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Lara meinte, die frische

Lara meinte, die frische Luft würde ihr gut tun und wir gingen zu Fuß zu meinem Auto. Als Katja Lara noch einmal in den Arm nahm, sah ich, dass sie Tränen in den Augen hatte. „Bleib mir treu“, sagte sie. „Meine Schöne …“ Dann umarmte sie auch mich. „Tut ihr mir einen Gefallen?“, fragte sie, bevor sie zu ihrem Auto ging. „Einen Abschiedsgefallen?“ „Jeden“, sagte ich überschwänglich. Ich fand, sie hatte wirklich viel für uns getan. „Versprecht ihr mir etwas?“ Vollkommen ernst sah sie zuerst mich und dann Lara an. Wir warteten, sie ließ sich Zeit. „Bleibt zusammen“, sagte sie dann. „Es ist das Richtige für euch. Lasst euch das nicht durch irgendwelche alten Geschichten kaputt machen. Was auch immer noch bei euren Nachforschungen herauskommen mag.“ Wir nickten ein bisschen verlegen und stiegen ins Auto. Ich startete den Motor. Wir fuhren los. „Ist es nicht völlig verrückt“, sagte Lara, „dass man ganze Passagen seiner Erinnerung vollkommen auslöschen kann?“ Wir lagen, gekleidet in Hotelbademäntel, auf dem großen Bett, Lara in meinem Arm. Nach einem ausführlichen Duschbad fühlten wir beide uns etwas wohler. Laras Kräfte bauten sich langsam wieder auf. Im Hotelrestaurant hatten wir ein verspätetes Mittagessen eingenommen. „Die Küche ist bereits geschlossen“, hatte der afrikanische Kellner zunächst entschieden gesagt. „Tut mir leid.“ Gerade überlegte ich mir, ob ein gutes Trinkgeld in diesem Fall etwas nützen würde, als ich sah, wie seine Züge sich veränderten. Sie wurden deutlich weicher, als er Lara ansah, die blass war und tiefe Ringe unter den Augen hatte. Ihre vollkommene Erschöpfung war nicht zu übersehen. 232

„Wären Ihnen Rindsrouladen recht?“, fragte er nun mit freundlichem Grinsen. „Mit Salzkartoffeln?“ Ich nickte ihm zu und wir setzten uns. Ich hatte einen Bärenhunger und die Rouladen waren erstklassig. Lara bekam kaum etwas hinunter. Ich musste sie drängen, damit sie überhaupt aß. „Die Erinnerungen waren nicht ausgelöscht“, sagte ich nun, auf dem Hotelbett liegend. „Wenn ich diese Dinge richtig begreife, hast du sie nur in eine Ecke gestellt und so was wie ein großes Tuch drüber gedeckt. Damit du sie dir nicht jeden Tag anschauen musstest. Dazu waren sie einfach zu hässlich.“ „Ja“, meinte sie leise. „So ist es wohl. Und weißt du, was mir Angst macht, Paul?“ „Dass da noch mehr in der Ecke steht?“, mutmaßte ich. Sie nickte. „Vielleicht etwas noch viel Hässlicheres. Unter einem noch größeren und dickeren Tuch verborgen.“ Diese Angst teilte ich mit ihr, aber ich sagte es nicht. Dann schliefen wir ein. Ein paar Stunden später erwachte ich und stand auf. Ich ging zur Toilette und wusch mir die Hände. Als ich ins Zimmer zurückkam, schlief Lara unverändert. Ich spürte, wie jeder Atemzug Schlaf ihr gut tat. Ich ging zum Fenster und zog leise die Gardinen vor. Dann deckte ich Lara zu und legte mich wieder neben sie unter die Decke. Im Hotel war es seltsam ruhig. Nur manchmal hörte man in einiger Entfernung das leise Surren und Bremsen des Aufzugs. Ich schloss die Augen. Es war so gut, neben Lara zu liegen. Die Schwere des Vormittags flog wie ein Traum davon. Dann schlief ich erneut ein. Als ich in der Nacht erwachte, war die Schwere zurück. Lara neben mir schlief noch immer wie betäubt. Ihr Atem war ruhig und gleichmäßig, ihre Körperhaltung kaum verändert. Ich konnte nicht länger liegen bleiben. Meine Gedanken trieben mich hoch. Die gleiche Angst, die Lara zuletzt geäußert hatte, war auch in mir wieder da und ließ mich nicht mehr los. Was war da weiter passiert in jener Weihnachtsnacht? Was hatte Laras Amnesie ausgelöst? 233