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Sie kommt hoch, bleibt

Sie kommt hoch, bleibt aber auf dem Boden sitzen, die Arme auf die hoch stehenden Knie gelegt. „Lässt sich wahrscheinlich auch kaum noch nachvollziehen“, sage ich. „Wie ging es denn weiter? Waren die beiden noch im Zimmer, als du aufgewacht bist?“ Lara schließt die Augen, sucht angestrengt nach weiteren Erinnerungen. „Nein“, sagte sie schließlich. „Ich bin jetzt allein im Raum.“ Sie steht auf, schaut sich noch einmal flüchtig im Zimmer um, als wolle sie sich überzeugen, dass die beiden wirklich nicht da sind. „Aber ich erinnere mich sofort an alles“, sagt sie, „und ich suche nach ihnen. Ich finde sie nicht. Mein Gesicht brennt von den Kratzern und mein Schädel brummt furchtbar. – Ich gehe zur Tür, öffne sie, trete vorsichtig in den Flur. Ich will es vermeiden, meinen Feinden in die Arme zu laufen.“ Während des Redens befolgt sie ihre Erinnerungsschritte wie Regieanweisungen. Ich gehe ihr langsam und mit Abstand hinterher. „Im Flur das gleiche Halbdunkel wie im Zimmer“, sagt Lara. „Irgendeine trübe Funzel scheint aus einem hinteren Winkel. Ich sehe kaum etwas. Aber jetzt höre ich Stimmen. Bruno und Marlies, die laut miteinander streiten.“ Sie schleicht über den Flur Richtung Ausgang, als befürchte sie, dass jemand auftaucht, der ihr nach dem Leben trachtet. „Ihr Streit eskaliert immer mehr“, sagt Lara. „Marlies schreit so laut und schrill, dass es wie ein Pfeil durch meinen Kopf zieht.“ Sie streckt ihre Hand zu mir nach hinten, ohne sich umzudrehen. „Bitte komm“, sagt sie. „Ich hab Angst. Ich sterbe gleich.“ Ich nehme ihre Hand, zusammen gehen wir weiter. Plötzlich denke ich, dass es sicher nicht gut ist, wenn sie die Haustür jetzt öffnet. In krassem Gegensatz zu damals ist es draußen taghell, was den Erinnerungsfluss abrupt unterbrechen könnte. Ich will sie gerade zurückhalten, aber dann zögert sie von sich aus. Schließlich lehnt sie sich mit dem Rücken an die Wand und lässt sich hinunterrutschen auf den Bo- 254

den. Ich setze mich neben sie, nehme wieder ihre Hand. Sie schließt die Augen. „Sie streiten sich so sehr“, sagt sie, „wie ich noch nie zwei Menschen miteinander habe streiten hören. Beide geben nicht nach. Sie schreien alles aus sich heraus: Hass, Wut, Enttäuschung, Verachtung. Ich zögere hinauszugehen. Ich hab Angst davor. Ich hab große Angst. Ich setze mich so hin wie ich jetzt auch hier sitze. Ich höre nur noch die furchtbare Schreierei. Ab und zu wird es lauter, dann wieder ein bisschen leiser. Aber das liegt nur daran, dass sie sich manchmal ein paar Schritte vom Haus entfernen. Immer wieder kommen sie zurück. Manchmal verstehe ich Wortfetzen, halbe Sätze. ‚… genauso drin wie ich!’, schrie Bruno. ‚Ich hab nicht gewusst …’, höre ich die Stimme von Marlies. ‚Natürlich … das Kind töten!’, rief er. ‚Einen anderen Sinn … Deshalb warst du überhaupt …!’ ‚…nichts mit zu tun! Du bist ja wahnsinnig!’ Marlies‘ Stimme überschlägt sich fast. Und dann höre ich zum ersten Mal vollständige Sätze. Bruno muss direkt vor der Tür stehen. Seine Worte sind plötzlich fast ruhig. ‚Das Kind ist weg. Und wenn ich sie jetzt töte, wird es auch auf ewig verschwunden bleiben. Es wird sein, als wäre das Kind tot. Also werde ich es tun.’ Mich befällt eine furchtbare Panik. Er wird gleich bei mir sein. Ich höre schon seine Hand an der Tür. Aber dann streiten die beiden weiter, er geht noch einmal, schließlich wird es seltsam ruhig. Ich rapple mich hoch, will fliehen, weiß nicht wohin. Mein Kopf tut so weh. Ich schaue durch den Spion nach draußen. Ich sehe Marlies und Bruno in einem wortlosen Gerangel. Plötzlich stürzt Bruno, steht nicht wieder auf. In diesem Moment versagen meine Beine, ich sacke zurück auf die Erde. Ich versuche, wieder hochzukommen, aber es geht nicht. Mein Körper ist wie mit Blei angefüllt. Ich bin so schwer. So müde.“ Laras Stimme wird immer leiser, die Abstände zwischen den einzelnen Sätzen, dann Worten, werden immer größer. 255

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    Ole Hansen Das gefundene Kind Roman

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    ihr lag. „Dr. Bode meint“, sagt

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    Kapitel 4 „Was macht Ihre Frau?

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