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Anzeige 54 „Aber wieso?“ „Ich habe Krebs“, sagte Charlotte ohne Umschweife, während sie die Gläser in den Geschirrspüler räumte. „Schon zweimal habe ich geglaubt, ihn besiegt zu haben, aber jetzt ist er wieder da.“ Sie schaute nicht auf und sprach in einem Tonfall, als würde sie die schlechte Qualität des Geschirrspülers beklagen. Es dauerte, bis ihre Worte in vollem Umfang mein Bewusstsein erreicht hatten. Danach schossen so viele Fragen gleichzeitig durch meinen Kopf, dass ich keine davon aussprechen konnte. Sie standen sich gegenseitig im Weg. Charlotte schloss den Geschirrspüler und drehte sich langsam zu mir um. Ihre dunklen Augen erschienen mir so eindringlich wie noch nie. „Vor zehn Jahren wurde Brustkrebs diagnostiziert“, sagte sie. „Seit acht Jahren fehlt mir die linke Brust. Danach schien alles gut. Bis sie vor drei Jahren etwas in der Lunge entdeckten.“ Sie setzte sich auf die Küchenbank. Ich holte mir einen Stuhl.

„Mit einer Chemotherapie und mit Strahlen haben sie dann auch das in den Griff gekriegt.“ Ich holte ihr ein Glas Wasser, an dem sie etwas nippte. „Diesmal ist es ein Hirntumor“, fuhr sie schließlich aufgesetzt munter fort. „Für Abwechslung ist also gesorgt.“ Instinktiv legte ich meine Hand auf ihre und streichelte sie etwas. „Damals hab ich mir geschworen“, sagte sie, ohne mich anzusehen, „nie wieder Chemo. Es war eine Hölle, durch die ich nicht wieder gehen wollte. Und wissen Sie was?“ Ich antwortete nicht, hielt nur weiter ihre Hand, die auf dem Tisch lag. „Nun mache ich es doch wieder.“ Sie entzog mir die Hand, stand auf und sah aus dem Fenster in den Garten. „Es ist meine einzige Chance, noch ein bisschen was abzukriegen von diesem Leben.“ Sie drehte sich zu mir und sah mich an, als erwarte sie meine Zustimmung. Ich stand auf und stellte mich neben sie an den Schrank. Es klingelte. „Das ist meine neue Kollegin“, sagte sie. „Wir müssen noch ein paar Dinge besprechen.“ Maurice und ich gingen mit ihr zur Tür. „Ist es in Ordnung, wenn ich jetzt verschwinde?“, fragte ich. Ich konnte nicht einschätzen, in welchem Zustand Charlotte sich wirklich befand. „Natürlich“, sagte sie. „Bis auf den ungebetenen Gast in meinem Kopf geht es mir gut. Es ist alles in Ordnung. Das Gespräch jetzt wird auch etwas länger dauern.“ Sie öffnete die Tür. Ich war mir noch immer nicht ganz sicher. „Gut, also dann …“ „Hey“, sagte eine überraschte Stimme vor der Tür. „Was machen Sie denn hier?“ Ich staunte nicht schlecht, als ich sah, wer die neue Kollegin von Charlotte war. Erst in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie oft ich in letzter Zeit an sie gedacht hatte. 55