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warten können. Gerade

warten können. Gerade wollte ich das Programm wieder schließen, als ich an der vierten Nachricht hängen blieb. Ein Absender, der aus einer unbekannten Zahlenkombination bestand. Ich öffnete die Mail. Sie war von Lara. Lieber Paul, ich sitze hier in einem Internetcafé und schreibe dir diese Zeilen. Von draußen scheint die Sonne herein und malt ein Muster auf die Tastatur. Gerade habe ich mit Katja telefoniert. Sie hat mir gesagt, dass du nach mir suchst. Ich will das nicht, aber ich freue mich auch darüber. Eine Freude, gegen die ich mich nicht wehren kann. Ich weiß nicht, ob ich diese Mail jemals losschicken werde. Ich glaube, dass es falsch wäre, dies zu tun. Es ist für uns alle das Beste, wenn du mich so schnell wie möglich wieder vergisst. Für dich, für Maurice, für Nina und am Ende auch für mich. Aber im Moment ist es eine schöne Illusion, mir wenigstens vorzustellen, dass du meine Worte bald lesen wirst. Ich bin sehr verwirrt. Aber es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich so nah am Abgrund stand, dass ich im Vergleich dazu heute fast klar im Kopf bin. Dass du von dieser Zeit nur teilweise weißt, belastet mich sehr. Du kennst nur den kurzen Abschnitt am Strand. Diesen kleinen Augenblick, in dem wir uns zum ersten Mal begegnet sind, ohne einander wirklich zu begegnen. Die Minuten, in denen aus meinem Kind dein Kind geworden ist. Ich habe es dir überlassen und du hast es angenommen. Aber was davor war und danach, das kannst du nicht wissen. Das muss dein Bild von mir verzerren, was mir keine Ruhe lässt. Andererseits denke ich, dass es nicht gut ist, dich mit diesen furchtbaren Dingen zu belasten. Trotzdem habe ich während der letzten Wochen mit dir immer stärker den Wunsch verspürt, mich zu öffnen. Und bin dann wieder genau deshalb verschwunden, weil ich es nicht konnte. Keiner außer mir selbst kennt die Geschichte. Auch Katja nicht, ob- 146

Anzeige wohl sie der Mensch war, bei dem ich zeitweise am nächsten dran war, sie zu erzählen. Aber ich habe es nie getan. In jener Weihnachtsnacht bin ich vor Bruno, meinem eigenen Mann, an den Strand geflohen. Ich war sicher, dass er mein Baby töten wollte. Maurice hatte damals natürlich einen anderen Namen, aber den habe ich in meinem Herzen vergraben und werde ihn nie wieder herausholen. Jetzt ist er Maurice, das ist ein guter Name und er ist ein toller Junge: Er soll Maurice bleiben! Warum will ein Vater seinen eigenen Sohn töten, nur wenige Tage nach der Geburt? Die Antwort darauf ist schwer und leicht zugleich: Er war nicht sein Sohn. Ich hatte ein Verhältnis mit einem anderen, ebenfalls verheirateten Mann, der sofort weg war, als er von der Schwangerschaft erfuhr. Bruno von meinem Seitensprung zu erzählen, war unmöglich. Er war sehr jähzornig und sehr eifersüchtig. Er schlug mich, auch ohne dass ich 147