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Besser Leben Service Magazin März_2018

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Besser Leben-Ratgeber Alle Änderungen und Neuigkeiten zu den Besser Leben-Ratgeberbroschüren finden Sie ab sofort in jeder Ausgabe auf diesen Seiten. In diesem Monat: „Beiträge zur Privaten Krankenversicherung“ und „Neue Migränetherapien“. Private Krankenversicherung Beitragsschock bei Ihrer PKV – das können Sie tun. Private Krankenversicherungen erhöhen seit Jahren kräftig ihre Beiträge – hunderttausende Versicherte sind jedes Mal betroffen. Ab April 2018 müssen beispielsweise die Versicherten der DKV wieder tiefer in die Tasche greifen, bis zu 21 % mehr kann dann der gewohnte Versicherungstarif kosten. In der Vergangenheit waren auch 30 oder 40 Prozent Erhöhung der PKV-Tarife bei den verschiedenen Versicherern keine Seltenheit. Bei manch einem kommen Zweifel auf, ob das mit rechten Dingen zugeht. Und manch einen treiben diese Zweifel sogar vor Gericht. So klagte 2016 ein Versicherter gegen die AXA am Amtsgericht Potsdam und bekam Recht (Az: 29 C 122/16). Die zuviel gezahlten Beiträge der Jahre 2012 und 2013 müssen ihm zurückgezahlt werden, inklusive 5 % Zinsen. In diesem Fall geht es um einen vierstelligen Betrag. Die AXA ging in Berufung, das Urteil der Vorinstanz wurde aber im September 2017 noch einmal bekräftig (Az: 6 S 80/16) - und sorgte so für viel Wirbel in der Branche. Für AXA und Co könnte es nun teuer werden, denn das Urteil könnte Auswirkungen auf fast alle 8 Millionen privat Krankenversicherten in Deutschland haben. Der Klägeranwalt spricht von Rückforderungen in Milliardenhöhe. Im vorliegenden Fall sahen die Gerichte die durchgeführten Beitragsanpassungen als unwirksam an. Als Grund benennen sie, dass der zur Prüfung der Beitragsanpassung beauftragte Treuhänder nicht unabhängig gewesen sein soll. So verlangt es jedoch das Gesetz, denn der Treuhänder vertritt die Versicherten und soll prüfen, ob eine Beitragserhöhung in diesem Umfang wirklich gerechtfertigt und notwendig ist. Im vorliegenden Fall habe der Treuhänder jedoch den überwiegenden Teil seiner Gesamteinnahmen von der AXA bezogen. „Die Beeinflussbarkeit eines abhängigen Treuhänders steigt mit dem Grad seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit“, urteilten die Richter. Muss die Branche nun Milliarden zurückzahlen? Nachdem die Entscheidung in der nächsthöheren Instanz bestätigt wurde, gibt sich die Klägerseite siegessicher. Sie meint, neben der AXA haben auch andere Versicherungen die Beiträge in ähnlicher Weise angehoben. Tatsächlich geht die Kanzlei aufgrund eines möglicherweise nicht unabhängigen Treuhänders auch noch gegen andere Krankenversicherer vor - mehrere hundert Versicherungsnehmer betreut die Kanzlei mittlerweile. Sollten sich die Treuhänder-Abhängigkeiten auch hier bestätigen, könnten Rückforderungen in Milliardenhöhe auf die privaten Krankenversicherer zukommen Nach dem jetzigen Stand der Dinge müsste jedoch jeder Versicherte einzeln vor Gericht ziehen und die Mehrbeiträge von seinem Krankenversicherer einklagen. Das Landgericht Potsdam hat aber per Revisionsmöglichkeit auch den Weg für eine Grundsatzentscheidung vor dem Bundesgerichtshof (BGH) geebnet. Diese würde das Thema abschließend klären. Eine Klagewelle träfe die privaten Versicherer in einer ohnehin schwierigen Situation. Schon jetzt stehen sie enorm unter Druck. Es fehlen verstärkt neue Kunden, die den Mitgliederbestand verjüngen und damit die Beiträge weniger stark steigen lassen würden. Die derzeit niedrigen Zinsen erschweren es, die Altersrückstellung im nötigen Umfang aufzubauen, die die Beitragserhöhungen der Kunden im Ruhestand abfedern sollen. Und nicht zuletzt steigen die Ausgaben immer schneller, weil mache Ärzte gern viel an Privatpatienten verdienen, um die geringeren Zahlungen bei den gesetzlich Versicherten auszugleichen. Sollten dann weitere Millionen in der Kasse fehlen, könnten diese wiederum nur durch Beitragserhöhungen eingetrieben werden. Was können privat Versicherte tun? Zum einen kann jeder privat Versicherte, der Zweifel an der Richtigkeit der Beitragserhöhungen hat, selbst vor Gericht ziehen. Grundsätzlich können Beiträge bis zu 3 Jahre, nachdem der Kunde von der fehlerhaften Beitragserhöhung erfährt, zurückgefordert werden. Das AXA-Urteil macht be- 12 │ BL 3_2018

Neu & Aktuell rechtigte Hoffnung auf einen günstigen Ausgang. Jedoch ist jeder Prozessausgang ungewiss, da jeder Fall ein bisschen anders gelagert ist. Zum anderen kann der Versicherte, um Geld zu sparen, in den Basis- oder Standardtarif seiner Versicherung wechseln oder auf besondere Zusatzleistungen verzichten. Der Basistarif beinhaltet annähernd dieselben Leistungen, die auch in einer GKV angeboten werden. Daher darf dieser Tarif auch nur so viel kosten, wie der höchste Beitrag zur GKV (2018 – 646,05 € monatlich). Der Standardtarif ist jedoch nur für zwei Versichertengruppen erhältlich: Versicherte, die 65 Jahre oder älter und mindestens zehn Jahre privat versichert sind und Versicherte, die mindestens 55 Jahre alt sind und deren Jahresbruttoeinkommen unterhalb der Versicherungspflichtgrenze von derzeit 59.400 € liegt. Sollten sich Versicherte auch die Beiträge des Basistarifs nicht (mehr) leisten können, gibt es noch die Möglichkeit, einen Antrag auf Halbierung der Beiträge zu stellen. Sollte die Beitragslast selbst dann noch zu hoch sein, kann unter bestimmten Voraussetzungen beim Grundsicherungsträger oder Sozialamt einen Zuschuss beantragen werden. In finanziell prekären Situationen werden Versicherte automatisch in den so genannten Notlagetarif überführt. Der Notlagentarif wurde mit dem „Gesetz zur Beseitigung sozialer Überforderung bei Beitragsschulden in der Krankenversicherung“ 2013 eingeführt. Dieser Tarif gilt für Mitglieder einer PKV, wenn sie mit ihren Beitragszahlungen mindestens zwei Monate in Verzug sind. Sobald alle Forderungen (rückständige Prämien, Säumniszuschläge und Mahnkosten) beglichen wurden, kann der Versicherte wieder in den ursprünglichen Tarif zurückkehren. Altersrückstellungen werden im Notlagentarif nicht gebildet. Migräne Antikörper helfen gegen Botenstoff CGRP. Migräne ist nicht einfach nur Kopfschmerz, sondern Gewitter im Kopf. Pulsierende Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen und Überempfindlichkeit gegen Licht zwingen die Betroffenen, sich oft tagelang ins Bett zu verkriechen. Etwa 6 bis 8 Prozent der Männer und 12 bis 14 Prozent der Frauen durchleben wiederholt Migräneanfälle. Umso mehr überrascht es, dass viele der klassischen Medikamente wie Beta-Blocker, Epilepsie-Mittel oder Antidepressiva bisher gar nicht gezielt auf die Erkrankung wirken. Das hat zur Folge, dass die Medikamente entweder kaum dauerhafte Erleichterung bringen oder mit unerwünschte Nebenwirkungen einhergehen. Schon in den 1990er Jahren wurde eine Substanz mit Namen Calcitonin Gene-Related Peptid (CGRP) als Übeltäter identifiziert. Dieses Neuropeptid wird von Fasern des Trigeminusnervs freigesetzt, der Berührungs- und Schmerzempfindungen von Gesicht und Stirn zum Gehirn weiterleitet. Es wurde vermutet, dass CGRP die Migräneattacken auslöst, indem es die Blutgefäße im Gehirn erweitert. Mittlerweile weiß man, dass CGRP nicht nur Blutgefäße weitet, sondern auch ein Botenstoff ist, der an der Schmerzweiterleitung beteiligt ist. Die Forscher gehen davon aus, dass die übermäßige Ausschüttung des Botenstoffs den Trigeminusnerv für Signale empfindlich macht, die normalerweise harmlos sind. In der Folge kommt es zu einer Entzündung der Nerven, die an das Gehirn als Schmerzsignal weitergegeben wird. Medikamente sollen Erleichterung bringen Mit Antikörpern, die den Patienten gespritzt werden, wollen die Forscher diese Reaktion des Körpers auf CGRP nun verhindern. Diese sollen sich entweder an die Botenstoffe selbst binden und sie neutralisieren oder deren Andockstellen blockieren und damit ihre schmerzbringende Wirkung unterbinden. Das Ziel der Therapie ist es, Migräneanfällen vorzubeugen, damit sie erst gar nicht entstehen. Derzeit liefern sich mehrere Pharmaunternehmen ein Rennen um die Zulassungen für diverse Antikörper. Bisher wurden ersten klinische Studien mit wenigen hundert Patienten durchgeführt, um die Verträglichkeit und Wirksamkeit der verschiedenen Antikörper zu prüfen. Bei Patienten mit episodischer Migräne ging die Zahl der Kopfschmerzattacken bei mehr als 50 Prozent der Probanden um die Hälfte zurück, ein ähnliches Ergebnis könnte auch bei chronischen Migränepatienten festgestellt werden. Doch nicht allen Migräne-Geplagten hilft diese Therapie gleichermaßen, bei einigen reduzierten sich die Attacken lediglich um wenige Stunden pro Monat. Für Patienten, bei denen GCRP in der Entstehung der Migräne eine zentrale Rolle spielt, können die künftigen Medikamente auf Basis der Antikörper große Erleichterung bringen. Für andere, bei denen vielleicht ein anderer Botenstoff wichtiger ist, müssen andere Medikamente entwickelt werden. Bisherige Studien erkennen noch keine ernsthaften Nebenwirkungen der Antikörpertherapie, am häufigsten berichteten Patienten von leichten Schmerzen und Jucken an der Injektionsstelle. Allerdings, so räumen die Mediziner ein, weiß man nicht, was passiert, wenn die Antikörper in besonderen Konstellationen einmal die Blut-Hirn- Schranke überwinden sollten. Normalerweise passiert das nicht, aber z. B. bei einer Hirnhautentzündung könnte diese Barriere undicht werden. Was die Antikörper dann anrichten könnten, ist bisher nicht bekannt. Deshalb heißt es für Migränepatienten bislang noch warten. Weltweit laufen gerade mehrere Studien mit größeren Patientengruppen, um Wirksamkeit und Verträglichkeit dieser Therapie noch besser zu prüfen. Die Forscher haben große Hoffnungen, damit einem Teil der Migränepatienten künftig besser helfen zu können. BL 3_2018 │ 13