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GRO_Taschenbuch_MUSTER

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Anzeige würde, vielleicht schon verändert hatte. Erst am Abend kam ich halbwegs wieder zu klarem Verstand. Maurice lag bereits im Bett und Nina hatte sich in ihr Arbeitszimmer zurückgezogen, um noch etwas an ihrem aktuellen Auftrag zu feilen, wie sie gesagt hatte. Ich saß im Wohnzimmer, versuchte zu lesen, ohne mich aber wirklich auf das Buch konzentrieren zu können und trank ein paar Gläser Rotwein, die mir helfen sollten, meine innere Ruhe zu finden. Inzwischen war ich Lara fast dankbar, dass sie vorhin im Park die Notbremse gezogen hatte, während ich im Begriff gestanden hatte, unseren Wagen in voller Fahrt gegen die Wand zu setzen. Ich fragte mich allen Ernstes, wie wir beide damit hätten umgehen sollen, wenn wir tatsächlich miteinander geschlafen hätten. Ich war mir vollkommen sicher, dass es keine einmalige Angelegenheit geblieben wäre. Weder 100

Lara noch ich hätten es in irgendeiner Form auf die leichte Schulter nehmen können. Die Gefahr, dass es mein Leben völlig umgekrempelt hätte, war riesig. Und wenn ich eins nicht wollte, dann war es das. Mein Leben erschien mir auch so schon kompliziert genug. Lara hatte dies erkannt, sie war viel klüger gewesen als ich, und uns davon abgehalten, die Grenze zu überschreiten. Ich öffnete die Tür zu Ninas Arbeitszimmer einen Spalt breit. Völlig versunken saß sie über ihrem Laptop. Ich dachte kurz daran, wie sehr die Arbeit sie in letzter Zeit verändert hatte. Sie hatte ihr geholfen, die Sache mit Joshua endgültig zu vergessen. Vielleicht auch nur, sie besser zu verdrängen, aber dieser Unterschied erschien mir im Moment fast unwesentlich. Sie war wieder in der Lage, ihr Leben positiv anzugehen. Im Grunde hatte die Arbeit eine ähnliche Wirkung auf sie wie Maurice sie von Anfang an auf mich gehabt hatte. Während er aber für Nina niemals ein Ersatz für ein eigenes Kind hatte sein können, war ihr neuer beruflicher Erfolg offenbar eine wirkliche Alternative für sie. Die letzten Wochen und Monate war sie regelrecht aufgeblüht. Gleichzeitig hatte der Abstand zwischen uns sich immer mehr vergrößert. Vielleicht war das der Preis, den wir beide bezahlen mussten. „Ich fahre noch ein bisschen durch die Gegend“, sagte ich. „Vielleicht gehe ich noch irgendwo ein paar Schritte. Hast du ein Ohr auf Maurice?“ Ich steckte das Babyphon in die Steckdose neben der Tür. „Ja, natürlich“, sagte sie, schaute kurz auf und lächelte zerstreut. „Geh nur. Es kann sein, dass ich schon im Bett bin, wenn du zurückkommst. Ich bin müde. In der Spielscheune war es doch anstrengender als ich es mir vorgestellt hatte.“ „Also dann“, sagte ich. „Gute Nacht.“ Ich beugte mich zu ihr herunter und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, den sie kaum erwiderte. „Gute Nacht.“ „Paul?“, sagte sie, als ich die Tür bereits in der Hand hatte. 101