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schwieg sie und fuhr

schwieg sie und fuhr dann fort: „Ich werde sterben. Sehr bald.“ Lara und ich wollten protestieren, aber sie winkte unmissverständlich ab. „Wir sollten uns nichts vormachen“, sagte sie. „Schon gar nicht angesichts des Todes.“ Wir schwiegen betreten. Charlotte lächelte. „Aber ich möchte mit euch über etwas anderes reden als über den Tod.“ Diesmal legte sie eine längere Pause ein. „Ich wünsche mir“, sagte sie schließlich, „dass ihr beide euch nicht aus den Augen verliert. Niemals.“ Überrascht und etwas verlegen schauten wir uns an. „Ihr sollt mir das nicht versprechen“, fuhr sie fort. „Ich will nicht theatralisch werden. Ich wünsche es mir einfach. Ich weiß nicht, wie euer beider Leben weiter verläuft. Aber eine innere Stimme sagt mir, dass es gut für euch ist, wenn ihr füreinander da seid. Zum Glück bin ich keine Hellseherin“ ¬– sie lachte ¬– „und weiß daher nicht, wie genau das aussehen kann. Aber ich will, dass ihr nicht den gleichen Fehler macht wie ich. Tretet nicht das Gute in eurem Leben mit Füßen. Das ist etwas, das man nie wieder loswird. Achtet darauf, achtet auf euch. Einen anderen Schatz findet man auf dieser Welt nicht, und wenn man noch so sehr danach sucht.“ Ihre Worte hallten in meinem Kopf nach, während das Bild von Charlotte sich langsam zurückzog. Das mulmige Gefühl in meinem Bauch nahm sie mit sich. Als ich nun an meinen Schreibtisch ging, fühlte ich mich gestärkt für die Wahrheit. Kapitel 23 „Aber Sie können doch nicht einfach so gehen“, sagte ich. „Ich brauche noch Hilfe.“ In Wahrheit hatte ich auch Angst davor, erstmals mit Bruno und dem Baby allein zu sein. 164

„Die Hilfe, die Sie brauchen“, meinte sie ungerührt, „wird Ihr Mann Ihnen geben. Er ist ein guter Mann.“ Ich resignierte vor diesen Worten und ließ sie ohne weiteren Widerspruch ziehen. Die Situation, vor der ich mich die ganze Zeit am meisten gefürchtet hatte, war eingetreten. Es war der Tag vor Heiligabend. Bruno änderte sein Verhalten noch immer nicht. Mir gegenüber blieb er weiter ruhig und freundlich. Er nahm jetzt sogar vorsichtigen Kontakt zu Maurice auf. Einmal streichelte er ihm über die Wange, wenn auch ohne zu lächeln. Als ich Maurice die Windel wechselte, sah er mir zu und blieb sogar im Zimmer, als ich ihn an die Brust nahm. Er betrachtete uns nachdenklich. Kurzzeitig glaubte ich an eine Wende. Aber es dauerte nicht lange und ich spürte, wie sich der Feind in ihm erneut aufbaute. Ich erkannte ihn sofort, er war mein alter Vertrauter. Diesmal aber konzentrierte er sich weniger auf mich als auf mein Kind. Ich wünsche mir nichts so sehr, Paul, als dass du ein halbwegs gutes Bild von mir in deinem Kopf und Herzen behältst. Deshalb schreibe ich dir dies alles. Und damit du dieses Bild weitergibst an meinen Sohn, wenn die Zeit dafür gekommen ist. An unseren Sohn, deinen und meinen. All meine Instinkte richteten sich nun auf den Schutz meines Babys. Ich selbst war nur wichtig als die einzige Person, die ihm diesen Schutz gewähren konnte. Um mein Kind zu retten, hätte ich mein eigenes Leben sofort hingegeben. Meine Ahnungen, dass Bruno Maurice nach dem Leben trachtete, verdichteten sich immer mehr. Ein Leben mit einem Kind, das durch einen Betrug an ihm entstanden war, konnte und wollte er nicht führen. „Dann lass uns gehen“, sagte ich vorsichtig. „Mein Kind und mich.“ Das sollte eine Aufforderung sein, aber es klang wie eine Frage. Bruno lächelte mich nur müde an. „Das ist nicht dein Ernst“, sagte er tonlos. „Dieses Balg hat mein Leben 165