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fremdgegangen war, jetzt

fremdgegangen war, jetzt hätte er mich wahrscheinlich totgeschlagen. Meine Angst vor ihm war unglaublich groß. Er war machtbesessen, egozentrisch und gewalttätig, auch wenn ich das leider viel zu spät erkannt habe. Als wir geheiratet haben, war ich noch sehr jung. Er war charmant, sah sehr gut aus, hatte Geld und Erfolg. Er war Hauptaktionär einer großen Reederei in Kiel. Als er mir einen Heiratsantrag machte, schien mein Leben perfekt. Ein paar Wochen lang war ich überglücklich. Aber schnell zeigte er sein wahres Gesicht, auch wenn ich das zunächst anders deutete. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich sicher noch die Kraft gehabt, ihn zu verlassen. Er setzte mich unter Druck, weil ich angeblich mit anderen Männern flirtete. Und er beschimpfte mich, wenn ich nicht jedes Detail in meinem Leben exakt nach seinen Vorstellungen ausrichtete. So durfte ich nur die Kleidung tragen, die er erlaubte und selbst meine Freundinnen suchte er für mich aus. Mit alten Freundinnen verbot er mir den Umgang. Natürlich passierte all das nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Am Anfang tarnten seine Vorschriften sich als gut gemeinte Ratschläge. Als ich mich schließlich vorsichtig auflehnte, wurden aus den Ratschlägen physische Schläge. Die ersten Male kam er danach noch angekrochen und bereute alles. Aber auch das ließ nach. Er schlug mich häufiger und immer heftiger. Begehrte ich auf, wurde er nur noch brutaler. Nach ungefähr einem Jahr hatte er eine regelrechte Gewaltherrschaft über mich errichtet. Ich war nicht mehr ich selbst. Denke ich an diese Zeit zurück, dann ist es, als denke ich an einen ganz anderen Menschen. Ich hatte mich vollständig verloren. Es gab niemanden, an den ich mich wenden konnte. Familie hatte ich nicht. Meine Eltern sind früh bei einem Unfall ums Leben gekommen, die letzten Jahre meiner Jugend habe ich in verschiedenen Heimen gelebt. Auch Freunde, an die ich mich um Hilfe hätte wenden können, hatte ich nicht mehr. Nach und nach hatte Bruno sie aus meinem Leben 148

entfernt. Und meine angeblich neuen Freundinnen waren in Wahrheit seine. Sie waren die einzigen Menschen, die er überhaupt noch an mich heranließ. Schon bald sah ich keinen anderen Ausweg mehr als Selbstmord. Aber dann passierte etwas Unglaubliches: Bruno lockerte die imaginären Fesseln, die er mir angelegt hatte. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass ich ihm nur langweilig geworden war. Immer häufiger ging er jetzt auf Reisen. Ab der zweiten Reise sprach er offen darüber, welche seiner Gespielinnen er mitnahm. Meine Gefühle für ihn waren schon so lange tot, dass mir das nichts ausmachte. Aber nach anfänglicher Skepsis und der permanenten Angst, er könnte mich beschatten lassen, fing ich an, meine neue Freiheit, zumindest in Ansätzen, zu genießen. Ich sah etwas wie einen Silberstreif am Horizont. In dieser Zeit begann ich auch die Affäre mit dem Vater von Maurice. Er hieß Kai Werner, wohnte in der Nachbarschaft und gewann nach und nach mein Vertrauen, während Bruno sich auf einer seiner immer ausgedehnter werdenden Reisen befand. Dieser Mann erschien mir stark und ich glaubte ihm, als er davon sprach, sich von seiner Frau zu trennen. Ich verrannte mich in die Hoffnung, dass er mich aus meinem Elend befreien könnte. Aber auch das war ein Irrtum. Bruno war ein brutaler, sadistischer Gewaltmensch, aber Kai war nichts als ein profilloser Schwächling. Selbst wenn er es tatsächlich gewollt hätte, er hätte es nie geschafft, sich Bruno in den Weg zu stellen. Ganz davon abgesehen, dass er es natürlich nicht wollte. Als Bruno von meiner Schwangerschaft erfuhr, schien er sich schlagartig zu ändern. Er freute sich wahnsinnig, denn er glaubte, der Vater zu sein. Eine Zeitlang dachte ich tatsächlich, wir könnten noch einmal ganz neu anfangen. Natürlich war das Unsinn, selbst wenn seine Veränderung echt gewesen wäre. Ich liebte ihn schon so lange nicht mehr. Ungefähr in der Mitte meiner Schwangerschaft flogen wir auf Brunos Anregung nach Mallorca. Scheinbar zufällig lernten wir dort Marlies 149