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physio-Journal I 1/2018

VORGESTELLT © upixa -

VORGESTELLT © upixa - Fotolia.com Text: Gesa Prophet AUS DEM LEBEN EINER PHYSIO-SCHÜLERIN In seinen vielen Praxiseinsätzen kann man so einiges erleben. Jeder PT-Schüler kann eine Geschichte davon erzählen, was ihm Witziges, Skurriles und Erstaunliches dabei begegnet ist. Einblicke in den Praktikumsalltag könnt Ihr in der folgenden Kolumne lesen. IN DER CHIRURGIE – SEELENKLEMPNER ODER PHYSIO? Ich komme ins Zimmer Nummer 23 und mir schlägt eine Welle der Empörung entgegen. »Und LAUFEN soll ich zu der Untersuchung?! Also das kommt ja gar nicht in Frage!«. Ich stelle still fest, dass es sich bei der aufgeregten Frau um meine Patientin handeln muss und gehe zu ihr. »Guten Tag Frau H.«, sage ich mit einem Lächeln und nehme ihre Hand. Kurz ist sie abgelenkt, dann schimpft sie weiter. Darüber, dass alles eine Frechheit ist und wie schlecht sie, die kurz vor ihrer Operation steht, hier behandelt wird. Nach fünf Minuten scheint sie tatsächlich mal Luft zu holen und schaut mich zum ersten Mal richtig an. »Tut mir Leid, sie können wahrscheinlich genauso wenig dafür. Sind sie jetzt eigentlich die Psychologin?« Ich sage: »Fast. Die Physiotherapie-Schülerin.« Ihr Blick ist unbezahlbar. Nach diesem erst holprigen, dann amüsanten Start in den Tag suche ich fast vergnügt meine nächste Patientin auf. Sie wurde mir als schwierig angekündigt – teilzementierte Hüft- TEP mit Teilbelastung, und zudem hat Frau K. noch Schizophrenie und Demenz. Mit noch frischem Mut trete ich an ihr Bett. »Schwester, ich hab solche Schmerzen«, bringt Frau K. direkt mit einer mitleidserregenden Miene hervor. »Hier, an der Hüfte … Woher kommt denn das?« – »Naja, so eine Operation ist schon ein großer Eingriff, und das ist ja erst ein paar Tage her«, erkläre ich der verzweifelten Frau. »Was?«, ihr Gesicht rückt zehn Zentimeter näher an meins. »Ich wurde operiert? Ja sagen sie mal. Wann war das denn? Wieso sagt mir das denn keiner?« Ich entscheide mich, nur auf die ersten beiden Fragen zu antworten. »Ja, das war letzte Woche.« – »Na sowas.«. Frau K. ist wie vom Blitz getroffen. Ich schlage die Bettdecke zurück und sehe direkt übereinandergeschlagene Beine. Das hier ist wohl noch ein langer Weg. Und doch schaffe ich es, auch diese Patientin für eine Laufrunde auf dem Gang zu bewegen. Und morgen fange ich wahrscheinlich wieder von vorne an. In der Umkleide treffe ich Anna aus meinem Kurs, die zurzeit auf der chirurgischen Intensivstation eingesetzt ist. Sie erzählt mir, dass sie heute in einer Bauchfalte ihres stark übergewichtigen Patienten – der eigentlich auf Diät gesetzt ist – einen Schokoriegel gefunden hat. Ich weiß nicht, ob ich lachen soll oder nicht. Und so ist es oft in der Klinik: Trotz der schlimmen Schicksale, die man jeden Tag hautnah miterlebt, gibt es doch immer etwas Skurriles zu erzählen – langweilig wird einem nicht. Und um nochmal auf die empörte Frau H. zurückzukommen: Oft sind wir tatsächlich die Psychologen. In der Klinik sind wir neben anderen Praktikanten die einzigen, die auch mal Zeit für ein Gespräch haben. Und ist das Gröbste erstmal von der Seele geredet, therapiert es sich umso leichter. Herzlichst, Eure Gesa 28 physio-Journal

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