Aufrufe
vor 3 Monaten

GRO_Taschenbuch_MUSTER

„Könnten Sie bitte

„Könnten Sie bitte zur Sache kommen“, meinte sie. „Ich habe gleich einen Termin.“ „Ja, natürlich“, antwortete ich. „Entschuldigung. Es ist nur, weil die Sache etwas …“ „… ungewöhnlich ist“, ergänzte sie meinen angefangenen Satz fast gelangweilt. „Ich weiß.“ Sie lächelte nicht mehr. „Ich habe mir gedacht“, sagte ich, „es wäre doch eine tolle Überraschung für meine Frau, wenn sie ihr Kind – das wäre dann mein Weihnachtsgeschenk, weshalb sie heute auch nicht mit hier ist – an der Nordsee zur Welt bringen könnte.“ Marlies Schwalm war eine extrem beherrschte Frau, daran zweifelte ich nicht. Trotzdem schaffte sie es in diesem Moment nicht vollständig, sich unter Kontrolle zu halten. Vielleicht sah ich es aber auch nur, weil ich auf die Reaktionen in ihrem Gesicht lauerte wie ein Tiger auf Beute. Bevor sie etwas entgegnen konnte, hatte sie einen dicken Brocken hinunterzuschlucken. „Ich verstehe“, sagte sie. „Eine wirklich nette Idee. Was ich nicht verstehe, ist meine Rolle in dieser Angelegenheit.“ Kaum merklich zitterte ihre Hand, als sie nun erneut ihre Kaffeetasse zum Mund führte. Ich sah ihr an, dass sie sich maßlos über sich selbst ärgerte. „Nun, Sie sind Hebamme.“ Meine Sicherheit wuchs während ihre schrumpfte. Meine Position in diesem Gespräch hatte sich klar verbessert. Locker lehnte ich mich zurück, ohne Marlies Schwalm auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. „Und eine Hebamme werden wir schon brauchen. Es ist zwar nicht das erste Kind, aber… ich stelle mir das so vor: Wir mieten ein Ferienhaus an der Nordsee, etwas abgelegen, vielleicht an der Küste bei Wilhelmshaven. Meiner Frau sage ich, dass wir ins Krankenhaus fahren, wenn es soweit ist. In Wahrheit aber rufe ich Sie, Frau Schwalm, rechtzeitig an. Sie kommen und es kann losgehen. Meine Frau wird Augen machen.“ Allein bei der Vorstellung schien ich mir innerlich die Hände zu reiben. Offenbar konnte ich meine Begeisterung kaum zügeln. 180

„Nun, was halten Sie davon, Frau Schwalm? Sind Sie dabei? Machen Sie mit?“ Mit nun wieder ruhiger Hand trank sie den nächsten Schluck Kaffee. „Wie kommen Sie ausgerechnet auf mich?“, fragte sie. Die Kontrolle über sich hatte sie vollständig zurückgewonnen. Ihre Selbstbeherrschung war wirklich bemerkenswert. „Sie sind mir empfohlen worden“, gab ich so ruhig wie möglich zurück. „Vielleicht kommen Sie sogar drauf, von wem.“ Die Pause, die sie sich genehmigte, dauerte höchstens drei Sekunden. Wir lächelten uns an. An Falschheit stand sich unser beider Lächeln in nichts nach. „Warum haben Sie am Telefon nicht Ihren richtigen Namen genannt?“, fragte sie schließlich selenruhig. „Und mir diese absurde kleine Geschichte aufgetischt?“ Ich überging ihre Frage. „Schade“, sagte ich stattdessen, „dass Sie mein Ratespiel nicht mitspielen. Dann spielen wir es doch einfach zusammen. –¬ Wer käme denn da in Frage? Bruno Kirchhoff ist, wie Sie mir selbst erzählt haben, seit über zwei Jahren tot. Er kann es also nicht gewesen sein. – Aber ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Die Empfehlung kommt von einer Frau. Na? ¬– Richtig: Lara Braun.“ Fragend schaute Marlies Schwalm mich an. Ihr Erstaunen war echt. „Oder wie hieß sie damals?“, fragte ich. „Lara Kirchhoff?“ „Wenn sie die Frau von Bruno Kirchhoff meinen“, antwortete sie emotionslos, „ihr Name war Isabelle Kirchhoff.“ „Isabelle Kirchhoff“, sagte ich, „heißt heute Lara Braun. Und sie hat mir von Ihnen erzählt. Sie hält sie für eine großartige Hebamme. Und vor allen Dingen für eine, die auch mal solche … ungewöhnlichen Aktionen begleitet. ¬– Was meinen Sie dazu?“ Ich trank einen Schluck Kaffee. Da er inzwischen lauwarm geworden war, schob ich die halbvolle Tasse beiseite. „Lassen Sie uns mit dem Theaterspielen aufhören“, sagte Marlies. „Eine Weile war es ja ganz nett, aber jetzt würde ich vorschlagen, Sie 181