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syndicom magazin: Holen wir unsere Zeit zurück!

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

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20 Arbeitswelt «Die minutengenaue Sequenzierung der Arbeitszeit führt zu Problemen. Unsere Aufgabe ist es, sie anzugehen.» Matteo Antonini Arbeitshetze im Minutentakt macht uns krank. Im frühen Kapitalismus wurde nicht die Zeit als Wert gesehen, sondern die Tätigkeit und ihr Produkt (Akkordlohnarbeit). Erst später, mit den sozialen Errungenschaften, ersetzte Zeitlohnarbeit die Akkordlohnarbeit: Nun wurde die Arbeitszeit als Normwert definiert. Die Akkordlohnarbeit ist jedoch nie aus dem Obligationenrecht verschwunden, und heute erleben wir eine verheerende Rückkehr in die Vergangenheit, etwa durch die Uberisierung. Noch beunruhigender ist aber der Druck, der über die permanent erhöhten Produktivitätsanforderungen ausgeübt wird. Die Zunahme der Berufskrankheiten, anerkannt oder auch nicht, ist eine Folge davon. Dazu kommen neue Arbeitsformen wie Temporärarbeit und die Unterbeschäftigung. Die minutengenaue Sequenzierung der Arbeitszeit führt in den verschiedenen Sektoren unserer Organisation zu neuen Problemen wie Lohneinbussen oder erschwerter Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Es liegt in unserer Verantwortung als Gewerkschaft, diese Herausforderungen im Interesse unserer Mitglieder anzugehen. Um ihr Ausmass besser zu erfassen, haben wir eine Umfrage beim Vertriebspersonal lanciert. Danach werden wir unsere Forderungen zur Verbesserung der Situation definieren. Matteo Antonini ist Leiter des Sektors Logistik und Mitglied der syndicom-Geschäftsleitung Erfolgreich verhandelt: Löhne ICT ziehen an Bei UPC hält die Gewerkschaft derzeit still, um Jobs zu retten. Die Konjunktur zieht an. Die Lage der öffentlichen Finanzen ist besser als von den Regierungen erwartet. Die Teuerung regt sich wieder. Derweil explodieren die Krankenkassenprämien. Vor diesem Hintergrund fordern die SGB-Gewerkschaften generelle Lohnerhöhungen von bis zu 1,5% sowie einheitliche Frankenbeträge. Im Telecom- oder ICT-Sektor hat syndicom ihre Aufgabe erfüllt: Es wurde eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 1,1% ausgehandelt. Im Einzelnen haben sich syndicom und Swisscom auf eine Lohnerhöhung von 1,1% für GAV-Mitarbeitende geeinigt. Die Anhebung der Löhne der Mitarbeitenden richtet sich nach ihrer Leistung und der Lage im Lohnband. Für die Mehrheit der Mitarbeitenden ist eine Lohnerhöhung von mindestens 0,5% pro Jahr festgelegt worden. Der Lohnabschluss bei Cablex sieht eine Steigerung der Lohnsumme 2018 um 1,1% vor. Der Ziellohn (bei erreichten Zielen) der Cablex-Mitarbeitenden wird um 960 Franken pro Jahr erhöht. Dies entspricht einer monatlichen Lohnzunahme von bis zu 80 Franken ab dem 1. April 2018. Mit dem Erfolgsanteil im April 2019 wird allenfalls noch der Rest der Lohnerhöhung ausbezahlt. Da sich UPC in einer schwierigen Phase befindet, hat syndicom bei den diesjährigen Lohnverhandlungen einer Nullrunde zugestimmt. Diese Zustimmung ist mit der Bedingung verbunden, dass das Unternehmen auf einen Stellenabbau möglichst verzichtet. Hingegen haben sich Sunrise und syndicom auf eine Lohnerhöhung von 1% geeinigt, nachdem sie auch den neuen GAV 2018–2021 abgeschlossen hatten. In der Hochburg der Sexisten Der Ständerat zementiert illegale, diskriminierende Lohnunterschiede. Anfang Monat hat der Ständerat eine Vorlage an die Kommission zurückgewiesen, welche die Unternehmen zur Lohntransparenz verpflichten wollte. Mit der Vorlage sollten die Lohnungleichheiten zwischen Männern und Frauen bekämpft werden. Diese Ungleichheiten bestehen weiter, obwohl das Recht auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit seit 37 Jahren in der Verfassung verankert und das Gleichstellungsgesetz bereits seit 22 Jahren in Kraft ist. Am Weltfrauentag vom 8. März kündigte die französische Regierung an, dass sie bis in drei Jahren den Lohnunterschied von 9% zwischen Männern und Frauen für gleichwertige Arbeit eliminieren will. Dies dank einer Software, die ungerechtfertigte Lohndifferenzen in den Unternehmen aufspüren soll. Die haben drei Jahre Zeit, diese Lohnunterschiede auszugleichen. Andernfalls droht ab 2022 eine Geldstrafe von bis zu 1% der gesamten Lohnsumme. Wäre eine solche Strafe nicht auch eine Lösung für die Schweiz? Strafgebühren sind in der Schweiz nichts Neues. Man denke an die CO 2 -Abgabe (wer verschmutzt, zahlt), die Tabaksteuer, die Ersatzabgaben für den Militär- oder Feuerwehrdienst etc. Das Grundproblem wäre damit nicht gelöst, aber es würde ein wenig Rechtsgleichheit geschaffen ... 8. März in Bern: weltweiter Kampftag für die Rechte der Frauen syndicom.ch/branchen/telecom/ sgb.ch/themen/gleichstellung/

«Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir eine Post, die allen dient, oder einen Konzern, der die Bundeskasse füllt?» Daniel Münger 21 «Die ganze Wahrheit über die Post muss nun auf den Tisch!» syndicom-Präsident Daniel Münger über die PostAuto-Affäre, fette Gewinne und die Heuchelei des Parlaments. Die Bundespolizei ermittelt, und Politiker fordern den Rücktritt von Postchefin Susanne Ruoff. syndicom tut dies nicht. Daniel Münger, sind Sie zu sehr in der Sozialpartnerschaft gefangen? Unsinn! Im Moment* ist Frau Ruoff einfach nicht unser dringendstes Problem. Die Personaldebatte lenkt nur von sehr viel wichtigeren Themen für die Zukunft der Post und des Service public ab. Jetzt muss erst einmal die Wahrheit über PostAuto und die Post auf den Tisch, die ganze Wahrheit. Lückenlos. Die öffentliche Hand darf nicht beschissen werden. Subventionen erschleichen, das geht gar nicht. Offenbar hat sich die PostAuto AG so verhalten wie gewöhnliche Konzerne das tun: Sie hat Gewinne mit Buchhaltungstricks versteckt. Da kommen wir dem Kern des Problems schon näher. Bei PostAuto hat sich, soviel wir heute wissen, niemand persönlich bereichert. Es ging offenbar darum, Vorteile für den Konzern zu ertricksen. Das enthüllt einen grundlegenden Widerspruch. Einerseits soll die Post eine umfassende öffentliche Dienstleistung erbringen, bis in die hintersten Ecken des Landes. Das ist richtig, weil es für die Kunden, die Schweiz und ihren Zusammenhalt von elementarer Bedeutung ist. Andererseits soll der Postkonzern dem Aktionär, also dem Bund, hohe Gewinne abliefern. Dass auch ein Service public wirtschaftlich arbeitet, ist vernünftig. Aber muss er auch noch die Staatskasse füllen und sich dafür wie ein Konzern verhalten, der Leistungen abbaut, die Löhne drückt, die Arbeitsbedingungen verschlechtert, Betriebsteile auslagert, um sie dem GAV zu entziehen, und die Zahlen frisiert? Das ist der falsche Weg. Der Chef des Bundesamtes für Ver - kehr sagt, er sei «erschüttert über das falsche Gewinndenken» bei PostAuto. Derselbe Mann will durchfahrende Chauffeure vom Schweizer Lohnschutz ausnehmen, damit die Löhne Daniel Münger redet Klartext. (© Res Keller) gedrückt werden können. Er ist wie jene Parlamentarier, die jetzt Erstaunen heucheln, aber die Gewinnvorgaben mitbeschlossen haben. Das tönt fast so, als wollten Sie das Postmanagement in Schutz nehmen? Im Gegenteil. Wir kämpfen gegen den Poststellenkahlschlag und Entlassungen. Wir kritisieren die verschlechterten Arbeitsbedingungen, die Auslagerungen und vieles mehr. Und über die Führung von PostAuto hätten unsere Mitglieder eine Menge zu erzählen. Und über die exorbitanten Löhne von Frau Ruoff und der Postspitze und die wachsenden Boni ... Auch darüber. Dass wir bei der Post solche Managerinnen und Manager haben, ist das Resultat der gleichen Logik: Es ist absurd und fatal, einen so wichtigen öffentlichen Dienst wie einen Konzern mit Gewinnmaximierung zu führen. Dafür aber liegt die Verantwortung beim Besitzer. Also beim Bund. Hat nur PostAuto die Zahlen frisiert? Können Sie heute den Zahlen über die fehlende Rentabilität der Poststellen noch glauben? Lassen Sie es mich so sagen: Seit die Post ihre Rechnung der Poststellen auf eine neue Grundlage gestellt hat, schneiden viele schlechter ab als zuvor. Da wird man schon nachdenklich. Wir brauchen heute Kostenwahrheit. Für die Poststellen genauso wie für PostAuto: Wir wollen wissen, wie viel ein Kilometer PostAuto wirklich kostet. Und welche Kosten bei den Poststellen wirklich entstehen. Riskieren Sie dabei nicht, den Privatisierungsturbos Argumente zu liefern? Es gibt doch immer ein privates Unternehmen, das dann sagt: Wir machen das billiger. Zu Dumpinglöhnen, mit gefährlich langen Arbeitszeiten und weniger Sicherheit für Chauffeure und Passagiere. Schauen Sie, was in der Logistik geschieht. Dort herrschen teilweise Wildwestverhältnisse. Man muss schon wissen, was man will. Will man eine Post, die der Gemeinschaft dient, und dieses Land gut versorgt, oder wollen wir eine Milliarde Gewinn? Wollen wir ein gutes öffentliches Verkehrsnetz, die Verlagerung des Verkehrs und korrekte Arbeitsbedingungen, oder wollen wir Lohndumping, Arbeitslose und verheerte Landschaften? Zivilisation gibt es nicht zum Nulltarif. Es ist höchste Zeit für eine klare Gesamtstrategie. Eine Gesamtstrategie für PostAuto? Für PostAuto, aber auch ein Konzept für das Poststellennetz und eine Strategie für die gesamte Post. Sie ist ein phantastisches Unternehmen mit Mitarbeitenden, die Enormes leisten, zuverlässig, und pünktlich. Der Raubbau an diesem Bijou muss heute gestoppt werden. Schluss mit Päcklisekunden und Pausenstreichungen und heimlichen Arbeitszeitverlängerungen, mit Zeitdruck, Frust und Lohnklemmerei. Und wo bleibt eigentlich eine glaubhafte Digitalisierungsstrategie? Manchmal male ich mir die Post der Zukunft aus. Eine Post, die ein mächtiges Bildungsprogramm auflegt, statt Arbeitsbedingungen zu verschlechtern. Eine moderne, ganz auf Dienstleistung für die Allgemeinheit getrimmte Post. Sie wäre ein starkes Atout für die Schweiz. * Das Interview wurde am 26. Februar geführt. goo.gl/xmtqJd