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Aber meine Angst davor

Aber meine Angst davor war anders als sonst. Viel mehr als um mich selbst fürchtete ich um das Kind in meinem Bauch. Das gab mir zusätzliche Kraft und ich schaffte es tatsächlich, mich ihm zu entwinden. Obwohl ich mit meinem Bauch körperlich unbeweglich war, kam ich schnell hoch. Ich wollte aus dem Zimmer fliehen, aber die Tür war verschlossen. Langsam kam Bruno hinter mir her, schubste mich wortlos und drängte mich immer mehr in eine Ecke. „Was ist denn?“, fragte er leise und grinste. „Du hast doch nicht etwa Angst, dass ich dir etwas tue?“ Meine Panik brach über mir zusammen. Diesen Tonfall kannte ich sehr genau. Er war die letzte Stufe vor der Gewalt. Er wurde leise, zynisch und er grinste, bevor er zuschlug. Das Grinsen sah aus, als müsste ihm das Gesicht davon schmerzen, so angespannt war es. „Ich werde doch mein eigenes Kind nicht gefährden!“, fuhr er fort. „Die Frucht deines Leibes! Von mir gezeugt.“ Scheinbar nachdenklich legte er eine Hand an sein Kinn und wandte sich von mir ab. Meine Aufmerksamkeit ließ keine Sekunde nach. Er war wie ein gefährliches Raubtier, das man nicht aus den Augen lassen durfte. Seine Angriffe kamen immer dann, wenn man am allerwenigsten damit rechnete. Plötzlich tippte er sich mit dem Zeigefinger leicht an die Stirn. „Ach, so dumm bin ich“, sagte er, drehte sich lächelnd zu mir und kam während des Redens langsam wieder auf mich zu. „Es ist ja gar nicht von mir gezeugt, sondern von diesem widerlichen Weichei. Entschuldige meine Gedankenlosigkeit, Liebling.“ Im selben Sekundenbruchteil zog er den rechten Handrücken so scharf und ansatzlos hoch in mein Gesicht, dass ich mich trotz aller Vorsicht nicht dagegen schützen konnte. Ich fiel um, meine Wange brannte wie Feuer. Als ich mich aufrappeln wollte, trat er in meinen Rücken. „Das Kind!“, schrie ich nur. „Hör auf damit! Hör sofort auf!“ Das Lächeln, das während des Schlages restlos aus seinen Zügen verschwunden war, kehrte so plötzlich zurück, als habe er in seinem In- 156

Anzeige nern einen Schalter dafür. „Stimmt ja“, sagte er sanft und hielt mir die Hand hin, als wolle er mir hoch helfen. „Das Kind, natürlich! Auch wenn es nicht von mir gezeugt ist, bleibt es natürlich noch immer ein Kind.“ Ich ignorierte seine Hand und wollte mich allein aufrappeln. „Nun komm schon!“, forderte er mit plötzlicher Schärfe. „Meine Hand stinkt nicht und ist auch nicht schwitzig wie die von dieser Schwuchtel. Nur keine Zimperlichkeiten!“ Ich sah keine andere Chance, als mir tatsächlich von ihm aufhelfen zu lassen. Er tat es, als habe er nur beste Absichten. „Ein Kind“, wiederholte er, „bleibt natürlich ein Kind, wie auch immer es da hineingekommen ist.“ Er legte eine Hand auf meinen Bauch und drückte so fest zu, dass das Baby erschrocken zuckte. „Lass das“, sagte ich panisch. „Mach mit mir, was du willst. Aber lass das Kind in Frieden. Es ist unschuldig. Lass es in Ruhe auf die Welt kommen.“ „Ach?“, fragte er und machte ein Gesicht, als sei er an meiner Antwort tatsächlich interessiert, „und dann?“ „Was, und dann?“ „Wenn es auf der Welt ist, was soll dann passieren? Mit ihm passieren? ¬– Und mit uns? ¬– Und mit mir?“ Die ganze Zeit 157