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■ Titel hNordstadt

■ Titel hNordstadt Subkultur - der Club an der Stangriede feiert von Rockabilly bis zu Metal von Bands wie Spearhead alles, was jenseits des Mainstreams liegt Nordstadt WER BRAUCHT Die Nordstadt ist Hannovers coolster Stadtteil. Hier wurde für Hannover Punk und Techno entdeckt. Hier krachte es bei den Chaostagen. Hier fand sich ein House-Produzent „Horny“ und hier gibt es fünfmal so viele Kneipen wie Supermärkte. Linus Zwack erklärt, warum dieser Stadtteil so aufregend ist und nahm dabei einen Weltstar mit auf die Zeitreise. Fotos: Karsten Davideit Am Tag, an dem bekannt wurde, wo HipHop- Superstar Eminem sein einziges Deutschland- Konzert geben würde, war die Aufregung groß. „Hannover!?“, wetterte Frühstücksfernsehenmoderatorin Dunja Hayali, „Warum Hannover? Warum nicht Berlin, Hamburg oder München?“ Die ZDF-Dame wollte offensichtlich das Naheliegende nicht sehen; das Hannover aufgrund von Infrastruktur, Lage und Veranstaltungskompetenz etwa einer Stadt wie Berlin, die es nicht mal schafft, einen Flugplatz zu bauen, weit überlegen ist. Aber natürlich war es ihr sehr wichtig, die allerbilligsten Klischees aus dem Harald-Schmidt-Hannover-Bashing-Grab zu reaktivieren. Hannover ist langweilig, Eminem ist nicht langweilig, der gehört nach Berlin. Aber auch in diesem Punkt hat die Dame Unrecht. Eminem gehört nach Hannover. Und dort am besten in die Nordstadt. Es ist Hannovers buntester und krassester Stadtteil. Statt zu einer Stadtführung sollte man Eminem vor seinem Konzert zu einem Nordstadtspaziergang einladen. Man hätte ihm ein Video von den Chaos-Tagen vorspielen können. Und dann in das Sprengel-Gelände eingeladen; eine 16 UNI-EXTRA

Bastionen der Subkultur und Denkmäler des Punk - das Sprengel- Gelände und das UJZ Korn Tetras, Congos) stattfanden. Time Tools Studio Nähe Engelbosteler Damm aufnahm. Dort Nicht zu vergessen; die Schwulen-Disco Men’s Factory; eine der hatte auch Timo Mass sein ersten Techno-Discos Deutschlands; das ehemalige Pepper- einer der gefragtesten Elektro- Domizil: Anfang der 2000er mint-Park Studio, in dem Produzenten Europas. Viel schöner als die Geschichten über Mousse T. seine Super-Hits „Horny“ und „Sex Bomb“ schuf. Hannover-Ikonen findet Eminem den Rundgang durch die Diese Tradition der eigen verwalteten, kleinen, aber nach allen Kneipen der Nordstadt. Das Seiten offenen Subkulturnischen wäre nicht so grotesk super hip SCHON BERLIN? Kulisse, die auch in seinen Film „8 Mile“ gepasst hätte. Dann wäre man gleich um die Ecke zur alten Grammophonfabrik gewandert. Und hätte Eminem stolz gesagt: „Hier wurde einst die erste Schallplatte der Welt gepresst. Ohne diese Erfindung hätte es niemals HipHop gegeben.“ Eminem hätte schwer beeindruckt genickt. Statt ins Hotelzimmer wäre Eminem in eine der vielen Kneipen der Nordstadt mitgekommen. Und wir hätten ihm ein wenig von der Stadtteilkulturgeschichte erzählt, vom legendären UJZ Kornstraße, das immer noch existiert und in dem Punk-Geschichte geschrieben wurde. In dem legendäre Bands wie Bad Brains, Hüsker Dü und Black Flag ihre ersten Deutschland-Konzerte spielten. Und das in den wilden 70ern immer wieder Zentrum von Straßenschlachten war. Oder die Werkstatt Odem, eine Hinterhof-Galerie, in der regelmäßig Konzerte internationaler Waveund Avant-Punk-Bands (Bush ist bis heute erhalten: Sei es das Spandau, die Schwule Sau, das Sprengel-Kino, die Techno- Enklave Weidendamm, das Time Tools Studio, das Stadtteilzentrum Bürgerschule mit der ersten selbst verwalteten Fahrradwerkstatt, das Atelier Krass Unartig oder die Musikclubs Strangriede Stage und Subkultur. Wenn man die Stadtteilgrenzen nicht so eng zieht, dann können wir auch das Musikzentrum als wichtigen und geschichtsträchtigen Live-Club dazuzählen. Ob es auch Hip- Hop-Acts hier gab, will Eminem wissen. Wir erzählen ihm von MB 1000 und Spax, dem besten Freestyler Deutschlands, der im und shabbyschick wie in Berlin. Das wäre „real“. Das „German beer especially Herrenhäuser“ wäre „great“ und „fucking cheap“. Wir wünschen Eminem viel Glück beim morgigen Konzert. Wir überlegen, wen wir als nächstes einladen können, um zu beweisen, dass die Nordstadt einfach „the nicest place to be“ ist. Dunja Hayali? Aber nur, wenn sie uns nicht wieder mit Bielefeld verwechselt. Um 6.30 Uhr schellt der Wecker. War das alles etwa nur ein Traum? SOMMERSEMESTER 2018 17