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s'Magazin usm Ländle, 8. April 2018

INSEKTENSTERBEN XXXXXXXX

INSEKTENSTERBEN XXXXXXXX FORTSETZUNG Man muss sich die Natur als vernetztes System vorstellen, in dem jede Art ihre Funktion hat. Je mehr ich aus diesem System herausnehme, desto größer wird die Gefahr, dass Chaos entsteht. Ein Beispiel: Es gibt Schmetterlinge, deren Raupen nur eine einzige Pflanzenart fressen.Verschwindet diese Pflanze, verschwindet auch der Schmetterling. Welche Schmetterlinge sind in unseremRaum bereits stark dezimiert? Einfacher ist es zu sagen, welche Großschmetterlinge nicht geschützt sind:der Kohlweißling. Experten verwenden in diesem Zusammenhang den Ausdruck „grüner Beton“. Wasist damit gemeint? Ich höre diesen Ausdruck zum ersten Mal, aber es sind damit wohl Grünflächen gemeint, die nur aus Rasen bestehen –und vielleicht noch einem schön gepflegten Blumenbeet. Da passt der Mähroboter gut dazu. Vor allem in Privatgärten ist dieser grüne Betonzufinden. Wie sieht der ideale Hausgarten aus? Man sollte Natur einfach zulassen, Pflanzen in gewissen Bereichen wachsen lassen. Wirklich schwachsinnig ist es, Unkrautvernichtungsmittel (Dicotylenhemmer) imRasen aufzubringen, aber ein englischerRasen enthält nun mal keine Kräuter. Diese Vorstellung ist nicht so leicht aus den Köpfen zu bekommen. Ein Kompromiss: Man mäht nur die Wege und Plätze, die man auch braucht. Alles rundum kann man stehen lassen. Sokommen viele Dinge zu blühen. Man sollte auch immer Strukturelemente einplanen. Also Sträucher, am besten heimische Arten, denn viele Tiere sind auf heimische Pflanzen angewiesen. Hecken und Sträucher sind ein guter Schutz für Vogelarten. Viele wundern sich, dass keine Vögelzum aufgestellten Vogelhäuschen kommen. Kein Wunder, STECK BRIEF Geboren 1959 in Dornbirn, Studium der Botanik und Ökologie in Innsbruck. Ab 1994 Bioinformatiker an der Vorarlberger Naturschau, 2002 Dissertation an der Uni Salzburg, seit 2003 biologischer Fachberater der InaturaDornbirn. ········································································································································· wenn weit und breit kein Strauch steht. Die sehr gepflegten Privatgärten werden ja designt und mit viel Liebe gepflegt. Sollten die Gemeinden nicht eine Vorreiterrolle einnehmen, um zu zeigen, dass es auch andersgeht? Das geschieht bereits. Naturnahe Verkehrsinseln sind keine Seltenheit mehr. Auch die Gartenbauvereine fangen an umzudenken. Man muss die Menschen einfach immer wieder darauf stoßen. Bei manchen allerdings wird man nie durchkommen. Da wird der Maulwurf, ein sehr nützliches Tier, zum größten Feind im Garten. Wie sinnvoll sind die modischen Insektenhotels? DasInsektenhotel ist invielen Fällen nichts anderes als Gewissensberuhigung inmitten von grünem Beton. Diese Hotels sind oft nicht richtig konstruiert. Man kann die Artenvielfalt damit sogar schwächen. Lässt man im Winter die Stauden stehen und schneidet nicht alles platt, können die Tiere dort überwintern. Ich habe im Herbst eine Kiefer gefällt und das gehäckselte Holz im Garten liegen lassen. ImFrühjahr habe ich drei Hornissenköniginnen darin gefunden. AuchimBrennholz überwintern viele Tiere. Alles kein großer Aufwand. Wahrscheinlich will aber auch kaum jemand, der ein Insektenhotel aufstellt, Hornissen darin finden. Ja, dahabe ich schon einige Anrufe bekommen. „Ich habe ein Insektenhotel, jetzt sind dort Hornissen eingezogen. Was soll ich tun?“ Freuen Siesich! Sie haben nun eine geschützte Artbei sich im Garten! Na ja,dann werdendie Leute gerne laut. Die Bienen sind die einzigen Insekten, die es regelmäßig in die Schlagzeilen schaffen aufgrund des Bienensterbens. Ist das wirklich so schlimm? Die Honigbiene ist ein landwirtschaftliches Nutztier. Zum einen werden die Produkte genutzt, also Honig,Wachs etc.Zum anderen sind siegutePflanzenbestäuber. Siehaben also mehrere Nutzen für den Menschen, darum schaffen sie es in die Schlagzeilen. Der Spruch „Stirbt die Biene, stirbt der Mensch“ ist im Übrigen nichtrichtig, denn die Obstbäume tragen auch ohne Honigbienen 8 s’Magazin

INSEKTENSTERBEN XXXXXXXX Das Bienensterben gibt Zimmermann immer Gelegenheit,auch andereArten medial in den Fokus zu rücken. ························································································· Früchte, nur eben weit weniger. Esgibt ja auch zahlreiche Wildbienenarten und andere Bestäuber. Doch wird immer nur an die Honigbiene gedacht, dabei leiden die anderen Arten genauso unter den Pestiziden, an denen auch die Honigbiene stirbt. Das heißt, wenn nur die Honigbiene aussterben würde, wäre esfür das Ökosystem kein großer Schaden? DasAussterben jederArt istein Schaden,aber es ist eben nur eine Art, deshalb wäre der Schaden nicht sogroß, wie immer kolportiert wird. Von der Honigbienehat vor allem der Mensch etwas. Wäre sienicht mehrda, hätten mancheWildbienenarten einen Konkurrenten weniger. Die Menschen investieren viel in die Honigbiene, auch Herzblut. Aber sie ist und bleibt ein landwirtschaftliches Nutztier. Dieser Rolle muss man sich bewusst sein. Wie sieht denn eigentlich Ihr eigener Garten aus? Ichhabe einen Garten mitteninder Stadt,und er ist naturnah und ziemlich chaotisch. Esgibt ein paar Obstbäume, Sträucher wie Holunder und Johannisbeere, sogar einen Aroniabeerenstrauch, den ich geschenkt bekommen habe. Gemäht wird –wonötig –ein- bis zweimal im Jahr mit einer Motorsense. Zwei Hochbeete für Gemüse gibt es auch noch. Und obwohl ich keine Futterhäuschen aufstelle, habe ich trotzdem im Winter zahlreicheVögelimGarten. Fotos: lisamathis.at Facebook, adieu! •••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••• Eswar kein Datenleck, das den Skandal um die Weitergabe von50Millionen Datensätzen bei Facebook ausgelöst hat,sondern ein bei Facebook immanentes „Feature“,das es App-Entwicklern erlaubt, auch die Daten vonFreunden absaugen zu können. Diese Daten an Dritte zu verkaufen, wie im Fall Cambridge-Analytica geschehen, war bei Facebook jedoch schon immer verboten. Nur hat das Netzwerk dieses Verbot sehr lasch gehandhabt.Mark Zuckerbergstellt sich jetzt gern als Opfer dar.Das Problem waren offensichtlich die Nutzerinnen und Nutzer selbst,die einfach zu faul waren, sich durch die Einstellungen des Netzwerkszuwühlen. Hätten sie das getan, hätten sie tief versteckt in den Menüs die Möglichkeit gehabt,die Datenweitergabe an Apps ihrer Freunde zu verbieten. Ziemlich zynisch, nicht? Zuckerberghat ein Problem. Nicht nur dass sein Unternehmen mit vielen Vorurteilen aufräumen muss, sondern dass es erkennen muss, dass der Zug vonFacebook bald abgefahren ist.Das Unternehmen hat sich überlebt.Esist veraltet und hat eben nicht dieVernetzung ermöglicht,die es weltweit versprochen hat.Ein Facebook-Account bleibt einfach nur auf „Freunde“beschränkt,und eine Vervielfachung wie bei einem Pyramidenspiel bleibt letztendlich aus. Es sind Mini- und Mikronetzwerke, aus denen Facebook hauptsächlich besteht.Mehr ist nicht drin, es sei denn, man ist ein Unternehmen wie Tesla oder schreibt sich Angelina Jolie. Das ist die Erkenntnis, dass unser Wirkungsradius einfach begrenzt bleibt,egal, in welchen Netzwerkenwir uns vermarkten. Facebook macht sein Geld nicht mit demVerkauf vonDatensätzen, das stimmt, sondern mit personalisierter Werbung. Der Skandal rund um das Unternehmen ist nicht das ursächliche Problem. Das Problem ist die Schwerfälligkeit und Stagnation der Userinnen und User selbst.Insofern hat Zuckerbergwieder recht.Wir sind nicht für die Welt geschaffen, sondern für einen kleinen, bestimmten Wirkungsradius, und das ist eigentlich eine schöne Erkenntnis. s’Magazin 9