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Als dürfe es eigentlich

Als dürfe es eigentlich niemand wissen. Meine Phantasie war ziemlich überreizt. „Aber wahrscheinlich ziehe ich bald in diese Gegend“, fügte sie schließlich hinzu. „Haben Sie einen Job gefunden?“, fragte ich. Eine andere Erklärung fiel mir nicht ein, warum jemand aus Hamburg ausgerechnet hierher kommen sollte. Es wimmelte nur so von Arbeitslosen, aber zum Sommer hin gab es doch immer wieder Möglichkeiten im Tourismusgeschäft. „Noch nicht“, sagte sie unbestimmt. „Was treibt Sie dann hierher?“ Wenn ich wollte, konnte ich ganz schön penetrant sein mit meiner Fragerei. Und plötzlich wollte ich. „Und nun sagen Sie nicht, die schöne Gegend.“ „Doch“, lächelte sie. „Die schöne Gegend.“ Überhaupt hatte ihr Gesicht sich jetzt etwas entspannt. Die Schmerzen schienen allmählich nachzulassen. An meinem Verband konnte das kaum liegen. Wenn ich ihn mir so ansah, war stümperhaft noch pure Schmeichelei. Sie lachte und nahm die Sache selbst in die Hand. Das Lachen war das zweite, das mir an ihr auffiel. Es war natürlich und ungezwungen und ohne jede Übertreibung. Die meisten Menschen lachen zu laut oder zu schrill. Sie glucksen oder trauen sich nicht richtig. „Im Ernst“, sagte sie. „Mir gefällt es hier. Das Meer, der weite Himmel, die ruhige, klare Landschaft. Alles ist so …“, sie suchte nach den richtigen Worten, mir fiel ihr Mund auf, die Lippen ungeschminkt und eher schmal als breit, „ … alles ist so übersichtlich. Das gefällt mir sehr.“ Ich musste lächeln, weil ich das Gleiche auch über ihr Gesicht hätte sagen können. Es war klar und offen und es gefiel mir sehr. „Und wie kommen Sie gerade auf diese gottverlassene Gegend?“, fragte ich. Die Zahl der Neuansiedler an diesem Küstenstreifen war seit vielen Jahren eher gering. Die meisten Menschen schienen nicht mal zu wissen, dass es diese Ecke des Landes überhaupt gab. „Ich hab hier mal Urlaub gemacht“, sagte sie und war mit dem Ver- 60

Anzeige band jetzt schon viel weiter als ich zuvor in der doppelten Zeit. Ihre Hände bewegten sich schnell und geschickt. „Ist lange her. Aber ich hab das alles nie vergessen.“ „Haben Sie niemand in Hamburg?“ Ich befürchtete sofort, dass diese Frage vielleicht zu weit ging, aber sie schien das nicht so zu sehen. „Ich trenne mich gerade von meinem Mann“, sagte sie. „Und ich hab eine kleine Erbschaft gemacht, sodass ich mir meinen Traum erfüllen und wenigstens eine Weile hier leben kann.“ Sie war fertig mit dem Verband. Ich riss zwei Streifen Pflaster ab und reichte sie ihr zum Verkleben. Dass jemand davon träumen konnte, hier zu leben, überstieg meine Vorstellungskraft. Ich hab schon immer in dieser Gegend gelebt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mein halbes Leben lang hab ich mich mit dem Gedanken geplagt, fort zu gehen von hier, und die andere Hälfte versucht, mich damit abzufinden, dass ich den Absprung doch niemals schaffen würde. Meine Wurzeln an dieser Küste saßen tiefer als ich es mir wünschte. „Außerdem ist es keine gottverlassene Gegend“, meinte sie plötzlich und schaute mich aufmerksam an. „Sagen Sie so was nicht.“ Ihre Blicke waren von großer Intensität, gleichzeitig aber fast scheu. Die Augen waren groß, ihre Farbe eine Mi- 61

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