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syndicom magazin: Holen wir unsere Zeit zurück!

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

14 Dossier Schuften bis

14 Dossier Schuften bis zum Umfallen. Darum ist Flexibilisierung Betrug. Während überall Experimente mit kürzeren Arbeitszeiten blühen, greifen Arbeitgeber das Sozialmodell an. Sie fordern die Entgrenzung der Arbeit und Mehrarbeit. Gratis. Oliver Fahrni Was sollte man schon gegen Flexibilisierung haben? Der Begriff suggeriert Freiheit. Es ist doch fein, wenn ich im März Überstunden akkumulieren kann, dafür im Mai ein paar Freitage nehme, und morgen früh komme ich später, weil ich mit der Klassenlehrerin meiner Tochter sprechen will. Seien wir nicht naiv. Unsere Bedürfnisse spielen bei der Flexibilisierung keine Rolle. Sie dient den Unternehmen dazu, unsere Arbeit an eine möglichst profitable Betriebsführung (zum Beispiel an die Auftragslage) anzupassen, Lohnkosten und andere Kosten zu senken und heimlich die Arbeitszeiten zu erhöhen. Die Länge der Arbeitszeiten und der Takt (Rhytmus, Schichteinteilung usw.) unserer Arbeit unterliegen dem Kräftevehältnis zwischen Arbeit und Kapital. Am Ende bestimmt immer das Unternehmen, wann ich arbeiten muss, wann länger als die Normalarbeitszeit, und ob ich im Mai wirklich kompensieren kann. Flexibilisierung der Arbeit ist das grosse Dada der Arbeitgeber. Im Kern geht es darum, unsere Arbeit mit möglichst wenig Regeln (die uns schützen) zu vermarkten. Dafür haben Betriebswirtschafter Dutzende von Formen erfunden. Feilschen um Zeitformen, Pausen, Schichtorganisation, Ausnahmen bei der Arbeitszeit usw. wird sichergestellt, dass wir unsere Arbeit und unsere Freizeit verlässlich planen können. Das Schweizer Arbeitsgesetz leistet das nicht. Es ist so lasch, dass es fast alles zulässt, was die Aktionäre freut. Der Link auf dieser Seite führt zu den wichtigsten Bestimmungen. Eine ernüchternde Lektüre. Dennoch versuchen die Arbeitgeber heute, auch diesen schwachen Schutz auszuhebeln. Drei Punkte stehen auf ihrer Agenda: Die Erhöhung der Arbeitszeit. Die Abschaffung der Arbeitszeitkontrolle. Und die Aufweichung der Arbeitsverträge. Strategisches Ziel ist dabei, die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit zu beenden, also die Verfügungsmacht über die Arbeitenden auszudehnen. Auch hier argumentieren sie mit der Freiheit. Absurd: Will ich 60 Stunden ohne Lohnzuschlag arbeiten, zieht mir heute niemand den Stecker. Das Gesetz soll umgeschrieben werden, damit man die Arbeitenden zur Gratismehrarbeit zwingen kann. Fernziel: Outsourcing der Arbeit in neue Formen von Heimarbeit (Crowdworking usw.) ohne Arbeitszeitvorschriften. Da steht den Gewerkschaften eine harte Konfrontation bevor. Sie wollen im Gegenteil die Normalarbeitszeit rabiat reduzieren, um die schwindende Menge digitalisierter Arbeit besser auf alle zu verteilen. goo.gl/v9JBMM Wachstum und Gewinn ohne Arbeit Gleitarbeitszeit mit Kernzeiten sind noch deren mildeste Form. Über Zeitkonten (etwa aufs Jahr) arbeiten wir nur, wenn das Unternehmen uns braucht. Damit wird uns ein Teil des Unternehmerrisikos aufgebürdet, was eigentlich illegal ist. Vertrauensarbeitszeit trägt ihren Namen schlecht. Sie ist meistens eine Form von Betrug, die «de-facto-Verlängerung der Arbeitszeiten ohne jeg liche zeitliche oder finanzielle Kompensation», sagt die Arbeitsforscherin Christa Herrmann. Bei flexibler Arbeitszeit fallen die Lohnzuschläge weg. Vertrauensarbeitszeit wird oft mit Produktionsinseln kombiniert, etwa in den Arbeitsformen des Toyotismus. Reicht den Unternehmen diese interne Flexibilisierung nicht, richten sie Arbeit auf Abruf ein oder greifen auf Outsourcing zurück – heute eine grassierende Form externer Flexibilisierung. In fast allen Betrieben der Schweiz wird heute eine Kombination diverser Formen von Outsourcing, flexiblem Arbeitseinsatz und verdichtetem Arbeitstakt eingesetzt. Das ist das Resultat des neoliberalen Umbaus, der in der Schweiz in den 198oer-Jahren begann. Den Neoliberalen geht es darum, den Schutz der Arbeit durch Gesetz und Gewerkschaften zu zerstören. Ihr Traum ist Wachstum und Gewinn ohne Arbeit. Eine Illusion, weil nur lebendige Arbeit Wert schafft. Seither geben die Besitzer der Unternehmen die Produktivitätsgewinne nicht mehr weiter. Diese Verteilung war die Grundlage der Sozialpartnerschaft. Folgen: Die Löhne stagnieren, der Lohnkostenanteil sinkt in fast allen Branchen, und die Lohnund Vermögensdiskrepanzen explodieren. Darum sind Gesamtarbeitsverträge so wichtig. Im detailreichen Fotostrecke Das Titelbild, die Fotos auf den Seiten 8 bis 14 und das Bild im Inhaltsverzeichnis hat der Waadtländer Fotograf Thierry Porchet geschaffen. Dafür hat er sich eine aufwen dige Inszenierung einfallen lassen: Er bat den Multijobber Bernard Fière, der auch schon als Industrietaucher gearbeitet hat, frühmorgens in ein Becken des Thermalbades von Yverdonles-Bains zu steigen. Für Porchet, in der Romandie ein bekannter Meister seines Fachs, ist Zeit eine Materie im Fluss, wie Licht oder Wasser. In seinen Bildern verschmelzen Arbeitszeit und freie Zeit. Wir danken Laure Favre, der Marketingverantwortlichen der Bäder von Yverdon, für die Unterstütung. Mehr Einsichten in die Arbeit von Thierry Porchet: image21.ch

Freie Zeit, Zeit ohne Lohnarbeit, ist ein Menschenrecht. Zeit für Familie, Kultur und Nichtstun, für gesellschaftliches Leben und Engagements. Sie musste in ungezählten Kämpfen erobert werden – unsere wichtigste Errungenschaft. 15 Der Kampf für freie Zeit 1864: 12 Stunden Glarner Fabrikgesetz 1871: 10,5 Stunden Maschinenindustrie 1917: 59-h-Woche Eidg. Fabrikgesetz 1920: 48-h-Woche In diversen Branchen 1815: 12–14 Stunden ZH Kinderarbeit 1848: 15 Stunden Glarus 1870: 10 Stunden Typographen, Uhren 1877: 11 Stunden Eidg. Fabrikgesetz 1899: 10 Stunden 1. Mai- Forderung 1909: 8 Stunden Maschinensetzer 1918: 48-h-Woche Forderung Landesstreik um 1830 1900 2010 1930: 48-h-Woche Wird üblich 1958: 46-h-Woche SMUV-GAV 4500 Jahresstunden 2700 1931 1959: 44 Stunden SGB-Initiative Gesetz: 46 h–50 h 1963: 44-h-Woche GAV Maschinen 1971: 44 h und mehr 50 % arbeiten länger 1971: 40-h-Woche POCH-Initiative, 1976 abgelehnt 1983: 40-h-Woche SGB-Initiative 1979: 40-h-Woche Typographen- Vertrag 1988: 40-h-Woche MEM-GAV 2010: 41,6-h-Woche Reale Arbeitszeit Quelle: Historisches Lexikon Arbeitszeit ist jener Teil unserer Lebenszeit, den wir einem Unternehmer gegen Lohn zur Verfügung stellen. Wir tun dies nicht freiwillig. Mit der Lohnarbeit bezahlen wir unseren Lebensunterhalt und alles, was damit zusammenhängt, etwa die Altersvorsorge oder die Ausbildung unserer Kinder. In der Arbeitsdauer zeigt sich unverhüllt das Machtverhältnis zwischen Arbeit und Kapital. Seit dem 19. Jahrhundert haben die Arbeitenden die Verkürzung der Arbeitszeit um mehr als die Hälfte erzwungen. Von 15 Tagesstunden zum 8-Stunden-Tag. Von der 6½-Tage-Woche zur 5-Tage- Woche. Von null auf 5 Wochen Ferien. © Grafiken: Tom Hübscher und Lars Weiss, tnt-graphics Soviel arbeiten wir jede Woche Vollzeitstelle, Arbeitszeit in Stunden Frankreich Finnland Italien Schweden Spanien Deutschland Schweiz Grossbritannien Griechenland Quelle: Eurostat, BfS Zahlen für 2016 * nach Eurostat 37,6 37,9 38,2 38,7 39,1 40,3 nach BFS 41,2 42,8* 42,8 30 32 34 36 38 40 42 44 44,6 In der Schweiz wird länger gearbeitet als anderswo, weit über 40 Stunden pro Woche bei einer Vollzeitstelle. Länger etwa als in Deutschland, und sogar gut einen halben Tag mehr pro Woche als in Frankreich. Schlimmer: Der Trend geht derzeit Richtung verlängerte Arbeitszeiten. 2017 ist die Zahl der tatsächlich geleisteten Stunden zum ersten Mal seit vielen Jahren gestiegen. So lange wird pro Jahr gearbeitet Durchschnittliche Zahl Arbeitsstunden pro beschäftigte Person Deutschland Frankreich Schweiz Spanien Japan Italien USA Russland Griechenland Quelle: OECD 2014, Zahlen für 2012 1393 1479 1619 1666 1745 1752 1790 1982 0 500 1000 1500 2000 2034 Die Zahl der geleisteten Jahresarbeitsstunden variiert je nach Land stark. Das liegt nicht nur an den Ferientagen. Die erstaunlichen Unterschiede zeigen auch die krasse Ungleichverteilung der Lohnarbeit. Weisen die fleissigen Deutschen oder Schweizer weniger Stunden auf, spiegelt dies auch die Zunahme der Teilzeitjobs – sie sind oft eine unfreiwillige Unterbeschäftigung, vor allem von Frauen.