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Todesschach

Oberst Rangel trat ein.

Oberst Rangel trat ein. Er salutierte und sah Grödig fragend an. »Die Nachrichten, Oberst! Neue Informationen, bitte! Auf den offiziellen Nachrichtendienst möchte ich nicht allein angewiesen sein.« Der Oberst trat näher. In seinem Gesicht zeigte sich keine Regung. Er war einer der besten Schauspieler, den man für diese Rolle hatte finden können. »Es gärt, Sir. Es gärt in allen Teilen der Welt. Man will den Krieg gegen den Süden. Man wartet auf Ihre Befehle. Vielleicht wäre es gut, wir würden noch für heute eine entsprechende Rede ankündigen. Die Massen brauchen den zündenden Funken, Sir, und wer anders als Sie könnten ihn geben?« Grödig nickte selbstgefällig. »Sie haben recht, Oberst. Nach dem Sieg werden Sie mein Stellvertreter. Bereiten Sie alles für die Rede vor. Ich werde sie selbst entwerfen und heute abend über alle Stationen halten. Die im Süden sollen zittern.« »Wir werden die Welt einen, Sir.« »Natürlich werden wir das, Oberst! Eine einzige Weltregierung, ewiger Friede – wie finden Sie das? Und ich, Grödig, werde der Herrscher der Welt sein. Großartig!« Grödig wußte nicht, daß auch dieses Gespräch über den Sonderkanal ging und ausgestrahlt wurde. Überall saßen die Menschen vor ihren Geräten und amüsierten sich. Es gab keine bessere Unterhaltungssendung als die von Grödig. »Die zehn Spione wurden hingerichtet, Sir«, sagte 104

Oberst Rangel ruhig. »Sie haben es selbst beobachten können.« »Stimmt, Oberst. War ein großartiges Schauspiel. Ging es über alle Sender?« »Wie angeordnet, Sir, zur Warnung. Man hat das Programm auch im Süden empfangen können.« »Ausgezeichnet! So etwas wirkt immer abschreckend.« Grödig hatte keine Ahnung davon, daß man ihm einen alten Film vorgespielt hatte, der in den Archiven lag. Niemand war hingerichtet worden, schon seit Jahrzehnten nicht. Schon gar nicht im Fernsehen. »Haben Sie noch Wünsche, Sir?« Grödig winkte großzügig ab. »Nicht im Augenblick, Oberst. Ich lasse Sie rufen, wenn der Entwurf für die Rede fertig ist. Bis dann.« Der Oberst salutierte, machte kehrt und verließ den Raum. Draußen auf dem Korridor holte er erst einmal tief Luft, ehe er weiterging. Für einen Augenblick stellte er sich vor, wie die Welt wirklich sein würde, käme ein Mann wie Grödig jemals an die Macht. Noch amüsierten sich die Menschen, wenn sie den Verrückten hinter seinem Schreibtisch regieren sahen; der Nervenkitzel tat ihnen gut; die Vorstellung, es könne in der Tat so sein, riß sie aus ihrer Müdigkeit. Aber sie wußten, daß alles nur Theater war. Rangel kam plötzlich ein ganz irrsinniger Gedanke. Er behielt ihn für sich, während er den Technikern die notwendigen Anweisungen für die heutige 105

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