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NaturGartenKunstErlebnis: 50 Jahre Merian Gärten in Brüglingen

Das Magazin der Christoph Merian Stiftung

NaturGartenKunstErlebnis

50 Jahre Merian Gärten in Brüglingen

Das Gartenfest zum Jubiläum am 2. und 3. Juni 2018

Nr. 4 April 2018


Editorial

Inhalt

22 000 v. Chr. – 1839

NaturGarten-

KunstErlebnis

50 Jahre

Merian Gärten

in Brüglingen

Im Juni 2018 feiern wir einen runden Geburtstag. Vor fünfzig Jahren stellte

die Christoph Merian Stiftung (CMS) in Brüglingen dreizehn Hektaren

Land für einen zweiten botanischen Garten neben jenem beim Spalentor

zur Verfügung. Was die Merian Gärten heute sind, verdanken sie

zahlreichen glücklichen Fügungen: Christoph Merians Witwe Margaretha

bestimmte im 19. Jahrhundert nach dem Tod ihres Mannes, dass Brüglinger

Gut und Landschaftspark als Denkmal für ihren Mann erhalten

werden sollten. Das zivilgesellschaftliche Engagement von Gartenliebhabern

in den 1960er-Jahren regte die Einrichtung des Botanischen

Gartens Brüglingen an. Die CMS hat ihn ermöglicht. Eine gemeinnützige

Aktiengesellschaft hat ihn lange betrieben. Die nationale Gartenausstellung

Grün 80 hat in ihm landschaftsgärtnerische Ideale der

1970er-Jahre präsentiert. Seither haben sich das zu den Merian Gärten

fusionierte Gut Unter Brüglingen und der botanische Garten weiterentwickelt:

In ihnen gedeihen heute sieben international einzigartige

Pflanzensammlungen mit grösster Sortenvielfalt. Weite Flächen mit

reicher Biodiversität stehen unter Naturschutz. In den Nutzgärten werden

alte Pflanzensorten von Pro Specie Rara kultiviert.

Die Gärten sind pädagogischer Ausbildungsort für Schulen. Ein Kulturdenkmal

mit den historischen Bauten, dem Skulpturenpark und den

Relikten der Grün 80. Erholungsraum und Stadtpark mitten im urbanen

Raum, der heute das ehemalige Meriansche Stammland umschliesst.

Die Gärten sind damit heute vieles gleichzeitig: Künstlich gestalteter

und natürlich wachsender ökologischer Raum. Kultur- und naturhistorisches

Vermächtnis vom Mittelalter über die Merians bis hin zur

Grün 80 und zur Gegenwart. Wissenschafts- und Ausbildungszentrum.

Pflanzengarten und Refugium für geschützte Tiere. Samentresor. Idylle

im Häusermeer.

Gerade die historisch gewachsene Mischung macht die Qualität der

Gärten aus. Die CMS trägt grosse Sorge zu diesem Erbe, ihrem grössten

Engagement. Sie will aber nicht nur Bestehendes konservieren, sondern

einen Schritt vorwärts gehen und die Gärten klarer positionieren. Sie hat

seit 1. Januar 2018 den Betrieb von der Merian Gärten AG übernommen

und wird mit grösseren Investitionen Vorder Brüglingen umgestalten,

aufwerten und zum neuen Zentrum in den Gärten umgestalten. In diesem

RADAR gibt Projektwettbewerbsgewinner Massimo Fontana Auskunft

über die Pläne. Davor vermitteln wir Ihnen zum 50-Jahr-Jubiläum

einen kurzen Überblick über die bewegte Geschichte der Gärten von der

Eiszeit bis heute und eine Momentaufnahme eines ganz normalen Tages

in den Gärten.

Jubiläen sind immer auch eine Gelegenheit, allen Beteiligten eines

erfolgreichen Projekts zu danken. Das will ich hier gerne tun. Wir danken

allen Besucherinnen und Besuchern für die Wertschätzung unseres

Kleinods in Brüglingen. Dem Team der Merian Gärten und allen Freiwilligen

für ihren grossen Einsatz. Allen Gönnerinnen und Gönnern und

dem Verein der Freunde des Botanischen Gartens in Brüglingen für die

langjährige Treue und Unterstützung. Und all unseren Partnern und

Nachbarn, mit denen wir seit Jahren eine fruchtbare Zusammenarbeit

pflegen: der Merian Gärten AG, dem Team des Cafés/Restaurants Villa

Merian, der Stiftung Pro Specie Rara, dem Zentrum für Brückenangebote,

der Stadtgärtnerei, der Stiftung Park im Grünen, dem Kanton

Baselland und der Gemeinde Münchenstein, den Robi-Spiel-Aktionen,

der Dyychkorporation und dem Staatssekretariat für Migration. Zum

Schluss: Einen herzlichen Dank an unsere Bienen, die unsere Pflanzen

bestäuben und somit für den ‹Pflanzennachwuchs› und für unseren

prämierten Honig besorgt sind.

Besuchen Sie die

Merian Gärten

am Festwochenende

2. und 3. Juni 2018!

Informationen und Programm:

www.meriangaerten.ch

3 Bewegte Geschichte

Rückblick: die Merian Gärten

in Jahreszahlen und Bildern, von der

Eiszeit bis heute

7 Mehr als nur Gärten

Standortbestimmung: das grösste

Engagement der CMS und seine vielen

Facetten

8 Ganz schön was los

Gartenalltag: von Mondviolen,

Hirschkäfern, Bienen, einem

Rohrbruch und kichernden Kids

10 Zukunftsmusik

Ausblick: Massimo Fontana,

Gewinner des Studienauftrags,

über seine Umgestaltungspläne

in Vorder Brüglingen

13 Digitale Plattformen

Überblick: niederschwelliger Zugang

zu Wissen – ein Service public der CMS

14 Zum Staunen

Rundgang Kunst im Bau:

von schmackhaften Kultureiern und

Plastiken aus dem 3D-Drucker

22 000 v. Chr.

DIE BIRS: SEGEN UND FLUCH

Die Region Basel war während der maximalen Vergletscherung vor

24 000 Jahren eisfrei. Es herrschte ein trocken-kaltes Klima mit einer

Steppenvegetation ähnlich jener, die sich heute in Kasachstan findet.

Die Birs formte nach der Eiszeit Terrassen und die Brüglinger Ebene.

Der Fluss dient den Menschen der Neuzeit als Wasser- und Energielieferant,

überschwemmt bis zur Flusskorrektur im 19. Jahrhundert

aber auch Land und Höfe und richtet immer wieder grosse Schäden an.

1444

BLUTIGE SCHLACHT

1444 ist das Gebiet rund um die heutigen Merian Gärten Schauplatz

einer blutigen Schlacht. 1500 Eidgenossen kämpfen gegen 20 000

Armagnaken bei St. Jakob an der Birs. Die Eidgenossen unterliegen

zwar, sind danach aber begehrte Söldner auf dem ganzen Kontinent,

werden später und vor allem während der geistigen Landesver-

teidigung im Zweiten Weltkrieg als Helden verehrt und bis in die

1960er-Jahre in der alten Landeshymne besungen.

1775

DER AGRARREFORMER

Hieronymus Christ-Kuder (1729–1806), Landvogt von Münchenstein,

kauft das Brüglinger Gut 1775. Der engagierte Agrarreformer setzt sich

für einen gesteigerten Bodenertrag ein – auch, um die wachsende

einheimische Bevölkerung besser versorgen und Armut und Hunger

bekämpfen zu können. Er ersetzt die Dreifelderwirtschaft vermutlich

durch eine ertragreichere Anbaumethode: die Bepflanzung der

Brachen mit Futterpflanzen wie Klee und Rüben.

1801

JOHANN JAKOB THURNEYSEN-BISCHOFF (1763–1829)

Der Basler Bandfabrikant erwirbt das Gut 1801, vergrössert es auf

beinahe das Doppelte (41 Hektaren), baut die heutige Villa Merian

vom Barockschlösschen zum frühklassizistischen Herrenhaus um und

lässt vermutlich den englischen Landschaftsgarten anlegen. Im

Krisenjahr 1811 geht Thurneysens Bandfabrik wie viele andere export-

orientierte Basler Firmen als Folge der napoleonischen Kontinental-

sperre in Konkurs.

600 n. Chr.

DIE ERSTEN BRÜGLINGER

In römischer Zeit gibt es vermutlich zahlreiche Übergänge über

die damals noch sehr verästelte Birs im Gebiet von St. Jakob. Die

Namensforschung geht davon aus, dass der Name Brüglingen auf die

alemannische Besiedlung im frühen Mittelalter zurückgeht und

das Siedlungsgebiet eines Brugilo benennt. Das Suffix ‹-ingen› würde

demnach den Ort bezeichnen, wo die Leute des Brugilo lebten. Überliefert

ist allerdings nichts.

17. Jahrhundert

DER TEICH, DER EIN GEWERBEKANAL IST

Der St. Alban-Teich/Dalbediich und sein Seitenarm, der Mühleteich/

Mühlediich, fliessen heute durch die Merian Gärten. Der Gewerbeka-

nal wird im 12. Jahrhundert künstlich angelegt und im 17. Jahrhundert

bis nach Brüglingen verlängert. Er treibt Mühlen an, wird später für

die Papierproduktion und den Buchdruck genutzt und ist damit die

technische Voraussetzung für den Aufstieg Basels zu einem Zentrum

des europäischen Humanismus.

1811

CHRISTOPH MERIAN-HOFFMANN (1769–1849)

Der Vater von Stiftungsgründer Christoph Merian-Burckhardt, ein

gewiefter Handelsmann und Bonvivant, verfügt trotz napoleonischer

Kontinentalsperre über genügend Mittel, um 1811 vom Konkursiten

Thurneysen das Brüglinger Gut zu kaufen und den Grundbesitz auf

56 Hektaren zu vergrössern. In dieser Zeit beginnen auch die Birs-

korrekturen.

13. Jahrhundert

KLIPPKLAPP

An der Stelle der Mühle aus dem 16. Jahrhundert steht im 13. Jahrhundert

noch der Vorgängerbau – wohl ein einfacher Holzbau. 1259 wird

die Mühle erstmals urkundlich erwähnt. Heute setzen zweimal im

Monat die ‹Müllersleut› in historischen Kostümen das Wasserrad in

Betrieb und vermitteln Besucherinnen und Besuchern im heutigen

Museum die bewegte Geschichte des Ortes.

17. Jahrhundert

TRÈS CHIC: FAMILIE LÖFFEL

Die französische Immigrantenfamilie Cuiller, ‹Löffel›, erwirbt das

Brüglinger Gut im 17. Jahrhundert und baut es vor den Toren der

Stadt zu einem repräsentativen Sommersitz mit Hof, Scheune, Stall,

Trotte, französischem Garten und einem barocken Landschlösschen

aus. Das ehemalige Landschlösschen ist heute die Villa Merian, im

19. Jahrhundert im frühklassizistischen Stil umgebaut.

Fünfzig Jahre Merian Gärten – profitieren Sie von unserem ganzjährigen

Veranstaltungsangebot und kommen Sie am Festwochenende vorbei

und feiern Sie mit!

16 Vernetzter Freilager-Platz

Austausch: Diskussion und Interaktion

auf dem Dreispitz

1824

CHRISTOPH MERIAN-BURCKHARDT (1800–1858)

Christoph Merian junior heiratet 1824 die 18-jährige Industriellen-

tochter Margaretha Burckhardt, erhält Gut und Villa von seinem Vater

1833

EIN GUT – ZWEI KANTONE

Christoph Merian ist knapp zehn Jahre lang Gutsbesitzer, als die

eidgenössische Tagsatzung 1833 nach der Niederlage der Stadtbasler

1839

STANDESBEWUSSTES STATEMENT

Melchior Berri (1801–1854) baut als einer der bekanntesten Basler

Architekten seiner Zeit im Auftrag von Christoph Merian 1837 ein

als Hochzeitsgeschenk, sichert sich alle Weg- und Wassernutzungs-

gegen die Landschäftler an der Hülftenschanz der Kantonstrennung

Ökonomiegebäude in Vorder Brüglingen (Berrischeune), 1839 das

Dr. Beat von Wartburg

Direktor der Christoph Merian Stiftung

16 Veränderte Freiräume

Ab April: Ausstellung

rechte und vergrössert den Besitz auf 311 Hektaren. In den 1830er-

Jahren melioriert er das Schwemmland der Birs. Das Paar nutzt das

Gut als Sommersitz. 1857 verfasst er sein Testament, wonach der

zustimmt. Der Südteil seines Gutes liegt neu im damals noch fortschrittlichen

Kanton Basel-Landschaft, dem er skeptisch begegnet.

2012 wird die jüngste Wiedervereinigungsinitiative in den Merian

Pächterhaus und plante auch die Orangerie im neoklassizistischen

Stil von Berris Monumentalbau, dem heutigen Naturhistorischen

Museum an der Augustinergasse. Ein standesbewusstes Statement

und Begleitpublikation

ganze Besitz des kinderlosen Ehepaars an eine Stiftung übergehen soll.

Gärten lanciert – und scheitert erneut.

Merians vor den Toren des Stadtkantons.

3


1857–2007 1857–2007

1857

PRESTIGEOBJEKT ORANGERIE

Gärtner Zipfel betreut im Dienst von Stiftungsgründer Christoph

Merian die Orangerie in Unter Brüglingen und führt akribisch Buch:

672 Pflanzenarten sind im noch erhaltenen Inventar aufgeführt.

Orangerien mit nichteinheimischen Pflanzen sind seit dem 16. Jahrhundert

Prestigeobjekte der adligen und bürgerlichen Oberschicht.

Heute können die Räumlichkeiten für Seminare gemietet werden.

1857

ABSCHIEDSGESCHENK AN MARGARETHA

Der vermutlich an Leberkrebs erkrankte Christoph Merian erteilt

1857 dem Architekten Johann Jakob Stehlin (1826–1894) den Auftrag

für die Renovation der Villa im Stil des Second Empire – mit ‹orientalischer›

Ornamentik an der Aussenfassade, wie sie damals für Sommerhäuser

modern war und bis heute erhalten blieb. Eine Art Abschiedsgeschenk

an seine «innigst geliebte Ehegattin», wie er sie in seinem

Testament mehrfach bezeichnet.

1858

DIE GRÜNDERIN DER MERIAN GÄRTEN

1858 stirbt Stiftungsgründer Christoph Merian. Seine Witwe Margaretha

(1806–1886), eine streng religiöse Frau, überlebt ihren Mann um

fast dreissig Jahre, verwaltet den gemeinsamen Besitz und tätigt

Schenkungen an zahlreiche soziale, konservativ ausgerichtete religiöse

Institutionen. Sie verfügt, dass das Gut samt Villa als Andenken an

ihren Mann erhalten werden solle. Ihr ist der Erhalt des englischen

Gartens – heute Herzstück der Merian Gärten – zu verdanken.

19. Jahrhundert

DIE BAHN ZERSCHNEIDET DAS STAMMLAND

Schweizer Eisenbahnprojekte des 19. Jahrhunderts haben die Merians

schon zu Lebzeiten zu zahlreichen Landabtretungen an die damalige

Centralbahn verpflichtet. Die Jurabahn nach Delémont bildet ab 1875

die heutige Grenze der Merian Gärten nach Westen — im Osten verläuft

die Grenze entlang der St. Jakob-Sportanlagen, die vor dem

Zweiten Weltkrieg auf dem Stammland der Merians angelegt werden.

1886

DIE STIFTUNG TRITT IN KRAFT

Margaretha Merian-Burckhardt stirbt 1886 und wird neben ihrem

Mann in der Meriangruft in der von beiden gestifteten Elisabethen-

kirche bestattet. Die Stiftung tritt in Kraft. 11 Millionen Franken in

Form von Land und Vermögen gehen an die «liebe Vaterstadt» Basel.

Die Erträge sollen zur «Linderung der Noth» und «zur Förderung des

Wohles der Menschen» eingesetzt werden. Der Betrieb der Merian

Gärten ist heute das grösste jährliche Engagement der Stiftung.

1962

ENGAGIERTE LOBBYISTEN

Wegen des Neubaus der Unibibliothek scheint der Botanische Garten

der Universität beim Spalentor Anfang der 1960er-Jahre gefährdet.

1962 gründen engagierte Gartenfreunde deshalb den Verein der

Freunde eines neuen Botanischen Gartens und fordern Ersatz. Der

Verein ist noch heute aktiv; er unterstützt die Gartenpflege mit Bei-

trägen und bereichert das Angebot der Gärten mit eigenen Veran-

staltungen.

1968

BLÜHENDE DIVIDENDE

Der Botanische Garten beim Spalentor bleibt bestehen. Trotzdem wird

ein zweiter angelegt. 1968 stellt die CMS dafür dreizehn Hektaren –

ganz Vorder Brüglingen und die Villa Merian mit Landschaftsgarten

– zur Verfügung. Die Gründung des Gartens trennt Merians Land. Eine

Aktiengesellschaft übernimmt den Betrieb. Unter Brüglingen bleibt

landwirtschaftlich genutzt. Erst 2012 werden der Brüglingerhof und

der botanische Garten zu den Merian Gärten zusammengeführt.

1969

DIE IRIS-MUTTER

1969 vermacht die deutsche Gräfin Helen von Stein-Zeppelin (1905–

1995) ihre über den Zweiten Weltkrieg hinübergerettete Irissammlung

dem Botanischen Garten Brüglingen. Die Merian Gärten gelangen so

in den Besitz einer umfassenden Sammlung von 1 500 Sorten. Die

europaweit grösste öffentliche Sammlung historischer Bartiris wird

von Wissenschaftlerinnen und Blumenliebhabern gleichermassen geschätzt.

1972

DER IRIS-VATER

1972 beginnt die enge Zusammenarbeit mit dem Iris-Spezialisten

Milan Blažek, dem langjährigen Direktor des Botanischen Gartens von

Pruhonice in der Nähe von Prag. Zwischen Prag und Basel werden bis

heute Pflanzen ausgetauscht. Auf Blažek geht auch die Struktur der

Irissammlung in den Merian Gärten zurück, die heute mit ihren 1 500

Sorten Bartiris europaweit einzigartig ist.

1977

VON DER TERRASSENLANDSCHAFT

ZUR SWISS MINIATURE

Der Gartengestalter und Bildhauer Kurt Brägger prägt 1977 die

Neugestaltung des nördlichen Teils von Vorder Brüglingen: Auf die

nationale Gartenausstellung Grün 80 hin wird die bisher flache

Terrassenlandschaft zu einer Hügellandschaft umgestaltet, um

die Schweizer Topografie nachzubilden.

1978

ZURÜCK ZU DEN URSPRÜNGEN

1978 regt der renommierte Landschaftsarchitekt Dieter Kienast mit

Mitfinanzierung des WWF im Hinblick auf die Grün 80 ein Trocken-

biotop auf dem Hochplateau der heutigen Merian Gärten an. Auf

dem Areal soll die ursprüngliche Birslandschaft mit naturnaher

Vegetation rekonstruiert werden. Das Hochplateau besteht bis

heute – mit einheimischen Trockenpflanzen.

1978

RHODODENDREN

1978 übergeben die Gärtner des Frankfurter Lederfabrikanten und

Kunstmäzens Robert von Hirsch den Merian Gärten eine umfang-

reiche Rhododendrensammlung aus dessen Villengarten in der

Basler Engelgasse. Von Hirsch ist 1933 vor dem Naziregime nach

Basel geflüchtet und hat die Rhododendren nach seinem Tod 1977

seinen Gärtnern vermacht. Mittlerweile wachsen 300 Pflanzen im

Süden der Merian Gärten, im Rhododendrontal.

1980

GRÜN 80: RETOUR À LA NATURE

Auf Initiative der Schweizer Gärtnermeister findet 1980 die zweite

Schweizerische Ausstellung für Garten- und Landschaftsbau in Brüglingen

statt. In einer Zeit, in der Umweltschutz zum grossen Thema

wird, soll sie entfremdeten Städtern die Natur näherbringen. 3,6 Millionen

Menschen besuchen die Grün 80. Relikte sind noch heute sichtbar:

der Arzneipflanzengarten, der Wasserkanal zur Irissammlung oder

etwa das Heckenlabyrinth.

1980

DIE QUEEN

Am 1. Mai 1980 besucht Queen Elizabeth II. mit Prinzgemahl Philip

die Grün 80. Mit Bundesrat Kurt Furgler und seiner Frau speist der

illustre Tross in der Villa Merian (Spargeln und Gitzi) – und pflanzt danach

vor der Villa eine Blutbuche. 80 000 Besucherinnen und Besucher

winken dem hohen Gast begeistert zu. Die Queen, eine passionierte

Gartenliebhaberin, soll «very amused» gewesen sein.

1984

DIE STADTGÄRTNEREI ZIEHT EIN

1984 bezieht die Stadtgärtnerei Basel die umgebauten Ökonomie-

und Logistikgebäude sowie die neu errichteten Gewächshäuser in

Unter Brüglingen und kultiviert dort Pflanzen, die nach der Aufzucht

die Strassen und Rabatten der Stadt verschönern.

1984

KUNST UND NATUR

1984, vier Jahre nach der Skulpturenausstellung im Wenkenpark, er-

öffnet der Basler Kunsthändler Ernst Beyeler (1921–2010) zusammen

mit Reinhold Hohl und Marcel Schwander die zweite Ausstellung mit

Skulpturen des 20. Jahrhunderts im ‹Merian Park›, wie er damals noch

hiess. Markus Raetz’ ‹Kopf›, Enzo Cucchis an Schneckenfühler erinnernde

Antennen und zahlreiche andere Kunstwerke sind noch heute

in den Merian Gärten zu sehen.

1992

WIESE VON NATIONALER BEDEUTUNG

Seit 1992 erhalten die Merian Gärten vom Kanton Basel-Landschaft

finanzielle Beiträge für die sorgfältige Bewirtschaftung einer ihrer

artenreichen Wiesen auf Münchensteiner Boden, auf dem Hochpla-

teau. Wenig später wird die Wiese vom Bundesamt für Umwelt ins

Inventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung

(TWW) aufgenommen. Das 2,6 Hektar grosse ‹TWW-Objekt 124› steht

seither unter Naturschutz.

1994

KLASSENZIMMER IM FREIEN

Das Pächterehepaar Serge und Marie-Rose Morel bewirtschaftet

den Brüglingerhof bis 2012. Dann wird der Hof in die Merian Gärten

integriert. Auf ihre Initiative hin wird ab 1994 das Programm ‹Schule

& Landwirtschaft› angeboten. Bis heute nehmen jedes Jahr dreissig

Schulklassen am Programm teil. Die Christoph Merian Stiftung

erreicht damit rund sechzig Prozent der dritten Primarschulklassen

im Kanton Basel-Stadt.

1995

EINE TECHNISCHE SENSATION

Seit 1995 ziehen die Merian Gärten ihre Jungpflanzen im neuen Folienhaus

auf. Die dreilagige Hightech-Folie ist durchlässig für UV-Strahlen,

schafft ideale Bedingungen für Jungpflanzen und ist erst noch

selbstreinigend – damals eine Sensation. In den alten Gewächshäusern

überwintern heute die Kübelpflanzen. Sie müssen im Herbst nicht

mehr wie früher mühsam in den Keller des Pächterhauses und im

Frühling wieder herausgeschleppt werden.

1999–2004

ZÖLLNER MIT HERZ

1999, 2002 und 2004 übergibt die Eidgenössische Zollverwaltung den

Merian Gärten insgesamt 362 000 illegal importierte, geschützte

Schneeglöckchen-Zwiebeln. Beschlagnahmte Pflanzen, die gemäss

Artenschutzabkommen nur erschwert importiert werden dürfen. Sie

zu vernichten bringen die Zöllner nicht übers Herz. Jetzt blühen die

Pflänzchen im Winter verstreut in den Gärten – getrennt von der

überwachten und dokumentierten Schneeglöckchensammlung.

2006

ROSEN FÜR ANNE FRANK

Im Frühjahr 2006 kontaktiert der Basler Buddy Elias, ein Cousin

des Holocaust-Opfers Anne Frank, die Merian Gärten. Und bittet sie,

die letzten noch in Japan existierenden Exemplare der nach seiner

Cousine benannten Rose aufzunehmen. Seither blüht die lachsfarbene

Rose beim Bauerngarten und erinnert an das Mädchen, zu dessen

Gedenken 1963 in Basel auch der Anne Frank Fonds gegründet wurde.

2006

ELEKTRISCH MOBIL

Mit einem wendigen Elektromobil erreichen die Gärtnerinnen und

Gärtner die abgelegensten Ecken. Mitfinanziert hat es Michaela Geiger,

die ehemalige Präsidentin der Freunde des Botanischen Gartens. Der

Naturliebhaberin liegen die Gärten sehr am Herzen. Nach ihrem Tod

2014 vermacht sie den Merian Gärten den Fonds Pamina.

2006

MASTERPLAN FÜR DEN NEUSTART

Der Brüglingerhof mit seinen nur noch vier Hektaren Gemüseanbau

kann nicht mehr kostendeckend bewirtschaftet werden. Zusammen

mit der damaligen Merian Park AG nimmt die Christoph Merian

Stiftung 2006 einen Masterplan für einen Neustart und eine Neu-

positionierung des Merianschen Stammlands in Angriff. 2012 werden

der Brüglingerhof und der Merian Park zu den Merian Gärten vereint.

2007

ZERSTÖRERISCHE FALTER

2007 taucht der Buchsbaumzünsler erstmals in der Region auf und

befällt auch die Buchssträucher in Brüglingen. Eingeschleppt wurde

der Falter, dessen Raupen ganze Bäume kahlfressen, vermutlich über

Pflanzenimporte aus Ostasien. Die Gärtnerinnen und Gärtner müssen

Sträucher vernichten und behandeln die gesunden heute aufwendig

mit einer biologischen Bakterienmischung, die die Raupen tötet.

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2011 – 2016

2018

2011

FINSTERE GESELLEN

2011

VERY BRITISH: SCHNEEGLÖCKCHEN

2012

ERSTER GARTEN MIT BIO-LABEL

DIE MERIAN GÄRTEN –

EIN GESAMTKUNSTWERK

2011 werden an einzelnen, weit über hundert Jahre alten Blutbuchen

Die systematische Schneeglöckchensammlung verdanken die Merian

2012 wird der damalige Merian Park zertifiziert und erhält das

im Landschaftsgarten Lackporlinge, Brandkrustenpilze und andere

Gärten der Britin Ingrid Dingwall aus Nuglar/SO. Sie vermacht ihnen

Knospe-Label von Bio Suisse, das der Dachverband von 32 Organi-

finstere Gesellen entdeckt: heimische Pilze, die alte und schwache

schrittweise seit 2011 über sechzig Sorten. Die Merian Gärten ergänzen

sationen für ökologisch bewirtschaftete Land- und Landwirtschafts-

Bäume befallen. Die kranken Bäume werden gefällt und durch junge

und dokumentieren sie. Zusammen mit Iris, Fuchsien, Clematis, Rho-

flächen in der Schweiz nach strengen Kriterien vergibt. Der Merian

ersetzt. Heute stehen noch drei der alten Blutbuchen im englischen

dodendren, Pfingstrosen und Efeu sind Schneeglöckchen heute der

Park ist damit europaweit der erste botanische Garten, der durch-

Garten.

siebte Sammlungsschwerpunkt der Gärten.

wegs biologisch bewirtschaftet wird. Der Brüglingerhof wird schon

seit 1992 biologisch bewirtschaftet.

BH Die Merian Gärten auf dem ehemaligen

mannstreu, die Bienen-Ragwurz oder die Aufrechte Trespe. Am GEO-Tag der Natur

Landwirtschaftsgebiet von Stiftungsgründer

Christoph Merian sind seit ihrer Gründung

im Jahr 1968 ein botanischer Garten. Sie sind Erholungsraum,

setzen sich für Naturschutz

ein, engagieren sich in der Naturbildung,

2017 haben Expertinnen und Experten innerhalb von 24 Stunden 1349 verschiedene

Tier-, Pflanzen-, Flechten- und Pilzarten gefunden. Nur was man kennt, kann man

auch schützen. Mit systematischen Pflegeplänen setzen sich die Merian Gärten

dafür ein, dass die Lebensräume für die einheimische Flora und Fauna erhalten

bleiben. Die Merian Gärten werden seit 2010 konsequent biologisch bewirtschaftet

– als erster botanischer Garten der Schweiz.

Mit ihrem Vermittlungsangebot fördern die Merian Gärten die differenzierte

Wahrnehmung der naturnahen Lebenswelt. Führungen, Schulprogramme und

2012

AUS ZWEI MACH EINS

Nach der Bio-Zertifizierung des Merian Parks ist der Weg frei für die

Fusion mit dem Brüglingerhof zu den heutigen Merian Gärten.

2012

BETÖRENDER DUFT

2012 wird der Bauern- und Zierpflanzengarten neu angelegt und nach

historischen Vorbildern umgestaltet. Im Bauerngarten in Unter Brüglingen

blühen auch Garten-Reseden (Reseda odorata) – einjährige

Pflanzen, die schon zu Zeiten der Merians en vogue waren. Margaretha

Merian-Burckhardt soll, so heisst es, frische Stängel von Reseden

2012

PRO SPECIE RARA

2012 zieht diese 1982 gegründete Schweizer Stiftung, die sich zum Ziel

gesetzt hat, gefährdete Nutztierrassen und Kulturpflanzen vor dem

Aussterben zu bewahren, in die Merian Gärten ein. Sie hat seither

ihren Hauptsitz gleich unterhalb der Villa Merian. Bis dahin war Pro

Specie Rara in einem Aarauer Wohnquartier untergebracht.

sind international vernetzt und arbeiten nach

systematischen und wissenschaftlichen Richtlinien.

Verschiedene Pflanzensammlungen

und renommierte Landschaftsarchitekten

haben die Gärten geprägt.

Erlebniswochen finden draussen statt, bei jedem Wetter und in allen Jahreszeiten.

Sie geben Einblick in die Besonderheiten der Merian Gärten, in ihre Geschichte,

Pflanzensammlungen, Gartenanlagen und Lebensräume für Fauna und Flora. Bei

den Schulprogrammen stehen die Erlebnisse in der Natur und die Sensibilisierung

für Naturwerte im Vordergrund. Mit der Stärkung der Naturbeziehung fördern

die Merian Gärten die Achtung vor der Natur und leisten damit einen Beitrag zum

Erhalt unserer natürlichen Ressourcen.

Als botanischer Garten sind die Merian Gärten Mitglied im Weltverband der

wegen ihres betörenden Dufts zwischen ihre Wäsche gelegt haben.

Botanischen Gärten BGCI, einem Netzwerk von über 500 Gärten in mehr als hundert

Ländern. Die Merian Gärten orientieren sich bei ihrer täglichen Arbeit an den

Für die breite Öffentlichkeit sind die Merian Gärten heute vor allem ein wichtiger

internationalen Richtlinien und stehen im Austausch mit Partnerorganisationen.

städtischer Erholungsraum. Sie sind aber mehr als nur öffentliches Grün. Auf dem

In der Hortikultur, dem Gartenbau, ist Sortenvielfalt das Spezialgebiet der

Areal mit seiner Kulturlandschaft, den historischen Gebäuden, den Garten- und

Merian Gärten. Rückgrat sind die Zierpflanzensammlungen von zum Teil inter-

Parkanlagen, den Skulpturen und Pflanzensammlungen ist auch die Entwicklungs-

nationaler Bedeutung. So ist die Irissammlung der Merian Gärten mit rund 1500

geschichte von der wilden Flusslandschaft bis hin zum botanischen Garten und zur

Sorten historischer Bartiris in Europa die grösste öffentlich zugängliche Sammlung

Grün 80 abzulesen. Hier überlagern sich Zeitschichten aus verschiedenen Epochen.

ihrer Art. Die Sammlungen werden systematisch erhalten und weiterentwickelt,

So sind die Merian Gärten heute nicht nur Sehnsuchtsort für Menschen, die sich

was eine hohe Fachkenntnis des Gärtnerteams erfordert.

vom hektischen Alltag erholen wollen. Sie sind auch Erinnerungsort und Kulturraum.

In den Nutzgärten liegt der Fokus auf Pro-Specie-Rara-Sorten, also auf alten

Gleichzeitig sind die Merian Gärten auch ein Ort der Zukunft. Das Umfeld

und erhaltenswerten Gemüse-, Beeren- und Obstsorten. Dank der Anerkennung

verändert sich laufend, und mit ihm die Gärten. Die Landschaft, die Gartenstruk-

der Merian Gärten als wissenschaftliche Einrichtung durch das Bundesamt für

tur, die Gäste, die Geräusche, die Nutzung und die Vegetation sind anders als

Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen ist es auch möglich, weltweit mit

2012

GANZ BESONDERE SCHAFE

Mit dem Einzug von Pro Specie Rara stellen die Merian Gärten bei ihren

Nutztieren auf alte Rassen um, unter anderem auf die zähen ‹Bündner

2012

EIN GANZ BESONDERES HAUS

2012 baut die CMS das Lehmhaus – ganz aus Holz und Lehm und entwor-

fen vom Basler Büro Barcelo Baumann Architekten. Damit schliesst

2013

DAS ENDE EINER ILLUSION

Die Stadt wächst und umzingelt das ehemals idyllische Stammland

der Merians. 2013 bricht der Neubau der Hochschule für Gestaltung

früher und werden morgen anders sein als heute.

Rund vierzig Prozent der Fläche der Merian Gärten stehen unter Naturschutz.

Sie sind damit auch ein wichtiger Lebensraum für wilde Tiere und Pflanzen. Fuchs,

Dachs und Biber sind hier zu Hause, Nashorn- und Hirschkäfer, aber auch der Feld-

anderen botanischen Gärten Samen und Pflanzen zu tauschen.

Die Merian Gärten sind ein lebendes Gesamtkunstwerk mit vielfältigen

gesellschaftlichen Aufgaben. Sie sind das grösste Einzelengagement der Christoph

Merian Stiftung.

Oberländer›-Schafe. Die kleinen, vitalen und robusten Tiere pflegen

sie die Neugestaltung des Areals in Unter Brüglingen rund um den

und Kunst HGK von Morger & Dettli endgültig die Illusion, in den

die Weiden der Merian Gärten. Besucherinnen und Besucher können

Brüglingerhof ab. Das prägnante Gebäude ist das Zentrum der Natur-

Merian Gärten sei die Zeit vielleicht doch ein bisschen stehengeblieben.

die Schafe bei einem Spaziergang beobachten.

bildung der Merian Gärten. Es kann, wie viele andere Einrichtungen

Hinter der Villa und der Baumkulisse des englischen Gartens ragt die

der Gärten auch, samt Vorplatz für private Anlässe gemietet werden.

mächtige Silhouette des HGK-Hochhauses empor.

Die historischen Informationen stützen sich auf die Publikation

‹Kapital und Moral – Christoph Merian – Eine Biografie› von Robert

Labhardt, Christoph Merian Verlag, Basel 2011.

2016

WO DIE MERIANS EINST SASSEN

2016

WILLKOMMENE ABWECHSLUNG

2016

DER BIENENKÖNIG

2017

SIE SIND WIEDER DA!

2017

KLIMAWANDEL

2016 rekonstruieren die Merian Gärten im Landschaftsgarten aus dem

Seit 2016 arbeiten Asylsuchende, die im Empfangszentrum auf dem

Imker René Blanchart, langjähriger Pächter der Bienenstöcke, betreut

Angenagte Bäume und abgebissene Äste: ein untrügliches Zeichen

Am GEO-Tag der Natur 2017 dokumentieren Tier- und Pflanzen-

19. Jahrhundert bei der Villa Merian nach alten Plänen einen Sitzplatz.

Bässlergut auf einen Verfahrensentscheid warten, in den Merian Gärten.

mit viel Herzblut seit der Grün 80 die Bienenhäuser auf dem Areal des

dafür, dass Biber am Werk sind. Und tatsächlich sind sie seit einigen

kenner in den Merian Gärten zahlreiche Arten von bis anhin hier

Und tatsächlich stossen die Gärtner bei den Vorbereitungsarbeiten

Im vom Bund unterstützten Beschäftigungsprogramm helfen sie bei

Trockenbiotops. Mit über achtzig Jahren hört er 2016 auf. Weil die

Jahren wieder in den Merian Gärten heimisch. Im Januar 2017 knipst

nicht heimischen Heuschrecken, Schaben, Spinnen und Käfern.

auf alte Spuren. Was die Merians dort wohl alles besprochen haben?

der Gartenpflege mit. Die Arbeit ist freiwillig, bei Asylsuchenden sehr

Bienen der Merian Gärten doppelt so viel Honig sammeln wie anders-

die Nachtkamera am Dalbediich gleich zwei wohlgenährte Exemplare,

Auch von Pflanzen, die sonst nur in südlicheren Gefilden wachsen.

Wir wissen es nicht. Über ihr Alltagsleben ist nichts überliefert.

beliebt und wird auch entschädigt. Eine willkommene Abwechslung

wo, gehen bei der Stiftung zahlreiche Bewerbungen ein. Die Merian

die sich vergnügt im Wasser tummeln und Kleinholz sammeln.

Die Fachleute sind sich einig, dass eine der Ursachen für die neuen

zwischen Warten, Hoffen und Bangen.

Gärten pflegen und betreuen die Bienen heute in Eigenregie.

Gäste in den Merian Gärten der Klimawandel ist.

6 7


1 Tag in den Merian Gärten

1 Tag in den Merian Gärten

Gärtnerhände

3.15 Uhr

Am Mühleteich, gleich unterhalb der Mühle, bewegt sich was! Die

Nachtsichtkamera reagiert und schiesst fünf Fotos pro Sekunde. Was

sie aufnimmt, ist eine kleine Sensation: Ein Biber nagt an einem

Baumstamm. Dass sich die Nager schon länger in den Merian Gärten

rumtreiben, war zwar bekannt. Vor die Linse bekommt man sie aber

selten. Das Foto wird später auf der Website der Gärten publiziert.

4.30 Uhr

Es ist still in den Merian Gärten. Im hellen Mondlicht leuchten die

zartvioletten Blüten der Mondviole am Teichuferweg unterhalb der

Berrischeune. Die Silberblattpflanze verströmt ihren wunderbaren

Duft nur in der Nacht. Tagsüber ist sie geizig und duftet kaum.

6.30 Uhr

Die Hähne krähen in Unter Brüglingen. Landwirtin Denise Marty

verpackt Bruteier in Schachteln. Der Zivildienstleistende holt sie ab

und fährt sie mit den Brutapparaten in verschiedene Basler Primarschulhäuser

in Basel und Riehen. Dort werden Kinder in den nächsten

drei Wochen die Eier beobachten und die Küken schlüpfen sehen. Später

kommen die Küken zur Aufzucht zurück in die Merian Gärten.

7 Uhr

Das Gärtnerteam organisiert den Tag. Die Stadtgärtnerei liefert neuen

Kompost und Hunderte von Setzlingen, die noch am selben Tag in den

Bauerngarten gepflanzt werden müssen. Die Trockenwiese auf dem

Hochplateau muss geschnitten werden und die in den Gärten arbeitenden

Asylsuchenden werden die Wege rund um die Buchshecken

jäten. Die freiwilligen Helferinnen machen eine Weiterbildung in

biologischer Schädlingsbekämpfung.

7.15 Uhr

Gärtnerin Sabine Roth entdeckt die erste Rhododendronblüte, vielleicht

eine ganz besondere: Vor sechzehn Jahren haben die Gärten für

ihre Sammlung Samen vom Rhododendronpark in Bremen erhalten.

Um sicherzugehen, dass es die Sorte Rhododendron makinoi ist,

schneidet sie die Blüte ab und untersucht sie unter dem Mikroskop.

Und ja: Es ist eine ‹Bremerin›! Die Nachbestimmung wird in der

Pflanzendatenbank registriert.

7.20 Uhr

Gärtnerin Regula Strübin inspiziert die acht Sorten Radiesli im Gemüsegarten.

Sie sind jetzt dick genug, um sie nächste Woche am Marktstand

beim Brüglingerhof zu verkaufen. Frische Spargeln, Rhabarber

und Schnittzwiebeln werden an das Restaurant in der Villa Merian

abgegeben – alles bio, wie alle Gemüse und Früchte der Gärten. Regula

Strübin erstellt die Verkaufslisten und organisiert den Vertrieb und

den Marktstand um 10 Uhr.

7.30 Uhr

Hektik im Lehmhaus: Eine Klasse aus dem Voltaschulhaus ist schon

auf dem Weg in die Gärten. Sabine Richli vom Vermittlungsteam

ordnet das Arbeitsmaterial, stellt Schaufeln, Harken, Giesskannen,

Becherlupen, Schubkarren und Pflug bereit, dazu Saatkartoffeln und

Kürbis-Setzlinge. Wie fast jeden Tag durchs ganze Jahr hindurch

besucht auch heute eine Basler Primarschulklasse den Kurs ‹Schule &

Landwirtschaft›.

8.15 Uhr

Ein aufgeregter älterer Herr meldet sich bei Veranstaltungskoordinator

Thomas Füglistaller am Empfang im Pächterhaus in Vorder Brüglingen.

Auf seinem Morgenspaziergang im Trockenbiotop hat er beim Apfelbaum

einen Bienenschwarm entdeckt. Das kommt in dieser Jahreszeit

häufig vor. Thomas Füglistaller informiert Imkerin Sabine Richli

– doch sie ist vorerst mit der Schulklasse beschäftigt. Die Bienen müssen

warten.

8.30 Uhr

Reges Treiben im Gewächshaus. Mit Traktor und Schubkarren zügeln

Gärtner Bernhard Eckert und Gartenmitarbeiter Bruno Schneider

Hunderte von Töpfen mit Wandelrösli, Tomatenbäumen, Schönmalven,

Fuchsien und Hammersträuchern wieder nach draussen, wo sie den

Sommer über die Gärten verschönern. In den kalten Monaten haben

die Pflanzen im Gewächshaus überwintert. Das leergeräumte Glashaus

wird demnächst für Hochzeiten vermietet.

9 Uhr

Gekicher und Geschnatter auf dem Acker beim Brüglingerhof. Die

Primarschüler des Voltaschulhauses haben Schaufeln und Harken in

der Hand und betrachten durch Lupen Tiere im Erdreich – von denen

die meisten Stadtkinder gar nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt.

Sie lassen sich vor den Pflug spannen und legen Kartoffeln in die

Furchen: zuerst die gelben ‹Ditta›, dann die blauen ‹St. Galler›.

9.15 Uhr

Markus Bodmer, Präsident des Vereins Freunde des Botanischen

Gartens Brüglingen, kommt in die Geschäftsstelle und trifft sich im

Pächterhaus mit Bettina Hamel, der Leiterin der Merian Gärten. Sie

besprechen die bevorstehende Generalversammlung des Vereins,

die Zusammenarbeit mit den freiwilligen Helferinnen und Helfern und

das grosse Fest zum 50-Jahr-Jubiläum der Gärten am 2. und 3. Juni

2018.

10 Uhr

Markttag auf dem Brüglingerhof. Die Schülerinnen und Schüler der

Schule für Brückenangebote, die in der Villa Merian zur Schule gehen,

haben alle Hände voll zu tun. Sie betreuen den Marktstand und präsentieren

die erntefrischen Krautstiele, Frühlingszwiebeln und Gurken.

Um 10 Uhr kommen die ersten Käuferinnen und Käufer. Eine Frau fragt

nach Radiesli. Die sind noch nicht so weit. Aber nächste Woche: ganz

bestimmt!

Treiben im Gewächshaus? Schubkarren etc?

10.30 Uhr

Alarm. Die Hauptwasserleitung unterhalb der Villa Merian, eine achtzig

Jahre alte Gusseisenleitung, ist gebrochen. Der Keller der Mühle

steht knöchelhoch unter Wasser. Alle Gebäude in Unter Brüglingen

samt Café Merian müssen vorerst ohne Wasser auskommen. Betriebsleiter

Laurent Dischler bietet Handwerker auf. Mit Bagger und Presslufthammer

wird die Leitung freigelegt und repariert. Kurze Zeit später

ist der Schaden behoben.

13 Uhr

Der Weideplatz der ‹Bündner Oberländer›-Schafe ist abgegrast. Landwirtin

Denise Marty bugsiert die Tiere zusammen mit Mitarbeiterin

Michelle Löliger in den mobilen Stallwagen, bricht den alten Zaun ab

und baut ihn um ein neues, saftiges Wiesenstück herum wieder auf.

Die Tiere werden rausgelassen und stürzen sich auf das schmackhafte

Menu: kein mäh-mäh mehr, sondern ritsch-ratsch, genüssliches

Kauen und aufgeregt wackelnde Schwänzchen.

13.30 Uhr

Imkerin Sabine Richli hat die Schulklasse verabschiedet und kümmert

sich um den Bienenschwarm im Trockenbiotop. Sie klopft das Volk in

eine Schwarmfangkiste und stellt diese unter den Apfelbaum. Ein Loch

bleibt offen, damit auch Nachzüglerinnen zur Bienenkönigin finden.

Der Schwarm hat sich vermutlich von einem Bienenvolk getrennt und

ist einer neuen Jungkönigin gefolgt.

14 Uhr

Historiker und Merian-Biograf Robert Labhardt beginnt in Vorder

Brüglingen eine öffentliche Führung. Er erläutert die Geschichte der

Merian Gärten und des Stifter-Ehepaars, das der Stadt Basel im

19. Jahrhundert sein immenses Vermögen samt den heutigen Gärten

vermacht hat. Wie haben die Merians gelebt und gewirtschaftet, und

weshalb diese Schenkung? Wer teilnimmt, erfährt auch viel über die

Geschichte der Stadt Basel.

14.30 Uhr

Beim Mähen auf dem Hochplateau entdeckt Gartenmitarbeiter Marco

Fredrich einen Hirschkäfer, der sich aus dem Boden gräbt. Nach sieben

Jahren im dunklen Erdreich als Larve und erfolgreicher Verpuppung

hat der Käfer es endlich geschafft. Die seltenen und geschützten Tiere

fühlen sich auf den alten Eichen in den Merian Gärten besonders wohl.

Fredrich wird seine Entdeckung später in die Beobachtungsliste der

Gärten eintragen.

15 Uhr

Lisa Eggenschwiler, Leiterin Grundlagen Natur & Gartenkultur, hat

Besuch vom Bio-Kontrolleur. Er prüft anhand der Dünger- und Pflanzenschutzaufzeichnungen,

ob die Bio-Richtlinien eingehalten werden,

ob die Hühner genug Auslauf haben und woher das Futter stammt.

Anschliessend gibt er Tipps, welche Massnahmen zur Biodiversitätsförderung

umgesetzt werden könnten. Der Kontrolleur ist sehr zufrieden:

Alles bestens!

15.30 Uhr

Sammlungsbetreuerin Barbara Wüthrich vergleicht Blüten- und Blattmerkmale

der Irispflanzen mit Informationen aus der Fachliteratur.

Die europaweit einzigartige Bartirissammlung wird von den Merian

Gärten wissenschaftlich betreut. Mit Gärtner Christian Loosli bespricht

sie, welche Sorten gemäss der Sammlungsstrategie ergänzt

werden könnten.

16 Uhr

Regula Merz und Thomas Füglistaller von der Geschäftsstelle organisieren

die bevorstehenden Sonntagsmatineen im Juni – die Flyer sind

bereits fertig. Bei einer der vier Hochzeiten im Gewächshaus und im

Holzsaal müssen mit dem Brautpaar noch letzte Details besprochen

werden. Für zwei der neun Führungen müssen noch Guides verpflichtet

werden. Und für die drei Vorträge im Lehmhaus muss die benötige

Infrastruktur noch bereitgestellt werden.

17 Uhr

Denise Marty beginnt ihre allabendliche Stallrunde. Sie streut den

Hühnern Körner ein, holt Eier aus den Legenestern und wägt sie ab für

den Verkauf am nächsten Tag. Und siehe da: Nachwuchs! Eine Glucke

hat neun Küken ausgebrütet. Nicht nur das: Ein Kaninchen hat sechs

Junge zur Welt gebracht. Bei den Schafen: kein Nachwuchs, aber alle

zufrieden.

18.30 Uhr

Der Kurs ‹Faszinierende Baumwelt› der Volkshochschule beider Basel

VHS beginnt im Lehmhaus – der erste von vier Vorträgen, die den

Kursbesucherinnen und -besuchern umfassendes Wissen über eines

der grössten und ältesten Lebewesen auf unserem Planeten vermitteln:

Botanik, Aktuelles aus der Werkstofflehre, Naturheilkunde

sowie Bezüge zu Religion, Geschichte und Literatur.

20 Uhr

Jetzt sind auch die letzten Bienen in die Schwarmfangkiste geschlüpft.

Imkerin Sabine Richli schliesst den Schieber und bringt die Kiste in den

kühlen, dunklen Rüstraum. Dort bleiben die Bienen drei Tage lang und

haben Zeit, sich im neuen Volk zu organisieren, bis sie in das Bienenhaus

im Trockenbiotop umziehen werden.

22 Uhr

Hauswart Philip Glatthaar macht einen letzten Rundgang. Der Volkshochschulkurs

ist zu Ende, die letzten Besucher haben die Gärten

verlassen. Auf einer Bank schmust ein Pärchen. Sie kichern verlegen

und spazieren eng umschlungen zur Tramstation St. Jakob. Glatthaar

schliesst die Tore und überlässt die Merian Gärten den Tieren, Pflanzen,

dem Mondlicht und der Stille. Bald wird die Mondviole wieder

betörend duften.

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2018 A

2018 A

Sie waren also vollkommen frei?

ÜBERSICHTLICHER, SINNLICHER

UND EIN NEUES ZENTRUM:

VORDER BRÜGLINGEN WIRD UMGESTALTET

scy Das Basler Büro Fontana Landschaftsarchi-

tektur hat den Studienauftrag für die Weiterent-

wicklung von Vorder Brüglingen, des nördlichen

Teils der Merian Gärten, gewonnen. Damit

macht sich die CMS nach der Neugestaltung des

Areals rund um den Brüglingerhof und dem

gartendenkmalpflegerischen Konzept für den

englischen Garten bei der Villa Merian an die

Neukonzeption des letzten und dritten Teils

Wir bekamen klare Vorgaben, was die Ökologie,

den Naturschutz und die Erhaltung der Pflanzenvielfalt

sowie die Sammlungen anbetraf. In

Bezug auf die künftige Identität von Vorder

Brüglingen und den Umgang mit den Relikten

der Grün 80 waren wir weitgehend frei, ja. Die

fünf ausgewählten Projektteams durften eigene

kreative Antworten auf die vielen offenen Fragen

finden und Vorschläge machen. Gerade das war

für uns ausnehmend spannend.

Sie haben den Zuschlag

erhalten. Offenbar trifft Ihr

Unternehmen den zeitgenössischen

Geschmack?

Es geht hier nicht um die Frage des Geschmacks,

sondern vielmehr um die Frage, wie man an eine

solche Aufgabe herangeht. Wir setzen uns immer

intensiv mit dem jeweiligen Ort auseinander.

Entwickeln unsere Konzepte aus dem Kontext

heraus und versuchen, mit möglichst wenigen

Mitteln spezifische und atmosphärische Räume

zu schaffen.

Was war für Sie die kniffligste

Aufgabe?

Wenn man vom Stadion St. Jakob her in die Merian

Gärten hineinspaziert, steht man schnell

beim ehemaligen Kutschenmuseum. Und wenn

man dort steht, ist man gedanklich eigentlich

schon bei der Villa Merian weiter südlich. Der

nördliche Teil, Vorder Brüglingen, ist heute eine

Art blinder Fleck. Was links und rechts und hinter

einem ist, nimmt man gar nicht richtig wahr. Das

muss man schon sehr aktiv aufsuchen, das er-

Nehmen Sie uns doch einmal

mit auf einen virtuellen

Rundgang durch Ihr Konzept.

Stellen wir uns vor: Ich spaziere

als künftige Besucherin

von St. Jakob her in die Merian

Gärten. Was erwartet mich?

Alle Zugänge zu den Merian Gärten sind heute

schwer auffindbar und wenig attraktiv. Wir

haben deshalb alle Zugänge, basierend auf den

lokalen Besonderheiten, neu gestaltet. Also: Von

St. Jakob her kommt man über eine umgestaltete

Brücke über den Dalbediich auf den neuen

Uferplatz – jenen Ankunftsort, der wahrscheinlich

auch künftig am meisten benutzt wird. Dort

Und wie geht’s vom Uferplatz

weiter?

Vom Uferplatz aus kommen Sie direkt auf den sogenannten

Rundweg, der zentral ist in unserem

Konzept. Der Rundweg erschliesst alle Räume

von Vorder Brüglingen übersichtlich und einfach.

Auf dem Rundweg können Sie weiter raufspazieren

zum neuen Zentrum mit der Berrischeune.

Auf dem Weg dahin liegt rechts der Baumpark

mit neuen, einheimischen Baumgruppen. Die

bestehenden Wege werden zugunsten einer bewegten

Topografie zurückgebaut. Links ist neu

die Pfingstrosensammlung – also sichtbar und

nicht mehr versteckt. Da können Sie über Nebenwege

mitten hineingehen, auch in den Bauerngarten.

Vom Rundweg zweigen zahlreiche

Nebenwege ab, die aber immer wieder zum

Rundweg zurückführen. So können Sie mit viel

besserer Orientierung ganz Vorder Brüglingen

erkunden.

Könnte man sagen,

dass nach Ihrem Konzept

die Sammlungen mehr

‹ausgestellt› werden? In den

Rabatten und in den

begehbaren Sammlungen?

Wir wollen eben gerade weg vom ‹Ausstellen› –

hin zur Ermöglichung eines neuen Raumerlebnisses.

Die Besucherinnen und Besucher sollen

quasi Teil der Pflanzensammlungen werden.

Ein anderes Beispiel: der Wald im westlichen Teil.

Der grenzt heute das Areal zum Dreispitz ab.

Heute ist das bloss Kulisse, Abgrenzung zum

‹Bühnenraum› Vorder Brüglingen. Durch unsere

Hatten Sie Vorbilder für Ihr

Konzept?

Ja und nein. Antoni Gaudí, der katalanische

Architekt, sagte einmal: «Nature is my master»

(die Natur ist mein Lehrmeister). Auch wir gestalten

Orte aus dem ästhetischen, räumlichen

und ökologischen Verständnis der Landschaft

heraus.

Wie wird das neue Zentrum

von Vorder Brüglingen aussehen,

wenn ich an der Pfingstrosensammlung

vorbeispaziert bin?

Vor dem ehemaligen Kutschenmuseum soll es

neu den sogenannten Lindenplatz geben, mit

Kies, wie auf dem Münsterplatz. Es soll eine

Art ‹Baumhalle› werden, ein Aufenthaltsort mit

grosser Verweilqualität. Auf dem Lindenplatz

sind Sie dann mitten im Zentrum, können im

neuen Restaurant im ehemaligen Kutschenmuseum

etwas essen oder trinken, mit Freunden

plaudern, vielleicht in einem Shop etwas kaufen

oder sich in einem Servicezentrum zusätzliche

Informationen holen. Von diesem Zentrum aus

können Sie in alle Richtungen auf Entdeckungsreise

gehen durch ganz Vorder Brüglingen. Auf

dem Rundweg in kürzerer Zeit – oder auf den

vielen Nebenwegen.

Wie sehen die anderen

Zugänge aus?

Vom Dreispitz her soll eine neue Brücke erstellt

werden, wie es sie auch zu Zeiten Christoph Merians

gab. Von dort aus kommt man zur Hangkante,

wird neu auf einer Zickzack-Treppe mitten

durch die Wiese geführt und kann so die mar-

ihrer Merian Gärten. Vorder Brüglingen mit dem

schliesst sich einem nicht direkt. Das war für uns

die erste Erkenntnis: Hier müssen wir ansetzen

haben wir einen mineralischen Belag vorgesehen,

bei dem man das Gefühl haben soll, als sei man

neuen Wege kann man neu mitten in die Böschung

hinein. Oder die Clematissammlung: Das

kante Topografie hautnah erleben.

Der Eingang Walkeweg wird mit der Entwicklung

Ensemble Berrischeune, dem ehemaligen

Kutschenmuseum und den Relikten der Grün 80

mit dem Ziel, Vorder Brüglingen als integralen

Raum für möglichst viele Menschen erlebbar zu

machen.

in einer Art ursprünglicher Flussaue – mit grösseren

Steinen, auf die Sie sich setzen und zum

Beispiel auf jemanden warten können.

sind heute einzelne Gerüste. Die Clematis betten

wir in Haine ein, damit Besucher sie im natürlichen

Kontext erleben können.

der Nordspitze des Dreispitz an Bedeutung gewinnen.

Von dort aus geht’s neu über einen Steg

durch den Wald hinunter zum Rundgang.

soll aufgewertet, landschaftlich umgestaltet

und neu das Zentrum der Merian Gärten mit

Gastronomie werden. Wie das aussehen könnte,

erläutert Wettbewerbsgewinner Massimo

Fontana im Interview mit RADAR.

RADAR: Massimo Fontana,

was sind die heutigen Merian

Gärten für Sie eigentlich:

ein Garten? Ein Park? Ist das

Stadt oder Land? Ein Erinnerungsort?

Ein Vergnügungs-

park? Ein botanischer Garten,

Was war für Sie die wichtigste

Auflage der Stiftung?

Aus dem ehemaligen Kutschenmuseum und dem

Gebiet drum herum das neue Zentrum der Merian

Gärten zu schaffen und dem Ort eine neue,

eigene Identität zu geben, die im Dialog zu den

angrenzenden Teilen steht.

ein Pflanzenmuseum oder

gar eine Art Ballenberg mit

Bauernhöfen ohne Bauern?

Massimo Fontana: Diese Fragen waren für uns

sehr wichtig. Wir haben zuerst einmal einen Blick

weit zurückgeworfen. Das ganze Gebiet ist ja Teil

der Birslandschaft. Nach der Eiszeit haben sich

verschiedene Schotterterrassen herausgebildet.

Auf der oberen liegt heute die Stadt, auf der un-

Welche Identität?

Wir gehen davon aus, dass die Merian Gärten inklusive

Vorder Brüglingen vor allem ein Erholungsraum

für die städtische Basler Bevölkerung

sein und bleiben sollen, samt den international

bedeutenden Pflanzensammlungen. Deshalb

war uns vor allem eine bessere Erschliessung

wichtig.

tersten fliesst heute noch die Birs, und Vorder

Brüglingen liegt auf der Terrasse dazwischen.

Nach dem Rückzug des Wassers kam die

Vegetation, dann hat der Mensch die Landschaft

bearbeitet und das fruchtbare Gebiet bewirt-

Gab es Vorgaben, wie Sie mit

dem historischen Erbe der

jüngsten Zeit, den Relikten der

schaftet – bis hin zur landwirtschaftlichen Nutzung

des Gebiets durch die Merians. Der nächste

grosse gartenhistorische Sprung war dann die

Errichtung eines botanischen Gartens und die

Grün 80. Erst im Zusammenhang mit der Grün 80

hat man die Idee des botanischen Gartens weiter

ausgebaut.

Für unser Konzept war die Sicht auf genau

diese zwei Aspekte wichtig: die landschaftliche

und die gartenhistorische Entwicklung.

Grün 80, umgehen sollten?

Nein, da hatten wir keine präzisen Vorgaben. Das

war sehr offen. Die CMS selbst war der Meinung,

dass Vorder Brüglingen heute sehr heterogen

daherkomme. Zu diesem Schluss kamen auch

Vorstudien und ein gartendenkmalpflegerisches

Gutachten zu den Überbleibseln der Grün 80,

die als «sinnentleerte Strukturen» bezeichnet

wurden, weil sie mehr als dreissig Jahre nach der

Grün 80 heute nicht mehr genutzt und bespielt

werden.

Und? Was sind die Merian

Gärten für Sie heute?

Eine Art ‹Central Park› für den Metropolitanraum

Basel mitten im Siedlungsgebiet: Landschaft,

Naherholungsraum, botanischer Garten und Park

gleichermassen.

Die Umgestaltungspläne des Basler Büros

Fontana Landschaftsarchitektur: Auf dieser

Grundlage soll Vorder Brüglingen in den

nächsten Jahren weiterentwickelt werden.

10 11


2018 A

www

Für ein optimales Raumerlebnis und

eine bessere Orientierung: Rundweg

mit Nebenwegen für kleine und grosse

Spaziergänge.

VON DER CMS GEFÖRDERTE DIGITALE PLATTFORMEN

– EIN HILFREICHER SERVICE PUBLIC

ccl Die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, Informationen bedarfsorientiert

Die CMS ist seit 1973 für das Basler Stadtbuch verant-

bündeln und unabhängig von Zeit und Ort abrufen zu können. Daher fördert

wortlich und führt mit der Digitalisierung die bis 1879

die Christoph Merian Stiftung aus Überzeugung Projekte, die ausschliesslich

zurückreichende Tradition von Jahrbuch, Stadtbuch

in digitaler Form existieren. Sie ermöglicht damit einen niederschwelligen

und Chronik als Service public in die Zukunft. Die

Zugang zu Wissen – allerdings im Bewusstsein, dass sich der Wert von Online-

Stiftung finanzierte die Website mit 210 000 Franken

Angeboten erst durch rege Benutzung etabliert.

und unterstützt das digitale Basler Stadtbuch in den

Jahren 2017 und 2018 mit jährlich 154 000 Franken.

Die CMS unterstützt Websites mit Recherchefunktionen, auf denen nach Lust und

Laune gestöbert und entdeckt werden kann. Hier können Interessierte ihr Wissen

Lotse durch die sozialen Angebote:

über die Region (regionatur.ch) oder die Stadt (baslerstadtbuch.ch) erweitern und

SOZIALESBASEL.CH

erhalten Antworten auf Fragen zu historischen und gegenwärtigen Entwicklungen

Für die in der Stadt Basel am Existenzminimum leben-

in und um unsere Stadt. Die Stiftung fördert weiter Online-Plattformen, die Infor-

den Menschen existieren zwar viele Unterstützungs-

mationen zu sozialen Angeboten (sozialesbasel.ch und alterswohnungen-basel.ch)

angebote, sie waren jedoch bisher nicht immer leicht

und Freizeitaktivitäten für Kinder (kinderstadtplan.ch) in Basel-Stadt bereitstellen.

zu finden. Um diesen Missstand zu beheben, haben

Diese Websites funktionieren wie Lotsen: Sie vermitteln im Internet gesuchte Infor-

die CMS, die Gesellschaft für das Gute und Gemein-

mationen gezielt und gebündelt und bieten eine strukturierte Orientierungshilfe.

nützige Basel GGG und der Kanton Basel-Stadt im

Jahr 2016 mit www.sozialesbasel.ch eine computer-

Wandel von Natur und Landschaft:

basierte Orientierungshilfe geschaffen. Diese daten-

REGIONATUR.CH

bankgestützte Website listet die sozialen Angebote

Zur ersten Gruppe zählt die im Jahr 2015 lancierte Bil-

im Kanton Basel-Stadt auf, zusammen mit einer kur-

dungsplattform www.regionatur.ch. Sie veranschau-

zen Beschreibung ihrer Arbeit. Jedem Eintrag sind

licht und erklärt, wie sich Natur und Landschaft in

thematische Schlagworte zugeordnet, welche die

der Region Basel in den vergangenen 500 Jahren ver-

Volltextsuche unterstützen und Gewähr bieten, dass

ändert haben. Diesem Wandel kommt grosse Bedeu-

Ratsuchende und beratende Fachpersonen einfach

tung zu, sind heute doch Kulturlandverlust, Raumpla-

und schnell das passende Angebot für ihre Fragestel-

Was wird aus dem Spielplatz?

Wir schlagen vor, den aufzuheben. Man hätte

ihn aufgrund neuer Normen ohnehin sanieren

müssen. Wir sind der Meinung: Es braucht keinen

speziellen Spielplatz für Kinder, nichts Künstliches.

Das natürliche Umfeld spielerisch zu

erleben, im Einklang mit der Natur, erachten wir

als viel wertvoller.

Der grosse, weite Rasen

zwischen dem neuen Zentrum

Vorder Brüglingen bis zur

Villa Merian soll noch grossflächiger

mit Iris bepflanzt

werden. Ist das nicht schade,

diese weitläufige grüne Ebene

zu beschneiden?

Wir haben das Blumenrondell vor der Villa

gestrichen, um Raum zurückzugewinnen. Neu

werden Besucherinnen und Besucher aber die

Möglichkeit haben, zwischen der Irissammlung

hindurchzugehen, sich hinzusetzen, sich dort

aufzuhalten – quasi auf Augenhöhe in die Blumenpracht

einzutauchen, Teil davon zu werden.

Und der übrige Rasen bis

zur Villa, soll der gleichbleiben?

Wir haben eine leichte Modellierung vorgeschlagen:

An den Rändern zur Villa hin soll das Terrain

angehoben werden – damit man auf dem Rasen

etwas geschützter ist, sich dort hinlegen kann,

Sie haben sehr viel Bestehendes

der Grün 80 weggeräumt

in Ihrem Konzept …

Ja: das Heckenlabyrinth, das Wasserbecken mit

dem Kanal in die Irissammlung, den Pflanzenlehrgarten

und auch das Blumenrondell vor der

Villa Merian. Wir haben einfach gemerkt: Diese

Elemente sind dem neuen Zentrum und der

neuen Nutzung im Weg. Also weg damit.

Ist die Grün 80 für Sie

historisch weniger wichtig als

die vorangehenden Epochen?

Ich bin selber als Bub durch die Grün 80 spaziert

– und klar ist das eine wichtige Phase gewesen.

Da ist zweifellos viel passiert für die Schweizer

Landschaftsarchitektur. Wir haben das nicht

leichtfertig ‹weggeräumt›. Claudia Moll, eine

Spezialistin in Sachen Gartendenkmalpflege,

hat uns beraten. Zusammen sind wir zum Schluss

gekommen, dass unter Berücksichtigung der

neuen Nutzung die Strukturen der Grün 80 an

diesem Ort weder räumlich noch inhaltlich Sinn

machen.

Könnte man also zusammenfassen:

Ihnen sind der

Bezug zur Landschaftsstruktur

und die künftige Nutzung

wichtiger als die von Menschen

geschaffenen historischen

Strukturen, Stichwort Grün 80?

Keineswegs. Aber der Erhalt der erwähnten

Elemente hätte die Entwicklung dieses Ortes

zum künftigen Zentrum der Merian Gärten verhindert.

Sie haben den Studienauftrag

gewonnen – jetzt wird das

Konzept mit der CMS

weiterentwickelt. Wie geht

es weiter?

Das liegt im Ermessen der CMS. Wir gehen davon

aus, dass zuerst die Planung zum Umbau des

Ökonomiegebäudes in die Wege geleitet wird.

Und dass wir dann unser Konzept in Zusammenarbeit

mit der CMS weiterentwickeln und

hoffentlich dann schon bald umsetzen. Möglicherweise

ähnlich wie beim Kannenfeldpark,

bei dem wir mit der Stadt auch schrittweise die

weiteren Entwicklungsstufen gemeinsam an die

Hand genommen haben. Dort sind wir seit über

zehn Jahren mit Erfolg eine Art ‹Götti› für die

Weiterentwicklung.

nung und Zersiedelung drängende Themen.

Nutzerinnen und Nutzer der Website finden anhand

von 270 Modulen mit Texten, Karten und Bildern anschaulich

aufbereitete Informationen zu Geografie

und Geschichte der Region sowie zur zeittypischen

Flora und Fauna.

Gedächtnis der Stadt:

BASLERSTADTBUCH.CH

Ebenfalls ein Tummelplatz für Wundernasen und

Wissenshungrige ist der Online-Auftritt des Basler

Stadtbuchs. In Wort, Bild, Ton und Film werden in

informativen Dossiers Themen beleuchtet, welche

die Stadt bewegt haben und bewegen. In die neue

Plattform wurde auch die Basler Chronik mit ihren

mehr als 30 000 Einträgen integriert, die seit dem Jahr

1882 das städtische Leben in Kurzform dokumentiert.

Zudem wurden die historischen Stadtbücher retro-

digitalisiert. Interessierte können mittels Filterung

Die Website erlaubt virtuelle Reisen durch Raum und

Zeit und bietet Einblicke in tiefgreifende Verän-

derungen der Landschaft. Damit leistet sie einen

Beitrag zum Diskurs über Kulturgeschichte, Natur-

bildung, Naturschutz und Stadtentwicklung und

steht im Schnittpunkt mehrerer strategischer Förderschwerpunkte

der Stiftung. Der Aufbau der Internetseite

regionatur.ch sowie die Lancierung wurden

durch die CMS mit 222 000 Franken gefördert. Den

Unterhalt und den Ausbau unterstützt die Stiftung im

Zeitraum 2015–2020 mit insgesamt 140 000 Franken.

lungen und Anliegen finden. Die CMS beteiligte sich

am Aufbau und den Betriebskosten der Datenbank

mit insgesamt 101 000 Franken.

Orientierungshilfe für das Leben im Alter:

ALTERSWOHNUNGEN-BASEL.CH

Ältere Menschen oder ihre Angehörigen hatten es

bisher schwer, an Informationen über Angebote und

Ansprechpersonen rund ums Wohnen im Alter zu

gelangen. Die Informationsplattform www.alters-

wohnungen-basel.ch schafft hier Abhilfe. Auf der

Website lassen sich die verschiedenen Wohnangebote

der 42 Siedlungen in Basel vergleichen. Ausgeklügelt

ist die Filterfunktion, mit welcher die Nutzenden der

Website ihre Präferenzen zu Lage und Anforderungen

angeben können. Die Funktionalität der Seite ist auf

die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet und

soll eigenständig bedient werden können.

Betrieben wird die Online-Präsenz von dem im Jahr

2014 gegründeten Verein Zusammenarbeit Alters-

siedlungen Basel-Stadt ZABS. Die CMS unterstützte

den Verein ZABS mit 50 000 Franken, um das Angebot

bekannt und zugänglich zu machen.

Spiel & Spass für die Kleinsten:

KINDERSTADTPLAN.CH

An die Generation am Anfang des Altersspektrums

richtet sich der Internetauftritt www.kinderstadtplan.ch.

Auf einer virtuellen Karte von Basel lassen

sich per Mausklick für Kinder relevante Angebote

trotz des Publikumsverkehrs zur Villa.

sämtliche bisherigen Stadtbücher und Chronikein-

und Freizeitaktivitäten anzeigen. Mittels Filtern kön-

träge nach Stichworten, Daten, Zeiträumen oder

nen Erwachsene und Kinder sicherstellen, dass aus-

Autoren durchforsten.

schliesslich jene Aktivitäten angezeigt werden, die

Dieses neue Stadtbuch ist das digitale Gedächtnis

für sie von Bedeutung sind. Initiiert und mit 31 000

der Stadt und steht einfach, schnell, kostenlos und

Franken gefördert wurde der Kinderstadtplan durch

jederzeit zur Verfügung. Die Inhalte lassen vergangene

die Stiftung Nachkommen Zaeslin-Preiswerk, einer

Zeiten aufleben, wecken Erinnerungen und stossen

unselbstständigen Stiftung unter dem Dach der

Diskussionen an, die sich auch auf die sozialen Medien

CMS.

ausweiten.

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Aktuell

Aktuell

VON KUNST, KOMPOST UND KULTUREIERN

Oder: Was die Kunst im

ast Wer den neuen Hauptsitz der Christoph Merian

Stiftung an der St. Alban-Vorstadt 12 betritt, wird

vollzogen werden konnte. Dabei tun sich zwischen

dem schweren Marmorporträt Christophs und dem

Annäherung an die Wandlungen und Verwandlungen

innerhalb der CMS wird Julia Steiners im Frühling 2018

Bau der neuen CMS-

zunächst einmal freundlich von den ‹Zwei› empfangen,

einer Multimediainstallation des Basler Künstlers

viel lichter und leichter wirkenden Plastik-Print Margarethas

buchstäblich Welten auf: Sie vermessen den

realisierte Wandarbeit ‹Circle in a thermal› zeigen,

die sich vom Eingangsbereich her durch das Treppen-

Räumlichkeiten macht

Philipp Gasser, die sich als eloquente Hommage an

das Stifter-Ehepaar versteht. Einer dem Fundus

Raum und die Zeit zwischen damals und heute,

zwischen den Anfängen der Stiftung und ihrem ge-

haus über zwei Etagen nach oben schraubt: Die

in schwarzer Lascaux-Acrylfarbe mit feinen Borsten-

entnommenen Büste von Christoph Merian – aus

genwärtigen Wirken, zwischen skulpturaler künstleri-

pinseln an der Wand aufgetragenen dynamischen

weissem Carrara-Marmor vom namhaften Schweizer

scher Ausdrucksweise und den ephemeren, beinahe-

Elemente zeigen, dass durch die Gemäuer der CMS

Bildhauer Richard Kissling 1898 im Auftrag der noch

dokumentarischen Erschaffungen der digitalen Welt.

(und vielleicht auch durch die Gehirne ihrer Mitarbei-

jungen CMS für den ersten Hauptsitz angefertigt – hat

Hinter dem Paar fallen in einer farbigen Videoprojek-

tenden) immer wieder einmal ein frischer Wind weht.

der Künstler in einer Nische im Eingangsbereich einen

tion animierte 3D-Abbildungen der Wand entlang: Es

‹Circle in a thermal› hat sich von der Bewegung der

3D-Print von Margaretha Merian-Burckhardt zur Seite

sind «Explosionen des CMS-Universums», wie der

Luftmassen inspirieren lassen, von Auf- und Fall-

gestellt. Leicht versetzt zur Seite gestellt. Denn die

Künstler nachdrücklich festhält, Porträts, Symbole

winden, die durch Temperaturdifferenzen entstehen

einem Bild von Margaretha nachskulptierte Büste

und Detailaufnahmen der drei aktuellen Förderberei-

– oder durch die Auf- und Abwärtsbewegung der

steht eine halbe Schrittlänge vor ihrem Mann. Gasser

che der Stiftung: Kultur, Natur und Soziales, die sich

Passanten: der Mitarbeitenden. Für die Basler Künst-

möchte mit dieser Anordnung der Objekte die lange

hier in einem üppigen Tanz präsentieren.

lerin ist das Treppenhaus ein Umschlagplatz der

Zeit etwas im Schatten gebliebene Bedeutung Mar-

Philipp Gassers Installation ist eines von fünf

Aggregatszustände, «ein Ort der Bewegung und der

garethas für die aktuelle CMS in den Vordergrund

Kunst-am-Bau-Projekten, die die CMS bei Kunstschaf-

Begegnung, des Vorübergehenden, sich ständig

rücken: ihre Funktion als zweite Stiftungsgründerin,

fenden der Region nach einem Wettbewerb für ihr

Wandelnden». Julia Steiners Wandarbeit wird uns

die nach dem frühen Tod ihres Mannes sorgsam dar-

neues Domizil in Auftrag gegeben hat. Alle vier port-

in Zukunft im ersten Obergeschoss an der Arbeit

über wachte, dass das Vermögen zusammenblieb und

rätieren die Arbeit der Stiftung in einer eigenwilligen,

‹Four Transitions› des Digitalkünstlers Jürg Lehni

dass sein letzter Wille mit der Gründung der Stiftung

lebendigen und inspirierenden Weise. Eine poetische

vorbeiführen, die sich mit der historischen Entwicklung

der Displaytechnologie auseinandersetzt.

Unser Gang durch den CMS-Sitz führt uns

schliesslich ins Dachgeschoss, wo, von der Decke

hängend, ein wilder «Dschungel der Verteilsysteme»

auf uns wartet. Das international tätige Künstlerduo

Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger hat die Arbeit der

CMS unter die Lupe genommen und ist zum Schluss

gekommen, dass ihre drei Abteilungen wie ein Verteilsystem

funktionieren, das «Kompost in die Gesellschaft

gibt, damit diese blüht und gedeiht». Steiner &

Lenzlinger verwenden und transformieren Objekte,

die mit den Abteilungen in losem Zusammenhang

stehen, und kombinieren sie zu einem surrealen,

schwankenden, schwebenden Assoziationsgeflecht,

das, so die Künstler, «den Gedankenraum über

den Arbeitsplätzen befruchten soll». Damit viele

schmackhafte Kultureier ausgebrütet werden, die

dann vielleicht auch wieder als Küken der Kunst zu-

gutekommen werden.

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Aktuell

DER VEREIN IG

FREILAGER-PLATZ

VERNETZT DIE AKTEURE

RUND UM DEN

FREILAGER-PLATZ

cme Seit rund acht Jahren wird rund um den

Freilager-Platz nun nicht mehr nur gearbeitet,

sondern auch gewohnt, Kunst gemacht, vermittelt,

ausgestellt und studiert. Zu den Pionieren,

die seit 2010 die Räumlichkeiten an der Oslo-

Strasse 8–10 bezogen, gehörten Galerien, Fotostudios,

Ateliers, das HeK (Haus der elektronischen

Künste Basel) und Radio X. Damals war es

mutig, an diesen Ort am Rande der Stadt zu

ziehen, denn noch war überhaupt nicht klar, ob

sich die ‹Vision Dreispitz› tatsächlich umsetzen

liesse.

Spätestens aber seit dem Neubau der

Hochschule für Gestaltung und Kunst, dem

Einzug des HeK in neue Räumlichkeiten (2014),

dem Neubau Oslo Nord an der Oslo-Strasse 2

(2015) und schliesslich dem zum Wohn- und

Bürogebäude umgebauten Transitlager (2016)

wurde der Freilager-Platz zum belebten ‹Innovationsraum›.

Doch mehr Belebung bedeutet

auch mehr nachbarschaftliche Herausforderungen

unter den unterschiedlichen Interessengruppen.

Die IG Freilager-Platz wird sich genau mit

diesen unterschiedlichen Interessen auseinandersetzen.

Die als Verein organisierten Akteure

(im Vorstand sind Anwohnerinnen, Radio X, die

Genossenschaft Ateliers Oslo und die Firmen

fluxdock und ffbk Architekten) vertreten einhellig

die Meinung, dass der Freilager-Platz enormes

urbanes Potenzial besitzt. Die IG Freilager-Platz

vernetzt die Anwohnerschaft (von über 160

Wohnungen) mit den Firmen (mit rund 300

Mitarbeitenden), den Kulturinstitutionen und

der HGK (mit rund 800 Studierenden und 200

Mitarbeitenden). Sie koordiniert Initiativen zur

Belebung des Platzes und ruft gleichzeitig zum

respektvollen Zusammenleben auf. Zu den

Aktivitäten im öffentlichen Raum rund um den

Freilager-Platz gehört auch das bereits erfolgreich

etablierte jährliche Oslo-Night-Festival.

Die Christoph Merian Stiftung hat den Verein

mitinitiiert und begleitet ihn in der Startphase

ideell und organisatorisch.

Alle Nutzer dieses neuen Quartiers sollen

die Möglichkeit haben, zur Entwicklung des

Freilager-Platzes beizutragen. Je mehr Mitglieder

aktiv teilhaben und mitgestalten, desto

besser werden die Kommunikation und der Abgleich

der Interessen in der jungen Nachbarschaft

funktionieren.

Interessierte Anwohner und Firmen erhalten unter

der Email-Adresse ig-freilager-platz@fluxdock.io

Informationen zu Verein und Mitgliedschaft.

FREIRAUM

IN BASEL

SEIT 1968

jje Die Ausstellung und die Begleitpublikation ‹Freiraum

in Basel seit 1968› beleuchten die Entwicklung urbaner

Freiräume und verfolgen deren Wandel. Diskutiert werden

historische und aktuelle Beispiele praktischer Umsetzungen

von Freiraum-Konzepten in und um die Stadt Basel in

den vergangenen fünfzig Jahren.

Sommercasino, Kaserne, Palazzo Liestal, Alte Stadtgärtnerei,

Werkräume Schlotterbeck, Hafenareal: Das sind nur einige der

Zwischen- und Umnutzungen, die das kulturelle, gesellschaftliche

und politische Leben der Stadt Basel mit geprägt haben.

2018 jähren sich zwei für die jüngere Geschichte der Region

Basel wichtige Daten: zum einen das Jahr 1968, Symbol eines

sozialen, politischen und kulturellen Aufbruchs, zum anderen das

Jahr 1988, das für den Konflikt rund um die Nutzung des Kultur-

areals Alte Stadtgärtnerei steht. Die Geschichte der damit ver-

bundenen Freiräume sowie aktuelle urbane Entwicklungsprojekte

werden anhand von Film-, Video- und Fernsehmaterial der letzten

fünfzig Jahre gezeigt und zur Diskussion gestellt.

Ausstellung:

‹68–88–18. Freiraum in Basel. Filme und Videos›

7. April bis 27. Mai 2018, Webergasse 34, Basel

Claudio Miozzari, Dominique Rudin,

Benedikt Wyss (Hg.)

Freiraum in Basel seit 1968

Menschen und Orte in Bewegung

112 Seiten, 45 meist farbige Abbildungen,

broschiert, 16 × 23 cm

CHF 29.-/EUR 28,-

ISBN: 978-3-85616-865-0

Erscheint im April 2018

Über die Jahrzehnte haben sich die Freiräume verändert, dies gilt

für die physischen wie die medialen. Während Schmalspurfilm und

Video seit den späten 1960er-Jahren zu Mitteln des politischen Ausdrucks

wurden, in denen sich dokumentarisches Festhalten und

kreative Freiheit verschränkten, haben die audiovisuellen Medien für

die Freiraumdebatten der Gegenwart nicht mehr dieselbe Bedeutung

und Funktion. Jeder kann heute ein Video aufnehmen und zur

Diskussion stellen.

Solche Entwicklungen und Veränderungen werden auch in

Stellungnahmen und Erinnerungen ehemaliger und heutiger Aktivistinnen,

Zwischennutzer, Politikerinnen, Anwohner und Konsumentinnen

reflektiert und kontextualisiert. Diese speziell für die

Ausstellung produzierten Interviews können ebenso wie Film- und

Videomaterial über eine kostenlose App aus dem Buch direkt als

Video auf das Smartphone gestreamt werden und laden dazu ein,

über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Freiraum-Konzepten

nachzudenken.

Redaktion: Sylvia Scalabrino, scy, Basel, Carlo Clivio, ccl (Leiter Kommunikation a. i. CMS)

Texte: Sylvia Scalabrino, scy, Basel, Bettina Hamel, BH (Geschäftsleiterin Merian Gärten), Christine Hug,

chu (Mitarbeiterin Kommunikation Merian Gärten), Carlo Clivio, ccl (Leiter Kommunikation a. i. CMS),

Dr. Alexandra Stäheli, ast (Projektleiterin Kultur CMS), Jessica Jecker, jje (Praktikantin Kultur CMS),

Christoph Meneghetti, cme (Projektleiter Kultur CMS)

Gestaltung: Beat Keusch Visuelle Kommunikation, Basel

Korrektorat: Dr. Rosmarie Anzenberger, Basel

Druck und Bildbearbeitung: Gremper AG, Basel/Pratteln

Auflage: 7000 Exemplare; erscheint dreimal jährlich (April, August, Dezember)

Bildnachweis: Die CMS hat sich bemüht, sämtliche Copyrightinhaber ausfindig zu machen und

ihr Einverständnis zum Abdruck einzuholen. Falls Copyrightinhaber übersehen wurden, bitten wir die

Betroffenen, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

Titelbild: Kathrin Schulthess; S. 3–7: Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt (Nr.1), Basler

Stadtbuch 1980 (Nr. 26), Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 1937 (Nr. 7), Alexandra

Baumeyer (Nr. 38), Friedrich Böhringer (Nr. 36), Feuerwerker-Gesellschaft 1812 (Nr. 2), Freunde des

Botanischen Gartens in Brüglingen (Nr. 18), Grenzwache Basel (Nr. 32), Merian Gärten (29, 38, 49), pg

Landschaften GmbH (Nr. 35), Giuseppe Reichmuth (Nr. 25), Kathrin Schulthess (Nr. 3, 12, 13, 17, 20,

22–24, 28, 30, 31, 34, 42–44, 46, 47, 50), Daniel Spehr (Nr. 48), Stadtgärtnerei Kanton Basel-Stadt

(Nr. 27), Peter Tschudin (Nr. 5); S. 8–9: Merian Gärten (1–4, 9, 16–18, 20), Kathrin Schulthess (Nr. 5, 7, 10,

11, 14, 15, 19, 22–24); S. 11,12: Fontana Landschaftsarchitektur GmbH; S. 14, 15: Kathrin Schulthess; S. 16

oben: Daniel Spehr; alle weiteren Bilder: freie Lizenz

St. Alban-Vorstadt 12

Postfach

CH-4002 Basel

T + 41 61 226 33 33

www.cms-basel.ch

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