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syndicom magazin: Holen wir unsere Zeit zurück!

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

16 Eine bessere

16 Eine bessere Arbeitswelt Die Schweiz ist kein Sonderfall. Nehmen wir die rosa Brille runter. In der Schweiz lässt es sich ganz ordentlich leben. Meistens und für die meisten jedenfalls. Etwas verwundert beobachten wir, wie drei Viertel der Italienerinnen und Italiener ihr Land in ein Trumpistan verwandeln wollen, obschon die linke Regierung gerade das Wachstum zurückgebracht hat. Entsetzt beobachten wir, wie in Deutschland die Armut der Arbeitenden wächst – und mit ihr die AfD. Kopfschüttelnd sehen wir das rasende Tempo, mit dem der französische Präsident die 35 Stunden, den Service public und die soziale Sicherheit demontiert. Die neoliberale Dampfwalze hat wieder Fahrt aufgenommen. Nur in der Schweiz nicht? Eine optische Täuschung. Freisinnige nehmen die PostAuto-Affäre zum Anlass, eine neue Privatisierungswelle anzustossen. Der Gewerbeverband will uns 50 Wochenstunden arbeiten lassen, Avenir Suisse möchte die GAV und die AHV killen. Bei SBB, Post, Swisscom, SRG laufen heftige Sparprogramme. Und noch etwas teilen wir mit Italien, Deutschland, Frankreich: Hier wie dort sind die Gewerkschaften die wichtigste Kraft geworden, um den sozialen Fortschritt zu verteidigen. Ende Idyll: FDP und SVP nutzen die PostAuto-Affäre für eine neue Attacke auf den Service public. Stresstest für den Service public: goo.gl/K1MRp1 Stop Lohndumping: Der Gewerkschaftsbund Bern gibt den Takt vor. Lohndumping ist illegal. Und dreifach pervers: Weil tiefe Löhne die Arbeitenden in Not stürzen. Weil der Volkswirtschaft Kaufkraft entzogen wird und die Sozial versicherungen Beiträge verlieren. Und weil Lohn dumping ein politisches Klima schafft, das Fremdenfeinden und den Rechtsradikalen der SVP nützt, die unsere geregelten Beziehungen zu den europäischen Nachbarn kippen wollen. Unternehmen organisieren den Lohnbeschiss mit Subunternehmerketten. Ein Auftrag wird an ein anderes Unternehmen weitergegeben, das ihn wiederum weiterreicht. Solche Ketten können über viele Stufen gehen. Unterwegs wird auf jeder Stufe Gewinn abgeschöpft und der Preis gedrückt. Am Ende der Kette werden nur noch Hungerlöhne bezahlt. Auch öffentliche Unternehmen greifen zu dieser Praxis. Das will der Gewerkschaftsbund des Kantons Bern nun per Volksinitiative unterbinden. Für alle Aufträge, die im öffentlichen Beschaffungswesen vergeben werden, muss künftig das Unternehmen, das den Auftrag erhält, ihn selbst ausführen. Zu GAV-Löhnen. Diese Initiative ist einfach, wirksam und gerecht. Bitte nachmachen. srf.ch/news/schweiz/wenn-subunternehmerketten-die-loehne-druecken

«Der Bundesrat trägt die Verantwortung für die Zerstörung von fast 1400 Stellen in zwei Jahren bei Swisscom.» Giorgio Pardini 17 Jobs weg für Boni und die fette Dividende des Bundes Swisscom soll 100 Millionen Franken sparen, 700 Stellen werden gestrichen. Trotz Milliardengewinn. Das verlangt der grösste Aktionär, der Bund. Er will den öffentlichen Betrieb weiter melken. Eine bizarre Vorstellung von Service public. Der Unmut wächst. Scharfe Worte machen sich Luft. Widerstand gärt. Wenn am 4. April die Aktionäre des Swisscom-Konzerns zur Generalversammlung zusammentreten, werden sich die Geschäftsleitung und vor allem der Hauptaktionär, der Bund, warm anziehen müssen. Mehrere Aktionäre wollen nicht mehr hinnehmen, dass Swisscom 2018 ein verschärftes Sparprogramm fährt und dafür weitere 700 Stellen zerstört. Dies bei einem Betriebsergebnis von 4,3 Milliarden und einem Reingewinn von 1,57 Milliarden Franken. Schon 2017 hatte der ICT-Riese 684 Jobs gestrichen. Giorgio Pardini, Leiter des Sektors ICT bei syndicom, nennt das «eine Renditestrategie auf dem Buckel des Personals». Für die Jahre 2018 bis 2020 hat Swisscom jetzt das Sparziel von 60 auf 100 Millionen Franken erhöht. Pro Jahr. Ohne Not werden hier Arbeit und das hohe Wissen von Mitarbeitenden vernichtet. Der Konzern ist gut aufgestellt. Die Verschuldung ist mässig, die Substanz enorm, und Swisscom konnte 2017 fast 2400 Millionen in neue Infrastrukturen investieren. Der Glasfaserausbau kommt schnell voran, und jetzt wird 5G aufgelegt. syndicom fordert, den harten Spardruck vom Swisscom-Personal wegzunehmen. (© Swisscom) ICT-Fachorgane nennen das Swisscom-Netz im internationalen Vergleich «exzellent». Sogar die PK meldet stolze fünf Prozent Ertrag. Milchkuh mit prallem Euter Swisscom geht es so gut, dass sie immer wieder Privatisierungsgelüste weckt – erst gerade wieder, 2016. Dass es bei der Sparstrategie um höhere Renditen geht, zeigt das Verhältnis von zwei Kennzahlen: Bei sinkenden Margen in einem hart umkämpften Markt und stabilem Umsatz (11,7 Milliarden) hat Swisscom ihren Reingewinn fast halten können. Und zahlt eine unverändert hohe Dividende aus. Genau da setzt die Kritik der Gewerkschaft an. Pardini sieht den Bundesrat als Hauptverantwortlichen für die andauernde Jobvernichtung. Die Eidgenossenschaft hält 51 Prozent der Aktien. Da fallen für 2017 gut 600 Millionen Franken Dividende ab. Swisscom ist eine Milchkuh, die der Bundesrat weiter melken will. Er hat dem Konzern mindestens die Werterhaltung, besser eine Wertsteigerung ins Pflichtenbuch geschrieben. Jahr um Jahr werden die Ziele hochgeschraubt. Das Parlament nickt das ab. Dass ein Betrieb des Service public Leute entlässt oder nicht mehr ersetzt, um den hohen Gewinn zu halten, nennt Pardini «nicht mehr vernünftig». Es ist eine milde Umschreibung. Tatsächlich stelle sich «hier wie bei der Post und der SBB ein politisches Grundproblem: Erste Aufgabe eines öffentlichen Betriebes kann nicht sein, möglichst viel Geld zu machen. Im Vordergrund muss der Dienst an der Allgemeinheit stehen.» Konkret: Ausbau der Infrastruktur, vernünftige Preise, eine nachhaltige Digitalisierungsstrategie. Und intern, so Pardini, «ist eine umfassende Weiterbildungsoffensive nötig». Heute ist die Gewerkschaft froh, dass sie die Nachbesserung des Sozialplans 2013 durchgesetzt hat. Der Stellenabbau trifft vor allem erfahrene Leute. Pardini: «Zusammen mit dem steigenden Druck durch die neuen Managementsysteme setzt das eine Abwärtsspirale in Gang.Jetzt muss der Spardruck gelockert werden.» goo.gl/6tv5GB Unsere Zeit ist mehr wert Schweden testet den 6-Stunden-Arbeitstag bei vollem Lohn und macht gute Erfahrungen damit. Die Produktivität ist nicht gesunken – im Gegenteil, die Verkürzung der Arbeitszeit ist der Arbeitsleistung zuträglich, und den Menschen geht es gesundheitlich besser. Sie sind motivierter und haben weniger Absenz- und Krankentage. Die Arbeitgeber müssen zusätzliches Personal einstellen. Das kostet. Andererseits steigt die Produktivität, und die Kosten für Arbeitslosengeld, So zialhilfe und Krankheit sinken. Und es bleibt mehr Zeit für Freizeit und familiäre Betreuungsaufgaben. Elinor Odeberg von der schwedischen Gewerkschaft Kommunal betonte aber am SGB-Frauenkongress im Januar, Arbeitszeitverkürzung sei nicht die einzige Antwort auf die Abwesenheit der Männer in der Hausarbeit oder die erzwungene Teilzeitarbeit von Frauen. Denn Untersuchungen zeigten, dass die verwurzelten Rollenbilder dazu führten, dass auch bei ähnlichem Einkommen die Frauen die unbezahlte Care-Arbeit übernehmen und dafür manchmal sogar Teilzeit arbeiten. Der SGB-Frauenkongress hat unter Teilnahme von über zwanzig syndicom-Frauen eine Re solution verabschiedet, die fordert: «maximal 35 Stunden Vollzeit statt Teilzeitfalle». Patrizia Mordini, Leiterin Gleichstellung, Mitglied der Geschäftsleitung