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Anzeige fing an zu

Anzeige fing an zu heulen. Minutenlang flennte ich wie ein Schlosshund. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ich war zu nichts anderem in der Lage. Ich hatte keine Ahnung, wann mir so was zuletzt passiert war. Ich fühlte mich so weit von Lara entfernt wie nie zuvor. Als das Telefon wieder klingelte, war ich im Bad. Ich hatte mir das Gesicht gewaschen und trocknete es gerade ab. Den Apparat hatte ich auf dem Wannenrand abgelegt. Ich versuchte, die Ruhe zu bewahren und es einfach ein paar Mal klingeln zu lassen, bevor ich abhob. Der Plan scheiterte kläglich. Meine Hände zitterten, das Telefon knallte auf die Fliesen, klingelte aber weiter. Ich hob es auf. Am anderen Ende war Susanne Kern. Erst spürte ich grenzenlose Enttäuschung, dann Angst. „Was ist mit Maurice?“ „Alles okay“, sagte Susanne Kern. „Es ist nur …“ Sie druckste herum. 126

„Was ist nur?“, fuhr ich ungeduldig dazwischen. „Nun reden Sie doch.“ „Lara hat gerade bei mir angerufen“, erklärte sie. „Sie war irgendwie komisch. Sie wollte wissen, ob ich etwas von Ihnen und Maurice gehört habe in letzter Zeit. Als ich ihr sagte, dass Maurice bei mir ist, wollte sie, dass ich ihn ans Telefon hole, was ich dann auch gemacht habe. Maurice hat sich gefreut, sie zu hören.“ „Was war mit ihr?“ Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. Ich setzte mich auf die Fliesen, lehnte mich an die Wanne. „Ich glaube“, sagte Susanne Kern, „sie hat geweint. Auch wenn sie sich nichts anmerken lassen wollte. Ich bin mir sicher.“ „Was hat sie gesagt?“ Ich platzte fast vor Ungeduld. „Ich soll Sie grüßen von ihr“, sagte sie. Ich hörte ihr an, dass das noch nicht alles war und wartete. „Ich soll Ihnen ausrichten …“, es schien, als bezweifle sie den Wahrheitsgehalt ihrer eigenen Worte, „dass sie Sie vermisst. Sie und Maurice. Viel mehr, als sie es sich vorgestellt hat.“ Sie machte eine Pause, dann: „Das hat sie so gesagt, wörtlich.“ Es hörte sich an, als wolle sie sich dafür bei mir entschuldigen. Die Situation war völlig absurd. Susanne Kern erzählte mir Dinge, die sie nicht verstehen konnte und die für mich das Wichtigste waren, was es im Moment für mich gab. „Hat sie gesagt, wo sie ist?“ Ich erwartete die Antwort wie ein unanfechtbares Urteil. „Nein, leider nicht. Ich hab sie gefragt, aber sie hat ausweichend geantwortet. Aber …“ Wieder zögerte sie. Wieder wartete ich. Es fiel mir immer schwerer, ruhig zu bleiben. „Es hörte sich an“, sagte sie schließlich zögernd. „als käme der Anruf aus einer U-Bahn oder S-Bahn. Das Gespräch war zwischendurch unterbrochen. So, als habe sie kein Netz mehr.“ Ich dachte sofort an Hamburg, wo Lara zuletzt gewohnt hatte. Mein Adrenalinspiegel schnellte hoch. Aber selbst wenn: Hamburg war kein Dorf. Dort jemanden zu finden, der nicht gefunden werden wollte, war ein echtes Problem. Meine Hormonzufuhr stoppte abrupt. 127