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aber trotzdem

aber trotzdem unaufhaltsam näher. Natürlich rannte ich weiter, aber ich wusste, dass er mich früher oder später einholen würde. Auf Dauer hatte ich keine Chance gegen ihn. Er war schneller und er war allein. Immer häufiger blickte ich nun über die Schulter zurück. Stück für Stück arbeitete er sich an mich heran. Als der Abstand keine zwanzig Meter mehr betrug, und ich seine Schritte schon wieder hörte, stürzte er. Ich witterte Morgenluft und schaffte es tatsächlich, noch einmal zuzulegen. Mein Baby! Ich dachte nur noch an Maurice. Ich bestand nur noch aus Angst um ihn, für etwas anderes war kein Platz mehr in mir. Was würde Bruno mit ihm machen, wenn er mich eingeholt hatte? Zunächst aber kam er nicht so schnell wieder hoch, wie ich befürchtet hatte. Mein Vorsprung vergrößerte sich erneut. Dann urplötzlich tauchte wie ein großer Felsen der runde Backsteinbau aus dem Dunkel auf. Scharf zeichneten sich die Konturen gegen den klaren Himmel ab. Er war keine dreißig Meter mehr entfernt. Ich musste ihn erreichen, bevor Bruno wieder hoch war und sein altes Tempo aufgenommen hatte. Ich kam an, rannte um das Haus herum und drückte die Klinke der alten Eisentür herunter. Sie war offen. Im Innern war es noch einmal dunkler als draußen. Ich kauerte mich hinter einen Mauervorsprung und versuchte, meinen Atem so schnell wie möglich zu beruhigen. Ganz sicher würde Bruno bald auch hier sein, aber vielleicht hatten wir eine Chance, wenn er uns nicht hörte. In diesem Augenblick begann Maurice zu schreien. Verzweifelt versuchte ich, seinen Mund zuzuhalten, aber das war unmöglich, weil er dann keine Luft mehr gekriegt hätte. Ich wollte ihn beruhigen, aber das gelang mir nicht. Natürlich fror er und ohne jeden Zweifel war er voller Angst. Dann plötzlich öffnete sich die Tür. Obwohl ich damit gerechnet hatte, erschrak ich furchtbar. Es konnte nur Bruno sein. Maurice war zwar leiser geworden, aber zwischendurch krähte er noch immer etwas. Gerade wollte ich mit letzter Kraft und Verzweiflung aufspringen und an Bruno vorbei wieder hinaus 170

Anzeige rennen. Was sonst sollte ich tun? Sitzen bleiben und warten, bis er uns fand? Dann hörte ich eine Stimme. Deine Stimme, Paul, die ich damals noch nicht kannte. „Hallo?“ Nur dieses eine Wort, doch es reichte, um zu wissen, dass es nicht Bruno war. Aber ich musste mich täuschen. Wer außer ihm sollte es sein? Aber du kamst näher und meine Zweifel schwanden: Auch wenn ich kein Gesicht erkennen konnte, sah ich jetzt doch, dass es nicht Bruno war. Ich wusste nicht, ob ich an ein Wunder oder eine Geistererscheinung glauben sollte. Ganz offensichtlich suchtest du nach etwas. Und ich brauchte nicht viel Phantasie, um zu begreifen, dass das nur das Baby sein konnte. Du hattest sein Schreien gehört. Aber Maurice war jetzt wieder ganz ruhig. Und blitzartig fasste ich meinen Entschluss. Alles musste schneller gehen, als irgendjemand denken konnte, denn auch Bruno konnte jeden Moment hier auftauchen. Ich legte Maurice 171