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Anzeige spät gekommen.

Anzeige spät gekommen. Eher war sie überpünktlich. „Wir alle hier kommen zu spät zur Arbeit“, meinte eine zweite Frau, deren Namen ich nicht kannte. Es klang hysterisch. Sie hatte hektische rote Flecken auf Hals und Gesicht. Ich setzte Maurice ab und griff zum Handy. „Haben wir schon versucht“, schaltete sich Susanne Kern wieder ein. Auch sie wirkte nun etwas ungehalten. „Bei ihr zu Hause springt nur der Anrufbeantworter an. Ihr Handy ist ausgeschaltet.“ Trotzdem versuchte ich es noch einmal unter beiden Nummern, kam aber am Ende zum gleichen Ergebnis. „Es wird doch nichts passiert sein?“, fragte besorgt die dritte Frau, die sich bisher zurückgehalten hatte. Ich steckte mein Handy wieder ein. „Ich fahr zu ihrer Wohnung und sehe nach“, sagte ich. „Kann ich Maurice hier lassen?“ Susanne Kern nickte. „Natürlich. Aber beeilen Sie sich bitte. Ich krieg so schon Ärger, weil ich zu spät komme.“ Ich ließ mir ihre Nummer geben. „Ich melde mich, sobald ich etwas weiß!“, rief ich und saß fast schon im Auto. Ich war völlig durch den Wind. Ich überfuhr eine rote Ampel. Die Sache ging nur haarscharf an einem Unfall vorbei. Die anderen hatten schon grün gehabt. Ein lautes Hupkonzert verfolgte mich. 118

Vor Laras Wohnung gab es keinen freien Parkplatz. Ich ließ den Wagen halb auf der Straße im Halteverbot stehen. Die Haustür war verschlossen. Ich klingelte bei Lara, aber niemand öffnete. Als ich drei andere Klingeln gleichzeitig drückte, ertönte der Türsummer sofort. Ich rannte die Treppe hoch und noch ehe einer der alarmierten Nachbarn auf den Flur trat, stand ich vor Laras Wohnung. Die Tür war nur angelehnt. Ich schellte trotzdem, bevor ich hineinging. „Lara?“ Keine Antwort. Ich rief sie noch zweimal, aber sie war nicht da. Vorsichtshalber schaute ich in jedes Zimmer, wenn auch ohne Hoffnung. Ich spürte, dass niemand in der Wohnung war. Schließlich fand ich auf dem Küchentisch einen Briefumschlag, auf dem mein Name stand. Ich setzte mich auf einen Stuhl und hielt den Brief in der Hand. Ich zögerte, ihn zu öffnen. Er war nicht verklebt, nur lose mit der Lasche verschlossen. Ich spürte mein Herz im Hals schlagen. Meine Hände zitterten. Endlich zog ich den Brief aus dem Umschlag. Er war handgeschrieben und bestand aus drei beidseitig und eng beschriebenen Blättern. Kerzengerade setzte ich mich auf dem Stuhl zurecht. Mir war klar, dass ich jetzt stark sein musste. Behutsam faltete ich den Brief auseinander. Ich begann zu lesen: Lieber Paul, ich wusste, dass du als Erster nach mir suchen würdest. Deshalb habe ich die Wohnungstür offenstehen lassen und diese Zeilen an dich hier einfach auf den Tisch gelegt. Wir werden uns nicht mehr wiedersehen. Das bedeutet natürlich auch, dass ich Maurice nie mehr sehen werde. Beides zerreißt mir das Herz, aber ich habe keine andere Wahl. Ich kann nur hoffen und beten, dass du meine Entscheidung verstehst. Vielleicht hilft dir dieser Brief dabei ein bisschen. 119