Aufrufe
vor 3 Monaten

Spicker_2018

Laufen mit Köpfchen

Laufen mit Köpfchen Sonntag, 16. Juli 2017, 9:30h – Startschuss des Hornissenlaufes in Kusterdingen – zu laut? Denn als ich kurz danach wieder zu mir gekommen war, war es mit der Motivation zum Laufen irgendwie vorbei: Die linke Körperseite fühlte sich nicht danach. Die anderen Läuferinnen und Läufer waren nicht mehr zu sehen, dafür die Stimme eines Sanitäters zu hören, der mir irgendwann auch den Transponder abnahm. Der Schock sorgte offensichtlich dafür, dass kaum Schmerzen zu spüren waren. Denn die Diagnose nach dem gut vierstündigen Aufenthalt im Tübinger Krankenhaus war durchaus vielfältig: Gehirnerschütterung, große Platzwunde an der Stirn, Schlüsselbeinbruch und Jochbeinbruch, daneben noch einige Schürfwunden an Hand, Hüfte, Schulter und Bein. Wie genau es zu dem Sturz kam, kann ich nicht sagen. Direkt nach dem Start mit ca. 300 Leuten ging es scharf links mit einer Verengung des Weges. Dabei bin ich – ganz vorne stehend – wohl von rechts angerempelt worden und dann gestürzt, was vermutlich nicht so tragisch gewesen wäre, wenn hierauf nicht jemand auf mich draufgetreten wäre. Der Schlüsselbeinbruch wurde bereits in Tübingen konventionell behandelt: Eine Schlaufe mit einer so komplexen Fixierung, dass erst ein hinzugerufener Pfleger die Verknotung hinbekam (später im Krankenhaus Stuttgart musste ich immer auf Dalinda warten, da auch das dortige Krankenhauspersonal damit überfordert war). Dass der dreifache Jochbeinbruch allerdings gerichtet werden musste, war deutlich zu sehen und zu spüren: Die linke Backe war deformiert, das Auge eingedrückt, und die Haut schillerte in bunten Farben, hinzu kam ein Taubheitsgefühl. Gut eine Woche später erfolgte dann im Katharinenhospital Stuttgart die Operation u.a. durch das Einsetzen von Titan-Platten ober- und unterhalb des Auges. Anstelle der ursprünglich angedrohten sechs Wochen bestand der anschließende Speiseplan glücklicherweise „nur“ gut vier Wochen lang ausschließlich aus weicher Kost (Brei, Suppe, Püree). Im Krankenhaus gab es an den vier Tagen auf der Station drei Mal täglich Grießbrei, ergänzt wechselweise durch Spargel- oder Broccolicremesuppe, Pudding und Joghurt – zwar schmackhaft, aber sehr farblos. Dass mein Zimmernachbar Fruchtjoghurt und ich stets Naturjoghurt bekommen habe, lag vielleicht daran, dass ich bald als der „Läufer der Station“ bekannt war... Wieder zu Hause hat Dalinda dann leckeres und reichhaltigeres Essen zubereitet, indem sie das normale Essen einfach püriert und mit Sahne verfeinert hat. So konnte ich meine verlorenen Kilos bald wieder aufholen, zumal die Wege Sofa in die Küche und zurück wenig Bewegung bedeuteten. Was mich während der ganzen Zeit tief berührt hat, war die große Anteilnahme zum Beispiel via WhatsApp. So fühlte ich mich trotz meines Unfalls weiterhin als vollwertiges Mitglied der Essinger Mannschaft. Ernst hat mich sogar im Krankenhaus besucht und mich nach der Entlassung mit dem Auto zum Bahnhof gebracht. Nur die anstehende DAMM machte mir Sorgen. Trotzdem haben Dalinda und ich uns für Kevelaer angemeldet, wo wir notfalls als Maskottchen teilnehmen würden. Am 8. August durfte ich immerhin die Armschlaufe abnehmen und somit beide Arme (eingeschränkt) einsetzen, doch die Ärzte rieten weiterhin vom Laufen ab. Dann kam der 25. August: Zweite Abschlussuntersuchung im Katharinenhospital Stuttgart. Offensichtlich war mein Flehen, mir zu erlauben, am 9.9. an einem ganz, ganz wichtigen Wettkampf teilzunehmen zu dürfen, überzeugend genug: Der Chefarzt gestattete ein vorsichtiges Beginnen des Lauftrainings! Das tat ich die Tage darauf in Form von sehr langsamen und pulsüberwachten Läufen. 32

Und so konnte ich tatsächlich aktiv bei dem Höhepunkt der Saison 2017 teilnehmen, den Deutschen Teammeisterschaften der Senioren. Mein Laufgefühl während des ersten Rennens nach der langen Genesungspause war viel besser als befürchtet, und meine Zeit über die 3000m-Zeit war zwar deutlich langsamer als bei der Qualifikation, doch auch viel besser als befürchtet. So freute ich mich, auch meine Punkte für das Team beisteuern zu können. Die ganze Meisterschaft war einfach so motivierend, da hat alles gepasst. Der Rest ist einfach nur Wahnsinn: Wir haben die deutschen Teammeisterschaften gewonnen!!! Und später bei den Baden-Württembergischen Waldlaufmeisterschaften Anfang November lief es fast wieder ganz normal. Carsten Lecon 33