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Todesschach

Der Regierungspalast

Der Regierungspalast Grödigs – ein ehemaliges Sanatorium – lag unweit von Terrapolis in einem unberührt gelassenen Waldstück auf einer gerodeten Anhöhe. Er wurde von einer drahtbewehrten Mauer aus Natursteinen umgeben. Außer dieser elektrischen Sperre gab es noch andere Hindernisse, die jedoch in erster Linie dazu dienten, das Verlassen des Palastes in Richtung Außenwelt zu verhindern. Grödig mußte isoliert bleiben und durfte den Palast nicht verlassen. Wenn er einen entsprechenden Wunsch äußerte, lag es stets an Oberst Rangel, ihn von den Gefahren zu überzeugen, die ihn außerhalb der Befehlszentrale erwarteten. Der Weg in umgekehrter Richtung war nur schwach abgesichert. Kern blieb in dem schmalen Graben liegen, bis der Posten vorbeigegangen war. Vor ihm stieg das Gelände weiter an, und oben auf dem Hügel erkannte er im Mondlicht die Umrisse des Palastes. Davor war der langgestreckte schwarze Schatten der Mauer. Bis jetzt war alles glatt gegangen. Er hatte angenommen, das Vorfeld sei besonders abgesichert, aber das hatte sich als Irrtum herausgestellt. Wahrscheinlich rechnete niemand damit, daß jemand in den Palast eindringen könnte. Warum auch? Für die Welt war Grödig ein harmloser Spaßmacher, der nur auf den Bildschirmen regierte, mordete und Krieg führte. Man war ihn los, indem man das Gerät abschaltete. So einfach war das. 116

Aber die Mauer! Kern wußte, daß der Draht auf der Mauerkrone elektrisch geladen war. Sein schwarzer Gummianzug würde ihn schützen, aber er mußte darauf achten, daß es zu keiner Entladung kam. Der Blitz würde ihn vorzeitig verraten. Vielleicht gab es auch Alarmanlagen, die er versehentlich auslöste. Der Wachtposten verschwand in der Dunkelheit. Der nächste würde in zwei Minuten folgen. In der Zwischenzeit mußte Kern die nächsten hundert Meter hinter sich bringen. Er schob sich aus dem Graben und kroch auf allen vieren weiter, um sich nicht gegen den helleren Himmel abzuheben. Mit den Infrasuchgeräten allerdings würde man ihn auch auf dem Boden entdecken können – falls sich jemand die Mühe machte, den Boden damit abzusuchen. Die Fernsehgesellschaften, die den ganzen Spaß mit Genehmigung der Regierung finanzierten, brachten dem Militär eine Stange Geld ein. Das war aber auch notwendig, denn der Anteil des Verteidigungsministeriums am Staatsbudget betrug nur noch knapp zwei Prozent. Das reichte gerade zur Einkleidung, Verpflegung, Entlöhnung und knapper Bewaffnung der Armee aus. Den Rest des Geldes beschafften sich die Streitkräfte durch private Initiative. Wie in diesem Fall durch den Sonderauftrag der Fernsehgesellschaften. Die Gebühren waren entsprechend hoch, aber dafür wurde auch einiges geboten. Knapp vor der Mauer wurde das Gelände hügeli- 117

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