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Ich war auf der Bank

Ich war auf der Bank eingenickt und hatte geträumt, aber es war ein sehr intensiver Traum gewesen. Ich rieb mir die Augen und trat noch einmal kurz an das Grab. „Adieu, Charlotte“, sagte ich leise. „Ich danke dir. Für alles. Ich werde dich nie vergessen.“ Ich drehte mich um und schlenderte los, weiter ein bisschen verfangen in den Nachwirkungen meines Traums, aber wenigstens verlief ich mich diesmal nicht. Ich hatte das Ausgangstor schon vor Augen und sah gerade noch, wie jemand hinausging und sofort verschwand. Es war eine Frau. Es war Lara. Ich sprang auf und rannte ihr hinterher. Ich rief ihren Namen, aber sie schien mich nicht zu hören und blieb verschwunden. Der Friedhof lag inmitten eines waldähnlichen Parks. Ich lief ein Stück nach links und nach rechts, konnte Lara aber weit und breit nicht entdecken. Es war, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Ich zweifelte an meinem Verstand. Kriegte ich allmählich Wahnvorstellungen? Es konnte wohl nicht anders sein. Aber die Frau, die ich gesehen hatte als sie eilig den Friedhof verließ, hatte nicht nur die gleichen Haare wie Lara und einen verblüffend ähnlichen Gang, sie trug sogar dieselbe kurze Nappalederjacke, die Lara sich erst vor ein paar Wochen gekauft und mir voller Stolz präsentiert hatte. Noch einmal ging ich links hoch zum Parkplatz. Noch einmal schaute ich rechts den langen, schnurgeraden Weg hinunter. Lara blieb verschwunden. Auch sonst war weit und breit kein Mensch zu sehen. Dann kam ein Jogger aus Richtung Parkplatz und ich fragte ihn, ob er eine Frau gesehen habe. Er schüttelte den Kopf. „Sie sind“, sagte er atemlos, „definitiv der erste Mensch, den ich sehe, seit ich im Park bin.“ Dicke Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. Mit einem kurzen Gruß lief er weiter. Ich setzte mich ins Auto und fuhr langsam los. Immer die nach links und rechts abzweigenden Wege absuchend, ob da nicht doch jemand war, den man wenigstens mit Lara hätte verwechseln können. 176

Kapitel 25 Auf der Hamburger Stadtautobahn geriet ich in den morgendlichen Berufsverkehr. Obwohl ich eigentlich Zeit hatte, platzte ich fast vor Ungeduld. Ich wurde nicht müde, die anderen Autofahrer zu beschimpfen, obwohl sie auch nur Opfer waren. Im Elbtunnel kam der Verkehr zeitweise zum völligen Erliegen und ich bewegte mich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Als die Kolonne endlich wieder losrollte atmete ich auf. Eine Stunde später stand ich vor dem Haus von Marlies Schwalm. Ihre Geschäfte schienen nicht schlecht zu laufen, denn es war ein hübsches Häuschen in teurer Wohngegend. Es lag ein Stück von der Straße zurück inmitten eines prächtigen Gartens. Plötzlich zweifelte ich an der Richtigkeit meiner Mission. Wie sollte ich anfangen? Am Telefon hatte ich der Hebamme nicht nur einen falschen Namen genannt, sondern auch eine falsche Geschichte aufgetischt. Daran anzuknüpfen, erschien mir absurd. Aber war Ehrlichkeit eine Alternative? Ohne eine befriedigende Antwort gefunden zu haben, stieg ich aus dem Auto, ging zum Haus und klingelte. Obwohl Marlies Schwalm in meinem Traum gesichtslos gewesen war, wusste ich doch sofort, dass sie es selbst war, die mir die Tür geöffnet hatte. Sie war Anfang vierzig und sah auf den ersten Blick extrem gut aus. Sie war schlank und groß. Schon zu dieser frühen Stunde war sie perfekt geschminkt, das Styling ihrer blonden Locken ließ nichts zu wünschen übrig. Sie trug einen eleganten grauen Hosenanzug. Ich gebe zu, dass ich mir Hebammen immer anders vorgestellt hatte. „Mein Name ist Paul Thailer“, sagte ich. „Guten Morgen.“ Sie erwiderte mein Lächeln nicht. „Ich bin Marlies Schwalm. Was kann ich für Sie tun?“ „Meine Frau ist schwanger“, improvisierte ich. „Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Hebamme. Ich wollte mich nach Ihren Geschäftsbedingungen erkundigen.“ 177