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Todesschach

Niemand wußte, worum es

Niemand wußte, worum es ging. Sergeant Wendel überbrachte die Einladung mit undurchdringlicher Amtsmiene und zuckte nur die Schultern, wenn ihm eine Frage gestellt wurde. Er schien in der Tat auch nicht zu wissen, warum der Kommandant die gesamte Belegschaft des Lagers sprechen wollte. »Deinetwegen kann es nicht sein«, stellte Aleks fest, als Mira eine entsprechende Bemerkung machte. »Wir sind alle aufgefordert worden, an der Versammlung teilzunehmen. Es muß sich also um eine Sache handeln, die alle angeht, nicht nur dich. Warten wir ab. Wir haben noch Zeit bis nach dem Essen.« Im Speisesaal wurde heute mehr geredet als sonst. Jeder hatte seine eigene Theorie, denn es kam nicht oft vor, daß derartige Versammlungen abgehalten wurden. Einige behaupteten sogar allen Ernstes, das Lager würde aufgelöst. Sie wurden ausgelacht, denn jeder wußte, wie wichtig die Existenz von »Physik- Chemie III« für Io war. Der Saal füllte sich schnell, und dann erschien der Kommandant. Er hatte es nicht nötig, um Gehör zu bitten. Schweigend und voller Erwartung blickten alle hoch zum Podium, hinter dem Major Lendoka Platz genommen hatte. Er blätterte in einem Stapel Papiere und ordnete sie. Dann sah er hinab in die gespannten Gesichter. Er lächelte. »Was ich Ihnen heute zu sagen habe, geht zwar jeden an, trifft aber nur für wenige zu. Ich weiß nicht, 152

ob die Gerüchte von der Erde bis hierher gedrungen sind, aber sicherlich gibt es niemand hier, der noch nichts vom Todesschach gehört hätte.« Spätestens in dieser Sekunde wußten Mira und Aleks, worum es ging. Das neue Gesetz! Es war durch. Major Lendoka fuhr fort: »Es gibt auf der Erde eine Menge Leute, die das tödliche Spiel verdammen, aber auf der anderen Seite müssen sie einsehen, daß es der einzige Ausweg aus einem Dilemma ist, das dem Menschen von Natur aus aufgezwungen wurde. Seit Beginn der Geschichte hat sich der Mensch nur behaupten können, weil er kämpfte. Der Kampf ums Dasein steckt ihm im Blut. Auch heute noch, obwohl wir das geworden sind, was wir ›zivilisiert‹ nennen. Die Todesspiele wurden der Ersatz für kriegerische Auseinandersetzungen. Der Ersatz für selbst erlebten Nervenkitzel – soweit es die Zuschauer angeht. Es gab immer wieder Proteste, die sich in erster Linie gegen die professionellen Freiwilligen richteten, die an den Spielen teilnahmen. Die Regierung zog die Konsequenzen und erarbeitete ein Gesetz, nach dem es ab sofort unbescholtenen Bürgern verboten ist, sich zur Teilnahme an den Spielen zu melden. Dieses Privileg soll von nun an auch Strafgefangenen vorbehalten sein, die zu lebenslänglichem Aufenthalt auf Io verurteilt wurden. Wer drei Spiele überlebt, wird ohne Rücksicht auf die Schwere seines Verbrechens und die Dauer der Strafe freigesprochen. Sie alle wissen, was das bedeutet.« 153

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