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GRO_Taschenbuch_MUSTER

ich blieb weiter stumm

ich blieb weiter stumm wie ein Fisch. Lara schien es nicht anders zu gehen. „Woher … ich meine … wie hast du ihn gefunden?“ Ich konnte nicht bis ans Ende meiner Tage schweigen. Lara sah mich zunächst an, als verstünde sie die Frage nicht. „Woher wusstest du, dass er es war?“, sagte ich. „Das war nicht schwer.“ „Aber wie …?“ „Ein bisschen Zeitungsrecherche“, meinte sie. „Ein bisschen Herumfragen in der Gegend. Der Kreis um Maurice ließ sich schnell enger ziehen. Es war wirklich nicht schwer.“ „Aber wie konntest du sicher sein, dass er es tatsächlich war?“ Lara stand auf und fing an, in der Küche hin und her zu gehen. Ihren Sambucca hatte sie kaum angerührt. Ich füllte mein Glas erneut. „Das war der schwierigste Punkt“, gab sie zu. „Zwar war ich mir so gut wie sicher, aber das reicht auf Dauer natürlich nicht.“ „Hast du …“, es fiel mir nicht leicht, die Frage auszusprechen, „hast du uns beobachtet?“ Lara setzte sich wieder. Sie legte eine Hand auf meine und sah mich an. „Was sollte ich denn anderes tun?“, fragte sie. „Ich hatte keine Wahl.“ „Unsere Begegnung beim Supermarkt war also kein Zufall?“ Ich entzog ihr meine Hände. Ich brauchte etwas Raum für mich. „Nein“, erklärte sie trocken. „Das war es nicht.“ Wieder stand sie, von Unruhe getrieben, auf. Einen Moment lang kam mir der furchtbare Verdacht, sie könnte auch den Beinaheunfall von Maurice im Einkaufswagen inszeniert haben, um … „Denk das bitte nicht mal zu Ende“, unterbrach sie fast hellseherisch meine unausgesprochenen Mutmaßungen. „Das kannst du nicht im Ernst glauben.“ Ich war froh, dass sie das sagte, froh und erleichtert. „Dass ich das mit diesem Auto gesehen hab“, erklärte sie, „war tatsächlich Zufall. Einer der glücklichsten in meinem Leben. Dass sich 106

daraus die Möglichkeit ergab, das erste Mal mit dir zu reden, war ein Zusatzgeschenk.“ „Aber du konntest doch damals noch immer nicht ganz sicher sein, dass er dein Sohn war. Wie hast du es herausgefunden?“ Erstmals seit ich die Wahrheit kannte, huschte wieder ein kleines Lächeln über Laras Gesicht. „Nun denk mal nach“, sagte sie. „Wie hast du denn herausgefunden, wer ich bin?“ Natürlich, das Muttermal! Aber … „Warum hab ich wohl bei Charlotte um Arbeit gefragt?“, unterbrach Lara meine Gedanken. „Na, was meinst du?“ „Wusste sie, wer du bist?“, fragte ich, nachdem es langsam bei mir geklickert hatte. Lara setzte ihr Glas an die Lippen und nippte daran. Dann nahm sie ihr rastloses Hin und Her durch die Küche wieder auf. „Ich glaub, sie hat es geahnt“, sagte sie, ohne mich anzusehen. „Vielleicht auch ein bisschen mehr. Charlotte war während der letzten Monate meine wichtigste Freundin. Ich hatte bei ihr das Gefühl, dass sie vieles verstand, ohne dass ich es direkt aussprechen musste.“ „Ja“, sagte ich, „sie war eine ungewöhnliche Frau.“ „Sie fehlt mir sehr“, sagte Lara leise. Ich hielt sie an der Hand, zog sie sanft auf meinen Schoß. Ich legte einen Arm um ihre Hüfte. „Ganz sicher ist dies nicht der richtige Augenblick, es zu sagen“, meinte ich. „Aber ich möchte, dass wir drei zusammen leben: Du Maurice und ich.“ Völlig entgeistert sah Lara mich an. Ihr rechter Arm lag auf meiner Schulter. „Du bist mit Nina verheiratet“, sagte sie. „Für Maurice ist sie seine Mutter. Ich bin nicht gekommen, um eure Familie zu zerstören. Erst recht nicht, um Maurice die Mutter zu nehmen.“ „Aber … du bist doch gekommen, um dir Maurice zurückzuholen. Oder nicht?“ 107