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Baumeister hatte nach

Baumeister hatte nach dem Vorgespräch den Raum verlassen. Mehr als einen Gast hatte Schuberth nicht zugelassen. „Schon das ist ungewöhnlich genug“, hatte er gesagt. „Aber darauf hatte ich mich ja bereits vorher eingelassen. Wenn das nun statt Frau Baumeister Herr Thailer ist, soll es mir Recht sein.“ „Ich bin wie ein zerrissenes Tuch“, sagt Lara und fängt sofort an zu weinen. „Jonathan ist weg, ich habe ihn einfach hergegeben.“ (An dieser Stelle höre ich erstmals den ursprünglichen Namen von Maurice). „Ich habe ihn einfach einem fremden Mann überlassen. –¬ Wie konnte ich das nur tun? ¬– Wie kann eine Mutter ihr Kind weggeben?“ Immer wieder waren diese ersten Sätze von Weinen unterbrochen. Ich wollte aufstehen, um sie zu trösten, aber Schuberth wies mich per Handzeichen an, dies nicht zu tun. Tatsächlich beruhigte sie sich langsam. „Aber ich habe ihn auch gerettet“, fährt sie fort. „Sein Leben war bedroht. Der fremde Mann wird ihm nichts tun. So wie Bruno es getan hätte. Ich hatte solche Angst, dass er ihm etwas antun würde. Meinem Baby. Dass er mein Baby totmachen würde. Ich bin über den Strand vor ihm geflohen. Es ist so kalt, eiskalt, es tut überall weh, am ganzen Körper. Jonathan ist viel zu dünn angezogen. Er wird das nicht lange aushalten. Aber Bruno wird mich kriegen. Und wenn er mich kriegt, dann hat er auch mein Baby. Er wird ihm etwas antun, etwas Schreckliches antun. Ich weiß es.“ Wieder wird Laras Reden von heftigem Weinen unterbrochen, wieder beruhigt sie sich. „Der fremde Mann wird Jonathan ins Warme bringen. Er wird ihn retten. Ihm zu essen geben, zu trinken. Er wird machen, dass er weiterleben kann.“ Die Erleichterung ist ihr anzuhören. Ganz kurz scheint sie fast fröhlich. „Ich renne weiter über den Strand. Ich renne am Wasser entlang, zurück Richtung Haus. Es ist nicht mehr kalt. Ich renne fort von dem Ort, an dem ich mein Baby gelassen hab, um es zu retten. Ich spüre die 222

Kälte nicht mehr. Ich hab keine Angst mehr zu stürzen. Mit Jonathan auf dem Arm hatte ich diese Angst. Es ist dunkel, der Sand, die Steine, über die ich laufe, alles ist glatt, alles ist gefroren und hart. Bruno ist hinter mir her, aber er ist gestürzt. Ich weiß nicht, ob er mich einholen wird, wann er mich einholen wird. Es ist mir auch fast egal. Aber jeder Meter, den ich ihn weiter hinter mir herziehe, vergrößert seinen Abstand zu Jonathan.“ Nach einer kurzen Pause fährt sie fort: „Ich laufe endlos. Es geht immer weiter. Bin ich tatsächlich so weit gerannt mit Jonathan auf dem Arm? Es muss so sein. Die Stelle, an der das Haus hinterm Deich liegt, habe ich noch nicht erreicht.“ Laras Atem wird schneller und kürzer. Sie rennt tatsächlich diesen Strand entlang. „Aber dann, da vorne ist es. Ich laufe zum Deich, laufe den Deich hoch. Auf halber Höhe rutsche ich weg. Mist!“ Sie stürzt. In ihrem Kopf stürzt sie tatsächlich, daran gibt es keinen Zweifel. „Das erste Mal auf dieser Flucht rutsche ich so, dass ich mich nicht mehr halten kann. Aber es ist nichts passiert. Ich stehe auf, kann weiterlaufen, nichts tut weh.“ Wieder ist sie erleichtert. „Ich bin beim Haus. Warum bin ich hierher zurückgekommen? Was Anzeige 223