Energie & Umwelt - Schweizerische Energie-Stiftung

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Energie & Umwelt - Schweizerische Energie-Stiftung

Energie & Umwelt

Magazin der Schweizerischen Energie-Stiftung SES – 4/2008

Neue Atomkraftwerke?

> Wer kauft in 20 Jahren noch Atomstrom?

> AKW-Pläne blockieren saubere Stromzukunft

> Atommülllager: Wer zieht den Schwarz-Peter?


inhaltsvErzEichnis

Impressum

ENERGIE & UMWELT Nr. 4, Dezember 2008

Herausgeberin:

Schweizerische Energie-Stiftung SES, Sihlquai 67,

8005 Zürich, Telefon 044 271 54 64, Fax 044 273 03 69

info@energiestiftung.ch, www.energiestiftung.ch

Spenden-Konto: 80-3230-3

Redaktion & Layout: Rafael Brand, Scriptum,

Telefon 041 870 79 79, info@scriptum.ch

Redaktionsrat:

Jürg Buri, Rafael Brand, Dieter Kuhn, Rüdiger

Paschotta, Bernhard Piller, Sabine von Stockar

Re-Design: fischerdesign, Würenlingen

Korrektorat: Bärti Schuler, Altdorf

Druck: ropress, Zürich

Auflage 8600, erscheint 4 x jährlich

Abdruck mit Einholung einer Genehmigung und unter

Quellenangabe und Zusendung eines Belegexemplares

an die Redaktion erwünscht.

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Fr. 100.– Paare / Familien

Fr. 75.– Verdienende

Fr. 30.– Nichtverdienende

Energie & Umwelt 4/2008

SCHWERPUNKTTHEMA «Neue Atomkraftwerke?»

4 Wer kauft in 0 Jahren noch Atomstrom?

Wer hätte 1988 gedacht, dass das gefeierte Fusionsprodukt UBS einmal 68 Milliarden

Franken vom Staat benötigen wird? Und was hat das mit neuen Atomkraftwerken

zu tun? Mehr als man zu denken wagt. Das Risiko von milliardenschweren

Fehlinvestitionen hängt in der Luft...

8 AKW-Pläne blockieren saubere Stromzukunft

Neue AKW-Pläne blockieren den Weg hin zu mehr Energieeffizienz und mehr

Erneuerbaren. Doch der Stromwirtschaft steht ein grosses Stopp-Schild im Weg:

Frühestens 2012 wird das Stimmvolk an der Urne über den Bau neuer AKW

entscheiden.

10 Wer zieht den radioaktiven Schwarz-Peter?

Die Nagra hat zusammen mit dem BFE am 6. November die sechs möglichen

Standorte für den Schweizer Atommüll bekannt gegeben. Den Plänen fürs

Atommüllendlager droht heftiger Widerstand. Letztlich wird das Schweizer

Stimmvolk den Widerstand der Lokalbevölkerung aber ganz demokratisch

überstimmen.

1 Eine Satire aus der Zukunft: Ersatz für Mühlestein

Strahlend verliessen Bütikofer und Oberhänsli den Sitzungsraum und sagten

mit Handschlag zueinander: «Gimme five!». Sie kamen eben von einer Besprechung

mit Vertretern der französischen Nuklearbehörde und ranghohen Mitarbeitern

der ATOFRANCE, dem Generalunternehmen für die EPR-Reaktoren

der dritten Generation. Die Sache mit dem zukünftigen Schweizer AKW, das

eines der «alten» ablösen sollte, liess sich sehr gut an.

14 Interview mit Jürgen Trittin, Bündnis 90/Die Grünen:

Neue AKW führen zu Stromverschwendung und Ineffizienz

Bisher wurden für den Neubau von AKW immer staatliche Subventionen benötigt.

Nach rein wirtschaftlichen Kriterien wären neue Schweizer AKW nicht realisierbar,

da Atomstrom aus neuen Anlagen deutlich teurer ist als Strom aus Erneuerbaren.

Ohne Subventionen wird es in der Schweiz keine neuen AKW geben.

16 Der AKW-Störfall als Normalfall

Die Kommunikationsrituale bei Störfällen sind bekannt. Die Betreiber der

AKW und Aufbereitungsanlagen behaupten, es bestehe keine Gefahr für

Mensch und Umwelt. Trotzdem werden häufig weit reichende Vorsichtsmassnahmen

eingeleitet. Verschwiegen wird, wie nah der Störfall an einer Katastrophe

war.

18 l News l Aktuelles l Kurzschlüsse l

0 Der Schwindel mit der CO -Kompensation

In der vorherrschenden klimapolitischen Debatte wird auf kaum eine Massnahme

so viel Energie verwendet, wie auf den Emissionshandel. Die OECD-Staaten

setzen in immer grösserem Ausmass auf den Emissionshandel, dem aber einige

fundamentale Probleme eigen sind. Diesen wird in einem ersten Teil der klimapolitischen

Serie im E&U nachgegangen.

Das Glühlampenverbot, das keines ist

Per 1. Januar 2009 werden in der Schweiz die schlechtesten Glühlampen

verboten. Es scheint, als ob jetzt endlich auch im Strombereich ernsthafte

Effizienzpolitik gemacht wird. Die Realität ist ernüchternd: Es werden (fast)

keine Lampen verboten, es tönt nur so.


Editorial

YES we can!

Von JüRG BURI

SES-Geschäftsleiter

Neue Atomkraftwerke? Liebe Leserin,

lieber Leser. Dieses Energie & Umwelt

widmen wir dem eigentlichen SES-

Gründungsthema. Denn das Theater

um neue Atomkraftwerke beginnt von Neuem. Lesen

Sie selbst:

Im Axpo-Theater in Aarau knallen die Korken. Am

Bühnenrand strahlt die Aargauer Axpo-Bundesrätin

Doris Leuthard um die Wette mit dem soeben wieder

gewählten Axpo- und NOK-Verwaltungsrat Peter C.

Beyeler, im Nebenamt Aargauer Regierungsrat. Auch

Herr Eichler, etwas im Hintergrund, kann seinen Übermut

nicht verbergen. Der ehemalige Chef der aargauischen

Atomforschungsanstalt PSI, und seit Kurzem

vom Gesamtbundesrat zum höchsten ETH-Forscher

ernannt, sieht die strahlende Zukunft Gestalt annehmen.

Endlich liegen sie auf dem Tisch: die drei Gesuche

für Gösgen II, Mühleberg II und vor allem Beznau III.

Mit Genugtuung lauschen die ProtagonistInnen den

Zusprüchen aus dem Publikum: «BRAVO BRAVO, ihr

habt uns vor der Stromlücke und vor dem Klimakollaps

gerettet». Aber plötzlich stürmt Herr Fritschi von

der Nagra auf die Bühne und verkündet: «Der giftige

Atommüll ist bei euch im Aargau am sichersten vergessen».

Es wird still. Die in der ersten Reihe stehenden

Herren Rohrbach (BKW), Schweickart (EOS), Leonardi

(ATEL) und Karrer (Axpo) schauen sich verdutzt an und

nehmen wieder Platz auf den von ihnen gesponserten

roten Plüschsesseln. In den hinteren Reihen rebelliert

das Fussvolk und skandiert «kein zweites Kölliken!»

Die Stimmung kippt. Die Herren verlassen schleunigst

und unter Tumult den Saal. Im Herausgehen sagt Doris

(Leuthard) zu Heinz (Karrer): «Gäll – gut haben wir

im Iran schon mal Gas in der Menge des schweizerischen

AKW-Parks gekauft.» Unser Energieminister

kann sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Diese Ausgabe von Energie&Umwelt erzählt Geschichten

rund um eine Technologie, welche seit

gut 30 Jahren in Betrieb ist und ihre Probleme noch

immer nicht gelöst hat: Die Anzahl der Länder mit

atomaren Waffen nimmt zu, die Atommüllberge

wachsen in den Himmel (S. 10/11), und das inakzeptable

und unversicherbare Katastrophenrisiko ist geblieben

(S. 16/17). Deshalb wenden sich immer mehr

Kantone, Städte und Gemeinden von dieser Technologie

ab (S. 4–7). Denn die Aussichten auf den Bau

eines neuen AKW sind böse (S. 12/13). Viel Mut und

viel Spass beim Lesen. <

Energie & Umwelt 4/2008


atomstrom ohnE zUkUnft

Wer kauft in 0 Jahren noch Atomstrom?

Wer hätte 1988 gedacht, dass das gefeierte Fusionsprodukt UBS einmal 68 Milliarden

Franken vom Staat benötigen wird? Und was hat das mit neuen Atomkraftwerken zu tun?

Mehr, als man zu denken wagt. Das Risiko von milliardenschweren Fehlinvestitionen

hängt in der luft...

Foto: www.panoramio.com Foto: SES

(Bild links) Herrliberg: In der atomstromfreien Zone am Zürisee wird auch der abgewählte Bundesrat Christoph Blocher mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt.

(Bild rechts) Solarstrom vom «Stade de Suisse»: Solarstromanlagen auf Dächern und Fassaden können einen Drittel des gesamten Strombedarfs decken.

4 Energie & Umwelt 4/2008

Von ARMIN BRAUNWAlDER

Energieexperte

Im Nationalrat hat Christoph Blocher

1988 das Atomkraftwerk Kaiseraugst

nach massiven Volksprotesten politisch

beerdigt. 1,3 Milliarden Franken kostete

die Planungsleiche die Stromkonsumenten.

Und das Staatsbegräbnis die

Steuerzahler nochmals 350 Millionen

Franken Schadenersatz. Nichtsdestotrotz spricht

sich der «abgew. Bundesrat» (Blocher) heute wieder

für den Bau von neuen Atomkraftwerken in

der Schweiz aus. In seinem Wohnort Herrliberg ticken

die Stromzähler seit einem Jahr indes anders:

Atomstrom ist out – herrli.naturpower ist in. Allen

EinwohnerInnen wird nur noch zertifizierter Strom

aus erneuerbaren Energien geliefert. «Der gesamte

Gemeinderat war begeistert von der Idee, Herrliberg

in Zukunft ausschliesslich mit umweltfreundlichem

Strom zu versorgen», sagt Felix Besser, Vorsteher

Werke/Tiefbau. Im Hochtarif kostet das 2 Rappen

pro Kilowattstunde mehr als vorher, im Niedertarif

1 Rappen. Die atomstromfreie Vollversorgung eines ty-

pischen Vierpersonenhaushalts mit einem Verbrauch

von 4000 Kilowattstunden kostet in Herrliberg somit

knapp 70 Franken mehr pro Jahr. 1

Meilenweit an der Kundschaft vorbei

Damit hat Herrliberg schweizweit eine Pionierrolle

übernommen. Die Gemeinde setzt um, was sich die

meisten Stromkunden wünschen: Eine Stromversorgung,

die weitgehend oder ganz auf Atomstrom verzichtet.

Dies jedenfalls ist das Ergebnis zweier Studien.

Daraus wird klar, dass Atel, Axpo und BKW mit der

Fixierung auf neue Atomkraftwerke meilenweit an

den Bedürfnissen ihrer Kundschaft vorbeiplanen.

Die Stromkonzerne wähnen sich offenbar noch immer

in der alten Monopolzeit. Die Atomkraftwerke

Beznau I+II, Mühleberg, Gösgen und Leibstadt konnten

in den 60er bis 80er Jahren im Verbund mit dem

Staat mehr oder weniger planwirtschaftlich durchgesetzt

werden. In der Gewissheit, dass die KonsumentInnen

diesen Strom bezahlen müssen – ob sie

wollten oder nicht.

Die Zeiten haben sich grundlegend geändert. Erstens

müssen neue Atomkraftwerke erstmals eine Volksabstimmung

überstehen. Zweitens können heute gegen


95% der StromverbraucherInnen aus verschiedenen

Stromprodukten auswählen. Sie sind nicht mehr gezwungen,

Atomstrom zu kaufen, den sie gar nicht

haben wollen. 2002 waren es noch 100’000 Kunden,

die sich ihren Strombedarf teilweise oder ganz durch

erneuerbare Energien decken liessen. Im Jahr 2007

waren es schon mehr als 600’000. Das entspricht etwa

15% aller Haushalts- und Firmenkunden der Schweiz. 2

Der Trend geht weiter nach oben. Die Tragweite dieses

fundamentalen Wandels scheint bei den Schweizer

Stromkonzernen noch nicht angekommen zu sein.

Unbeirrt treiben sie den Plan voran, die Atomstromproduktion

ab 2020 in der Schweiz zu verdoppeln

– mit dem Risiko, auf Jahrzehnte hinaus Milliarden

von Franken an den Kundenwünschen vorbei in den

Sand zu setzen.

Abstimmung an der Steckdose

«Die Abstimmung findet an der Steckdose statt»,

betonte die Strombranche jeweils vor Volksabstimmungen

zum Thema Ausstieg aus der Atomenergie.

Wohlwissend, dass ihre Kunden gar keine Alternative

zur atomaren Zwangsversorgung hatten. Vom neu

erworbenen Recht auf die Wahl von Stromprodukten

macht die Kundschaft nun in wachsendem Mass Gebrauch,

wie das zu einem funktionierenden Markt

gehört. In den Chefetagen der Schweizer Stromkonzerne

müssten deshalb schon längst die Warnlichter

blinken. Denn es droht nicht nur das Risiko einer Abstimmungsniederlage.

Die erwachende Marktmacht

der StromkonsumentInnen kann die atomaren Planspiele

schlicht über den Haufen werfen. Das zeigen

zwei brisante Kundenbefragungen. «Vor die Wahl gestellt,

wie die Kunden ihren Strom zusammensetzen

würden, ergäbe sich ein komplett anderer Mix.» Das

ist eine der Kernaussagen der BFE-Studie «Evaluation

Einführung der Stromkennzeichnung». 3

Das Ende der Planwirtschaft

Der reale Mix, den die Stromkonzerne heute an Schweizer

Steckdosen liefern, steht im totalen Widerspruch

zu den Wünschen ihrer Kundschaft: Nur 33,8% des

verbrauchten Stroms stammt aus Wasserkraftwerken,

marginale 0,1% aus neuen erneuerbaren Energien wie

Wind, Sonne und Biomasse. 4 Fast zwei Drittel des verbrauchten

Stroms kommt aus nuklearen und fossilen

Grosskraftwerken im In- und Ausland (siehe Grafik

oben). 5 Die in der BFE-Evaluation befragten Haushalte

wollen an ihren Steckdosen jedoch einen fundamental

anderen Strommix: Er besteht im Wesentlichen aus

38% Wasserkraft, 40% Solar-, Wind- oder Biomassestrom

und 5% Strom aus Abfällen. Atomstrom spielt

Strommixanteile an der Steckdose in %

45

40

35

30

25

20

15

10

5

0

Kundenwünsche und Stromrealität

Wasserkraft Sonne, Wind, Biomasse Atomenergie Nicht überprüfbare Energieträger

38 40

5

Das wünschen Kunden Das liefern die Versorger

Quelle: Evaluation Einführung der Stromkennzeichnung; Bundesamt für Energie,

Dezember 2007, S. 47.

mit einem Anteil von 5% eine marginale Rolle. Importierter

Strom aus nicht überprüfbaren fossilen und

nuklearen Kraftwerken ist mit einem Anteil von null

Prozent gänzlich unerwünscht.

Zu einem ganz ähnlichen Befund kommt auch die

Studie «Kundenpräferenzen für Stromprodukte» des

Instituts für Wirtschaft und Ökologie der Universität

St. Gallen. 6 Mit einem ausgeklügelten statistischen

Verfahren haben die Umweltökonomen Burkhalter,

Känzig und Wüstenhagen aus der Befragung von 628

Ostschweizer Stromkunden ein präzises Bild der Kundenwünsche

ermittelt. Dabei haben sie festgestellt,

dass der Strommix für die Kaufentscheidung das wichtigste

Merkmal ist. Der Preis folgt erst an zweiter, der

Ort der Produktion an dritter Stelle.

Die befragten Stromkunden konnten sich zwischen

fünf Strommix-Varianten entscheiden. Das Ergebnis

müsste den grossen Stromkonzernen Bauchschmerzen

machen. Die Befragten wählten nämlich einen atomstromfreien

Mix aus 85% Wasserkraft und je 5%

Wind-, Solar- und Biomassestrom mit einer um 85%

0

1 2/3 Hochtarif, 1/3 Niedertarif

2 Ökostrom in der Schweiz – der Marktanteil erneuerbarer Stromprodukte im Jahr

2007; Agentur für erneuerbare Energien und Energieeffizienz, 11. Juli 2008

3 Evaluation Einführung der Stromkennzeichnung; Bundesamt für Energie,

Dezember 2007, S. 47

4 Knapp 40% der produzierten Wasserkraft – oder 12,7 Milliarden Kilowattstunden

– wird ins Ausland verkauft. Produktion aus Wasserkraft 2005: 32,759 Mia. kWh;

Gelieferte Menge aus Wasserkraft 2005: 17,385 Mia. kWh; Verbrauch Speicherpumpen

2005: 2,631 Mia. kWh; resultierender Export 2005: 12,743 Mia. kWh

5 Evaluation Einführung der Stromkennzeichnung; Bundesamt für Energie,

Dezember 2007, S. 9

6 Burkhalter, Andreas; Känzig, Josef; Wüstenhagen, Rolf: Kundenpräferenzen für

Stromprodukte – Ergebnisse einer Choice-Based Conjoint-Analyse. In:

Umweltwirtschaft – international, interdisziplinär und innovativ, 2007. Tagung

der Kommission Umweltwirtschaft im Verband der Hochschullehrer für

Betriebswirtschaft e.V.-Wien

33.8

0.1

41.1

20.7

Energie & Umwelt 4/2008


atomstrom ohnE zUkUnft

Mix 1

Mix 2

Mix 3

Mix 4

Mix 5

Welchen Strommix würden Kunden wählen?

55% KKW,

45% Wasserkraft

50% fossil, 45% Wasserkraft,

3% Wind, 2% Solar

85% Wasserkraft, 5% Wind,

5% Solar, 5% Biomasse

100% Wasserkraft

6 Energie & Umwelt 4/2008

60% fossil,

35% KKW,

5% unbekannt

-60% -40% -20% 0% 20% 40% 60% 80% 100%

Relativer Kundennutzen

(Mix 2=0)

Quelle: Burkhalter, Känzig, Wüstenhagen (siehe Fussnote 6).

höheren Wahrscheinlichkeit als den angebotenen Mix

aus Atomstrom (45%) und Wasserkraft (55%). «Wäre

der Kunde im Strommarkt König, gehörte die Zukunft

den erneuerbaren Energien», lautet die Schlussfolgerung

der Autoren. 7 König ist der Kunde zwar noch

nicht. Aber die Voraussetzungen sind mit der Wahlmöglichkeit

zwischen verschiedenen Stromprodukten

geschaffen, damit er/sie es werden kann. Die Jahrzehnte

dauernde planwirtschaftliche Versorgungslogik

von Strombranche und Staat neigt sich ihrem

Ende zu. Die Kundschaft bestimmt zunehmend und

mit wachsendem Selbstbewusstsein, welchen Strom

die Versorger an die Steckdosen zu liefern haben.

Wer will noch Atomstrom in 0 Jahren?

Wer zu spät kommt, sagte Michail Gorbatschow, den

bestraft das Leben. Oder anders gesagt: Wer die Bedürfnisse

seiner Kunden nicht ernst nimmt, wird vom

Markt bestraft. Wer wird den Atomstrom aus Neu-

Gösgen, Neu-Beznau und Neu-Mühleberg in zwanzig

Jahren noch freiwillig kaufen? Werden dann Staat

und Steuerzahlende für milliardenschwere Fehlinvestitionen

in die Bresche springen müssen? Auch die

Automobilindustrie in den USA und Deutschland haben

den Trend nach verbrauchsarmen Autos jahrelang

ignoriert. Jetzt erhalten sie vom Markt die Quittung

und der Staat muss ihnen mit Milliarden von Dollars

und Euros unter die Arme greifen.

Unternehmen steigen aus

Nicht nur Herrliberg und eine kontinuierlich steigende

Zahl von Privatkunden verabschieden sich

schon heute unspektakulär vom Atomstrom. Ganze

Unternehmen, Kantone und Städte haben die Weichen

bereits in Richtung Strom aus erneuerbaren Energien

gestellt. Im Rahmen der «naturemade energie arena»

wurden anfangs November 2008 erstmals acht Unternehmen

mit dem «prix naturemade» ausgezeichnet.

Sie decken ihren gesamten Strombedarf ausschliesslich

durch Strom aus erneuerbaren Energien mit dem

Label «naturemade basic» oder «naturemade star».

Die Ausgezeichneten stehen für einen Trend, der in

den kommenden Jahren weiter an Kraft gewinnen

wird. Unter ihnen sind die Zürcher Kantonalbank,

Swiss Re, die SIX Swiss Exchange AG oder die Citibank

Switzerland. Sie beziehen insgesamt 70 Millionen Kilowattstunden

naturemade-zertifizierten Strom, was

dem jährlichen Stromverbrauch von 17’500 typischen

Vierpersonenhaushalten entspricht. Fast noch mal so

viel naturemade-Strom beziehen Migros und Coop, die

aber noch weit davon entfernt sind, ihren Bedarf vollständig

erneuerbar zu decken.

An der Wettbewerbspremiere haben erst 13 Unternehmen

teilgenommen, die nicht der öffentlichen

Hand gehören dürfen und Stromkosten von mehr als

200’000 Franken ausweisen müssen. Ursula Stocker,

Sprecherin von naturemade, weiss: «Viele Unternehmen

stellen um auf Strom aus erneuerbaren Energien

und wollen das gar nicht kommunizieren.» Wir sehen

erst die Spitze des Eisbergs. Ein Unternehmen, das

den Schritt an die Öffentlichkeit gemacht hat, ist die

Schweizerische Post: Seit dem 1. Januar 2008 deckt sie

ihren Strombedarf zu 100 Prozent aus Wasserkraft.

Städte und Kantone planen ohne Atomstrom

Was immer mehr Privatkunden und Unternehmen

auf freiwilliger Basis tun, setzen ganze Kantone und

Städte in politische Vorgaben um. Jüngste Beispiele

sind die Städte Zürich und Bern. Der Zürcher Stadtrat

und der Gemeinderat haben beschlossen, dass sich die

Stadt nicht mehr an neuen Atomkraftwerken beteiligen

wird und langfristig auf eine Stromversorgung

ohne Atomstrom setzt. Das Stadtzürcher Stimmvolk

hat am 30. November die Vorlage mit einem überwältigenden

JA von 76.4% angenommen. Andres Türler,

FDP-Stadtrat und Vorsteher der Industriellen Betriebe,

dazu: «Ziel ist es, dass wir nach 2040 ohne Kernenergie

auskommen.» Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich

(ewz) hat sich bereits mit der Tarifrevision von 2006

auf diesen Pfad begeben. Danach werden alle Stromverbraucher

standardmässig mit naturemade-basic-

Wasserkraft beliefert. Wer ausdrücklich eine andere


Stromqualität wünscht, muss diese bestellen. Durch

diese Revision stieg der Anteil der erneuerbaren Energien

im vom ewz gelieferten Strommix von 38,4%

(2006) auf 64,8% im Jahr 2007. Der Anteil der nichterneuerbaren

Energien, sprich Atomstrom, sank dagegen

um 22,4%. Bereits 51% der Grosskunden, 58%

der KMU-Kunden und 59% der Privatkunden beziehen

ausschliesslich Strom aus erneuerbaren Energien.

Ein ähnliches Ziel wie die Stadt Zürich verfolgt auch

die Stadt Bern. In ihrer Verfassung, der Gemeindeordnung,

heisst es explizit: Die Stadt unterstützt die

dezentrale Energieerzeugung und Energieversorgung

und strebt an, umweltbelastende oder umweltgefährdende

Energieträger wie die Atomenergie durch einheimische

und erneuerbare Energie zu ersetzen. In

der Stadt Bern gibt es allerdings noch einiges zu tun:

Der Lieferantenmix von Energie Wasser Bern besteht

noch zu 71% aus Atomstrom. 8

Im Rahmen der Energiestrategie 2006 hat auch die

Regierung des Kantons Bern die Weichen klar in Richtung

erneuerbare Energien gestellt: Bis 2035 sollen

im Kanton Bern nicht wie heute 61,5%, sondern mindestens

80% des benötigten Stroms aus erneuerbaren

Energien stammen – mittelfristig ohne Atomstromproduktion

im Kanton Bern. 9 Nicht explizit gegen die

Atomenergie, aber faktisch ebenso klar hat sich auch

der Urner Regierungsrat am 12. November 2008 vor

dem Kantonsparlament ausgesprochen. Im Rahmen

ihrer Gesamtenergiestrategie verfolgt die Urner Regierung

nämlich das Ziel einer Vollversorgung des

Kantons mit Strom aus Urner Wasserkraft und neuen

erneuerbaren Energien.

Der Strom-Tsunami ist im Anzug

Damit nehmen diese Städte und Kantone einen politischen

Trend auf, der in den Kantonen Basel-Stadt,

Baselland, Waadt und Genf seit Jahren verfassungsmässig

verankert ist: Die Regierungen dieser Kantone

sind verpflichtet, alles zu unternehmen, um den Bau

neuer Atomkraftwerke auf ihrem Kantonsgebiet oder

in ihrer Nachbarschaft zu verhindern. 10 In diesen Kantonen

gehört es folgerichtig auch zur Strategie, einen

Strommix ohne Atomstrom zu erreichen. Die Industriellen

Werke der Stadt Basel haben dies 2007 fast

geschafft. 92% des Basler Strommixes stammte aus

erneuerbaren Energien, Abfällen und Gas-Blockheizkraftwerken.

Auch die Services Industriels de Genève

(SIG), die dem Kanton, der Stadt und den Gemeinden

Günstiger Atomausstieg

Wie hoch ist die Zahlungsbereitschaft der StromkonsumentInnen für eine 100prozentige

Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien? Eine Umfrage der

management tools ag kommt zum Schluss: «Energie-Mehrkosten von 10 Franken

pro Monat oder 120 Franken pro Jahr aufzuwenden, ist jeder Befragte bereit.» 11

Gemäss Massimo Filippini, Professor für Volkswirtschaftslehre und Energiewirtschaft

an der ETH Zürich, sind mehr als 45 Prozent der Konsumenten bereit,

zusätzlich 5–6 Rp./kWh zu bezahlen, wenn sie dann ausschliesslich Strom aus

erneuerbaren Quellen erhalten. 12 Das entspricht für einen typischen Vierpersonenhaushalt

mit einem Jahresstromverbrauch von 4000 Kilowattstunden Mehrkosten

von 200 bis 240 Franken pro Jahr. Der Vergleich von ausgewählten Stromprodukten

zeigt, dass der Preis für den persönlichen Ausstieg aus der Atomenergie heute

durchaus im Rahmen der Zahlungsbereitschaft für eine Vollversorgung mit Strom

aus erneuerbaren Energien liegt: 13

n In der Stadt Zürich kostet die Vollversorgung mit «naturemade basic»-Strom

aus Wasserkraft (ewz.naturpower) pro Jahr lediglich 21.60 Franken mehr. Die

Mehrkosten für die Vollversorgung mit «naturemade star»-zertifiziertem Ökostrom

(ewz.ökopower) liegen pro Jahr bei 194 Franken.

n Das günstigste Axpo-Vollversorgungsangebot aus mittleren und grossen Wasserkraftwerken

nach TÜV-Standard (Naturstrom blue) kostet pro Jahr 97 Franken

mehr.

n Die Vollversorgung mit «naturemade star»-Ökostrom aus Wasserkraft (1to1

energy water star) kostet bei den BKW 169 Franken pro Jahr mehr.

gehören, belieferten ihre Kunden 2007 mit Strom,

der zu 89% aus zertifizierten Wasserkraftwerken, Biomasse-

und Solarstromanlagen stammt.

Hält man sich die atemberaubenden internationalen

Wachstumsraten bei der Stromproduktion aus erneuerbaren

Energien vor Augen, bleibt eigentlich nur ein

Schluss: In der Schweiz wird zu viel politische Energie

darauf verwendet, die Stromproduktion aus erneuerbaren

Energien auf Bonsai-Niveau zu halten. Derweil

braut sich an vielen Ecken der Welt ein Strom-Tsunami

der erneuerbaren Energien zusammen. Er wird an

der Schweizer Grenze und vor den Atomkraftwerken

nicht Halt machen. <

7 Ein interessantes Detail: Der durchschnittliche Kunde hält einen Mix aus Wasserkraft,

Gaskraftwerken und einem kleinen Anteil neuer erneuerbarer Energien in

der Übergangszeit bis zur Vollversorgung aus erneuerbaren Energien, im Vergleich

zu einem Mix mit neuen Atomkraftwerken für das geringere Übel.

8 Stromdeklaration 2007

9 Energiestrategie 2006 des Kantons Bern, beschlossen vom Regierungsrat am

5. Juli 2006

10 KV Basel-Stadt Art. 31, KV Basel-Landschaft Art. 115, KV Waadt Art. 56

11 Persönliche Interviews mit deutschsprachigen Männern und Frauen in Zürich,

Stichprobe: 226, Erhebungsdatum 13.08.2008

12 NZZ, 26. Mai 2007

13 Typischer Vierpersonenhaushalt: Verbrauch 4000 kWh/a, Mehrkosten gegenüber

Strommix mit Atom- und Importstrom sowie Wasserkraft

Energie & Umwelt 4/2008


sackgassE «nEUE schwEizEr akw»

AKW-Pläne blockieren saubere

Stromzukunft

Mit den eingereichten Gesuchen für neue Atomkraftwerke hat sich die Schweizer Stromwirtschaft

in eine Sackgasse manövriert. Diese ist beschildert mit: «Planen und Bauen während

mindestens 18 Jahren». Neue AKW-Pläne blockieren dabei den Weg hin zu mehr Energieeffizienz

und mehr Erneuerbaren. Doch der Stromwirtschaft steht ein grosses Stopp-Schild im

Weg: Frühestens 01 wird das Stimmvolk an der Urne über den Bau neuer AKW entscheiden.

8 Energie & Umwelt 4/2008

Von SABINE VON STOCKAR

SES-Projektleiterin Atomenergie

Der Bundesrat hat sich im Frühling 2007

auf Basis der BFE-«Energieperspektiven

2035» für die Option neue AKW entschieden.

Die Variante E des Szenarios IV, die

aufzeigt, wie der Schweizer Strombedarf

dank Energieeffizienz und erneuerbaren

Energien gedeckt werden kann, wurde

beiseite gelegt. Inwiefern die Energieperspektiven

diesen Entscheid beeinflusst haben, ist unklar.

Das erste AKW-Gesuch wurde von der ATEL überraschend

im Juni 2008 eingereicht und hat die Strategie

der zwei weiteren Stromriesen durcheinander gebracht.

Mit der Gründung der RESUN AG versuchten

AXPO und BKW der Schweizer Bevölkerung glaubhaft

zu machen, dass sie sich mit gemeinsamen AKW-

Plänen um die Versorgungssicherheit der Schweiz

sorgen. Doch trotz dem Gösgen-II-Gesuch von ATEL,

das bezüglich Kapazität die drei kleinen und ältesten

AKW der Schweiz schon bei weitem ersetzen würde,

1 werden es BKW und AXPO nicht sein lassen. Vor

Jahresende sind also zwei weitere Gesuche für neue

AKW zu erwarten. Auch sie wollen ihr Mühleberg II,

beziehungsweise Beznau III. Insgesamt würde so das

4- bis 5-Fache der bis 2020 zu ersetzenden AKW-Kapazität

beantragt werden. Das zeigt, dass es nicht primär

um die Schweizer Versorgungssicherheit geht,

sondern vielmehr um rein wirtschaftliche Anliegen:

Stromüberschuss für den europäischen Handel produzieren,

gekoppelt mit Konkurrenzdenken zwischen

den Stromriesen.

Frühestens 01 entscheidet das Stimmvolk

Bis ein neuer Reaktor die erste Kilowattstunde ins

Netz speist, müssen die Betreiber eine Rahmenbewilligung,

eine Baubewilligung und eine Betriebsbewilligung

vom Bundesrat sowie ein JA vom Volk erhalten.

Der ganze Prozess dauert mindestens 18 Jahre (siehe

Graphik). Die erste Etappe heisst Rahmenbewilligung.

Dabei durchläuft das Gesuch verschiedene Etappen:

Die Hauptabteilung für die Sicherheit von Kernanlagen

(HSK) prüft die technischen Gegebenheiten während

rund 9 Monaten. Danach geht das Gesuch in die

Vernehmlassung zuhanden der betroffenen Kantone

und Fachstellen des Bundes. Gleichzeitig wird das Gesuch

öffentlich aufgelegt. Dabei kann jedermann eine

Einsprachen machen, die Standortkantone haben jedoch

kein Vetorecht. Die Gesuche werden anschliessend

vom Bundesrat und Parlament behandelt. Dieser

Prozess dauert mindestens weitere zwei Jahre. Gegen

den Entscheid aus Bundesbern kann das fakultative

Referendum ergriffen werden – das von der Stromwirtschaft

befürchtete Stopp-Schild.

Dass das fakultative Referendum ergriffen wird, ist

beschlossene Sache. Frühestens im Jahr 2012 wird das

Stimmvolk NEIN zu neuen AKW sagen können. Die

Stromwirtschaft muss damit rechnen, dass der Urnengang

die AKW-Träume an einem Sonntag vom Tisch

räumt.

Der Weg zu neuen AKW ist eine

Sackgasse

Die Stromwirtschaft behauptet, sie wolle auf alle

Technologien setzen: von den Erneuerbaren bis zur

Kernenergie. Doch auf neue AKW zu setzen, hat tiefgreifende

Konsequenzen. Jeder Franken kann nur einmal

ausgegeben werden. Würde die Option Atom gewählt,

sind mindestens 20 Milliarden Franken für den

langwierigen Bau von drei neuen Atomkraftwerken

blockiert. De facto fehlen dann diese Milliarden für

Investitionen in zukunftsfähige und saubere Technologien.

Klar ist auch: Wenn die Schweiz auf neue AKW

setzt, wird weiterhin eine Politik der Stromverschwendung

eingeschlagen. Solange Bandstrom «en masse»

produziert wird, steigt der Stromverbrauch auch weiterhin

– daran werden auch die gutgemeinten Bonsai-

Projekte von EnergieSchweiz nichts ändern.

Potenziell neue Schweizer Kühltürme stehen deshalb

jeder zukunftsweisenden Entscheidung im Weg. Ein

AKW bauen zu wollen, ist mit einer Verhinderungs-


AKW-Bewilligungsverfahren: mindestens 18 Jahre bis zur ersten Kilowattstunde Strom

2008

ca. 2012

Referendum

ca. 2016

ca. . 2022 ca. . 2026

Rahmen-

bewilligungs-

gesuch (RBG)

ca. 4 Jahre

Baubewilligungsgesuch,

ca. . 4 Jahre

Frühestens im Jahr 2012 wird das Stimmvolk NEIN zu einem neuen AKW sagen können. Die fünf bestehenden Schweizer AKW wurden ohne

Volksabstimmung gebaut. Damals gab es keine Gesetze dazu.

politik von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien

gleichzustellen. Wir stehen deshalb vor einer Wegscheide:

Solange neue Atomkraftwerke in Sicht sind,

werden weder erneuerbare Energien noch Effizienzmassnahmen

ernsthaft gefördert.

Scheinargumentation der Stromwirtschaft

geht nicht auf

Die Stromwirtschaft argumentiert für neue AKW mit

zwei Schlagwörtern: AKW-Ersatz und Klimaschutz.

Doch da gibt es ein paar Denkfehler: Um 2020 gehen

die alten AKW vom Netz. Bis dann kann aber kein

neues stehen. Sehr optimistisch gerechnet, könnte

frühestens 2026 ein neues AKW die erste Kilowattstunde

ins Netz speisen. Die «Ersatz-AKW» kommen also

so oder so zu spät. Effizienzmassnahmen hingegen

greifen postwendend. Biomasse-, Wind- und Sonnenkraftwerke

sind kleinere Anlagen, die viel schneller

zu bauen sind und bereits vor 2020 sauberen Strom

produzieren können.

Und wie steht es mit dem AKW und dem Klimaargument?

Der Klimawandel geht rasant voran: die CO2-

Emissionen müssen sofort reduziert werden. Kann ein

AKW einen Beitrag beisteuern?

n Atomstrom ist keineswegs CO2-frei. Abbau und

Aufbereitung des Urans sowie die Entsorgung der

radioaktiven Abfälle sind energieintensiv und produzieren

CO2. Es gibt Berechnung, die von 100g/KWh

ausgehen.

n Ersetzen wir das kleine AKW Mühleberg mit einem

fast fünfmal grösseren EPR, 2 so würde die Schweizer

Stromproduktion auch fünfmal mehr CO2 produzieren.

n Ein AKW ist ein nicht regulierbares Kraftwerk und

produziert zum Beispiel in der Nacht «Überschussstrom».

Dieses Überangebot sucht eine Nachfrage

Bau

ca. 6 Jah

. re Betriebs-

bewilligung

ca. . 4 Jahre

Betrieb

(z.B. Elektroheizungen, Pumpspeicherung), stimuliert

die Stromverschwendung und führt so zu unnötigem

CO2-Ausstoss.

Die AKW-Bewerber Axpo, BKW und ATEL bauen zurzeit

im Ausland im grossen Stil fossile Gas- und Kohlenkraftwerke.

Da das Klimaproblem wirklich keine

Landesgrenzen kennt, macht dies die Stromwirtschaft

unglaubwürdig.

Das Klimaproblem drängt. Lösungen müssen heute

gefunden werden. Nicht erst in 20 Jahren. Wer es also

ernst meint mit Klimaschutz, setzt auf Effizienzmassnahmen:

Diese können morgen umgesetzt werden,

reduzieren geradewegs CO2 und sind kostengünstiger.

Ein Franken investiert in Effizienzmassnahmen ist

3 bis 10 Mal klimawirksamer als ein Franken, der in

ein AKW investiert wird. 3

Kühltürme stehen im Weg

Die Schweizer Strompolitik befindet sich in der

AKW-Sackgasse – mindestens noch bis zur Abstimmung

2012. Um diese nicht verlassen zu müssen,

bemüht sich die Stromwirtschaft, die öffentliche

Meinung mit aufwändigen PR-Kampagnen und Scheindialogen

zu biegen. Doch die Argumente gegen neue

AKW sind einleuchtend und schlagkräftig. Das Stimmvolk

wird realisieren, dass neue Atomkraftwerke nicht

Teil der Lösung sind, sondern uns nur im Weg stehen,

um eine sichere, unabhängige und saubere Stromversorgung

anzustreben. Erst wenn die Option «neue

AKW» vom Tisch ist, kann die nachhaltige Energie-

Zukunft beginnen! <

1 Mühleberg und Beznau I+II haben eine Kapazität von 1085 MW, der ATEL-Wunschreaktor

hätte 1600 MW

2 gewünschter Reaktortyp der Stromwirtschaft mit einer Leistung von 1600 MW

3 A. B. Lovins, RMI «forget Nuclear»

Energie & Umwelt 4/2008 9


wohin mit dEm schwEizEr atommüll?

Wer zieht den radioaktiven Schwarz-Peter?

Die Nagra hat zusammen mit dem BFE am 6. November die sechs möglichen Standorte

für den Schweizer Atommüll bekannt gegeben. Zur Wahl stehen drei Standorte für

hochaktiven Atommüll (Zürcher Weinland, Nördlich lägern, Bözberg) und drei Standorte

für schwach- bis mittelaktiven Abfall (Südranden, Jura-Südfuss und Wellenberg). Den

Plänen fürs Atommüllendlager droht heftiger Widerstand. letztlich wird das Schweizer

Stimmvolk den Widerstand der lokalbevölkerung aber ganz demokratisch überstimmen.

10 Energie & Umwelt 4/2008

Von RAFAEl BRAND

E&U-Redaktor

Atommüll fällt in der Schweiz bereits

seit vierzig Jahren an. Unglaublich, aber

wahr: Auch die Schweiz kippte zwischen

1962 bis 1982 über 7500 radioaktive Container

einfach und sorglos ins Meer. 1 Jetzt

– nach jahrzehntelanger Vorarbeiten der

Nagra (Nationale Genossenschaft für

die Lagerung radioaktiver Abfälle) – soll

«endlich» ein Schweizer Endlager für

Atommüll geplant und gebaut werden. Nach Rückbau

und Stilllegung der heutigen Schweizer AKW werden

rund 100‘000 m 3 radioaktiver Abfall zu «entsorgen»

sein. Das entspricht etwa dem Volumen der Zürcher

Hauptbahnhofhalle. 2

Dialog mit der Bevölkerung

Gemäss Kernenergiegesetz müssen die radioaktiven

Abfälle von ihren Verursachern entsorgt werden. So

steht es im Gesetz und ist in der Bevölkerung, aber

auch politisch unbestritten. 3 Am vergangenen 6. November

haben nun die Nagra und das Bundesamt für

Energie BFE die sechs möglichen Standorte für die

Lagerung hochradioaktiver (HAA) und schwach- und

mittelaktiver Abfälle (SMA) bekannt gegeben (siehe

Karte nebenan). Direkt betroffen sind mehrere Dutzend

Gemeinden in den Kantonen Aargau, Nid-/Obwalden,

Schaffhausen, Solothurn, Thurgau und Zürich.

Das BFE und die Nagra wollen nun in drei Etappen, die

alle mehrere Jahre dauern, die Standorte in Zusammenarbeit

mit den betroffenen Regionen eingehend

prüfen und «einengen». Ziel ist es, in rund 10 Jahren

die Standortwahl für eine oder zwei Schweizer Tiefenlager

abzuschliessen. BFE-Direktor Walter Steinmann

1 Susan Boos, «Die Strahlende Schweiz». Handbuch zur Atomwirtschaft, 1999.

2 www.energiestiftung.ch (Menüpunkt «Atommüll»).

3 Nagra-Umfrage zur Entsorgung radioaktiver Abfälle, www.news.ch, 17.7.2008.

4 Neue Luzerner Zeitung, Der Bund steht im Gegenwind, 26.11.2008.

5 Tages-Anzeiger, Empörung über die Pläne für Atomendlager, 7.11.2008 /

bernerzeitung.ch, Radioaktive Abfälle: Weinland, Lägern, Bözberg, 6.11.2008.

Neue Luzerner Zeitung, Leuenberger provoziert die Nidwaldner, 7.11.2008.

Neue Luzerner Zeitung, Der Bund steht im Gegenwind, 26.11.2008.

an der Medienkonferenz dazu: «Jetzt beginnt der

Dialog mit der Bevölkerung [..]».

Alleine bis Ende Jahr stehen auf dem Terminkalender

der BFE- und Nagra-Vertreter insgesamt acht Informationsveranstaltungen

in den gewählten Standortregionen

für ein Atommülllager. Die Schweizerische Energiestiftung

SES kritisiert ganz klar, dass die Nagra und

das BFE einseitig ihre Standpunkte darlegen können.

Es sind keine Gegenstimmen und kritische Atomabfall-Experten

eingeladen, um im Sinne ausgewogener

Information auch über mögliche Schwachpunkte und

Unklarheiten betreffend dem Tiefenlager-Konzept der

Nagra zu informieren. Diese Info-Veranstaltungen

sind also eher einem Monolog statt Dialog gleichzustellen.

Das merkt offenbar auch die Bevölkerung:

So blieb der Saal anlässlich dem Info-Abend in Engelberg

zum Endlager am Wellenberg halb leer, und die

sechs Nagra- und BFE-Vertreter hatten einen mehr als

schweren Stand beim Werben um Verständnis. 4 Die

weiteren Informationsveranstaltungen werden wohl

weit besser besucht sein. Die Nagra- und BFE-Vertreter

werden auf wenig Gegenliebe stossen, und steifer

Gegenwind ist angesagt.

Widerstand ist formiert

Sechs Standorte sind geologisch geeignet für den Bau

von Tiefenlagern. Und in allen Regionen formiert sich

Widerstand. Alle Kantone, die in Frage kommen, wollen

derzeit von einem Tiefenlager auf ihrem Gebiet

nichts wissen und wehrten sich mit pointierten Communiqués

gegen die Entsorgungspläne.

Zum Beispiel der Zürcher Regierungsrat: Er unterstützt

zwar grundsätzlich das Standort-Auswahlverfahren.

Es kommt für ihn aber gegenwärtig nicht

in Frage, im Kanton Zürich ein Atommüll-Lager zu

bauen. Die Zürcher Regierung verweist – wie andere

Kantonsregierungen auch – darauf hin, dass Zürich

bereits heute genügend Sonder- und Zentrumslasten

zu tragen habe. Die Schaffhauser Regierungsrätin

Ursula Hafner-Wipf gab sich sehr überrascht, dass

neuerdings auch «Südranden» wieder als mögliches

Tiefenlager zur Debatte steht. Genauso wunderte sich

die Solothurner Regierung über den Standort «Jura-

Südfuss», weil dieser in der Nagra-Bewertung nicht als


«sehr geeignet», sondern nur als «geeignet» eingestuft

wird. Am grössten war die Empörung in Nid-/Obwalden.

In zwei denkwürdigen Abstimmungen (1995 und

2002) hatte sich die Nidwaldner Bevölkerung bereits

klar gegen ein Endlager am Wellenberg ausgesprochen.

Nun erscheint der Wellenberg erneut auf dem

Nagra-Suchradar. «Für unser Demokratieverständnis

ist der Entscheid des Bundes schwer verständlich»,

so der Nidwaldner Regierungsrat Leo Odermatt klipp

und klar. Dass nun der Wellenberg entgegen gemachter

Versprechung seitens des Bundesrates und der

Nagra erneut als Endlager zur Wahl stehe, «verstösst

gegen Treu und Glauben». 5

Der Kanton Aargau als heimlicher Favorit?

Auch für den Aargauer Regierungsrat ist der starke

Fokus auf den Aargau überraschend und «nicht nachvollziehbar».

Doch die Grünen Aargau warnen: «Der

Aargauer Staat ist eng mit der Atomindustrie verflochten.

Baudirektor Peter C. Beyeler ist als Axpo-Verwaltungsrat

und vehementer AKW-Befürworter der

falsche Mann, um die Aargauer Interessen wahrzunehmen.»

6 Die SP Aargau doppelt nach: «Der Aargau

gilt als atomenergiefreundlichster Schweizer Kanton,

so dass das BFE hier noch am ehesten mit einer einvernehmlichen

Lösung rechnen könnte. Und beim Standort

Bözberg ist einzig der Kanton Aargau unmittelbar

betroffen, was die Verhandlungen des BFE enorm erleichtern

würde.» 7

Auch der «Tages-Anzeiger» bezeichnet den Kanton

Aargau als «heimlichen Favorit» und «Hoffnungsträger».

Die Zeitung will wissen, dass man im Departement

für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation

(Uvek) hinter vorgehaltener Hand auf Finnland

verweise. Dort entsteht nämlich das weltweit erste

Endlager auf dem AKW-Gelände in Olkiluoto – und

dies (so wirds kommuniziert) mit Zustimmung der lokalen

Bevölkerung. Im Uvek sei man deswegen «der Ansicht,

dass die Bevölkerung in der Umgebung eines

oder mehrerer AKW – lies: die Aargauer – am ehesten

Verständnis für das Entsorgungsproblem aufbringt». 8

Sechs Standorte als lager für Atommüll

Für hochradioaktive Abfälle sind von der Nagra und dem BFE

die drei Standorte Zürcher Weinland, Nördlich Lägern und

der Bözberg vorgeschlagen. Dort soll das bevorzugte Wirtgestein

– der Opalinuston – in geeigneter Ausdehnung und

Tiefenlage vorkommen.

Für schwach- und mittelaktive Abfälle stehen die Gebiete Südranden,

Jura-Südfuss und der Wellenberg zur Diskussion.

Dort sind als Wirtgesteine die Effinger Schichten und der

Helvetische Mergel zu finden. Die Nagra hat aufgrund rein

technisch-wissenschaftlicher Kriterien geeignete Gesteinsschichten

für ein sogenanntes «geologisches Tiefenlager»

gesucht. Das Lagerkonzept sieht vor, dass ein Lager mehrere

Jahrzehnte zugänglich bleibt, bevor es verschlossen

wird. Denkbar ist, dass statt zwei nur ein Kombilager für alle

Atomabfallkategorien gebaut wird. Hochaktiver Abfall muss

eine Million Jahre, schwach- und mittelaktiver Atommüll für

100’000 Jahre sicher gelagert werden.

Der Wellenberg zeigt, wohin die Reise geht

Ob dies reine Spekulation ist oder nicht: Die Suche

nach einem Atommüllendlager wird langwierig und

«unschöne» Züge haben. Das weiss auch der zuständige

Bundesrat Moritz Leuenberger: «Gegen den Willen

des Volkes unabhängig von der Staatsform kann

nirgends ein Endlager gebaut werden», erklärte er

noch anlässlich der internationalen Konferenz über

die Entsorgung von radioaktiven Abfällen, die im Oktober

2007 in Bern stattfand. 9 – Was plausibel tönt,

wird nur schwer realisierbar sein. Trotz aller Mitwirkung

und Demokratie: Es ist schon heute absehbar,

dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich wird, das

Einverständnis für ein Atomendlager im Einvernehmen

mit den Kantons- und Gemeindebehörden sowie

der Bevölkerung zu gewinnen. Für die Nagra- und BFE-

Vertreter könnte die Suche nach einem oder zwei Endlager

also zur «Mission impossible» werden.

Doch das tut letztlich nichts zur Sache. Die schweizerische

Demokratie wirds richten. Denn mit dem neuen

Kernenergiegesetz hat die Schweizer Politik nach

dem Debakel am Wellenberg wohlweislich das Vetorecht

der Standortregionen kurzerhand abgeschafft.

Der Nidwaldner Regierungsrat Leo Odermatt bringt

es auf den Punkt: 10 «Wir sind nicht blauäugig. Wenn

es zu einer Abstimmung kommt, ist es logisch, dass

alle anderen Kantone dafür sind. Wer willl den radioaktiven

Abfall in seinem Kanton, wenn ein anderer

zur Auswahl steht?» <

Video zur Debatte Atomendlager Wellenberg

www.zischgate.ch/multimediacenter/default.php?format=video&project=3584

Das Nagra-Lagerkonzept ist ungenügend: www.energiestiftung.ch

6 www.gruene-ag.ch, Medienmitteilung vom 9.11.2008.

7 www.sp-aargau.ch, Auftrag betreffend mögliche Standortgebiete für Tiefenlager

für radioaktive Abfälle im Kanton Aargau, 11.11.2008.

8 Tages-Anzeiger, Empörung über die Pläne für Atomendlager, 7.11.2008.

9 www.swissinfo.ch, Entsorgung von Atommüll bleibt heisses Eisen, 17.10.2007.

10 Neue Luzerner Zeitung, Leuenberger provoziert die Nidwaldner, 7.11.2008.

Energie & Umwelt 4/2008 11


EinE satirE aUs dEr zUkUnft

Ersatz für Mühlestein

Strahlend verliessen Bütikofer und Oberhänsli den Sitzungsraum und sagten mit Handschlag

zueinander: «Gimme five!». Sie kamen eben von einer Besprechung mit Vertretern

der französischen Nuklearbehörde und ranghohen Mitarbeitern der ATOFRANCE, dem

Generalunternehmen für die EPR-Reaktoren der dritten Generation. Die Sache mit dem

zukünftigen Schweizer AKW, das eines der «alten» ablösen sollte, liess sich sehr gut an.

1 Energie & Umwelt 4/2008

Von DIETER KUHN

SES-Vizepräsident

Was hiess da schon «alt», hatte sich damals

Oberhänsli gefragt. Die Dinger würden

hundert Jahre halten, so gut wurden

sie gehegt und gepflegt. Aber es gab Leute,

auch in gewissen Bundesämtern, die

beharrlich auf dem Abschalten nach ein

paar Jahrzehnten Laufzeit bestanden.

Wenigstens hatte man der Aufsichtsbehörde

noch einige zusätzliche Jahre abgetrotzt. Jetzt

war das Ende der Stange wirklich erreicht. Der «neue

Reaktor» den die ELSWISS projektierte, würde grösser,

schöner und zuverlässiger. Er wurde überall als Ersatz

für den alten Mühlestein-Reaktor bezeichnet, tatsächlich

aber hatte er eine dreimal grössere Leistung als

der gute alte Mühlestein.

Wenn Bütikofer an jenen Tag im Sitzungszimmer zurück

dachte, konnte er sich nur wundern: Was war

doch seither alles geschehen. Viele Umweltverbände

hatten ihnen Steine in den Weg gelegt. Aber es hatte

sich ausgezahlt, dass die ELSWISS gute Beziehungen

zum Parlament hatte. Einige Nationalräte waren nicht

alleine Volksvertreter, sondern bezogen beträchtliche

Entschädigungen von der ELSWISS. Allerdings: Bundesrat

Bärentaler bestand auf der Einhaltung der hintersten

und letzten Vorschrift. Als Jurist verstand dieser

von der Sache selber ja nicht viel. Deswegen ging

das Bewilligungsverfahren viel länger, als wenn mal

jemand ein Auge zugedrückt hätte.

Schliesslich konnte man doch mit dem Bau beginnen.

Das französische Fernsehen kam, auch viele private

Fernsehsender. Nur das linke Schweizer Staatsfernsehen

hatte sich dezent im Hintergrund gehalten und

(so hatte es später Bütikofers Chef treffend formuliert)

nach einem Haar in der Suppe gesucht. Beinahe hätte

es noch einen richtigen Tumult abgesetzt: Ein paar

Jusos und einige junge Grüne hatten es tatsächlich geschafft,

die Polizeiabsperrungen zu überwinden.

Ja, das war die Grundsteinlegung gewesen. Mit dem

ersten Spatenstich hatten dann die Schwierigkeiten

begonnen. Beim Aushub war man ins Grundwasser geraten.

Dass der Grundwasserspiegel in diesem extrem

nassen Sommer so hoch lag... Man hatte die Baustelle

mit Spundwänden umfahren und Wasser abgepumpt.

Das dauerte aber derart lange, dass das Amt für Wasserbau

den Braten gerochen hatte. Die Auflagen des

Amtes hatten den Bau beträchtlich verzögert.

Von wegen nasser Sommer: Da hatte ihm doch der

Amacher von der Finanzabteilung im darauf folgenden

Winter diese Postkarte geschickt.

Dieser Zahlenfuchser merkte nicht, dass genau der

neue EPR-Reaktor einen Beitrag gegen die weitere Klimaveränderung...

ach was, das verstand doch so ein

Buchhalter sowieso nicht. Bei den Betonarbeiten gab

es weitere Probleme: Die Eisenleger hatten die Armierungseisen

falsch verlegt. Der Polier hatte gewarnt:

Diese Nordafrikaner wissen nicht, wie das geht! Oberhänsli

hatte ihm den Lohnunterschied zwischen einem

Schweizer und einer Hilfskraft aus einem Nicht-EU-


Land erklärt. Die französischen Ingenieure

hatten die Armierung ungenügend

dimensioniert. Bütikofer erfuhr davon,

und nach Rücksprache mit Oberhänsli

(dem Chef sagten sie wohlweislich

nichts) angeordnet, Gras darüber wachsen

zu lassen, also zügig zu betonieren.

Fast schon wäre das Ganze mit frischem

Beton eingepackt gewesen, als die Baukontrolle

kam.

Sie beide kamen mit einem blauen Auge

davon. Die Zusammenarbeit mit der Polizei

klappte jedenfalls besser als jene

mit den Baukontrolleuren: Atomgegner

wurden schon frühzeitig fichiert.

Man hatte mit vielen Grundstücksbesitzern

in der Umgebung Pachtverträge

geschlossen, so dass mit Erfolg auf

Landfriedensbruch, Sachbeschädigung

usw. geklagt werden konnte, wenn sich

Gegner nur schon zu einer Protestversammlung

trafen. Aber ganz rund lief

die Sache doch nicht. Wie konnte man

sich sonst die Verzögerungen bei der

Anlieferung von Material wie Fertigbeton,

Stahlträgern, Baubaracken, Schalungsbrettern,

Spriessen usw. erklären?

Was würde erst passieren, wenn

heiklere Teile wie die riesigen Dampferzeuger,

die Turbinen und Generatoren

angeliefert werden sollten? Wenn er daran

dachte, schauderte es ihn trotz des

klimatisierten Büros. Aber gleich wurde

ihm wieder warm, wenn er an diese studierten

Eierköpfe von der Aufsichtsbehörde

dachte. Da ärgerte er sich heute

genauso wie damals: Die verlangten,

dass die Bauschlosser nachweisen, dass

sie gasdichte Nähte schweissen konnten!

Weil nur dann das Containment

dicht sei... So ein Schwachsinn! Wozu

erzeugt man denn später im Inneren

des Sicherheitsbehälters ständig Unterdruck?

Wohl wegen der einen oder anderen

Undichtigkeit!

Nun lagen ihm in letzter Zeit auch noch

der Amacher und andere Finanzleute

der ELSWISS in den Ohren: Das Ganze

müsste doch längst fertig sein; die Kosten

für das investierte Kapital stiegen

ins Unermessliche. Ja, was konnte er

dafür, dass alles immer länger ging und

komplizierter war, als man gemeint hatte!

Das lag an diesen Kontrolleuren und

an den Gegnern, die mittlerweile ihre

Arbeit nicht direkt auf der Baustelle,

sondern hinter den Kulissen behinderten:

Plötzlich wurde noch ein Nachweis

für das und ein nachträgliches Gesuch

für jenes verlangt! Wo blieb denn da die

Rechtssicherheit?!

Er nahm einen Schluck von seinem

unterdessen erkalteten Kaffee: Ihnen

war das Budget aus dem Ruder gelaufen,

weil seit der ersten Offertstellung

bei allen Angeboten die Rohstoffkosten

gestiegen waren! Das ging gewaltig ins

Geld, denn in so einem EPR steckt ziemlich

viel teures Material, wie hochfester

Stahl, Kupfer oder hochreines Aluminium!

Die Juristen der ELSWISS hatten

sich beim Abschluss der Verträge

einfach übers Ohr hauen lassen. Solche

Verteuerungen hätten sie bei der Bestellung

wegbedingen sollen. Nicht einmal

da konnte man sich auf die eigenen Leute

verlassen. Diese Juristen... und erst

die Verwaltungsräte:

Ein Verwaltungsrat hatte einen Anfall

von schlechtem Gewissen. Er erinnerte

sich daran, er sei eigentlich Volksvertreter,

da ja die öffentliche Hand Mehrheitsaktionärin

der ELSWISS sei. Er gab

so populistischen Kram von sich wie:

«Man kann doch ein AKW nicht gegen

den Willen des Volkes errichten!» Er

sprach von «Klumpenrisiko» und versuchte,

die anderen Verwaltungsräte

dazu zu überreden, sich vom Vertrag

mit der ATOFRANCE zurückzuziehen.

Kürzlich mussten Oberhänsli und Bütikofer

zum Chef. Da sass so ein Kerl von

der welschen ELEN, die praktisch die

ganze französische Schweiz mit Strom

versorgte. Er wollte sich in den neuen

Reaktor einkaufen: Er beteilige sich

heute an den ständig steigenden Kosten,

dafür wolle er später Bezugsrechte

und Sondertarife haben. Ja wozu baut

die ELSWISS wohl einen zu grossen Reaktor?!

Weil sie an die Zukunft denkt;

nicht um der Konkurrenz zu tiefen Preisen

Strom verkaufen zu müssen.

Wenn Bütikofer an diesen bisherigen

Tiefpunkt in der Geschichte des Neubaus

des ersten Schweizer EPR dachte,

wurde er unsicher: Hatten er und Oberhänsli

doch aufs falsche Pferd gesetzt?

Hätten sie sich bewerben sollen, als

Leute für den Bau der neuen Gleichstrom-Übertragungsleitung

quer durch

Europa gesucht worden waren? Oder

hätten sie anheuern sollen, als Personal

zum Bau der grossen Solarfelder in der

Sahara gesucht worden war? Unsicher

kratzte er sich am Kopf... <

FIlME ZUM THEMA

China Syndrom & Silkwood

Die beiden Filme aus den Siebzigerjahren haben

einige Gemeinsamkeiten:

n Bei beiden geht es um Atomtechnologie.

n Beide stützen auf reale Fakten ab.

n Es spielen bekannte Hollywood-Stars mit.

Das China Syndrom (1979) wurde zur Sensation,

als sich wenige Wochen nach seinem

Start der atomare Zwischenfall auf Three Mile

Island ereignete. Jane Fonda spielt eine Fernseh-Reporterin,

die eine Routine-Geschichte

über das örtliche Atomkraftwerk vorbereitet,

die sich aber zu einer Enthüllung von epischen

Proportionen ausweitet. Sie und ihr Kameramann

(Michael Douglas) verbünden sich

mit einem Ingenieur aus dem Kraftwerk (Jack

Lemmon). Gemeinsam enthüllen sie die Gefahren,

die sich im Reaktor verbergen. «Das

China Syndrom» ist einer der bestgemachten

Streifen zur Nuklear-Problematik. Produzent

Michael Douglas bewies, dass Kritik an einflussreichen

Interessenverbänden möglich

ist. Tage nach dem Start ereignete sich in

Harrisburg, Pennsylvania, der geschilderte

Reaktorunfall.

Silkwood: Karen Silkwood (Meryl Streep)

arbeitet wie ihr Freund Drew Stephens (Kurt

Russell) und ihre Freundin Dolly Peliker

(Cher) in der Plutonium-Fabrik «Kerr-McGee»

in Cimarron, Oklahoma. Täglich werden sie

nach der Arbeit auf Strahlenbelastung kontrolliert.

Als eines Tages der Zeiger bei Karen

ausschlägt, glaubt man zuerst an einen

technischen Fehler. So ist es jedoch nicht: Der

Störfall war nicht so harmlos, wie man glauben

machen wollte. Karen geht der Sache

nach. Sie stösst auf erbitterten Widerstand

von der Fabrikleitung. Ihr bleibt nur der Weg

an die Öffentlichkeit. Als Karen einem Reporter

der «New York Times» Belastungsmaterial

zuspielen will, kommt sie am 13.11.1974

unter ungeklärten Umständen bei einem

Autounfall ums Leben. Der authentische Fall

gehörte zu den Politskandalen der 70er Jahre.

Zwei Filmstudenten recherchierten ihren

Fall und brachten ihn vor Gericht. 1984 wurde

Silkwoods Eltern Schadenersatz in Millionenhöhe

zugesprochen.

Filme erhältlich unter: www.amazon.de

Energie & Umwelt 4/2008 1


intErviEw mit JürgEn trittin, Bündnis 90/diE grünEn

Neue AKW führen zu

Stromverschwendung und Ineffizienz

Bisher wurden für den Neubau von AKW immer staatliche Subventionen benötigt. Nach

rein wirtschaftlichen Kriterien wären neue Schweizer AKW nicht realisierbar, da Atomstrom

aus neuen Anlagen deutlich teurer ist als Strom aus Erneuerbaren. Ohne Subventionen

wird es in der Schweiz keine neuen AKW geben. So Jürgen Trittin, ehemaliger

deutscher Bundesumweltminister, im Interview mit dem E&U.

Interview von RAFAEl BRAND

E&U-Redaktor

14 Energie & Umwelt 4/2008

E&U: Wie ist Ihre Prognose. Wird die Schweiz neue

AKW bauen?

« Das ist noch nicht ausgemacht. Wenn es nach rein

wirtschaftlichen Kriterien gehen würde, wäre der

Neubau eines AKW ausgeschlossen, da Atomstrom aus

neuen Anlagen deutlich teurer ist als der Strom aus

erneuerbaren Energien. Wir wissen aber, dass der Bau

von Atomkraftwerken bisher noch kein einziges Mal

rein wirtschaftlich geschehen ist. Bisher wurden immer

staatliche Subventionen für einen Neubau benötigt.

Der Neubau des AKW in Finnland wird u.a. durch

einen Kredit der Bayrischen Landesbank zu 2.6% Zinsen

subventioniert. Ohne solche Subventionen wird

es auch in der Schweiz keinen Neubau geben. Deshalb

lohnt sich der politische Kampf dagegen. »

E&U: Voraussichtlich 2012 wird über den Bau neuer

Schweizer AKW entschieden: Weshalb raten Sie der

Stimmbevölkerung, Nein zu sagen?

« Neben dem hohen Preis für Atomstrom aus neuen

Anlagen gibt es eine Reihe von weiteren Gründen. Zuallererst

die Sicherheit. In allen AKW – auch in den

neuen – kommt es regelmässig zu Störfällen. Sowohl

beim Neubau in Finnland wie auch in Frankreich wurden

von der Grundsteinlegung an, immer wieder Baumängel

festgestellt. AKW sind grundsätzlich nicht

sicher, und von diesen wird immer eine Gefahr ausgehen.

Seit dem 11.9.2001 muss auch jedem klar sein,

dass AKW potenzielle Angriffsziele von Terroristen

sind. Gegen einen Absturz eines Grossflugzeuges ist

kein AKW auf der Welt geschützt. Ähnlich wie in

Deutschland ist auch in der Schweiz die Endlagerung

des Atommülls noch ungeklärt – und auch deren

Kosten. Dies alles sind ausreichend Gründe, um klar

Nein zu sagen. »

E&U: Die Schweiz produziert rund 40% Atomstrom:

Können Energieeffizienz und Erneuerbare diesen

Anteil je ersetzen?

« 1998 hatte Deutschland bei der Stromproduktion

einen Anteil an erneuerbaren Energien von 4%. Diesen

konnten wir bis heute auf über 15% steigern und

er soll nach Vorstellung der Bundesregierung bis 2020

30%, nach denen der Industrie sogar 40% betragen.

Natürlich lässt sich der deutsche Erfolg nicht eins zu

eins auf die Schweiz übertragen. So kann der Windkraftanteil

aufgrund der fehlenden Möglichkeit, Off-

Shore-Windparks zu realisieren, nicht im gleichen

Masse zulegen. Aber auch der innerdeutsche Vergleich

zeigt, dass jede Region ihre Chancen bietet. Die

Schweiz hat ihre Potenziale bezüglich erneuerbaren

Energien sowie Energieeffizienz noch lange nicht

ausgeschöpft und hat durchaus die Möglichkeit, bis

2020–2025 ihren Atomstrom zu ersetzen. »

E&U: Die Stromlobby will drei neue AKW und zig

Milliarden investieren: Verbaut sich die Schweiz die

Energiewende?

« Man kann Geld nur einmal ausgeben. Wenn man

Milliarden für den Neubau von AKW ausgibt, verbietet

es sich geradezu, auch nur einen Rappen in den Ausbau

der Energiewende zu stecken. Denn wenn man

drei AKW baut, muss man mehr Strom zu höheren

Preisen verkaufen. Und das geht nicht, wenn die StromkundInnen

die Wahl haben, auf billigere erneuerbare

Energien auszuweichen. Ausserdem führten AKW in

der Vergangenheit immer zu Energieverschwendung

und Ineffizienz. In Belgien wird die Autobahn beleuchtet

und in Deutschland hat man Nachtspeicherheizungen

installiert, beides um eine gleichmässig

hohe Grundlast zu erreichen. In Frankreich wird im

Winter elektrisch geheizt und im Sommer elektrisch

gekühlt. Eine Energiewende bekommt man nicht mit

rückwärtsgewandten Technologieansätzen, sondern

nur mit neuer hocheffizienter Technologie. »

E&U: Neue AKW als Goldesel der Atomlobby: Sind

neue AKW überhaupt finanzierbar – und rentabel

zu betreiben?

« Der AKW-Neubau in Finnland wurde zu einem

Festpreis von 3 Milliarden Euro geplant. Heute sind

die Kosten bereits bei 3,5 Milliarden Euro und man

geht davon aus, dass die Kosten bei Fertigstellung

weit über 4 Milliarden Euro betragen werden. Um das

AKW rentabel zu betreiben, müsste es 60 Jahre lang (!)

Strom liefern – und dies ohne grössere Pannen. Zwar

sind die Mengen an Energierohstoffen im Vergleich zu


« Es gibt keine Stromlücke, sondern eine Stromlüge. Die Propheten rechnen sich ihre Zahlen so hin, dass eine

Stromlücke entsteht, die nur durch den Neubau von Kohlekraftwerken oder AKW zu verhindern ist. »

einem Kohlekraftwerk gering. Der Abbau von Uran,

die Aufbereitung und Anreicherung sowie der Transport

sind aber sehr energieintensiv. Die Lagerstätten

mit hohen Urankonzentrationen sind sehr begrenzt

und der Aufwand, um Uranbrennstoff zu erzeugen,

wird immer höher. Entsprechend wird auch der Preis

steigen – vor allem wenn zahlreiche AKW neu gebaut

würden. Es brauchte keine Finanzmarktkrise, um

die Finanzierung eines AKW über den Finanzmarkt

zu verhindern. Der US-Präsident Bush hat acht Jahre

lang für den Neubau von 50 AKW geworben. Tatsächlich

hat er aber für kein einziges AKW einen Investor

gefunden. Ähnlich sieht es auch mit den Ankündigungen

in Grossbritannien aus. Erst als die Regierung

Subventionen versprochen hat, haben sich Interessenten

gefunden. Diese wollen aber vom AKW-Bau und

vom Betrieb profitieren. Die Kosten für den Bau und

möglichst auch die Kosten für die Endlagerung soll

doch dann bitte der Staat übernehmen. »

E&U: Zukünftig wird die grosse Stromlücke prognostiziert:

eine drohende Realität oder nur eine

Denklücke?

« Dies ist eine Denklücke, es gibt keine Stromlücke,

sondern eine Stromlüge. Die Propheten einer Stromlücke

rechnen sich ihre Zahlen so hin, dass eine

Stromlücke entsteht, die nur durch den Neubau von

Kohlekraftwerken oder AKW zu verhindern ist. Eine

realistische Betrachtung der Situation ergibt ein ganz

anderes Bild. Natürlich wird eine Energiewende auch

Herausforderungen mit sich bringen. Der Bau von

Grosskraftwerken, insbesondere von AKW, führte

zur Zentralisierung der Stromversorgung mit hohem

Grundlastanteil. Dies musste bewältigt werden, und

dafür wurde die Infrastruktur ausgelegt. Eine Energie-

wende besteht nicht nur darin, Windkraftanlagen,

Wasserkraftwerke, Biomasseanlagen u.a. in Betrieb zu

nehmen. Dazu gehört auch, dass man die Netze verändert,

das Netzmanagement modernisiert und neue

Technik zum Einsatz kommt. Durch den Einsatz effizienter

Stand-by-Schaltungen mit einem Verbrauch

unter einem Watt oder mit dem Einsatz hocheffizienter

Drehstrommotoren in der Industrie lässt sich

mit wenig Aufwand die Produktion von mehreren

Grosskraftwerken ersetzen. »

E&U: Was kann die Schweiz energiepolitisch von

Deutschland lernen? Was raten Sie der Schweiz, damit

es keine neuen AKW braucht?

« Die rot-grüne Bundesregierung hat mit der Ökosteuer,

dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG), dem

Marktanreizprogramm und dem Atomausstieg die

Energiewende in Deutschland eingeleitet und einen

Boom beim Ausbau der Erneuerbaren eingeleitet.

Dieser schafft Arbeitsplätze und hilft der mittelständischen

Industrie zukunftsfähige Märkte zu erschliessen.

Längst ist Deutschland bei Wind und Photovoltaik

Weltmeister und Weltmarktführer. Insbesondere

das EEG mit Einspeisevergütung und festen Rahmenbedingungen,

aber auch der Atomausstieg, der den

Investitionsbedarf planbar machte, hat sich als besonders

wirksam herausgestellt und wurde daher von

zahlreichen Staaten kopiert. Auch die EU-Kommission

attestiert dem EEG, dass es besonders effektiv und

effizient und das kostengünstigste Instrument zum

Jürgen Trittin, 54, war von 1998 bis 2005 deutscher Bundesminister für Umwelt,

Naturschutz und Reaktorsicherheit. Seit 2005 ist er stellvertretender Vorsitzender

der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Energie & Umwelt 4/2008 1


atomarE störfällE in dEr krisEnkommUnikation

Der AKW-Störfall als Normalfall

Die Kommunikationsrituale bei Störfällen sind bekannt. Die Betreiber der AKW und

Aufbereitungsanlagen behaupten, es bestehe keine Gefahr für Mensch und Umwelt.

Trotzdem werden häufig weitreichende Vorsichtsmassnahmen eingeleitet. Verschwiegen

wird, wie nah der Störfall an einer Katastrophe war.

16 Energie & Umwelt 4/2008

Von BARBARA STENGl

SES-Medienverantwortliche

Autos fahren mit Lautsprechern durch

Ihre Wohnstrasse. Aus den Lautsprechern

tönt: «Bitte essen Sie den Salat und die

Äpfel aus Ihrem Garten nicht. Bitte keine

Milchprodukte aus der Region verzehren.»

Wie wäre das? Klingt ausgedacht?

In Belgien ist das passiert. Im Atomforschungsinstitut

Fleurus gab es im August 2008 einen

gravierenden Störfall. Radioaktives Jod-131 wurde

freigesetzt. Erst mit viertägiger Verspätung wurde

europaweiter Alarm ausgelöst. 1 Laut Betreiber drohte

aber keine Gefahr für Mensch und Umwelt. Dieses

Beispiel verdeutlicht die widersprüchliche Situation

für die Bevölkerung. Die zuständigen Behörden geben

vor, alles unter Kontrolle zu haben. Die Realität ist

eine andere. 2

AKW und Wiederaufbereitungsanlagen sind komplexe

und gefährliche Gebilde, die immer Unwägbarkeiten

in sich bergen. Das Schreckgespenst von Tschernobyl

muss nicht immer an die Wand gemalt werden, um

die Gefahr zu begreifen. Es reicht der Blick nach Belgien,

Schweden, Frankreich oder eben in die Schweiz.

Sätze wie «Lecks wie in Tricastin gehören zum Alltag»

verdeutlichen dies. 3

Störfall Tricastin: keine Gefahr...

In einer Sommernacht, es ist der Dienstag, 8. Juli 2008,

sind aus dem Rückhaltebecken der Atomanlage Tricastin

(Frankreich) mehrere Tausend Liter einer uranhaltigen

Flüssigkeit ausgetreten. Um wie viele Liter

es sich genau handelte, bleibt ein Rätsel. Die von der

Betreibertochter SOCATRI 4 angegebenen 30’000 Liter

wurden später auf 18’000 Liter korrigiert. 18’000 Liter

oder 30’000 Liter Flüssigkeit? Die NZZ 5 gibt an, dass

mindestens 210 Kilogramm Natururan freigesetzt

und die Urankonzentration mindestens 12 Gramm

pro Liter betragen haben soll. Es sei ein Vielfaches des

Jahres-Abgabegrenzwertes an radioaktiver Strahlung

in die Umwelt gelangt. Das spielt für den Betreiber

offensichtlich keine Rolle. Die Flüssigkeit sei ohne Gefahr,

wie die Sprecherin der Areva-Tochter SOCATRI

versichert. Trotzdem bleibt das Fischen, der Wasser-

sport und die Bewässerung von Feldern bis auf weiteres

verboten. Der Störfall wurde als Stufe 1 auf der

INES-Skala 6 beurteilt. Eine langfristige Überwachung

der Gewässer wäre notwendig, um das Ausmass der

Kontamination zu erfassen. Auffällig ist, dass SOCA-

TRI erst 24 Stunden nach der Panne den Störfall meldete

und sich die französische Regierung nochmals

24 Stunden Zeit liess, um die Bevölkerung zu informieren.

Die Bevölkerung reagierte betroffen, und die

zuständigen französischen Behörden bemühten sich,

an den darauffolgenden Tagen zu beruhigen.

Kommunikation mit Eigeninteresse

Die Kommunikation im Fall Tricastin ist offensichtlich

von Eigeninteressen geleitet. Frankreich ist bedeutender

Exporteur von Atomstrom und möchte

einen Imageschaden vermeiden. Tricastin ist der

zweitgrösste Atomkomplex in Frankreich und damit

eine Art Aushängeschild. 7 Trotzdem ordnete die staatliche

französische Atomaufsicht ASN vier Tage nach

der Panne letztlich die Schliessung der defekten Atomentsorgungsanlage

an.

Vor der eigenen Haustür kehren

Diese Praxis ist auch in der Schweiz nicht ganz unbekannt.

Das weltweit älteste AKW Beznau führte mit

acht Störfällen im Jahr 2007 die Schweizer Statistik an.

Auch am 31. Januar 2008 kam es im Reaktorblock II

in Beznau zu einer unvorhergesehenen Schnellabschaltung.

Die Stromversorgung von mehreren Anzeigeinstrumenten

im Hauptkommandoraum war

ausgefallen. Die Techniker verfügten nicht mehr über

die nötigen Anzeigeinformationen und konnten das

automatische Ablassen von Frischdampf nicht verhindern.

Dank manueller Schnellabschaltung des Reaktors

konnte die Anlage stabilisiert werden. Dieser

Störfall wurde als INES-Stufe 1 klassifiziert.

HSK-Direktor Ulrich Schmocker ist trotz der acht

Störfälle mit der Sicherheit in Beznau zufrieden. Er

schliesst aus, dass der Grund für die häufigen Störfälle

im Jahr 2007 das Alter der Reaktoren sei. 8 In Spanien

und in Deutschland wurden vergleichbare Reaktoren

abgeschaltet. Beznau wird somit zur Testanlage für

AKW-Lebensdauer und Materialtechnik. 9

Im AKW Leibstadt, so Ulrich Schmocker, sei 2007 die

Sicherheit «nur ausreichend» gewesen. Ein Elektriker


löste ungewollt acht der 16 Sicherheitsabblase-Ventile

aus. Dies führte zu einem raschen Absinken des

Wasserstandes im Reaktordruckbehälter, was eine automatische

Reaktor-Schnellabschaltung verursachte.

Auch ein Teil des nuklearen Zwischenkühlwassersystems

funktionierte nicht wie vorgesehen. Dies sei, so

Schmocker, weltweit noch nie vorgekommen. Doch

Ulrich Schmocker stellt klar, die Sicherheit war in allen

Schweizer AKW im letzten Jahr jederzeit gewährleistet.

10 Das ist gängige Rhetorik aller AKW-Betreiber:

Wie schmal der Grat zwischen ungefährlichem und

kontrollierbarem Zwischenfall und einer veritablen

Katastrophe ist, wird meist verschwiegen. Auch im

Fall Leibstadt war das Gefahrenpotenzial grösser als

der tatsächliche Schaden.

Fast-Gau in Forsmark 006

Im Sommer 2006 fielen Teile der Notstromversorgung

aus und auf einen Schlag wurde klar, dass ein schwerer

AKW-Unfall jederzeit auch im hoch entwickelten Westeuropa

möglich ist. Zwar gelang es einem Mitarbeiter,

der entgegen der Vorschriften richtig handelte, den

sich erwärmenden Reaktor unter Kontrolle zu bringen

und so den Supergau verhindern. Wie konnte es zu

den gravierenden Sicherheitsmängeln kommen? Die

Staatsanwaltschaft in Uppsala hat nun Anklage gegen

die Betreiberfirma erhoben. Unter anderem hat die Betreiberfirma

den am stärksten betroffenen Reaktor 1

vor dem Zwischenfall so hochgefahren, dass die laut

Regierung zulässigen Kapazitätswerte während Wochen

überschritten wurden. Auch hier wurde erst ein

Tag später das Unglück gemeldet und der Reaktor lief

weiter, als ob nichts wäre.

Was passierte seit Tschernobyl? Kein grosser Unfall

mehr, keine massiven Mengen radioaktiver Substanzen,

keine Massenevakuationen, kein kontaminiertes

Land mehr. Alles ok? Sind die Risiken heute kontrollierbar

und ist die Sicherheit gewährt? Betrachtet man

die Störfallstatistik 11 ist die Frage schnell zu beantworten:

Die Risiken sind nicht kalkulierbar. Die Kommunikationspolitik

der Betreiber hat einzig zum Ziel, zu

beweisen, dass die Atomtechnik unter Kontrolle ist.

Fraglich ist, ob die Bewertungsinstrumente sinnvoll

sind. Zum Beispiel die INES-Skala. Manche Störfälle

bergen ein immenses Risiko und werden nach INES

trotzdem tief bewertet. Denn: INES reduziert die Störfälle

auf den radiologischen Aspekt und wertet nicht

das potenzielle Risiko, das bestanden hat. INES sagt

nichts darüber aus, wie nah die Situation an einer Katastrophe

war.

Warum verläuft die Störfall-Debatte – trotz zahlreicher

Störfälle – so lauwarm? Primär liegt es daran, dass mit

der Informationspolitik bei Störfällen stets suggeriert

Foto: Greenpeace, Leitinger

Greenpeace-Aktion AKW Bohemia, Slowakei

wird, dass «alles unter Kontrolle» ist. Zudem: Werden

die Störfälle immer mehr zum Normalfall oder anders

gefragt: Erhöht die Häufigkeit von Störfällen die Achtsamkeit

oder vielmehr die Gleichgültigkeit? 12

Die Risiken werden – je nach Sicht – entweder dramatisiert

oder aber banalisiert. Die einen hoffen auf

den Aufrüttelungseffekt. Die anderen argumentieren:

«Wenn alles gefährlich ist, ist nichts mehr gefährlich.»

Bruno Umiker 11 dazu: «Das vollständige Risikobewusstsein

(«Risk-Awareness») wird nur dann erreicht, wenn

über vorhandene Gefahren und das damit verbundene

Bedrohungspotenzial eindeutig, unmissverständlich

und nachvollziehbar informiert wird.» 13 Doch die Realität

ist derzeit eine andere: Störfälle werden hauptsächlich

als Normalfall kommuniziert. <

1 Stufe 3 auf der siebenteiligen Atom-Störfallskala INES

2 Vgl. Atomstopp, atomkraftfrei leben! Verspätete Störfallmeldungen, falsche Einschätzungen

der Atom-Gefahr, Vertuschungen. S. 3–4, 2008, Nr. 204

3 Tages-Anzeiger, 12.7.2008

4 La société auxiliaire du Tricastin (SOCATRI)

5 NZZ, Uran aus französischer Atomanlage entwichen, 10.7.2008

6 Die internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES-Skala) stuft si- sicherheitsrelevante

AKW-Ereignisse ein: von 0 (kein Störfall) bis 7 (Katastrophe).

7 Tages-Anzeiger, Kritik an Atomaufsicht wegen verspäteter Information, 10.8.2008

8 Tages-Anzeiger, Sicherheitsmängel im Atomkraftwerk Leibstadt, 9.5.2008

9 NZZ am Sonntag, Wie lange noch? 24.8.2008

10 Tages-Anzeiger, Sicherheitsmängel im Atomkraftwerk Leibstadt, 9.5.2008

11 Mycle Schneider, Residual Risk – An Account of Events in Nuclear Power Plants

Since the Chernobyl Accident in 1986, May 2007

12 Ueli Mäder zeigt den Wandel des Risikodiskurses auf. «In den 1990er Jahren

verbreitet sich ein radikaler Konstruktivismus, der alles relativiert und keinen

Anspruch erhebt, soziale Wirklichkeiten zu ergründen, zumal unklar sei, ob Realitäten

überhaupt existieren.»

13 Bruno Umiker studierte Elektrotechnik und Elektronik an der ETH Zürich, erarbeitet

bei verschiedenen Konzernen als Riskmanager. Studium der Psychologie

an der Universität Zürich und Ausbildung zum Psychotherapeuten. Bruno Umiker,

Emotionen – Der labyrinthische Faktor im Risk Management, 2005

Energie & Umwelt 4/2008 1


l News l Aktuelles l Kurzschlüsse l

Petition «Gerechtigkeit im Klimawandel»:

Der Klimaschutz

muss das Recht

auf Entwicklung

der Menschen im

Süden einschliessen.

Dies fordern

«Fastenopfer» und

«Brot für alle» mit

ihrer Petition «Gerechtigkeit

im Klimawandel». Die Klimaerwärmung trifft

jene am härtesten, welche am wenigsten dazu beigetragen

haben: die Armen im Süden der Welt. Zunehmende Dürren

und Stürme bedrohen das Recht auf Nahrung. «Fastenopfer»

und «Brot für alle» verlangen, dass die Schweiz bis 2020 eine

CO2-Reduktion im Inland um 40% realisiert und im gleichen

Umfang im Ausland finanziert.

Jetzt online unterschreiben: www.rechtaufnahrung.ch

Postkarten bestellen: 041 227 59 59

Neuerscheinung «Neustart Schweiz»

Die Zeit für Nachbesserungen

an unserer Gesellschaft

läuft langsam aus. Es

reicht nicht mehr, die Dinge

etwas besser zu machen,

wir müssen anders an sie

herangehen. P.M. setzt dort

an, wo das Zusammenleben

mit anderen Menschen,

die Gesellschaft an sich,

beginnt: in der Nachbarschaft.

Anstatt sie auf ein

gelegentliches Quartierfest

zu beschränken, gibt er ihr

eine wirtschaftliche Funktion und eine soziale Struktur. Das

Resultat ist ein Leben mit deutlich weniger Ressourcenverbrauch

und mehr Qualität. P.M. hat als Autor unbestrittene

Langzeitwirkung – die europaweit einmalige Zürcher Siedlung

«Kraftwerk1» ist eine Spätfolge seines «bolo’bolo» von

1983. «Neustart Schweiz» ist nicht als Antwort auf die Finanzkrise

gedacht, aber es könnte eine sein.

«Neustart Schweiz – so geht es weiter» des Zürcher Kultautors

P.M., Edition Zeitpunkt, 2008, 96 Seiten, Fr. 18.70.

Buch bestellen: www.zeitpunkt.ch/neustart-schweiz.html

18 Energie & Umwelt 4/2008

IEA: World Energy Outlook 008

Am 12. November 2008 präsentierte die IEA den World Energy

Outlook 2008. Die IEA-Prognose ist wie gehabt: Weltweites

Nachfragewachstum der Gesamtenergie bis 2030 von

45 Prozent. Gut vier Fünftel dieses Wachstums soll bei den

fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle stattfinden. Der Energiemix

wird gemäss IEA im 2030 der gleiche sein wie heute.

Obwohl es im 1. Halbjahr 2008 von der IEA erste hoffnungsvolle

Anzeichen eines Umdenkens gab, sind diese Anzeichen

im Gleichschritt mit dem fallenden Ölpreis wieder in der Versenkung

verschwunden. Die IEA-StrategInnen haben «Peak

Oil» noch lange nicht begriffen. Nun hat sich die EU hierzu

im Gegensatz stehend das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020

den CO2-Ausstoss um 20% zu reduzieren. Der Widerspruch

könnte eklatanter nicht sein! Wollen wir die CO2-Emissionen

wirklich ernsthaft reduzieren, müssen wir weniger Öl, Gas

und Kohle fördern. Diese simple Tatsache hat die IEA noch

immer nicht begriffen.

Neues Fördersystem für grünen Strom

stösst an seine Grenzen

In den ersten sechs Monaten nach Anmeldebeginn wurden

Produktion [MWh]

3'500

3'000

2'500

2'000

1'500

1'000

500

0

2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018

Jahr

Windenergie

Kleinwasserkraft

Biomasse

Photovoltaik

5’426 ’426 426 Anlagen für die kostendeckende Einspeisevergütung

(KEV) angemeldet. Die Zahl der Anmeldungen hat sich mittlerweile

bei durchschnittlich 40 Neuanmeldungen pro Woche

eingependelt. Dazu der BFE-Vizedirektor Michael Kaufmann:

«Die Potenziale für die Erneuerbaren sind sehr gross. Wir

können von einem Boom sprechen – es werden Milliarden

investiert.» ABER: Das Interesse am neuen Förderinstrument

ist derart gross, dass die KEV bereits an ihre Grenzen stösst.

Bei der Photovoltaik sind die gesetzlich festgelegten Kostengrenzen

erreicht und auch der gesamte Kostendeckel der KEV

ist bereits ausgeschöpft. Die Blockierung des neuen Fördersystems

für die grüne Stromproduktion ist bereits absehbar.

Wird das Fördermodell nicht ausgebaut, verkommt es zum

Verhinderungsmodell, und die Potenziale der einheimischen

Erneuerbaren bleiben unausgeschöpft. www.bfe.admin.ch


EfEU Blickt hintEr diE schwEizEr stEckdosE

SES-INTERN

Barbara Stengl – die neue

SES-Medienverantwortliche

Seit dem 1. September 2008 arbeitet Barbara

Stengl für die SES. Als Verantwortliche im Bereich

Kommunikation ist es ihre Aufgabe, die

Ziele der SES nach aussen zu vermitteln. «Was

wollen wir kommunizieren, wie wollen wir argumentieren,

wer ist unsere Zielgruppe, mit

welcher Sprache erreichen wir sie?» fragt Barbara

Stengl regelmässig. Kommunikation ist ein

Schnittstellenjob. Die Projektverantwortlichen

sind die Köche, die Kommunikationsfrau die

Kellnerin und die Öffentlichkeit der Gast.

Barbara Stengl ist gebürtige Österreicherin aus Graz, in Buxtehude bei Hamburg machte sie ihr

Abitur. Dort, in der Nähe des AKWs Stade, engagierte sie sich in der Anti-AKW-Debatte. Dort nötigte

sie Mutter und Bruder, einmal im Monat auf elektrischen Strom zu verzichten, um der Welt zu zeigen,

es geht auch ohne AKW. Seit zehn Jahren lebt sie jetzt in der Schweiz. Barbara Stengl studierte

Theater- und Medienwissenschaften, Politik, Publizistik und Psychologie in Erlangen, Wien und Zürich.

Nach ihrem Studium arbeitete sie im Bereich Kommunikation für die Suchtpräventionsstelle

der Stadt Zürich, den Pendo Verlag Zürich und die Stiftung Wagerenhof. Danach wollte sie wissen,

ob sie ein Theaterstück schreiben kann und verfasste das Theaterstück «brand» und arbeitete für

den «Tages-Anzeiger», Regionalbund Zürcher Oberland. Politisch, künstlerisch, psychologisch interessieren

sie «wunde Punkte». Was Menschen wahrnehmen oder verdrängen. Alltägliches. «Die

SES arbeitet am wunden Punkt der Energiepolitik. Sie guckt da hin, wo andere gerne wegschauen.»

Barbara Stengl lebt in Uster und hat zwei Kinder, die in die Primarschule gehen. Für ihre innere

Balance macht sie Yoga, geht mit der Familie wandern und schreibt Theatertexte. In ihrem Wohnort

kümmert sie sich um den kulturellen Spass der EinwohnerInnen. Für die Kulturgemeinschaft Uster

programmiert sie den Bereich Kleinkunst. «Spass ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Mit

dem, was da ist, eine Minirevolution starten.»

SES-NEUE BROSCHüRE

Broschüre «Strom für morgen»

Mit Effizienz und erneuerbaren Energien in

eine Zukunft ohne neue Grosskraftwerke

Die neue SES-Broschüre zeigt, dass es ohne

neue Grosskraftwerke geht. Auf den Seiten vier

und fünf der Broschüre «Strom für morgen»

können Sie nachlesen, wie das Bundesamt

für Energie (BFE) es vorgerechnet hat. Nur mit

Strom aus Sonne, Erdwärme und Wasser werden

wir langfristig unsere Stromversorgung sichern

können. Rund ein Drittel des Schweizer

Stromverbrauchs könnte durch bessere Technologie

eingespart werden – ohne Komforteinbusse.

Das Potenzial der neuen erneuerbaren

Energien ist unendlich hoch – wir müssen es

nur ausnutzen.

Wie? Schauen Sie selbst. Schalten Sie das

Standby Ihres Fernsehers aus und bestellen

Sie GRATIS die Broschüre «Strom für morgen»

unter www.energiestiftung.ch

Energie & Umwelt 4/2008 19


sEriE klimapolitik: EmissionshandEl

Der Schwindel mit der CO -Kompensation

In der vorherrschenden klimapolitischen Debatte wird auf kaum eine Massnahme so

viel Energie verwendet, wie auf den Emissionshandel. Weil die OECD-Staaten 1 eine

Absenkung ihrer CO -Emissionen nicht zustande bringen, setzen sie in immer grösserem

Ausmass auf den Emissionshandel, welcher im Rahmen des Kyoto-Protokolls als «Clean

Development Mechanism» (CDM) festgeschrieben ist. Dem Emissionshandel sind einige

fundamentale Probleme eigen. Diesen wird in einem ersten Teil der klimapolitischen Serie

im E&U nachgegangen.

0 Energie & Umwelt 4/2008

Von BERNHARD PIllER

Mitglied SES-Geschäftsleitung

Im Kyoto-Protokoll ist der Emissionshandel

eigentlich nur als zusätzliche Möglichkeit

(Supplementarity) zur Massnahmenpolitik

im eigenen Land vorgesehen.

De facto handelt es sich aber um eine

Aufweichung der Inlandverpflichtung.

Eines ist klar zu erkennen: Je näher die

Abrechnung im Jahr 2012 kommt, umso eher wird

auf Kompensation durch den Zertifikatehandel gesetzt.

Es besteht eine klare Tendenz weg von der Inlandreduktion

hin zur Flucht zum faulen Emissionshandel.

Problem Basisszenario

Ein zentrales Problem der CO2-Kompensation ist die

Berechnung der Reduktionsleistung anhand eines Basisszenarios.

Baut ein Land, das seinen Strom grossmehrheitlich

aus Kohlekraftwerken bezieht (diese

Fotos: Greenpeace

gelten dann als Basis), z.B. einen Windpark, kann es

sich dieses als Reduktionsleistung anrechnen lassen.

Die handelbare Menge CO2 lässt sich somit anhand

der eingesparten, weil mittels Windrädern anstatt in

einem Kohlekraftwerk produzierten Kilowattstunden

berechnen. Ein anderes Land, welches seinen Strom

mehrheitlich aus Wasserkraftwerken bezieht, kann

sich einen neuen Windpark hingegen nicht anrechnen

lassen, da als Basis die CO2-freie Wasserkraft

zählt. Tatsächlich findet durch den via CDM-Zertifikate

finanzierten neuen Windpark aber gar keine

reale Reduktionsleistung statt. Im Gegenteil: es wird

einfach eine zusätzliche Stromproduktionsanlage

gebaut. Entwicklungspolitisch eine zu begrüssende

Massnahme, im Rahmen des Emissionshandels aber

ein Schwindel. Letztlich handelt es sich um zusätzliche

Stromproduktion. De Facto wird ja wegen dem neuen

Windpark kein altes Kohlekraftwerk stillgelegt.

Im besten Fall handelt es sich beim «Clean Development

Mechanism» (CDM) und anderen sogenannten

Kompensationsprojekten um gut gemeinte Entwicklungshilfe.

Aber auch hier wird keine Gerechtigkeit

Überschwemmung in der Schweiz, Engelberg, Sommer 2005: Die Adaptionskosten werden horrend sein, handeln wir jetzt beim Klimaschutz!


geschaffen. Die Gelder fliessen nicht

in die ärmsten Länder, deren pro-Kopf-

Emissionen noch am verträglichsten

sind. So gibt es praktisch keine CDM-

Projekte in Afrika. Alle Gelder fliessen

in Schwellenländer, vor allem nach China,

Indien und Brasilien. Heikel sind

die Auslandprojekte vor allem, weil sie

strukturerhaltend wirken. Projekte, bei

denen zum Beispiel aus einer Deponie

entweichendes Methangas neu in einem

Gaskraftwerk zur Strom- und Wärmeproduktion

verbrannt wird, sind zwar

durchaus sinnvoll. 2 Wirklich konsequent

hingegen wäre letztlich nur die

Schliessung von extrem umwelt- und

gesundheitsschädlichen Deponien.

Problem Nicht-Additionalität

Ein weiteres Problem ist die Additionalität.

Additionell ist ein Projekt, wenn

es zusätzlich, das heisst nur durch Zertifikate-Gelder

zustande kommt. Nichtadditionelle

Projekte sind somit eine

eigentliche Mogelpackung, weil sie auch

ohne CDM-Subventionen realisiert worden

wären – und somit nicht zusätzlich

Emissionen reduzieren. Kritische ExpertInnen

gehen davon aus, dass ein Drittel

bis zur Hälfte der über den «Clean

Development Mechanism» finanzierten

Projekte nicht-additionell sind.

Solche nicht-additionellen Projekte gibt

es im Übrigen auch im Inland. In Basel

und in Zürich werden in den kommenden

Jahren Holzheizkraftwerke realisiert.

In Zürich substituiert das neue

Holzheizkraftwerk Aubrugg fossile

Energie. Hier findet zwar eine reale

Reduktion von CO2-Emissionen statt,

aber sowohl das Projekt in Zürich, wie

auch das in Basel wären ohne die Gelder

der Stiftung Klimarappen zustande gekommen.

Die Projekte sind also nichtadditionell.

Wird das Geld der Stiftung

Klimarappen von solchen Projekten

abgeschöpft, findet gar kein weitergehender

Klimaschutz statt. Wichtig wären

aber zusätzliche Projekte, welche

zusätzliche Emissions-Reduktionen realisieren

würden.

Wir Schwätzer im Treibhaus

Nicht wenige zum vorliegenden Artikel verwendete

Gedankengänge sind dem exzellenten

Buch: «Wir Schwätzer im Treibhaus

– Warum die Klimapolitik versagt» von Marcel

Hänggi entnommen. Ein allen an einer

kritischen Analyse der vorherrschenden Klimapolitik

Interessierten wärmstens zu empfehlendes

im Rotpunktverlag, Zürich, erschienenes

Buch: www.mhaenggi.ch

Relle Inlandreduktion gefordert

Ökonomische Effizienz beim Klimaschutz

– das heisst vordergründig

günstiger im Ausland kompensieren,

statt teurer im Inland sanieren – kann

sich schnell rächen. Dieses Prinzip

sorgt für die Erhaltung von überholten

Strukturen. Und schliesslich geht es

darum, hier bei uns nicht nur 30 oder

40 Prozent, sondern mindestens 90 Prozent

der CO2-Emissionen bis 2050 zu

reduzieren. Man bedenke; bis zum Jahr

2050 sind es nur noch 40 Jahre. Das ist

wenig Zeit, um sich von der Abhängigkeit

von fossilen Energierohstoffen zu

lösen. Verpasst man den strukturellen

Umbau, wird die knappe Zeit leichtfertig

vergeudet. Kurz: In den modernen

Industrieländern muss die maximal

mögliche, innovative Leistung für eine

nachhaltige CO2-Reduktion erbracht

werden. Dies damit Investitionen und

Innovationen direkt in eine nachhaltige

Energie-Zukunft fliessen und auf

diese Weise die Nicht-OECD-Länder

durch sinnvollen Technologietransfer

viel mehr profitieren können, als durch

heutige zum Teil suboptimale Investitionen

mittels CO2-Zertifikaten.

Nicht genug, dass der Zertifikate-Handel

schon heute ein klimapolitisch

unnützes Feigenblatt ist, sind seit

neuestem auch noch politische Kräfte

auszumachen, welche die Atomenergie

als Kompensationsoption in das CDM-

System aufnehmen wollen. Dies würde

diesem System das allerletzte Quäntchen

Legitimation rauben. <

1 Bei den OECD-Staaten (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) handelt es

sich im Wesentlichen um die Industriestaaten.

2 Zwar entsteht beim Verbrennungsprozess zusätzliches CO2, dieses ist aber 21-mal weniger treibhausaktiv

als Methan.

Kohlekraftmoratorium –

Protestieren auch Sie!

AKTUEll

Immer mehr Schweizer Elektrizitätsgesellschaften

wollen in ausländische Kohlekraftwerke

investieren. Total 3,2 Milliarden

Franken sollen in diese anachronistische,

klimazerstörende Technik fliessen. Die geplanten

Schweizer Investitionen würden

einen CO2-Ausstoss von 11,2 Millionen Tonnen

verursachen – mehr als ein Fünftel der

gesamten Schweizer Emissionen. Das macht

unsere Klimaschutz-Bemühungen vollends

zunichte. Darum verlangt die SES vom Bundesrat,

dass er sich bei den Kantonen für ein

Kohle-Moratorium einsetzt.

Gleichzeitig birgt die Kohlestrategie enorme

finanzielle Risiken. Für ihren CO2-Ausstoss

werden die Betreiber ab 2013 Emissionsrechte

ersteigern müssen, was schnell mit

300 Mio. Franken pro Jahr und Kraftwerk

zu Buche schlagen wird. Zusammen mit

den steigenden Kohlepreisen macht dies

Investitionen der Schweizer Stromkonzerne

– wie z.B. BKW, EOS, Groupe E, AET oder

Rätia Energie – zu einem klimaschädlichen

und finanziellen Abenteuer. Die allermeisten

dieser Firmen sind in öffentlicher Hand. Kantone

und Gemeinden müssen darum ihre

Verantwortung gegenüber EW-KundenInnen

und BürgerInnen wahrnehmen und solche

Investitionen stoppen. Zudem betreiben sie

eine extrem widersprüchliche Politik. Die genau

gleichen Firmen, die im Ausland fossile

Grosskraftwerke bauen bzw. planen, wollen

im Inland Atomkraftwerke bauen. Diese

Atomkraftwerke werden dann mit aktivem

Klimaschutz verkauft. Dies ist eine scheinheilige

und unehrliche Politik.

Klar ist: Erst wenn die «Carbon capture and

storage»-Technik (CCS) dereinst funktionstüchtig

und vor allem sicher betrieben werden

kann, dürfen Kohlekraftwerke als letzte

Option geprüft werden (vgl. hierzu Artikel

im E&U 3/2008). Neuen fossilen Kraftwerken

muss dann eine CCS-Pflicht auferlegt

werden. Sehr viel sinnvoller sind aber Investitionen

in Stromeffizienz und erneuerbare

Energien, die ökologisch und wirtschaftlich

Gewinn bringen.

Machen Sie mit: Auf www.energiestiftung.ch

finden Sie vorgedruckte Protestbriefe.

Energie & Umwelt 4/2008 1


EnErgiEEtikEttEn-schwindEl

Das Glühlampenverbot, das keines ist

Per 1. Januar 009 werden in der Schweiz die schlechtesten Glühlampen verboten. Es

scheint, als ob jetzt endlich auch im Strombereich ernsthafte Effizienzpolitik gemacht

wird. Doch bei Konsumenten herrscht Verunsicherung. Das dokumentieren die vielen

Anfragen bei der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz S.A.F.E. Die Realität ist

ernüchternd: Es werden (fast) keine lampen verboten, es tönt nur so.

Energie & Umwelt 4/2008

Von STEFAN GASSER

dipl. El. Ing. ETH/SIA

Das Glühlampenverbot, das weltweit diskutiert

wird, ist eine sehr wirksame und

vor allem auch einfache Stromsparmassnahme.

In keinem anderen Strombereich

ist das technische Einsparpotenzial so

gross. Von den 15 Prozent Verbrauchsanteil

in Europa (weltweit 20 Prozent)

kann mindestens die Hälfte eingespart werden, ohne

die Lichtmenge und -qualität zu reduzieren. Diese

Aussage ist einfach nachvollziehbar, wenn man weiss,

dass eine Glühlampe einen Wirkungsgrad von bloss

5 Prozent aufweist. Demgegenüber haben Leuchtstofflampen

(=Sparlampen) oder LEDs der neusten Generation

einen Wirkungsgrad von 20 bis 30 Prozent.

Das aktuelle Glühlampenverbot, das in der Schweiz

am 1. Januar 2009 in Kraft tritt, hat einen grossen

Haken: Es werden Effizienzklassen gemäss Energieetikette

verboten – und nicht Lampentypen! Die aktuelle

Energieetikette ist nur scheinbar transparent und

weist zahlreiche Ausnahmen auf.

Die scheinbare

Transparenz der Energieetikette

Die Energieetikette teilt den Stromverbrauch in sieben

Klassen von A bis G ein: A steht für sehr hohe Effizienz,

G für sehr tiefe. Wer die Etikette mit gesundem

Menschenverstand anschaut, geht von einer proportionalen

Einteilung der Klassen aus.

Doch diese Annahme ist grundfalsch: Während die

unteren Klassen D bis G sehr eng abgestuft sind, entspricht

der Schritt von B nach A etwa dem Faktor 3.

Die Folge ist, dass die besten Glühlampen mit 23 Lumen

pro Watt ein B erhalten und die schlechtesten

Sparlampen mit 54 Lumen pro Watt ebenfalls ein B.

Auch wenn dereinst nur noch A- und B-Lampen zugelassen

würden, wären die 3-mal schlechteren (Halogen-)Glühlampen

immer noch zugelassen. Und wären

nur noch A-Lampen erlaubt, würde auch ein Grossteil

der Sparlampen vom Markt fliegen – was niemand

ernsthaft will. Wer hier A sagt, muss deshalb zähneknirschend

auch B sagen. Und so bleiben die Glühlampen

eben weiterhin erlaubt.

Die zahlreichen

Ausnahmen der Energieetikette

Doch damit nicht genug: Zahlreiche Lampentypen

sind von der Etikettierung gar nicht erfasst. Sie dürfen

deshalb beliebig ineffizient sein und munter weiterverkauft

werden. Darunter befinden sich sehr beliebte

und weitverbreitete Produkte:

n Alle Spotlampen (egal ob Glüh-, Halogen-, Spar-

oder LED-Lampen)

n Alle Niedervolthalogenlampen (also mit 12-Volt-

Transformator) 1

n Alle Dekorationslampen (z.B. farbige Lampen,

spezielle Kerzenlampen)

n Backofen-, Nähmaschinen- und Kühlschranklampen

In der Schweiz verboten ab 009/ 011

Ab 2009 werden in der Schweiz die Lampen mit den

Kategorien F+G verboten (oben erwähnte Ausnahmen

– und noch einige dazu – natürlich ausgenommen).

Auf den ersten Blick betrifft das Verbot die kleinen

Glühlampen mit 15 bis 25 Watt. Falls nun ein «Nachttischlämpli»

mit dieser Leistung kaputt geht, müsste

der/die KonsumentIn entweder auf eine Sparlampe

umstellen (die wegen ihrer Grösse wahrscheinlich

nicht passt) oder eine stärkere Lampe mit 40 Watt

kaufen (was nicht dem Ziel der Energieeinsparung entspricht).

Doch die Industrie hat einen «eleganteren»

Weg gefunden: Weil es wenig braucht, um von der F-

in die weiterhin erlaubte E-Klasse aufzusteigen, sind

auch die 25-Watt-Lampen plötzlich in der Klasse E

zu finden.

Ab 2011 sollen dann auch die E-Lampen verboten

werden. Auch dieses «Problem» lässt sich ohne Sparlampen

lösen. Unter der englischen Bezeichnung für

Energiesparlampe hat die Industrie sogenannte «Energy

Saver» lanciert. Dahinter verbergen sich schlicht

und einfach Glühlampen, die zu Halogenlampen der


Energie

BA

C

D

Ausnahmen:

E

F

G

Effizienzklasse D mutierten. Eine 60-

Watt-Glühlampe braucht so nur noch

42 Watt. Immerhin! Doch absolut störend

ist, dass die leicht bessere Glühlampe

irreführend als «Energy Saver»

bezeichnet und im (fast) gleichen Look

wie richtige Sparlampen vermarktet

wird.

Hoffnung auf gutes und

effizientes licht mit lED

Die Konsumenten werden also vom

energiepolitischen Scheinwerferlicht

vorerst vor allem geblendet. Doch wollen

wir die Hoffnung auf effizientere

Beleuchtung nicht verlieren. Auch

wenn fast keine Glühlampe aus den

Regalen verschwinden wird, zeigt das

vom Bundesamt für Energie lancierte

«Glühlampenverbot» trotzdem Wirkung.

Hersteller und KonsumentInnen

sind alarmiert und suchen nach Alternativen,

z.B. auch in der zukunftsträch-

Leuchtstofflampen

Sparlampen

Halogenglühlampen

Glühlampen

Der Energieetiketten-Schwindel

Energieeffizienz

60 - 100 lm/W

50 - 60 lm/W

15 - 25 lm/W

5 -15 lm/W

Abbildung: Etikettenschwindel: fettes «B», dünnes «E» und viele Ausnahmen: Was die offizielle

Darstellung der Energieetikette verschleiert, zeigt die Abbildung. Bei den vom Glühlampenverbot

betroffenen Klassen E, F und G gibt es nur kleinste Effizienzunterschiede. Dagegen ist die

Kategorie B klar überdimensioniert und lässt praktisch alles zu, was man unter Effizienzkriterien

verbieten sollte. Die Angabe der Energieeffizienz (in Lumen pro Watt) zeigt denn auch auf, dass zwischen

der besten Leuchtstofflampe und der schlechtesten Glühlampe ein Faktor 20 (!) besteht.

tigen LED-Technologie. LED ist das Kürzel

für «Licht emittierende Dioden».

Bei den (warm-)weissen LEDs hat eine

gewaltige Entwicklung stattgefunden.

Bereits sind 4-Watt-LED-Spots auf dem

Markt, die es bezüglich Lichtleistung

und Lichtqualität mit einer 20-Watt

Halogenspot aufnehmen können. Der

Preis eines solchen «Wunderlämplis» ist

mit rund 70 Franken noch enorm hoch.

Doch die Entwicklung geht rasant weiter:

Die Preise werden rasant purzeln,

während die LED-Lampenleistungen

grösser werden.

Realpolitik

Fazit: Das gesetzliche Glühlampenverbot

kann von der Schärfe her mit der

Offroader-Initiative verglichen werden.

Es werden nämlich nur jene Offroader

verboten, die mehr als 250 Gramm CO2

pro Kilometer ausstossen. Und das sind

die wenigsten Modelle. <

1 Das Bundesamt für Energie behauptet zwar, Niedervolthalogenlampen seien in der Schweiz Etiketten

-pflichtig. Ein Blick in die Ladenregale zeigt, was in der EU unbestritten ist; Niedervoltlampen

brauchen keine Etikette.

KlIMA UND ZUKUNFT

Aktionstage gegen das BKW- BKW-

Kohlekraftwerk in Dörpen (D)

Für die SES dabei, Reto Gasser, Bern

Am 7. Nov. traf ich nach langer Zugfahrt in

Dörpen/Niedersachsen ein, wo die Bernischen

Kraftwerke BKW 1200 Kilometer von

ihrem Hauptsitz entfernt ein Kohlekraftwerk

bauen will.

Zu den Aktionstagen hatte die lokale Bürger-

Initiative eingeladen, die sich gegen das 900-

Megawatt-Projekt der BKW wehrt. An drei

Tagen vom 7.–9. November fanden diverse

Veranstaltungen mit spannenden Gästen und

Beiträgen statt. Kohlekraft-BefürworterInnen

hatten leider kurzfristig abgesagt. Detlev

Meissner von den Grünen legte z.B. plausibel

dar, dass kein einziges altes Kohlekraftwerk,

wie von den Stromkonzernen behauptet,

zugunsten eines neuen mit höherem Wirkungsgrad

abgeschaltet wird. Die alten laufen

so lange sie rentieren oder bis das Ende

ihrer Laufzeit erreicht ist.

Es muss der Bevölkerung klar sein, dass neue

Kohlekraftwerke dieselbe Menge CO2 einfach

an 5 statt an 4 Tagen produzieren, und das

während den nächsten 40 Jahren ihrer Laufzeit.

Dass Kohle durch CO2-Abscheidung eine

saubere Energiequelle werden könnte, widerlegte

Buchautor und Ingenieur Nick Reimer.

Der Stromkonzern Vattenfall gibt selbst zu,

dass das Verfahren frühestens in etwa 20

Jahren funktioniert.

Zentral war die Anwesenheit von kolumbianischen

Bauern-Vertretern. Ein Grossteil der

Steinkohle für Dörpen würde voraussichtlich

von Glencore aus Kolumbien geliefert. Der

Abbau entzieht der indigenen Bevölkerung

die Lebensgrundlage, Flüsse werden verunreinigt,

Ackerland verschwindet. Wissenswert

waren auch die Informationen zur deutschen

Gesetzgebung. Direkte Betroffenheit wird

beispielsweise mit einem Radius von 50 mal

Schornsteinhöhe gemessen. Einsprachen

meiner Gastfamilie aus Esterwegen wären irrelevant,

obwohl der Ort 20 Kilometer entfernt

– in Hauptwindrichtung – liegt.

Das Zusammentreffen mit VertreterInnen der

deutschen Klimaschutzbewegung und Bürgervertretung

gab mir Mut, mich weiter gegen

die Kohlepläne der BKW zu engagieren.

Mehr Infos: www.saubere-energie-doerpen.de

Energie & Umwelt 4/2008


«Die Potenziale für die Erneuerbaren sind sehr

gross. Wir können von einem Boom sprechen –

es werden Milliarden investiert. Die Einspeisevergütung

bringt uns einen grossen Schritt vorwärts.»

Michael Kaufmann, Vizedirektor Bundesamt für Energie, am 28.11.2008 anlässlich der Pressekonferenz zur

kostendeckenden Einspeisevergütung.

AZB

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