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Todesschach

Notwehr – und sonst

Notwehr – und sonst gab es keine Probleme für ihn. Er verfügte nicht über das, was die Menschen ein Gewissen nannten, wenigstens hatte er das bisher angenommen. Zumindest hatte er nie darüber nachgedacht. Bisher hatte es sich bei den Teilnehmern an den Spielen stets um Freiwillige gehandelt, um Menschen, die so veranlagt waren wie er: mutig, abenteuerlustig, vielleicht ein wenig verzweifelt und von der Gier nach Reichtum besessen, skrupellos und niemals kompromißbereit. Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um ein besseres Leben zu gewinnen. Das neue Gesetz jedoch brachte es mit sich, daß Leute zur Teilnahme am Todesschach gezwungen wurden, zu denen diese Beschreibung nicht mehr paßte. Dann würde Grams Gegnern gegenüberstehen, die niemals seine Gegner sein wollten. Er mußte sie töten, wenn er selbst überleben wollte. Das Spiel war nicht mehr sauber, sondern eine Arena verurteilter Verbrecher, die um ihre nackte Existenz kämpften. Das Todesschach war entehrt worden. Grams würde bald nicht mehr ohne ernsthafte Konkurrenz bleiben, und sicherlich entbehrte das Spiel in einigen Jahren einer gewissen Seriosität, auf die heute noch Wert gelegt wurde. Primitive Brutalität würde Intelligenz und Klugheit ersetzen. Es würde nicht mehr mit dem Kopf, sondern nur noch mit den Waffen gekämpft werden. Die rohe Gewalt triumphierte über Fairneß und Anstand. 86

So und nicht anders mußte es kommen, wenn Menschen durch ein offizielles Gerichtsurteil dazu gezwungen werden, ihr Leben auf den Feldern des Todesschachs zu verteidigen. Das Taxi landete am Rand von Joycity. Grams stieg aus und fand schon wenige Minuten später bei Harry den Brief, der ihm den Treffpunkt mitteilen sollte. Thorn war vorsichtig geworden, seit er im Untergrund lebte. Der Treffpunkt war ein Hotel ganz in der Nähe. »Was soll die Geheimnistuerei?« fragte Harry. »Der Kerl kam ‘rein, gab mir den Brief und verschwand dann wieder. Ich wußte ja Bescheid, daß ich dir den Brief geben sollte, aber wenn du mich fragst …« »Stell keine Fragen, wenn du mir einen Gefallen tun willst. Ich müßte dich sonst anlügen, und das ist doch unter Freunden alles andere als schön, nicht wahr?« Harry schüttelte den Kopf. »Von mir aus, ich bin nicht neugierig. Aber ich würde dir raten, vorsichtig zu sein. Sieht mir alles zu sehr nach Verbotenem aus. Du wirst doch wohl nicht …?« »Unsinn! Ich erkläre dir das später. Grüße Feh von mir.« »Komm vorbei, wenn du deine Geschäfte erledigt hast, Grams.« Grams grinste. »Geschäfte ist gut, alter Junge. Kein einziger Schein springt dabei heraus. Kein einziger. Bis bald.« 87

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