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SCHRIFTEN ZU DISABILITY & DIVERSITY VOL. 2 | 03/2018 Im Rahmen der Lehrveranstaltung Bildung: Teilhabe und Inklusion

KANN SPORT INKLUSIV

KANN SPORT INKLUSIV SEIN? des Sports, als auch die Hindernisse liegen können. 2. Kompetenz zur Bewusstseinsbildung Im Sport geht es in den meisten Fällen darum, herauszufinden wer der/die Schnellste, der/die Stärkste oder im Allgemeinen einfach der/die Beste in seiner/ihrer Disziplin ist. Doch Sport bietet so viel mehr! Mittels sportlicher Betätigung werden die körperlichen Eigenschaften verbessert und sie bietet einen Ausgleich zum/im Alltag. Zusätzlich kann Sport ein großer Baustein des sozialen Lebens eines Menschen sein. Dies gilt für Menschen ohne Behinderungen und umso mehr für Menschen mit Behinderungen und Benachteiligung. Sport verbindet einfach. Um genauer auf die Vorteile, die Sport für den Menschen bringen kann, einzugehen, werden drei Kompetenzbereiche unterscheiden: ICH, SACH und SOZIAL Kompetenz. Diese Bereiche sind für jeden Menschen wichtig, doch Kompetenzen, welche für den Großteil der Bevölkerung selbstverständlich sind, wie zum Beispiel zu wissen wo mein Körper anfängt und wo er aufhört, ist nicht für jede/n klar. Die Ich-Kompetenz beschreibt das Wissen um den eigenen Körper. Sich bewusst zu sein, was man kann, zu was man fähig ist und wo die eigenen Grenzen sind, ist wichtig. Koordination, Kraft und Ausdauer sind Teile des Trainings für Stärkung der Ich-Kompetenz. Das klingt sportlich. Kann es auch sein, aber in speziellen Fällen kann es bei koordinativen Einheiten darum gehen, den Fuß genau auf einen bestimmten Punkt zu stellen oder bestimmte Dehnübungen durchzuführen. Wenn man von SACH-Kompetenz spricht, geht es um die Erfahrungen mit verschiedensten Materialien. Beispiele dafür sind Untergründe, auf denen man sich bewegt oder mit ein und demselben Gegenstand verschiedenste Aktivitäten zu machen. Die SOZIAL-Kompetenz wurde zuvor schon kurz angeschnitten. Ein wichtiger Punkt dabei ist Kommunikation, was bis hin zu taktischen Maßnahmen in Teamsportarten gehen kann. Verschiedenste Elemente miteinander zu verbinden und es in spielerischer, abwechslungsreicher und auf individuelle Weise umzusetzen, stellt die Herausforderung dar. All diese Kompetenzen sind nicht nur für Sport und Bewegung essentiell, sondern auch entscheidend, um das alltägliche Leben zu meistern (Kliphard, 2009, S. 23). Ein großer Unterschied zwischen Sport im Behindertenbereich und zum Beispiel im Spitzensport ist, dass es beim Training mit Menschen mit Behinderung nur selten um gezielten Muskel- oder Konditionsaufbau geht. Das Hauptziel ist die Prävention. In vielen Fällen baut der Körper von Personen mit Behinderungen bis zu doppelt so schnell ab, wie bei Menschen ohne Behinderung. Präventiv zu Arbeiten bedeutet, die Körperfunktion möglichst lange in einem guten Zustand zu halten und somit Verletzungen und zusätzlichen Behinderungen vorzubeugen (Kliphard, 2009, S. 23). Nach dieser kurzen allgemeinen Einführung werden zwei konkrete Praxisbeispiele vorgestellt, in welchen inklusive Sporterlebnisse ermöglicht werden. 3. Praxisbeispiel 1: „Inklusives Natursporterleben“ Was ist ein inklusives Natursporterleben? Jede Bewegung in der freien Natur liefert die Grundlage für die körperliche und seelische Gesundheit der Menschen. Sport an der frischen Luft ist sinnvoll und notwendig. Der Stoffwechsel wird aktiviert und die Gang- und Trittsicherheit wird gesteigert. 20

KANN SPORT INKLUSIV SEIN? Gemeinsam in einer sozialen Gruppe betriebener Sport multipliziert diese positiven Aspekte umso mehr. Für Menschen mit körperlichen, psychischen oder geistigen Behinderungen sind entsprechende Freizeitaktivitäten nur spärlich zu finden. Erlebnis, Spannung und Abenteuer bieten allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einen unmittelbaren Zugang zur Umwelt. Ziel ist es, sowohl Menschen mit als auch ohne Behinderung zusammenzubringen. Es sind oft sehr gefühlsintensive und wertvolle Erlebnisse, die den Selbstwert steigern und die Selbstwahrnehmung verbessern (Painsi, 2017). Die Inklusive Gruppe des Alpenvereins Klagenfurt (AV) Bis 2012 hat es für Menschen mit Behinderung keine geeigneten strukturierten Angebote im Alpenverein Klagenfurt gegeben, um Natursport unter professioneller Anleitung erleben zu können. Daher wurde in der Alpenvereinsjugend Klagenfurt die Initiative „Inklusives Natursporterleben“ ins Leben gerufen. Dort wird ein maßgeschneidertes Programm für gemeinsame Aktivitäten von einem multiprofessionellen Team angeboten. Die Inklusionsgruppe des Alpenvereins Klagenfurt bietet einfache, gemeinsame Wanderungen, den Besuch von Schauhöhlen, Kajakfahrten, Bouldern oder Klettern und auch inklusive Erlebniswochenenden/Camps an. Die Veranstaltungen werden nach dem Grundsatz der Unteilbarkeit von Inklusion abgehalten. Jeweils im Einzelfall entscheiden die Verantwortlichen gemeinsam mit Betroffenen bzw. deren Angehörigen, ob das Angebot geeignet ist. Unter großem persönlichem Engagement der beteiligten Personen werden alle für die Durchführung der Projekte notwendigen personellen, örtlichen und materiellen Ressourcen organisiert. Dies betrifft den Einsatz von externen Experten, die Nutzung von geeigneter Infrastruktur wie Kletterhallen, Klettergärten, Naturcamps, Alpenvereinshütten und auch Ressourcen wie Sportgeräte, Bekleidung und Seiltechnik für die sichere Durchführung. Die Angebote richten sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne körperlichen, psychischen oder geistigen Behinderungen, die gemeinsam etwas erleben möchten (Painsi, 2017). In einem Interview mit Elisabeth Painsi, die als Jugendmitarbeiterin in der Gruppe „Inklusives Natursporterleben“ tätig ist, konnten dazu nähere Details gewonnen werden: Frau Painsi, wie gestaltet sich die gegenwärtige Situation in der Alpenvereinsgruppe Inklusives Natursporterleben? Derzeit wird versucht, kontinuierliche Angebote zu schaffen. Im Moment gibt es punktuelle Veranstaltungen, die aber zeitlich begrenzt sind. 2017 konnte erstmals eine über mehrere Wochen stattfindende inklusive Klettergruppe realisiert werden. Am Ende jeden Jahres findet ein offenes Planungstreffen statt, bei dem Ideen gesammelt werden. Offen deshalb, weil es sich nicht nur auf die Mitglieder des Alpenverein- Teams beschränkt, sondern auch die Zielgruppe der Angebote miteinschließt. Das bedeutet, dass aktiv auf potentielle TeilnehmerInnen zugegangen wird und sie eingeladen werden, sich zu beteiligen. Dies ist umso bemerkenswerter, da es im Alpenverein klare hierarchisch gewachsene Strukturen gibt, welche zwischen MitarbeiterInnen und TeilnehmerInnen unterscheiden. Es ist sozusagen gar nicht vorgesehen, in Entscheidungsprozessen allen ein Mitspracherecht zu geben. Anders gesagt ist man normalerweise Mitglied und Kunde zugleich. In 21

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