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echten Hand in unsere

echten Hand in unsere Richtung. „Arschloch!“ schrie die Frau und rief ihm noch einmal wütend hinterher: „Verdammtes Arschloch!“ Endlich war ich bei Maurice und hob ihn aus dem Wagen. Er war erstaunlich ruhig. „Wo kam dieser Idiot denn plötzlich her?“, fragte ich die Frau, als ich endlich wieder reden konnte. „Keine Ahnung“, sagte sie. Auch sie hatte Schwierigkeiten, sich zu beruhigen. „Kam einfach um die Ecke geschossen. Im allerletzten Moment hab ich’s noch gesehen, purer Zufall. Er hatte überhaupt keine Chance, dem Einkaufswagen auszuweichen.“ „Aber der stand doch an der Seite“, rief ich und eine nachträgliche Panik kam in mir hoch. „Irgendwie“, sagte sie, „hatte er sich selbstständig gemacht und war auf den Weg gerollt. Genau in diesem Moment kam das Auto um die Ecke gerast.“ „Haben Sie sich das Nummernschild gemerkt?“ „Leider nicht. Wollen Sie ihn anzeigen?“ Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass die Frau Maurice wahrscheinlich das Leben gerettet hatte. Ohne ihr Eingreifen hätte er keine Chance gehabt. „Wie kann ich mich bei Ihnen bedanken?“, fragte ich. Es klang unbeholfen, am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen. „Ist schon okay“, sagte sie. „Hätte doch jeder gemacht. Vergessen Sie’s.“ Sie tat einen Schritt zur Seite und ich sah, dass sie Schwierigkeiten beim Auftreten hatte. Ihr Gesicht verzerrte sich etwas. „Haben Sie sich verletzt?“, fragte ich besorgt. „Kann ich irgendwas für Sie tun?“ „Nicht der Rede wert“, meinte sie. „Der Fuß ist nur umgeknickt. Eigene Ungeschicklichkeit. Ist gleich wieder okay. Mir passiert so was öfter, müssen Sie wissen.“ Ich setzte Maurice in den Kindersitz des Autos und schnallte ihn an. 42

Hübner hatte ich zu diesem Zeitpunkt völlig vergessen. „Ist es wirklich nicht schlimm?“, fragte ich unsicher. „Nein“, sagte sie. „Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Hauptsache, dem Kleinen geht es gut.“ Wir standen beide da und wussten plötzlich nicht mehr, was wir sagen sollten. Es war eine merkwürdige Situation, die eigentlich zu Ende war. Alles schien gesagt, erledigt und getan, aber wir benahmen uns, als würden wir noch auf irgendetwas warten, von dem wir nicht wussten, was es war. „Warum“, lächelte sie verlegen, „muss ich mir auch immer diese hohen Schuhe anziehen? Das hat meine Mutter früher schon immer zu mir gesagt. Aber ich hab nun mal ein Faible für die Dinger. Obwohl ich andauernd damit umknicke. Heute genau wie damals.“ Ihre Schuhe hatten zwar einen leicht erhöhten Absatz, aber so hoch waren sie nun auch wieder nicht. „Da haben Sie natürlich Recht“, versuchte ich einen Scherz. „In jedem Fall war damit zu rechnen, dass Sie einem unaufmerksamen Vater das Kind retten mussten. Wie konnten Sie da nur so leichtsinnig sein und keine Turnschuhe anziehen? Das war unverantwortlich von Ihnen. Sie haben es aber auch wirklich nicht anders verdient, als dass Ihnen der Fuß umknickt.“ Sie lachte. „Also dann. Wenn mit dem Kleinen alles okay ist … wie heißt er eigentlich?“ „Maurice.“ „Maurice“, wiederholte sie. „Ein wirklich schöner Name.“ Noch immer machte sie keine Anstalten zu gehen. Maurice lächelte sie an. „Er mag Sie“, meinte ich. „Ein hübscher Junge“, sagte sie. „Er hat Ähnlichkeit mit Ihnen.“ „Ja“, meinte ich etwas verlegen, „das sagen viele.“ „Also“, wiederholte sie. „Dann werd ich mal wieder.“ Ich reichte ihr die Hand, die groß war und schlank. 43