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18 Wohnart 1.2018 1.2018 Wohnart 19 Interview hundert wollte eine bessere Zukunft gestalten. Wien war in der Gründerzeit eine stark wachsende Stadt, inklusive Spekulanten – man denke etwa an die Zinshäuser mit den engen Lichthöfen. Das Enge, Schmutzige wollte die Moderne durch eine luftige, helle Stadt ersetzen. Platzmangel in Städten ist oft ein Thema – ist jeder Quadratmeter bewohnt? AF: Der Bedarf an Raum steigt, gleichzeitig gibt es nicht nur in Wien auch Leerstand. Vor allem größere Firmen tendieren dazu, immer wieder Neubauten zu beziehen, wo sie ideale den Altbau mitbedacht werden. Man merkt schnell, dass es einfacher ist, einen Neubau zu errichten. Aber im Sinne der Ressourcenschonung nehmen wir die Herausforderungen der Umnutzung gerne an. Nach dem 2. Weltkrieg wurde dann die Bedingungen für die Erfüllung der sich rasant Wo ist Ihrer Meinung nach so eine Neu­ autogerechte Stadt geplant. Städteplaner und verändernden Anforderungen an Arbeitsräume nutzung besonders gut gelungen? gUt geplant vorfinden. Die hinterlassenen Büros AF: Kürzlich war ich in Mailand und habe Architekten sind in die USA gereist, um sich Die gebürtige Vorarlbergerin anzusehen, wie man am besten mit Stadtautobahnen, Parkplätzen usw. umgeht. Ende zung – vorausgesetzt, sie sind entsprechend Die finde ich sehr gelungen, weil die verschie- bieten ein großes Potenzial zur Nachnut- mir auch die Prada Foundation angeschaut. Angelika Fitz studierte in Innsbruck vergleichende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre entstanden geplant worden. Flexibilität und Antizipation denen Schichten sichtbar geblieben sind. Literatur wissenschaft mit Fokus dann erste Protestbewegungen zum Schutz zukünftiger Nutzung halte ich für einen wichtigen Faktor bei Neubauten. Tate Gallery im ehemaligen Kraftwerk er- ihrem Diplom war sie als HM: Ich war in London, kurz nachdem die auf Kulturwissenschaft. Nach der bestehenden Bausubstanz. Es fand ein Umdenken statt. Es geht um das gesellschaftliche Verhältnis zu unserem kulturellen Erbe. Ist der Bedarf nach Neunutzung von Alt­ bestärkte meinen Eindruck, dass Altbestand immer interessierte sie sich für öffnet wurde. Das hat mich fasziniert. Es Kuratorin in Wien tätig. Schon Heutzutage sind wir es gewohnt, dass sich eh jemand darum kümmert – es gibt ja schließlich den Denkmalschutz. Aber gerade in Phasen des Stadtwachstums, wie wir es jetzt wieder erleben, steigt der Investorendruck zur Schaffung von Raum. Da kann es passieren, dass das zu Lasten des Schutzes von Altbauten geht. Wir sollten uns die Frage stellen, ob bestand eine rein urbane Thematik? AF: Die Sehnsucht nach dem Eigenheim führt dazu, dass der ländliche Raum mancherorts einem Teppich von Einfamilienhäusern gleicht. Ich denke, in Zukunft kann nicht noch mehr Fläche hierfür gewidmet werden. Es werden nämlich in nächster Zeit viele bestehende Häuser leer stehen. Die Bevölkerung altert, hauptsächlich für Kulturinstitutionen neu genutzt wird. AF: Das stimmt, aber es gibt auch sehr gute Neunutzungskonzepte für den Wohnbau- Bereich. Bei „Europas beste Bauten“ wurden eben solche prämiert. Für das Gewinnerprojekt zeichnen NL Architects verantwortlich. Im partizipativen Prozess wurde ein Systemwohnbau Architektur und Stadtentwicklung. So ging sie Ende der 90er-Jahre für drei Jahre nach Indien, um zum Thema „Megastadt“ zu forschen. 2003 und 2005 fungierte sie als Kommissärin für den österreichischen Beitrag zur Architektur- in den Niederlanden aufgewertet. biennale São Paulo. Zurück in man wirklich immer gleich abreißen muss Pensionisten können sich irgendwann nicht Die historischen Mauern des MQ Stichwort Kulturwissenschaft: Architektur oder ob sich nicht Umwidmung bzw. Sanierung lohnen – und was es dafür braucht. aus oder auch sie selbst, weil sie die Infrastruk- Möglichkeit, mehrgeschossige Wohnungen Technischen Universität Wien und mehr selbstständig versorgen, Kinder ziehen Durch ein paar kleine Eingriffe wie etwa die Österreich lehrte Fitz an der bieten dem Az W einen stimmigen dient ja nicht nur als Behausung und zum Rahmen für seine Ausstellungen. Schutz der Menschen vor Witterungseinflüssen. Welche Funktionen erfüllt sie noch? Wann ist es sinnvoll, alte Bausubstanz zu für leerstehende Häuser am Land bringt wieschaftsstrukturen usw. gelang es, den schnötur in der Stadt schätzen. Ein gutes Konzept zu kreieren, die Schaffung neuer Gemein- der Donau-Universität Krems. 2017 übernahm sie die Direktion des Architekturzentrums Wien AF: Yvonne Farrell und Shelley McNamara erhalten? der Leben in den Ort – etwa durch die Kombination von Arbeit und Wohnen, neue Ar- die Neunutzung der alten Hofstallungen hier den „Plattenbau“ wieder hip zu machen. Auch (Az W) von ihrem Vorgänger von Grafton Architects, die beiden Kuratorinnen der Architektur-Biennale in Venedig abgerissen werden soll, sind sich ja schnell ten von Ferienwohnungen usw. Auch bei den im MQ finde ich äußerst gut gelungen. Die AF: Wenn ein Barock- oder Gründerzeithaus Dietmar Steiner, der Österreichs einziges Architekturmuseum seit 2018, haben das Ganze gut auf den Punkt gebracht, wie ich finde: „The role of architecture stand aus den 50er- bis 70er-Jahren sieht das Peripherie der Stadt geplant worden sind, geht Raum im MuseumsQuartier. Jeder kann im alle einig, dass es schützenswert ist. Bei Be- Großwohnsiedlungen, die als Zentren an der Bibliothek des Az W ist für mich der schönste der Eröffnung 1993 leitete. Es befindet sich im Museumsis to give shelter to our bodies and to lift our anders aus. Auch für das Denkmalamt ist das es in Richtung Neunutzung. Da ist etwa die „Oktogon“, der ehemaligen Ponyreithalle von Quartier (MQ), das von Johann spirits.“ [Die Aufgabe der Architektur ist, unsere Körper zu schützen und unseren Geist zu wertet werden sollen. Für Fragen wie diese muss sich überlegen, wie man die Siedlungen noch nicht ganz klar, wie diese Gebäude be- Bewohnerstruktur ein wichtiger Punkt. Man Kaiserin Sisi, in Büchern schmökern. Bernhard Fischer von Erlach auf den Auftrag von Kaiser Karl VI. beflügeln.] Architektur und Stadtentwicklung sehen wir uns im Az W als Anlaufstelle. Wir wieder attraktiv für junge Leute macht. Frau Mayer, sind Sie oft gesehener Besucher hin als Hofstallgebäude konzipiert müssen aber auch als Player fungieren, um kuratieren auch immer wieder Ausstellungen des Az W? wurde. Nach dem Zerfall der zur Lösung großer Aufgaben beizutragen. Zu zu dem Thema, wie etwa ab 2. Mai eine über Welche behördlichen Aspekte sind bei HM: Ich selbst schätze die Podiumsdiskussionen, nicht zuletzt auch wegen der Räumgen Stallungen als Ausstellungs- Monarchie wurden die ehemali- diesen zählt zukünftig sicherlich noch mehr Brutalismus. Diese Bauform, welche sich Neunutzungskonzepten zu beachten? die Ressourcenschonung. Die Frage ist, wie durch wuchtige Formen und viel Sichtbeton AF: Architektur folgt nicht nur einer Idee, lichkeiten. Auch das ÖSW hat als Partner gelände für die Wiener Messe wir mit den begrenzten Ressourcen unseres auszeichnet, war weltweit zwischen 1950 und sondern auch Normen, Standards, Regulatorien. Um ihre Schutzfunktion bestmöglich zu schon gemeinsam eine Ausstellung realisiert. wurde über eine Umnutzung für eine starke Verbindung zum Az W; wir haben genutzt. In den 80er-Jahren Planeten umgehen. Wiederverwendung ist 1980 aktuell. Das Raue, Mächtige, Skulpturale auch in der Architektur eine wichtige Prämisse. Immer nur Neubauten hinzustellen, wird auf lange Sicht nicht klappen; wir müssen bestehende Bausubstanz neu nutzen. Wie hat sich der Umgang mit der bestehenden Architektur entwickelt? AF: Architektur ist immer eine Frage des Zeitgeistes. Bereits die Moderne im 20. Jahr- liebt oder hasst man. Mit der Ausstellung möchten wir zeigen, dass nicht nur liebliche Barockarchitektur einen Wow-Effekt besitzt, sondern auch die raue Ästhetik faszinierend sein kann – und darüber hinaus noch gesellschaftspolitische Relevanz besitzt, denn fast alle brutalistischen Bauten sind öffentliche Gebäude: Kulturzentren, Theater, Schwimmbäder und sogar Kirchen. erfüllen, ändern sich diese ständig. Demnach entsprechen 90 % der Gebäude in Wien nicht der aktuelle Bauordnung. Wenn man historischen Bestand für Neunutzung umbaut, müssen aber alle Auflagen erfüllt werden. HM: Als Bauträger ist das oft äußerst schwierig. Bei einem unserer Projekte wurde ein Backsteinhaus um moderne Elemente erweitert. Da mussten unzählige Adaptionen für AF: Ja, die Zusammenarbeit mit dem ÖSW ist langjährig und intensiv. Uns ist der inhaltliche Austausch mit unseren Partnern sehr wichtig. Das funktioniert mit dem ÖSW sehr gut. Um am Puls der Praxis zu bleiben, brauchen wir einfach die wertvollen Inputs von Bauträgern und Architekten. Vielen Dank für das Gespräch! kulturelle Zwecke diskutiert, 1989 fiel erstmals der Name „MuseumsQuartier“. Als Gegenpol zur historischen Bausubstanz wurden moderne Elemente hinzugefügt. Heute beherbergt das Areal diverse Kulturinstitutionen und Museen. www.azw.at © belle&sass