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über war er in seiner

über war er in seiner ruhigen Stimmlage geblieben. Das letzte Wort aber schrie er heraus, als wolle er damit den Schmerz der ganzen Welt zum Ausdruck bringen. Es gab nur einen einzigen Menschen, der für ihn irgendeine Bedeutung hatte. Und nur einen, mit dem er Mitleid empfinden konnte. Unnötig zu sagen, wer das war. Seine ganze jämmerliche Erbärmlichkeit wurde mir überdeutlich. Und daraus bezog ich eine plötzliche, neue Kraft. Meine scheinbare Schwäche wurde zur Stärke. „Ja“, wiederholte ich provokativ, „was ist dann? Was soll dann passieren? Mit dem Kind, mit mir, mit dir? Sag du es mir. Ich weiß es nicht.“ Kaum war der letzte Satz ausgesprochen, sickerte das letzte bisschen Kraft schon wieder aus mir heraus wie Blut aus einer Wunde. Viel war es nicht gewesen. Und sofort war ich sicher, mich zu weit vorgewagt zu haben. Seine Schläge erwartete ich fast schon. Ich wusste nicht mehr, wie ich mein Kind vor ihm schützen sollte. Hasserfüllt sah er mich an. Er hob die Hand, ballte sie zur Faust. Machtlos wie nie schloss ich die Augen. Aber nichts passierte. Ich öffnete die Augen und er stand weiter vor mir. Die noch immer geballte Faust hatte er sinken lassen. Er fixierte mich wortlos. Ich glaubte nicht, was ich sah. Der Hass in seinen Blicken wich Stück für Stück einer gewissen Hilflosigkeit. Ich hatte keine Ahnung, was plötzlich mit ihm los war. Er wandte sich ab, ging zur Tür. Wortlos zog er den Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss. Er machte einen Schritt zur Tür hinaus, drehte sich aber dann noch einmal um. „Ich weiß es auch nicht“, sagte er tonlos. Seine Blicke waren vollkommen leer. „Aber ich werde meine Entscheidung treffen. Darauf kannst du dich verlassen.“ Ruhig zog er die Tür hinter sich zu. Völlig gelähmt hörte ich mit an, wie er von außen abschloss. Das war neu. Eingesperrt hatte er mich bisher noch nie. Heute ist mir klar, dass er es bis dahin nicht nötig gehabt hatte. Seine Macht über mich war viel stärker als ein lächerlicher Schlüssel es je sein konnte. 158

Anzeige Er muss die Veränderung gespürt haben, die durch das Kind in meinem Bauch kam. Seine gewohnheitsmäßige Macht über mich hatte einen ersten Kratzer bekommen. Und er täuschte sich nicht: Hätte er mich in dieser Nacht nicht eingeschlossen, ich wäre geflohen, um mein Kind vor ihm zu retten. Ich wusste nicht genau, welche Gefahr von ihm ausging, aber ich zweifelte nicht daran, dass sie sehr groß war. Am nächsten Tag kam Maurice zur Welt. Die Geburt war unproblematisch. Marlies war eine gute Hebamme und es gab keine Komplikationen. Ein Arzt musste nicht hinzugezogen werden. Bruno sah ich während dieser Zeit nicht. Er hatte Marlies und mich allein gelassen und tauchte erst am Abend wieder auf, nachdem alles passiert war. Er verhielt sich seltsam neutral. Die erwartete Feindseligkeit gegenüber dem Kind blieb zunächst aus. Mir gegenüber war er gemäßigt freundlich. Auf Maurice warf er hin und wieder Blicke, die zwi- 159