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syndicom magazin: Holen wir unsere Zeit zurück!

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

10 Dossier

10 Dossier Zeiträuber vs. Zeitautonomie: der grosse Streit um Arbeitszeit und Zivilisation In vielen Kämpfen haben die Gewerkschaften kürzere Arbeitszeiten durchgesetzt. Freie Zeit ist ihre grösste Errungenschaft. Nun aber sollen wir wieder länger arbeiten. Viel länger. Text: Oliver Fahrni Bilder: Thierry Porchet Nur noch sechs Stunden täglich arbeiten und dabei gut verdienen? Lassen wir uns das einmal auf der Zunge zergehen. Das Modell ist ein halbes Jahrtausend alt. 1518 entwarf der britische Staatsmann und Humanist Thomas Morus in seiner Schrift «Utopia» eine Gesellschaft, die ihre notwendige Arbeit regelmässig auf alle verteilt. Da bleibt viel freie Zeit für Sinnesgenüsse und die Schärfungen des Verstandes. Morus skizzierte seine ideale Republik in frühkapitalistischen Zeiten, umgeben von darbenden Taglöhnern, Heimarbeiterinnen und Landarbeitern. Damals waren Arbeitstage von 16 Stunden üblich, 6½ Tage jede Woche des Jahres. Was Wunder, wurde «Utopia» im Laufe der Jahrhunderte ein Bestseller. 500 jahre später wird hier und dort mit dem 6-Stunden-Tag experimentiert, meist unter bösem Geschrei von Arbeitgebern und ihrer Ökonomen, die den wirtschaftlichen Untergang heraufbeschwören. Doch die Sechsstundenexperimente, zum Beispiel im schwedischen Göteborg, beweisen: Die Arbeit wird gemacht, die Fehlzeiten wegen Krankheit oder Burn-outs nehmen radikal ab, das Arbeitsklima gewinnt. Die Menschen leben besser. Und es werden neue Jobs geschaffen. Das wären mindestens so respektable Ziele wie die Profite der Konzerne. Warum also nicht noch weniger arbeiten? Im «Sonnenstaat» (1623) des Frühsozialisten Campanella schaffen es die Menschen mit vier Stunden Arbeit, ihre Existenz zu sichern. Morus und Campanella bauten auf eine lange Tradition: In sämtlichen Gesellschaftsutopien seit der biblischen Antike spielte die Arbeitszeitverkürzung eine zentrale Rolle. Das kann kein Zufall sein. Weniger zu arbeiten, ist offenbar ein universeller und sehr alter Traum der Menschheit. Er ist noch lange nicht ausgeträumt. 1973 holte in Michael Endes Roman «Momo» ein Kind die «gestohlene Zeit» von den «Zeitdieben» zurück. Danach, so lesen wir, konnte «jeder sich zu Allem so viel Zeit nehmen, wie er brauchte und haben wollte, denn von nun an war ja wieder genug davon da». Lebenszeit nicht mit Überleben vergeuden In all diesen Entwürfen geht es um die Befreiung des Menschen vom Zwang, ein Übermass an Arbeit leisten zu müssen. Wer sich diesem Arbeitsregime entzieht, riskiert, in Not zu geraten. Jedenfalls in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das auf diesen Zwang gebaut ist. Was die Menschen hingegen seit jeher antreibt, ist das Begehren, die Lebenszeit nicht allein mit Überleben zu verbringen. Freie Zeit für wichtigere Dinge zu gewinnen als Arbeit, für Kinder, Freunde, Sport, Erkundung der Welt, Wissen, musische und geistige Verfeinerung. Wofür auch immer. Wir nennen das Zeitautonomie. Die Verfügung über die eigene Zeit ist das Mass der Freiheit, die Vorausetzung jeder Selbstbestimmung. Karl Marx hat von der «Zeit als Raum menschlicher Entwicklung» gesprochen. Freie Zeit ist also ein Menschenrecht. Doch nur sehr wenige schaffen es, dank besonders günstigen Umständen, sich ein bisschen Zeitautonomie einzurichten. Die meisten unter uns machen die Erfahrung, dass nicht einmal die «Freizeit» wirklich freie Zeit ist. Die Wirtschaft bindet uns weit über unsere Arbeitszeit hinaus ein. Was wir im Alltag ausserhalb des Jobs tun, unterliegt immer stärker fremdbestimmten Konsummustern. In digitalen Zeiten mehr denn je. «Wir machen dein Leben, dein ganzes Leben», sagt Google in seinen Publikationen sinngemäss. Ungefragt übernehmen wir immer mehr Arbeiten, die zuvor im Unternehmen oder in einer Verwaltung verrichtet wurden, bis hin zum Warendesign, strategischer Planung von Verkehrssystemen und dem Training von automatischen Kommuniationsmaschinen (Bots), also der Künstlichen Intelligenz, welche die Unternehmmen einsetzen. Freie Zeit ist kein individueller Luxus, sondern ein kollektives Projekt Von dieser Arbeit wussten wir nichts, und wir haben keinen Vertrag dafür. Was wir hingegen gut kennen, ist die Zeitnot. Sie ist das beherrschende Gefühl moderner Gesellschaften. In den 1990er-Jahren prägten Soziologen das Wort «Zeitwohlstand», um sinkende Arbeitszeiten zu beschreiben. Heute aber wird kein Satz so häufig gesagt wie: «Ich habe keine Zeit.» Geht es nach den Arbeitgebern, soll das zum Mantra das 21. Jahrhunderts werden. Sie haben im Ringen um unsere Zeit gerade eine grosse Front eröffnet: Sie wollen die Arbeitszeit entgrenzen. 150 Jahre lang ging der Trend Richtung kürzere Arbeitszeit und mehr Ferien. Wir sind, grob gesprochen, bei der 40-Stunden-Woche angekommen. Theoretisch. Faktisch steigt die real geleistete Ar- Die zentrale Frage lautet: Arbeiten wir nur, oder sind wir zivilisiert?

11 beitszeit wieder an. Nun fordert der Gewerbeverband die 50-Stunden-Woche als gesetzliche Norm. Der Freisinn will 48 Stunden und die Kontrolle der Arbeitszeit schleifen. Digitalunternehmer greifen die Kollektivverträge und die Schutzbestimmungen im Arbeitsrecht an. Sie lagern zunehmend Arbeit in Heimarbeit, an Plattformen und in Crowdworking aus. Sollten die Arbeitgeber diese Auseinandersetzung gewinnen, wäre dies ein historischer Bruch. Spätestens hier wird deutlich, dass Zeitautonomie kein individueller Luxus ist, sondern ein kollektives Projekt. Bei den aktuellen Diskussionen etwa über den Versuch der Arbeitgeber, die Arbeitszeit auszudehnen – mit mehr Wochenstunden, mehr Samstags-, Sonntags- und Nachtarbeit –, geht oft ein elementarer Zusammenhang vergessen: Zeitautonomie ist die Bedingung für sozialen Frieden, Fortschritt und Wissenschaft. Die entscheidende Frage heisst: Arbeiten wir nur (für Lohn und Überleben), oder sind wir zivilisiert? Jede Zivilisation in der Geschichte baute darauf, dass sie über das banale ökonomische Problem (ausreichende Produktion) hinaus Musse und Zeit produzierte für all die Dinge, die eine Gesellschaft wirklich braucht, wenn sie erst einmal gegessen und ein Dach über dem Kopf hat. Die wahre Geschichte der Gewerkschaften Fast überall war die Verfügung über die eigene Zeit einer Minderheit vorbehalten, die sich dem ökonomischen Zwang nicht stellen musste. Hier setzt die eigentliche Geschichte der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften ein: Sie ist der Kampf um eine doppelte Emanzipation des Menschen. Befreiung von Not und ökonomischen Zwängen. Und damit auch Befreiung von einem Zeitregime, das uns die Zeit stiehlt. Es brauchte Hunderte von Streiks und viele Arbeitskämpfe in den Betrieben, um die 6½-Tage-Woche in eine Fünftagewoche zu bringen. Der Generalstreik von 1918 forderte den Achtstundentag. Heraus kam, um 1930, in den meisten Branchen die 48-Stunden-Woche. Enormer Fortschritt, gegen die elend langen Arbeitszeiten (auch für Kinder) des 19. Jahrhunderts, wie sie etwa durch die Glarner und Zürcher Fabrikgesetze nur schwach eingedämmt worden waren. Unsere Grafik auf Seite 15 zeigt im Zeitraffer die Geschichte der Arbeitszeit in der Schweiz. In der Regel geschah die Arbeitszeitverkürzung in einem Wechselspiel von Gesetz und Gesamtarbeitsverträgen, wobei das Gesetz bis heute weit hinter den GAV zurückhängt (siehe Seite 14). Die Arbeitgeber wehrten sich in Regel mit Händen und Füssen gegen kürzere Arbeitszeiten oder mehr Ferien. Anders als beim Lohn, der in manchen Jahren fast ohne Widerrede erhöht wurde, musste jede Minute freier Zeit den Konzernbesitzern hart abgerungen werden. Der Grund dafür liegt weniger in objektiven wirtschaftlichen Zahlen als im grundsätzlichen Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital: Die Arbeitgeber bestehen darauf, über unsere Lebenszeit verfügen zu können. In der Arbeitszeit spiegelt sich exakt das momentane Kräfteverhältnis zwischen uns und den Arbeitgebern. Hebel der Gewerkschaften bei Arbeizszeitverkürzungen ist ein starkes wirtschaftliches Argument: die steigende Produktivität. Schaffen Arbeitende in kürzerer Zeit mehr Produkte oder Dienstleistungen, sind kürzere Arbeitstage oder mehr Ferien nur gerecht. Eine lange Reihe wirtschaflicher Daten weist nach: Verkürzungen der Arbeitszeit führten in der Regel zu höherer Produktivität. Die Furcht vor noch mehr Verdichtung der Arbeit Doch seit 2002 lehnten die Stimmbürgerinnen und -bürger die 36-Stunden-Woche, die flexible Frühpensionierung und die Initiative für sechs Wochen Ferien ab, zum Teil mit krassen Nein-Anteilen. Was ist bloss mit den Schweizern los? fragten ausländische Medien. SGB-Präsident Paul Rechsteiner bilanzierte in einem Interview vor acht Jahren: «Arbeitszeitverkürzungen stehen vorläufig nicht auf der Agenda.» Offenbar ist die Sache mit der Arbeitszeit nicht so einfach. Schon der Begriff verlangt nach Klärung: Wir sprechen über Lohnarbeitszeit, die Zeit, die wir im Tausch gegen Lohn arbeiten. Der Rest gilt als Freizeit. Das trügt. Damit eine Gesellschaft funktioniert, braucht sie viel mehr Arbeit. Zum Beispiel die Erziehungs- und Versor-