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physio-Journal I 1/2018

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TITELTHEMA © domoskanonos - Fotolia.com Text: Verena Gesing E V I D E N Z DER BINDEGEWEBSMASSAGE Die Bindegewebsmassage (BGM) gehört zu den Reflextherapien und wurde von der deutschen Physiotherapeutin E. Dicke entwickelt. Reflextherapien bewegen sich an der Grenze zu den Alternativtherapien oder werden häufig auch dazu gezählt. Dazu kommt noch, dass die BGM eher selten verordnet wird. Vielleicht, weil sie nicht sehr bekannt ist, oder weil sie eher in den Bereich der Alternativtherapien abgeschoben wird. Gerade deshalb ist es interessant, nach Studien zu recherchieren, die die Wirksamkeit dieser Therapie untersuchen. Holey et al. (2014) postuliert, dass die BGM über einen reflektorischen Effekt auf das autonome Nervensystem wirkt. Dieser Effekt wird durch die Manipulation der faszialen Blätter der Haut und des subkutanen Reizungen, funktionelle Störungen oder zero-cutanen Reflex entsteht. Das heißt, Gewebes erzielt. Erkrankungen eines inneren Organs können in der zugehörigen Bindegewebszone Bei der BGM werden bestimmte Bindegewebszonen behandelt. Eine Bindegewebszone ist eine Reflexzone, die durch den Vis- Einziehung, Rötung) (Head’schen Zone) eine Reaktion (Quellung, verursachen. HEAD’SCHE ZONEN Head´sche Zonen [Holey et al. 2014] sind Areale der Haut und des oberflächlichen BG. Sie erscheinen eingezogen, fest oder verklebt in chronischen Situationen oder aufgequollen in akuten Situationen. Sie teilen sich dasselbe spinale Segment wie ihr zugehöriges Organ. Diese Zonen sind vermehrt auffällig bei einer akuten (oder chronischen) Erkrankung eines Organs und wieder unauffällig bei Normalisierung [Luedecke, 1969]. Reflexzonentherapien Die BGM gehört zu den Reflextherapien, ebenso wie die Fußreflexzonenmassage. Hier wird davon ausgegangen, dass die einzelnen Körperabschnitte (Organe, WS, …) auf dem Fuß repräsentiert werden und ebenso wie bei der BGM über die Behandlung des entsprechenden Abschnittes behandelt werden können. Das heißt im Umkehrschluss, wie bei der BGM, wenn ich z. B. den Darm in der Darmzone am Fuß über Fußreflexzonenmassage (FRZM) behandle, soll es zu einer vermehrten Durchblutung in diesem kommen. Mur et al. (2001) führte hierzu eine sehr interessante Untersuchung durch, die diese Theorie auch belegte. Hierbei wurden 32 gesunde Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, bei der einen Gruppe wurde eine FRZM in dem Bereich, dem der Darm zugeordnet ist, durchgeführt, in der anderen Gruppe eine Scheinbehandlung (hier wurde eine Zone behandelt, die nicht dem Darm zugeordnet war). Die Durchblutung des Darms wurde mit der Dopplersonographie vor, während und nach der Behandlung bestimmt. Es kam bei der Gruppe, die FRZM erhielt, während der Behandlung zu einer signifikanten Verbesserung der Darmdurchblutung. Um die Wirkung der Reflextherapien zu bestätigen und die Ergebnisse dieser Studie zu validieren, müssen noch weitere Untersuchungen dieser Art durchgeführt werden. 12 physio-Journal

TITELTHEMA Evidenz Im Folgenden werden exemplarisch Studien zur BGM vorgestellt, um deren Wirksamkeit besser einschätzen zu können. Castro Sanchez et al. (2009) Castro Sanchez et al. (2009) untersuchte die Wirkung von BGM bei Patienten mit Diabetes Typ 2 und peripherer arterieller Verschlusskrankheit vom Typ 1 und 2a. Es handelte sich hierbei um eine randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 98 Patienten. Anwendung Die Patienten in der BGM-Gruppe erhielten eine einstündige Behandlung (2 mal pro Woche über 15 Wochen). Die Patienten in der Placebo Gruppe erhielten eine 30-minütige Anwendung einer Schein Magnetfeldtherapie im Bereich des unteren Rückens und der Beine. Die Behandlungsfrequenz und Dauer war wie in der BGM-Gruppe. BGM Anwendung Die Therapeuten wendeten das Standard Protokoll nach Dicke an. Das heißt, zunächst wurde der Grundaufbau durchgeführt, dann wurde der Rumpf behandelt, anschließend die Beine inklusive der Füße. Jeweils 30 Minuten vor und nach der Massage haben die Patienten vor- bzw. nachgeruht. Messparameter Messparameter waren die Gehfähigkeit mit dem Walking Impairment Questionnaire for PAD Patienten sowie ein Differentieller Segmentaler arterieller Blutdruck in den unteren Extremitäten. Zudem wurden der Blutfluss der subkutanen Arterien, der Puls, die Sauerstoffsättigung und die Hauttemperatur gemessen. Die Messungen fanden sowohl vor der Behandlung als auch 30 Minuten sowie 6 und 12 Monate nach der Behandlung statt. Ergebnis Die Gruppen unterschieden sich signifikant. Die Probanden der Gruppe, die als Intervention die BGM erhielt, zeigten … … einen erhöhten differentialen arterielle Blutdruck in den Beinen, … eine verbesserte Hautdurchblutung der Füße und Zehen … eine verbesserte Sauerstoffsättigung der Füße … einen signifikant verbesserten maximalen Gehstreckenscore. Das Ergebnis des Follow-ups nach 6 Monaten erbrachte folgende Ergebnisse: Der differentiale differentialen arterielle Blutdruck in der BGM Gruppe blieb in Segmenten mit großer Muskelmasse hoch, in der Placebo Gruppe bestanden keine signifikanten Unterschiede zur Baseline. Bei der BGM Gruppe zeigten sich auch signifikante Unterschiede in der Hauttemperatur der rechten inguinalen Falte und der Sauerstoffsättigung des rechten und linken Fußes. Die BGM Gruppe zeigte eine verbesserte Sauerstoffsättigung und eine weitere Gehstrecke. Das Follow-up nach 12 Monaten ergab, dass die Unterschiede, die nach 6 Monaten vorhanden waren, zum größten Teil bestehen blieben. Allerdings nicht der Unterschied in der maximalen Gehstrecke. Fazit BGM ist sinnvoll bei solchen Patienten, um den Fortschritt der Erkrankung zu verlangsamen und die Symptome zu mildern. Es scheint, dass BGM den peripheren Gefäßwiderstand auf eine Mikrozirkulation reduzieren kann. Brattberg (1999) Brattberg (1999) untersuchte die Wirksamkeit der BGM bei Patienten mit Fibromyalgie. An der Studie nahmen 47 Probanden teil. Es gab jeweils eine Gruppe, die BGM erhielt und eine Referenzgruppe. Intervention Jeder Proband wurde 15 Mal in einem Zeitraum von 10 Wochen behandelt. Das Behandlungsprogramm bestand aus folgenden Prozeduren: Massage der pelvinen Region Massage im Bereich des Abdomen Atemübungen, die das Ziel hatten die Mobilität des Diaphragmas zu erhöhen Massage der Beine Massage der schmerzhaften Seite/Gebiete Alle Anteile wurden in jeder Behandlung ausgeführt. Außerdem wurde den Patienten empfohlen, Nacken-, LWS- und Atmungsübungen zu Hause durchzuführen. Messparameter Die gemessenen Parameter waren: Schmerz Einschränkung im Alltag Schlafqualität Auftreten von Angst und Depression Lebensqualität Die Parameter wurden vor und nach der Behandlungsperiode sowie 3 und 6 Monate danach gemessen. DIFFERENTIELLER ARTERIELLER BLUTDRUCK Der differentielle arterielle Blutdruck in den unteren Extremitäten ist die Differenz zwischen dem systolischen und diastolischen arteriellen Blutdruck in dem Segment, welches untersucht wird. Je größer die Differenz ist, umso größer ist der arterielle Blutfluss. Also ein Maß für die Durchflussrate der Arterien. Ergebnis Schmerzreduktion nach 15 Behandlungen von über 37 % bei den Patienten, die BGM erhielten Rückgang des Konsums an Schmerzmittel über 30 % der Verbesserungen verschwand 3 Monate nach Beendigung 90 % der Schmerzen kehrten nach 6 Monaten zurück physio-Journal 13