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Todesschach

Larko hatte Wachtposten

Larko hatte Wachtposten gemietet, um jeden Fluchtversuch der ehemaligen Strafgefangenen unmöglich zu machen. Wenn es sich auch um Freiwillige handelte, so bestand doch die Möglichkeit, daß der eine oder andere es vorzog, die Freiheit auf ungefährlichere Art zurückzuerlangen. Noch galt das Urteil, und drei Spiele lagen zwischen Tod und Leben. In dieser Nacht konnte Mira kaum schlafen. Unruhig wälzte sie sich auf ihrem Lager hin und her, von quälenden Träumen immer wieder aufgeschreckt. Vor dem eigentlichen Spiel hatte sie keine Angst, aber sie fragte sich immer wieder, was Thorn inzwischen wohl unternommen hatte. Wußte er, welchen Weg sie gegangen war, um die Freiheit zu erringen? War es ihm gelungen, der Verhaftungswelle zu entgehen, die dem Ausbruch Grödigs folgte? Viel wußte Mira nicht über die Ereignisse, die sich in den letzten Tagen abgespielt hatten. Die Informationen waren spärlich gewesen, aber sie genügten, Mira und die anderen Freiwilligen unruhig werden zu lassen. Niemand konnte wissen, ob sich die Regierung noch an das neue Gesetz hielt. Erst als sie in Larkos Lager waren, atmeten sie auf. Als der Morgen graute, fühlte sich Mira wie zerschlagen. Sie hatte nur wenige Stunden geschlafen. Sie warf einen Blick durch das vergitterte Fenster und erkannte einen Wachtposten, der zu ihr herüberschaute. Er grinste und nickte ihr ermunternd zu. Sie schloß die Vorhänge. Sie duschte kalt und zog sich an. Das Frühstück 188

wurde gemeinsam eingenommen; es war gut und reichlich – für manchen vielleicht eine Henkersmahlzeit. Larko erschien, von einigen Spielhelfern begleitet. Er verlas noch einmal die Namen, dann wurden die Umhänge verteilt. Nun erfuhr endlich jeder, welche Figur er auf dem Feld verkörpern mußte. Auch hier hatten die ursprünglichen Regeln einige Änderungen erfahren. Alle waren gleichberechtigt, und im Grunde genommen war es auch ziemlich egal, ob man als Bauer oder als Königin begann. Mira war ein Springer. Der Umhang konnte gewendet werden, so daß er einen schwarzen oder auch weißen Springer symbolisierte. Noch wußte niemand, welche Seite in Betracht kam. »Sie wissen alle, worum es geht«, sagte Larko, als das Stimmengemurmel abebbte. »Es geht um Ihr Leben, und schließlich geht es um Ihre Freiheit. Sie kennen die Regeln. Ich gebe zu, in Ihrem Fall das Los zu Hilfe genommen zu haben, denn ich kenne Sie nicht. Es soll sich also niemand benachteiligt fühlen, wenn er nur Bauer ist. Er kann schon nach dem ersten Zug Turm oder Läufer werden. Ihre Waffen erhalten Sie, sobald das Spiel beginnt. Ich wünsche Ihnen allen viel Glück – und bedenken Sie, daß nicht nur für Sie einiges vom Verlauf des Spiels abhängt, sondern auch für mich als Spieler.« Jemand fragte: »Gegen wen spielen Sie, Larko? Dürfen wir das erfahren?« 189

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(7ed., Springer, 2001)(ISBN 3540205098)(de)(O)(512s).
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