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Medical Tribune 15/2018

4 POLITIK & PRAXIS

4 POLITIK & PRAXIS Medical Tribune j Nr. 15 j 11. April 2018 ■ MEINUNG Dr. Ernest Pichlbauer Unabhängiger Gesundheitsökonom, Wien Resistente Altlast im Wortschatz DISKURS ■ Darüber, dass Menschen nicht in Rassen eingeteilt werden, herrscht Konsens. Im Prinzip. In der Medizin taucht der Begriff jedoch immer wieder auf. MT suchte nach Gründen und Alternativen. Theorie, Empirie und Praxis Werte p.t. Leser! Ich bin Theoretiker. Das heißt, ich denke vor dem Handeln. Damit unterscheide ich mich vom Empiriker; der sammelt Daten vor dem Handeln. Klar aber ist, beide werden früher oder später Praktiker – geht gar nicht anders. Weder Daten sammeln noch Theorien entwickeln ist Selbstzweck. Es gibt vieles, das theoretisch erklärbar ist. In linearen Modellen alles, in komplexen immer weniger bis nichts. Wo theoretisch keine Erklärung zu finden ist, muss die Plausibilität helfen – also sowas wie ein fundiertes Schätzen. Surrogatparameter Empirisch wiederum sind viele Dinge messbar. Vieles entzieht sich der Messung. Dann muss man Surrogatparameter messen – also wieder sowas wie ein fundiertes Schätzen. Ich weiß nicht genau, wann ich Theoretiker wurde, vielleicht war ich es immer schon. Und ich bin nur deswegen im Gesundheitswesen gelandet, weil hier die Datenlage so schlecht ist, dass eben nur Theoretiker Expertise entwickeln können. Empiriker haben es hierzulande echt schwer. Wie dem auch sei, ich fühle mich eigentlich wohl. Was mich aber stört, ist die Reaktion, wenn ich mich als Theoretiker deklariere – abfälliges Lächeln und „Das merkt man“-Sprüche sind immer dabei, meist von Praktikern der etablierten Machtblöcke. Selbstbeschäftigungs-Kaste Überlegen wir mal: Theoretisch und empirisch sind die Fehler unseres Gesundheitssystems seit Langem belegt, allem voran die Fragmentierung. Theoretisch und empirisch belegt ist auch, wie man es besser machen kann. Wenn nun ein Praktiker lacht, weil ich Dinge vorschlage, die seiner Meinung nach praktisch nicht umzusetzen sind, lacht der dann nicht über sich selbst? Ist es nicht offen kundig, dass all jene, die diese Praxis (= Handlung, Verrichtung, Durchführung) üben, das Problem sind? Ist es nicht die fehlende Empirie und/oder Theorie, die diese Praktiker zu dem macht, was sonst nur der Kunst zusteht – L’art pour l’art! Hat sich damit nicht eine Art Selbstbeschäftigungs- (nicht -verwaltungs-)Kaste entwickelt, deren Handlungen ziellos und unvernünftig sind? Oder ist das jetzt zu theoretisch? MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung redaktion@medical-tribune.at PATRICIA HERZBERGER Wer im Pschyrembel nachschlägt, findet unter „Rasse“ vermerkt: „Die Begriffsverwendung zur Untergliederung der Menschheit, basierend auf gemeinsamen körperlichen Merkmalen wie Pigmentierung oder Morphologie von Körper und Gesicht, ist obsolet.“ 1 Doch gerade in den Naturwissenschaften finden viele Autoren nichts dabei, den Begriff zu gebrauchen, etwa um Populationen zu benennen, die sich in Bezug auf Risikofaktoren oder die Wirksamkeit von Substanzen unterscheiden könnten. Manche behelfen sich dann mit dem Ausdruck „Ethnie“, doch andere argumentieren, dass es etwa unter „Asiaten“ oder „Kaukasiern“ mehrere Ethnien gibt. Und bei der Verwendung des Begriffs „Afroamerikaner“ in Europa fragt man sich, ob es im konkreten Fall wichtig ist, dass der Mensch zuletzt in den USA gelebt hat. Keine Diskriminierung auf Basis angenommener Rassen „Ich werde nicht zulassen, dass Erwägungen von Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren zwischen meine Pflichten und meine Patientin oder meinen Patienten treten.“ Das steht im Genfer Gelöbnis des Weltärztebunds (World Medical Association, WMA), das im Herbst umfangreich überarbeitet und kürzlich in einer autorisierten deutschsprachigen Fassung publiziert worden ist. 2 Die Deklaration wurde 1948 erstmals formuliert, noch unter dem Eindruck der Verbrechen, ■ NACHGEFRAGT Scheiber: „Die Verwendung des Konzepts der ,Rasse‘ erfüllt im rechtlichen Kontext keinerlei Zweck; das Konzept ist überflüssig und abzulehnen. Der Begriff der ,Rasse‘ wurde bereits aus vielen Rechtstexten gestrichen. Heute finden wir den Begriff der ,Rasse‘ oder ,ethnischen Herkunft‘ in internationalen Übereinkommen und im österreichischen Recht v.a. noch in Antidiskriminierungsnormen, wo Benachteiligungen aufgrund von ,Rasse‘ und ,Herkunft‘ verboten werden. Auch der kürzlich neu formulierte Tatbestand der Verhetzung im österreichischen Strafgesetzbuch (§ 283) enthält den Begriff ,Rasse‘ noch, wenn er u.a. Aufrufe zu Gewalt gegen ,eine andere nach den vorhandenen oder fehlenden Kriterien der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion oder die während der Nazi-Herrschaft auch von Ärzten begangen worden sind. „Das Gelöbnis sollte helfen, das Vertrauen der Patienten in die Ärzteschaft wiederherzustellen.“ 2 Man kann sich fragen: Ist es in einem Dokument, das als Reaktion auf die Folgen der Rasseideologie erstellt worden ist, notwendig, den „Rasse“-Begriff weiterzutradieren? MT fragte Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, den Präsidenten der deutschen Bundesärztekammer (BÄK) und Erstautor der deutschen Fassung des Genfer Gelöbnisses, warum der umstrittene Begriff im Gelöbnis verwendet wird. „Die deutsche Version (…) ist eine bestmögliche und mit allen deutschsprachigen Ärztekammern abgestimmte Übersetzung des englischen Originaltextes. Um dem intensiven, jahrelangen Diskussionsstand der Deklaration von Genf gerecht zu werden, wurde auf eine freie Interpretation verzichtet“, erklärt Montgomery. Man habe sich dabei an der Terminologie der Vereinten Nationen orientiert, wo der Begriff auch verwendet wird. Die Möglichkeit einer Diskriminierung aufgrund einer vermuteten Rassezugehörigkeit sei demnach also nach wie vor sehr präsent. „Die Menschenrechtskonvention und die Texte der Dr. Oliver Scheiber ist Richter, Lehrbauftragter an der Universität Wien sowie unter anderem Vorstandsmitglied von SOS Mitmensch und Vorsitzender des Vorstands des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie Wien Hat der Begriff „Rasse“ in Österreich rechtliche Relevanz? Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery Präsident der deutschen Bundesärztekammer (BÄK) Weltanschauung, der Staatsangehörigkeit, der Abstammung oder nationalen oder ethnischen Herkunft, des Geschlechts, einer körperlichen oder geistigen Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung definierte Gruppe von Personen‘ unter Strafe stellt. (...) Das moderne Recht kann auf Begriffe wie ,Rasse‘ oder ,ethnische Herkunft‘ gut verzichten; wenn man eine bestimmte Person sucht, kann man diese beschreiben. Wo es um größere Gruppen geht, kann man je nach Kontext auf Herkunft, Äußeres, Staatsangehörigkeit oder eben auch Personsbeschreibungen abstellen. Auch in den Gleichheits- und Antidiskriminierungsnormen sollte man besser nur von Diskriminierungen aufgrund von Herkunft und Äußerem sprechen.“ Vereinten Nationen heben dies hervor“, gibt Montgomery zu bedenken. „Das ‚Internationale Abkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung‘ der Vereinten Nationen (UN-Rassendiskriminierungsverbot) benennt diese Form der Diskriminierung eindeutig.“ Bei der nun veröffentlichten Fassung des Gelöbnisses erschien es erforderlich, die Nennung dieses Diskriminierungstatbestandes beizubehalten und möglichst nah am international diskutierten, englischen Originaltext zu bleiben. „Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Diskriminierung einer Patientin bzw. eines Patienten aufgrund einer angenommenen Rasse nicht zum ärztlichen Selbstverständnis gehört und nicht geduldet wird. Aus diesem Grund ist eine Nennung notwendig.“ Bedenken der ÖÄK: „Auf den Begriff gänzlich verzichten“ Offenbar waren nicht alle beteiligten Organisationen glücklich über die Beibehaltung des Rasse-Begriffs, wie von der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) zu erfahren war. „Vorausschickend ist zu sagen, dass die wörtliche Übersetzung des englischen Wortes ‚race‘ nichts mit einem unterstellten Rassen-Konzept zu tun hat, sondern werteneutral zu sehen ist.“ Man habe aber im Vorfeld Bedenken bezüglich der Verwendung des Begriffs in der Deklaration geäußert: „Aus Sicht der ÖÄK wurde der Ausdruck ‚Rasse‘ in Vergangenheit durch herabwürdigende Verwendung im Sinne eines ‚Volkes zweiter Klasse‘ negativ belastet.“ Die ÖÄK habe daher im November empfohlen, auf diesen Begriff gänzlich zu verzichten. „Stattdessen sollten die im englischen Original getrennt gelisteten Begriffe ‚race‘ und ‚ethnic origin‘ in der deutschen Übersetzung durch den zusammenfassenden Begriff ‚ethnische und genetische Herkunft‘ abgebildet werden.“ Die österreichischen Bedenken seien für die BÄK aber nicht ausreichend nachvollziehbar gewesen: „Der Begriff ‚race‘ sei ein anerkannter, nicht wertender wissenschaftlicher Terminus. Das Genfer Gelöbnis verwende das Wort allein in dieser wissenschaftlichen Bedeutung“. Außerdem sei eine Voraussetzung für die Freigabe jeder anderssprachigen Version gewesen, dass der Text möglichst wortgetreu übersetzt würde. Aus der WMA sei der ÖÄK signalisiert worden, dass ihr Vorschlag zu weit vom englischen Originaltext entfernt sei. Rassentheorien des 18. und 19. Jahrhunderts wurden von Kolonialmächten herangezogen, um Ausbeutung und Unterdrückung zu rechtfertigen. Trend zum Individuum und weg von Personengruppen Trotz inhaltlichen Ringens ist der Begriff also in der Deklaration geblieben. MT fragte Experten verschiedener Disziplinen, wie sie mit ähnlichen Fragestellungen umgehen. „‚Rassenfragen‘ führen, auch in der biomedizinischen Forschung, unweigerlich auf vermintes Gelände“, weiß Priv.-Doz. Dr. Martin Bauer, FA für Psychiatrie und klinische Pharmakologie an der MedUni Wien. Viele Journale fordern die Wissenschaftler dazu auf, für die untersuchte Gruppe nicht „race“ zu verwenden, sondern die Personengruppe genauer zu beschreiben. Im Arzneimittelgesetzt sei die Rede von „Gruppen von Personen“. „Bei der Publikation großer, multizentrischer Studien werden zur geografischen Beschreibung Begriffe wie z.B. ‚Asian‘ oder ‚Western‘ verwendet. Eine Beschreibung, die für die LeserInnen durchaus wichtig ist, da mitunter bei PatientInnen aus ‚Asien‘ ein unterschiedliches Ansprechen auf bzw. andere Nebenwirkungen durch die Therapie beobachtet werden können als bei ‚westlichen‘ StudienteilnehmerInnen.“ Da gehäuft genetisch bedingte Unterschiede in Enzym- oder Transporteraktivität vorkommen, und dies etwa zu Nichtansprechen auf die Therapie (bei besonders schnellem Abbau des Medikaments) oder starken Nebenwirkungen (durch ungenügenden Abbau oder Ausscheidung einer Substanz) führt, ist die Berücksichtigung dieses Faktors notwendig, argumentiert Bauer. „Nicht zuletzt in der personalisierten Medizin finden wir jedoch einen Trend weg von der Forschung an/ Behandlung von großen Personengruppen hin zum Individuum.“ Ethnizität zum Wohle des Patienten berücksichtigen „In Zeiten, in denen Begriffe wie personalisierte oder stratifizierte Medizin in aller Munde sind, mutet diese Diskussion eigenartig an“, findet Univ.- Prof. Dr. Florian Kronenberg, Sektion für Genetische Epidemiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. Diese Art von zielgerichteter Medizin sei im weitesten Sinne nicht nur eine maßgeschneiderte Pharmakotherapie, die molekulare und geschlechtsspezifische Gegebenheiten berücksichtige, sondern durchaus auch andere Faktoren wie Alter, das Vorliegen bestimmter Risikofaktoren oder eben auch die Ethnizität. Dies dürfe aber nie wertend gesehen werden, sondern in Hinblick auf die optimierte Wahl der Therapie zum Wohle des Patienten. „Im Bereich der Epidemiologie würde es geradezu von fachlicher Ignoranz zeugen, wenn man poten- ▶ Univ.-Prof. Dr. Florian Kronenberg Medizinische Universität Innsbruck FOTOS: PRIVAT (3); WWW.BUNDESAERZTEKAMMER.DE MT_15_18_s04-05.indd 4 06.04.2018 10:42:22

Medical Tribune j Nr. 15 j 11. April 2018 POLITIK & PRAXIS 5 FOTOS: WELLCOME COLLECTION; PRIVAT (2) ▶ zielle Faktoren, die sowohl auf die Exposition als auch das Outcome einen Einfluss haben, nicht berücksichtigen würde.“ Kronenberg gibt ein Beispiel: „Wenn in einer amerikanischen Studie die Inzidenz von Herzinfarkten in den Bundesstaaten Utah mit einem geringen und Louisiana mit einem hohen Anteil von Schwarzen verglichen und dabei die Ethnizität nicht berücksichtigt würde, kämen vollkommen verzerrte Ergebnisse heraus. Bei Schwarzen ist nämlich die Herzinfarkt rate deutlich höher, was u.a. daran liegt, dass diese Bevölkerungsgruppe wesentlich häufiger an Diabetes und Hypertonie (aus welchen Gründen auch immer) leidet.“ Die Ethnizität sei auch bei genetisch-epidemiologischen Studien zu berücksichtigen, um falsche Ergebnisse zu vermeiden, die daher rühren können, dass die Frequenz von bestimmten genetischen Varianten und von bestimmten Erkrankungen in verschiedenen Ethnizitäten sehr unterschiedlich sein können. Kronenberg hebt aber hervor, dass die Berücksichtigung der Ethnizität, des Alters, des Geschlechtes, der Schulbildung oder des sozioökonomischen Status nie im Sinne einer persönlichen Wertung zu sehen seien, sondern auf den größtmöglichen Erkenntnisgewinn bzw. auf die Wahl der optimalen Therapie ausgerichtet zu sein hat. Im Genfer Gelöbnis sei ja „gefordert, dass die genannten Faktoren nicht zwischen meine Pflichten und meine PatientInnen treten dürfen. Ja, ich habe meines Erachtens sogar die Pflicht, diese Faktoren zu berücksichtigen, um die für den jeweiligen Menschen optimale Therapie zu wählen.“ Korrelationen mit Risikofaktoren beachten Für die häufige Verwendung des Rasse- Begriffs gebe es verschiedene Gründe, sagt Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Patsch, interimistischer Vorstand des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg. „Vor allem spielen dabei komplexe (multifaktorielle) Krankheiten eine Rolle wie z.B. Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Krankheiten, neurodegenerative Krankheiten etc.“ Die Determinanten dieser Krankheiten seien Umweltfaktoren einschließlich sozialer und genetischer Faktoren, individuelle Verhaltensweisen und Interaktionen all dieser Faktoren. Und in Studien dieser Faktoren in Populationen sei es natürlich wichtig, die Populationen so gut wie möglich zu beschreiben. „Obwohl Rasse eher ein gesellschaftliches Konstrukt ist – nach meinem Wissen gibt es keine genetischen Befunde, in denen genetische Faktoren Subspezies des Homo Sapiens beschrieben hätten –, haben internationale Studien wie z.B. das HapMap-Projekt klar gezeigt, dass die Frequenzen gewisser Allele in speziellen Populationen starke Unterschiede aufweisen.“ Aus wissenschaftlicher Sicht können solche Unterschiede mit Risikofaktoren korrelieren. „Vor allem aber können diese Unterschiede auch hilfreich sein, um Interaktionen zwischen Genen und anderen Faktoren zu identifizieren. An solchen Interaktionen, die äußerst schwierig zu erfassen sind, besteht zunehmendes wissenschaftliches Interesse, da dadurch Einsicht in die Pathophysiologie von komplexen Erkrankungen gewonnen werden kann.“ In Populationsstudien werde häufig „Rasse“ zur Charakterisierung der untersuchten Populationen verwendet. Dies könne von Nutzen sein, da die Häufigkeit von speziellen protektiven oder Risiko-Allelen in diversen Populationen oft bekannt seien. Patsch räumt ein: „Na- * IQVIA OFFTAKE, MAT 11/2017, 12C1 PRODUKTE FÜR DAS HARNSYSTEM, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Patsch Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg türlich wäre es möglich, den Begriff Rasse, der eigentlich nur ungenau definiert ist und biologische Merkmale und/oder soziale Konstruktionen enthält, durch andere Begriffe wie ethnicity, descendents of, of ... origin, Herkunft, Abstammung etc. zu ersetzen.“ Wissenschaftliche und sprachliche Genauigkeit „Begriffe haben Geschichte. Diese Geschichte (...) speist sich aus der bisherigen Verwendung des jeweiligen Wortes“, stellt der Linguist und Schreibberater Dr. Markus Rheindorf fest. „Der Begriff meinte bereits Ende des 18. Jahrhunderts, dass es klar unterscheidbare ‚Rassen‘ von Menschen gäbe, deren Unterschiede nicht kulturell, äußerlich, sondern biologisch zwingend aus der jeweiligen ‚Rasse‘ hervorgingen. Auf diese Grundannahme fußten die Rassentheorien des 18. und 19. Jahrhunderts, die u.a. den europäischen Kolonialmächten dazu dienten, Eroberung, Mord, Vertreibung, Ausbeutung und Unterdrückung indigener Bevölkerungsgruppen zu rechtfertigen.“ Ganze Ideologien und Weltanschauungen würden sich in einem Wort verdichten, sagt Rheindorf, daher kann die Verwendung zumindest als kodierte Anspielung verwendet und verstanden werden. Das spreche dafür, „Rasse“ auch im naturwissenschaftlichen Kontext zu vermeiden. Da aber mitunter Bedarf zu bestehen scheine, etwa „Kaukasier“ von „Asiaten“ zu unterscheiden, z.B. im Hinblick auf Risikofaktoren, müsse die Frage nach Alternativen ernst genommen werden. „Alle folgenden Überlegungen zwingen neben wissenschaftlicher auch zu sprachlicher Genauigkeit und beziehen sich auf die jeweils sachlich vorliegende Situation. Geht es um feststellbare Unterschiede in der Wirkung von Substanzen, wäre eigentlich BEI HARNWEGSINFEKTEN EIN FRAUENHELD SEIT ÜBER 60 JAHREN MARKTFÜHRER NACH EINHEITEN. zu benennen, nach welchen Kriterien die ProbandInnen-Gruppe ausgewählt bzw. zusammengestellt wurde: nach Wohnort, Herkunftsort, genetischen Eigenschaften, Staatsangehörigkeit, ethnischer Zugehörigkeit etc. Diese Eigenschaften wären tatsächlich relevanter als eine vermutete Zugehörigkeit zum Konstrukt einer bestimmten „Rasse“. Je nach Zugang können also „Ethnie“ und konkrete ethnische Bezeichnungen Alternativen darstellen, ebenso „Volksgruppe“. Eine weitere Alternative sind sogenannte „Regionyme“, also von geografischen Gegebenheiten abgeleitete Bezeichnungen wie „Kaukasier“ oder „Asiaten“ – allerdings nur dann, wenn die entsprechende Bezugsgruppe auch über ihre geografische Herkunft bzw. Ansässigkeit identifiziert wurde. „Konkrete genetische Eigenschaften, so sie denn bekannt sind, sind ebenfalls eine Alternative. Sie können darüber hinaus auf andere Referenzrahmen bezogen werden, etwa auf das Regionym „Asiate“, wenn statistisch zwei von drei Asiaten eine bestimmte genetische Eigenschaft aufweisen. Die Übernahme des englischen Begriffes ‚race‘ stellt eine letzte Alternative dar“, selbst wenn der Begriff auch im englischen Sprachraum als soziales Konstrukt begriffen werde. „Das Konstrukt wird zu wenig hinterfragt“ „Der Rassenbegriff ist im Deutschen seit dem Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft weitgehend diskreditiert“, sagt der Sprachwissenschaftler Mag. Dr. Martin Reisigl. Dabei sei die Einteilung in Rassen ein soziales Konstrukt, das leider zu wenig hinterfragt werde. Problematisch seien Trugschlüsse, die weitere nach sich ziehen – etwa, wenn in Studien vorweg die Existenz von „Rassen“ präsupponiert werde und dann in Abhängigkeit von unhinterfragten Voraussetzungen wiederum Befunde abgeleitet werden, die wieder dazu herangezogen werden, um die Existenz von bestimmten rassischen Besonderheiten aufzuzeigen. Auf der Grundlage dieses Trugschlusses wird dann eine Reihe weiterer kausaler Schlüsse gezogen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, so genannte „argumenta ad consequentiam“. Rassen seien letztlich mithilfe von Sprache „vorgestellte Gemeinschaften“, also „imagined communities“, wie sie der Historiker Benedict Anderson in den 1980er Jahren genannt hat. „Der Glaube an diese Vorstellungen ist bei gar nicht so wenigen Menschen (...) so stark, dass dieser Glaube an die Existenz spezifischer Rassen handgreifliche Auswirkungen hat: in der schubladisierenden kategorialen Wahrnehmung von menschlichen Individuen und in weiterer Folge im konkreten Umgang mit ihnen.“ FKI SIEHE SEITE RZ_SV_17_013_Solu_Fach_MT_112_2301.indd 1 23.01.18 17:31 14 SAAT.PEXT.17.03.0160(1) Mag. Dr. Martin Reisigl Universität Wien 1 www.pschyrembel.de/rasse/K0JED/doc/, aktualisiert: 19.03.2018, abgerufen am 27.3.2018 2 Montgomery FU et al., Ethik Med 2018; 30: 67–9 Aus der Datenschutz- Grundverordnung Auch in der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) wurde das Rasse- Konzept wieder hervorgeholt – mit einem halbherzigen Nachsatz: „Diese personenbezogenen Daten sollten personenbezogene Daten umfassen, aus denen die rassische oder ethnische Herkunft hervorgeht, wobei die Verwendung des Begriffs ‚rassische Herkunft‘ in dieser Verordnung nicht bedeutet, dass die Union Theorien, mit denen versucht wird, die Existenz verschiedener menschlicher Rassen zu belegen, gutheißt.“ ■ MELDUNGEN Die Heilkraft neuer Steuern Zusätzliche Steuern auf Softdrinks, Alkohol und Tabak könnten ein wirksames Mittel gegen die Zunahme chronischer und nicht übertragbarer Krankheiten sein. Zu diesem Ergebnis kommen fünf internationale Studien, die in der britischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurden. So seien Schlaganfälle, Herzerkrankungen, Diabetes, chronische Atemwegserkrankungen und Krebs häufig auf ungesunde Ernährung und Suchtmittel zurückzuführen. Die Forscher fanden nach Auswertung von über 300 Studien heraus, dass höhere Preise die Nachfrage nach ungesunden Produkten vor allem bei einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen senken könnten. Diese Gruppen seien gleichzeitig besonders oft von schweren Krankheiten und damit verbundenen finanziellen Auswirkungen betroffen. APA Immer weniger Arbeitsunfälle Im Vorjahr ist die Zahl der Arbeitsunfälle pro 1.000 Beschäftigungsverhältnissen auf den neuen Tiefstwert von 24,27 gesunken. 2016 war die Unfallrate noch bei 24,59 gelegen, teilte die AUVA mit. Demnach passierten 2017 104.161 Arbeitsunfälle von Erwerbstätigen. 54.510 weitere Unfälle betrafen Kindergartenkinder, Schüler sowie Studierende. Außerdem wurden 1.195 Fälle von Berufskrankheiten anerkannt. Damit verzeichnete die AUVA im Vorjahr insgesamt 159.866 Schadensfälle. Trotz eines Zuwachses an Beschäftigten sank die Zahl der Krankenstands tage nach Arbeitsunfällen ohne Wegunfälle im vergangenen Jahr ebenfalls weiter um 10.254 Tage, hieß es in der Aussendung. Die meisten Arbeitsunfälle passierten mit Maschinen, Fahrzeugen und Handwerkzeugen. Genau 34.000 Mal verlor 2017 jemand bei der Arbeit die Kontrolle über solche Geräte oder über ein Tier. Die gefährdetste Berufsgruppe blieb die Baubranche. APA Unterversorgung in Europa In Europa können nach Ansicht der WHO noch immer zu viele Menschen ihre Arztkosten nicht bezahlen. „Es ist inakzeptabel, dass jemand – Pensionisten, Alleinerziehende, Arbeitslose, dein Nachbar oder meiner – in Armut getrieben wird, weil er für eine Behandlung bezahlen muss, die er braucht“, kritisiert WHO-Regionaldirektorin Zsuzsanna Jakab. APA Masern-Epidemie in Serbien Eine Masern-Epidemie hat in Serbien laut Belgrader Medien bereits dreizehn Menschenleben gefordert. Alleine im März wurden sechs Tote registriert. Seit Oktober wurden landesweit mehr als 4.000 Fälle der Virus erkrankung, darunter auch medizinisches Personal, gemeldet. APA MT_15_18_s04-05.indd 5 06.04.2018 10:42:33