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deHerisauer Ausgabe 5/2018

Das Magazin für Herisau und Umgebung. Erscheinungsdatum: 11. April 2018

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4 · Porträt5/2018 VON HERISAU AUS NEU VERMARKTET Am kommenden Sonntag jährt sich der Geburtstag von Robert Walser zum 140. Mal. Fast ein Drittel seines Lebens verbrachte der Dichter in der Heilanstalt Herisau. An der Oberdorfstrasse erinnert ein Brunnen an Robert Walser. Erstellt wurde er 1962, sechs Jahre nach Robert Walsers Tod. (Bild: lea) Patient Nr. 3561 ist ein ruhiger Zeitgenosse. Er folgt strikt einem vorgegebenen Tagesplan, steht um 6 Uhr auf, reinigt nach dem Z’Morge die Abteilung und leimt nach dem Mittagessen Papiersäcke oder sortiert Schnüre. Am Feierabend liest er in den aus der Bibliothek geliehenen Büchern wie etwa «Onkel Toms Hütte» oder den Jules Verne-Romanen; klassische Literatur, keine zeitgemässe. Um 20 Uhr ist Lichterlöschen. Einzig seine regelmässigen Spaziergänge schaffen eine Abwechslung zum Klinikleben. Oft wählt der Patient den Weg via Schochenberg an der Wachtenegg vorbei zur Rüti. Er ist im Haus 1, das Haus für ruhige Männer, untergekommen, in Abgeschiedenheit lebt er ohne grosses Aufsehen vor sich hin, kleidet sich stets gut mit Anzug, Krawatte und Hut. Er lehnt das Angebot ab, ein Einer- oder Zweierzimmer zu beziehen und zieht es vor, im Schlafsaal mit anderen Patienten zu übernachten. Einer Pflegerin offenbart er: «In der Anstalt habe ich die Ruhe die ich brauche. Den Lärm sollen nun die Jungen machen. Mir ziemt es, möglichst unauffällig zu verschwinden.» Nichts deutet darauf hin, dass es sich beim Patient Nr. 3561 um einen Schriftsteller handelt, der alsdann zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts zählen wird. Ein Schriftsteller, der von Kollegen wie Hermann Hesse oder Franz Kafka hochgeachtet wird. Als der Patient im Jahr 1956 stirbt, geben ihm nur wenige Menschen das letzte Geleit. Auf dem schlichten Grabstein, der noch heute auf dem Friedhof an den Patienten Nr. 3561 erinnert, steht die Inschrift: «Ich mache meinen Gang; der führt ein Stückchen weit und heim; dann ohne Klang und Wort bin ich beiseit.» Wortlos macht sich Robert Walser am Weihnachtstag vor 62 Jahren auf seinen letzten Spaziergang. Kurz nach Mittag finden zwei Buben den leblosen Körper im Schnee bei der Wachtenegg. Zwei Polizisten eilen herbei. Als Todes ursache wird ein Herzschlag vermerkt. Wie eine Art Prophezeiung scheinen heute die Worte aus Robert Walsers Debütroman «Geschwister Tanner» aus dem Jahr 1907: «Die Tannen waren so voll mit Schnee beladen, dass sie ihre starken Äste herrlich zur Erde niederhängen liessen. Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs sah Simon plötzlich einen jungen Mann mitten im Wege im Schnee daliegen. (…) Wie nobel er sich sein Grab ausgesucht hat. Mitten unter herrlichen, grünen, mit Schnee bedeckten Tannen liegt er da. (…) Sebastian mochte hier, durch grosse, nicht mehr zu ertragende Müdigkeit hingesunken sein.» Zeitlebens nie gut verkauft «Robert Walsers Leben war geprägt von Höhen und Schattenseiten», sagt Thomas Fuchs, Kurator des Museums Herisau. «Seine ganze Biografie ist grenzwertig, das ist wahrscheinlich nebst seiner Literatur mit ein Grund, warum wir so grosses Interesse an ihm haben.» Robert Walser wurde am 19. Juni 1933 gegen seinen Willen aus der bernischen Heilsanstalt Waldau, wo er vier Jahre gelebt hatte, in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau (Psychiatrisches Zentrum AR) verlegt. Die Diagnose: Schizophrenie. «Es ist ein Zufall, dass Walser hier nach Herisau gekommen ist», so Thomas Fuchs, der darauf verweist, dass Appenzell Ausserrhoden Walsers Heimatkanton war. Einige Monate nach Klinikeintritt wurde Walser ein Vormund zugeteilt. «Aus der Familie wollte oder konnte niemand. Es scheint, als sei Robert Walser im Umgang kein einfacher Mensch gewesen. Er erhielt zunächst einen Amtsvormund», sagt Fuchs. Zu seinem Förderer und zu einer wichtigen Bezugsperson wurde der spätere Vormund Carl Seelig aus Zürich. Nicht nur, dass er während seiner regelmässigen Spaziergänge mit Walser diesen auf Fotografien für die Ewigkeit festhielt. Vielmehr war er die treibende Kraft hinter der Neuvermarktung von Walsers Werken. «Carl Seelig hat den Kontakt zu Walser gesucht und die Vormundschaft quasi an sich gerissen. Die Vormundschaftsrechnungen zeigen, dass er sofort begann, bei den Verlagen ausstehende Tantiemen für Walser einzutreiben», erklärt Thomas Fuchs. Carl Seelig brachte zudem Werke von Walser neu heraus und sorgte so dafür, dass der

5/2018 Porträt · 5 mit vier Zeitzeugen über Robert Walser sprechen. Es sollte sich herausstellen, dass Walser in Herisau sehr wohl seine Gedanken auf Papier brachte, allerdings ganz für sich allein. So beobachtete ein Postangestellter regelmässig einen grossgewachsenen, gut gekleideten und ruhigen Mann dabei, wie er sich in der Schalterhalle immer wieder Notizen auf die Rückseite von Einzahlungsscheinen machte. Zwei Pfleger der Heilanstalt Herisau berichteten, Walser hätte oft auf «Fresszettel» geschrieben und diese in seinem «Kästchen» verstaut. «Er hatte also auch in Herisau das Bedürfnis, seine Gedanken schriftlich festzuhalten. Wahrscheinlich waren auch literarische Texte dabei. Wir wissen es aber nicht», so Fuchs. Die Zettelchen seien nach Walsers Tod vermutlich einfach achtlos vernichtet worden. «Allgemein bleiben in Bezug auf das Leben und Wirken Walsers viele Fragen offen, das macht ihn noch spannender.» Klinikporträt von Robert Walser aus dem Jahr 1949. (Bild: Staatsarchiv Appenzell A.Rh.) Schriftsteller von seinem Einkommen leben konnte. «Es war eine vorbildliche Ausübung der Vormundschaft, die verhinderte, dass die Fürsorge sich um Walser kümmern musste. Und es war auch die Wiedergeburt des Schriftstellers Walser.» Erst durch diese Neuveröffentlichungen wurde Walser dem breiten Publikum nach und nach bekannt. «Seelig löste eine Welle des Interesses aus, die heute noch anhält», so Fuchs. Walsers Werke werden heute in alle Sprachen übersetzt, finden Absatz von Spanien bis nach China. «Walser selber hatte sich nicht so gut verkauft.» Schreiben in der Schalterhalle Bereits 1896 wurden erste Gedichte von Robert Walser publiziert. Zwischen 1907 und 1909 erschienen in Berlin – Walser lebte damals bei seinem Bruder – die drei Romane «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jakob von Gunten». Zurück in der Schweiz entstanden ab 1913 verschiedene Prosastücke, darunter sein zentrales Werk «Der Spaziergang». 1924 bis 1932 entstanden die in Miniaturschrift abgefassten Mikrogramme, deren Entschlüsselung erst in den 1970er-Jahren gelang. Oft heisst es, Robert Walser hätte in Herisau nicht mehr geschrieben und den Stift bereits vor seinem Eintritt in die «Waldau» beiseitegelegt. Im Jahr 2001 konnten der damalige Museums-Kurator Peter Witschi und die Museumsmitarbeiterin Barbara Auer Erinnerungen an Robert Walser In Herisau erinnern verschiedene Denkmäler und Bauwerke an Robert Walser. So ziert seit Oktober 2017 das Zitat «Mitten im ununterbrochenen Vorwärts hatte ich Lust stillzustehen» den Werkhof. Die Idee für den Schriftzug stammt von der ehemaligen Bibliotheksleiterin Gabriele Barbey. Im Dorfzentrum erinnert seit 1962 ein Brunnen an den Schriftsteller und seinen Bruder, den Maler Karl Walser. Die Brunnen-Skulptur in Form einer abstrahierten Pflanze zeigt die Naturverbundenheit der Brüder und verleiht Robert Walsers ungebrochener Schaffenskraft Ausdruck. Weiter schuf der Trogner Journalist und Schriftsteller Peter Morger (1956 –2002) mit dem Robert-Walser-Pfad im Jahr 1986 den ersten Literatur-Themenweg der Schweiz. Der später zu einem Rundweg ausgebaute Pfad lädt ein zur Erkundung der Lebensstationen von Robert Walser und gibt mit Zitat-Tafeln Einblick in Walsers Werke. Wer mehr über das Leben Robert Walseres erfahren und beispielsweise Einblick in die Krankenakte nehmen möchte, dem sei ein Besuch des Walser-Zimmers im Museum Herisau empfohlen.