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Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

6 Die andere Martin

6 Die andere Martin Camenisch Seite ist seit 2017 Leiter Personalmanagement bei der Schweizerischen Post. Nachdem er 2007 von der Swisscom zur Post gewechselt hatte, arbeitete er in den Bereichen PostMail, bei Presto und im Immobilienmanagement. 1 Planen Sie Arbeitszeitmodelle mit kürzeren Arbeitszeiten? Nein. Aktuell sind Modelle mit weniger Wochenarbeitszeit oder andere Arbeitszeitmodelle kein konkretes Thema. Aber wir setzen uns damit auseinander. Bei jedem GAV stellt sich die Frage nach der Wochenarbeitszeit, aber dort sind wir oft von Branchensituationen und wirtschaftlichen Überlegungen getrieben. Spannend finde ich aber die Frage, ob wir eines Tages mal Zeitverhandlungen miteinander führen statt Lohnverhandlungen. 2 Wie garantieren Sie, dass eine Flexibilisierung auch den Arbeitnehmenden dient? Das müssen wir in der Sozialpartnerschaft gemeinsam schaffen. Der Flexibilisierungsdruck nimmt allenthalben zu, und manchmal fehlen effektiv noch die guten Ideen, wie man mit stark variierendem Arbeitsanfall umgehen soll. Extremvorschläge, die Arbeit auf Abruf favorisieren, erscheinen mir genauso wenig zielführend wie solche, die einzig langfristige Vorausplanung und fixe Dienstpläne propagieren. 3 Wie einigen Sie sich im Konfliktfall mit Ihren Mitarbeitenden? Miteinander reden und eventuell verloren gegangenes Vertrauen wiederaufbauen, ist die Basis für eine Lösung. Bislang bin ich damit immer sehr gut gefahren. Für einen zielführenden Dialog bin ich jedoch auch auf mein Gegenüber ange wiesen. 4 Bieten die Gewerkschaften bei der Organisation der Arbeitszeit Hand? Wenn ich das auch ein wenig als Aufforderung formulieren darf: Ich denke schon, oder? Text: Sina Bühler Bild: Swisscom 5 Fördern Sie das gewerkschaftliche Engagement im Betrieb? Alleine schon aus Interesse bin ich nah am Thema. So wie ich das mitbekomme, machen Ihre Kolleginnen und Kollegen das aber tipptopp. Ich hatte bislang das Privileg, immer auf konstruktive Partner zu treffen, und erlebe den sozialpartnerschaftlichen Dialog als Bereicherung. Klar ist man nicht immer einer Meinung, aber das gehört schlicht dazu – gerade deshalb sprechen wir ja miteinander und suchen zusammen nach Lösungen. 6 Was regt Sie an den Gewerkschaften richtig auf? Ich bin mit einem Verhandlungsergebnis nie zufrieden, wenn es nur einer bestimmten Gruppe dient. Denn damit lassen wir einen Teil der Belegschaft hängen. Das ist nicht fair – aber es kommt sehr selten vor. Womit ich Probleme hätte, wäre, wenn Einzelne den Diskurs in der Gewerkschaft bestimmen, um letztlich die Interessen einer bestimmten Klientel durchzusetzen. Damit wäre meiner Meinung nach niemandem gedient.

Gastautor Wie oft habe ich schon von flexiblen Arbeitszeiten reden gehört, das Wörtlein «Flexibilität», wie oft drang es schon an mein Ohr. Und natürlich weiss ich, was «flexibel» bedeutet: biegsam, anpassungsfähig. Und warum muss etwas biegsam sein oder anpassungsfähig? Offensichtlich deshalb, weil es nötig ist. Ein Ast biegt sich im Wind und bricht nicht. Schön. Aber die Frage stellt sich doch: Wie steht es um die Flexibilität des Windes? Könnte nicht auch der Wind sich anpassen an den Ast und ein bisschen weniger heftig wehen oder seinen Luftstrom um den Ast herumbiegen, sodass der sich nicht biegen muss? Warum kann der Wind eigentlich nicht Rücksicht nehmen auf das Bedürfnis des Astes, nicht ständig flexibel zu sein? Warum bläst der einfach stur weiter, obwohl diese Flexibilität und ständige Anpassungsbereitschaft eine ziemlich anstrengende Angelegenheit sind? Und wie steht es in der Arbeitswelt? Wer biegt sich dort und wer bleibt stur? Ist es etwa das arme Ästlein der globalisierten Wirtschaft, das sich dem scharfen Wind beugen muss, der ihm von der Sturheit der Arbeitnehmenden entgegenschlägt? Wie ist es denn, wenn die Angestellten auf ihrem Feierabend oder freien Sonntag beharren und in ihrer Sturheit die Flexibilität partout nicht aufbringen wollen, sich jederzeit über ihr Handy zu beugen, um abzuchecken, ob der Vorgesetzte ihnen vielleicht jetzt gerade eine Mail geschrieben hat? Ist der Vorgesetzte dann etwa bereit, sich an die Sturheit seiner Angestellten anzupassen? Bringt er die nötige Flexibilität auf und wartet geduldig auf seine Antwort? Solange es als naturgegeben erscheint, wer im Kapitalismus die Ästlein sind und woher der Wind bläst, dem sie sich zu biegen haben, solange also die Rollen zwischen Sturen und Flexiblen so einseitig verteilt bleiben, erlaube ich mir meinerseits die Sturheit, das Wörtlein «Flexibilität» in die Ecke der ideologischen Kampfbegriffe zu stellen, mit denen eben dieser Kapitalismus seine Herrschaft behauptet. Vom Ästlein und dem scharfen Wind Gerhard Meister schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Gedichte. Mit seinen Spoken Word­Texten steht er selber auf der Bühne. Unter anderem in der Formation Bern ist überall und als Duo meistertrauffer mit der Musikerin Anna Trauffer. Ende März hat sein neues Stück «Das grosse Herz des Wolodja Friedmann» am Schauspielhaus Zürich Premiere. gerhardmeister.ch 7