A.A.S.: Es sind die Auswirkungen der Entwicklung, die wir mehr und mehr spüren. Tote Pferde sind leider im Pferdesport nie ganz auszuschließen. Tragische Unfälle oder unglückliche Umstände führen immer wieder einmal zu einem tödlichen Ende, wie z.B. 2006 anlässlich der WEG in Aachen, wo wir ja auch in der Mannschaft waren und ein skandinavisches Pferd 10 km nach dem Start ein erhebliches Stoffwechselproblem bekam und euthanisiert werden musste. Das lag nicht an der Art des Rennens. Was aber nicht hinzunehmen ist, sind die systembedingten Todesfälle: Röhrbeinfrakturen, Splitterbrüche, Herzversagen. Dies sind Folgen einer über die physiologischen Grenzen des Lebewesens Pferd hinausgehenden Belastung. Dadurch wird auch dem Image des Distanzsports erheblicher Schaden zugefügt. Obwohl wir in Deutschland mit dieser rein auf Geschwindigkeit ausgerichteten Art des Sportes nichts zu tun haben, werden Distanzreiter in Deutschland durchaus von anderen Reitern und Teilen der Öffentlichkeit diskreditiert. Neben den gängigen Vorurteilen, dass Distanzreiter nicht reiten könnten, und wenn dann nur geradeaus, kommt jetzt noch der Vorwurf hinzu, man betreibe doch den Sport, bei dem ständig Pferde zu Tode kämen. Obwohl das tatsächlich als Systemfolge bei uns überhaupt keine Rolle spielt, erschwert das natürlich die Anerkennung von Erfolgen und Leistung, das Etablieren dieser eigentlich faszinierenden Reitsportart, das normale Sponsoring unserer nationalen und internationalen Veranstaltungen und hemmt den Fortschritt des Distanzsports in Deutschland, weil es auch Nachwuchsreiter abhält, sich diesem Sport zuzuwenden. Anzeige : Internationale ECAHO Amateurschau & Reitbewerbe für Vollblutaraber 8. Araber Sommerfestival 14. & 15.7. 2018 PFERDEZENTRUM STADL-PAURA Stallamtsweg 1 • 4651 Stadl-Paura Eintritt frei! Infos unter: www.araberfestival.at Schau_plakat_A4_2018.indd 2 26.02.18 07:13 Sport Distanzreiten AP: Welche Maßnahmen kann man auch hierzulande ergreifen? Und was würden Sie z.B. Züchtern raten, die vor der Entscheidung stehen, ihr Distanzpferd in ein Gruppe VII-Land zu verkaufen? A.A.S.: Ich würde mir klare Statements der FN und des VDDs wünschen, aktivere Suche nach Kooperation mit anderen Organisationen in anderen Ländern, z.B. in Skandinavien, in der Schweiz und in den USA und ein gemeinsames Herantreten an die FEI. Züchtern, die ihr Pferd in ein Gruppe VII-Land verkaufen wollen, kann ich keinen Rat geben. Das muss letztendlich jeder selber verantworten. Jeder einzelne hat die Freiheit sich zu entscheiden, das gilt für die Teilnahme an Einladungsritten – und hier muss man auch unterscheiden -, genauso wie für den Verkauf eines Pferdes. Jeder kann sich heute vorab informieren, ob es bei dem fraglichen Käufer schon Todesfälle oder entsprechende Handhabungen wie häufige extrem schnelle Ritte gegeben hat. Die FEI führt über jeden Reiter und jedes Pferd ein öffentlich einsehbares Archiv. Es kann keiner sagen, er/sie hätte davon nichts gewusst. Besten Dank für die klaren Worte, und weiterhin viel Erfolg Ihren Pferden und Ihrer Familie! (das Interview führte Gudrun Waiditschka) 1/2018 - www.in-the-focus.com 43