Aufrufe
vor 2 Wochen

Ggbg Heft 1_2018_Ostern

Punkt! Obwohl ich

Punkt! Obwohl ich wusste, dass jeder weitere Versuch, ihn umzustimmen, vergeblich sein würde, wagte ich immer wieder die Frage, bis … ja, bis ihm meine wiederholten Anmerkungen zu dem Thema wohl so auf den Nerv gingen, dass er mir telefonisch ankündigte: „Heute um 17 Uhr wird in meiner Hauskapelle die Vorstellung der Cappa magna erfolgen. Wer sie sehen will, ist willkommen. Und wer nicht pünktlich ist, wird nicht mehr eingelassen.“ Pünktlich um 16.59 Uhr standen etliche neugierige Journalisten vor dem Haus Domplatz Nummer 5. Pünktlich schnarrte das Türschloss, und ich führte die Kollegen in die Hauskapelle. Dort hing die Festkleidung vom Altar über den Betschemel. Vom Bischof war weit und breit nichts zu sehen; ein neben der Cappa liegender Zettel gab Auskunft: „Hier die Cappa magna! Meiner Beteiligung an einer Modeschau bedarf es nicht! Beste Grüße!“ VON FRIAUL BIS NACH SALERNO Paulus Rusch, nach der Matura fünf Jahre als Angestellter der Bank für Tirol und Vorarlberg berufstätig, trat anschließend als Spätberufener ins Innsbrucker Canisianum ein, wurde im Jahr 1933 zum Priester geweiht und drei Jahre später mit der Leitung des Priesterseminars betraut. Nach nur zwei Jahren ernannte Papst Pius XI. den 35 Jahre alten Paul Rusch zum jüngsten Bischof weltweit (Titularbischof von Lykopolis; Nordtirol war damals noch keine Diözese, weshalb Rusch als Apostolischer Administrator den Kirchenbezirk Innsbruck-Feldkirch leitete). Sofort sah er sich gefordert, größten politischen Schwierigkeiten mit Entschiedenheit zu begegnen – für die Nationalsozialisten war Rusch der verhasste „Kaplan von St. Jakob“, mit dem jeglicher Verkehr verboten war. Zehn Jahre später hieß es, dass an der Tätigkeit Ruschs „zuallererst und zuallermeist“ die Tatsache in die Augen sprang, dass er ein sehr moderner Bischof war, der „für die in der Zeit liegenden Ideen und Forderungen ein sicheres Gespür besaß und von vornherein entschlossen war, neue und zeitgemäße Wege zu gehen“ (Weingartner). Während des Kriegs und nach dessen Ende setzte er zur Linderung der allgemeinen Not konkrete Schritte im Wiederaufbau („Sozialer Wohnbau ist Dombau!“), engagierte sich für die Anliegen der Familien, Jugendlichen und Arbeiterschaft, gründete die Diözesancaritas und rief die Aktion „Bruder in Not“ ins Leben. Dass Rusch ein überaus sozial denkender und handelnder Mensch war, konnten nicht einmal seine hartnäckigsten Gegner bestreiten. Er half anderen, wo immer er konnte, niemals verfolgte er dabei eigene Interessen. „Solange es eine Familie in der Diözese gibt, die substandard wohnt, braucht der Bischof von Innsbruck keine bessere Blei- – 18 –

e“, war kein leichtfertig hingesagtes Lippenbekenntnis, sondern gelebte Überzeugung. Wer Rusch vorurteilsfrei begegnete, lernte einen höflichen, hilfsbereiten und verantwortungsbewussten Menschen kennen. Am 26. September 1964 wurde Paulus Rusch zum ersten Bischof der neu errichteten Diözese Innsbruck-Feldkirch ernannt, deren Grenze zur Erzdiözese Salzburg die Zillertaler Ache bildete und bildet. Mit der Abtrennung des Vorarlberger Anteils am 8. Dezember 1968 entstand die Diözese Innsbruck. Am 25. Jänner 1981 weihte Paulus Rusch seinen Nachfolger Reinhold Stecher zum neuen Bischof von Innsbruck und lebte bis zu seinem Tod am 31. März 1986 zurückgezogen im Kloster der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul in Zams. In Dr. Sepp Fill (1935–1988) hatte Rusch einen gleichgesinnten Mitstreiter im sozialen Bereich. Auch stets bemüht, an allen Ecken und Enden des Landes sowie darüber hinaus helfend tätig zu sein, machte sich Fill ab 1973 als Caritasdirektor mit Erdbebenhilfen für Friaul und San Gregorio Magno sowie mit den großen Hungersammlungen für die darbende Bevölkerung der Sahelzone einen guten Namen. Auch Sepp Fill war stets für eine Überraschung gut. Als er nach einem Besuch in Afrika die Tiroler Presse über die dortigen Hilfsinitiativen der Tiroler Caritas im Senegal informierte, servierte er Mangofrüchte (die damals niemand kannte). Am Donnerstag, dem 6. Mai 1976, bebte um 20:59 Uhr (MEZ) in der Region Friaul-Julisch Venetien etwa eine Minute lang die Erde. Das Epizentrum des heftigen Bebens lag nördlich von Udine. Bei der Katastrophe kamen fast 1.000 Menschen ums Leben, betroffen waren insgesamt ca. 80.000 Menschen in 77 Gemeinden; etwa 45.000 Bewohner verloren Haus oder Wohnung. Am schwersten traf es die Gemeinden im Kanaltal und am Tagliamento die Region zwischen Tolmezzo, Venzone, Gemona, Osoppo und Buia. Die Erdstöße waren in ganz Norditalien und sogar in Tirol zu spüren. Ohne Zögern rief Caritasdirektor Fill ganz Tirol zur Soforthilfe auf, das Pressereferat organisierte dazu für Tiroler Journalisten eine Fahrt in die Katastrophenzone. Dort warteten Carabinieri, um die Tiroler in Polizeifahrzeugen durch das Katastrophengebiet zu chauffieren. Ich wurde mit dem ORF-Mann Dr. Volkmar Rachle in ein Auto mit besonders freundliche Besatzung verladen. In aller Kürze lässt sich die stundenlange Fahrt wie folgt zusammenfassen: Weder der Fahrer und auch nicht der Fahrzeugkommandant gaben Anlass zur Klage. Beide sprachen leidlich Deutsch (und immer noch besser als wir zwei Italienisch); sie verzichteten aus Höflichkeit auch auf italienische Zwiesprache. Wie überhaupt darüber gestaunt werden durfte, wie viele Friulaner der deutschen Sprache mächtig waren (sind). – 19 –