Aufrufe
vor 5 Tagen

GRO_Taschenbuch_MUSTER

Frau Schuberth, die ich

Frau Schuberth, die ich fast vergessen hatte. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Inzwischen hatte ich mich doch auf den alten Schwingstuhl fallen lassen. Frau Schuberth stand vor mir und sah mich besorgt über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Wollen Sie vielleicht ein Glas Wasser?“, fragte sie hilflos. Ich ignorierte ihre Frage, begriff noch nicht mal, dass sie sie überhaupt gestellt hatte. Mir ging das kurze Gespräch durch den Kopf, das ich damals mit Katja über Hypnose geführt hatte. Ich versuchte, mich genauer zu erinnern. „Durch Hypnose“, zitierte ich schließlich sinngemäß ihre Worte, „kann man sich selbst neu kennen lernen und vielleicht Dinge erklären, bei denen man früher völlig im Dunkeln tappte. Obwohl man sie eigentlich immer in irgendeiner Ecke seines Ichs mit herumgetragen hat.“ Erstaunt sah Frau Schuberth mich an. Sie hatte keine Ahnung, was sie von mir zu halten hatte. „Ungefähr richtig so?“, fragte ich. „Ungefähr“, rang Frau Schuberth sich nach kurzem Zögern ab. „Ja, ungefähr kann man es so sagen. Aber wieso …?“ Ich stand wieder auf. „Und Lara ist jetzt bei Ihrem Mann?“, fragte ich. „Und der hypnotisiert sie?“ „Was denn sonst?“ Frau Schuberth stand der Mund offen. Es war versäumt worden, ihr als Kind eine Zahnspange zu verpassen. Die Zähne in ihrem Mund standen vereinzelt und zusammenhanglos herum. Fest entschlossen, Lara zu finden, verließ ich das Wartezimmer. Aber ich konnte nicht ausmachen, hinter welcher der vielen Türen, die vom Flur abgingen, sich das Behandlungszimmer befand. Zusätzlich führte eine breite Marmortreppe mit offenem Geländer ins Obergeschoss. Genauso gut war möglich, dass Lara sich dort oben befand. „Wo wollen Sie denn hin?“, rief die Frau des Psychologen mir hysterisch hinterher. „Nun bleiben Sie doch hier, um Gottes Willen!“ 218

Sie holte mich ein und hielt mich an der Schulter zurück. Ich drehte mich um. „Nun?“, wiederholte ich. „Wo ist sie? Ich will jetzt zu ihr.“ „Paul? Paul, bist du das?“ Es war Laras Stimme, die von oben kam. Ich rannte zur Treppe, schaute hoch und sah sie sofort. Sie stand am Geländer, den Oberkörper vorgebeugt. Unsere Blicke trafen sich, wir hielten inne. Für ein paar Sekunden gab es nur noch uns beide. „Lara.“ Mehr konnte ich in diesem Moment nicht sagen. Dann plötzlich geriet alles in erneute Bewegung. Der hochgeschossene Oberkörper von Schuberth tauchte neben Lara auf. Mit intensivem Raubvogelblick sah er auf mich herab. „Was machen Sie hier für einen Lärm?“, fragte er äußerst gereizt, während ich die Treppe weiter nach oben ging, gefolgt von der immer hektischer werdenden Frau des Hypnotiseurs. „Entschuldige, Ulrich!“, rief sie noch während des Rennens. „Er ließ sich nicht aufhalten.“ Ganz offensichtlich war sie den Tränen nahe. Schuberth hörte nicht auf sie. Er war zur obersten Treppenstufe gekommen und wartete weiter auf meine Antwort. Seine Blicke waren bohrend und nicht besonders freundlich. Ein paar Stufen unter ihm stoppte ich. Kapitel 29 Dr. Schuberth hatte Lara in Trance versetzt. Völlig entspannt lag sie mit geschlossenen Augen auf dem großen, bequemen Sofa, das unter dem Fenster stand. Das helle Licht von draußen war durch dünne, auberginefarbene Vorhänge leicht gedämpft. Die Atmosphäre im Raum war geprägt von äußerster Ruhe. Schuberth saß auf einem Sessel in der Nähe des Sofas, ich selbst in einer zurückgezogenen Ecke. Katja 219