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will ich hier? Warum bin

will ich hier? Warum bin ich nicht ganz woanders? Bei der Polizei? Aber was soll ich da? Soll ich denen vielleicht erzählen, dass ich mein Baby ausgesetzt habe, um es vor meinem Mann zu schützen? Kann sein, dass ich das tun muss. Dass es das Beste ist. Kann sein. Aber ich weiß nicht, weiß nicht. ¬ Die Tür steht offen, weit offen. Ich gehe hinein. Drinnen scheint es noch kälter zu sein als draußen. Ich schließe die Tür. Wie lange wird es dauern, bis Bruno hier ist? Wird er kommen? Oder bleibt er am Strand? Er ist gestürzt. Vielleicht schafft er es nicht. Vielleicht bleibt er da draußen. Vielleicht erfriert er. Ich muss die Polizei rufen. Ich habe mein Baby ausgesetzt.“ Wieder fängt sie an zu weinen, beruhigt sich diesmal nur sehr schwer. Zum ersten Mal redet Schuberth tröstend auf sie ein, berührt einfühlsam ihre Schulter. Langsam hilft es. Sie weint nicht mehr, auch wenn ihre Unruhe bleibt. Eine starke Nervosität, die sie am ganzen Körper zittern lässt, vor allem an den Händen. Aber sie kann weiterreden. „Ich muss die Polizei anrufen. Ich muss melden, was ich getan habe. Sie müssen das Baby vor Bruno schützen.“ Hektisch schlägt sie nach Schuberths Hand, der sie sofort zurückzieht. Halb richtet sie sich auf, öffnet sogar ein wenig die Augen. Dann antwortet sie sich selbst, aber sie macht es so, als gäbe sie einem imaginären Gegenüber die Antwort: „Weil es nicht ging“, sagt sie. „Es war unmöglich. Er hätte es sofort gemerkt. Er hätte mich nie allein ans Telefon gelassen. Nein, das war vollkommen unmöglich. Ich konnte nur fliehen, das war der einzige Ausweg. Jetzt aber ging es, jetzt war es möglich. Ich war allein im Haus. Und ich war allein im Wohnzimmer, in dem das Telefon auf dem Tisch lag.“ Das Zittern ihrer Hände wird stärker. Sie greift nach einem unsichtbaren Telefon. Es sieht aus, als ob sie eine Nummer eintippt. Dann ist es, als ob ihr das Telefon aus den fahrigen Händen rutscht. Es fällt auf die Erde. Sie bückt sich danach, hebt es wieder auf, sitzt jetzt aufrecht auf dem Sofa. 224

Anzeige „Hallo?!“, ruft sie verzweifelt. „Ist da niemand? Hört mich denn keiner?“ Mit noch steigender Unruhe scheint sie erneut die Nummer einzutippen. Sie wartet. Dann zuckt sie erschrocken zusammen. Jemand, der hinter ihr steht, nimmt ihr das Telefon aus der Hand. Wahrscheinlich ist Kirchhoff in diesem Moment ins Zimmer gekommen. Langsam dreht sie sich über die Schulter zu ihm um, starrt ihn aus erschrockenen Augen an. „Sie? Aber was …?“ Sie ist völlig fassungslos. Es kann nicht Kirchhoff sein, der da hinter ihr steht. „Wer ist es?“, fragt Dr. Schuberth mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme. „Wer ist da gekommen? Über wen erschrecken Sie so, Lara?“ Ich spüre sofort, dass es gut ist, dass er sie in diesem Augenblick anspricht. Ein wenig taucht Lara aus ihrer Panik auf, richtet einen winzigen Teil ihrer Aufmerksamkeit auf Schuberth, wahrscheinlich ohne ihn als Person wahrzunehmen. Zum ersten Mal denke ich direkt, 225