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SCHRIFTEN ZU DISABILITY & DIVERSITY VOL. 2 | 03/2018 Im Rahmen der Lehrveranstaltung Bildung: Teilhabe und Inklusion

HOCHSCHULE UND

HOCHSCHULE UND ÖSTERREICHISCHE GEBÄRDENSPRACHE 3. Österreichische Gebärdensprache im tertiären Bildungsbereich An der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt werden über das Zentrum für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation (ZGH) Lehrveranstaltungen zum Erlernen der Österreichischen Gebärdensprache für Anfänger*innen und Fortgeschrittene sowie allgemeine Vorlesungen zu Gebärdensprache, Gehörlosengeschichte und Gehörlosenkultur angeboten. Die ÖGS-Kurse werden ausschließlich von gehörlosen Gebärdensprachlehrer*innen ("native signers") unterrichtet. Der Universitätslehrgang für ÖGS-Lehrkräfte (universitäre Ausbildung zum „native signer“), speziell für Studierende mit Gehörlosigkeit, besteht seit 2016 nicht mehr. Gründe für die Auflösung sind nicht bekannt (Alpen-Adria Universität Klagenfurt, o. D.). Ziele dieses universitären Lehrganges umfassten einerseits die Schaffung einer zusätzlichen Ausbildungsmöglichkeit für Menschen mit Gehörlosigkeit und andererseits die Ermöglichung des Lehrens der ÖGS auf Fremdsprachenniveau (ZGH, 2006). An der FH Kärnten wird die österreichische Gebärdensprache ebenfalls mittels „native signers“ unterrichtet (vgl. Kapitel 4). Ein dreisemestriger Fortbildungslehrgang für Pädagogen*innen an der Pädagogischen Hochschule Kärnten beschäftigt sich mit der Thematik „Gebärdensprache im Unterricht/Bilinguale Bildung“ (PH Kärnten, o. D.). Der Weg zu einem Hochschulstudium ist für Menschen mit einer Hörbehinderung kein leichter Weg. Um dies möglich zu machen, bedarf es eines gewissen „Kampfgeistes“, ein großer Zeit- und Lernaufwand ist zu bewältigen, engagierte Eltern und Lehrkräfte müssen unterstützend wirken. Je nach Möglichkeit sollte der Zugang zu einem bilingualen Unterricht (ÖGS als „Muttersprache“, Deutsch als „Fremdsprache“) ermöglicht werden, da die ÖGS ein wichtiges Mittel ist, um Wissen und Informationen aufzunehmen und verarbeiten zu können. Dieser schwierige Weg setzt sich im Studium fort. Das grundsätzliche Recht auf ein Studium muss daher durch die Universitäten bzw. Hochschulen in einer passenden Unterstützung in der Kommunikation und Rezeption passieren. Einen solchen praktischen Beitrag erfahren Studierende mit Gehörlosigkeit an der Technischen Universität (TU) und anderen tertiären Bildungseinrichtungen in Wien durch die Unterstützungsplattform „GESTU. gehörlos erfolgreich studieren“. Mit dieser Plattform wurde nicht nur die Vermittlung von Gebärdensprachdolmetscher*innen, Tutor*innen und Schriftdolmetscher*innen geschaffen, sondern es wurde auch, um einen barrierefreien Zugang zu ermöglichen, für die Weiterentwicklung von technischen Hilfsmitteln wie z. B. Liveuntertitelungen und die Entwicklung und Weitergabe von Fachgebärden über eine Online-Plattform gesorgt. Wünschenswert ist ein Ausbau der GESTU auch in den anderen Bundesländern, um Studierenden mit Gehörlosigkeit in ganz Österreich eine möglichst gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen (TU Wien, 2017; Hartl & Unger, 2014, S. 25-27; Kwapil, 2014). Gemäß NAP (2012, S. 70) soll die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung im tertiären Bereich durch einen „[…] Ausbau der Gebärdensprachdolmetsch- und Gebärdensprachlehrer-Ausbildung […]“ sowie die “Fortsetzung des Modellversuchs „Gehörlos erfolgreich studieren“ an der TU Wien und Sicherung der Institute „Integriert Studieren“ gesichert werden. Gemäß der Recherche von Hartl & Unger (2014, S. 26-27) 6

HOCHSCHULE UND ÖSTERREICHISCHE GEBÄRDENSPRACHE besteht ein großer Bedarf an Gebärdensprachdolmetscher*innen hinsichtlich einer spezialisierten Ausbildung mit dem Thema Fachgebärdenwissen sowie der Verfügbarkeit außerhalb der Vorlesungen, die meist schon zu Semesterbeginn fixiert wurden, z. B. für einen spontanen Besuch eines Vortrages oder Symposiums am Abend. Ebenso besteht ein hoher Bedarf nach ausgebildeten Gebärdensprachpädagogen*innen sowie Pädagogen*innen mit Gehörlosigkeit, um den Zugang zu Gebärdensprache und somit gesellschaftlicher Teilhabe für alle Menschen zu ermöglichen, denn: „ÖGS ermöglicht Gehörlosen die Teilhabe am allgemeinen sozialen Leben, ein Bekenntnis zur Inklusion muss ein Bekenntnis zur ÖGS, ihrem Unterricht, ihrer Förderung und Entwicklung beinhalten. Denn ohne ÖGS sind Gehörlose taubstumm – mit ÖGS kann Inklusion gelingen.“ (Hartl & Unger, 2014, S. 55) Welche Informationen es zum Thema Österreichische Gebärdensprache als Fremdensprachangebot an der FH Kärnten noch gibt, wird im nächsten Kapitel erörtert. 4. Österreichische Gebärdensprache an der FH Kärnten Im Folgenden finden Sie die Zusammenfassung eines Interviews mit Frau Mag. a Kirsten Ratheiser-Pirker, Gleichstellungsbeauftrage der FH Kärnten, geführt am 18.12.2017 zum Thema „Bildungsgerechtigkeit“ und „Inklusion“. Dem Studiengang Disability & Diversity Studies an der FH Kärnten geht es um die Akzeptanz der Vielfalt und um möglichst hohe Chancengerechtigkeit für Studierende. So wird beispielsweise die Österreichische Gebärdensprache als Fremdsprachenunterricht angeboten. Was den Studiengang in diesen Überlegungen leitet, wie Fr. Mag. a Ratheiser-Pirker die Bildungsgerechtigkeit an der FH Kärnten wahrnimmt und welche Partizipationsmöglichkeiten sich für Studierende mit Beeinträchtigung daraus ergeben, soll nachfolgend erläutert werden (Ratheiser- Pirker, 2017). Frau Mag. a Ratheiser-Pirker belegt seit ca. 1,5 Jahren die Position der Gleichstellungsbeauftragten an der FH Kärnten in Klagenfurt. Aktuell gibt es an den fünf Standorten der FH Kärnten, soweit es ihr bekannt ist, keine Studierenden mit Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit. Selbstverständlich würde bei positiver Erfüllung des Aufnahmeverfahrens nichts gegen eine Aufnahme sprechen, wobei bei einzelnen Bereichen des jeweiligen Aufnahmeverfahrens möglicherweise Adaptionen im Sinne der uneingeschränkten Teilhabe nötig wären. Die Bildungseinrichtung als Träger des öffentlichen Rechts ist verpflichtet, Barrierefreiheit im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetztes zur gewährleisten, was für die Betroffenen vermutlich bedeuten würde, dass u.a. Gebärdendolmetsch zur Verfügung gestellt werden müsste. Die entsprechende Finanzierung und ev. Fördermöglichkeiten von Seiten des Sozialministeriums müssten dann jeweils individuell abgeklärt werden. Die positive Einstellung des Hauses zum Thema „Bildungsgerechtigkeit“ wird durch die kontinuierliche Adaptierung der Standorte betreffend Barrierefreiheit sowie durch die Etablierung der Stellen von Gleichstellungsbeauftragten an der FH Kärnten deutlich. Für Fr. Mag. a Ratheiser-Pirker ist dies aus Sicht der Studierenden der wesentlichste Schritt, um Barrierefreiheit zu gewährleisten (Ratheiser-Pirker, 2017). „Ich reagiere auf Anfragen von außen herein oder von innen heraus. Es handelt sich 7

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