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GRO_Taschenbuch_MUSTER

Anzeige wirklich eine

Anzeige wirklich eine große Freiheit darin?“ „Nein“, sagte ich. „Schreiben hat viel mehr damit zu tun, Erwartungen von allen möglichen Leuten zu erfüllen. Freiheit nenne ich etwas anderes.“ Charlotte dachte über meine Worte nach. Sie war schön, wie sie da saß auf ihrem Stuhl in der Frühlingssonne. Man sah, dass sie keine junge Frau mehr war, aber das gehörte zu ihrer Art von Schönheit. „Sie haben doch sicher nicht mit dem Schreiben begonnen“, sagte sie schließlich, „weil Sie Erwartungen anderer erfüllen wollten, oder?“ „Am Anfang hat man Illusionen“, räumte ich ein. „Aber die verliert man schnell.“ „Vielleicht ist es manchmal ganz gut“, sagte sie, „sich auf die Anfänge zu besinnen. Und sich etwas von der Kraft zurückzuholen, die man am Anfang hatte.“ Plötzlich schien es, als spräche sie nicht mehr von mir, sondern von 52

sich selbst. Nicht vom Schreiben, sondern vom Leben. „Schreiben Sie wieder aus Lust an der Sache“, forderte sie mit fester Stimme. „Aus Leidenschaft fürs Schreiben. Wie damals, als Sie begonnen haben. Lassen Sie sich das nicht nehmen von Erwartungen. Das ist schon deshalb verkehrt, weil die anderen vielleicht gar nicht die Erwartungen haben, die Sie ihnen unterstellen. Ich bin überzeugt, wenn Ihnen das gelingt, löst sich auch der Knoten in Ihrer Seele.“ Ich wollte etwas entgegnen, war aber völlig sprachlos. „Nun machen Sie mal den Mund wieder zu, Paul Thailer“, sagte sie lächelnd und stand auf. „So schwer sind Sie nun wirklich nicht zu durchschauen. Außerdem weiß ich mehr von Ihnen als Sie ahnen. Inzwischen habe ich alle Ihre Bücher gelesen. Und auch wenn sie nicht autobiographisch sind, sagen sie jede Menge über den Autor aus.“ Sie zwinkerte mir zu und stellte Gläser und Krug auf ein Tablett. Das unmissverständliche Zeichen, dass sie unsere kleine Konversation für beendet hielt. Ich akzeptierte ihre Entscheidung. Sie war die Meisterin des Gesprächs. „Übrigens“, sagte sie schließlich, „werde ich in Zukunft mit der Arbeit etwas kürzer treten müssen.“ Sie ging mit dem Tablett in die Küche, ich folgte ihr. Maurice hatte ich bereits auf dem Arm. Fragend sah ich sie an. „Keine Sorge“, fuhr Charlotte mit einem plötzlich etwas müden Lächeln fort, „für den kleinen Mann hier wird weiter in vollem Umfang hervorragend gesorgt sein. Vielleicht sogar besser.“ „Wie wär’s mit einer Erklärung?“, schlug ich vor und setzte Maurice auf die Anrichte neben dem Herd. Gespannt wartete ich. Mein Gefühl sagte mir, dass ich nichts Gutes zu erwarten hatte. „Ich habe eine junge Frau angestellt“, sagte sie, „Sie wird mich in dieser und auch in der größeren Nachmittagsgruppe unterstützen. Sie ist ein absoluter Glücksfall für mich. Sie ist ausgebildete Kinderpflegerin und verlangt so wenig Geld, dass ich mir ihre Hilfe leisten kann. Sonst müsste ich die Gruppen schließen. Eine normal teure Kraft könnte ich mir nicht leisten.“ 53