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Seite 26 10. April

Seite 26 10. April 2018 Zeugen der Zeit Eva Kagleder Als man mit Kühen ackerte va Kagleder wurde im Winter 1928 in Aldersbach geboren. Als sie sieben ahre alt war verunglückte ihr Vater tödlich. Danach kam der 2. Weltkrieg, er ihre Geschwister an die Front forderte, einschneidende Erlebnisse mit ich brachte und dem jungen Mädchen harte Arbeit bescherte. Geprägt von chicksalsschlägen strotzt die 90-Jährige dennoch voller Lebensmut. Als mein Vater vom 1. Weltkrieg heimkehrte hat er ein Anwesen in Schwaig bei Aldersbach gekauft“, erzählt Eva Kagleder. Hier sollten Sohn Josef und Ehefrau Franziska, die die Diensthütte in Seestetten bewirtete, ein neues Zuhause finden. Die Familie vergrößerte sich über die Jahre um Matthias, Maria, Adam und im Januar 1928 noch um die kleine Eva. Die Zeit steht still Vater Matthias verdiente den Lebensunterhalt als Forstarbeiter bei Baron von Aretin in Haidenburg. Mutter Franziska kümmerte sich um die kleine Landwirtschaft mit Kühen und Hühnern. Die Kinder wuchsen trotz regelmäßiger Arbeit relativ unbeschwert in der Natur auf. Josef und Matthias be­ Wie viel ist meine Immobilie wert? Verkehrswertgutachten (gerichtstauglich) und Kurzbewertungen z. B. für folgende Bewertungsanlässe: ✔ Erbschaft ✔ Finanzamt ✔ Ehescheidung ✔An- und Verkauf ✔ Beratung ✔ Plausibilitätsprüfung Sachverständiger für die Bewertung von bebauten und unbebauten Grundstücken (TÜV) Strasserödweg 34 · 94474 Vilshofen Tel. 08549-971811 · www.sv-baisch.de armin.baisch@ immorat-passau.de Bereits ihre Kinderheit verbrachte Eva Kagleder (90) in Schwaig. Gutachter Photovoltaik Kennlinienmessung · Wärmebildkamera ·Gutachten Technische Betriebsführung ·Ertragsprognose Tel. 0 85 04/95 7579 0 info@pv-gutachten.bayern suchten bereits das Gymnasium und die Jüngeren noch die Volksschule, als sich von einer Sekunde auf die andere alles veränderte: „Es war ein schöner Samstagnachmittag, wir wollten Most machen und waren mit Obstpflücken beschäftigt, als Vater plötzlich vom Baum stürzte“, erinnert sich Eva Kagleder. Obwohl er nicht weit gefallen war, hatte er sich einen offenen Beinbruch zugezogen und wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Behandlung war 1935 schlecht, dem Patienten nur wenig Beachtung geschenkt. „Vater wurde schwächer und schwächer, als wir am Montag zu Besuch kamen war das Bein schon schwarz. Man versuchte ihn noch zu retten und amputierte den Fuß, doch die Entzündung war bereits in einen Brand übergegangen“, so die 90-Jährige. Matthias Schwarz starb im Alter von 50 Jahren. Alleine mit fünf Kindern Mutter Franziska stand vor einer schweren Aufgabe: Sie hatte nun alleine für fünf Kinder zu sorgen. Staatliche Unterstützung erhielt sie keine, weil die Ärzte als Todesursache eine Lungenentzündung angaben, um ihre Schuld zu vertuschen. „Unsere Mutter war nun alleinerziehend mit zwei Kindern und drei Jugendlichen. Wie wir erst später erfahren haben, blieb sie oft hungrig, damit wir fünf Kinder genügend zu essen hatten“, sagt Eva Kagleder. Dennoch war man froh, auf dem Land zu leben. Hier war es einfacher, an Nahrung zu kommen. Harte Zeiten für die Familie Doch Geschenke gab es nur wenige. „Die anderen Mädchen hatten so tolle bewegliche Schildkröt-Puppen. Meine Mutter konnte mir den Wunsch nicht erfüllen. Ich erhielt eine selbstgeschnitzte Puppe mit bescheidenen, selbstgenähten Kleidern und war so enttäuscht. Zum Schluss weinten wir gemeinsam, ich aus Enttäuschung und meine Mama, weil sie ihrem Kind nichts wertvolles schenken konnte“, erinnert sich die 90-Jährige. Schwester Maria musste mit 14 Jahren Arbeit als Haushaltshilfe bei der Familie von Aretin in Oberbayern annehmen, dort stieg sie auf bis zur Köchin. Das Leben der Familie wurde mit den Jahren nicht leichter. Die Herrschaft der Nazis schritt voran. „Es war Pflicht Eva Kagleder bei ihrem 90. Geburtstag mit 2. Bürgermeisterin Marie-Luise Wiese und Pater Doise John Mullankuzhiyil. für alle Mädchen, in den BDM (Bund Deutscher Mädchen) einzutreten. Auch hier spürte man Standesunterschiede: Die Ausstattung – Bluse und barettartige Mütze – mussten die Familien selber bezahlen. Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen trugen einfache schwarze Mützen und Blusen“, so die alte Dame. Ausbruch des 2. Weltkriegs Vier Jahre nach dem Unfall des Vaters brach der 2. Weltkrieg aus. Die älteren Brüder machten noch ein Notabitur in Passau und Niederaltaich, bevor sie zum Wehrdienst einberufen wurden. Die Schule in Schweiklberg war aufgelöst. Maria ereilte der Aufruf zum Arbeitsdienst, sie entschied sich für das Rote Kreuz und kam als Krankenschwester ins Lazarett. Nachdem den drei Schwarz-Kindern später auch noch Adam in den Krieg folgte, lag es an der jungen Eva, das Anwesen gemeinsam mit der Mutter zu bewirtschaften. Sie lernte es, die Felder mit Kühen zu bestellen und brachte das Getreide mit dem Fuhrwerk zur Mühle nach Aidenbach. Keine leichte Aufgabe, alleine eine Kuh zum Zugtier zu trainieren. Doch der jungen Eva gelang es. Mit viel Geduld brachte sie es den Tieren bei, auf ihr Kommando zu folgen. Fleisch gab es ganz selten Bis auf wenige Ausnahmen war man Selbstversorger. Denn die Natur deckte den Tisch. „Wir hatten glücklicherweise ein paar Eier von unseren Hühnern und etwas Milch und Butter von unseren Kühen“, so die 90-Jährige. Fleisch gab es ganz selten, wenn dann vom eigenen Geflügel. Schwein gab es nichtmal beim Metzger zu kaufen. Die gehaltenen Tiere mussten alle gemeldet werden. „Mutter und ich hielten einmal ein Schwein schwarz. Das war verboten und gefährlich. Aus Sorge, doch noch bei den Behörden denunziert zu werden, hat ein Nachbar geholfen, das Tier schwarz zu schlachten“. Eine gefährliche Sache, denn man konnte niemandem trauen. Genügend gab es Kartoffeln, Blaukraut, Weißkraut, Karotten, Rote Bete und Petersilie. Obstbäume und Brombeerhecken standen im Garten. Im Wald war Eva Kagleder gerne zum Himbeeren und Pilze sammeln unterwegs. Für ihre Enkel und Urenkel ist sie noch heute die beste Pilzsammlerin. Sie kennt Gerichte vor allem mit Hallimasch (Stockpilz), Wiesenchampignons und Schirmpilz. Im Verlauf des Krieges wurden den großen Bauernhöfen Kriegsgefangene als Fremdarbeiter aus Russland oder Polen zugewiesen, die sich mit der Dorfbevölkerung recht gut verstanden. Das Anwesen der Familie Schwarz galt als zu klein. So blieben Eva und ihre Mutter alleine mit der harten Arbeit. Probleme durch eingefleischte Nazis Bei den besonders nationalsozialistisch eingestellten Personen im Dorf hatten sie keinen leichten Stand. Franziska Schwarz war, selbst als Trägerin des deutschen Mutterkreuzes, nicht zur Frauenorganisation gegangen. „Die Vorsitzende hatte sie mehrmals zurechtgewiesen, dass auch sie mit Heil Hitler zu grüßen hätte, worauf meine Mutter erbost erwiderte, ob es nicht reiche, dass sie vier Kinder im Krieg habe“, erinnert sich die Aldersbacherin. „Als wir 1944 im Radio hörten, dass die Amerikaner in Frankreich gelandet sind, sagte meine Mutter: ‚ausis, jetzt haben wir den Krieg verloren!‘ Meine Schwägerin, eine ganz fanatische Frau, zischte daraufhin: ‚Wenn du nicht die Mutter meines Mannes wärst, würde ich dich anzeigen, dann kämst du ins KZ‘. Unglaublich eigentlich, aber man konnte niemandem trauen“, so die 90-Jährige. Aussichtslose Gefechte Die Situation an der Front war aussichtslos, die Verwundeten immer mehr. Schwester Maria klagte über fehlende Medikamente und Verbandsmaterial. Es kam soweit, dass sie ihre eigenen Schürzen zerschnitten, um die schwer verwundeten Soldaten zu verbinden. In den letzten Kriegswochen wurde sie vom vordersten Lazarett in Lemberg (Polen) abgezogen

10. April 2018 Seite 27 Ackern mit zwei Kühen, keine leichte Aufgabe. Eva Kagleder machte aus der Not eine Tugend und bestellte die Felder mit den Milchkühen. und nach Schweiklberg verlegt. Zur gleichen Zeit war Matthias war bei der Luftwaffe eingesetzt. Eines Tages erreichte die Familie die Nachricht, er sei abgestürzt. Tage später stellte sich heraus, dass er gar nicht an Bord der fehlgestarteten Maschine war. Der Krieg ist überstanden, neue Zeiten brechen an und versprechen bereits bei der Verlobung eine gemeinsame, glückliche Zukunft mit Josef Kagleder. Der Krieg in Aldersbach Nach Aldersbach kam der Krieg erst so richtig, als er schon fast zu Ende ging. Kirche und Kloster wurden in Tarnfarbe grün angestrichen, um sie vor Fliegerangriffen zu schützen. Flüchtlingstrecks zogen durch den Ort, mit ihnen kamen hunderte Menschen zu Fuß oder mit Gespannen durch Aldersbach. Die Dorfbewohner mussten Bedürftigen eine Unterkunft gewähren. „Bei uns wurde ein älteres Ehepaar einquartiert“, erinnert sich Eva Kagleder. Tiefflieger kommen Als Eva eines Tages unterhalb des Hauses pflügte, tauchten am Himmel plötzlich Tiefflieger auf. Sie waren bekannt dafür, dass sie auf alles schossen, was sich bewegte. Ihre Mutter beobachtete Eva von oben und schrie so laut sie konnte: „Dirndl lauf ins Holz!“ „Mein Kuh-Gespann rührte sich nicht vom Fleck. Sie stehen zu lassen war keine Wahl, wir brauchten die Tiere. Die Flieger schossen bereits, als wir uns langsam in Richtung Wald bewegten“, denkt Eva Kagleder zurück. Sie hatten es auf was anderes abgesehen: Einen Flüchtlingstreck, der von Kriestorf her kam. Wenige Meter unterhalb der Anhöhe wurden zwei Pferde und ein Mensch getroffen. „Ob der Mensch nur verwundet oder sogar getötet wurde, kann ich nicht sagen“, so die 90-Jährige. Die Amerikaner kommen Wenige Tage nach den Tieffliegern hörten Eva und ihre Mutter um 4 Uhr morgens lautes Getöse von Kriestorf her kommen. Panzer! Die Amerikaner marschierten ein. „Ein mulmiges Gefühl beschlich uns“. Doch die Soldaten waren friedlich. Von nun an herrschte um 20 Uhr Sperrstunde. Keiner durfte mehr das Haus verlassen. Die Amis quartierten sich in die Baracken der Mädchen vom Reichsarbeitsdienst ein. Einer fehlt bis heute Nach dem Krieg trudelten die Geschwister einigermaßen wohlbehalten zuhause ein. Nur Adam fehlte. Der jüngste Bruder von Eva Kagleder wird bis heute vermisst. Letzten Nachforschungen zufolge könnte er in Polen gefallen sein. Die 90-Jährige weiß nur, dass er an die Front strafversetzt wurde, weil er zweimal bei der Wache eingeschlafen war. Schwester Maria arbeitete nach der Auflösung des Lazaretts in Schweiklberg im Versehrtenlazarett in Aldersbach als Therapeutin und lernte schwer verstümmelten Männern wieder laufen. Sie, die so vielen Verwundeten half, verstarb mit nur 27 Jahren an den Folgen einer Bauchfellentzündung. Josef und Matthias kehrten kurz vor Kriegsende zurück. Josef schlug sich von Polen aus zu seiner kleinen Familie nach Frankfurt am Main durch. Seine Sprachkenntnisse halfen ihm bei der Flucht vor den polnischen und deutschen Soldaten. Denn er gab sich als französischer Fremdarbeiter aus. Matthias ging in den letzten Kriegstagen unter großer Gefahr von Nürnberg aus zu Fuß nach Aldersbach. Abschied und Neuanfang Nach dem Krieg kam der Aufschwung. Eva Schwarz heiratete 1952 Josef Kagleder aus Galgenberg bei Uttigkofen. Kennengelernt haben sich die beiden ein Jahr zuvor. Als der junge Mann 1949 aus der russischen Gefangenschaft in Saratov heimkehrte, arbeitete er im Möbelgeschäft Feldl und begegnete Eva häufig auf dem Weg zur Arbeit. Auf einem Aldersbacher Faschingsball lernten sie sich näher kennen und wurden schließlich ein Paar. „Ein Jahr später hat meine Mutter gesagt, entweder ihr heiratet oder der Josef zieht so hier her“, sagt die 90-Jährige. Denn Franziska litt an Lungenkrebs und konnte die landwirtschaftliche Arbeit alleine nicht mehr bewältigen. Eva war bereits mit Tochter Evi im 8. Monat schwanger, als ihre Mutter 1953 an den Folgen der Krebserkrankung starb. Eine Erlösung nach einem harten und arbeitsamen Leben. Die Familie wächst Das Ehepaar hielt zusammen und freute sich 1955 über Tochter Erni und 1960 über Sohn Josef. In diesen Jahren rissen sie Evas Elternhaus ab und bauten ein gemeinsames Wohnhaus für ihre Familie. Die beiden verbrachten eine glückliche Zeit und engagierten sich beruflich und privat für die Gemeinde Aldersbach. Josef war als Gemeindediener tätig und Eva für die Reinigung der Kirche Maria-Himmelfahrt zuständig. Ihre Ehe hielt ganze 63 Jahre, bis zum Tod von Josef im Januar 2015. Er verstarb mit 91 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. „Wir waren dennoch froh, so viele gemeinsame Jahre zu haben“, sagt Eva Kagleder. Denn 2008 hatte das Ehepaar einen schweren Verkehrsunfall in Schweiklberg. Ärzte und Familie bangten um ihr leben. Doch die zwei bewiesen Lebensmut und kämpften sich durch die schwere Zeit. Eva Kagleder erfreut sich mit 90 Jahren bester Gesundheit und lebt noch heute im selbst gebauten Haus in Schwaig. Ihr ganzer Stolz sind ihre sechs Enkel und acht Urenkel. „Der neunte Urenkel ist bereits im Anmarsch“, freut sie sich. Elegante Mode Für jeden Anlass Schuh Lipp Zweite GmbH & Co. KG Mode Lipp GmbH Hösamer Feld 10 + 12 94474 Vilshofen Öffnungszeiten: Mo. bis Fr.: 9 bis 19 Uhr Sa.: 9 bis 18 Uhr

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